The Project Gutenberg EBook of Die Engel mit dem Spleen, by Kasimir Edschmid

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Title: Die Engel mit dem Spleen

Author: Kasimir Edschmid

Illustrator: Robert Genin

Release Date: September 2, 2020 [EBook #63100]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ENGEL MIT DEM SPLEEN ***




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                            Kasimir Edschmid




                        Die Engel mit dem Spleen


                          Mit Steinzeichnungen
                                  von
                              Robert Genin


                     Hans Heinrich Tillgner Verlag
                              Berlin 1923


       Copyright 1923 by Hans Heinrich Tillgner Verlag in Berlin




                        Die Engel mit dem Spleen


Ich warne unbefangene Leute, sich in diese Geschichte einzulassen, die
sich aus Kriminalitten und Unwahrscheinlichkeiten zusammensetzt und
vielleicht nicht einmal zeitgem scheint. Es werden in ihr die Menschen
weder verdorben noch zu jenen dekorativen Luterungen aufgerufen, mit
denen der dichtende Schwert-Adel heute seine Unvollkommenheit zu echter
Mnnlichkeit behngt. Man wird die Brger darin am Leben gelassen und
die Arbeiter nicht mit Verbeugungen bedacht finden und weder um Generle
noch um Kapitne der Kohle jenes Wesen gemacht sehen, das nicht ihnen,
sondern der Geschichte zukommt.

Man wird eine lcherlich phantastische Angelegenheit hinzunehmen haben,
die vielleicht nicht einmal gut erzhlt ist, weil sie des Nachts statt
in einem Eisenbahnabteil in einer abscheulichen Landkutsche erzhlt
wurde, die zu heftig nach Apfelsinen und Zigaretten roch, um nicht
Kopfschmerzen zu machen. Ich klage den Chef der Bahnen nicht an, da
unser Jahrhundert zerrttet ist, vielmehr versuche ich fr den Leser die
Verbindung zu einer Zeit herzustellen, wo die Launen der Menschen noch
stichhaltigere Werte waren wie heute ihre Verzweiflung. Man wird gewi
heute einen Mord ebenso zu kaufen bekommen wie eine verbotene Banknote,
aber der Hunger und die Geschfte der Brse werden die Erinnerung daran
zerstrt haben, da es Zeiten gab, die so unmenschlich vollendet
schienen, da es Genies bedurfte, um sich jene Anregungen der Herzen zu
verschaffen, die man Leidenschaften heit.

Sie sind billig wie die pfel geworden und nichts erscheint heute im
neunten Jahr des Dreiigjhrigen Krieges, den die Herren Creusot und
Stinnes, oder wie ihre Nachfolger heien werden, sich liefern, um die
lothringischen Erze zum Ruhrkoks oder den Ruhrkoks zu den lothringischen
Erzen zu bringen, nichts scheint bewunderswerter als ein kaltes Herz.

Diese Geschichte in der Tat, welche aus der mathematischen Sicherheit
eines Zeitalters hinausfhrt, von dem uns erst zehn Jahre zu trennen
scheinen, das uns aber legendr wie ein Roman Jules Vernes erscheinen
will, hat die fatale Absicht, sich in Gegenden zu verirren, die heute an
der Tagesordnung, frher kaum in Romanen sichtbar waren. Ich frchte,
man wird mit phantastischen Darstellungen langweilen oder sich stets
dann lcherlich machen, wenn die Gegenwart die unglaubhafteste Phantasie
selbst ist.

Ohne Zweifel wre es richtiger, nur engelhafte Wesen in dieser Zeit
darzustellen, wo Frauen uns dadurch entwrdigt werden, da wir sie bei
allen jenen abscheulichen Maschinen an die Arbeit geschmiedet finden,
die das letzte Jahrhundert zu erfinden die Bosheit hatte, und da wir
kaum erschrecken, wenn wir sie mit den Wahlzetteln in der Hand auf dem
Weg finden, unsere Schicksale, den Staat, ja sogar die Fhrung der
Kriege und Grausamkeiten zu beeinflussen.

Einer derart barbarisch verwilderten Zeit gehrten Frauenbilder, die wie
in Walter-Scott-Romanen jene Anmut htten, deren Anblick allein
vergttlichte Gedanken hervorruft. Die wahre Literatur hat immer nur
Frauen dargestellt, die uns beglcken und die Herzen wie beim Anblick
einer hinreiend sen Natur erheben sollen oder solche, die sich durch
das Bse, das sich in ihrer Schnheit, wenn es einmal in sie
eingedrungen ist, nur um so verhngnisvoller auswirkt, zu unserer
Vernichtung verschworen haben.

Die Sitten der Nationen waren immer von solcher Haltung, da sie, sofern
sie die Frauen nicht die cker bebauen lieen, ihnen jedenfalls die
Freiheit nahmen, in jenem Sinne frei zu sein, der fr eine Frau den
Untergang bedeuten mu. Eine Frau darf nicht ber jene Schwelle treten,
wo sie das Geheimnis ihrer erhabensten Wirkung verlieren mu.

Eine Frau, die einer tragischen Schuld unterliegt, und jene Mdchen,
welche mit den herrlichsten Gedanken der Sehnsucht auf den Lippen
sterben, sind immer von dem verehrungsvollen Zauber verhllt, den die
mnnliche Gesellschaft bei den Frauen als ein Erbteil des Rittertums
anbetet, welches seine Strke demtig zu machen suchte, wo es jene
wundervolle Schwche fand, welche Frauen so unermelich erhebt. Die
Literatur tte gut daran, wo heute die einen Frauen leiden, weil sie
ihre Angehrigen auf den Schlachtfeldern gettet sehen oder die anderen
in den Fabriken sie um die Sonne geschunden oder die meisten sie am
Hunger zu Grunde gehen sehen, nur Frauen von einer unermelichen
Lichtkraft darzustellen, deren Anblick allein erhebt.

Allein, wo die Furien der sozialen Aufklrung oder die Agentinnen der
kriegerischen Verhetzung durch die Straen jagen und dafr noch sich
bezahlen lassen, scheint es nicht weniger fr die Entdeckung der
Geographie des menschlichen Herzens bedeutsam, einen Heroismus in der
Literatur wieder darzustellen, der aus Spielerei und Spleen sich
entfaltete und dabei keineswegs geringer an Freude und Schmerzen
zugeteilt bekam als andere. Die Zeiten jener unbeschreiblichen
Leidenschaft, welche Nonnen und Krieger, oder Arme und Adlige, sich
verbluten lie, sind verschwunden in dem Augenblick, wo man der Frau als
sichtbarsten Fortschritt die Erlaubnis gab, sich der Freiheit des Mannes
zu bedienen, und damit die Frauen vernichtete. Die Frauen muten in
einer Freiheit zerstrt werden, die sie zu albernen Karrikaturen der
Mnner erniedrigte oder ihnen jenen zarten Reiz nahm, der sie manchmal
himmlisch wirken lie und der in ihrer Unfhigkeit, auf sich selbst
gestellt zu leben, bestand.

Indem man den Frauen die Brutalitt gab, sich Eisenbahnpltze vor dem
Mann zu erobern oder ihn auf dem Motorrad zu berholen, tat man das
gleiche, wie wenn man den Engeln Grnewalds Revolver oder den Jungfrauen
Holbeins Strmpfe in die Hand gegeben htte, man ttete sie. Man
vernichtete die Leidenschaften und gab unruhvollen Herzen auf, sich
Rebusse zu erfinden, um die Welt in ihren Widersprchen bis zu jener
Tollheit zu erleben, die manchmal mit dem Tod bezahlt wurde aber
unvergelich war.

Es ist selbstverstndlich, da man derartige Launen heute leicht wie
Capricen auffat und darin eher eine dumme Koketterie als eine
Leidenschaft erblicken will. Ohne Zweifel war vor einem Dezennium, als
die kriegerischen Wlfe noch in den Hhlen Europas schliefen, jene Laune
einer Frau nur ihr unbewuter Drang zu einer bertreibung des Gefhls,
durch die es erst unsterblich wird. Es ist aber genau so ungeheuer
offensichtlich, da diejenige Frau, die sich soweit gegen die Gesetze
ihres Schicksals und der Zeit stellte, vernichtet werden mute.

Die Literatur kennt viele Beispiele, da ein Dichter Vorwrfe whlt, die
aus einem Leben von Hhepunkten in eine grauenhafte Kriminalistik
mnden, oder die in Absonderlichkeiten enden, die wahnsinnig sind. Die
Pole gesicherten Lebens scheinen die mystische Anziehungskraft der
umstrmten Pole schicksalhaft zu spren. Es ist bekannt, da Balzac sich
der Listen der Gerichte bediente, um edle Menschen in ihren
abscheulichsten Paragraphen aufzuhenken. Die Romane Dostojewskis sind in
der Regel Scheulichkeiten des tglichen Lebens, die ein Genie mit einem
bewundernswerten Grad von Reichtum beschenkte, der sie ber das
Menschliche erhob. Stendhal mute in der Kartause von Parma zeigen, da
in den erhabensten Seelen Mrderbanden steckten, die sich entfalteten,
wenn die geringste Leidenschaft ihnen die Besinnung nahm, und welch
unbeschreiblich edle Herzen hat er geschildert! Stiege man in die
Jahrhunderte hinunter, wre von Iweins Fahrten bis zu den Jnglingen im
Feuerofen, von Muspilli bis zum Kastellan von Coucy, von Rabelais bis zu
den beispiellosen Epen Krestien von Troies der Gleichklang von
Adeligkeit und Verbrechen in einem Mae auffindbar, der sich fast ber
die gesamte Literatur erstreckte. Erinnert man sich nicht jener
Prinzessin, die in der siebenjhrigen Gefangenschaft ihres Turmes ihre
Gefhrtinnen verspeiste, um endlich erlst zu werden, mit einem Lcheln,
das die Unschuld der ganzen Welt auf ihre Stirne trieb?

Diese junge Frau, die mir gegenber in einer nach Lysol und Zigaretten
riechenden Arztkutsche sa, die, wie vom Teufel gejagt, ber
aufgepflgte cker sauste, weil durch irgendeine der Verwicklungen der
ehrgeizigen stlichen Staaten die Bahnen eingestellt waren, hatte keinen
anderen Wunsch, als von mir eine Erklrung gerade ber diese
Angelegenheiten des Herzens zu erfahren, nachdem sie die Torheit
begangen hatte, mich in ihr Schicksal hineinschauen zu lassen. Man wird
verstehen, warum ich, statt abzukrzen, so lange mich mit den Launen der
Frauen beschftige, weil dies in jener Zeit der Achtzehnjhrigen, in der
die Keime zu den Schicksalen der Menschheit von Dreiig heute gelegt
wurden, tatschlich die einzigen Mglichkeiten waren, Schicksale, die
tten, zu erleben.

Die junge Frau war einer Puppe hnlicher wie einer Dreiigjhrigen und
hatte, soweit man bei der unmglichen Beleuchtung sehen konnte, die
eigentlich nur aus der Gewhnung des Auges an eine klassische Dunkelheit
bestand, eine tiefe Melancholie ber ihr Gesicht gleiten lassen, hinter
der man die Spuren von Trnen zu sehen glaubte, die zu oft geflossen
waren, um sich wiederholen zu knnen. Der Schmerz schien diese Figur,
die auch unter dem frchterlichen Tempo eines Wagens, der keine Federung
besa und querfeldein sprang, eine bemerkenswerte Elastizitt zeigte,
frmlich verstrickt zu haben.

Das Leben dieser jungen Frau war in einem Mae von ihm infiziert, da
sie gar nicht daran dachte, aufzuhren, ber ihr Schicksal nachzudenken.
Sie hatte sich ihm nicht ergeben, obwohl der Schmerz in einer
frchterlichen Form Gewalt ber sie erlangt hatte. Die Art, wie sie von
ihrem Leben sprach, bewies die Glut, mit der sie es erhofft hatte und
die Enttuschung, die sie mit gleicher Gre berrumpelt hatte und mit
der sie sich noch auseinandersetzte.

Sie hatte, kurz, in einem wahnsinnigen Schicksal noch die Kraft, es
abzuleugnen oder vielmehr nach seinem Sinn zu suchen, weil, wenn sie es
anerkennen und sich die Schuld zuschreiben mte, sie sofort daran zu
Grunde gehen wrde.

Das gab ihrer Haltung eine merkwrdige Eleganz, eine Sigkeit der
Bewegungen, die vom Tod gelhmt aber von einer wundervollen Energie noch
gehalten wurden. Ihr Krper hatte eine Lssigkeit, die Frauen oft
besitzen, denen der Sport einmal eine Beherrschung aller Muskeln
geschenkt hat, die sie nun besitzen, aber nicht mehr auszuben vermgen.
Es war nicht mglich, ihren Kopf, der mit dem matten Schein einer
fremden Blume aus dem Pelz herauskam, in der Beleuchtung zu sehen, man
vermochte ihn aber mit seinen blassen Lippen, den etwas schrgen aber
mandelgroen hellblauen Augen und der Stirn, die an den Schlfen
eigensinnig nach vorn gewlbt war, irgendwo zu vermuten, obgleich man,
wenn sie sprach, bemerkte, da man ihn vorher an einem falschen Platz
geglaubt hatte. Der Kopf besa also die Einprgsamkeit, da man ihn
deutlich krperlich wahrnahm, selbst, wenn er unsichtbar war, was fr
seinen Reiz sprach. Der Charme des Kopfes lag wohl mehr in jenem Teil,
wo die Stirnwurzeln ber dem Nasenbogen sitzen und wo die Erlebnisse dem
Kopf die Charakternoten geben, als in dem Mund, der von Entsagungen
nichts zu wissen schien, ja einen fast leblosen Eindruck machte. Die
Glut, die diesen Kopf hinter den Augen bewohnte, war die des Untergangs
und nicht der Reiz der Zukunft.

Es war offensichtlich, da diese Frau nach etwas nur hungerte und das
war, da man sie trstete, indem man ihr Leben bejahte.

Fr den Mann, der das Leben jeder Frau nur mit seinem eigenen
vergleichen und nur nach dem Weg seines eigenen beurteilen kann, wenn es
wie der Mond dieses begleitet und ihm daher untertan war, ist nicht in
der Lage, dies zu tun. Eine Frau wird kein Glck haben, wenn sie die
Lebenskurve einen Mann prfen lt, der darin nichts erkennt als seine
eigenen Bewegungen, seine eigene Freiheit, alle jene Torheiten, aber
Bestimmungen seiner Mnnlichkeit, die nun einmal zu einer Frau nicht
gehren.

Er kann den harten Stahl, die scharfe Linie, die Exponiertheit eines
weiblichen Daseins nicht ertragen, das ihm verwildert, entzaubert,
geschndet vorkommt; er kann es nicht anders sehen wie eine Frau, die
ihm in seinen eigenen Kleidern entgegentritt. Der Mann hat ein tiefes
und unerschtterliches Gefhl der Zuneigung zu jedem weiblichen
Schicksal, das sich im Glanz der weiblichen Schwche, die er als Strke
verehrt, vollzieht. Er will die Frau anbeten, aber sie nicht als
Konkurrentin erblicken. Er vermag den Schein an ihr nur zu verstehen,
der ihm in seinen dunklen Minuten von seiner eigenen Flamme entfacht von
ihrer Stirn zurckscheint.

Er wird ein auf den Spuren der mnnlichen Energie abenteuerndes
Frauenschicksal nur verehren, wenn es Spuren des schpferischen Genius
an sich trgt wie das der Dido, der Sappho, der Jeanne d'Arc, der
Cortey, der Bettina, der Rahel, der Sand. Er wird diesen Frauen jenen
uersten Respekt der Verehrung in seinem Herzen einrumen, den er den
groen Ausnahmen der Natur: Gewittern, Lawinen, Erdbeben, Vulkanen
entgegenbringt. Er wird wissen, da die Erscheinung dieser Frauen diesen
wunderlichen Entladungen der Natur hnlich und tdlich, jedenfalls
unberechenbar aber toll aus Gre ist. Er wird sie anerkennen, aber als
Frauen nicht begehren. Er wird ihnen ausweichen und sich vorlgen, da
ihr Leben ihn nichts angehe, wenn ihre Produkte nur das Siegel des
Genius tragen, und wird versuchen, sich an die Werke zu halten, wobei er
bei letzter Ehrlichkeit sogar hier noch widerstrebt.

Es gehrt die Schwche eines romantischen Zeitalters, die Melancholie
Mussets, die Verzweiflung Constants dazu, sich herrischen Naturen wie
der Sand und der Tochter Neckers in einer Liebe hinzugeben, die eine
Tyrannei werden mute und in unfruchtbarer Verzweiflung endete.

Frhere Epochen, die sich durch die Tugend einer Mnnlichkeit
auszeichneten, die, sicher auf der Erdkugel stehend, das Gesicht
selbstbewut nach allen Seiten zu kehren wute, haben einen Schlag
Frauen verehrt, der ihnen wohl mit der ppigkeit eines Rubens, mit der
sen Erscheinung der Lady Alice in schottischen Balladen, mit den
visionren berirdischkeiten eines Grnewald, den sanften Traumfiguren
des Botticelli, den verstrickten zarten Klarheiten des Holbein als die
wahrhaftigen Erfllerinnen der tiefen Sehnsuchtstrume des Mannes
erscheinen, und die, so verschieden sie kamen, mit schicksalstreuer
Gewalt irgendwo mdchenhaft blieben. Sie hatten einen Hintergrund der
Demut, die wohl eine Abart des Stolzes sein konnte, aber dann sicher
immer nur der se Trotz der Schwche war.

Diese Hilflosigkeit kann der Mann verehren, sie kann ihm als das
wundervollste aller begnadeten Dinge erscheinen, er kann sich in diesem
unwahrscheinlichen, ja himmlischen Mysterium der Schwche als der
notwendige Ergnzer vorkommen, den die Vorsehung dazu bestimmte. Die
Griechen, die in ihren Anfngen wohl Mnner gewesen zu sein scheinen,
haben vermutlich gewut, warum, wer Diana sah, dem Tod verfallen, wer
aber Aphrodite sah, gesegnet war.

Diese junge Frau, die mir gegenber die Ste des Wagens mit einer
bemerkenswerten Ruhe ertrug, hatte die unverzeihliche Snde begangen,
die die Natur nie verzeiht, sich auf die Pfade des Mannes zu begeben und
seine Freiheiten zu ihren zu machen, eine Snde, die nur dadurch
entschuldigt wird, da sie die einzige Khnheit einer Zeit war, die den
Namen Hindenburg noch nicht kannte, nicht wute, da mit dem Namen eines
Amerikaners, Wilson, sich die grten Enttuschungen, mit denen des
General Foch vollstndige nderungen in der Geographie der Nationen
Europas einstellen wrden. Aus den Klammern der Feiertage und
Eisenbahnzeiten, der narrenhaften Versteifung der Gesellschaft, in der
nur die Rnge, aber nicht die Bedeutungen entschieden, in einer Zeit,
die csarisch angelegt aber mit den Methoden eines Warenhauses verwaltet
war, aus dieser Zeit vermochten nur Capricen jener furchtbaren Art zu
erlsen, die die Frau aus ihren gesellschaftlichen Banden heraus in
Abenteuer gegen die erstarrte Gesellschaft trieb. Es war ein aufregendes
Spiel, weil der gesellschaftliche Untergang stets das Atout war, mit dem
gespielt wurde, und das dann Sieger bleiben mute, wenn einen Herzschlag
lang die Haltung nicht grer war als die Gefahr.

Ich will die Frauen nicht verteidigen, indem ich sie entschuldige, ich
will sie zeigen. Man mu dem Elend einer Zeit, das seine Frauen zu
Wlfen und Maschinen, statt zu Mttern und zarten Geliebten erzieht, das
sie aufklrt ber Geheimnisse, die eine Frau nie ausgesprochen hren
darf, die sie mit Mnnern zusammen in den Universitten belehrt ber
Angelegenheiten, von denen eine Frau keine Ahnung haben drfte, man mu
dem Elend einer solchen gegenwrtigen Zeit nicht ein falsch und herrlich
gemaltes Bild der vorangegangenen Zeit entgegensetzen, um sie zu
belehren. Die Frauen in der Tat, welche freudig bereit ihre Shne in den
Tod eines Krieges entlieen, dessen Sinn sie nicht verstanden, die aber
spter in dem Ruin der Revolutionen und Friedensschlsse fast zu Hynen
erniedrigt wurden, die fast an nichts als die Befriedigung ihres Hungers
denken durften, waren ohne Zweifel ein bergang. Sie waren im Besitz
einer Freiheit, deren Anwendung man ihnen nicht erlaubte. Sie waren
bereits Halbemanzipierte dem Mann gegenber, sie lagen nicht mehr tief
gebettet im Scho der Familie, die sie vor den harten Forderungen des
Lebens behtet, sondern sie klammerten sich gerade noch an die Tren der
Familie, deren Schein sie noch umschwebte, aber den sie abzustreifen
begannen. Trotzdem aber war es damals mglich, oft Frauen zu sehen, die
jene Scham kannten, die unter Blicken errtet und die sich bewut waren,
da es Snde gibt, obwohl sie nicht wuten, da sie unschuldig waren. Es
gehrt die Khnheit eines Looping the Loop-Fahrers dazu, sich aus diesem
durch tdliche Strafen gerade noch gehaltenen Zersetzungszustandes der
Familie hinauszustrzen, aber diese Khnheit war der Mut des Frevels und
nicht jener der Entdeckung und der Opferungsbereiten.

Die junge Frau, die nun unter den verrckten Sten des Wagens zu
seufzen begann, hatte diesen Sprung getan, sie war nun der Ruin aller
Vorzge, die sie einst hatten vergttern lassen, und sie hatte jetzt nur
die eine Hoffnung im Herzen, whrend sie zu dem Sterbelager ihres
letzten Kindes fuhr, da ich ihrem Leben recht gab, das ich
verabscheute. Ich hatte diese Gestalt, die aus der Ferne in ihrem
gestreiften zusammengesetzten Pelz, wie ihn die Englnderinnen um diese
Zeit trugen, mitten in den ckern vor zwei Tagen angetroffen, wo sie
mehr einem Tier aus der Entfernung als einer Frau glich, die im
Zusammenbrechen noch die Kraft hatte, nach ihrem Kinde zu rufen.

Dieser Ruf, der mich, als sie zu sich kam, in ihr Leben mit einzuziehen
schien, war der Grund, da sie ihr Schicksal vor mir ffnete, ohne da
ich es gewnscht htte. Wir hatten zwei Tage, beide abgeschnitten durch
den Streik der Bahnen und die sich daran schlieenden kriegerischen
Unternehmungen irregulrer Banden, die uns eines Nachts mit Kugeln
verpfefferten, als ob sie auf unsere Pelzen sich einschieen wollten,
den Flu nach einer berfahrt abgesucht, die mich den dritten Teil
meiner Barschaft kostete. Ihre Sehnsucht, selbst auf die tollste Weise
nach Deutschland zu kommen, hatte mich gerhrt, obwohl ich keineswegs
eilte und mit Vergngen die Entwicklung dieses Bauernkrieges aus Kowno
durch die Zeitungen verfolgt htte.

Dieser Wagen kostete mich das zweite Drittel meiner Barschaft, das
letzte Drittel wrde denjenigen das Leben kosten, der es begehrte, da
ich entschlossen war, es an der Grenze der Dame einzuhndigen, um sie
nicht schutzlos zu lassen. Ich gestehe, da ich unter ihren
Gestndnissen ebenso litt wie ich erstaunt war, da sie hingegen ber
sich selbst und ihren Namen ein tiefes Geheimnis breitete. Sie hatte
mich mit einem unwiderstehlichen Blick gebeten, sie an der Grenze allein
zu lassen. Man hrte zwischen den Windsten, die den Regen auf den
Boden schlugen, den Kutscher abgerissen die Pferde anfeuern, pltzlich
sank der linke Teil des Wagens auf die Seite. Der Sturz hatte die
Unbekannte auf meine Kniee geschleudert.

Vertrauen Sie mir, flsterte ich ihr zu, da ich frchtete, da der
Wagen umstrzen werde. Im gleichen Augenblick rissen ihn die Pferde aus
der Mulde und jagten weiter. Die junge Frau hatte die Nervositt
abgelegt, die Frauen an den Tag legen, die ihr Leben selbst zu bestimmen
gedenken und sich der Fhrung des Mannes anzugliedern nicht entschlieen
knnen. Der Druck ihres mdchenhaften Krpers hatte eine bezaubernde
Vertrauenswilligkeit gezeigt. Sie war so zerschmettert vom Leben und so
in Eile, einem furchtbaren Verhngnis vorzugreifen, da sie weich genug
war, zu glauben.

Dieser Moment, wenn ein Herz sich bezwingt, hat etwas von
berwltigender Gre, und ich htte ihr die Hnde gekt, wenn ich
nicht gefrchtet htte, sie in ihrem Schmerz zu verletzen. Ich stand
ohne Zweifel als Verteidiger vor einem Schicksal, das ich ablehnte und
war entflammt fr eine Frau, der ich es nicht zeigen durfte und deren
Leben davon abhalten mute, da sie mir gefiel. Dazu waren wir in
Lebensgefahr. Ich frchtete, da sie unter den grotesken Sprngen, die
der Wagen immer fter vornahm, vor Schmerzen ohnmchtig werden mte.

Man mute eine belebte Gegend erreicht haben, obwohl es noch weit zur
Grenze sein durfte, denn man hrte von Zeit zu Zeit das Rufen von
Stimmen, denen unser litauischer Kutscher antwortete. Pltzlich wurde an
den Zgeln gerissen. Diesem schlug der Kutscher die Peitsche quer durch
das Gesicht, das wie ein Gespenst am Fenster vorbeifiel. Jedesmal in
solchen Augenblicken fhlte ich, da mein Gegenber zitterte wie nur
eine Frau zittern kann, deren letzte Zuflucht, deren Glaube an die Gte
der Welt und ihres Schpfers auf dem Spiel stand und die zu dem Lager
ihres Kindes wie eine Wahnsinnige, die sich kalt stellt, floh.

Ich vermutete ihre Augen zu sehen, obwohl das Dunkel fast
undurchdringlich war, und ich hatte den Eindruck, da ihr Licht etwas
Verklrtes habe, trotzdem es verwirrt war, als habe der Tod
hineingeschienen und in die Sigkeit dieses Lchelns den Zauber
gebracht, der es erst unbertrefflich macht. Glauben Sie, da wir es
erreichen? murmelte sie. Vertrauen Sie, sagte ich und begriff, wie
sehr sie litt, denn diese Fahrt entschied ber ihr Leben.

Sie war sich als Kind eines Luxus bewut gewesen, der ihr fast alle
Neigungen gestattete, und sie hatte nicht mehr als den unbewuten
Gebrauch gemacht, der ihr als selbstverstndlich erschien und von dem
sie annahm, da alle Menschen ber ihn verfgten. Das Gold hat genug
Kraft, die edelsten Menschen, die in seiner Umgebung aufgewachsen, in
einer wunderbaren Weise ber die Leiden der Welt im ungewissen zu
lassen.

Die Kinder des Luxus leben wie die der Armut in einer gleichen
Unklarheit, die einen ber die Tiefen, die anderen ber die Hhen des
Daseins. Das Bewutwerden erst dieser furchtbaren Kluft schafft in
diesen Kreisen die Emporkmmlinge, die krepieren werden oder die Macht
zwischen den Schenkeln haben wollen, und jene Messiasse, die im Dunkeln
ein Selbstgengen predigen, das in dem Munde dessen eine Lge sein mu,
der aus dem Reichtum kommt. Es wird nur eine Vermischung, aber keine
Vershnung der Klassen mglich sein, indem die Elenden sich bereichern
und die Begterten etwas verarmen und zwischen ihnen die Schranken
fallen, denn es ist offenbar, da die Armen die Notwendigkeit des Luxus
und die Reichen die Entsetzlichkeit des Elends gegenseitig immer weniger
verstehen, als ein Chinese einen Marabu, oder ein vollbltiger Franzose
einen deutschen General verstehen kann.

Diese Blindheit unter den einzelnen Vlkern ist das Schicksal unseres
Jahrhunderts, das bestimmt scheint, diese Miverstndnisse als das
hinzunehmen, was sie keineswegs sind: nmlich als die furchtbarsten
Brgerkriege.

Die unbekannte junge Frau, die mit mir durch ein in Flammen des Hasses
aufgehendes Land in einer um ein Vermgen gekauften Kutsche unserer
Groeltern jagte, war die Tochter eines Vaters, dessen Liebe ihr zum
Verhngnis ward, mehr fast als seine Strenge. Dieser aus Deutschland
eingewanderte und spter in England naturalisierte Mann (der seine
Nationalitt nach der Sitte damalig freier Mnner nicht aus Schwche,
sondern aus ausdrcklichem Bekenntnis zur neu gewhlten Heimat nderte)
war mit der fast kindischen Sorgfalt bestrebt, das Hliche von seiner
Tochter fernzuhalten und das Schne und Vortreffliche um sie zu
versammeln. Er hatte die Schwche der Mnner, die ihre Frau berirdisch
geliebt haben und in der Tochter ihr Bild weiter verehren wollen.

Sie berhufen ihre Kinder mit einem Ma von Gte, die jene nicht zu
ertragen vermgen, und zchten den Geist eines Widerstandes, der um so
mehr aus dem schlummernden Bsen kommt, je hher man die liebenswerten
Seiten ihres Gefhles belastet. Ein Haus in London und das Sterbehaus
der Mutter in Kairo standen ihr zur Verfgung, ihr Vermgen war in
Holland angelegt, was so gut war, als sei es Gott in die Hand gegeben.
Ihr Vater hatte geschworen, da sie ihr Glck machen werde, und darum
hatte vielleicht, weil dies ein Frevel ist, der Teufel sich bemht, in
ihr Herz die Widerstnde zu sen, die das unmglich machen sollten.

Je mehr der Vater sich versteifte, sie mit Geschenken, Aufmerksamkeiten,
berraschungen zu berhufen, um so erbitterter sann dieses schne und
edle Mdchen darauf, sich dem entgegenzusetzen, wobei sie sich ihrer
Handlung kaum mehr als eines fast schelmischen Trotzes bewut ward.
Diese Situation war furchtbar, denn sie liebte ihren Vater, der,
wiederum aus Liebe, sie vor der Welt abschlo. Der alte Starrkopf, der
seine Tochter vortrefflich machen wollte, sperrte das Kind vor jeder
Gefahr ab. Er war ebenso eiferschtig auf sie, fr die er sich auf die
Stelle die Hand htte abschlagen lassen, wie voll stndiger
ngstlichkeit, so da er sie unter anderem jeden Monat zu allen
Spezialisten schleifte, um von allen die Versicherung ihrer Gesundheit
zu erhalten.

Der Alte war bereit, ein Vermgen fr jede ihrer lcherlichsten Wnsche
auszugeben. Das junge Mdchen zeigte sich bedrfnislos. Es htte keine
noch so phantastische Angelegenheit gegeben, die der Alte ihr nicht zu
Fen gelegt htte. Sie htte den Eifelturm abreien und eine eigene
Bahnlinie nach Dover verlangen knnen, es wre ihr ebenso sicher
gewesen, wie da sie keine Sekunde allein an diesen Genssen htte
teilhaben knnen. Ihr Vater lie sie keinen Schritt ohne Begleitung tun,
nicht weil er mitraute, sondern weil er um sie bangte, und gerade dies
ist es, was junge Mdchen mit entzndlicher Phantasie zu Dmonen
verwandeln kann. Es machte seine Gte so nutzlos wie einen verwilderten
Garten. Das Mdchen begann diese Aufmerksamkeit zu hassen und sich vor
der Liebe zurckzuziehen, die ihr Herz mit Entzckungen erwidert htte,
wenn sie weniger pendantisch sich gezeigt htte.

Dieser Kampf zwischen der elterlichen Liebe, die bevormundete, und der
Liebe des Kindes, die sich ihr entzog, und damit der Teuflischkeit
zuwandte, dauerte bis zum achtzehnten Jahr dieses noblen Herzens, an
welchem Tag sie verschwand.

Sie reiste ein Jahr, doch das gengte, sie vllig zu verderben. Sie
reiste ein Jahr, ohne das geringste zu erleben. Ihr Vater, den die
Entfernung der Tochter wie ein Schlag traf, lie sie nicht im Stich,
sondern bemhte sich erst recht, sie auf die Entfernung zu beeinflussen.
Das trieb das merkwrdige Geschpf, das selbst in dieser furchtbaren
Nacht, halb dem Tod berliefert und von so vielen Leiden
zusammengeschlagen, noch einen unbegreiflichen Schein von Reinheit um
sich hatte, in einen entsetzlichen Widerstand. Die Briefe ihres Vaters,
der sie mit Beweisen seiner Sorge in Gestalt von Detektiven,
Auskunfteien, vorausbestellten Schiffen, Hotels und Zgen, ja mit
Menschen, die pltzlich auftraten und ihr Geschick zu beeinflussen
wagten, berschwemmte, bewirkten in ihr eine Anzahl launenhafter
Widerstnde, die verrckt bezeichnet werden mssen.

Die Geschichte ihrer Erlebnisse, mit denen ihr Vater sie ins Verderben
jagte, hat hier keinen Sinn. Seine Gte ermangelte der Strenge, ohne die
Liebe keinen Zweck hat. Statt sie arretieren zu lassen und sie an einen
Mann von Vermgen, Sicherheit, Stellung und nicht zuviel Geist zu
verheiraten, dessen mnnliche Nchternheit ihr die versteifte Romantik
abgenommen htte, benutzte er ihr Entweichen zu verdoppelten Beweisen
seiner Zrtlichkeit. Ein Jahr lang hatte sie alle Angriffe abgewiesen,
ja sich eine Frau fr ihre Toilette und eine zur Wahrung ihres Rufes
gehalten, whrenddem sie ihren Vater aus Trotz im Glauben lie, sie
reise allein und sei eine Emanzipierte, die sie in keiner Weise war, ein
Jahr lang hatte sie ber die Mnner lachen knnen, bis allzuviele
Warnungen sie ihnen in die Hnde trieb.

Ihr Spleen trieb dieses im Grunde sanftmtige Mdchen in die Hnde eines
Mannes, den sie offensichtlich nicht liebte, als sie sich ihm gab, der
sie nicht einmal reizte, in dem sie nach wenigen Wochen aber einen
Verbrecher fand. Diese Erkenntnis, die sie fast zum Wahnsinn brachte,
vermochte, da sie sich entschlo, ihren Mann zu lieben.

Die Tyrannei des Verbrechens hatte die wunderbare Kraft, dieses edle
Geschpf anzuziehen und zu einer Hingebung zu bringen, welche die Liebe,
vor der sie sich auf der Flucht befand, nie erreicht hatte. Diese
furchtbaren Umstnde sind bei leidenschaftlichen Menschen deshalb bis
zur Unerschtterlichkeit bestimmend, weil die ersten Schritte, die sie
von der Familie und den der Frau vorgeschriebenen Gesetzen abseits tun,
bereits die Tragdie mit der unendlichen Kraft des Untergangs
herbeigerufen haben.

Das Mdchen hielt mit einer Treue zu dem Mann, der weder ihren Geist
noch ihre Vornehmheit des Charakters besa, die einer beispielhaften Ehe
jede Ehre gegeben htte. An dem ungelsten Krper dieser Frau, deren
Mdchenhaftigkeit durch ihren Kummer nicht vertrieben worden war, konnte
man heute noch sehen, da sie eine wahre befreiende Liebe nie gekannt
hatte. Sie hatte sich aus Laune in eine Verliebtheit hineingestrzt, die
von der glhenden Zartheit einer mdchenhaften Neigung unendlich
entfernt war. Sie liebte einfach ihr Schicksal wie alle starken Naturen,
die auch zu ihren Fehlern und Niederlagen stehen.

Die Spannkraft, die ein menschliches Herz fr soviel Leiden hinzugeben
hat, besitzt eine Grenze, und sie schien es mit dem Zittern, das sie hin
und wieder grundlos berlief, zu ahnen.

Ihr Vater, der sie dem Mann entreien wollte, hatte den Fehler begangen,
es nicht mit jener Brutalitt zu tun, die Halunken dieser Art allein
einschchtert, nmlich nach ihrer Entlarvung ihnen den Proze zu machen
und sie henken zu lassen. Die Mglichkeit hierzu war gegeben, von einem
Skandal spricht man einen Monat und in bewegten Zeiten eine Woche, und
wenn es sich um ein vornehmes Herz mit groem Vermgen und einer
gewissen Schnheit handelt, drei Tage. Er frchtete, seine Tochter zu
verletzen und gab ihr nach, er kaufte sie dem Mann ab, der mit einer
groen Summe Geld verschwand. Er lie eine Frau zurck, die ein
zweijhriges Kind in der Wiege und eines unter dem Herzen trug und ihrem
Vater diesen Streich nie verzieh.

Sie holte ihren Mann ein, der sich nicht weigern konnte, sie
aufzunehmen, vielmehr die Waffe umdrehte und auf Grund seiner
tatschlichen Schandtaten ihren Vater erprete, dessen Angst vor Skandal
grer war als sein Zorn. Dieser Balte, dessen Name keine Erwhnung
fand, verprate einen Teil des vterlichen Vermgens auf eine
schwachsinnige Weise. Er liebte diese Frau nicht, weil sie ihm ergeben
war, und suchte Anregungen in Angelegenheiten, die er seinem damaligen
Vermgensstand nach nicht gebraucht htte. Er war ein Spieler, der auf
jeden Zufall versessen war und den der Krieg, der erbarmungsvoll hauste,
staatenlos und also zu den verrcktesten Unternehmungen geeignet fand.
Sein Vermgen nahm in einer bengstigenden Weise ab, worauf er, bei der
Unmglichkeit, fr einige Monate aus England Geld zu beziehen, da die
Konten der ehemaligen Deutschen gesperrt waren, seine Frau kurzerhand
verkaufte.

Man wird fragen, wie eine Frau, die jede Freiheit hatte und ber eine
Familie und Vermgen verfgte, dazu der bermenschlichen Liebe eines
Vaters sicher war, diese Ungeheuerlichkeit ertragen konnte, zumal von
der Seite eines Mannes, den sie nur in der Einbildung lieben konnte. Sie
ertrug es, und diese Heldentat ist eines jener tiefen Mysterien der
weiblichen Seelen, die, wenn sie von der Natur zur Reinheit bestimmt
sind, alle Hllen des Lasters und der Erniedrigung durchlaufen knnen,
ohne da ihr Wesen auch nur im geringsten leidet.

Zu spt lie ihr Vater den Mann verhaften, er setzte seine Ehre aufs
Spiel, die er verlor, und erreichte, da seine Tochter ihn hate und das
Jahr, bis ihr Mann aus dem Gefngnis entfloh, diesem glhende Briefe in
seine Verlassenheit schrieb. Dieser Elende behandelte sie mit einer
Klte und Brutalitt, die mit ihrer Liebe wuchs. Entflohen, verbot er
ihr zu folgen. Sie folgte ihm. Ihr Vater hatte England, gebeugt,
verlassen mssen, der Skandal seines Schwiegersohns hatte ihn
zertrmmert. Die Klte seiner Tochter brachte ihn zur Verzweiflung.
Innerhalb zweier Jahre war der Alte um dreiig Jahre gealtert. Die drei
Menschen lebten jahrelang in einer furchtbaren Verfolgung. Der Gatte
diente seinen dunklen und abenteuerlichen Neigungen, die ihn jeden Tag
in Gefahr brachten, mit den Gesetzen sich zu verwickeln. Seine Frau
suchte seinen Aufenthalt auszukundschaften und bei ihm zu leben, wovon
sie keine Erniedrigung abhielt. Ihr Vater bemhte sich, ihr Herz zu
erweichen, mit ihm in sichere Verhltnisse zurckzukehren, Europa zu
verlassen und ein Glck zu suchen, das ihr nach soviel Schmerzen
vorbehalten sein mute ... aber was er erreichte, war, da sein Vermgen
zerfiel. Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, wie frher seine Tochter,
so ihren Mann zu bespitzeln, und, um ihr Herz zu gewinnen, ihrem Mann
ein Leben zu verschaffen, das ihn sorglos machen mute.

Diese Geschichte der Liebe ist furchtbar, weil sie sinnlos bis zum
uersten ist, denn jeder dieser Liebenden beging Verbrechen gegen die
Liebe. Sie zerstrten sich in einer grauenerregenden Weise, whrend sie
sich zu nutzen suchten.

Der Alte, der durch den Untergang Deutschlands zu einer rhrenden Liebe
zu seinem Heimatland gebracht wurde, legte sein Vermgen in Deutschland
an, was seinen Schwiegersohn bald zur Raserei brachte, und als er es
ablsen wollte, war es bereits ruiniert. Der Schlag, den Deutschland
empfing, war auch mit derselben Teufelei in den Nackenwirbel des Alten
gehauen. Er hatte sich mit der Freiheit seiner grozgigen Denkungsart
von seinem Vaterland geschieden, als dessen unfeiner Reichtum ihm
mifiel. Als er es elend und am Boden fand, sah er die Mglichkeit, es
wieder zu lieben, und kam in eine Begeisterung, die ebenso groartig und
bewundernswert wie vernichtend war.

Er starb an dieser letzten Leidenschaft, die ihn unfhig gemacht hatte,
vernnftig zu denken, was ein Lebensalter lang seine Strke gewesen war.
Er fiel mit dem Stolz seiner Heimat und begrub sein Vermgen im Sturz
der deutschen Mark, deren wahnsinniges ungeheuerliches Vernichten sein
letzter Seufzer war. Es war ihm nicht gelungen, seine Tochter
wiederzugewinnen.

Als sie seinen Tod erfuhr, stand sie am Sarg ihrer zweiten Tochter, ohne
zu wissen, wo ihr Mann sich befand, der ein Vergngen darin suchte, sie
mit einer ffentlichkeit zu betrgen, deren nur ein Neger fhig ist. Die
rohste Natur hat vor einem Grad des Leides jene Ehrfurcht, die der
Zauber der Frau auch bei Kannibalen auszulsen vermag. Dieser Balte,
dessen slawisches Blut seine deutsche Gte, dessen deutsche Rohheit
seine slawische Weichheit vertrieben hatte, dieser Verbrecher, den die
verfluchten Fehler zweier Nationen gezeugt hatten, ohne eine einzige
Tugend auer einer schwachkpfigen Khnheit ihm zu verleihen, fand einen
beispiellosen Genu daran, seine Frau zu demtigen. Es gibt wohl keine
Schande, in die er sie nicht verwickelt hatte.

Wre die junge Frau nicht mit einem so ungeheuren Stolz von der Natur
versehen worden, so wre sie ohne Zweifel durch das berma der
Erniedrigung dazu gebracht worden, diesen Mann zu vernichten. Sie hielt
ihrem Schicksal eine beispiellose Treue, sie berwand das Verbrechen
sogar, indem sie sich nicht wehrte. Es gelangte nicht bis in ihre Seele.

Als sie ihren Mann erreichte, fand sie ihn in Fesseln. Ihr
wohltrainierter Krper war durch die Kinder und die Sorgen mitgenommen,
unterhhlt, aber nicht aufgerieben. Sie sah ihren Mann, den es, nachdem
er die Familie seiner Frau zerstrt hatte, wie alle Abenteurer nach dem
Osten trieb, dessen wildes Chaos ihnen voll wunderbarer Reize scheint,
an einer Mauer stehen. Sie lief aus dem Wagen in eine Umzunung, ein
Tuch in der Hand, als von der anderen Seite einmal die Trommel gerhrt
wurde. Darauf erschollen Schsse, ihr Mann fiel vor ihren Augen langsam
um, ohne sie anzublicken. Die Soldaten, die aus Bewunderung ber den Mut
des Mannes, der mit keiner Wimper gezuckt hatte, in die Hnde
klatschten, fanden sie auf dem Rcken liegen. Sie war am Abend bereits
wieder bei Sinnen.

Eine Sekunde hatte gengt, sie ihre tiefe Schuld begreifen zu lassen.
Eine geheimnisvolle Stimme hatte im Augenblick der Salve, als ihr Mann,
der von Wuchs und Aussehen von vollkommener Schnheit war, fiel, gesagt,
da vom Augenblick ihrer Entfernung von ihrem Hause alle Schuld und
alles Elend, das in ihrem Kreis geschehen sei, auf ihr liege, sie
empfand unwiderleglich auch die Erschieung ihres Mannes als einen
bewundernswerten Heldentod.

Sie fhlte mit einer Klarheit, die fast erhebend war, die Last dreier
vernichteter Leben auf ihrer Seele und war einsichtig genug, daran nicht
zu sterben, sondern ihren Glauben mit jener Tapferkeit, die schon
berirdisch wirkte, auf ihr Kind zu setzen.

In diesem Kind und seiner Zukunft schien ihrer mtterlichen Seele der
Sinn ihres Lebens und die Frage ihrer Schuld sich zu lsen oder zu
knpfen, und sie hatte ein Ma der Glubigkeit darber, das keinen
Zweifel gestattete. Doch hat die Natur der Spannkraft eines Herzens
Grenzen gesetzt, die nicht bertreten werden drfen, ohne zu vernichten.
Sie erfuhr die Erkrankung dieses Kindes, das sich in Dresden befand.
Gleichzeitig brachen die Bahnen ab. Sie schien zurckgestoen von einem
Schicksal, das sie nach Jahren des Leidens zur Klarheit hatte erwachen
lassen. Das Leben dieses Kindes ward das Ziel eines grauenhaften
Wettlaufs, den sie mit dem Schicksal unternahm. Sie wre ohne Schuhe bis
an das Ende der Welt gelaufen, um dieses Kind wieder in die Arme zu
nehmen und den Erfolg ihres vernichteten Lebens in jener Erkenntnis dem
Kinde zuzufhren, das in einer Erziehung sich geuert htte, die die
Fehler der ihren vermied und die Liebe so aus der Hand gab, da sie
genommen werden konnte, ohne in die Schuld hinauszutreiben.

Diese Frau konnte nur ein ganz ungeheures Glck retten, konnte nur ein
sie dauernd in Sicherheit hllendes Ereignis am Leben erhalten.

Sie hatte die Grenze des Lebens fast schon berschritten, und jede
Enttuschung war ihr sofortiger Tod. Ihre Seele war an das Leben ihres
Kindes angebunden wie ein Flgel an den anderen bei einem Falter, sie
wrde sich mit diesem Kind in das Leben wieder retten oder mit ihm
zusammen zerfallen mssen. Sie befand sich in dem Zustand einer gewissen
bererhhtheit des Lebens, wie es in Augenblicken eintritt, an denen die
Qual und das Leid so bertrieben sind, da sie berirdisch scheinen. Die
Frau schien von einer Zartheit der Seele zu sein, da man nicht gewagt
htte, ihren Krper ohne Not zu berhren, aus Angst, er knne im Zustand
dieser Verklrtheit zusammenbrechen. Man mute diese Seele in eine
Behandlung nehmen wie einen Lichtschein, den man nicht mit dem Schatten
der Hand verderben mchte.

Diese Seele war nur in der Lage, die Welt in einer Verschleierung
aufzunehmen, die sie ermunterte. Jeder Zweifel war schon der Tod fr
dieses Wesen, das nur einer Medizin, nmlich der Bejahung und des
Trostes und der Zuversicht bedrftig war.

Man mute diesem Krper, auch wenn man die Unwahrheit verabscheute,
Lgen zufhren, die allein ihr die Kraft geben konnten, die nchsten
Stunden zu berleben, kurz, ich war gezwungen, wenn auch ohne
Begeisterung, so mit der Leidenschaft, die sie in mir entflammte, zu
lgen.

Da sie eine Frau von Geist war, konnte man die Literatur zu Hilfe
ziehen, die hnliche Schicksale wie die ihren bejaht hat, ihnen sogar
eine bestimmte Gre des Ruhmes zugewiesen hat, aber man mute die fast
tdlich verzogene Frage auf ihrem Munde lesen, welches denn die Grnde
seien, die groe Schriftsteller veranlassen konnten, ihre Wesen in
Verbrechen zu fhren, statt die ausgezeichneten Bahnen einer Literatur
einzuschlagen, welche jenseits des Kriminellen genug Mae fr hchste
Leidenschaften findet. Der Abb Prevost hat seinem Desgrieux, der ohne
Zweifel ein Halunke aus Liebe war, ein groes Monument errichtet.
Zwischen dem Rolla des Alfred de Musset und Karl Moor besteht nur der
Unterschied, da der Franzose Vernunft, der Deutsche nur Verzweiflung
kennt, da aber ein Schicksal beide mit einem Fangarm erreicht, dessen
Rumpf eine verzweiflungsde Epoche ist. Der Marquis de Sade hat die
Verbrechen offenbar der Wollust unterlegt, whrend Shakespeares Halunken
das Bse so genial verkrpern, da ihre verwandtschaftliche Nhe zu den
Engeln deutlich ist. Es bedarf nur einer kleinen Wendung des Charakters,
um sie zu unsglichen Heilbringern zu verwandeln. Die Antike, hnlich
dem britischen Genie, kannte nur Verste gegen heilige Institutionen
der Gtter, deren Versto aber ungeheuerlicher Frevel war. Zwischen
Verbrechen und Heldentaten machten sie so wenig Unterschied wie alle
Stmme, denen mit der Kriegerischkeit ein Sinn fr groe Ideen verliehen
war.

Die Natur scheint die Gesetze des Blutes und der Familie mit einem
ungeheuren Schutz umgeben zu haben, der in ihrer Reinhaltung die beste
Auslese unter der menschlichen Rasse bewirken zu wollen schien. Die
ungeheuerlichen Strafen fr den Frevel an der Familie sind mit einem
anderen Sinn nicht erklrbar. Es gibt Geheimnisse, in die alle Nationen
einbezogen sind, und in denen die Reinheit der Frau als wundervollste
Sule der Familie und des gewaltigen Bauwerks eines stolzen Staates mit
nicht beweisbarer aber beispielloser Gesetzlichkeit verwoben sind.

Man mute dieser in ihrem Elend bezaubernden Frau eine dnne Limonade
der Ewigkeit brauen, wenn man ihr diese Gesetze verschwieg und aus der
Literatur einen Saft zog, der vielleicht von groen Dichtern, aber
schlechten Kennern des Schicksals stammte. Es hie ihr die Welt mit
wohlwollender, aber zitternder Hand verschleiern und erbeben unter der
Hast und dem Glck, mit dem sie diese schwache Weisheit in sich sog.

Man konnte ihr auf die Frage, die am Anfang dieser Geschichte
angeschnitten steht, schlielich sagen, da die Dichter den Weg ins
Verbrechen deshalb immer wieder suchten, weil in den nrrischsten und
grundlosesten Leidenschaften sie den unendlichen Goldgrund der besten
Herzenstugenden am schnsten schimmern sehen, aber man konnte diese
akademische Phrase nur loswerden, weil man das Geschpf, an das sie
gerichtet war, liebte. Das Bangen der jungen Frau hatte etwas von jener
Glubigkeit und Unberhrtheit, deren Nhe niemand verlassen kann, ohne
einer tiefen Rhrung zu verfallen. Ich htte meinen Kopf gegeben, wenn
ich in diesem Augenblick die Hnde der jungen Frau htte an mich ziehen
und ihr zuflstern knnen, da diese Neugeburt zur Mdchenhaftigkeit,
die das Schicksal mit einer kurzen, vielleicht in Stunden schon
beendeten aber jetzt in unvergleichlichem Glanz erstrahlenden Frist ihr
verliehen hatte, mich in meiner tiefsten Seele getroffen habe.

Ich war in der verdammten Lage, sie ohne Pause belgen zu mssen. Was
htten Sie gehabt, rief ich wohl etwas zu prahlerisch, wenn Sie ohne
das Erlebnis so gewaltiger Schmerzen Ihr Leben verbracht htten? Die
Literatur zeigt, da die Unschuld, wenn sie mit dem Verbrechen
zusammentrifft, die wundervollsten Menschenblumen hervorbringt. Sie
htten ohne Zweifel einen Gatten und Kinder besessen, aber Sie wren
sich nicht mehr der Welt bewut gewesen, als da Sie die
wirtschaftlichen Mchte, unter denen wir stehen, mit einem geringen
Stolz gesprt htten. Das heit, Sie htten reich gewohnt, den sozialen
Aufstieg Ihres Gatten bewundert, Ihre Kinder gekleidet, die Menplne
Ihrer Kchinnen berichtigt und mit Verehrung oder Verachtung auf die
Gesellschaft um Ihr Leben herumgeblickt, je nachdem sie im Rang ber
oder unter Ihnen gestanden wre. Was wre aus Ihrem Herzen geworden?
Soviel an Gromut und soviel an sptem ungeheurem Glck, wie Sie es
heute zu verlangen haben, vermag ein durchschnittliches Leben nie zu
geben, und die Tugend, die nie an den Abgrund geschleppt ward, hat
keinen Anspruch, ein Herz zu besitzen, das durch den Tod wie durch die
Liebe mit derselben Khnheit hindurchgeschritten ist. Man wird mir
zugestehen, da ich mit Feuer log, obwohl mein Gefhl offenbar geneigt
war, in Trnen auszubrechen, denn je mehr ich mich begeisterte, um so
furchtbarer empfand ich, welch verabscheuenswerten Unsinn ich sprach.

Sie seufzte, als ob sie alle Liebe der Welt einsauge, und das brachte
mich fast von Sinnen. Nur als ich mit der falschen Khnheit, die
Verliebten eigen ist, fragte: Was htten Sie gehabt? schien sie wie
ohnmchtig zurckzufallen. Ein Blick, den ich durch ein Licht, das
aufglomm, auf ihrem Gesicht mit gttlicher Ergebung aufgeschlagen sah,
belehrte mich, da sie an ihren Vater dachte. In diesem Augenblick
schienen wir umzingelt zu sein.

Um uns herum erschollen Stimmen. Der Kutscher hielt den Wagen an und gab
sichtlich Auskunft. Ich ffnete die Wagentr nach der einen Seite und
schlo sie im gleichen Augenblick. Offenbar hatte man sich an der Stelle
zusammengeknuelt, um eine Auskunft einzuziehen. Ich ri den anderen
Schlag auf, zog die junge Frau heraus, und wir liefen ber die Wiese.
Als wir hinter Buschwerk kamen, zitterte sie so, da ich sie tragen
mute. Als wir den Wald erreichten, fing eine sinnlose Schieerei an,
berall loszuknallen. Wir standen hinter Bumen, um nicht getroffen zu
werden. In diesem Augenblick war ihr Herz auf der Hhe der Gefahr. Eine
Verwundung htte sie niedergeworfen und gettet. Denn dieses
wundgelaufene Herz hatte nur noch eine kurze Frist, die die Natur ihr
verliehen hatte, zu leben oder auszusetzen, und diese Frist langte noch
bis zum Lager ihres Kindes, aber litt keine Minute Verzgerung.

Es gibt eine Zrtlichkeit bei Mnnern, die in Augenblicken der Gefahr
fr das geliebte Wesen sich in nichts von der Liebe unterscheidet, die
das schnste Recht der Mtter ist. Ich htte diese Frau, deren Schmerz
und deren Schicksal ich offenbar wie ein Wahnsinniger liebte, mit meinem
Krper zudecken mgen, um sie vor den Kugeln zu schtzen, wenn diese
Bewegung nicht eine Narrheit gewesen wre und die Soldaten auf uns
gelenkt htte. Sie war im Augenblick der Gefahr von einer fast
bermenschlichen Khle. Als wir eine halbe Stunde durch den Niederwald
gerannt waren, kamen wir auf eine Strae. Wir hatten die Vorposten
hinter uns und waren in Sicherheit.

Nach einer halben Stunde fanden wir unseren Wagen. Zwei Stunden spter
erreichten wir die Station. Hatte ich unrecht, da ich ihr, als wir mit
einer gewissen Heiterkeit die letzten Wagenstunden machten, eine
Geschichte nicht vorenthielt, die ihr Herz strken konnte? Da sie aus
dem Leben stammte und mit ihren bekannten Figuren aus der Wahrheit wie
aus einem Bilderbogen geschnitten war, hatte sie mehr berzeugungskraft
als die Literatur, die nur beweist, aber nicht atmet.

Ich wagte kaum zu zittern, als wir uns der Station nherten, ich war
besinnungslos von einer Leidenschaft, die ich nicht zeigen durfte, und
ich war gentigt, ihren Befehl zu respektieren, der mich zurckstie.
Zeichnen Sie diese Geschichte auf, sagte sie mit einem so
verheiungsvollen Lcheln, da mir die Trnen kamen, und senden Sie es
mir morgen nach als einen Beweis, der mich strken wird. Sie hatte eine
wundervolle Zartheit im Klang, da ich frchtete, ich wrde sie nicht
wiedersehen. An der Grenze empfingen uns Soldaten. Pltzlich sahen wir
uns an, von Fackelschein bergossen.

Dieses Gesicht, das lange nicht geweint hatte und auf dem Spuren
unzhliger Schmerzen wie ein Verhngnis schwebten, trug die Spuren von
Trnen. Ich reichte ihr die Hand, um auszusteigen, und bemerkte an dem
Druck ihrer Hand, da es Trnen der Freude, ja der Erlsung waren. In
diesem Augenblick trat ihre ganze Seele, die noch nie gelebt hatte, auf
ihr Gesicht, und ich wurde eines so himmlischen Glanzes ansichtig, da
mich die Besinnung verlie.

Ich danke Ihnen mit aller Herzlichkeit, die soviel Unglck brig
gelassen hat, flsterte die Unbekannte mit hinreiender Anmut und gab
mir eine Adresse, unter der ich ihr schreiben konnte. Sie empfing mit
dem Nicken einer Vertrautheit, die nicht mehr menschlich war, mein
Portefeuille.

Man fand mich auf dem Platz hingestreckt wie einen Toten. In der Nacht
schrieb ich die Geschichte eines Frevels auf, dem ein Glck, das der
Shne, abzugewinnen ich meine Natur in unerhrter Weise zwang. Denn um
das Glck der Shne zu ertragen, bedarf es eines kalten Herzens. Das
Kind mute leben, oder sie starb. Ich blieb nach diesem Wettlauf mit der
Wahrheit, der mein Innerstes zerri, drei Tage besinnungslos in meinem
Zimmer liegen. Ich war gezwungen, mich zur Herstellung meiner Natur ins
Gebirge zu begeben, da mein Krper gewohnt war, alles zu ertragen, die
hrtesten Strapazen und die irrsinnigsten Enttuschungen, aber nicht den
Kampf gegen die Gesetze der Seele, die ihn regieren.

Es gibt vielleicht eine einzige Mglichkeit, ihn diesen Streit ertragen
zu lernen, das ist, ihn zum Siege zu fhren. Man hatte mir versichert,
da am Abend ein Zug gehe, der ihr als ein Herold meinen Brief senden
sollte, der eigentlich mein Schicksal war, auf dessen Echo ich wie ein
Verrckter warten mute. Ich verbrachte diesen Tag mit einer so
unheimlichen Getrenntheit meines Wesens, da ich mit den Kerzen
pltzlich vor den Spiegel sprang.

Ich reiste an diesem Tag in dem furchtbaren Hotelzimmer, whrend ich
gleichzeitig Bogen auf Bogen hinter verschlossenen Lden fllte, an der
Erinnerung der Nacht jede Minute zurck und badete mich, fllte meine
Seele mit jeder Bewegung und jeder Silbe, welche die Unbekannte von sich
gegeben. Gleichzeitig wute ich, da bei jedem Buchstaben, den ich fr
sie schrieb, sie der Ungewiheit entgegenfuhr, ob dieses Kind sie
verflucht hatte, ehe es starb, oder ob es mit einem Lcheln sie ansehen
wrde, das der Anfang eines unfabaren Glckes war. Die Frist war kurz,
in der dieses bewundernswerte Herz lieben durfte, und ich htte nicht
Gott sein mgen, in dessen Hand es lag, und der es vielleicht
zertrmmern mute.

Man wird mich nach der Geschichte, die ich aufzeichnete, fragen, ich
verheimliche sie nicht. Sie besitzt jene Kostbarkeit, die Erlebnisse
erst adelt, wenn sie ein Herz enthllt oder getrstet haben. Man darf
der Literatur nur dann jene Liebe, die sie zu Beweiszwecken benutzt,
zuwenden, wenn die Literatur jenes geheimnisvolle Herz besitzt, das mit
den wahren Leidenschaften der Menschen gefllt ist. Dieses Herz kann
sich pltzlich ffnen, und die Menschen sind in der phantastischen
Stunde dieses Zufalls in der Lage, darin ihre Seele zu sehen. Eine
vortreffliche Literatur wird ihre Bewunderer durch dieses Mysterium
unbeschreiblich entzcken, eine erbrmliche wird sich in den Sekunden,
wo man ihrer bedarf, als das akademische Geplapper entlarven, das nur
sich selber liebt. Das Herz des Menschen ist der Ort, wo die
Gegenstnde, die Ereignisse und die Sitten der Welt gemessen werden und
ihren Rang erhalten. Ausgezeichnet wird lediglich, was die Gre hat,
dem Herzen gleich zu sein oder den Ehrgeiz besitzt, es zu bertreffen.

Es gibt in der Literatur einen Opfermut und eine Khnheit von Gefhlen,
die weit ber das hinaus wollen, was menschlichem Ertragen und
menschlicher Spannkraft mglich ist. Diese Literatur ist ohne Zweifel
die hchste in den verschiedenen Klassen des Schrifttums, in dem der
Zynismus die niedrigste, die Weisheit die erhabendste ist. Es ist
unmglich fr ein gleichzeitig kluges wie feuriges Temperament, eine
Literatur anzuerkennen, die ihr Wesen nur durch sich selbst erhlt und
wie Narzi sich von den Menschen und ihren Beispielen fernhlt. Die
Dichtkunst, meint Balzac, sei die Einleitung zum Staatsmann. Napoleon,
Julius Csar, der groe Friedrich, der erste Franz von Frankreich,
Machiavell, ja selbst Goethe, Richelieu, der Kardinal Retz, Disraeli,
Bulwer und Constant haben dieser These recht gegeben, indem sie ihren
Geist, der das Schne zu formen wute, derart disziplinierten, da er
das Gebude des Staates unter den letzten Gesetzmigkeiten der
Vernunft, der Gerechtigkeit und der Harmonie erblickte.

Der Staat ist aber jene wundervolle Handschrift der Vorsehung, welche
die Leidenschaften der Menschen auf den Rcken der Ewigkeit gezeichnet
hat und in dem alle Linien des menschlichen Herzens enthalten sind. Wer
diesen Kreis, den das Gebet eines unschuldigen Mdchens bis zur
Grenzenlosigkeit der himmlischen Satzungen durchluft, verlt, begeht
einen Frevel, den nur ein Opferwille shnen kann, welcher strker ist
als die Natur. Wer kann die Erde aufhalten? Wer vermag die Sonne zu
verdunkeln? Zur Shne ist dem menschlichen Herzen die Kraft, zum
Verzeihen die Gre gegeben. Zum Widerstand gegen die Gesetze der Natur
besitzt es nur das Dulden, welches die Trotzigen und seit Prometheus
ewig Zerschmetterten manchmal bis zu himmlischem Licht erhebt. Hier ist
die Geschichte:

Im Jahre neunzehnhundertelf ereigneten sich drei Dinge, die an
verschiedenen Stellen der Welt einen geheimnisvollen Zusammenhang
schafften. Es war das Jahr, wo, drei Jahre vor den Schssen von
Serajewo, die Mitteleuropas Vernichtung und unsere Armut veranlaten,
einige Menschen anfingen, sich in die Luft zu schwingen, andere das Meer
einige hundert Meter unter der Oberflche mit Tauchbooten zu
durchfliegen und jenen Kampf begannen, den ein ehrgeiziges Geschlecht
mit seinen Maschinen der Natur ansagte. In einem zarten Vorspiel, das
vier Jahre lang die grandiosen Schlachten ankndigte, die unsere
Nachfolger mit Stumpf und Stiel hinwegrotten werden, hat sich gezeigt,
da die Natur diese Provokationen auf ihre Urheber zurckwirft.

Wenn in einem Landhaus in York Lady Grace ihr Leben in einer
auffallenden Weise verlie, von einem Tag auf den anderen aus der
behtetsten Dame in einer Reihe von Verbrechen sprang, bedarf es nur der
einen Erklrung, da sie von jener Krankheit erfat war, welche alle
leidenschaftlichen Naturen in dieser Zeit erfat hatte: da sie dieser
Welt kein Interesse abzugewinnen vermochte. Besonders glnzende Figuren
wuten damals sich allerdings in ihrem Innern zu beruhigen und fr die
Zeit aufzusparen, wo die knstliche Sicherheit dieses Jahrzehntes in
Flammen aufging, und die Menschheit sich in die grauenhaftesten Kmpfe
strzen mute, die diese Erde gesehen hat. Andere, welche mit der
Khnheit eine Unsicherheit des Glaubens vereinten, begannen jene
furchtbaren Herausforderungen, welche die Natur nicht unbeantwortet
lie, indem sie die Versucher mit einem Lcheln abschttelte, das die
Welt mit Blut berschwemmte. Andere, zu denen Lady Grace offensichtlich
gehrte, wechselten pltzlich ihre Seele aus.

Diese Menschen, die damals nicht zahlreich waren, scheinen unter ihrer
Seele eine andere zu besitzen, die pltzlich die erste vllig verdrngt.
Diese Annahme ist aber ohne Zweifel ein Irrtum, denn eine Seele kann nur
durch den Tod den Menschen verlassen. Wenn ein erhabener Mensch sich
pltzlich in furchtbarer Weise verndert, so beweist das nur, da er den
Weg, welchen das Schicksal ihm vorgeschlagen hat, vllig verlt, und
da die Keime des Bsen, die in ihm lagen, tief in ihn eingedrungen
sind. Es bedarf nur der Rckkehr mit glubigem Herzen, um eine solche
Figur wieder zum schnsten Licht zu entfachen.

Die Entschlsse, die einen Menschen von groer Leidenschaft wie dieses
khle Mdchen, von ihrer klaren Bahn und aus der Familie wegtreiben,
liegen oft mit der Kraft eines Abgrundes da in Momenten, wo sie am
wenigsten erwartet werden. Der bergang kann sich mit einer
Pltzlichkeit vollziehen, der alle ratlos macht, welche die
Zusammenhnge nicht erkennen, welche die Gesetze der Natur selbst mitten
durch die Seele eines reinen Mdchens gelegt haben. Sie passieren
zehnmal am Tage jene Stelle, wo ihr Leben furchtbar bedroht ist, ohne es
zu wissen, und gehen in jenem Augenblick mit nachtwandlerischer Kraft in
das Bse hinein, wo ihre Leidenschaft eine Laune gebiert, die jenseits
ihres Gemtes liegt.

Diese bergnge sind nicht weiter mit der Vernunft erklrbar, sie mssen
nur bestimmt und von denen, die sie vornehmen, ausgetragen und erduldet
werden. Das Schicksal ist gewaltig genug in jener gewitterhaften Gte,
die es selbst ber die Schuldigsten verteilt, auch an das Ende dieses
Frevels ein Licht zu stellen.

Man kann nach Belieben bei Lady Grace alle jene Vorzge voraussetzen,
die eine Schilderung abkrzen werden, ihren Geist, ihre Erziehung, die
Stellung ihres Vaters, ihre Lieblichkeit in gewissen Augenblicken, ihre
krperlichen Fhigkeiten. Ihr Alter betrgt sechsundzwanzig Jahre, was
erstaunlich ist, da ihr Vermgen auch das Leben ihres bevorzugten
Bewerbers htte ndern knnen. Ihre Nase, ber jener schon
sprichwrtlichen Verlngerung der Oberlippe hatte von der Seite einen
leicht geschwungenen Bogen, sah von vorn aber fast etwas gestrubt und
trotzig aus. Das gab ihr zwei Gesichter, ein durchgngig khnes und ein
romantisches, was sich sehr apart mischte. Ihre Figur, mehr gro als
mittel, ward von jenem Dunkel der Augenfarben beherrscht, von denen man
in gewissen Momenten erschrocken feststellt, da sie hell wie das Meer
und fast blau wie Perlmutt sind. Sie gehrte zu jenen Mdchen, die in
den Mondnchten die Nachtigallen um ihren Gesang beneiden, in ihre
Kissen weinen und selbst erstaunt sind, am Tag diese rtselhaften
Spannungen aus sich gewichen zu sehen. Sie sind dabei von einer
Verstandesschrfe, die nur jene Unerwecktheit ist, mit welcher die
Mdchen in unbegreiflichem Instinkt unter den Erfahrungen her die Welt
durchschauen und wohin sie erst durch die Weisheit der Leidenszeit
wieder gelangen werden, ein Zustand, vor dem junge Mnner zurckweichen,
weil sie berlegenheit und Stolz dahinter frchten. Sie besa dabei
neben dem Weltblick, den ihre Erziehung ihr mitgegeben, eine
Kameradschaftlichkeit, die jene Distanz der Mnner zu ihr noch
vergrerte, weil sie so traumhaft sicher hingegeben ward.

Diese Sicherheit war es, die sie wie einen Diamant aufleuchten lie,
wenn sie im Abendkleid und phantastischem Schmuck in der Halle erschien.
Es war ein unbeschreiblich siegreicher Schmelz in dem mit der
Pltzlichkeit eines Schusses aufglhenden Lcheln, da man, obwohl man
sie hate, ihr eine unvergleichliche Karriere voraussagte. Den Zorn der
Frauen, die sich die Mnner neideten, erregte sie erst durch ihre
vllige Teilnahmlosigkeit fr Bewerber. Man hielt sie fr whlerisch und
berechnend und nahm an, da sie sich fr den Besten aufhebe und vor
Hochmut bis zum sechsundzwanzigsten Jahre noch keinen so Vortrefflichen
gefunden habe, der ihren Trumen entsprach, whrend sie in Wahrheit ihre
Seele noch nicht gefunden hatte und eigentlich eine Romantische war.

Diese Mdchen scheinen kalt, weil ihre Herzen glhender als die
Mglichkeiten sind, die ihnen zu Gebot stehen, diese Herzen daran zu
erproben. Man mu bedenken, da das Fest, welches auf der Terrasse des
Landhauses stattgefunden hatte, eigentlich eines der romaneskesten war,
das die damalige englische Gesellschaft kannte, und da Lady Grace bis
zum Tod bleich und gelangweilt davon schien. Es war in den zarten und
traumhaften Kostmen Gainsbroughs getanzt worden, dann hatte es
geregnet, und nun gingen in der roten Dmmerung die Fenster alle auf und
es roch nach dem Boden des Parks. In diesem Augenblick erregte es das
Erstaunen eines jungen Mannes, da ihr Auge sich auf ihn richtete.

Der junge Mann, der den Vorzug hatte, in Indien gekmpft zu haben, was
seine Blsse und Melancholie mit einem dicken Kontrast unterstrich, war
vor Schreck darber fast erstarrt, in welcher Weise sich ihr Blick,
whrend er auf ihm ruhte, vernderte. Ihm schwindelte ein wenig und er
fhlte sich halb umstrickt, halb durchbohrt. Er folgte ihr, als sie das
Auge zur Tr gleiten lie: Kann ich auf Sie vertrauen? frug sie mit
grauenhafter Klte. Vergessen Sie nicht, da ich das Leben von
fnfhundert Menschen, die mir dienten, monatelang in Hnden hatte, rief
er. Wollen Sie mir dienen, Charley? sagte sie mit einer Stimme, die
ihn erzittern machte. Diese Frage, sagte er ergriffen, beleidigt das
Herz, das nie etwas anderes tat. Sie werden mich verlassen, wenn ich
es wnsche? sagte sie ruhig. Er nickte betroffen. Sorgen Sie fr zwei
Wagen. Vergessen Sie Ritch nicht abzuholen. Sie wohnt im Gartenhaus. Ich
brauche einen lteren Begleiter. Nehmen Sie Davis und geben Sie ihm
Geld, da er einen Kammerdiener mitnimmt. Zweihundert Meter von der
Parktr warten Sie auf mich in einer Stunde. Sie nickte und zog sich
zurck. Zwei Stunden spter fuhr das Mdchen nach Dover, ohne sich die
Mhe zu nehmen, ihr Kleid zu wechseln, das sie unter einem Staubmantel
verbarg.

Ritch war ein schwarzes Faktotum, das ihren Vater aus den Kolonien
begleitet hatte und auf das sie sich blindlings verlie. Diese Negerin
war eigentlich javanischen Blutes, fast schn, nur zu dunkel, stark wie
ein Tier und von der Wachsamkeit eines Hundes. Was im zweiten Auto
folgte, war ein Greis mit Kammerdiener und einer alten Gouvernante. Sir
Davis war von der senilen Schwche eines Lebemanns, der nicht gengend
Mittel hatte, seine Leidenschaften in der Jugend zu befriedigen, in
diese Hrigkeit zu jungen Damen angekommen, die nichts begehrt, als
ihnen zu Diensten zu sein. Sie opfern sich auf fr den Beruf einer
Attrappe und wrden ihr Leben hingeben dafr, da sie in der Nhe dieser
Wesen trotz des Zustandes ihrer Zhne noch bleiben drfen. Sie werden
nicht beachtet, auch nicht bedankt und erfllen die Dienste des
Hofmarschalls mit grerer Leidenschaft, als diejenigen des Liebhabers,
als sie noch Wnsche hatten.

In der Nacht fuhren sie noch ber und setzen die Autos auf die Strecke
Paris, Dijon, Valence, Montlimar, Avignon.

Ehe sie Calais verlieen, frug Lady Grace, als sie den Fu auf die
Dampfbarkasse setzte: Ist das Telegramm abgegangen? Es ist durch
meinen Bruder vom Foreign Office aufgeliefert worden, antwortete
Charley mit dem Ton eines Menschen, der etwas unerhrt Schweres erledigt
hat. Dann kehren Sie zu Gaby zurck, rief sie mit jener Hrte, die nur
unverbrauchte Herzen ber sich gewinnen, weil sie nicht wissen, wie
unendlich sie damit schmerzen. Man mu wissen, da sich bei ihrer
Abreise eine Szene abspielte, deren Helden ihre Windspiele waren. Diese
Tiere, die sie auf allen Einladungen, so auch nach York begleiteten, von
denen einige noch von ihrem Vater kurz vor seinem Tod eingestellt waren,
wollten sie nicht verlassen, holten die Autos ein und rannten eine Weile
neben ihnen her. Sie hrten die Locktne ihrer Herrin und wuten nicht,
da diese sie zum erstenmal zurcktrieb. Pltzlich begann ihr
Lieblingstier Gaby etwas Unerwartetes, Ungeheures, es sprang ber das
hinrasende Auto. Diese Sprnge wiederholten sich, bis Lady Grace halten
lie. Man mute die Tiere anbinden. Nun kommandierte sie den jungen Mann
zum Schutz ihrer Tiere, ohne zu bedenken, ob er gemerkt habe, da sie
innerlich weinte, als Gaby ihre unglaublichen Stze begann. Er konnte
denken, da sie ihn zu ihren Liebsten sandte, aber er vermochte sich
dabei nicht voll Bitterkeit zu verschweigen, da sie die Hunde mehr
liebte als ihn. Ein englischer Junge dieser Kreise hat zum Glck genug
Einfltigkeit, die Launen einer Frau zu prfen. Er war tdlich gekrnkt,
aber, da er liebte, machte er sich ohne Umstnde an den Anfang.

Das zweite Ereignis, das in jenem seltsamen Zusammenhang mit dieser
Abreise stand, war der General-Appell des Mgroz-Clubs in New York, von
dessen Bestand Lady Grace ebensowenig ahnte wie dieser Club von der
Tatsache, da eine glnzend schne Frau sich anschickt, ein tdliches
Wettrennen mit seinen besten Mitgliedern zu beginnen. Dieser Club, der
sich nach einem der berhmtesten Eisknstler nannte, vereinigte seine
Mitglieder zum Curling. Das ist ein Spiel, welches, dem italienischen
Bocca hnlich, auf der Eisflche geschossen wird und Kraft mit
Gewandtheit verbindet. Man hielt sich jahrber eine eigene geschlossene
Eisbahn, was gewisses Aufsehen erregte, da dieser Sport in Amerika fast
unbekannt war. Der Club hatte sehr strenge sportliche Satzungen, spielte
Inter-League-Games und unterstand dem Olympischen Komitee. Man wird
nicht vermuten, da diese ernste Angelegenheit, die jeder Prfung
standhielt (denn keine menschliche Fhigkeit wird so genau kontrolliert
wie das grausamste Spiel der modernen Zeit, der Sport) eine
Lcherlichkeit sei.

Diese Sportleute fanden das Curling erbrmlich langweilig, es war ein
Gesicht, das sie sich vorhielten, um ein anderes zu verstecken. Diese
Zeit vor den Erfindungen der Tanks und der Vernichtungslust mute
Gefhle verstecken und mit den Krften, die keine Auswirkung fanden, auf
einer so gefhrlichen Ebene zu spielen beginnen, da sie ihr Leben und
ihren Geist riskierten. Es gab so wenig Widerstnde, da man welche
erfinden mute wie jene Dchse tun, die sich Bauten so kompliziert
anlegen, da sie sie teilweise wieder zerstren mssen, um in ihren
Hauptkessel zu gelangen. Htte jemand vermutet, da dieser Sport den
Bedrfnissen seiner Mitglieder gengte, htten sie ihn im Inneren fr
einen Verrckten gehalten. In der Tat hatten diese Leute eine ingenise
Erfindung gemacht, sich das Geheimnis zu beschwren, nach dem sie
lechzten. Das war eine Tambola der Gefahr, eine Machinerie der
Leidenschaften, ein wahrhaftiger Apparat, dessen Einrichtung von
genialem Irrsein war.

In dieser Einrichtung war ihr Schicksal mit einem Raffinement verbunden,
das jeden von ihnen tglich mit aller Furchtbarkeit wahllos erfassen
konnte, kurz, diese Leute waren begabte Spieler, die statt um Geld, das
sie besaen, um Erlebnisse spielten, bei denen mehr zu verlieren war als
Vermgen. Vor allem verband sie, der Zuchtlosigkeit entgegen, die jedem
erlaubte, nach Gutdnken zu leben, eine eiserne Disziplin, gegen welche
der Gehorsam der Armeen ein Kinderspiel war.

Was sie beherrschte und im Notfall bestrafte, war ihnen nmlich
unbekannt. Sie hatten sich eine geheimnisvolle Macht erfunden, die sie
mit aller Tyrannei beherrschte, womit sie glcklich waren. Die Zucht,
die diesen Haufen von Spielern, Abenteurern, Soldaten der
Kolonialarmeen, Kenner oder Adepten des Wunderbaren, Blasierte und vom
Leben Gezchtigte zusammenhielt, verwickelte sie in fast jede scheinbar
unmgliche Angelegenheit. Es wird nicht erstaunen, da Curling nur ein
liebenswrdiges Lcheln gegen die Welt darstellte, hinter dem sie
zwischen halsbrecherischen Gefahren ja Verbrechen, sich jene Genugtuung
ihrer Nerven verschafften, die verrckt, aber bewundernswert war.

Der eigentliche Vorgang war folgendermaen: Das Haus war derart gebaut,
da es allen Entdeckungen auch durch Mitglieder gewachsen war und jede
Manipulation erlaubte, die ntig schien. Jhrlich wurden fnfzig
Metallkapseln im Dunkeln gezogen, in einer befand sich der Schlssel zu
einem Verschlag, dessen Vorderseite eine viereckige Uhr war. Keiner,
selbst der Besitzer des vorigen Jahres, wute, in wessen Hand der
Schlssel kam. In dem Haus waren sechzig Kabinen aus Stahl, in denen die
Mitglieder sich zu maskieren hatten, wenn sie aufgerufen wurden, einem
Appell Folge zu leisten. Auch die Einrichtung der Kabinen, ihre
Numerierung und die jedesmalige Verteilung der Nummern schlo jedes
gegenseitige Erkennen aus. Ihre Vermummungen und die Art ihres Eintritts
in den Hauptraum sowie die Abdmpfung der Lichter gengte ebenfalls, da
man nicht wute, in wessen Nhe man sich befand.

Vor allem darf nicht vergessen werden, da diese Leute das Geheimnis
liebten, das sie eingesetzt hatten und toll gewesen wren, wenn sie es
gelftet htten. Diese Leute flchteten aus ihrer ungeheuren Macht in
die Unsicherheit und waren damit beschftigt, das Gift eines Frevels zu
genieen und nicht, es zu enthllen. Diese geheime Legion der
Mnnlichkeit, die ihr Jahrhundert verachtete und seine Garantien wie
seine Einrichtungen verlachte, besa nur eine Abhngigkeit, das war
jener Wille, der von dem Trger des Schlssels ausging, welcher ihr
Leben und Tod nach vlligem Belieben in der Hand hielt. Wenn eine Sache
dieser Welt gro oder verrckt genug schien, sich daran zu bewhren,
berief er den Appell.

Zu diesem Zweck erschien irgendein Mann im Club und frug nach einem Glas
Whisky. Dieser Mann mute einen Satz sagen, der lautete: Die Uhr ist
aufgestellt, meine Herrn. Diese Uhr war die Seele des Clubs. Da sie
Schicksale bestimmte, war das Grausen auf sie bergegangen, das man der
Vorsehung schuldet. Durch eine Vorrichtung war es mglich, da am Tag
nach der Ankndigung jeder der Vermummten, wenn er den Schlssel besa,
sich, ohne aufzufallen, in den Raum hinter der Uhr begeben konnte. Dies
geschah durch eine liftartige Versenkung, die lautlos alle Etagen
durchglitt. Man konnte von fnf Etagen ber zwei Dutzend Gnge in den
Saal kommen, es war unmglich festzustellen, wer in die Uhr eintrat.

Diese Uhr ruhte auf drei Sulen und hatte einige ovale ffnungen. Die
Mitglieder muten in den dmmerigen Raum vor die Uhr, einer nach dem
anderen, treten, in dem Verschlag zur Seite die Maske lften und
weitergehen. Jeder tat dies mit dem furchtbaren Gefhl, da hinter der
Milchglasscheibe einer in sein Gesicht sah und ber sein Leben
bestimmte. Dies geschah so, da der Mann, der nach Whisky fragte, einen
Brief abgab, der in der Regel nur einen aus einer Zeitung gerissenen
Wisch enthielt. In den kurzen Nachrichten der Journale sind in trockener
Form die ungeheuerlichsten Dramen enthalten.

Der Fall, der diese Geschichte mit England und einem ereignisvollen
Teile der Geschichte Asiens verknpft, hatte ein schauderhaftes Aufsehen
unter den Mitgliedern gemacht. Ihr unverbrchliches Schweigen bewies,
da sie zitterten vor Erregung. Die ersten Dreiig waren ergebnislos
passiert. Da blitzte ein weies Licht und rollte in einen Ausschnitt der
Uhr, daneben glomm in dem Schalter auf der Platte der Name George Good
auf. Bei dem zweiundvierzigsten wiederholte sich eine Linie tiefer
dasselbe. Der Name hie nur: Capt. Pound.

Diese Uhr trug brigens an der Seite ein Verzeichnis aller Namen des
Clubs, hinter denen in einem breiten Feld ebenfalls kleine Glasgitter
von verschiedenen Farben glhten. Dieses Verzeichnis konnte mit
Auszeichnungen im Team gedeutet werden, es betraf aber die Frage, ob
diese Leute sich im Spiel mit den Gesetzen berhmt gemacht hatten, ob
sie unterlegen waren oder ob sie wegen Verrterei aus der Welt geschafft
werden muten. Das gelbe Licht war Verrat, das rote Verdacht, das weie
bezeichnete besonderen Ruhm, das grne war der Durchschnitt, das
schwarze das Todeszeichen. Dieses Register war fr den, der es
studierte, von den Schauern des Furchtbaren umweht, ein erschreckendes
Thermometer jener Leidenschaften, die sich unterwarfen, um sich
auszutoben. Bei besonderen Anlssen war dieses Register verhllt.

Hinter den Namen Good und Capt. Pound glnzten die Scheiben grn, das
Signal, da, nachdem die Auszeichnung auf sie gefallen war, ihre
Ttigkeit begann, die nunmehr neutral beurteilt ward. Jede Leistung
begann auf diese Weise, aber keiner vermochte zu sagen, mit welcher
dieser erschreckenden Farben sie aufhrte, weil noch verfehmter als das
Milingen jene Untreue gercht ward, die das Ziel aufgab oder dem Sinn
des Auftrags sich entgegenstellte. Diese letzte Frage war diejenige,
welche den Bann tdlich machte, der die Mnner vereinte, weil sie mit
letzter Raffiniertheit das Schicksal herausforderte, jenes Schicksal,
das mit Vorliebe in menschliche Handlungen eingreift und sowohl ihre
Kurve als auch ihren Sinn ins Gegenteil verkehrt.

Man mu gestehen, da diese Vorkehrungen mit hllischer Genauigkeit
getroffen waren. Nachdem die beiden Namen bekannt waren, gingen die
Mnner auf verschiedenen Ausgngen auseinander. Beim Curling htte jeder
sich eher die Zunge abgebissen, als da er ein Wort ber diese Dinge von
sich gegeben htte. Es versteht sich, da das Geheimnisvolle halb
gewesen wre, wenn man es mit einer Silbe erwhnt htte. Die Sitte des
Verschweigens gestattet, das Ungeheuerlichste zu erleben. Es gibt keine
Verschwrung, wenn man ihr die grauenhafte Gre nimmt, indem man davon
spricht.

Am folgenden und den drei nchsten Tagen wurden an allen Brsen eine
Masse Aktien der Nord W. L. Schiffahrtsgesellschaft gekauft. Der Agent,
der das Paket erworben hatte, gab den telephonischen Auftrag zum Kauf
von zwei Fabriken, in der einen wurden gewisse Sorten Edelstahl gewalzt,
in der anderen wurden die Platten zu verschiedenen Zwecken
zusammengesetzt. Am folgenden Tage erhielten die beiden Unterleiter des
Direktoriums der Schiffahrtsgesellschaft einen seltsamen Besuch. Besuche
verrckter Art sind in Amerika hufig, man schtzt sich davor, indem man
Leute in die Besuchszimmer der Direktoren setzt, die nicht die
Direktoren sind, sie aber scheinen und in Haltung und berlegenheit
nachahmen, um die Besucher auszuforschen. Diese Tuschung ist eine der
geringsten, welche die Handelswelt seit der Erfindung der alles
zertrmmernden Trusts gegen die Menschheit vornimmt. Sie hat den
Vorteil, da von den groen Betrgern die kleinen entlarvt und die
Narren beseitigt werden.

Halloooo meine Herren, sagte Capt. Pound, der ein Stelzbein hatte,
ich besitze dieses Paket Aktien. Die Nummern finden Sie hier
eingetragen. Hier ist die Bescheinigung des Notars. Die Mntel liegen
bei Hallgarten. Telephonieren Sie. Die Klerks blieben rhrungslos, sie
schienen aus Wachs, wie man es in Lden fr Konfektion sieht. Und was,
sagte einer, aber es war nicht zu erkennen, welcher, hat dieses Ihr
Eigentum mit Ihren Wnschen zu tun?

Sie sahen gar nicht auf die Papiere, die Pound auf den Tisch geworfen
hatte. Dies, sagte Capt. Pound, ohne im geringsten auf die beiden zu
achten, sind Beurkundungen, da ich Besitzer der Rollway-Fabriken bin.
Hier ist der Kaufvertrag. Hier die beeidigte Beglaubigung. Hier die
letzte Bilanzabschrift des Unternehmens. Und er warf sie auf den Tisch.
Und, sagte einer der beiden Wachsmnner, die vermuteten, er wolle
seinem Geschrei nach das Personal aus dem Hause treiben, welchen
Zusammenhang sehen Sie zwischen den beiden abgegebenen Erklrungen?
Darber, sagte Capt. Pound, werde ich mit dem sprechen, der am Ende
dieses Gegenstandes sitzt, und er schlug mit dem Stock auf einen groen
Kautschukbecher, der die Gesprche aufnahm, und wandte sich einer
dichtwattierten Tr zu, die sich von selbst vor diesem unerschrockenen
Besucher ffnete.

Den Tag darauf begannen Arbeiter der Rollway-Fabriken den Einbau einer
unerhrt gesicherten Stahlkabine in den Dampfer Leviathan. Ein Mann
mit Stelzbein kontrollierte. Die Arbeit mute in fnf Tagen beendet
sein, sie war es nach viereinhalb, weil Pounds Anwesenheit zauberhaft
wirkte, er verstand mehr von dem Geschft als seine Ingenieure. Auerdem
lie er nachts arbeiten. Der geheimnisvolle Mann lie die Arbeiter
dauernd wechseln und bertrug jedem nur einen geringen Teil der
Beschftigung, auf diese Weise bersahen sie in der Tat in keiner Weise,
was sie arbeiteten.

Dieser Mann, der sie beaufsichtigte, machte auf alle den
frchterlichsten Eindruck. Dieser Capt. hatte in einem Krieg, den einige
Jahre vorher seine Nation mit Spanien gefhrt hatte, sein Bein verloren.
Obwohl niemand heute die Tatsache fr mglich halten wird, da eine
edelmtige Nation wie die amerikanische mit dem friedlichsten Volk der
Welt in kriegerische Verwicklungen kommen konnte, da man vergit, da
die kubanischen Erze die Wirtschaftskapitne beider Lnder wie die
Irrsinnigen lockte, trotzdem scho eine der damals noch kindlich
primitiven Kugeln eines kleinkalibrigen Geschtzes ihm in das Knie,
fetzte den unteren Teil ab und Capt. Pound sah sein Bein ins Wasser
fallen. Einer seiner Leute holte es wieder heraus. Er lie es
prparieren und fhrte es zu jeder Zeit mit sich. Man htte diesen
eleganten Mann fr einen Professionel im Boxen gehalten, er war Ende der
Dreiig, hatte das Gesicht eines quadratischen Orang und eine furchtbare
Stimme.

Was jetzt geschah, ist aufs uerste geheimnisvoll. Das Schiff fuhr nach
Beendigung der Arbeiten ab, durchfuhr eine Reihe von Tagen das Meer und
kreuzte einen Tag an einem Teil der chinesischen Kste. Die Nacht
erhielt es Signale und einen Lotsen und botete die meisten Leute aus.
Die Europer und Amerikaner standen neugierig auf dem Verdeck und
betrachteten in der Morgendmmerung eine grauenhafte Szene. Sie sahen
einen Kilometer lang eine Treppe gegen das Meer herunterkommen, die sich
oben in einer Wolke verlor. Sie schien aus dem Himmel frmlich
herabzufallen, was noch geheimnisvoller dadurch war, da die Sonne vom
Meer her das ganze Bild grell beleuchtete.

Zuerst rannten einige Tiere, die man als Kamele erkannte, auf den Stufen
herunter. Es waren vier Tiere, von denen zwei strzten und mit
zertrmmerten Knochen von Stufe zu Stufe herabglitten. Dann kamen
Stelzenlufer. Die paar Mann an Bord rissen die Augen auf und lachten
ber die possierlichen Sprnge. Hinter ihnen her kam ein Trupp, der die
Treppenknufe besetzte. Ihnen auf dem Fu folgte eine Kompagnie mit
Fahnen an sehr hohen Stangen. Hinter diesem Trupp, der brigens von
einer herabrennenden Schar Musikleute begleitet war, kam ein Kamel, das
sehr langsam gefhrt wurde und ein Zelt auf dem Rcken trug. Die Leute,
welche Fernglser besaen, konnten dann Falkentrger mit ihren Tieren
erkennen, zwei bronzene Lwen, die getragen wurden, Fchertrger und
einige Leute, die sehr breite, kurze Banner hielten. Es schien sich eine
groe Zeremonie zu entfalten, aber man vermochte nicht zu erkennen,
wozu.

Es folgte offenbar in einem Wall von Speertrgern ein rotausgeschlagener
kleiner, fast ovaler Sarg, dahinter ein Heer von Papageien und Reihern,
die frchterlich schrien. Dahinter liefen Leute die Treppe herunter, die
mit Bllen jonglierten, unter ihnen bewegten sich andere, die
Goldfischglser mit eiserner Ruhe trugen, davor ein majesttischer
gelber Sonnenschirm, unter dem sich niemand befand, zuletzt eine
ebenfalls leere Snfte. Die Treppe fhrte direkt ins Meer, verbreiterte
sich aber bei der Mndung in eine riesenhaft mit breiten Stufen
herabkommende Terrasse.

An diesem untersten Teil der Stufe hielt eine Motorbarkasse des
Leviathan. Nun traten, whrend sichtlich verhandelt wurde, ein Teil
der angeschwollenen Menge, die sich vermischt hatte, zurck, und endlich
wurde der kleine Sarg mit einem Dutzend Begleiter in die Barkasse
bernommen, die sofort abfuhr. In diesem Augenblick fingen smtliche
Menschen, die die Treppe hinuntergezogen waren, an sie in einer
entsetzlichen Flucht hinaufzurennen und man hrte in der Ferne ein
Signal von Hrnern, die abwechselnd weich und lang und dazwischen scharf
geblasen wurden. Dieser Vorgang war ungewhnlich, in seiner Eile
verwirrend, das Schreckliche daran bestand in der Atmosphre der
Unheimlichkeit, die er ohne Grund hinterlie.

Diese wurde aufs Furchtbarste erhht. Es waren drei Personen brig
geblieben, die nun etwa zwanzig Stufen herabstiegen, bis sie links und
rechts auf die Brstung kamen, die schon ber dem Wasser hing. An dieser
Stelle erschossen sie sich und strzten in das Meer. Der letzte trat bis
an die unterste Stufe, setzte sich und schnitt sich den Leib auf. Er
schnitt, nachdem er die Kleider bei Seite geschoben hatte, eine lange
langsame Linie, die Eingeweide fielen ins Meer, er strzte zurck und
blieb liegen. By Jove, sagte ein Mann am Reeling er hat keinen Jonny
Rumford, der sie ihm herausholt wie das Bein von Capt. Pound. Der
Matrose drehte sich um und bemerkte, da Capt. Pound nicht anwesend war.
Auf diesen Mann konnte sich Capt. Pound wie auf das Sakrament verlassen,
er hatte jedoch, obwohl er in Kuba neben ihm gefochten hatte, vermieden,
ihn von seiner Abwesenheit zu benachrichtigen. In diesen Augenblicken,
die zwischen Grauen und Verstndnislosigkeit schwanken, ist der Anblick
eines verdutzten Gesichts eine wundervolle Rettung fr den Verstand. Die
Matrosen lachten, sie wieherten vor Vergngen. Im selben Augenblick
legte die Barkasse an.

Durch ein Signal wurde das Deck geleert. Die Leute, die heraufgestiegen,
erblickte kein Auge. Sie nahmen Besitz von einem Teil des Schiffs, der
nicht zugnglich war.

Das Geheimnis dieser Vorgnge ist vllig banal. Man wird es heute
weniger verstehen, da es Aufsehen machte als morgen und die Bedeutung,
die man ihm beilegte, damit verstehen, da in diesen Jahren der
Untergang eines Eisbergs durch ein Schiff, das mit ihm zusammenstie,
die wahrscheinliche Ermordung einer Mutter durch die rothaarige Frau
Steinheil in Paris oder die Flucht einer schsischen Prinzessin mit
einem italienischen Walzerkomponisten sensationelle Geschehnisse waren,
die den Atem der Gesellschaft fr Monate gepret hielten. Das Geheimnis,
das nach Jahren noch nicht gelst ward, htten zwei Menschen leicht
entschleiern knnen.

Der erste war natrlich Capt. Pound, der am Abend an Land gegangen, die
Verhandlungen mit den Leuten ber jener Treppe gefhrt hatte und sich
daraufhin verabschiedet und mit einem Auto nach der nchsten Station
hatte bringen lassen. Man war der Ansicht, da er nach Peking fahren
wolle. Der hhnenhafte Stelzfu war drei Stunden am Strand
zurckgelaufen und in der Nhe der Treppe trotz seinem Holzzusatz am
rechten Bein nach dem Schiff zurckgeschwommen. Er hatte ungesehen seine
Kajte erreicht.

Hier nahm er ein Musterwerk der Mechanik vor, indem er eine Wand ber
seinem Bett ffnete, in einen Korridor geriet, von diesem in eine
Stahlkabine, die allerdings nicht hoch genug war, um darin stehen zu
knnen, dafr ein Ruhebett besa, das sie in fnfundvierzig Grad
diagonal durchschnitt. Der brige Raum dieser Kabine war aufs
verstndigste ausgenutzt, um Lebensmittel, Wasser und Zigaretten
unterzubringen. Der Mann hatte die Klappen hinter sich geschlossen,
untersuchte die Nietungen, brummte, untersuchte die Nietungen an der
anderen Seite der Kabine und nahm befriedigt Platz: Diese Fabrik,
sagte er, fertigt die anstndigste Przisionsarbeit der Welt. Es lohnt
sich, eine Zeitlang schrg zur Erde sich aufzuhalten. Im brigen werde
ich sie behalten, denn sie scheint ausbaubar zu sein.

Dann erst sah er in einen Apparat, der einem Stereoskop glich. Es war
der Beginn eines Scherenfernrohrs. Er vermochte durch zwei winzige
Lcher, die der Ventilation dienten, von der Decke der Kabine, die er
hatte einbauen lassen, diesen ganzen Raum zu bersehen. Er befand sich
durch fnfzig Zentimeter besten Stahl getrennt neben dieser Kabine.

Diese wurde am Morgen geffnet, einige Leute betraten sie und
untersuchten zwei Stunden lang. Sie benutzten dazu nicht nur
Instrumente, sondern auch die Zunge, um geheime Ritzen zu erkennen.
Capt. Pound, der offenbar wie auf die Auferstehung auf die
Zuverlssigkeit der Mechanik vertraute, konnte es nicht unterlassen,
whrend dieser Zeit Zigaretten zu rauchen. Der tollkhne Bursche hatte
die Frechheit der Abenteurer, die jeden Einsatz auf der hchsten Quote
spielen, hnlich den Seiltnzern eines verschwundenen Jahrhunderts, die
lieber zwischen Kirchtrmen, als in mittlerer Hhe und mit einem Netz
geschtzt laufen. Es gibt eine Berufsehre, die den Militrs mit den
Verbrechern gemeinsam ist und die beide veranlat, mit der mglichsten
Khnheit zu leben.

Als die Untersuchungen abgeschlossen waren, wurde mitten in dem Raum,
der vorher mit Blendlaternen bertaghell erleuchtet war, der Sarg,
offen, aufgestellt, worauf der Raum in einem leichten grnen Licht
schwamm. Daraufhin wurde die groe Stahltr geschlossen und man konnte
eine Scheibe aus meterdickem Glas darin beobachten, die trotzdem
durchsichtig genug war, den Raum zu kontrollieren. Die Leute, die diesen
Transport zu erledigen hatten, hatten scheinbar die Tr plombiert und
mit Wachen umzingelt, denn das Schiff begann sich zu bewegen.

Capt. Pound, sagte der Matrose Jonny Rumford, ist nicht
zurckgekehrt. Er wird seine Grnde haben. Wir sind nicht allein. Sein
Bein ist da. Er ahnte nicht, da Pound seine Ruhe, die er vor Kuba
behalten hatte, als er ihm sein Bein berreichte, verloren hatte. Capt.
Pound hatte damals, obwohl er vor Schmerz wei geworden war, gesagt:
Das nchstemal deines, Junge, ich werde es dir bringen. Capt. Pound
starrte wie ein aufgeregter Verrckter in das Fernrohr. In dem offenen
kleinen Sarg lag jene schauerliche Sache, die diesen Mann in seinem
kleinen Kfig fast ersticken lie, und deren Anziehungskraft stark genug
war, ein junges Mdchen aus einem vllig vortrefflichen Dasein in das
Verbrechen hineinzujagen, dem sie ebenso berlegen war wie den Tugenden.

Der zweite Mann, der das Geheimnis kannte, aber gelchelt htte, wenn
dieses Wort an sein Ohr gedrungen wre, bedarf einer Minute Pause, um
ihn einzufhren, weil die Literatur seinen Namen mit jenem Pomp behngt
hat, den armselige Skribenten anwenden, wenn ihnen ein Begriff die Mhe
ersetzen soll, einen Menschen darzustellen, dessen Schilderung sie nicht
gewachsen sind. Eine gute Literatur tut gut daran, einen Menschen so zu
bringen, da man seine Stellung nicht kennt, denn die unbegabten
Schriftsteller haben um gewisse Sachen einen Lrm gemacht, da die Leser
unter dem Namen schon Vorstellungen empfangen, die die erlesenste
Schilderung nicht mehr beseitigen kann. Diese schlechten Zauberknstler
haben es fertig gebracht, da ein Feldherr etwas Vollendetes erscheint
und unmglich pucklig und feig geglaubt wird, da ein Flieger schlank
und khl sich vorgestellt wird, whrend das in der Regel neurasthenische
Affen sind, da man eine franzsische Frau kokett und eine englische
langweilig findet, whrend die einen nur natrlich, die anderen hchst
amsant sind. Diese Schriftsteller haben es in hunderten von Fllen
fertig gebracht, da man sich entschuldigen mu, eine Illusion zu
zerstren, die im Grunde nichts wie eine Bequemlichkeit unfhiger Leute
war.

Die Kunst des Schreibens besteht in vielem darin, da, wenn etwa von
einer Wendeltreppe die Rede ist, der Leser nicht begeistert mit dem
Zeigefinger eine Spirale in die Luft haut, sondern sprachlos vernimmt
und glaubt, da sie viereckig ist. In der Tat ist schon bei den gyptern
eine Wendeltreppe stets ein im Grunde quadratischer Aufbau gewesen, und
die Rmer sind ihnen darin ebenso gefolgt wie die Frh-Germanen und
Juden.

Diese Person ohne Zweifel, die der Anla einer immer schneller dem Ende
sich nhernden Geschichte ist, ist von berckender Schlichtheit. Sie
hatte das Unglck, eine Kette, die nicht den geringsten Wert besitzt, da
sie keiner der bekannten Edel- oder Halbedelstein-Arten zugehrt, zu
zerreien. Diese Person hatte Grnde, die nicht verheimlicht werden
sollten, diese Kette in Europa reparieren zu lassen.

Diese Zusammenhnge sind von klglicher Einfltigkeit. Wrde ich Sie
fragen, wie Sie sich den chinesischen Kaiser vorstellten, wrden Sie ihn
dick und wrdevoll, offenbar mit der Unbequemlichkeit einer Krone, eines
Szepters und eines Baldachins vorstellen und damit eine beklagenswerte
Dummheit der Zivilisation vollziehen. Das in der Tat Wunderbare ereignet
sich allerdings sekndlich in aller ffentlichkeit dieses mechanisierten
Zeitalters, ohne beachtet zu werden. Man hat sich jedoch, wahrscheinlich
als Entschuldigung fr soviel Blindheit einige phantastische
Vorstellungen aufgebahrt, an denen nicht gerttelt wird. Man begeht in
frhlicher Laune die Vergewaltigung, Menschen und Vorgnge, die unter
den wirtschaftlichen Gesetzen der modernen Zeit stehen wie wir auch, zu
geheimnisvollen, fast gttlicher Einwirkung fhigen Sachen
zurechtzudenken.

Diese Kritik an der Zeit wre im Munde eines Rsoneurs in der Tat voll
groer Mglichkeiten. Diese Geschichte ist nicht im Stile Diderots
geschrieben, sondern in einem verbrecherisch stoenden Wagen erzhlt und
handelt von Halunken, deren Tempo und Technik auch die Erzhlung
anzunehmen hat. Dieser junge, elegante Mann also, dessen Stirn ein
groes Nachdenken gefaltet, eine noch tiefere Weisheit aber wieder
geglttet hat, der in dieser Nacht im Auto ankam und am Morgen auf dem
Meer den Leviathan, auf der anderen Seite des Hgels einen Garten mit
Springbrunnen, kleinen Kindern und Pelikanen beobachtete, wre ohne
Zweifel zusammengestrzt unter der Welle von Reflexionen, zu denen
selbst Schiller und Moliere ihren Teil gegeben haben, wenn er unter
jenem Titel vorgefhrt worden wre, dessen Machtvorstellungen ihn
einfach zertrmmert htten.

Dieser junge Mann, den jene Wolke nebst seinem Haus den Blicken Jonny
Rumfords und seiner Kameraden entzog, war in der peinlichen Lage, vor
einer der Legenden zu fliehen, die die Sttze eines Staates und der
Dynastie, aber den Beteiligten ein Stachelbett der Unbequemlichkeiten
sind. Er versuchte sich eines Wunders zu entledigen, dessen Tatsache die
Leute so verrckt zu machen schien, da sie es in der Tat erlebten. Jene
zerrissene Kette, die unter Pounds Kontrolle auf dem Meer schwamm,
sollte eine Kraft haben, die einer vertausendfachten Leidenschaft glich,
das heit, wer sie sah, ward von der Begierde angefallen, sie zu
besitzen.

Diese Albernheit, die einer Anzahl Menschen, welche die Tradition
lieben, zum Verhngnis und Tod gedieh, veranlate den klgeren Besitzer,
sie aus dem Lande zu bringen, bis er den Gerchten der Masse das Gercht
entgegensetzen konnte, sie sei in der Tat wieder vollendet
zurckgekehrt. Man mute sich einer Legende bedienen um eine Legende zu
parieren ebenso, wie Achilleus sich in ein Lwenfell wickeln lie, um
einen Lwen zu erwrgen. Es ist bezeichnend fr die Dummheit der
Menschen, da selbst Leute von der berlegenen Klugheit Europas, die
dieses Metier der gutwilligen Flschung in Kriegen und Revolutionen
brillant verstanden, auf den Leim eines Wunders gingen, von dem der
Urheber sich halb rgerlich gerade befreit, der Urheber, den man als
Kaiser vorzustellen freilich ohne diese Vorbereitung nicht den Mut
besitzen konnte. In diesem Sinne waren selbst jene Menschen, die ihr
Leben einsetzten um dieser banalen Sache willen, vollkommen Betrogene,
aber es ist zu ihrer Erluterung zu sagen, da die Ziele eines Herzens
in dieser Welt nicht wichtig sind, die Erlebnisse des Herzens aber
ungeheuer gewogen werden.

Bald darauf, vor Genua, kam Lady Grace an Bord. Das Telegramm des
Foreign Office htte ihr die gepflegteste Aufmerksamkeit gesichert, wenn
man sie ihr nicht von selbst gewidmet htte. Gehen Sie, sagte sie, als
sie das Schiff betrat, zu Sir Davis, der ihren schwarzen Shawl auf dem
Arm hatte und erzhlen Sie mir beim Lunch, was Sie mir bieten wollen
auf diesem Flo, auf das Sie mich geschleppt haben.

Sie ist sechsundzwanzig, sagte Sir Davis zu dem Kapitn, der von ihrem
Lcheln nicht rasch genug entzckt war, aber sie besitzt die Linie von
achtzehn und den Verstand von fnfunddreiig, wo er gerade gro genug
ist, auch vom Genu noch ein paar Jahre etwas zu haben.

Wir, sagte der Kapitn, der jenen amerikanischen Typ Mnnlichkeit
verkrperte, der halb weibisch, halb mulattisch wirkt, und steckte die
Hnde in die Manschetten, wir, die zehn Monate des Jahres unter Mnnern
und auf dem Wasser sind, haben, wie mir scheint, die gleichen Ideen wie
die Herren vom Land.

Er salutierte und dachte dabei an Ritch. Er fand Grace zu mager. Mit der
Geschicklichkeit der Leute, die das fr sie Unerreichbare aus ihrem
Geschmack ausschalten, hatte er infolge ihrer runden Formen die
Javanerin, die ein hbsches Tuch als Turban trug, bereits in sein Herz
geschlossen. Sir Davis konnte Grace von dem Geheimnis erzhlen, ber
welches das Schiff munkelte. Ritch erhielt gewisse Befehle. Der Kapitn
widerstand der Neugier einer so hochstehenden Dame. Der chinesische
Sekretr vermochte in der Angehrigen eines der hchsten englischen
Beamten keine Feindin seiner Aufgabe zu sehen. Auf diese Weise erblickte
Lady Grace die Kette durch das Glas.

Capt. Pound kam in die Lage, durch sein Scherenfernrohr zum erstenmal
eine beispiellos schne Frau zu sehen, die die Kette besichtigte. Er sah
dieses Gesicht fters und es prgte sich ihm ein. Pound empfand einen
Ha gegen dieses Gesicht, das sich mit seinen meerblauen Augen an die
Kette festsaugte und von dem er bemerkte, da es zitterte. Es bebte
nicht mit den Nerven oder mit den Augen, es zitterte mit der ganzen
Gewalt einer Gefangenheit, die hinter einem khlen Gesicht sich bumt.
Ich gehe meine Bren fttern, sagte sie im Scherz, wenn sie
hinunterschlpfte. In der Tat, sie hatte etwas von der Leidenschaft der
Dompteusen, die ihre Macht ber die Tiere genieen und dabei selbst
etwas von der Grazie und der Gefhrlichkeit ihrer Tiere angenommen
haben.

Sie hatte die blitzhafte Kraft in der Wirkung ihrer Erscheinung
beibehalten, aber es war ein wenig von der geheimnisvollen Gefahr der
Steine auf ihr Gesicht getreten. Ihre Anmut schien voll tdlicher
Schrecken, ihre Gefahr aber war ihre Anmut. Lachend verwhnte sie die
Wrter mit Frchten und Zigaretten. Die kleinen Chinesen aen ihr aus
der Hand wie einem Wrter die Katzen. Vor Marseille gab sie ihnen
Opiumzigaretten, sie wirkten nicht und sie mute das Experiment
vertagen. Inzwischen hatte Ritch eingesehen, da der Kapitn gewisse
Eigenschaften, die ihn auszeichnen mten, ebensowenig besa als
Schlssel.

Dieses Glas, sagte Sir Davis eines Tages vor der Stahlkabine, mu
eine luftleere Fllung besitzen, sonst wre das Gestein nicht zu sehen.
Zehn Jahre auf dem Ozean, sagte der Kapitn, und es interessiert Sie
nichts mehr als eine Frau. Aber, sagte Sir Davis, deshalb vermag
doch ein gewisses Quantum Luftleere zwischen dem Glas sich zu befinden.
Mglich, erwiderte der Kapitn und nahm eine Pfeife in den Mund und
pfiff, ich kmmre mich nicht darum. Diese Hoffnung ging fr Grace
verloren. Ritch verschaffte ihr aus dem Zimmer des Sekretrs den
Schlssel, nachdem sie ihn narkotisiert hatte. Man war vor Lissabon, die
Wrter hatten ein Mittel im Bauch, das sie wie Kltze liegen lie. Der
Dampfer hatte schon angelegt und sollte am nchsten Tag nach Rotterdam
fahren.

Das Mdchen trug einen schwarzen Ledermantel mit einer hnlichen Mtze.
Als sie den Schlssel umdrehte, der nach einer besonderen Weisung
gedreht werden mute, brach er ab. In dem gleichen Augenblick sah sie
einen furchtbar aussehenden Mann eine Tr aus der gegenberliegenden
Wand herausdrcken und sich blitzschnell nach dem kleinen rot
ausgeschlagenen Sarg hin bewegen. Ehe er zugriff, scho Lady Grace
einmal in das Glas. Es war nicht luftleer gefllt und die Kugel prallte
ab. Den zweiten Schu gab sie in das Schlo, die Kugel drang ein, blieb
aber stecken.

Zwischen den beiden Schssen sah sie pltzlich von der Decke einen
Matrosen herabstrzen. Dieser Mann war ohne Zweifel schn und bei
anderer Zeit htte man ihn bewundert. Er hatte eine klare weie, fast zu
hohe Stirn, was seinem Kopf eine Bedeutung gab, die etwas zu stark war
fr die banale Schnheit seiner Mund- und Augenpartien. Die Nase war
nicht gerade edel, aber stolz genug, die brigen Gesichtsfehler zu
beherrschen und einheitlich zu machen. Seine blauschwarzen Haare setzten
mit einem Halbbogen wie bei Jdinnen an und waren tief und lang
zurckgestrichen. Dieser Mann, der eine Spur zu gewandt war, um nicht
weichlich zu wirken, griff nach der Kette. Es war zweifellos, da er
kein Matrose war.

Capt. Pound rollte die Augen, als ob er sterben wolle. Dieser Mann war
George Good, sein Partner, der ihm die Beute abjagte und den er nicht
berhren durfte, solange dieser nicht einen Verrat beging. In diesem
Augenblick, den ihre Pupillen sich ineinanderbissen, griffen beide nach
der Kette, es ward dunkel. Man strzte auf die Schsse herbei. Da man
den Eingang durch die Kugel versperrt fand, mute die halb wahnsinnige
Grace den Eingang von der anderen Seite erklren. Man fand, wie sie
gesagt hatte, durch Capt. Pounds ehemalige Kabine keinen Eingang, kam
jedoch durch ein Loch ber den Schornstein herein.

Ein Mann, der tagelang mit einer Rauchmaske gearbeitet haben mute,
hatte mit einer Unmenge Sure den Stahl zerstrt. Im Innern fand man die
Mechanik der Klapptre, aber man kam nicht weiter, da die ffnung nach
dem Korridor und Pounds Kabine nur durch ein seltsames System von Druck-
und Klopfbewegungen herzustellen war. Die beiden Mnner muten durch den
Schornstein geflohen sein. Mittlerweile hatte Lady Grace jene Klte
angenommen, die unbegreiflich ist, wenn man sie vorher kannte.
Laternen schrie sie sofort, whrend die anderen noch untersuchten,
Davis ins Ohr.

Sechsundzwanzig Jahre, flsterte der alte Seigneur, als er die
Blendlaternen rollen lie, aber das Genie eines Feldherrn. Sie
entdeckten zwei Boote und folgten mit einem der kleinen Motore, die
heruntergelassen waren. An der im glatten Hafenwasser noch stehenden
Furche sahen sie, da sie einen Motor vor sich hatten. Auf der
Verfolgung hrten sie Ruderschlge. Sir Davis, der einen Scheinwerfer
bediente, richtete ihn nach der Seite. Sie hatten zwei Matrosen bei sich
und schossen durch ein Gewirr von Dampfern. Die Ruderschlge gingen nach
der Seite und sie sahen einen Kahn, der, von einem Tollen gerudert,
gerade an einem Segler anlegte. Sie schossen hinber.

Bei ihrer Ankunft hatte der Mann sich an Bord begeben; indem er einen
ganz unglaublichen Sprung, aufs Ruder gesttzt, gemacht und ein Tau
erreicht hatte. In diesem Moment zog einer der Matrosen Lady Grace bei
Seite, bekreuzigte sich und hob den Daumen in die Hhe. Sie erkannten am
Wimpel, da das Schiff die Pest und das gelbe Fieber hatte. Sie hatten
sich dem Quarantne-Schiff genhert. Grace war auer sich. Sie warfen
den Motor herum, fanden die Spur des anderen und folgten, sie sahen das
Motorboot lediglich an einer Mole treiben. Als der Matrose auf das
Fieberschiff sich schwang, hatte Lady Grace ihn erkannt.
Photographiere zischte sie und Ritch fate ihn mit einer wunderbaren
Magnesiumflamme.

Der eine Matrose hatte ihn ebenfalls erkannt. Capt. Pound, sagte er zu
sich, war an Bord. Wir waren nicht allein. By Jove, er hat bestimmt,
auch wenn es das erstemal ist seit Cuba, Grnde, sein Bein
zurckzulassen. Er tuschte sich. Es war vielleicht der verrckteste
Erfolg, den Pound in seinem Leben hatte, als er sich mit seinem Bein
unterm Arm auf das Fieberschiff schwang, das er vor Wochen nicht
verlassen durfte und von dem der unerschreckbare Bursche nach drei Tagen
ans Ufer schwamm.

Lady Grace schumte vor Wut. Dieses junge Mdchen war von der Pranke des
Geheimnisses erfat wie ein Schtiger von dem Mond, der ihn verzaubert.
Sie zermarterte hinter der glatten ruhigen Stirn ihr Hirn, man htte sie
nach dem Namen ihrer Mutter fragen knnen und sie htte mit der Antwort
gezgert. Sie bebte vor Zorn, da sie besiegt war und verstand diesen
Zustand hinter einer Vernunft zu verstecken, die eigentlich Mathematik
ist.

Ein junges Mdchen, das vor Leidenschaft beginnt, ihre Chancen zu
berechnen, ist in der grten Gefahr, weil sie ein frchterlicher Gegner
geworden ist. Sie treibt die Waffen der Feinde zur abscheulichsten
Grausamkeit. Ich habe, sagte sie sich, Ritch, die fr mich zu sterben
bereit ist und Mittel. Dazu zhle ich Davis. Er ist ein Gerippe, aber
dieses Gerippe ist ehrgeizig auf seine Mnnlichkeit, darum wird er
unendlich treu sein. Im brigen werden wir sehen, und sie bi sich auf
die Lippen mit einem Ausdruck, der htte sagen knnen, sie meine das
Leben ihres Vaters.

Man wird diesen Zustand der Leidenschaft nur begreifen, wenn man immer
daran festhlt, da, wenn das Hllische in ein so reines Gef fllt, es
smtliche Kraft zu allen guten Handlungen, ja selbst die zrtesten und
unausgesprochensten Gefhle zu einer unglaublichen Energie
zusammenbindet. An Hand der Photographien erfuhr sie in kurzer Zeit, da
Pound in Lissabon war. In Lissabon findet man jemand, den man sucht,
leichter bei Nacht als am Tag. Auf der Placa do Commercio kauft man um
Mitternacht nicht nur Tnzerinnen, sondern auch Gemse. Dies Volk der
Weltentdecker hat eine bezaubernde Art, seine Vergangenheit auf den
Banknoten zu verherrlichen, die sie mit einer solchen Leichtigkeit
ausgeben, da die Geschfte gentigt sind, die ganze Stadt nachts zu
illuminieren. Hier luft, whrend in den Variets Quadronen und
Mestizinnen tanzen, die Hochbahn wie auf Seilen durch den Sternhimmel,
die Motorrder brausen vorber, und wer auf einem zweispnnigen Wagen
oder einem Auto oder Sattel sitzt, schwenkt den Hut, um die Damen auf
der Avenida in ihrem Korso zu begeistern, wenn sie zu einer ihrer
heibltigen Beichten gehen, zu denen die Kirchen die ganze Nacht offen
stehen.

Lady Grace vermutete, da es leicht sei, in diesem Tollhaus die Spur
eines Mannes zu entdecken, den sie berauben oder zum mindesten
bertlpeln wollte. Sorge machte ihr lediglich der Gedanke an jenen
Matrosen, von dem sie nicht annehmen konnte, da er Pounds Gehilfe war,
da er gezittert hatte. Auch war ihre gemeinsame Flucht diejenige von
Gegnern. Sie fhlte, da sie diesen Mann nicht gengend bei ihren Plnen
bedachte.

Sie machte trotzdem den Fehler, den imposanteren Mann fr den
gefhrlicheren Partner zu halten, in den eigentlich nur Frauen fallen,
die geliebt haben. Sie bedachte nicht, da George Good sie gesehen hatte
und sie von seiner Seite beobachtete.

Good, der auf eine glnzende Weise den Capt. bertlpelt hatte, indem er
auf dessen Schiff sich aller Energieaufwnde Pounds bediente wie die
Parasiten, die in der Gestalt von Vgeln im Mund der Krokodile
Sicherheit und Nahrung haben, um damit den Capt. zu betrgen, war ohne
Zweifel vorderhand der geschickteste Feind. Er war der elegantere, das
heit der klgere. Seine Weichheit erlaubte ihm, auf Brutalitt zu
verzichten, aber die Rohheiten seines Partners durch seine Intelligenz
auszunutzen. Er war eine jener glcklichen Naturen, dem diese Abenteuer
dennoch ein, wenn auch glnzendes, so dennoch begrenztes Spiel da noch
blieben, wo die anderen schon Fanatiker und damit gebunden waren. George
Good beobachtete noch, wo Pound schon schumte.

Als er im Augenblick der Schsse, die Grace abgefeuert hatte, ihr
Gesicht, da er tglich beobachtete, sah, war ihm die Leidenschaft
dieser Frau noch nicht klar. Er war entfernt, eine Besessene in ihr zu
sehen, aber zu intelligent, einen so ungewhnlichen Vorgang mit einer
Liebesangelegenheit zu verquicken. Da er Lissabon an dem ersten Tag
nicht verlassen konnte, reizte es ihn, das Geheimnis der Frau
auszukundschaften. Er ging dabei in seine eigenen Netze. An diesem Tage
wurden zwei Dutzend Offiziere der Marine verhaftet und der Hafen
gesperrt.

Good hatte in einem Kasino masqu beim Chemin-de-Fer-Spiel Grace
gesprochen und ber die Halbmaske mit ihr Worte zu wechseln versucht.
Sie hatte sich umgedreht, da sie ihn nicht erkannte und mit ihrem
Hochmut den Mann gereizt. Er hatte in ihrem Hotel Wohnung genommen. Es
gelang ihm, eine Sekunde in ihr Zimmer einzudringen. Zu seinem Unglck
sah er sofort das Bild des Capt. Pound und hielt sie fr Pounds
Geliebte, ohne zu ahnen, da jeder Detektiv Lissabons dieses Bild in der
Tasche trug. Er fhlte sofort, da er Pound unterschtzt hatte, der mit
solchem Aufwand vorging und reiste dahin, wo man ihn am wenigsten
vermuten konnte, nach Rotterdam.

Grace hatte natrlich das Fieberschiff umstellen lassen und Spitzel in
der Baracke, durch welche die Gesundeten in Quarantne gingen. Da sie
Geduld noch nicht zu ihren Waffen zhlen konnte, machte sie sich auf
einen Einbruch in das Schiff bereit. Hier konnten ihr weder Davis noch
Ritch zu Diensten sein, sie sandte sie weg. Davis hatte ohne Zweifel
soviel in seinem Leben nicht flaniert. Wenn sie, sagte er sich, meine
Augen ruiniert, wird sie mir gestatten mssen, sie mit den Hnden zu
befhlen. Praxiteles soll im Alter auf hnliche Weise die Schnheit
wahrgenommen haben. Im brigen war dieser Geck bis zur
Besinnungslosigkeit treu. Da sein Verstand sich vollkommen auf den
Dienst bei jungen Frauen eingestellt hatte, war ihm das Bewutsein des
tieferen Sinns aller Vorgnge abhanden gekommen. Sein Verstand arbeitete
wie die Vernunft der Setzer, die ein Wort aber nie einen Satz im
Gedchtnis behalten. Er war vielleicht der geschickteste Detektiv, weil
fr ihn schlielich jeder Mann ein Konkurrent war und nur der Hahn das
beste Gehr fr jenes siegreiche Kikeriki eines anderen besitzt, das
noch kaum angestimmt ist.

Als Grace sich zu dem furchtbaren Schritt entschlo, sich durch eine
reichliche Bestechung an das Fieberschiff fahren zu lassen, erfuhr sie,
da Pound an Land sei. Eh weiteres bekannt ward, sprach erst sie dann
Davis mit Good. Grace hatte ihn verachtet.

Die Maske hatte Davis eingeholt: Diese Dame, sagte sie ihm ins Ohr,
knnte eine Prinzessin sein, denn sie ist sehr stolz. Vermutlich kann
sie eine Brgerin sein, denn sie setzt so hoch, wie Aristokraten es
nicht tun wrden, die den Reiz des Geldes schon zu lange kennen, um es
so unsinnig auf die Kante zu setzen. Aber ich wette, sie vermchte auch,
nachdem ich ihre Augen gesehen habe, die Geliebte eines Piraten sein,
der eine Kanonenkugel von achtzehnhundertsiebzig als Kopf, einen
Boxhandschuh als Herz, eine Leber an Stelle der Nase und als Charakter
ein Stelzbein hat. Dies erste erwiderte Davis ihm, ist sie nicht,
aber sie kann es jeden Tag sein. Der zweite Verdacht stellt Ihren
Scharfblick so in Frage, da man zweifeln mu, ob Sie ein Edelmann sind,
so da daher leider fr die dritte infame Frage Sie von Sir Joshua Davis
nicht zur Rechenschaft gezogen werden knnen. Der alte Geck benahm sich
wie ein verliebter Franzose und lie den Maskierten stehen, nachdem er
sich aus Eitelkeit verraten hatte.

Zwei Stunden spter war Good im Hotel. Den Tag nach ihm reiste Pound ab,
der ihn beobachtete. Vielleicht, sagte sich Grace, ist auch Good
hinter Pound hergefahren, als Ritch ihr erzhlte, da sie Good auf dem
Gang in dem Moment angetroffen hatte, wo er wie durch Irrtum ihre Tr
ffnete. Auch Davis erinnerte sich an den Mann, mit dem er gesprochen
hatte. Diese Personen, die nach Graces Angaben suchten, hatten alle
durch ihre Fehler nur das Wesen Pounds zu entziffern gesucht in dieser
Stadt, die sie wie ein Karneval berfiel und Good nicht beachtet. Grace
richtete sich auf beide nunmehr ein, nachdem sie eine Niederlage von
demjenigen erhalten hatte, den sie verachtet hatte. Sie hatte nunmehr
seine Witterung.

Sie folgte bis Rotterdam. Welcher von beiden hat die Kette? fragte sie
sich in zwei Nchten, die sie im Zug verbrachte. Wer verfolgt und wer
wird gejagt? Ist das ganze Arrangement gar eine Tuschung? Vielleicht
fhrt sie ein Dritter weg, whrend ich hinter diesen beiden her bin?
Genug, endete sie jedesmal mit seltsamer Gelassenheit, sie ist da, ist
geraubt, sie mu zu finden sein. Das hie, da sie an ihre Mittel und
ihre Leidenschaft glaubte. Sie war derart besessen, da sie vollkommen
berlegen war.

Woher, fragt man, besa dieses Mdchen, das vor drei Wochen die
behtetste Erbin in York war, die Kenntnis dieser Welt, diese
Erfahrungen, die einen Abgrund an Lastern voraussetzen, jene
ungewhnliche Sicherheit, die nur groen Kokotten oder alten Lebemnnern
eigen ist? Diese Frage erledigt eine Tatsache: ihr Genie. Die Tradition
einer alten Familie hatte in ihr alle Fhigkeiten, der Welt gegenber
sicher zu sein, so vorbereitet, da im Augenblick, wo sie innerlich
entflammte, sie wie durch ein Geheimnis die Erfahrungen bersprang und
aus dem Genie ihres Instinkts heraus alles beherrschte. Ihre
Besessenheit gab ihr die berlegenheit ber die Ideen des Lasters und
Verbrechens ebenso zu gebieten, wie sie es ber diejenigen der Tugend
und der Mdchenhaftigkeit getan htte. Sie hatte sofort und ohne
Probezeit den Schritt vom nichts zur Vollkommenheit getan.

Ungeschickterweise setzte man sie in Rotterdam auf eine falsche Spur. Es
schien, als solle sie nicht aus der Eisenbahn herauskommen. Sie fuhr
diesmal hinter Good her bis Warnemnde, von wo dieser nach Dnemark
bersetzen sollte. Diese Nachricht kam von einem Pabureau und zu ihrem
Unglck prfte sie sie nicht genauer. Sie verwirrte die Fden damit ins
Unendliche. Die drei Hauptspieler dieses Stckes hatten sich bereits
derartig eingekreist, da es kein Entrinnen mehr gab. Da einer immer den
anderen beobachtete und mindestens vom Aufenthalt eines der drei auf dem
Laufenden war, trafen sie sich stets zusammen und hingen mit
unsichtbaren Ketten einer Leidenschaft aneinander, die ungeheuer war,
aber deren Gefhle sich aufs schroffste unterschieden.

In der Tat reiste George Good nach Warnemnde, aber ohne Pa, und erst
nach Lady Grace. Pound, der erfuhr, da Good hinter einer Frau nach der
Ostsee fuhr, erlitt einen Wutanfall. Nach der Beschreibung war kein
Zweifel, da es sich um jenes Weib handelte, das er tagelang durch sein
Scherenfernrohr an dem Glas seiner Stahlkabine gesehen hatte. Er brachte
es mit seinem Hereinfall zusammen und schlug die Zhne aufeinander vor
rger. Er zweifelte nicht daran, in dieser Frau Goods Helferin und
Geliebte zu sehen und war bereit, ihnen einen furchtbaren Streich zu
spielen. In diesem Fall vereinte der Zufall, auf den zu setzen ein
Wahnsinn, den nicht zu bedenken ein noch grerer Unsinn ist, die zwei
Mnner und die Frau, welche zu folgen glaubte, aber die Gejagte war.
Angekommen, erreichte sie es, das Zimmer des Mannes zu sehen, hinter dem
sie herzusein vermutete.

Einer jener seltsamen kleinen Zuflle, die scheinbar Beweise sind, lie
sie ein halbgerumtes Zimmer sehen. Da die Fhre ausgeblieben war, hatte
der Mann das Stations-Flugzeug genommen und sie sah dieses am Horizont
noch niedergehen. Sie verfolgte das Wasserflugzeug, das eine Panne
hatte, mit einem Kstenmotorboot, einem abscheulichen plumpen Kahn, der
sie halb tot puffte und erreichte es, als der Passagier von einem der
Hochsee-Fischerboote aufgenommen wurde, die drei Masten haben und wie
eine Arabergasse stinken. Dieser Herr aber, den sie an Reeling rufen
lie, hatte nicht ntig, ihr die Grnde seiner Eile anzugeben, denn sie
hatte dieses Gesicht auch im Traum noch nicht gesehen.

So kam es, da, als sie nach Rotterdam zurckfuhr, ihr Schlafwagen die
Zge kreuzte, in denen zuerst Good, dann Pound an ihr vorber nach der
Ostsee sausten. Keiner Betonung bedarf es, da beide ihr wieder folgten.
Dabei erlitt Good eine Schlappe, weil Pound ihn dem Zoll denunziert
hatte und ihn durch eine scharfe Kontrolle laufen lie. Da man nichts
fand, konnte er triumphieren, aber er mute diese Visitation einer Macht
zuschreiben, die ihn berwachte. Er machte hier seinen grten Fehler,
denn er begann Pound zu hassen, auf dessen Geliebte er die Schuld seiner
Kontrolliertheit schob, und verlor damit seine Sicherheit. Der Ha schob
die beiden Spieler der Leidenschaft auf einer Ebene nah zusammen, auf
der es kein Entweichen mehr gab. Als George Good am Bahnhof Muiderpoort
in Amsterdam ankam, war er tief in das Netz eines Hasses geraten, der
ihm nur einen Ausweg lie, den verderblichsten. Er hatte sich mit dem
Bild jener Frau, die er mit Pound dauernd zusammenbrachte, so heftig
beschftigt, da ein Mensch von seiner Schnheit und Gewandtheit sich
glhend in sie verlieben mute. Er begehrte dieses Mdchen pltzlich mit
einer Wildheit, die ihn unfhig machte, seine Klugheit anzuwenden.

Er wre vernichtet worden durch diese Leidenschaft, wenn nicht Capt.
Pound von einer anderen Leidenschaft ergriffen worden wre, die so
finster war, da sie ihn fast erblinden lie. Dieses Stelzbein, das noch
nie geliebt hatte, war unfhig zu begreifen, da eine Frau schlielich
jeden Fehler bei Mnnern entschuldigt, die sie lieben. Das Leben dieses
Seemanns, der ein unerschrockenes und daher kindliches Herz besa, war
auf jene Treue gestellt, die berhaupt nur auf Mnner rechnet. Einen
Treubruch htte er nicht berlebt, und als eifrigster der Mitglieder des
Mgroz-Clubs htte er einen Abfall von seinen Gesetzen als ebenso toll
und verabscheuungswert angesehen, wie er in einer besseren Zeit den
bergang zum Feind von einer Front zur anderen verdammt htte.

Dieser Mann war aus dem Holz der Leute, die frher in ihre Fahne
gewickelt ins Meer gesenkt wurden, welche von ihren Knigen mibraucht
wurden und fr die Verfhrer ihrer Frauen starben und die jene Dummheit
der Treue besaen, mit der die Thermopylenkmpfer starben und welche die
bewundernswerteste Gre eines menschlichen Herzens ist. Fr Charaktere
seiner Art bedarf es Zeiten, die entweder selbst Gre besitzen oder zum
mindesten nicht von jenem Geist verseucht sind, der eine Nation
gescheit, aber charakterlos macht. Diese Treue und ein vortrefflich
geschultes Hirn gehen nicht zusammen, weil die Erde sonst vollkommen
genannt werden mte, was sie nicht sein darf, da sie dann als glhende
Gotteslsterung durch die Sphren jagen wrde. Capt. Pound war
berzeugt, da George Good der Frau zuliebe, die dieser wiederum fr des
Capt. Geliebte hielt, das Gesetz des Clubs verrate und das machte ihn
besinnungslos vor Rachgier. Auf diese Weise hatten die Gegner nichts
voneinander voraus.

Ihre Leidenschaften hatten sich verschoben und damit verschrft, ja sie
hatten sich zu einer Ungeheuerlichkeit entwickelt, die sie nicht mehr
aufeinander jagen lie, sondern sie zusammenprete auf den engsten Raum,
der ihnen mglich war. Sie suchten gegenseitig ihre Gegenwart, die sie
nicht mehr entbehren konnten. Das Rtsel der Kette schien fr alle auer
Lady Grace vllig in den Hintergrund getreten. Gewhnlich ist jede
Leidenschaft trgerisch, weil das unbekannte Gesetz, das sie beherrscht,
jeden Augenblick den Sinn zu wechseln vermag. ber den Verbleib der
Kette konnte es indessen nur einen Anhalt geben. Jener geheimnisvolle
Unbekannte, der die Geschicke dieser Menschen zu leiten schien, war
allein in der Lage, an den Frbungen seiner Uhr es abzulesen.

Lady Grace kam dem Zustand der Annherung entgegen. Es war soweit, da
ein Zusammentreffen fr alle am erfolgreichsten schien. Sie lockte die
Tiere ins Haus, von denen sie hren mute, da sie es umschlichen. Sir
Davis, sagte sie und richtete einen tiefblauen Blick auf ihn, da er
nervs zu zittern anfing, Sie erinnern sich des Mannes, mit dem Sie in
Lissabon auf dem Tajoball beim Kasino ber mich plauderten. Gehen Sie in
das Doelenhotel. Ist er da nicht, finden Sie ihn im Flora-Variet. Sie
werden ihn finden.

Davis fhlte die Notwendigkeit unter diesem Blick wie unter denen einer
Armee sich zu halten. Ihre sechsundzwanzig Jahre verlangen, da ich,
ehe Sie ihn sehen, ihn zur Rechenschaft ziehe. Er hat Sie beleidigt,
auch wenn er eine Maske trug.

Grace lachte und Ritch lachte mit ihr. Die Vorstellung, da Davis
fechte, war weniger komisch als die Grenadierpose, die dieser
knieschwache Lebemann angenommen hatte. Da er gutmtig war, lachte er
mit ihnen.

Auf, sagte Grace dann, indem sie die Stirn wieder ohne Bewegung hielt,
gehen Sie und vergessen Sie Ihre Ehre. Nicht alle Leute haben darin ein
so langes Gedchtnis wie Sie. Im Amstelroom kamen sie nach dem Theater
zum Speisen. Vollkommener als Davis htte niemand diese Zusammenkunft
arrangieren knnen. Sie war vollendet in ihrer Zuflligkeit und brillant
durch die Liebenswrdigkeit, mit der man sich voneinander versteckte.

Als Good zum Tee bei Lady Grace erschien, wurde er durch einen
offenbaren Zufall in ein falsches Appartement gefhrt, der Sessel, in
dem er Platz genommen hatte, fiel nach hinten und schraubte ihn an
Hnden und Fen fest. Offenbar wurde er hinterher betubt und
untersucht. Als er zu sich kam, blickte er in das Gesicht von Ritch, das
ohne Ausdruck war. Er befand sich in einem anderen Zimmer. Kurz darauf
erschien Grace. Er konnte sein Mitrauen kaum hinter seiner Gewandtheit
verbergen. Die Stirn dieser Frau war ohne Trbung. Sie war von einer
Hflichkeit und einer Wrde, die ihn bezauberten, je strker er hinter
ihnen die Einfalt eines ausgezeichneten Herzens entdeckte. Diese keusche
Frau, deren Formen unnahbar waren, htte keinen Gedanken fassen knnen,
der nicht vollkommen war.

Als er ihre Hand zum Abschied fate, verlor er zum erstenmal die
Besinnung. Er strzte auf seinen Stuhl zurck. Ein unerhrtes Zittern
berfiel ihn, bis er die Augen fest gegen die von Grace richtete, die so
hell waren wie der Himmel. Dieser aufs wildeste erschtterte Mann hatte
ihre Hand am Druck erkannt. Es gibt keine narkotische Betubung, hinter
der nicht die Leidenschaft des Mannes heraus Wege in das Leben findet.
Die Hnde, die ihn narkotisiert hatten, waren von einer Sigkeit und
Unerbittlichkeit, da sie ihn besinnungslos machten, als er sie im Leben
umfate. Dieser Spieler war zum zweitenmal besinnungslos, aber von einer
Wollust, die ihn bis zur Raserei durchstrmte. Es wre ihm frher
unmglich gewesen, eine Frau sich vorzustellen, die einen Engel Philippo
Lippis mit der Gestalt der Judith vereinigte. Von diesem Augenblick an
war er ihr ebenso verfallen, wie sie ihn verachtete.

Die Unerbitterlichkeit dieses Mdchens fr ihren Spleen war viel hrter
als die der Mnner. In den folgenden Wochen, die den Inhalt eines
Detektivjournals fllen knnten und von beispielloser Grausamkeit der
Ideengnge erfllt waren, aber langweilen wrden, weil sie die
Charaktere nicht deutlicher, aber ihre Taktik auch nicht klarer machen
knnten, lie sie ein Instrument bauen, das beweist, da das Mdchen
wahnsinnig oder vollkommen verndert war. Sie lie es in ein Landhaus
bringen, das Davis gemietet hatte, und welches ein groer Garten
umschlo. Es lag weit genug ab von einer Strae, um isoliert zu sein,
ohne aus den Parkavenuen herauszufallen. Die Rume, die Capt. Pound und
Good bewohnten, hatte sie mittlerweile verschiedentlich untersuchen
lassen. Sie hatte eine kleine Armee von Verbrechern im Dienst, die
teilweise fr sie rekognoszierten oder sie schtzten. Es war fast ein
Sport, bei sich einbrechen zu lassen, um den anderen eine Falle zu
stellen.

In der Tat hatte Grace versucht, Good nicht mehr zu sehen, sie konnte
ihn jedoch nicht vermeiden. An diesem Gletscher von einer Frau geriet
der Junge in eine Glut, die ihn wie einen Verrckten herumrennen lie.
Er schien an manchen Tagen geistesabwesend, wenn er nicht gemurmelt
htte wie ein Shakespearischer Narr. Dies waren Beweisstcke fr Capt.
Pound, da George Good ein Verrter war. Was ihn veranlate, der jungen
Englnderin in die Falle zu gehen, war, da Good pltzlich vllig
verschwand. Es war Pound unmglich, ein Lebenszeichen von ihm zu
erhalten.

Das hing damit zusammen, da George Good an einer Melancholie erkrankt
war, die das uere Zeichen eines furchtbaren Kampfes ist. Er begann
zertrmmert zu werden unter der Neigung zu Grace, der sich seine
Mnnlichkeit entgegenstellte, die sich an die Gesetze des Clubs
klammerte, welche ihm allerdings einfltig erscheinen muten, wo er
wirklich liebte.

Er war dieser Frau so verfallen, da er frmlich unter dieser Neigung
zerfiel. Darf ich Sie, sagte Sir Davis bei Tisch zu ihm, junger Mann
darauf aufmerksam machen, da man das uere an den Austern in England
entfernt. Good starrte den nackten Vogelschdel so geistesabwesend an,
da alle lachten. Good, der nichts verstanden hatte, fate sich und
sagte mit bewundernswertem Instinkt: Well Sir. Doch sagte man, der
Kondor lasse sie auf die Felsen fallen, um sie nur ffnen zu knnen,
und warf einen eisernen Blick auf Grace, die bei dem Wort Kondor
lchelte.

Hier vermochte Sir Davis ein Lcheln nicht zu verbergen: Dies, sagte
er und senkte den trockenen Diplomatenkopf, ist in der Tat wahr.
Zehntausend Dollars dem Kater, der das gleiche vermchte. Bei dieser
Antwort wurde Good fahl und fiel vom Stuhl. Den Armen htte seine
Leidenschaft fast zum zweitenmal gettet.

Der Satz des alten Rous war eine Rohheit, die selbst seine gedrechselte
Sprache nicht verbarg. Er spielte darauf an, da man Good in letzter
Zeit den Garten hatte abends umschleichen sehen. Selbst einem Blinden
wre aufgefallen, da der Anla keineswegs ein krimineller war. Sie
werden ein Stndchen erhalten. Werfen Sie Baldrian in den
Nebengarten, hatte Grace gesagt. George Good war bei dem Satz, den er
am Fenster vernommen, seinerzeit zusammengezuckt.

Als er nun eine Anspielung hrte, war er unter der Erkenntnis der
Hoffnungslosigkeit seiner Bemhungen zusammengestrzt.

Er lag seit einigen Tagen nun in einem apathischen Zustand in einem
Parterrezimmer von Graces Landhaus. Sie war so davon berzeugt, da er
die Kette nicht besa, da sie diese Gunst des Zufalls nicht einmal
ausnutzte, bei ihm nachsuchen zu lassen. Zu ihrem Glck gelang es ihr,
dadurch den Capt. auf ihre Spur zu bringen. Er sah ihr Gesicht zuerst im
Spiegel eines Ladens an dem er stand, sprang in einen Wagen und folgte
ihrem Auto in einer Versessenheit, die er nicht mehr bndigen konnte. Er
nahm an, da sie Good bei Seite geschafft habe und hatte die Kraft, den
Toten noch zu hassen, was ihn nicht hinderte, ihn rchen zu wollen. Die
berlegungen der Redlichen sind von bezwingender Heiterkeit, wenn die
verschiedenen Ergebnisse einer konsequenten Treue sich zu komplizieren
beginnen und beweisen, da die hchste Treue nicht ein Gesetz, sondern
das mit allen Gesetzen harmonierende Gefhl ist. Mit welcher Schnheit
ist Treue verklrt, wenn sie die Anmut eines reinen Herzens krnt. Den
Fahnentrger eines Ruberhaufens der Treue vermag man hchstens zu
schtzen, weil er unerbittlich ist, aber zu einfltig, um ber der
Anhnglichkeit auch den Sinn der Moral zu erkennen, fr die er sich
hergibt.

Als er mit seinem Wagen einfuhr in den Park, entschlossen, ans uerste
zu gehen, erlag er dem Paroxysmus seines Blutes. Ein Diener wie aus
Marmor, einer jener Domestiken, die aus den Zeiten Sullas und Vespasians
stammen, die nie sprechen, sondern vor der Schaurigkeit des, was sie
sehen mssen, Eisberge der Khlheit geworden sind, wies ihn mit einer
stummen Gebrde auf eine Tr. Gleichzeitig meldete er mit einer Stimme,
die vor Entwhnung von der Hohlheit eines Grabes geworden war: Lady G.
P. erwartet Sie zum Lunch. Ehe Capt. Pound sich fassen konnte, sah er
ein Ruhezimmer um sich, auf dem in der soigniertesten Weise ein
Abendanzug aufgelegt war. Es fehlte keine Kleinigkeit, sogar die
Seidenstrmpfe gingen ber das Knie. Diesem wilden Scherz ergab sich
selbst der Held von Cuba.

Er fhlte eine Falle, aber die Unverfrorenheit reizte ihn so, da er
seine Brutalitt zurckschob. Hallo, murmelte er, als er bemerkte, da
das Abendjackett keine Taschen hatte, Windstrke zehn, Capt. Pound. Er
pfiff vor sich hin, als ein Page mit einem Gong den Korridor entlang
lief. Er folgte ihm, kam durch eine Menge Zimmer und wartete an einer
Tapisserie. Pltzlich machte er einen Sprung und lief denselben Weg
zurck, lief, als wolle er sein Leben retten. Durch eine
Unvorsichtigkeit des Chasseurs, der die Tr hinter ihm schlieen sollte,
geriet Ritch in eine Falle. Er berraschte sie beim Untersuchen seiner
Taschen, warf sie, obwohl sie ein Weib war, an die Wand. Sie hatte
nichts gefunden, aber der Capt. brllte nun vor Wut. Wie der Stier, in
dem allerdings ein Gott sa, der Europa entfhrte, jagte er die Mestizin
durch den Garten und eine Terrasse herauf. In diesem Zimmer hatte Grace
die Absicht, ihm entgegenzutreten, der Stier warf ihr Programm ber den
Haufen. Sie zeigte, da sie auch dem gewachsen war.

Der Auftritt sollte lange dauern und krzte sich teuflisch ab. Geben
Sie Good heraus, schrie der Capt., als er sie sah und versuchte, nach
seiner Pistole zu greifen, fand aber keine Tasche, was ihn frmlich
berauschte vor Zorn. Grace gab ihm einen fragenden Blick, der ihn
vereiste. Dieser Blick wechselte, er war bald dunkel wie Samt, bald so
weiblau wie das Meer unter einem Gewitter. Dieses Auge hatte in beiden
Ausdrcken die Entschlossenheit eines Tigers.

Ich will es tun, sagte sie mit der mglichsten Einfachheit. Geben Sie
dafr die Kette.

Dies warf Pound in sich selbst herum, er war vor Erstaunen sprachlos.
Das Oranggesicht ber der athletischen Schulter war einfach geistlos,
selbst die Wildheit kennt einen Moment der Bestrzung, wo das Bse sich
vor der Dummheit kuscht.

Dann blitzte ein Plan in ihm auf, der das Verrckteste war, denn er
hatte die Kette holen wollen und nach Good gefragt. Nunmehr drngte ihn
seine Verblfftheit in ein primitives Rachegefhl: er versuchte, sich
dieser Frau zu bemchtigen. In diesem Augenblick erschrak er bis auf den
Rand der Lippen. Dieselbe Frau, die vor ihm stand, stand auch auf der
anderen Seite des Zimmers. Er fuhr sich mit der Hand ber die Stirn,
lief auf die eine zu, hielt ein, wandte sich nach der anderen. Auf diese
Weise waren beide verschwunden, als er sich erholt hatte.

Jonny Rumford, sagte er, als er die Terrasse herunterging, ich mte
jetzt drei Beine haben, wenn wir die gleichen Gespenster wren wie diese
da. Eins unter jedem Arm. Er tobte vor Zorn mit seinem Holzbein auf den
Stufen. Als er verschwunden war, lie Sir Davis Wolfsteller im Garten
legen und engagierte ein Dutzend neue Leute. Dieser Bursche war ihm auf
die Nerven gefallen. Er zuckte zusammen, wenn er an das Gerusch des
Stelzbeins dachte, das einem Englnder, auch wenn er ein Franzose sein
will, entsetzlich ist.

Auf Good hatte der Auftritt eine merkwrdige Wirkung. Er stand auf. Das
Gesicht dieses Mannes war vllig verndert. Es war heiter wie der Mond,
obwohl es hrter geworden war. Der junge Mann hatte einiges verloren und
anderes gewonnen, wie dies bei Leuten unter Dreiig hufig ist, wenn
ihre Seele sich unter Entschlssen ndert. Er war weniger hbsch und
langweiliger geworden. Dagegen waren seine Augen im Ausdruck besser. Im
Ganzen schien er verloren zu haben. Es ist seltsam, da junge Mnner
einfltiger wirken, wenn sie besser werden. Bei Frauen ist dies
unmglich, sie beginnen unter diesen Entschlssen mit jenem Licht zu
strahlen, das ihre erste Schnheit ist.

Der junge Mann hatte sich entschlossen, Grace die Kette zu bringen. Die
Liebe hatte ihn berwltigt zu einer Handlung, die die erste
leidenschaftliche seines Lebens war, aber sein Leben abschlieen mute.
Dieser Gedanke, da man ihn tten wrde und da er mit dieser
Mglichkeit immer gerechnet hatte, sie jetzt aber erst begriff, machte
ihn voll einer schmerzlichen Melancholie, die ihn wohl schn erscheinen
lie, aber mit einer Schnheit, die, anders als sein Geckentum, ihn von
innen heraus erhellte.

Der junge Mann, der lieben gelernt hatte, ohne da er wieder geliebt
ward, empfand einen tdlichen Schmerz, als er nach seiner Wohnung
schritt. Er wute, da nun alles vorbei war, aber er vermochte nicht
anders zu handeln. Die Bltter fielen um ihn nieder von den Bumen, er
htte weinen knnen, obwohl er seit Jahren den Tod herausgefordert
hatte. In einer stillen Strae fhlte er die Trnen. Das machte ihn
fassungslos, gab ihm aber eine Sicherheit des Schmerzes, die ihm die
Welt verdunkelte.

Dieser se Druck in seiner Brust war von sehr groer Kraft: Wenn er an
Grace dachte, empfand er jene Begeisterung, die bei wirklich erhabenen
Seelen auch den Tod verachtet, ja die um dieser Glut zuliebe den Tod als
hchste Erhabenheit herbeisehnt.

Dies hatte bei aller augenblicklichen Tppigkeit ihm einen Ausdruck
gegeben, der Grace neugierig gemacht hatte, sie war ihm durch eine
Parktr in einem Umhang Ritchs gefolgt und so den Spionen Pounds
entgangen. Dieser lie, nur von dem Gedanken der Rache getrieben, das
Haus umstellen. Er nahm keine Rcksichten mehr, weil das Bewutsein des
Geldes ihn vor jeder Torheit schtzte. Man vermochte sich auch damals
nicht zu denken, wenn man ein Einkommen von ein paar hunderttausend
Dollars besa, da es Gesetze geben knne, die tten. Er kam mit zwei
riesigen Autos an, strmte das umzingelte Haus, durchsuchte es nach
Good, den er nicht fand und stellte Ritch, die seine Faust bereits
kennengelernt hatte. Er fate sie, wie man Hasen anfat, und hob sie in
die Hhe.

Wo ist die Lady? herrschte er sie an. Ein teuflischer Blick der
Negerin traf ihn. Schonen Sie sie, wenn Sie ein Gentleman sind, schrie
sie und schlang, whrend sie die Portiere aufri, einen groen schwarzen
Shawl um ihre Gebieterin. Marsch, schrie Capt. Pound, und da die
vllig zusammengebrochene Frau ihn irgendwo verwirrte, stampfte er mit
dem Holzfu wie ein Verrckter auf den Boden. Sein eleganter
Athletenkrper mit dem verwsteten Gesicht sah aus wie ein Teufel, den
einer der jungen Maler dieser Zeit geschildert hat, die von der Natur
verflucht waren, die Dinge in hllischen Verzerrungen zu sehen. Er hielt
die Pistole immer wieder zur Seite nach rckwrts und beobachtete beide
mit einem flackernden Auge.

Marsch, schrie er heiser in den Wagen, und er stampfte vor, weil er
sich frchtete, entweder zusammenzubrechen oder schieen zu mssen. Er
war vllig verstrt und nur von dem Gedanken wie von einer Biene, die
sein Hirn durchsummte und deren monotoner Ton ihn verrckt machte,
gefllt, diese Frau in die Hand zu bekommen. Die Javanerin warf ihm
einen verschleierten Blick zu, als sie mit ihrer Lady einstieg. Die
Wagen waren geschlossen, Grace war wie eine Betrunkene getaumelt. Der
Capt. beobachtete sie mit funkelnden Augen. Grace sa mit der Starrheit
des Todes und schenkte ihm keinen Blick. Sie schien bei jedem Sprung des
Wagens zusammenfallen.

Diese Fahrt war eine abscheuliche Qulerei. Pound schien das zu
bedenken: He, brllte er pltzlich, Lady, ich bin dafr, da Sie
meinen Platz tauschen. Sie beachtete ihn wie einen alten Schuh. Der
Soldat war diese Rache einer Feindin gewohnt und schwieg. Nach einer
Weile versuchte er einfach die Lady herberzusetzen. Er sprang auf und
schrie so toll, da der Chauffeur ihn gehrt haben mute. Er hielt eine
Puppe in der Hand. Sie war Grace mit bewundernswerter Kunst
nachgebildet.

Capt. Pound mute den Verstand verlieren oder sich befreien. Er verlor
den Verstand eine Sekunde, das Blut verlie seine Schlfen und er
zitterte, wei wie Wachs, mit geschlossenen Augen. Dann sagte er kalt:
Ich werde mich berzeugen, ob du aus derselben Wolle gemacht bist und
scho viermal in Ritchs Krper, wo dieser dem Kapitn des Leviathan am
kstlichsten erschienen war. Diese Schsse waren nicht tdlich, aber sie
verunstalteten, was schlimmer ist. Es gibt Schsse, die das Herz oder
die Lunge durchbohren und die ein unglaublicher Wille berwindet. Manche
geringfgige Blessuren haben den Tod sofort hinter sich her. Capt. Pound
begab sich in das andere Auto. Das seine drehte, mit Hilfe der Leute,
die er bezahlte, ward Ritch in das Landhaus getragen und starb in Graces
Armen, als sie zurckkam.

Der Tod hat eine lsende Kraft fr junge Menschen. Er befreit sie von
jenen ngsten, die ihre Klarheit verbittern, er bringt sie zurck bis an
die Schwelle ihrer Jugend, die die reinste Zeit eines Lebens ist, er hat
die Ungeheuerlichkeit einer shnenden Kraft, die beispiellos ist, weil
sie blind ist. Nur das Leben ist ngstlich, weil es verwirrt ist. Der
Tod ist von einer Reinheit und Gre, deren Horizont sich unvergelich
aufschlgt und ordnet. Das Furchtbare des Todes empfinden nur die
Verstockten, der Anblick des Todes ist fr die Verirrten das erhabenste
Erlebnis. Es ist der Freude ebenso nahe, wie der Schmerz ein Bruder der
Liebe ist. Am Lager eines Toten herrscht die Harmonie, welche mit der
Majestt der Liebe gesegnet ist.

Als Grace von dem Lager Ritchs zurcktrat, die fr sie gestorben war,
trat George Good herein. Er ging fast gebckt aber mit der Heiterkeit
der Leute, die wissen, da die Kugel fr sie geladen ist. Er schreckte
zusammen, als er eine Frau sah, die er kaum kannte. Sie trat ihm wie
eine Frstin entgegen, die beleidigt ist, aber so verziehen hat, da
alles an ihr schumt vor einer kalten Gte, deren Entscheidungen ihn
verdammen muten, auch wenn sie segnen.

Er trug die Kette auf beiden Hnden, fr die sie keinen Blick hatte. Sie
winkte ihm. In diesem Augenblick strmten ihm die Trnen aus den Augen.
Das Glck dieses Augenblicks war das grte seines Lebens. Sie winkte
noch einmal, er ging langsam zurck. An der Tr steckte er die Kette
ein. Es rettete sein Leben, aber an dieser Wunde ging er zugrunde wie
jener Prinz, dem ein Affe ein Stck aus der Brust gebissen, und der kein
Fleisch hatte, die Wunde damit zu nhren. Dieser Prankenhieb schlug die
Sehnsucht in ihm frei, und er litt mit dem Ma, mit dem er sie nicht
gekannt hatte und nicht befriedigen konnte, nach diesem Erlebnis. Dieser
junge Mann, der nie besiegt worden war, gewann sein Leben, aber die
Liebe sa wie der Tod in seinem Herzen, das heit, er ging verklrt aus
diesem Haus, wie ein Wahnsinniger, vom Blitz gerhrt von Glck, bis zur
Besessenheit von Liebe beladen, die er kaum tragen konnte ...

Sechsundzwanzig Jahre, sagte Sir Davis, als sie drei Tage spter ber
den Kanal fuhren, und soviel Erlebnisse, da man ein Jahr davon
erzhlen knnte, und man mu darber schweigen, welches Verhngnis.
Grace sah ihn mit einem Blick an, der alle Erleuchtungen eines klaren
Herzens trug: Wovon reden Sie, Davis? sagte sie, und der alte Geck war
von dieser unwiderstehlichen Frage so verwirrt, da er sich in den Arm
kniff, um festzustellen, ob er denn trume oder sie. Der erfahrene
Frauenkenner sah sie ngstlich an, er erblickte ein unberhmtes, nichts
wissendes Gesicht. Dieses Gesicht war das einer Sechszehnjhrigen voll
groer Hoffnungen und ohne Erlebnisse, die eine Seele vergiften. Der Tod
hatte diesem Mdchen die Barriere geschlossen, durch die ohne Trennung
die Welt des Frevels neben der Welt ihrer Seele lag. Das Glck hatte sie
verschwenderisch berhuft. Das Glck, das im Augenblick des Todes einen
Menschen berfllt, hat eine wundervolle Verwandtschaft mit dem Blut,
das in dem Sinn der Shne vergossen ist, dieses Glck heilt, verzeiht
und macht vergessen. Es tilgt die Schuld, es wirft den Frevel zurck, es
berwindet das Bse mit einer bermacht der Reinheit, die mit der
Majestt der Liebe darin gekrnt wird. Diese Liebe, die selbst das
Vergessen lehrt, kennt keine Abgrnde mehr, weil das Herz, das sie
nunmehr regiert, unbeirrbar ist.

Dieses Glck, welches das junge Mdchen berfallen hatte, besa das
Anrecht, mit den zartesten Namen genannt zu werden. Davis staunte und
bekam hektische Backen. Dieser Wollstling, der die Frau als Wesen
verehrte, ohne ihre Moral abzuschtzen, sah, statt einer Frau mit den
kalten Augen des Tigers, eine liebliche Erscheinung. Davis hielt sich
einige Sekunden fr verrckt. In ihren Blicken war keine Spur mehr von
der harten Glut, die ihr jene Entschlossenheit der Tollheit geliehen
hatte, der er sich sofort gefgt hatte. Dieses Mdchen war vllig rein,
hatte den Himmel im Auge und nur einen leichten Unmut, wie ihn
verwhnte, engelhafte Kinder haben, um den Mund: Von was reden Sie,
Davis?

Dieser Satz machte den alten Wstling, der die tollsten Sprnge seines
Lebens in diesen Tagen erlebt hatte, fast nrrisch. Er starrte sie an.
Der Lstling, welcher, ohne mehr zu tun als es festzustellen, Kurtisanen
verrcheln, Damen zu Dirnen werden, Frevlerinnen bereuen gesehen hatte,
der beobachtet hatte, da Menschen sich blitzschnell herumwandten, als
ob ihre Seele beweglicher sei als wie ihr Rcken, der Frauen aus
Leidenschaft in den Tod und aus dem Tod in jene Wollust hatte tauchen
sehen, die durch ihre Verzweiflung noch tiefer ist als der Tod, der
Mrderinnen hatte sich bessern und Engel in ein Unglck hatte treiben
sehen, das beispiellos war, der Mann, der die Wandlungen der Frauen
einer Gesellschaft beobachtet hatte, welche an der Grenze zwischen zwei
Menschenklassen stand, von der die eine sie band und die andere sie
befreite, ohne da die Fessel sie beglckte und die Befreiung sie
erlste, ... der Mann, der die Verheerungen des Teufels und einer
lcherlich angewandten Vernunft unter den Frauen der Jahrhundertwende
von den Verzckungen der Verwirrten bis zu den Heucheleien der
Verdammten bis ins Kleinste kannte, starrte dieses Wunder vor sich an.

Vor diesem Mdchen, in der Tat, lag das Leben makellos. Er hatte eine
Jungfrau vor sich, der kein Schatten die Stirn getrbt hatte. Reinheit
ist immer unberhrbar, weil sie vollkommen ist. Sir Davis, der nach der
Sitte seines zurckliegenden Jahrhunderts nur beobachtete, ohne den Sinn
zu ergrbeln, schwenkte sofort um. Er gehrte zu den Mnnern, die Gott
oder der apokalyptischen Hure dienen, wenn beide nur in der Form der
Frau erscheinen, die sie anbeten drfen.

Davis lachte in sich hinein. Ich freue mich auf Gaby, sagte Grace.
Das, sagte Sir Davis, tut man mit sechzehn Jahren. Glckliche
Windspiele, die herrlich sein mssen, auch mit sechsundzwanzig das
Gleiche noch zu erregen. Warum soll man es mit einundziebzig nicht tun?
Der Alte, der ein Glck darin sah, der ewige Sklave der Launen schner
Frauen zu sein, und sein Alter zum erstenmal gestand, reichte ihr mit
groartiger Bewegung den Schirm, damit die Sonne keine Wolke ber diese
Stirn ziehen liee ... -- -- --

Fnf Jahre spter las ich diese Geschichte, die hier abschliet, zwei
Leuten vor, die in verschiedener Weise damit sich zu beschftigen
hatten. Sie haben, sagte der Mann, der im Kreis einer Lampe sich auf
einen der breiten Sthle gelegt hatte, wie ein Hund darin Platz nimmt,
im wesentlichen hier Angriffe gegen eine Zeit gerichtet, welche ich
ehre. Ich verstehe nichts von Literatur. Dieses Scheusal hustete auf
eine heimtckische Weise, indem er sich mit der Koketterie einer
wohlgewachsenen Frau ausdehnte. Die Natur hatte ihm seine schlechte
Seele in die linke Schulter gezogen, die wie ein zweiter Kopf ohne Augen
neben seinem Scheitel in die Luft ragte. Er war eine der gefrchtetsten
Hynen der Brse und voll Launen, die einem Journalisten Ehre gemacht
htten. Dieser Kopf schien Milliarden aus der Brse ziehen zu knnen,
Straenzge mit einem Gedanken zu schlucken, zu verdauen und mit einem
mrchenhaften Gewinst auszuspeien. Seine Agenten reisten, mit seinen
Gedanken belastet, als Herolde der Vernichtung durch jene Staaten, deren
Whrungen sie bald vernichteten, bald nahe an eine unglaubliche Hoffnung
auf Besserung kommen lieen. Der Kopf des Mannes, dessen Atem roch wie
Vernichtung, und dessen Augen den spitzen Glanz hatten, der Totengrbern
eigen ist, war der Kopf eines Gtzen, dessen verbrecherische Gre von
jenen Schlachtplnen der Leere und den Bilanzen des Umsturzes herkommt,
die aus Europa ein Leichenfeld der Gesittung und eine Wste der
Schnheit gemacht hatten.

Dieser Mann glnzte frmlich wie eine hliche Gottheit aus Kupfer, die
sich an dem Elend von Millionen gemstet hat. Die Siege, die nicht mit
dem Herzen errungen werden, sind zwecklos, wenn sie gewogen werden, aber
von den Siegen der Macht sind die ohne Zweifel die erbrmlichsten, die
ohne den Ruhm der Traditionen und mit der Gier der Hlichkeit
gestempelt sind.

Diese Hyne, die anfing, ein Loblied ihrer Zeit zu singen, hatte eine
Schwche, seine Frau. Er war der Besitzer einer Frau von so
berwltigender Schnheit, da die Sicherheit seines Geldes ihn nicht
von der Eifersucht freihielt, die jeden Zwerg selbst mit der
furchtbarsten Macht im Gefhl seiner Niedrigkeit von der Schnheit
entfernen mute. Auch Schnheit allein ist nicht vollkommen und daher
kuflich, aber immer nur mit der Menge Goldes, die eine Spanne, nicht
eine Ewigkeit aufwiegt. Das Scheusal, dessen Erfolge seine Klugheit
beweisen, war nicht blind, und wo andere ihn nachts auf seine
Tagerfolgen ausruhen dachten, glhte es vor der Gre seiner Zweifel.

Da diese Leute Bescheidenheit nicht kennen drfen, weil sie an
Kmmerlichkeit, der niederen Schwester der Einfachheit, bermig
bedacht sind, trug er die Maske der Herausforderung. Er, der zitterte um
jeden Blick seiner Frau, konnte nicht anders als den Libertinismus im
weitesten Sinne verteidigen, ja rhmen. Dieser Enterbte der Natur,
welcher mit guten Beinen und sportlicher Figur an den Gesetzen des
Lebens gehangen htte wie ein Priester, gab sich einer schrankenlosen
Bewunderung der Ausschweifung hin. Zwischen der Angst und den
Gromulern hat schon Rabelais die verbindende Kurve gezogen. Die Macht,
wenn sie in die Hnde der Zwerge fllt, ist die schauerlichste Komdie
des Heldentums. Zum Teufel mit einem Jahrhundert, das uns
Daumenschrauben anlegt, sagte er hhnisch. Sie reden, als seien Sie
ein Mitglied der Inquisition. Ihre Vorzge der Tugend sind Schrullen
gegen die Vorzge der Industriepapiere. Eine Frau ist eine alberne Gans,
wenn sie nicht wei, inwieweit >Canada Pacific< von >Garelly<
unterschieden wird und wenn sie sich mit ihrer Keuschheit mehr
beschftigt als mit dem Mann, der ihr die Mglichkeit eines groen
Lebens bietet, das, gestehen Sie es, heute eine Seltenheit ist. Ich bin
nicht gebildet aber auch nicht dumm genug, um dem bloen Genu das Wort
zu reden, oder Ihnen an Hand der Geschichte zu beweisen, da jede Zeit
ihre wirtschaftlichen Notwendigkeiten und danach ihre Ziele hat. Die
Schtzung der Tugend wrde eine Frau heute verhungern lassen. Es gibt
einen Krieg, dessen Heldentypen Sie unterschtzen, das ist der Kampf um
das Gold. Die Notwendigkeit der Zeit erfordert den Zynismus. Wer heute
Greenbacks besitzt, ist morgen vielleicht bankerott, weil er
verschiedentlich nicht  la baisse die polnische Mark gekauft oder den
Dinar gesttzt hat. Ich werfe in acht Tagen die Mark in Krakau auf
Fnfzigtausend pro Dollar und senke sie in Berlin um die Hlfte von
Vierzigtausend. Wenn ich morgen in New York Mark kaufen lasse und
verteile die Schatzanweisungen an alle Grobanken und ziehe sie auf drei
Tage Distanz mit einem Ruck ein, mache ich eine Knappheit des Geldes,
gegen das die Heuschreckenschwrme und Hungernte einer Zeit Bagatellen
waren, wo man vielleicht den Import der Keuschheit als Sport betrieb. In
dieser Zeit, wo ich die Hlfte Mitteleuropas vernichten kann, wenn ich
die Kohlenkuxe senke oder Creusot und Krupp zusammenbringe, in einer
Zeit, wo die Mnner mit dem Degen in der Faust aus der Hand der
jdischen Bankiers wie die Tauben fressen, wo die Frsten ihre alten
Wappensprche verhllen, um in unsere Geschfte mithineingenommen zu
werden, damit sie nicht verhungern, in einer Epoche, wo die Kunst
einfach berritten, die geistigen Berufe niedergemacht, wo die Seelen
der Menschen wie Fische aufs Maul geschmissen und zertreten werden, und
wo der Zusammenschlu der lothringer, der schlesischen und der Ruhrerze
tausendmal grere Revolutionen bedeutet als etwa die Figur Napoleons
oder die erste Vlkerwanderung, in einer Zeit also, kurz gesagt, wo das
Gold allein seine Generale ausschickt und die seitherige Welt in Armeen
gegliedert ist, die von einem Tag bis zum anderen unter den Kanonen der
Wirtschaft und Brse stehen und bluten, da gibt es nur eine einzige und
mgliche Bewegung: die Zerreiung aller Rcksichten, den Krieg der
Leidenschaften, die unbedingte Freiheit der Frau, die sich in ein Wesen
von solcher Gefhrlichkeit gewandelt hat, da nur die wahre Macht, das
Gold, sie zu halten imstande ist. Das ist mein Standpunkt. Das Scheusal
leckte sich die Zunge und warf einen glhenden Blick in die Ecke. Diese
Frau aber wute zu schweigen.

In einer Zeit, sagte ich, wo die Seelen zerschmettert werden durch
das Gold, wo das Laster eine Mode ist, wo die verruchtesten Erfindungen
uns berschwemmen, in einer Zeit, wo die Mrder fast noch Heilige und
die Heerfhrer Engel scheinen, in einer Zeit, wo die Kokotten Ehen
eingehen, weil man sie ihrer bung halber vorzieht und nicht die Zeit
hat, Frauen anzulernen, eine Ehe zu fhren, in einer Zeit, wo der Adel
seine Tchter verkaufen mu und das Brgertum verhungert, wo die
Arbeiterinnen ihre Eingeweide zerstren, um in den Fabriken ihre
Weiblichkeit an die Maschinen zu hngen und mit falschen Ringen durch
die Sonntage zu spazieren, in einer Zeit, wo die Gte mit den Engeln auf
den Mars ausgewandert ist und die Brsenmakler die fetten Heroen eines
verabscheuenswerten Jahrhunderts geworden sind, in einer Zeit, wo jede
Frau kuflich, aber jeder Mann ein Schelm geworden scheint, in einer
Zeit, die, gestehen Sie, wie selten eine Zeit gemein ohne Gre und
verdorben ohne Geist ist, gibt es nur eine Majestt der Haltung: die
Tugend. Im Chaos der Moralbegriffe, die von der Hand des Hungers
ausgejtet werden, im Zusammenbruch der Gebude, die seit alters her den
Staat mit wundervoller Kraft an unseren Horizont zeichneten, im Wanken
der Gesetze, die seit Jahrhunderten Recht und Unrecht mit gewissermaen
ehernen Stirnen schieden, gibt es nur eine Sule: die Familie. Unter den
Tugenden, an welche die Menschheit glaubte, und die von Konfutse bis
Hartmann die Welt besang, die von den indischen Knstlern der
Jahreszeiten bis zu Holbein und Fran Angelico die Welt gemalt und
geheiligt hat, ist nur eine stark genug, die Welt in ihrem Brechen
aufzuhalten: die Reinheit. Diese Tugend ist unzerschmetterbar, weil sie
wahrlich vollendet ist. Sie besitzt die Weichheit des Himmels, und den
Stahl, der die Krper der Helden wie ihre Seelen unsterblich machte.
Diese Reinheit darzustellen, heit die Liebe aufrechterhalten, die das
einzige ist, was zu leben verlohnt. Die Laster, die Sie preisen und die
Ungebundenheiten, von denen Sie schwrmen, sind Verirrungen, die von
erbrmlicher Leichtigkeit sind. Einem Menschen, den eine gewisse Haltung
gegen seine Zeit einzunehmen reizt, sollte es immer nur als eines Mannes
wrdig scheinen, sich nicht in dem Schmutz der allgemeinen Phrasen zu
wlzen, sondern das schwierigste Ziel mutig anzuerkennen, das in der
Regel das edelste ist. Ich wei mich des Verdachtes, den Asketen ins Ohr
zu reden, in dem Ausma erhaben, in dem ich das Leben mit aller Glut,
deren ich fhig bin, angebetet habe, wo ich es traf. Aber ich sage
Ihnen: wenn ich die Wahl zwischen einer schnen unberhrten, einfachen
aber groen Seele und der mit allem Glanz auftretenden Macht einer
Kurtisane htte, die meinetwegen die ersten Stellen des Staates mit
ihrem Namen deckt, ich wrde mich mit der letzten Bestimmtheit fr das
Kind entscheiden, dessen Einfalt mit ein Beweis der sittlichen Gre
unserer Zukunft ist.

Das Scheusal rekelte sich auf seinem Stuhl, als sei er ein Lotterbett.
Ein Blick der Frau mute ihn getroffen haben, er zog sein Kinn durch die
Hand, als wolle er es bis zu seinem Magen herunterziehen:

Sie haben Ihr Herz uns nicht vorenthalten. Die Geschmcker der Menschen
sind verschieden. In Mexiko macht man mit Revolvern Jagd auf Rosen, in
Bukarest gibt es Flhe so gro wie eine Hand, die wieder Luse haben,
die Shne der amerikanischen Finanz heiraten nur noch Damen vom Film, in
Partenkirchen ist ein General Ackerbauer geworden, hat eine Trkin zum
Weib genommen und fhrt in einem Wagen, den eine Kuh und eine Ziege
gemeinsam ziehen. Der Bischof von Speyer, der im Schlo von Bruchsal
gemalt ist, rhmte sich mehr geschrieben zu haben, als vierundzwanzig
Ochsen transportieren konnten. In Ungarn lernt man die Kinder: es gibt
zwei Reiche, Ungarreich und Himmelreich. Was wollen Sie, die Ideale sind
immer persnlich. Sie ziehen dies vor, ich jenes. Das Resultat hat immer
entschieden. Sie spekulieren in belgischen Francs, an denen Sie
verlieren werden, da ich dagegen bin. Sie vertrauen mir an, da Sie fr
unberhrte Frauen schwrmen. Vertrauen gegen Vertrauen: ich habe einen
Puckel. Diese letzte Rohheit, die zu zynisch war, um verstanden zu
werden, veranlate die Frau, ihn zu unterbrechen.

Kehren wir zur Literatur zurck, die und sie lchelte das Lcheln
einer Madonna, eine gewisse Logik verlangt, der sie nicht entbehren
darf. Ich zweifle nicht, da vor den Gesetzen der Literatur dieser
Schlu Ihrer Geschichte ebensowenig standhalten kann wie vor denen Ihres
Herzens. Sie haben einen Frevel verdammt, den Sie dann verklrt haben,
Sie haben einem Glauben, der Sie auszeichnet, die Schrfe der Waffe
genommen, die ihn glaubhaft machen kann. Wenn Fehler in der Architektur
einer Geschichte liegen, mssen sie aus dem Herzen kommen, das seine
Erlebnisse selbst ber die Kunst zu stellen die Angst oder die Khnheit
hat.

Diese Frau war nicht nur schn, sie besa einen gefhrlichen Geist.
Selbst Lionardo wre ber die Gespaltenheit dieses Gesichtes
erschrocken, dessen Schnheit unter roten Haaren fast schmerzhaft des
Heiligenscheines entbehrte, deren Augen mit der Milde Maria Magdalenas
schauten, deren Mund nichts zu wissen schien von den Verzckungen, die
ihr Gatte auf schlechte Manier gepriesen hatte, und die eben dieser
Gatte fast ebenso kompromittierte, als er sie auszeichnete, weil niemand
zu sagen wagte, es gehre mehr Verworfenheit oder mehr Demut dazu, diese
Hyne von einem Mann zu ertragen.

Der Lebenswandel dieser Frau war von dem denkbarsten Anstand. Man htte
jedermann, der sie verleumdete, niederschlagen knnen und htte fr ihre
Unschuld garantieren drfen. Und dennoch trug dieses Gesicht, das wie
die Inthronisierung des Adels wirkte, den Zug eines Verhngnisses, den
Anfang vom Hauch einer ungeheuren teuflischen Verderblichkeit, den
Schleier unerhrter Verbrechen um sich, da ihr Anblick auf die
seltsamste Weise erschtterte.

In diesem Gesicht lagen das Engelhafte und die Glut der Messaline mit
einer grandiosen Schnheit auf der Lauer, und dies Gesicht trug, wie von
der Vorsehung berufen, die sonst im Inneren vergrabenen Leidenschaften
mit einer schamlosen Sicherheit auf der Stirn. Dieses Gesicht ruhte noch
in der Huld der Klarheit und seine Gedanken waren noch zart. Nur dem,
den das Unheil einmal tdlich in diese Falle verstrickt hatte, war es
mglich, auf ihm jene noch verdeckten Ungeheuerlichkeiten zu sehen, die
sich darber strzen konnten. Die Geographie dieses madonnenhaften
Gesichtes zeigte eine Lust-Welt noch ungesehener, oder entdeckter Frevel
bereit, in die Kontinente der Reinheit hineinbrechen.

Die Augen dieser Frau waren schleierlos, sie waren gro wie die Augen
pompejanischer Frauen, die die Hlfte ihres Gesichtes und dreiviertel
ihres Gefhles damit bedeckten. Sie waren dunkel, fast achatdunkel, oval
und klarer, als das Schwarz hergibt. Diese Frau durchschaute mich
vllig. Ich konnte nichts gromtigeres tun, als es zuzugeben.

Die Frau hatte die Sensibilitt eines Herzens, das bei einer Geschichte
genau versteht, ob sie erfunden oder ob sie an eine Adresse gerichtet
ist, die nicht mehr der Kunst unterliegt, sondern nur dem Herz. Frauen
haben immer die unheimliche Witterung der Zusammenhnge, weil sie anders
wie die Mnner begabt sind, die Zwischentne wichtiger als die
Komposition zu nehmen. Dieser Mangel an Konzentration macht sie aus
demselben Grund zu Menschenkennern, der die Mnner zu Pedanten und
Starrkpfen verbildet. Wo die Frau versteht, macht der Mann ein Gesetz.
Wo die Mnner aber versagen, nmlich die Gesetzmigkeit der Gefhle
anzuerkennen, weil sie zu dumm sind, ihnen folgen zu knnen, da
verlangen die Frauen mit einer Grausamkeit nach der Logik, die der
furchtbaren Idee der Amazonen gleich ist, welche fr die Hingabe an
einen Mann den Tod verlangten.

Diese Frau, die einen Lionardo erschreckt htte mit den Wegweisern
unausgesprochener Trume ber dem hermelinhaften Gesicht, wollte mir
erpressen, da ich endlich gestand, da Frevel gegen die Natur von der
Natur unerbittlich gerichtet werden. Man konnte sehen, da die
engelhafte Frau vor Heihunger bebte, diese Gewiheit zu erhalten, und
wenn ihr Mund nicht vor den Qualen einer geahnten Grausamkeit lebte, war
es nur, weil dieser Mund der verschwiegenste war, den eine Frau besa.
Niemand konnte sich rhmen, ein Wort gehrt zu haben, das die Seele der
Sprecherin betraf.

In dieser Zeit waren alle Frauen, da sie den Weg der Familie und damit
der Zurckhaltung verlassen hatten, bereit, mit einem schndlichen
Zynismus Dinge auszusprechen, die einer Frau die Weiblichkeit nehmen und
verchtlich machen. Eine Frau, die sich preisgibt, hat ihre
wundervollste Begnadung, schweigend zu verstehen und ohne Enthllung
verehrt zu werden, eingebt.

Die Frau wollte mich durchbohren: In der Tat, erwiderte ich und warf
ihr ebenfalls einen kalten Blick zu, diese Geschichte nahm ein anderes
Ende, da das Leben oft grausamer ist als die Literatur. Das Leben htte
in einer Zeit, wo die tolle Khnheit die Ausnahme und die Tugend eine
schne Gewohnheit waren, ohne Zweifel nicht das Ma von Entsetzen
aufgebracht, mit der Gier eines Panters zu vernichten, sondern htte
jenes Ma an Shne zugelassen, das der Tod in seiner schnen Gre immer
bereit hlt. Diese Geschichte htte ihren Beweis in einer vollendeten
und klaren Epoche gefunden, wo die Frauen wirklich das Zeichen ihrer
himmlischen Abkunft wie einen unsichtbaren Schein getragen haben. Diese
Zeit des Verruchten aber macht das Schicksal, das den Sieg will, (das
heit, die Durchsetzung der echten Liebe, die Anerkennung der Gre der
Gesittung), unerbittlich wie einen Feldherrn, der Tausende opfert, um
das Schlachtfeld zu behaupten. Die Frauen, die mit einer Reinheit im
Herzen untergehen, sind die Marksteine einer wunderbaren Generation von
Frauen, die hinter diesen Mrtyrerinnen herkommen werden. Die Natur
macht aus ihrem Blut jene Shne, an die Sie nicht glauben wollen, weil
das Leben es nicht in diesem einen Fall bejaht hat. Zeiten der
Gesetzlosigkeit zwingen zu tten, wo man in Jahren der Harmonie vor
Liebe gebebt htte.

Dieser Capt. Pound htte es in der Hand gehabt, Ritch zu erschieen,
aber er war in der Hand des Schicksals und dieses lie ihn den Schu
nicht tun, der die Tugend gerettet htte. Er entdeckte die Puppe nach
zwei Stunden, warf Ritch aus dem Auto und fuhr zurck. In diesen zwei
Stunden war Grace hinter George Good hergeschlichen und hinter ihm in
die Wohnung geschlpft. Der Kampf, der sich zwischen ihr und dem
ehemaligen Matrosen des Leviathan abspielte, war der Kampf des Spleen
gegen besinnungslose Anbetung. Der junge Mann flehte sie auf den Knieen
an, sich die Kette schenken zu lassen. Der Trotz des Mdchens, das den
Mann in ihm vllig bersah, lechzte danach, ihn zu rauben.

Diese Szene war von scheulicher Dramatik, Grace versuchte, mit der
Pistole in der Hand den Mann zu reizen, sie sagte ihm Verchtliches und
wnschte, indem sie ihn wie Diana niederschmetterte, den Ha in seinen
Augen zu sehen. Die Liebe aber war zum erstenmal in sein Herz gebrochen
und er konnte ihr nichts wie die Ergebenheit beweisen, die von seiner
Seele in sein Gesicht trat. Die Seele dieses Mdchens blieb von der
Klte umsponnen, in die sie verwirrt war. Sie trieb den Mann in die
Ecke, als ihr zu ihrem Unglck eine Idee kam.

Sie ffnete den Rahmen eines Bildes, indem sie gegen die Wand schlug und
sah die Kette in dem Augenblick, als Pound eindrang. Sie drehte sich um,
schrie und fiel zusammen. Die zweite Kugel traf Good ...

Als der Wagen, der Graces Krper nach dem Friedhof brachte, durch das
Tor des Landhauses in York fuhr, hatte man Mhe, die Windspiele zu
beruhigen, die ein seltsames Spiel trieben. Sie waren den Pferden dicht
gefolgt, pltzlich fingen die Gule an zu laufen, da sie den Sarg fast
auf die Strae geschleudert htten, die Allee hinauf, die sich
geheimnisvoll vernebelte. Die Hunde sprangen mit groen Stzen ber den
Wagen hin und zurck. Wre es nicht schaurig gewesen, dieser Anblick
htte einen Henker rhren mssen. Die Tiere hatten mehr Gefhl fr ein
Herz, das auserlesen gut war, als das Leben, von dem sie es
zurckverlangten.

Capt. Pound erlebte einen Zusammenbruch, der ein Damaskus war. An der
Leiche brach er zusammen. Man kennt die Geheimnisse der Menschen nicht,
ihre Erkenntnisse sind von noch grerer Dunkelheit. Da er in eine
Melancholie verfiel, die ihn der Welt entzog, steht die Frage offen, was
diesen rohen Meervagabunden gewandelt hatte. Es gibt nur eine Erklrung:
die Liebe, die der Tod an seiner Seite als Shne in ihm erweckte.

Dafr gibt es einen Beweis, den Jonny Rumford aufgezeichnet hat, wenn
Beweise von Irren anerkannt werden sollen. Capt. Pound ward in einem
Pflegehaus gehalten, das ein milder Name fr einen Aufenthaltsort von
Irren ist, und von dem aus er die Pfiffe der Dampferrohre hren, die
Masten und Vertauungen der Handelsschiffe sehen konnte. In dem Garten
gab es einen von Rosenstcken umpflockten Weg, den der athletische
Soldat auf- und abstampfte, sein Bein auf der Schulter. Wenn ein neues
Schiff eingelaufen war, benutzte er es als Fernrohr. Er sah genau
hindurch, und wenn es ihm mifiel, kommandierte er Feuer. Als Jonny
Rumford im Hafen hrte, sein Capt. hause hier, ging er in den Garten, wo
ihn Pound mit einer Salve empfing. Er hatte das Bein auf eine Gabel
gelegt wie ein Scherenfernrohr, als wolle er den Mars beobachten und
stampfte mit dem Holzbein auf den Zement, da es klang, als wrden
Schiffskanonen gelst. Halloooooo, Capt., come on ... schrie Jonny,
Cuba ist ein Paradies gegen dieses Dreckloch, da erkannte ihn Pound.
Er lie ihn eine viertel Stunde in Habtachtstellung stehen, was Jonny
anstrengte, der im Hafen keinen Alkohol erhielt, dann umarmte er ihn.
Die Trnen rannen ihm aus den Augen, was Jonny vllig verwirrte.
Auerdem nannte er ihn Grace. Diesen Wahnsinn hat der Matrose seinem
Herrn nicht vergessen, er verstand ihn nicht und, wie alle primitiven
Naturen, empfand er eine Beleidigung in dem Satz, wo dem Soldaten das
Herz geborsten war.

Es hatte sich geffnet in einer verrckten Weise, aber was fragt die
Liebe nach dem, was den Menschen Bequemlichkeiten oder ungeheure Leiden
sind. Die Liebe hatte dieses Herz in einen erbarmenswerten Abgrund
geschleudert, aber sie hatte es erreicht, auch wenn der Verstand diese
Glut nicht mehr ertrug. -- -- --

Die junge Frau sah mich, als ich zu erzhlen aufhrte, mit jenen groen
Augen an, die nicht feucht zu werden brauchen, um erschttert zu sein.
Sie sind, sagte sie mit einem furchtbaren Hohn, stets auf der Seite,
wo Sie entschuldigen knnen, whrend Sie die Verdammnis predigen. Das
Gesicht der Frau war in diesem Augenblick von einer Leidenschaft
verdunkelt, die den Kopf von Bestien schmckt, deren Zge genug
Sigkeit der Linien und der Farben haben, um den Kontrast unertrglich
wild zu machen. Sie hatte ohne Zweifel die Absicht, mich durch ihre
Verachtung verzweifelt in sie verliebt zu machen. Sie bewegte ihren
Stuhl ein wenig nach der Lampe, in diesem Augenblick htte niemand
gezweifelt, eine Madonna vor sich zu haben, deren Lieblichkeit Rafael
bis ins Herz gerhrt htte.

Was wrden Sie tun? frug ich die Hyne, und lachte, wenn man Ihnen
vorwrfe, da Sie die Whrung einer Nation vernichteten, aber aus einer
Sentimentalitt heraus die Papiere lobten, die Sie verachten und die
unter den Hnden Ihrer Makler wie ein Hllensturz fielen? Die Frau warf
mir einen furchtbaren Blick der Sanftmut zu. Das Scheusal, das einige
Jahre darauf von einer tobschtigen Dirne von der Galerie in einen
Kronleuchter geschleudert und erdrosselt ward, war bla vor Gift. Der
Heroe seines Handwerks antwortete:

Dasselbe, was Daniel Drew nach Vanderbildt tat, als man ihn fragte,
warum er die Eisenbahn zum Entsetzen seiner Brger vertrustet habe, wo
er doch tglich fr seine Mitmenschen bete: Ich wrde Sie bitten, mir
den Puckel herunterzurutschen, wenn es nicht so beschwerlich wre. Die
Hyne verschwand wie der Blitz. Es gibt Frauen, deren Herz die Liebe nie
erreicht. Ihr Mund ist so verschlossen wie ihr Herz. Aber auch die
Heuchelei der Ausschweifung, die hinter einer gttlichen Stirn haust,
welche die Liebe nicht versteht, wird zu irgendeiner Stunde entlarvt.

Diese Geschichte, welche einmal den Trost der Liebe und der Shne dem
zerschmetterten Blick einer bewundernswerten und tapferen Frau bringen
sollte, mit der ich fr ein Drittel meines Vermgens durch die Schsse
verrckter Bauern eine Nacht im litauischen Leiterwagen fuhr, hatte
diese nie erreicht. Auf der Station der Grenze, wo ich sie erwartete,
kam damals nur die Nachricht eines Todes an mich, der im Anblick des
vernichteten Kindes in ihre Seele jh und sanft eingetreten war wie der
Schlaf.

Diese Frau aber, an welche die Geschichte von Lady Grace nun durch einen
Zufall gelangt war und deren Seele auf der Sanftheit eines reinen
Herzens zu schimmern schien, verachtete die Liebe, deren sie nicht wert
schien. Sie verlie das Scheusal, das fast zugrunde ging ber die
Entdeckungen, die seine Freunde nach ihrer Flucht ber ihre Ttigkeit
als Gattin machen muten. Da er nur seinen Schmerz liebte, verging er
vor Eifersucht ber Qualen, die seine Eitelkeit ber die Ausschweifungen
dieser Frau empfand. Sie lernte in Ouchy einen Sekretr Kemal Paschas
kennen, als dieser die Frauen aus den Harems zur Bettigung in der
ffentlichkeit ausrief.

Diesen verlie die ehrgeizige Frau, um ihr Schicksal an einen der
Generale zu hngen, die das Bild unserer Welt zu bestimmen den
unzweifelbaren Auftrag haben. Sie wute den Frevel, den sie mit jener
Freiheit, die sie nicht zu benutzen verstand, bte, hinter einem immer
geschlossenen Lippenpaar zu verbergen, das der Glut einer nicht ganz
erblhten Rose glich und hinter einer Stirn, die sich in nichts von dem
kalten Glanz der Schneeberge unterschied. In Tripolis ward sie auf der
Strae durch den Mund geschossen. Gott hat viel Mitleid und sieht lange
zu, aber die Natur ist grausam, wenn seine Geduld zu Ende ist. Das
Schicksal, das sich den Ort aussucht, an dem es straft, ffnet auf die
furchtbarste Weise die Lippen, die sich der Liebe entziehen wollen.


   Dieses Werk erschien im Sommer 1923 als vierzehnter und
   fnfzehnter Band der Reihe Das Prisma im Verlag Hans Heinrich
   Tillgner, Berlin. Den Einband entwarf W. E. Gerull. Druck des
   Textes F. E. Haag, Melle, der Steinzeichnungen A. Ruckenbrod,
   Berlin. Hundert numerierte Exemplare wurden auf Btten
   gedruckt, mit der Hand in Leder gebunden und vom Autor signiert.
   Die ganzseitigen Steinzeichnungen dieser Ausgabe wurden vom
                           Knstler signiert.


                     Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
nderungen sind hier aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 20]:
   ... unseren Pelzen sich einschieen wollten, den Flu nach einer
       berfahrt ...
   ... unsere Pelzen sich einschieen wollten, den Flu nach einer
       berfahrt ...

   [S. 20]:
   ... das letzte Drittel wrde demjenigen das Leben kosten, der ...
   ... das letzte Drittel wrde denjenigen das Leben kosten, der ...

   [S. 23]:
   ... ich nicht gefrchtet htte, sie in ihrem Schmerz zu
       verletzten. Ich ...
   ... ich nicht gefrchtet htte, sie in ihrem Schmerz zu
       verletzen. Ich ...

   [S. 29]:
   ... ist eines jener tiefen Mysterien der weiblichen Seele, die,
       wenn ...
   ... ist eines jener tiefen Mysterien der weiblichen Seelen, die,
       wenn ...

   [S. 39]:
   ... mssen. Was hatten Sie gehabt, rief ich wohl etwas zu
       prahlerisch, ...
   ... mssen. Was htten Sie gehabt, rief ich wohl etwas zu
       prahlerisch, ...

   [S. 39]:
   ... auszubrechen, denn je mehr ich mich begeistere, um so
       furchtbarer ...
   ... auszubrechen, denn je mehr ich mich begeisterte, um so
       furchtbarer ...

   [S. 40]:
   ... sie wie ohnmchtig zurckfallen. Ein Blick, den ich durch ein ...
   ... sie wie ohnmchtig zurckzufallen. Ein Blick, den ich durch
       ein ...

   [S. 45]:
   ... vermochte. Besonders glnzende Figuren muten damals sich ...
   ... vermochte. Besonders glnzende Figuren wuten damals sich ...

   [S. 47]:
   ... in jener gewitterhaften Gte, die er selbst ber die
       Schuldigsten ...
   ... in jener gewitterhaften Gte, die es selbst ber die
       Schuldigsten ...

   [S. 81]:
   ... die Zge kreuzte, an denen zuerst Good, dann Pound an ihr ...
   ... die Zge kreuzte, in denen zuerst Good, dann Pound an ihr ...

   [S. 81]:
   ... vorber nach der Ostsee sausten. Keine Betonung bedarf es,
       da ...
   ... vorber nach der Ostsee sausten. Keiner Betonung bedarf es,
       da ...

   [S. 101]:
   ... der Zeit erfordert den Zynismus. Wer heute Greenbecks
       besitzt, ...
   ... der Zeit erfordert den Zynismus. Wer heute Greenbacks
       besitzt, ...

   [S. 103]:
   ... Jahreszeiten bis zu Holbein und Frau Angelico die Welt gemalt
       und ...
   ... Jahreszeiten bis zu Holbein und Fran Angelico die Welt gemalt
       und ...

   [S. 104]:
   ... sind. Einen Menschen, der eine gewisse Haltung gegen seine
       Zeit ...
   ... sind. Einem Menschen, den eine gewisse Haltung gegen seine
       Zeit ...

   [S. 110]:
   ... ward in einem Plegehaus gehalten, das ein milder Name fr
       einen ...
   ... ward in einem Pflegehaus gehalten, das ein milder Name fr
       einen ...

   [S. 111]:
   ... klang, als wrden Schiffskanonen gelst. Halloooooo, Capt.,
       com ...
   ... klang, als wrden Schiffskanonen gelst. Halloooooo, Capt.,
       come ...






End of Project Gutenberg's Die Engel mit dem Spleen, by Kasimir Edschmid

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ENGEL MIT DEM SPLEEN ***

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