The Project Gutenberg EBook of Das Paradies, by Francis Jammes

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Title: Das Paradies
       Geschichten und Betrachtungen

Author: Francis Jammes

Translator: Emil Alphons Rheinhardt

Release Date: April 26, 2016 [EBook #51871]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                             Das Paradies


                    Geschichten und Betrachtungen
                                 von
                            Francis Jammes

                     Kurt Wolff Verlag / Leipzig

               Bcherei _Der jngste Tag_, Bd. 58/59

                  Gedruckt bei E. Haberland, Leipzig

             Berechtigte bertragung von E. A. Rheinhardt




                             DAS PARADIES


Der Dichter sah seine Freunde an, die Anverwandten, den Priester, den
Arzt und den kleinen Hund, alle, die in seinem Zimmer versammelt waren
-- und starb. Auf ein Stck Papier wurde sein Name geschrieben und sein
Alter: er war achtzehn Jahre alt.

Da ihn die Freunde und Anverwandten auf die Stirne kten, fhlten sie,
da er kalt geworden war. Er aber empfand ihre Lippen nicht mehr, denn
er war im Himmel. Und nun fragte er sich auch nicht mehr, wie er es auf
Erden immer getan hatte, wie denn dieser Himmel eigentlich sei. Da er
darinnen war, verlangte es ihn nach nichts anderem mehr. Seine Eltern,
die vielleicht (wer wei das?) vor ihm gestorben waren, kamen ihm
entgegen. Sie weinten nicht, und auch er weinte nicht, denn sie hatten,
alle drei, einander niemals verlassen.

Seine Mutter sagte ihm: Geh, khl den Wein ein! Wir werden dann gleich
in der Laube des Paradiesgartens mit dem lieben Gott zum Mittagessen
gehn.

Sein Vater sagte ihm: Geh dort unten Obst pflcken! Hier gibt es keine
giftigen Frchte. Und die Bume reichen dir gern ihre Frchte. Ihre
Bltter und Zweige leiden nicht unter deinem Pflcken, denn sie sind
unerschpflich.

Der Dichter wurde von Freude erfllt, da er nun wieder seinen Eltern
gehorchen konnte. Als er aus dem Obstgarten zurckkam und die Weinkrge
in das Wasser gestellt hatte, erblickte er seine alte Hndin, die vor
ihm gestorben war. Zrtlich schweifwedelnd lief sie herbei und leckte
ihm die Hnde und er streichelte sie. Und mit ihr waren alle Tiere da,
die ihm auf Erden die liebsten gewesen waren: ein kleiner rothaariger
Kater, zwei junge graue Kater, zwei schneeweie Ktzchen, ein Gimpel und
zwei Goldfische.

Er sah den Tisch gedeckt und an ihm sitzend den lieben Gott, den Vater
und die Mutter und neben ihnen ein schnes junges Mdchen, das er unten
auf der Erde liebgehabt hatte, und das ihm in den Himmel gefolgt war,
obwohl es nicht gestorben war. Und nun erkannte er mit einem Male, da
der Paradiesgarten der Garten seines irdischen Vaterhauses sei, in dem
wie ehdem und immer die Lilien und Granatbume blhten und der Kohl
wuchs.

Der liebe Gott hatte seinen Stock und seinen Hut auf den Boden gelegt.
Er war angetan wie die Armen der groen Landstraen, die einen Wecken
Brotes in ihrem Quersacke tragen und die die Obrigkeit an den Eingngen
der Stdte anhalten und ins Gefngnis werfen lt, weil sie nichts
haben, was fr sie brgt. Seine Haare und sein Bart waren wei wie das
groe Licht des Tages und seine Augen tief und dunkel wie die Nacht.

Er sprach -- und seine Stimme war sanft --: Die Engel sollen kommen und
uns bedienen, denn es ist ihr Glck, zu dienen. Da kamen auch schon auf
allen Wegen des himmlischen Gartens die Heerscharen herangeeilt. Und das
waren die treuen Dienstboten, die im irdischen Leben den Dichter und
seine Familie geliebt hatten. Da kam nun der alte Johann, der ertrunken
war, als er einen kleinen Jungen retten wollte, die alte Marie, die an
einem Sonnenstiche gestorben war, da war der humpelnde Peter, Johanna
war da und noch eine andere Johanna. Und der Dichter erhob sich von
seinem Sitze, um ihnen die Ehre zu erweisen, und er sprach zu ihnen:
Setzt euch auf meinen Platz, denn ihr mt neben Gott sitzen. Gott
lchelte, da er ihre Antwort schon wute, noch ehe sie geredet hatten.
Sie aber sagten: Unser Glck ist, zu dienen. Und so sind wir bei Gott.
Dienst du selber nicht auch deinem Vater und deiner Mutter? Und dienen
sie wiederum nicht IHM, der uns dient?

Mit einem Male sah er nun den Tisch anwachsen und neue Gste sich daran
niederlassen. Das waren Vater und Mutter seines Vaters und seiner Mutter
und die Geschlechter alle, die ihnen vorangegangen waren.

Es wurde Abend. Die ltesten schliefen ein. Der Dichter und seine
Freundin hatten einander lieb. Und Gott, den sie empfangen hatten, ging
seiner Wege, gleich jenen Armen der groen Landstraen, die einen Wecken
Brotes in ihrem Quersacke tragen und die die Obrigkeit an den Eingngen
der groen Stdte anhalten und ins Gefngnis werfen lt, weil sie
nichts haben, das fr sie brgt.




                        DAS PARADIES DER TIERE


Ein armes altes Pferd stand mit seinem Wagen trumend vor der Tr eines
elenden Wirtshauses, in dem Weiber kreischten und Mnner grhlten. Es
regnete, Mitternacht war nahe. Das arme drre Pferd wartete nun hier
todtraurig mit herabgesunkenem Kopfe und schwachen Beinen, da ihm das
Vergngen der wsten Menschen da drinnen endlich erlauben mchte, in
seinen elenden stinkenden Stall zurckzukommen. Schreiende Zoten von
Mnnern und Weibern klangen ihm in seinen halben Schlaf. Mit Mhe hatte
es sich in der langen Zeit daran gewhnt und verstand nun mit seinem
armen Hirn, da der Schrei der Dirnen nichts Bedeutsameres sei als der
ewig gleiche Lrm des Rades, das sich dreht.

Diese Nacht nun trumte ihm verschwommen von einem kleinen Fllen, das
es einmal gewesen war, von einer Wiese, auf der es, noch ganz rosig,
seine Sprnge gemacht hatte, und von seiner Mutter, die ihm zu trinken
gegeben hatte. Da strzte das alte Pferd pltzlich tot hin auf das
schmutzige Pflaster.

Das Pferd kam an das Tor des Himmels. Ein groer Weiser stand davor und
wartete, da Sankt Petrus kme und ihm ffne. Er sagte zu dem Pferde:
Was willst du denn hier? Du hast kein Recht, in den Himmel zu kommen.
Ich habe das Recht, denn ich bin von einer Frau geboren worden. Das
alte Pferd erwiderte ihm: Meine Mutter war eine liebe Stute. Sie war
alt und ausgesogen von den Blutsaugern, als sie starb. Ich komme jetzt,
um den lieben Gott zu fragen, ob sie hier ist. Da ffnete das Tor des
Himmels seine beiden Flgel den Einlaheischenden und das Paradies der
Tiere lag vor ihnen. Das alte Pferd erkannte sogleich seine Mutter, und
auch diese erkannte es, und sie begrten einander wiehernd. Da sie nun
beide auf der groen himmlischen Wiese standen, hatte das Pferd eine
groe Freude, denn es erblickte alle seine Gefhrten aus dem einstigen
Elend wieder und es sah, da sie fr immer glcklich waren. Alle waren
da: die, die ausgleitend und stolpernd einst auf dem Pflaster der Stdte
Steine geschleppt hatten und lahmgeschlagen vor den Lastwagen
zusammengebrochen waren. Die waren da, die mit verbundenen Augen zehn
Stunden im Tage im Karussell die Holzpferde gedreht hatten, und die
Stuten, die bei den Stierkmpfen an den jungen Mdchen vorbeigerast
waren, die rosig vor Freude sahen, wie die Leidenskreaturen ihre
Eingeweide durch den glhenden Sand der Arena schleiften. Und viele,
viele andere noch waren da. Und alle gingen nun in Ewigkeit ber das
groe Gefilde der gttlichen Stille.

Alle Tiere waren glcklich. Zierlich und geheimnisvoll. Selbst dem
lieben Gott, der ihnen lchelnd zusah, ungehorsam, spielten die Katzen
mit einem Knuel Bindfaden, den sie mit leichter Pfote weiterrollten,
voll des Gefhles geheimer Wichtigkeit, die sie nicht mitteilen wollten.
Die Hndinnen, die guten Mtter, verbrachten ihre Zeit damit, ihre
winzigen Jungen zu sugen. Die Fische schwammen ohne Angst vor dem
Fischer dahin. Der Vogel flog, ohne den Jger zu frchten. Und so war
alles. Und nicht einen Menschen gab es in diesem Paradiese.




                      DIE GTE DES LIEBEN GOTTES


Sie war ein hbsches und zartes kleines Geschpf und arbeitete in einem
Laden. Sie war nicht sehr klug, wenn man das so sagen will, aber sie
hatte dunkle Augen voll Sanftheit, die einen ein bichen traurig
anschauten und sich dann gleich senkten. Viel Zrtlichkeit war in ihr
und jene schlichte Alltglichkeit, die nur die Dichter verstehn knnen,
und die einzig das Reinsein von allem Hasse mit sich bringt.

Sie sah so einfach aus wie das bescheidene Zimmer, darin sie mit ihrer
kleinen Katze, die ihr jemand geschenkt hatte, wohnte. Jeden Morgen,
bevor sie zu ihrer Arbeit ging, lie sie ein Npfchen Milch fr die
Katze zurck. Diese hatte ebenso wie ihre Herrin gute, traurige Augen.
Sie wrmte sich in der Sonne auf dem Fensterbrette, auf dem ein
Basiliumstckchen stand, oder sie leckte sich ihre kleinen Pfoten wie
einen Pinsel glatt und kraute sich die kurzen Kopfhaare, oder sie hielt
eine Maus vor sich fest.

Eines Tages waren Katze und Herrin schwanger, die eine von einem schnen
Herrn, der sie verlassen hatte, die andere von einem schnen Kater, der
sich nicht mehr sehen lie. Der Unterschied war nur, da das arme
Mdchen krank und krnker wurde und schluchzend seine Zeit hinbrachte,
whrend die Katze sich in der Sonne mit allerlei frhlichen Drehungen
und Wendungen vergngte und ihr weier, spahaft aufgetriebener Bauch
schimmerte. Die Katze hatte ihre Liebeszeit nach der des Mdchens
gehabt, was die Dinge so gestaltete, da beide um den gleichen Zeitpunkt
ihre Niederkunft zu erwarten hatten.

Die kleine Arbeiterin erhielt nun in diesen Tagen einen Brief von dem
schnen Herrn, der sie verlassen hatte. Er sandte ihr fnfundzwanzig
Franken und erzhlte ihr dazu, wie herrlich gromtig er sei. Sie kaufte
ein Kohlenbecken, Kohlen, fr einen Sou Zndhlzer -- und ttete sich.

Als sie im Himmel ankam, in den einzutreten sie erst ein junger Priester
hatte hindern wollen, zitterte das hbsche zarte kleine Geschpf zuerst
in dem Gedanken, da sie schwanger sei und Gott sie verdammen knne.
Aber der liebe Gott sprach zu ihr: Meine Freundin, ich habe dir ein
hbsches Zimmer vorbereitet. Geh hin und bring darin dein Kindlein zur
himmlischen Welt! Hier im Himmel geht alles gut vorber, und du wirst
nicht mehr sterben mssen. Ich liebe die Kinder -- lasset sie zu mir
kommen!

Als sie das Zimmerchen betrat, das sie im Hause der himmlischen Gte
erwartete, sah sie, da ihr der liebe Gott eine berraschung bereitet
hatte.

Er hatte ihr in einem schnen Krbchen die Katze, die sie liebte, dahin
bringen lassen. Und auf dem Fensterbrette stand ein Basiliumstckchen.
Sie ging zu Bett. Und sie bekam ein schnes blondes kleines Mdchen und
die Katze bekam vier schne schwarze kstliche kleine Kater.




                          DER WEG DES LEBENS


Ein Dichter setzte sich eines Tages an seinen Tisch, um eine Geschichte
zu schreiben. Aber es wollte ihm kein einziger Einfall kommen. Dennoch
war ihm frhlich zumute, denn die Sonne berglnzte den Geraniumstock
auf seinem Fensterbrette und inmitten des offenen blauen Fensters flog
surrend eine Fliege auf und nieder. Und da sah er mit einem Male sein
Leben vor sich. Es war eine weite weie Strae, die, ausgehend von einem
dunklen Haine, darin die Wasser murmelten, bis an einen kleinen stillen
Grabhgel fhrte, den Dornstrucher, Nesseln und Seifwurz berwucherten.
In dem dunklen Wldchen erblickte er den Schutzengel seiner Kindheit.
Der hatte goldene Flgel wie eine Wespe, blondes Haar und ein Antlitz so
still wie das Wasser eines Brunnens an einem Sommertage.

Der Schutzengel sprach zu dem Dichter: Erinnerst du dich der Zeit, da
du noch klein warst? Du kamst mit deinem Vater und deiner Mutter, die
hier angeln wollten, hierher. Die Wiese da war hei, viele Blumen gab es
und Heuschrecken. Weit du noch, da die Heuschrecken aussahen wie
abgebrochene Halme, die sich bewegten? Mein Freund, willst du den Ort
wiedersehen? Der Dichter sagte: Ja. Und sie gelangten zusammen an das
blaue Ufer, darber blau der Himmel und schwarz die Haselnustrucher
hingen. Sieh deine Kindheit! sprach der Engel. Der Dichter sah auf das
Wasser nieder, weinte und sagte: Ich sehe nicht mehr die sanften
Gesichter meiner Mutter und meines Vaters sich hier spiegeln. Hier haben
sie sich immer ans Ufer gesetzt. O, sie waren still, gtig und
glcklich! Ich trug eine weie Schrze, die ich immer schmutzig machte
und die mir die Mutter dann mit dem Taschentuche sauber rieb. Lieber
Engel, sag mir, wo sind die Spiegelbilder ihrer sanften Gesichter? Ich
sehe sie nicht mehr, ich sehe sie nicht mehr! In diesem Augenblicke
lste sich ein schnes Struchen Haselnsse von einem der Strucher,
schwamm und wurde von der Strmung davongetragen. Da sprach der Engel zu
dem Dichter: Das Spiegelbild deines Vaters und deiner Mutter ist von
der Strmung des Wassers davongetragen worden wie dieses Struchen
Frchte. Denn alles geht dahin, die Dinge und die Erscheinungen. Das
Bildnis deiner Eltern ist im Wasser vergangen, und was davon brig
blieb, heit Erinnerung. Besinne dich und bete, und du wirst die
geliebten Bilder wiederfinden! Als in diesem Augenblicke ein azurblauer
Eisvogel ber das Schilf dahinflog, schrie der Dichter auf: O Engel,
sehe ich nicht in den blauen Flgeln dieses Vogels die Augen meiner
Mutter wieder! Und das himmlische Wesen sagte: So ist es. Doch sieh
weiter! Und aus dem Wipfel eines Baumes, auf dem eine Turteltaube ihr
Nest gebaut hatte, flatterte eine Feder leicht und wei, sich drehend,
zur Erde nieder. Und der Dichter schrie auf: Ist dieser weie Flaum
nicht die reine Sanftheit meiner Mutter? Und das himmlische Wesen
sagte: So ist es! Ein leichter Hauch kruselte das Wasser und rauschte
durch das Laub. Und der Dichter fragte: Hre ich nicht die milde und
dunkle Stimme meines Vaters? Und das himmlische Wesen sagte: So ist
es!

Sie gingen zusammen weiter auf dem Wege, der aus dem Wldchen kam und
das Ufer entlang fhrte. Mit einem Male wurde unter der Sonne die weite
Strae blendend wei. Sie war nun wie das Linnen auf dem heiligen
Abendmahlstische. Und zur Rechten und zur Linken klangen verborgene
Wasser wie heilige Glocken. Da fragte der Engel: Kennst du diese Stelle
deines Lebens? Hier ist, sagte der Dichter, der Tag meiner ersten
Kommunion. Ich denke an die Kirche, an die glcklichen Gesichter meiner
Mutter und meiner Gromutter. O, ich war traurig und glcklich zugleich.
Wie glhend habe ich mich hingekniet! Schauer liefen mir ber die Haut
des Kopfes. Abends beim Familienmahle kten sie mich und sagten: Du
warst der Schnste! In dieser Erinnerung verging der Dichter
aufschluchzend. Und also weinend war er schn wie am Tage der heiligen
Feier, und seine Trnen fielen auf seine Hnde wie Weihwasser. Und sie
gingen zusammen die Strae weiter.

Der Tag neigte sich schon. Die hohen Pappeln am Straenrande bogen sich
sacht. Eine von ihnen, die ferne inmitten einer Wiese stand, glich einem
groen jungen Mdchen. Und der Himmel war nun so wunderbar in Blsse und
Blau getnt, da er aussah wie die Schlfe einer Jungfrau. Der Dichter
gedachte der ersten Frau, die er geliebt hatte. Und der Schutzengel
sprach zu ihm: Diese Liebe war so rein und so voll der Schmerzen, da
sie mich nicht betrbt. Indes sie nun weiterschritten, wuchs sanfter
Schatten um sie und eine Herde Lmmer zog an ihnen vorbei. Da das
himmlische Wesen das Leiden des Dichters sah, hatte es ein Lcheln auf
seinem Antlitze, schwer und s wie das Lcheln einer kranken Mutter.
Und seine goldenen Flgel verwehten den schauernden Hauch von Abend.

Bald entzndeten sich die Sterne hoch oben im Schweigen. Da glich der
Himmel dem Totenbette eines Vaters, umgeben von Kerzen und stummer
Klage. Und die Nacht war wie eine groe Witwe, die auf der Erde kniet.
Erkennst du das? fragte der Engel. Der Dichter redete nicht und kniete
nieder.

Endlich gelangten sie dahin, wo die Strae bei dem kleinen Grabhgel,
den Dornstrucher, Nesseln und Seifwurz berwucherten, zu Ende ging. Und
der Engel sprach zu dem Dichter: Ich wollte dir deinen Weg zeigen: hier
ist der Ort, an dem du ruhen wirst, hier, nicht ferne den Wassern. Sie
werden dir Tag um Tag das Bild deiner Erinnerungen bringen, das azurne
Blau des Eisvogels, das den Augen deiner Mutter gleicht, den weien
Flaum der Turteltaube, der sanft ist wie sie, das Rauschen des Laubes,
das wie die milde und dunkle Stimme deines Vaters ist, das Leuchten der
Strae, wei wie deine erste Kommunion, und die pappelschlanke Gestalt
der ersten Frau, die du geliebt hast. Und endlich werden dir die Wasser
die groe leuchtende Nacht bringen.




                          DIE KLEINE NEGERIN


Manchmal haftet mein Gedanke an dem Vergilben der alten Seekarten und
ich hre das Brausen der Monsune im Fieber meines Hirns. Aber wie? Mu
ich denn, um fr dieses Leben etwas brig zu haben, auch jenes
heraufholen, das ich vielleicht vor meiner Geburt zwischen zweien
schwarzen Sonnen gefhrt habe? Die ungewisse Landschaft rollte Sterne
dahin in das zerrissene Sthnen eines Ozeans ...

Jemand kratzte an meiner Tr. Ich rief: Herein! Es war eine junge
Negerin in einem blauen berwurfe, der bis zur Hlfte der Schenkel
reichte. Sie setzte sich auf den Boden und streckte ihre gefalteten
Hnde gegen mich; und ich sah, da auf ihren nackten Armen
Peitschenstriemen waren. Wer hat dir das getan? fragte ich sie. Sie
antwortete nicht und zitterte an allen Gliedern. Sie verstand mich nicht
und fragte sich vielleicht, ob auch ich sie mihandeln wolle.

Ganz sachte schob ich ihr Kleid zur Seite und sah, da auch ihr Rcken
wund war. Ich wusch sie. Aber sie flchtete, entsetzt von dieser Gte,
unter den Tisch meiner Htte. Ich hatte Trnen in den Augen. Ich
versuchte, sie zu rufen. Aber ihre Blicke, wie die einer geschlagenen
Hndin, flohen mich. Ich hatte da ein paar Kartoffeln und ein wenig
Butter. Ich zerdrckte sie mit einem Holzlffel in einem Napfe, machte
eine Brhe davon und stellte sie in einiger Entfernung von der
Hingekauerten auf den Boden hin. Dann zndete ich meine Pfeife an. Aber
wie gro war mein Erstaunen, als sie pltzlich auf allen Vieren zu einer
Ecke der Stube kroch, wo ich ein paar Blumen liegen gelassen hatte. Sie
richtete sich jh auf und griff mit einer lebhaften Bewegung danach.

Seit jenem Abenteuer mochten etwa hundertfnfzig Jahre vergangen sein,
als ich ihr von neuem begegnete. Ich wenigstens war davon berzeugt, da
sie es war. Es war im peruanischen Speisehause in Bordeaux. Sie wischte
hier an dem Glase eines mrrischen Studenten, der gefunden hatte, es sei
nicht sauber genug.




                               RONSARD


Meine Mutter hat ein altes Glas bekommen, ein Glas, wie das gewesen sein
mu, aus dem Ronsard dem Jean Brinon einen Trunk geboten hat. Wie mag
Ronsard gewesen sein? Sicherlich hat er ein Gewand aus Hermelin
getragen. Und whrend die groen Regen der alten Zeiten die
Haselnustrucher am Loir peitschten, sa er mit einem dicken alten
Folianten in der Kaminecke seines Schlosses. Es mu ein
Sonntagnachmittag um drei Uhr gewesen sein. Ein Frosch quakte in seiner
Lache, in die die Lanzen des Regens splitterndes Licht spritzten. Marie
oder Genoveva oder eine andere betrat das Gemach und setzte sich zu ihm.
Und er legte, ohne das Buch zu schlieen, sanft seine freie Hand auf das
Knie der Geliebten. Und er lchelte. Er dachte an Odysseus, der ber die
grauen Meere irrt, an Helena, an das Urteil des Paris, an Troja und an
die Bogenschtzen, die nackt und helmtragend an der Mauerbrstung knien
und den Bogen auf antikische Art spannen.

Wenn die Wasser der Pyrenenbche meinen Namen in die Nachwelt tragen
wie die Wasser der Vendme den des Ronsard, wenn je ein Jngling, dem
das Herz schwer und beklommen ist vom Dufte der Nelken, die ein
Schulmdel an der Brust trgt, sich fragen sollte, wie ich gewesen sein
mag, mge er sich antworten: An diesem regengrauen Allerheiligentage
hatte Francis Jammes sein Herz gar nicht schwer und beklommen vom Dufte
der Nelken, die ein Schulmdchen an der Brust trgt. (brigens gibt es
ja im Herbste keine Nelken!) Er rauchte vielmehr seine Pfeife und
pflanzte Sauerklee in einen Blumentopf, um den Schlaf der Pflanzen zu
studieren. An der einen Wand seines Zimmers hing ein Epinaler
Bilderbogen, der das einzige wahrhaftige Bild des ewigen Juden
darstellte. Er zeigte den ewigen Juden mit einem wunderlichen Hute,
einem Mantel, in blauen Pantoffeln, und einem roten Gewande, wie ihm
gerade Brabanter Brger einen Krug schumenden Bieres reichen. Das
Wirtshaus darauf ist wirklich poetisch; Reben ranken daran empor und
groe Rosen beugen sich zum Erdboden nieder -- -- wie die Armen, die
Bettellieder singen und sich zur Erde beugen. Und das alles ist im
Lichte des Abendrotes gegen Ende des friedlichen Sommers dargestellt.

An diesem Tage nun warf Francis Jammes einen kurzen Blick auf seinen
Ruhm. Dieser ganze Ruhm lag auf seinem Tische und bestand in dem
Umschlag eines Briefes, den ihm ein Mnch aus Deutschland geschrieben
hatte, aus dem Briefe eines ihm unbekannten Hollnders, der Walch hie,
und dem Briefe eines jungen Mdchens. Francis Jammes lchelte. Dann
klopfte er an seinem Finger die Asche aus der Pfeife -- -- -- und war
entschlossen, den Toten Ehre zu erweisen.




                           ROBINSON CRUSOE


Ich setze diese Verse hierher; sie sind aus einem Gedichte, das ich in
Holland geschrieben habe:

   Robinson Crusoe hat (so glaub ich), da er heimfuhr
   Von seinem grnen schattigen Eiland, das
   Voll frischer Kokosnsse war, auch Amsterdam berhrt.
   Wie hat es ihn gepackt, als er die ungeheuren
   Tore mit ihren wuchtigen Klopfern schimmern sah!
   Stand er voll Neugier hier vor den Gewlben,
   In denen Schreiber ber Rechnungsbchern saen?
      Mute er weinen, da sein lieber Papagei
   Ihm einfiel und der plumpe Sonnenschirm,
   Der Schutz war auf dem milden traurigen Eiland?

   Gepriesen seist du, ewiger Gott! so rief er,
   Als er die tulpenbermalten Truhen sah.
   Allein sein Herz, betrbt in Heimkehrfreude,
   Sehnte sich nach dem Lama, das allein im Weinberg
   Des Eilandes zurckgeblieben, das vielleicht gestorben war.

Was aus den Worten und Bildern dieses Buches seit der Kindheit am
lebendigsten vor mir steht, das ist nicht die Schnheit der Weinreben,
die so tiefen Schatten gaben, noch ist es der Fisch, den er mit einer
Schnur und einem Haken daran gefangen hat, nicht die einsame Kokospalme
in der blauen Glut des Morgens ist es, noch auch sind es die rosigen und
purpurnen Flecken der Meereskste bei Ebbe, voll des Seegetiers, nicht
das gebratene Zicklein, das er mit Salz aus einer Felsmulde gesalzen
hat, ist es, was mich so ganz ergriffen hat; auch die Eier der
schlfrigen Schildkrten sind es nicht. Noch ist es die Fieberkrankheit,
die der Trunk Wassers, darein er Rum getan hatte, allmhlich gelindert
hat, weder der Papagei ist es, noch die Freundschaft mit dem Hund und
der Katze, nicht der verzweifelte Glanz der Sonne, die er auf den Kompa
gemalt hatte, und nicht die Quelle sen Wassers ist es, es sind auch
nicht die Speisen, die er sich so kunstlos bereitet hat (obwohl ich mich
gerade ihrer vielleicht am hufigsten erinnert habe!), all das hat mich
nicht so erschttert wie Robinson Crusoes Alter.

Immer wieder mu ich an die Zeit seines Lebens denken, da er wieder in
der Menge verschwunden war und dann, zweiundsiebzig Jahre alt geworden,
einsamer ist, als er es je zuvor war. In einem Gewande aus
blumendurchwirktem Sammet sa er in seinem dsteren kleinen Gemache in
London, das eine unendliche Gte gleich dem matten Licht in Sturmwettern
erfllte, und wute nichts mehr zu erwarten als den Frieden des Todes.

Ich gre dich, mein Bruder Crusoe! Auch mich haben die Orkane des
Lebens auf eine wste Insel geworfen; und nun, wohin immer ich schaue,
gewahre ich nichts mehr als das betubende und eintnige Wasser.
Zuweilen trgt es mir treibende Trmmer zu, die ich dann einen
Augenblick lang schweigend betrachte. Bald aber ergreift mich mein
Trumen wieder, das nun seinen Frieden gemacht hat mit dem groen
Drhnen des unendlichen Meeres, und manchmal schon findet sich ein
Lcheln in mein Gesicht. Wie der Zyklon still wird!

O mgen in meinem Alter Gottes Palmen mein Herz wie die friedliche
Weinlaube deines Eilandes berschatten!




                       DAS GRABMAL DES DICHTERS


Wenn ich an meiner Dichtung mit derselben Sorgfalt gearbeitet habe wie
ein ordentlicher Schuster an seinem Stcke Leder, dann betrachte ich den
schnen Baum im Garten des Hauses, in dem Alfred de Vigny gewohnt hat,
als er in Orthez Soldat war. Der Handlungsreisende, der seinen
Musterkoffer in die Apotheke oder den Buchladen trgt, wei so wenig,
da hier der Dichter Alfred de Vigny gewohnt hat, wie das Rind, das zur
Weide trottet, oder der Distelfink, der an seinen Futterhalmen pickt.

Diese Unwissenheit der Stdte in allem, was ihre groen Mnner angeht,
hat ihren guten Grund. Sie bewahren von ihnen nur das in ihrer
Erinnerung, was im Einklange mit ihrem eigenen Wesen stand. Wenn nur
Cervantes, der gro ist wie Homer, einmal wiederkehren wollte in die
Francosgasse zu Madrid, in der er gestorben ist, und den Schatten seiner
dereinstigen Hauswirtin fragte: Habt Ihr einen Dichter des Namens
Miguel Cervantes de Saavedra gekannt, der den Don Quichote geschrieben
hat? Er bekme zweifellos zur Antwort: Wenn Ihr einen Einarmigen
meint, den hab' ich gekannt, aber einen Dichter nicht.

Fordert nicht Gott selber durch diese Unwissenheit, da man die Toten
ruhen lasse in Frieden und ihnen nicht allerorten marmorne Denksteine
errichte? Stolzer ist kein Denkmal der Toten als das, das sich
tagtglich rings um uns erhebt. Ein jeder Pfirsichbaum, der in der Blte
steht oder die Last seiner Frchte trgt, ist Denkmal eines Dichters so
wie jeder Sperling und jede Ameise. Da im Garten des Dichters des Eloah
der Tulpenbaum golden aufglnzt, da dort bei den Akazien, wo der
Brunnen fliet, die Ziegen den Schatten der Mauer entlang gehen, ist das
rechte Grabmal.

Ich wei bestimmt, da die, die (wie Valry Larbaud, Andr Gide und
Guillaumin) sich um das Andenken eines Dichters wie Charles Louis
Philippe mhen, nur den edelsten Gefhlen gehorchen. Aber sie sollten
doch nicht die Bste, die Bourdelle dem Dichter gemeielt hat, dem
Denkmale gegenberstehen lassen, das Gott selbst ihm in Crilly
errichtet hat: der Werkstattbude (die wie der Himmel nur eine Tre hat),
darin ein Handwerker Holzschuhe macht. Ich wei wohl, da das Erz
widerstandskrftig ist, wie die zhe Unbeirrbarkeit des Dichters, dessen
Beruf es ist (in diesem Sinne gleicht er dem des Fliegers),
niederzustrzen aus hchster Hhe und sich, wenn er den Sturz berlebt,
noch hher zu erheben. Aber das Erz, das unser Gedenken weiterleben
sieht, wird von der Zeit versehrt. Dreihundert Jahre werden hingehn;
diese Bergketten werden nicht mehr sein und fr ihr einstiges Dasein
wird nur mehr die menschliche Logik Zeugnis ablegen, denn sie werden
abgetragen und in die Winde verweht sein -- und wie sie wird auch die
Bste aus Erz dem Erdboden gleich geworden sein. Dableiben aber wird der
Geruch des Buchen- oder Nuholzes, eine alte Frau wird da sein, eine
kleine Katze, die sich in der Sonne wrmt, eine abgetretene Trschwelle
und der Azur des Himmels, und all das Bleibende wird Zeugnis ablegen fr
Charles Louis Philippe wie dieser Tulpenbaum hier fr Alfred de Vigny.
Und der Wanderer knftiger Jahrhunderte, der die feierlichen Rhythmen
des Einen oder das schlichte Wort des Anderen im Herzen trgt, wird,
wenn sein Weg Orthez oder Crilly berhrt, auch nicht einmal mehr daran
denken, da es je eine Bste des Einen oder Anderen habe geben knnen.
Aber mit einem Male werden die beiden Dichter ihm erscheinen: Vigny in
einem goldenen Baume, wie ein Rmer im Sturme sprechend, Philippe in
einer kleinen Werkstatt, die nach Suppe riecht, und deren Tr kreischt,
wenn sie sich ffnet.




                VON DER BARMHERZIGKEIT GEGEN DIE TIERE


Tief im Blicke der Tiere leuchtet ein Licht sanfter Traurigkeit, das
mich mit solcher Liebe erfllt, da mein Herz sich als ein Hospiz auftut
allem Leiden der Kreatur.

Das elende Pferd, das im Nachtregen mit bis zur Erde herabgesunkenem
Kopfe vor einem Kaffeehause schlft, der Todeskampf der von einem Wagen
zerfleischten Katze, der verwundete Sperling, der in einem Mauerloche
Zuflucht sucht -- all diese Leidenden haben fr immer in meinem Herzen
ihre Sttte. Verbte das nicht die Achtung fr den Menschen, ich kniete
nieder vor solcher Geduld in all den Qualen, denn eine Erscheinung zeigt
mir, da ein Glorienschein ber dem Haupte einer jeden dieser
Leidenskreaturen schwebt, ein wirklicher Glorienschein, gro wie das
All, den Gott ber sie ausgegossen hat.

Gestern sah ich auf dem Jahrmarkte zu, wie die hlzernen Tiere im
Karussell sich drehten. Unter ihnen gab es auch einen Esel. Als ich ihn
erblickte, habe ich weinen mssen, weil er mich an seine lebendigen
Brder, die gemartert werden, erinnerte. Und ich mute beten: Kleiner
Esel, du bist mein Bruder! Sie nennen dich dumm, weil du nicht imstande
bist, Bses zu tun. Du gehst mit so kleinen Schritten, und du siehst
aus, als ob du im Gehen dchtest: Schaut mich doch an, ich kann ja
nicht schneller gehen ... Meine Dienste brauchen die Armen, weil sie mir
nicht viel zu essen geben mssen. Mit dem Dornstocke wirst du
geschlagen, kleiner Esel! Du beeilst dich ein bichen, aber nicht viel,
du kannst ja nicht schneller .. Und manchmal strzest du hin. Dann
schlagen sie auf dich los und zerren so fest an dem Leitseile, da deine
Lefzen sich aufheben und deine armseligen gelben Zhne zeigen.

Auf demselben Jahrmarkte hrte ich einen schreienden Dudelsack. Mein
Freund fragte mich: Erinnert er dich nicht an afrikanische Musik?
Ja, antwortete ich ihm, in Tuggurt nseln die Dudelscke so. Das mu
ein Araber sein, der hier blst. Gehen wir doch hinein in die Bude,
sagte mein Freund, es sind Dromedare zu sehen.

Zusammengepret wie Sardinen in der Schachtel drehten sich hier ein
Dutzend kleiner Kamele in einer Art Grube. Sie, die ich wie Wellen
dahinziehen gesehen habe inmitten der Sahara, da es um sie nichts
anderes gab als Gott und den Tod, mute ich nun hier finden, o Elend
meines Herzens! Sie drehten sich, drehten sich immerzu in dem wrgenden
Raume, und der Jammer, der von ihnen ausging, war wie ein Erbrechen ber
die Menschen. Sie gingen, gingen immerzu, stolz wie arme Schwne und in
einer Glorie der Verzweiflung, mit grotesken Negerlappen bedeckt,
verhhnt von den Weibern, die hier tanzten, und hoben ihren armen
Wurmhals empor, Gott und den wunderbaren Blttern einer Oase des
Wahnsinns entgegen.

O Erniedrigung der Geschpfe Gottes! In der Nhe der Kamele gab es
Kaninchen in Kfigen, daneben, als Lotteriegewinste zur Schau gestellt,
schwammen Goldfische in Glasballons mit so engem Halse, da mein Freund
mich fragte: Wie hat man sie nur da hineinbringen knnen? Indem man
sie ein bichen zusammengedrckt hat, antwortete ich ihm. Anderswo
wieder wurden lebende Hhner, gleichfalls Lotteriegewinste, vom Kreisen
einer Drehscheibe mitgeschleppt. In ihrer Mitte lag, von grauenhafter
Angst gepackt, ein kleines Milchschweinchen auf dem Bauche. Schwindel
befiel die Hhner und Hhne, sie schrien und hackten in ihrem Wahnsinn
aufeinander los. Nun machte mich mein Begleiter darauf aufmerksam, da
tote und gerupfte Hhner inmitten ihrer lebendigen Schwestern aufgehngt
waren.

Mein Herz wallt hei auf in diesen Erinnerungen und unendliches Mitleid
ergreift mich.

O Dichter, nimm die gequlten Tiere in dein Herz auf, la sie darin
wieder erwarmen und leben in ewigem Glcke! Geh hin und knde das
schlichte Wort, das die Unwissenden die Gte lehrt!




                      BETRACHTUNG BER DIE DINGE


Ich trete in ein groes Viereck sich bewegenden Schattens ein. Ein Mann
sitzt hier und klopft beim Licht einer bunten Kerze Ngel in eine
Schuhsohle. Zwei Kinder strecken die Hnde gegen den Herd aus. Eine
Amsel schlft in dem Rohrkfige. Das Wasser brodelt im irdenen
rauchschwarzen Topfe, aus dem ein Geruch von ranziger Suppe steigt und
sich mit dem nach Gerberlohe und Leder mengt. Ein Hund sitzt vor dem
Herde und starrt in die Glut.

Diese Wesen und Dinge tragen in all ihrer Armseligkeit eine solche
Sanftmut in sich, da ich mich gar nicht frage, ob ihr Dasein einen
anderen Sinn habe als eben diese Sanftmut, noch, ob ich mir ihre
Drftigkeit mit irgendeiner Schnheit schmcken solle.

Hier wacht der Gott der Armen, der schlichte Gott, an den ich glaube.
Er, der aus einem Krnlein eine hre werden lt, der das Wasser vom
Lande scheidet, das Land von der Luft, die Luft vom Feuer und das Feuer
von der Nacht; der die Leiber beseelt, der das Laub macht, Blatt um
Blatt, wie wir es nie werden machen knnen, worein wir aber unser
Vertrauen setzen wie in die Arbeit eines vorzglichen Arbeiters.

Ohne Sehnsucht nach Menschenwissen denke ich nach; und so kann es
geschehen, da Gott sich mir offenbart. In der Htte des Schuhflickers
ffnen sich mir die Augen so einfach wie dem Hunde, der da sitzt. Und
nun sehe ich, sehe in Wahrheit, was wenige sehen werden: das Bewutsein
der Dinge, zum Beispiel die Opferwilligkeit dieses rauchenden Lichtes,
ohne das der Hammer des Arbeiters kein Brot schaffen knnte.

Fast whrend all unserer Zeit nahen wir uns leichtfertig den Dingen, die
doch gleich uns leiden und glcklich sind. Wenn ich eine kranke hre
unter den gesunden erblicke, wenn ich die fahlen Flecken an ihren
Krnern gesehen habe, dann schaue ich sehr klar den Schmerz dieses
Dinges. Und in mir selber fhle ich das Leiden der Pflanzenzellen
wieder. Ich verstehe, wie schwer sie es haben, auf dem Flecke, der ihnen
zugewiesen ist, zu wachsen, ohne einander zu erdrcken, und mich erfat
hei der Wunsch, mein Taschentuch zu zerreien und daraus einen Verband
fr die kranke hre zu machen. Dann denke ich freilich, da das kein
rechtes Heilmittel fr eine bloe Kornhre sei, und da eine solche
Behandlung in den Augen der Menschen, denen ich schon sonderbar genug
vorkomme mit meinen Frsorgen fr einen Vogel oder eine Grille, eine
arge Narretei sein mte. Doch von dem Leiden dieser Krner habe ich
Gewiheit, denn ich fhle es mit.

Eine schne Rose wiederum flt mir ihre Lebensfreude ein. Ich fhle,
wie glcklich sie an ihrem Stiele ist. Wenn jemand einfach die Worte:
Es ist schade, sie zu brechen! ausspricht, bekennt er damit, da er
das Glck der Blume mitempfindet, und da er es ihr bewahren will.

Ich erinnere mich noch ganz genau, wie sich mir zum ersten Male das
Leiden eines Dinges geoffenbart hat. Ich war drei Jahre alt. In meinem
Heimatsdorfe fiel ein kleiner Junge beim Spielen auf einen Glasscherben
und starb an seiner Wunde. Wenige Tage spter kam ich in das Haus, in
dem das Kind gewohnt hatte. Seine Mutter weinte in der Kche. Auf dem
Kamine lag ein armseliges kleines Spielzeug. Ich sehe deutlich vor mir,
da es ein kleines Pferd aus Zinn oder Blei, vor ein Blechfchen auf
Rdern gespannt, war. Die Mutter sagte mir: Dieser Wagen hat meinem
armen kleinen Louis gehrt, der tot ist. Soll ich dir ihn schenken? Da
ging eine Flut von Zrtlichkeit ber mein Herz. Ich fhlte, da dieses
Ding seinen Freund, seinen Herrn nicht mehr hatte, und da es daran
litt. Ich nahm das Spielzeug und empfand solches Mitleid mit ihm, da
ich schluchzte, whrend ich es nach Hause trug. Ich wei es noch ganz
bestimmt, da ich weder ein Gefhl fr den Tod des kleinen Jungen noch
fr die Verzweiflung der Mutter hatte, wozu ich wohl noch zu jung war.
Ich hatte nur Mitleid mit dem bleiernen Tiere, das mir dort auf dem
Kamin ganz verzweifelt erschien und fr immer ausgeschlossen aus dem
Leben, da es den verloren hatte, den es liebte. Ich erinnere mich an all
das, als ob es gestern geschehen wre, und kann als sicher behaupten,
da der Wunsch, das Spielzeug zu besitzen, um mich damit zu vergngen,
mir gar nicht gekommen ist. Das ist gewi wahr, denn ich habe, als ich
weinend heimkam, das Pferd mit dem kleinen Fasse meiner Mutter gegeben,
die brigens das Ganze vergessen hat.

Die Gewiheit von der Beseeltheit der Dinge lebt in den Kindern, den
Tieren und den schlichten Herzen. Ich habe erlebt, da Kinder ein rohes
Stck Holz oder einen Stein so sehr mit allen Eigenschaften lebender
Wesen begabt glaubten, da sie ihnen eine Handvoll Gras brachten, und
dann, nachdem ich das Gras heimlich weggenommen hatte, nicht daran
zweifelten, da das Holz oder der Stein das Gras aufgegessen htten. Die
Tiere machen keinen Unterschied in dem, was ihnen geschieht. Ich habe
Katzen gesehen, die lange Zeit hindurch etwas, das ihnen zu hei gewesen
war, zerkratzten. Das spricht dafr, da die Tiere eine Vorstellung vom
Kampf gegen die Dinge haben und fr sie die Mglichkeit sehen,
nachzugeben -- und vielleicht auch zu sterben.

Ich meine, da nur die Erziehung durch eine falsche Eitelkeit es mit
sich bringt, da der Mensch sich solch eines Glaubens beraubt.

Fr mich unterscheidet sich die Handlung des Kindes, das einem Stck
Holze zu essen gibt, gar nicht von gewissen Opferbruchen der
Urreligionen. Und schlielich bedeutet der Glaube, da Bume, die an dem
Tage, an dem Kinder geboren wurden, gepflanzt worden sind, siechen und
vertrocknen, wenn die Kinder krnkeln und sterben, nichts anderes, als
da man Bumen ein tieferes Verbundensein mit uns als mit dem Leben
zuschreibt.

Ich habe leidende Dinge gekannt, und ich wei von solchen, die an ihrem
Leiden gestorben sind. Das traurige Kleiderwerk, das von unseren
Abgeschiedenen zurckbleibt, verfllt rasch. Oftmals hat es die
Krankheiten, an denen die litten, die es getragen haben; denn es hat
seine Sympathien. Oft habe ich Gegenstnde in ihrem Zugrundegehen
betrachtet. Ihre Auflsung gleicht vllig der unseren. Auch sie haben
ihren Knochenfra, ihre Geschwlste und ihre Wahnsinne. Ein
wurmzerfressenes Mbelstck, ein Gewehr mit gebrochenem Verschlusse,
eine Lade, die sich wirft, eine Geige, die ihre Stimme verloren hat,
sehe ich an Krankheiten leiden, vor denen ich erschttert stehe.

Warum sollen wir glauben, da nur wir Dinge lieb haben knnen und den
Dingen die Liebe zu uns absprechen? Wer brgt denn dafr, da die Dinge
der Liebe nicht fhig sind, wer zeugt dafr, da sie kein Bewutsein
haben?

Hatte der Bildhauer nicht recht, der sich mit einem Klumpen Ton in den
Hnden begraben lie, von jenem Ton, der seinen Trumen so gehorsam
gewesen war. Dieser Ton hatte ihm doch immer die Aufopferung eines guten
Dieners, wie wir sie am meisten bewundern, bewiesen: sich schweigend
darzubringen, ohne etwas dafr zu erwarten, hingegeben glubig. Voll
Glanz und Erhabenheit ist ein solches Bild, das dem Menschen also dient,
wie der Mensch Gott dient. Jener Knstler wute nicht mehr als sein Ton
davon, welchem Geheie er untertan war. Von dem Augenblicke an, da sie
beide die gleiche Erleuchtung empfangen hatten, glaube ich auf gleiche
Weise an ihr Bewutsein und liebe sie beide mit derselben Liebe.

Unendlich ist die Traurigkeit in den Dingen, die keinem Gebrauche mehr
dienen. Auf dem Dachboden dieses Hauses, dessen Bewohner ich nicht
gekannt habe, liegt das Kleid eines kleinen Mdchens und eine Puppe, der
Verzweiflung verfallen. Vor der jahrealten Einsamkeit der Dinge hier
fhle ich die Gewiheit, da der eisenbeschlagene Stock dort, der einst
fest in die Erde der grnen Hgel gebissen hat, ebenso glcklich wre,
wenn er noch einmal die khle Frische von Moos empfinden drfte wie der
Sommerhut, der nun trb erleuchtet vom armen Lichte einer Dachluke
daliegt, wenn er noch einmal einen Sommerhimmel sehen drfte.

Die Dinge aber, die wir liebevoll bewahren, erhalten uns ihre
Dankbarkeit und sind immer bereit, uns ihre Seele darzubringen, auf da
sie sich an uns verjnge. Sie sind wie die Rosen in sandigem Grunde, die
unendlich erblhen, wenn nur ein wenig Wasser sie der Azure ihrer
verlorenen Brunnen gemahnt.

In meinem bescheidenen Wohnzimmer habe ich einen Kindersessel stehen.
Auf ihm sa mein Vater und spielte, als er in seinem siebenten Jahre die
berfahrt von Guadeloupe nach Frankreich machte. Er erinnerte sich noch
gut daran, wie er auf ihm im Schiffssalon sa und die Bilder ansah, die
ihm der Kapitn geliehen hatte. Das Holz von jenen Inseln mu sehr fest
sein, denn es hat den Spielen eines kleinen Jungen standgehalten. Dieses
kleine Mbelstck, das in meinem Wohnzimmer einen Hafen gefunden hat,
schlief hier lange fast vergessen. In langen Jahren hat es seine Seele
nicht geoffenbart, denn das Kind, dem es gedient hatte, gab es nun nicht
mehr, und andere Kinder kamen nicht, um sich wie Vgel daraufzusetzen.
Doch neuerdings ist das Haus frhlich geworden; meine kleine Nichte ist
da, die eben sieben Jahre alt wurde. Sie hat sich auf meinem
Arbeitstische eines alten botanischen Atlas bemchtigt. Und da ich in
das Wohnzimmer komme, finde ich sie im Lampenlichte auf dem kleinen
Sessel sitzen und, wie dereinst ihr seliger Grovater, die schnen
sanften Bilder anschauen. Da sagte ich mir, da einzig dieses kleine
Mdchen den Sessel habe neu beleben knnen, und da seine dienensfrohe
Seele sachte das arglose Kind dazu gelockt habe. Zwischen dem Kinde und
dem Dinge war ein geheimnisvolles Spiel von Anziehungskrften am Werke:
das Mdchen htte es nicht vermocht, nicht zu dem Sessel zu gehen, der
einzig dadurch hatte wieder zu Leben kommen knnen.

Die Dinge sind sanft. Aus eigenem Antriebe tun sie niemals Bses. Sie
sind die Geschwister der Geister. Sie nehmen uns in sich auf, und wir
bringen ihnen unsere Gedanken, die Sehnsucht nach ihnen haben wie die
Dfte nach den Blumen, zu denen sie gehren.

Der Gefangene, den keine Menschenseele trsten kommt, mu seine
Zrtlichkeit zu seiner Pritsche und zu seinem irdenen Kruge tragen. Da
ihm von seinesgleichen alles versagt wird, schenkt ihm sein armes Lager
den Schlaf und stillt ihm sein Krug den Durst. Und selbst die nackten
Mauern, die ihn doch von der ganzen Welt trennen, werden ihm lieb, weil
sie zwischen ihm und seinen Peinigern stehen.

Das gezchtigte Kind liebt den Polster, auf dem es weint. Da an einem
solchen Abende alles ihm gegrollt und wehgetan hat, trstet es die
schweigende Seele des Federkissens wie ein Freund, der mit seinem
Schweigen dem Freunde Ruhe schenken mchte.

Doch nicht allein ihr Stummsein ist es, das uns ihre Zuneigung empfinden
lt. Sie klingen in so verschwiegenen Akkorden, mgen sie nun in dem
Forste klagen, den Ren mit seiner gewitternden Seele erfllt, oder sie
hinsingen ber den See, an dem ein anderer Dichter in Betrachtungen
versunken ist. Es gibt Stunden und Zeiten, in denen manche dieser
Akkorde ein strkeres Leben haben, in denen die tausend Stimmen der
Dinge lauter zu hren sind. Zwei oder dreimal in meinem Leben habe ich
den Ruf dieser Geheimniswelt vernommen.

Gegen Ende August um Mitternacht nach einem sehr heien Tage geht ber
die hingeknieten Drfer ein ungewisses Raunen. Es klingt anders als das
der Bche und Quellen oder das des Windes, anders ist es als das
Gerusch, mit dem die Tiere das Gras zermalmen oder das ihrer Ketten, an
denen sie ber den Krippen zerren, anders ist es als die Laute der
unruhigen Wachhunde, der Vgel oder der Schiffchen an den Websthlen. So
mild sind diese Klnge dem Ohre, wie dem Auge der Schimmer der
Morgenrte ist. Nun regt sich eine ungeheure und sanfte Welt; die
Grashalme lehnen sich bis zum Morgen aneinander, unhrbar rauscht der
Tau, und mit jedem Sekundenschlage ndert das groe Keimen vllig das
Antlitz der Gefilde. Nur die Seele kann diese Seelen erfassen, den
Bltenstaub in der Glckseligkeit der Blumenkronen ahnen und die Rufe
und das Schweigen vernehmen, darin das gttliche Unbekannte sich
vollzieht. Es ist so, als ob man sich mit einem Male in einem vllig
fremden Lande befnde und hier von der sehnschtigen Schwermut der
Sprache zart ergriffen wrde, ohne doch genau zu verstehen, was sie
ausdrckt.

Aber ich kann doch tiefer in den Sinn des Raunens der Dinge eindringen
als in den einer Menschensprache, die mir unbekannt ist. Ich fhle, da
ich verstehe, und da es dazu gar keiner groen Anstrengung bedarf.
Vielleicht ist mein Dichten manchmal so weit, den Willen dieser
verborgenen Seelen zu bersetzen und einige ihrer Lebensuerungen auf
eine faliche Art aufzuzeichnen. Ich verstehe es schon, diesem
unbestimmten Raunen innerlich Antwort zu geben, wie ich es verstehe, mit
Schweigen verstndlich die Fragen einer Freundin zu beantworten.

Aber diese Sprache der Dinge ist nicht vllig und einzig mit dem Ohre
vernehmbar. Sie bedient sich auch anderer Zeichen, die bla ber unsere
Seele hinhuschen und sich allzu schwach noch einprgen, die aber
vielleicht deutlicher wiederkommen werden, wenn wir bereiter sind, Gott
in uns aufzunehmen.

Es gibt Dinge, die mich in den wehevollsten Umstnden meines Lebens
getrstet haben. Etliche unter ihnen zogen in solchen Zeiten auf
sonderbare Art meine Blicke auf sich. Und ich, der ich mich nie vor den
Menschen beugen konnte, habe mich demtig diesen Dingen hingegeben. Da
brach ein Strahlen aus ihnen -- doch nicht nur aus den Erinnerungen, die
mich mit ihnen verknpfen -- und durchdrang mich wie Schauer der
Freundschaft.

Ich fhlte sie und fhle sie rings um mich leben, leben in meinem
verborgenen Reiche, und ich bin ihnen verantwortlich wie einem lteren
Bruder. Im Augenblicke, da ich dies schreibe, empfinde ich, da voll
Liebe und Vertrauen die Seelen dieser gttlichen Schwestern auf mir
ruhn. Der Sessel da, der Schrank, die Feder, sie sind mit mir. Ich
glaube an sie ber alle Systeme hinaus, ber alles Verstehen und jede
Deutung hinaus glaube ich an sie. Sie geben mir eine berzeugung, wie
kein Genie sie mir geben knnte. Jedes System wird eitel sein und alle
Deutung Irrtum in dem Augenblicke, in dem ich in meiner Seele die
Gewiheit dieser Seelen leben fhle.

Als ich bei dem Schuhflicker eintrat, habe ich mich, mit den Kindern und
dem Hunde beim Herde sitzend, unvermittelt aufgenommen gefhlt und habe
meine Seele den tausend unbekannten Stimmen der Dinge aufgetan. In
dieser andchtigen Besinnung wurde aus dem Niederfall einer
halbverwelkten Ranke, aus dem Knirschen des Schrhakens, aus dem Schlage
des Hammers und dem Flackern der Kerze, wurde aus dem schwarzen
geblhten Flecke, als den ich die eingeschlafene Amsel sah, und aus dem
Auf- und Niedergehen des Deckels auf dem Kochtopfe eine geheiligte
Sprache, die meinem Lauschen verstndlicher war als die Rede der meisten
Menschen. Diese Laute und Farben waren nichts anderes als die Gebrde
der Gegenstnde, deren sie sich als Ausdrucksweise bedienen wie wir der
Stimme und der Blicke. Brderlich fhlte ich mich diesen demtigen
Dingen verbunden. Und ich erkannte, wie armselig es sei, die Reiche der
Natur voneinander zu scheiden, da es doch nur das eine Reich Gottes
gibt.

Wie darf man behaupten, da die Dinge uns niemals Zeichen ihrer
Zuneigung geben? Rostet nicht das Werkzeug, dessen sich die Hand des
Arbeiters nicht mehr bedient, ebenso wie der Mann, der das Werkzeug
feiern lt?

Ich habe einen Schmied gekannt; er war frhlich in den Zeiten seiner
Kraft, und der blaue Himmel leuchtete an strahlenden Mittagen in seine
schwarze Schmiede. Lustig gab der Ambo seinem Hammer Antwort. Der
Hammer, den der Meister von Herzen schwang, war das Herz des Ambo. Wenn
die Nacht hereinbrach, erhellte er die Schmiede mit seinem bloen
Schimmer und dem Blicke seiner Augen, die unter dem ledernen Blasbalge
als Kohlenglut glommen. Eine erhabene Liebe verband die Seele dieses
Mannes mit der Seele seiner Dinge. Wenn er sich an den heiligen Tagen
zur Andacht sammelte, betete die Schmiede, die er schon am Abende vorher
gesubert hatte, schweigend mit ihm. Dieser Schmied war mein Freund. Oft
stand ich an der schwarzen Schwelle und rief ihm eine Frage zu -- und
die ganze Schmiede gab mir Antwort. Die Funken lachten ber die Kohlen
hin, und metallen klingende Silben wurden zu einer tiefen und
geheimnisvollen Sprache, die mich ergriff wie Worte von Pflicht. Hier
widerfuhr mir fast das Gleiche wie bei dem armen Flickschuster.

Eines Tages wurde der Schmied krank. Sein Atem ging kurz; wenn er jetzt
an der Kette des Blasbalges, der vordem so stark gewesen war, zog,
merkte ich deutlich, da dieser keuchte und allmhlich von der Krankheit
seines Herrn befallen wurde. Sprungweise und ungleich ging nun das Herz
des Mannes, und auch der Hammer, den er ber dem Amboe schwang, fiel
verstrt auf das Eisen nieder. Und im gleichen Mae, wie das Licht in
den Menschenaugen abnahm, leuchtete auch das Feuer in der Esse weniger
und weniger. Abends flackerte sie dann noch weiter, und an den Wnden
und der Decke erblich lange das Zucken ihres Vergehens.

Eines Tages fhlte der Schmied bei der Arbeit seine Hnde und Fe kalt
werden, und am Abend starb er.

Ich betrat die Schmiede; sie war kalt wie ein Krper ohne Leben. Ein
bichen Glut nur fand ich im Kamine als eine armselige Totenwache neben
dem Sterbebette glimmen, an dem zwei Frauen beteten.

Drei Monate nachher kam ich wieder in die verlassene Werksttte, um an
der Schtzung ihrer geringen Einrichtung teilzunehmen. Alles war feucht
und schwarz wie in einem Grabe. Das Leder des Blasbalges war angefault
und lchrig geworden und lste sich, da jemand an der Kette ziehen
wollte, von seinem Holzrahmen los.

Die einfachen Leute, die mit mir die Schtzung vornahmen, erklrten:
Der Ambo und der Hammer haben ausgedient. Sie haben mit ihrem Meister
zu leben aufgehrt.

Ich stand erschttert. Denn ich hrte den geheimen Sinn dieser Worte.




                            LOB DER STEINE


Strahlende Schwestern der Bergstrme, denen ich am Ufer des Alpensees
begegnet bin: Steine, Geliebte der Iris und des kalten Azurs, ihr, auf
die sich das Salz niederschlgt, das die Lmmer auflecken; ihr Spiegel
voll Helle, schillernd wie der Hals der Taube, ihr, die ihr mehr Augen
habt als der Pfau! Im groen Feuer seid ihr Kristalle geworden, und eure
schneeigen Adern sind ewig, ihr Gefhrten der Urzeitfluten; seit
Anbeginn hat die Meerflut euch gebadet und gewiegt bis zu der Stunde, in
der die Taube aus der Arche voll Liebe aufgurrte, da sie euch erblickte.

Bald ist das leuchtende Korn eures Fleisches blaugedert wei wie eine
Kinderfaust, bald schimmert es kupfergolden wie die Hfte einer schnen
schwerbltigen Frau; zuweilen blinkt der Glimmer darin silbrig wie eine
Wange in der Sonne, dann wieder ist es brunlich wie die Haut der
Frauen, der das goldene Rot der Mandarine und das stumpfe Blond des
Tabaks die Farbe gab.

Ihre Steine, aus dem Herzen des Bergstroms gebrochen,
gegeneinandergeschmettert, dahingerissen durch den Seidelbast der
Schluchten, gepeitscht von den Rauhfrostwettern, von den Lawinen
begraben, von der Sonne wieder ans Licht geholt, vom Fue der Gemse
losgebrochen: ihr seid khl und schn -- und ihr seid, ber all das
hinaus, rein.

Ich kenne eure Schwestern in Indien wenig; es gibt solche unter ihnen,
deren Klarheit mit dem Wasser, das aus dem Marmor quillt, wettstreitet,
andere, die mich an das leuchtende Grn der Wiesen in den Talen meiner
Heimat denken machen, welche wieder, die wie erstarrte Tropfen Blutes
sind, und endlich die, die Kristall gewordenes Sonnenlicht sind.

Aber ich ziehe euch diesen vor, obwohl ihr nicht so kostbar seid, ihr,
die ihr zuweilen die Balken der Strohdcher tragen mt und so das
Sprhen der Sterne spiegeln knnt, und ihr anderen, auf die sich der
Schferhund hinstreckt und traurig nun ber seine Herde wacht.

Empfanget tief im ther, wo ihr auf den Gipfeln ruht, weiter die
reinliche Nahrung, die eurem friedlichen Reiche zugemessen ist. Das
Licht mge eure unbekannten Zellen durchdringen, und die leichten
wirbelnden Flocken sollen sie trnken. Das Schwirren der Winde mache sie
erklingen, und endlich mgen sie jene vollkommene Nahrung empfangen, von
der einst Maria Magdalena in einer Felshhle gestillt worden ist. Rings
um euch werden eure Freunde blhen, die reinsten Bltenkronen dieses
Gestirns: aber auch sie werden nicht so keusch sein wie ihr, denn sie
duften nach Schnee.

Arme graue Schwestern in den Rinnsalen, denen ich in den Ebenen begegnet
bin, traurige Steine ohne Glanz, ihr, die ihr den Regen sammelt, auf da
der Sperling zu trinken habe; ihr, ber die die Fe der Eselin
stolpern, ihr armseligen Wchter, die ihr die elenden Grten umfriedet,
die ihr die hohlgetretenen Schwellen seid und die Brunnengelnder,
glattgerieben von der Eimerkette, ihr Bettler, blank wie das Eisen der
Ackergerte! Ihr werdet hei gemacht im Armenherde, auf da ihr die Fe
der Groeltern erwrmet, ihr werdet ausgehhlt fr die niedrigsten
Verrichtungen, und ihr mt in eurer Armseligkeit Tisch sein fr den
Hund und das Schwein. Durchbohrt werdet ihr und mt, zu Mhlsteinen
geworden, das knirschende Korn mahlen. O ihr, die ihr fortgeholt werdet,
und ihr, die ihr liegen bleibt: o ihr, auf denen der Irrgegangene
schlafen wird -- o ihr, unter denen ich schlafen werde!

Ihr habt euch nicht wie eure Gefhrten in den groen Gebirgen eure
Freiheit wahren knnen, aber ich achte euch darob nicht geringer, ihr
meine Freunde. Ihr seid schn wie alle Dinge, die im Schatten sind.




                    BETRACHTUNG BER EINE SCHNEPFE


Ich bin eine Schnepfe. Um die Zeit, in der der herbstliche Ozean
frchterlich wird und die Schiffe im gelben und schwarzen Himmel tanzen,
wohne ich hier, denn ich mische mich nicht ein in die verschiedenen
groen Angelegenheiten der Natur, ich Schnepfe, die ich nicht wei, da
tausend und tausend Kreolenjungfrauen jetzt verblht sind wie feurige
Rosen im zerstrenden Hauche eines Vulkans. Hier wohne ich, zwischen den
Binsen und einer Lache, in der Gleichfrmigkeit von Tag um Tag. Mein Tal
zieht von Norden nach Sden, es ist morastig, waldverwachsen und
traurig. Aber es stimmt recht hbsch berein mit meinem Kleide, das wie
ein totes Blatt gefrbt ist, und man knnte mich schon fr eine Dame
nehmen, wenn ich da mit meinem Stocke, der mein Schnabel ist,
spazierengehe ... Man wei von mir auch, da ich die schnsten Augen auf
der Welt habe, und da von ihnen die Sage geht, sie weinten, bevor ich
sterbe.

Kommen Sie und sehen sie mich in meinem Salon an! Wissen Sie denn, wie
der Salon einer Schnepfe aussieht? Die Jger mgen Ihnen davon erzhlt
haben. Haben Sie Ihnen aber auch gesagt, was ein Schnepfenspiegel ist?
Das ist nmlich etwas, das ein bichen schwierig zu erklren ist. Meine
Spiegel sind aus blankem Silber und haben einen dunklen Punkt in der
Mitte .... sie sind das, was ich hinter mir fallen lasse. Mein Parfm
ist das frischgeschlagene Holz. Lieben Sie den Geruch von Heu? O, in der
Natur sind alle Gerche vereinigt. Wrziger aber riecht doch nichts als
der Saft der Erle, den der Holzhauer abzapft. Das ist ein Geruch, der
schn ist, whrend doch Gerche fr gewhnlich nur gut sind. Aber dieser
Duft ist schn wie das Blut, das in der stillen Stunde aufsteigt in die
Wangen des Heidekrautes, wenn die Sonne mde ihre Haare auflst und sich
lang ber den Hgel hinstreckt. Wenn ich meine Fe auf das setzte, was
von einem Erlenstamme am Erdboden brigbleibt, kommt es mir vor, als ob
ich auf duftenden Purpur trete und ich die Knigin von Saba bin.

Die Wohnung, die ich habe, ist gottlob recht brauchbar. Ein paar
Verbesserungen tten ihr freilich schon not: der Wind hat nmlich die
Dachschindel aus Blttern, die mir der Dachdecker Frhling darauf gelegt
hat, schon wieder zerblasen. Der Herr Herbst hat sie durch
Klematisfrchte ersetzt -- aber die saugen mit ihrem Flaum den Regen aus
der Luft.

Ich habe nur ein Erdgescho. Der Flur ist ein Wassergraben, dunkel
genug, da ich darin ordentlich sehe. Man wei ja, da meine Augen das
grelle Licht schlecht vertragen. Mir ist auch ein einfacher Stern lieber
als die beste Kerze. Der Herr hat mir gesagt: >Geh, kleine Schnepfe. Ich
schenke dir alle Sterne des Himmels, da sie dir leuchten.<

Mein Park ist unermelich, er schliet die ganze Welt in sich. Aber ich
gehe doch erst in die Berge, mir kleine Eisstckchen zu holen, wenn die
groe Hitze kommt. Denn man mu es verstehen, seine Wnsche
einzuschrnken -- sonst mu man die Geschichte vom Weinberge des Naboth
wieder von frischem beginnen. Ich wohne also hier, sage ich Ihnen,
zwischen diesen Binsen und der Lache, und ich komme auch kaum fort von
meinem runden moosigen Platze da und von der Quelle, deren Wasser ein
Hirt in einen Dachziegel geleitet hat, von dem jetzt, durch einen Stein
festgehalten, ein Kastanienblatt herunterhngt. Man darf aber nicht
vielleicht glauben, da es da weiter unten nicht eine herrliche
Landschaft gibt: die Ufer und Inseln des Wildbaches, wo inmitten von
rosa Nebeln der Herr Reiher auftaucht und wieder verschwindet, je
nachdem der Nebel sich hebt oder sich ausbreitet. Und in einiger
Entfernung von ihm unter dem silbernen Himmel schnellen ber das
silberne Wasser die Silberfische, auf die er lauert, empor.

Ich wnsche mir, glcklich und verborgen wie ein Veilchen zu leben.
Eine Schnecke in der Schale gengt fr mein erstes Frhstck,
whrenddessen ich entzckt bin von all dem Nebel, der von jedem Zweige
fllt wie ein Hagelschauer aus lauter Regenbogen. Was brauche ich auch
Luxus und Eitelkeit? Wenn ich doch lieber das groe Buch der Natur lesen
knnte, das Buch, von dem ich selber ein bescheidenes Exemplar bin.
Sehen nicht wirklich meine Rckenfedern aus wie der Ledereinband eines
ganz alten Folianten -- und die Federn auf meiner Brust wie seine bunten
Rnder? Ja, ich lese in mir selber, in dem wirklichen Buche, das ich
bin, und ich mu nicht meine Zuflucht zu all den Mitteln nehmen, deren
sich die unwissenden Dichter bedienen. Was ich wei, wei ich
ordentlich, weil ich es mir nicht nur vorstelle, sondern es mit dem
Schnabel und den Fen angreifen kann, und weil es doch die Frucht
meiner Erfahrungen und meiner Weisheit ist.

Was ich wei? Ich wei, da ich gerade vor mich hinmarschiere, die Fe
auf der Erde und den Kopf im Himmel. Ich wei, da es ganz gewhnliche
Sachen gibt, ber die man sich doch sehr wundern mu. Und ich wei, da
die Welt zusammengesetzt ist aus lauter Schnepfen, die gar keine
Schnepfen sind. Ich wei, da ich leide, wenn man mir Blei in meine
Flgel schiet. Ich wei, da ich glcklich bin, wenn ich im Mondschein
durch das sanfte Gras der Waldrnder irre, mit gezhlten Schritten, den
Kopf nach rechts und links drehend und bereit, mit der Spitze des
Schnabels die Wrmer aufzupicken. O, von was fr wunderbaren Nchten
habe ich nicht schon die Quellen singen gehrt, wenn ich mir in ihnen
suberlich die Fe wasche! O das flieende Blau, das die Schatten des
Gebsches liebkost, bis sie zittern und den ersten Himmelschlsseln
weichen!

Ich wei, da >es mu sein< ein groes Wort ist, und da danach mein
ganzes armes Tierleben abgewandelt wird. Es mu sein, da ich, wenn es
April wird, diese wunderbaren Tler verlasse und es meinem Fluge
anheimgebe, dahin zu fliegen, wohin er fhlt, da nun geflogen werden
mu. Das habe ich verstehen gelernt, da so einfach dahinzureisen besser
ist, als sich abzuqulen mit Landkarten, Kompa und Sextant, mit alldem,
wodurch die Menschen Schiffbruch leiden. Es mu sein, sage ich, ist ein
groes Wort! Darum habe ich Schnepfe mir auch nicht mein Dasein durch
Weltkarten, Luftballons, Dampfmaschinen und Theorien verwirrt, denn es
mute sein, da ich Flgel habe. Und so ist meine ganze Wissenschaft
ganz einfach die, da ich mich auf meinen Schnabel, meine einzige
Bussole, verlassen kann, um inmitten der Schneefelder (die die
Orangenbltenhaine des Gebirges sind) die seste Braut wiederzufinden.

So spricht die kleine Schnepfe. Und ich beneide die kleine Schnepfe um
ihren guten Sinn und um ihr Glck. Kleine Schnepfe, es gibt noch anderes
Blei als das, das dir durch die Flgel schlgt: das Blei, das ich im
Herzen trage. Und andere Stechpalmen gibt es als die, die sich mit Moos
umgeben, so da du verlockt bist, darauf auszuruhen: die Stechpalmen,
die meine Schlfen krnzen und die mein einziger Lorbeer sind.

O, warum hat Gott mir nicht wie dir Flgel gegeben? O, warum kann ich,
wenn der Duft des Flieders den liebesbleichen Frhling in seinem Gewande
schwanken und hinsinken macht, und wenn der Seidelbast wieder blht,
nicht am Rande der durchstrmten Schlucht die erwarten, von der ich
getrennt bin? O kleine Schnepfe, warum bin ich nicht lieber in deinem
kleinen Salon aus welken Blttern geblieben, um im langen Regnen dem
Seufzen der Winterwinde zuzuhren, anstatt in diesem Zimmer zu sitzen
und meinen Betrachtungen nachzuhngen, indes der Herd braust wie der
Ozean und mir im Uhrenschlagen geschieht, als ob ich eine reine und
traurige Stimme wiederhrte.

Kleine Schnepfe, mge das wilde Wetter mit dir gndig verfahren! Die
Windste sollen deine Spuren verwischen, so da der Hund sie morgen
nicht spren kann, sich von seinem Herrn prgeln lassen mu und endlich
schlammbeschmiert, verdutzt, den Schweif eingeklemmt, zurckkommt, ohne
dich gefunden zu haben!




                 BETRACHTUNGEN BER EIN SPEISEZIMMER


Nicht das Familienspeisezimmer ist es, ber das ich jetzt sprechen will.
Zwar war das wie ein Spiegel im Schatten und roch nach Obst, nach Wein
und dem Wachse des Fubodens, und wenn man eintrat, glitt man aus und
fiel hin. In diesem Zimmer wurde ein jeder zu Eis so wie in Gegenwart
meiner hugenottischen Grotante, die in ihre Bibel den Spruch des
Psalmisten geschrieben hatte: Wahrlich, Schein ist es, darinnen der
Mensch wandelt. Wahrlich, eitel ist, was er treibt.

Dieser Raum hatte einst bessere Tage gesehen. Aber um die Zeit, von der
ich jetzt spreche, wohnte nur mehr ein schmerzliches Schweigen darin,
das wie das Schweigen der Abwesenden, die voll Traurigkeit den Kopf
schttelten, anmutete. Man hat mir hier eine Ecke gezeigt, in der mein
Vater nach seiner Ankunft aus Guadeloupe (er war damals sieben Jahre
alt) allerlei Grimassen versucht hat, um seine Eltern zu erheitern, und
vielleicht auch, um sich selber zu erheitern. Armes verstrtes Kind, das
noch traumtrunken war von den grnen Kokosnssen, von zrtlich rosigen
Blumen und dem klingenden Schimmern der Kolibris.

Das Speisezimmer von heute liegt gegen Osten, auf den Garten hinaus, der
sich lngs der Strae hinzieht. Es ist ohne allen Luxus eingerichtet und
ein rechtes Durchschnittszimmer, aber die Gtter besuchen mich darin,
und ein paarmal haben Gttinnen, mde der Welt, hier mein grobes Brot
gegessen. Man kann dieses Speisezimmer gar nicht besser als mit den
Versen des Mong-Kao-Jen beschreiben:

   ... Ein alter Freund reicht mir ein Huhn und Reis dazu.
   ... Und unser Horizont sind blaue Berge, deren Gipfel
   Aus blauem Glanz des Himmels ausgeschnitten sind.
   Im offenen Saal ist uns der Tisch gedeckt.
   Nun berschauen wir den Garten meines Gastfreunds,
   Nun reichen wir einander die gefllten Becher.
   Wir reden sacht von Hanf und Maulbeerbaum.
   Wir warten auf den Herbst: dann werden hier im Garten
   Die Chrysanthemen blhn.

Hier in diesem Raume geschieht es mir zweimal im Tage, da ich mir der
Dinge bewut werde, sei es dadurch, da aus dem Brote die Seele des
fahlen Korns, das unter dem Hundsstern des Juli knirscht, mich
durchdringt, sei es, da aus dem Weine mich die purpurne Landschaft der
Weinlese berkommt und die Frhlichkeit der Mdchen, die singend die
dunklen Trauben schnitten. Und ein jedes Gericht wird mir geheiligt um
alles dessen willen, was es an Kraft dichterischer Ahnung in mein Blut
schickt. So mu ich auch nicht den demtigen Kchengarten miachten, in
dem die duftende Goldrbe wuchs, noch das herbe Gras der erlengesumten
Wiese, auf der das Rind gelebt hat, dessen Fleisch ich esse, nicht die
von welken Blttern bedeckte Htte, verkrochen im innersten Gebirge, in
der dieser Kse entstanden ist, noch endlich den Obstgarten, wo in der
betubenden Glut der Sommerferien ein Schulmdchen es ber sich gebracht
hat, inmitten von blulichen und granatroten Himbeerstruchern (deren
Frchte ich geniee) ihren brennenden Mund lange auf dem Munde eines
Jungen zu vergessen.

Ich kenne die Einsamkeiten, in denen das Wasser, das ich trinke,
entspringt, und die traurigen Forste, die sie umgeben. Dort bin ich dem
frhlichen alten Manne begegnet, dessen Hhner ich in einem Gedichte
besungen habe, und jenem anderen Greise, der den Wahnsinn seiner Tochter
beweinte.

Ich mu mir aber auch zu Bewutsein bringen, da die Schsseln, die alle
diese Gerichte bergen, irgendwoher stammen, und zwar ebenso aus der Erde
wie ihr Inhalt, und da die Frchte da in der Schale aus Steingut mir in
einem Gefe aus dem Urstoffe selber dargebracht werden. Und ich mu
mich endlich auch daran erinnern, da das Glas der Wasserflasche, in der
das Wasser eben schwankend ins Gleichgewicht strebt, aus dem Wasser
selber hervorgegangen ist, aus dem natriumreichen sandigen Meere, das
ihm seine Durchsichtigkeit gegeben hat.

Speisezimmer, du gttliche Vorratskammer, in dir gibt es die Feige mit
den Bispuren der Amsel und die Kirsche, die der Sperling angepickt hat.
Der Hering liegt da, der die Korallen und die Schwmme des Meeres
gesehen hat, und die Wachtel, die durch die Nacht der Minze geschluchzt
hat; in dir ist der Herbsthonig aufbewahrt, den die Bienen in der schon
brunlichen Sonne eingeheimst, und der Akazienhonig, den sie im fahlen
Lichte einer Trnenallee gesammelt haben. Das l, das die Lampen der
Provence speist, ist da, das Salz, das perlmuttern schimmert, und der
Pfeffer, den die Kauffahrer auf ihren Galeeren geheimnisvoll lchelnd
gebracht haben.

Mein Speisezimmer, ich habe dich oft aus der Beute meiner
Botanisiergnge geschmckt und deine Luft mit dem Geruche der Feldblumen
erfllt.

Und dann warst du eines Tages mit Struen seltener Blumen geschmckt,
mit denen eine Frau deine Bescheidenheit geehrt hat. Aber du hast es
verstanden, du selbst zu bleiben, nicht allzu geschmeichelt noch auch
abweisend. Als die erlesenen Blumen auf deinem Tische standen, hast du
sie durch deine Schlichtheit so sehr entzckt, da sie schn erschienen
wie ihre lndlichen Schwestern.

Du bist es, mein Speisezimmer, das, nahe der Strae, meine Heimkehr vom
Walde erwartet, wenn die Stunde gekommen ist, in der mein Hund in Nacht
verschwimmt und sich das Paffen meiner Pfeife mit dem Nebel, der meinen
Bart feuchtet, mischt. Da horchst du wie eine brave Dienerin auf den
Tritt meiner benagelten Schuhe. Ich erkenne dein brennendes Herz, du
Hterin ohne Makel: die Lampe, die zu Ende flackt wie diese meine
Trumerei. Da ich an dich denke, schwingt meine Seele sich auf, und ich
mchte Hosianna! rufen und mich vor deine Knie hinwerfen, auf deine
Schwelle, du Bewahrerin der Dinge, die mir die Vorsehung bescheert hat.
Mit gekreuzten Armen verharrest du ber der Strae, auf der die Bettler
dahinziehen, wenn die Stunde gekommen ist, in der das Aveluten in
verzweiflungsvoller Liebe zittert und gleich Weihrauchfssern die
elendsten Htten aus der Finsternis ihren Rauch emporschicken zu den
Fen Gottes.




                 BETRACHTUNGEN BER EINEN TAUTROPFEN


Das anbetungswrdige alte Frulein starb in einem kleinen Schlchen,
das einst Jean Jaques Rousseau gefallen hat. Ein Wildbach schauerte an
den Grundmauern des Trmchens vorbei, das berblht war von gelben
Rosen, und der nahe Teich einer verlassenen Mhle machte die Gegend mit
ihren schattigen Baumgruppen vollends poetisch. Reiche cker dehnten
sich da und dort. Einst, als der Tag zu Ende ging, sah ich an der Ecke
eines Feldes auf dem Marksteine einen alten Mann sitzen. Er sttzte sich
auf einen Stock mit einem Schnabelgriffe. Von seinem Platze aus
berwachte er gemach die Erntearbeit. Ich wnsche mir sehnlich dieses
Alter herbei, in dem die stillen Blicke nur mehr nahe trauliche Dinge
vor sich haben. Vielleicht wird das Gewesene dann zur Gegenwart? Dieser
friedliche Greis, der mich eines anderen Greises gedenken lie, jener
edlen Gestalt aus Paul und Virginie, rief sich vielleicht, da er die
schnen Schnitterinnen betrachtete, die Zeit wieder empor, in der noch
die Bcher seiner Jugend ber ihn Gewalt gehabt hatten ... Vielleicht
erschien ihm Ruth, mit Kornblumen und hren bekrnzt, oder die
myrthenduftende Chloe, wie sie ihren Ziegen Salz reicht.

                   *       *       *       *       *

Lange, bevor ich die Heiterkeit des Tages, der hier ber dem Patriarchen
zu Ende ging, erlebte, war das alte Frulein gestorben. Sie hatte hier
ihre ganze Jugendzeit verbracht, und sie wohnte auch spter fast immer
hier. Denn ihr oblag, nachdem sie Waise geworden war, die ganze Sorge um
ihre wahnsinnige Schwester. Nur ein paarmal war sie fortgewesen: als sie
einige Jahre hintereinander eine Zeit in Paris verbrachte. Wenn ich an
sie denke, wie ich sie als Achtzigjhrige gekannt habe, mit ihren
schneeweien Scheiteln, die stets mit Parmaveilchen geschmckt waren,
der groen Nase, dem spitzen aufwrtsgebogenen Kinn und den feurigen
Augen, wird es mir nicht allzu schwer, mir vorzustellen, wie sie als
Achtzehnjhrige gewesen sein mag: Da sehe ich sie mit einem biegsamen
groen, mit Feldblumen geschmckten Hute, in einem Mousselinkleide, das
sich in ihren Knicksen bauscht, und mit einem Grtel aus einer
kolibrifarbenen Schleife.

                   *       *       *       *       *

In diesem Schlosse nun habe ich in den letzten Tagen langsam und voll
Zrtlichkeit das Album durchgeblttert, darein das Frulein Sophie F.
von B. seine Herzensdinge geschrieben hat, und ein unsagbares Heimweh
nach der Vergangenheit berkam mich.

Whrend sie in Paris lebte, das mu um 1840 gewesen sein, nahm sie
Botanikunterricht im Jardin des Plantes. O, von wie viel Liebreiz
umgeben sie mir jetzt erscheint! Wer wei, wie schnheitsentflammt die
Seele dieses jungen Provinzmdchens war, das hier nun die strahlenden
Farben und den Duftatem irgendwelcher neuer Bltendolden, die vielleicht
Laurent de Jussien eben erst von wilden Inseln gebracht hatte, geno!
Ich glaube dieses Mdchen der alten Zeit vor mir zu sehen, wie es sich
in einer Allee des Botanischen Gartens auf die Spitze seiner
fliederfarbigen Schuhe erhebt, um das Innere einer zottigen Blumenglocke
zu erforschen.

Diesem Album, in das sie sorgsam wunderbare Struchen gezeichnet und
gemalt hat, hat sie ihr Herz anvertraut. Ich nenne ihre Malereien
wunderbar, aber ich will damit gewi nicht sagen, da sie etwa das Genie
besessen habe, in der Wiedergabe der Blumenkronen auch das Geheimnis der
Sfte mitzugestalten; ich will vielmehr damit ausdrcken, da diese
Rokokomalereien, fern von jeder knstlerischen Absicht, die Spuren einer
hohen und reinen Seele tragen, und da kein noch so berhmtes Kunstwerk
mich mehr ergreifen wird als sie.

                   *       *       *       *       *

Man mte sich einzeln jeden der Tage wieder emporrufen, in deren Kelch
diese zarte und zage Seele ein wenig von ihrer Ewigkeit getrufelt hat.
Was man auch von ihrem Verlobten redet und geredet haben mag, ich
glaube, da sie nur aus Opferwilligkeit fr ihre frher erwhnte
Schwester von ihm nichts wissen wollte. Das hat sie den glhenden
Blumen, die sie malte, gebeichtet. Das sagen die schwellenden Rosen, die
emportaumeln wollen aus ihren Kelchen wie die Herzen der erwachenden
Mdchen in den Verzckungen der Maiabende. Von ihren Rosen hat eine
besonders und schmerzlich zu mir gesprochen. Die hat sie sicherlich an
einem leuchtenden Morgen gemalt, da sie Gott um Gnade gebeten hatte.
Kein Wort vermchte die leidenschaftliche Reinheit dieser Blumenbltter
wiederzugeben, aus denen langsam eine Tautrne rollt. O, wie habe ich
diese Trne verstanden!

                   *       *       *       *       *

Du junges Mdchen des hingegangenen Jahrhunderts, httest du, als dir in
deinem immer schattigen Salon diese Trne niederfiel, gedacht, da eines
Tages ich ihrer voll Verehrung gedenken wrde? Ich habe sie aufgefangen,
und nichts mehr wird ihr kstliches Wasser trben. Dieser Edelstein voll
des Glanzes aus deinem Herzen -- O mgest du in Frieden ruhen an der
Brust des Herrn! -- ist von wrdigen und andchtigen Hnden in dem
chinesischen Schrnkchen des groen Salons aufbewahrt worden, und nur
zuweilen komme ich und bitte die Freunde, die ihn verwahren, ihn mir zu
zeigen. O du, vielleicht hast du an demselben Weh gelitten, davon auch
ich ergriffen bin, an der sinnlosen und schweigenden Leidenschaft, die
einzig deine Zeitgenossen in ihrer mden Anmut und scheuen Reinheit
verstehen konnten!

                   *       *       *       *       *

Was wissen wir, wie viele Kalvarienberge es gibt, und wie oft schon der
Kreuzweg beschritten worden ist! Wenn uns unter Fingerhten, Scheeren,
Stckchen von Stickerei und Seidenfleckchen, zwischen kleinen Spiegeln,
Haarlocken und Kinderzhnen, unter knstlichen Blumen, Flschchen und
lngst aus der Mode gekommenen Schmucksachen eine alte Nachfolge
Christi in die Hnde kommt, erscheint es uns, als ob der Duft des
Abgeschlossenen, der an den Seiten haftet, nur eine unendliche Sanftheit
in sich trge. Und doch, wie mgen Hnde, die jung waren, und die es
nicht mehr waren, vor Warten und vor Weh gezittert haben, whrend sie
dieses Buch hielten!

In der Morgenrte ihres Geschickes mag das junge Mdchen diese Seiten
wohl noch in der geheimen Hoffnung aufgeschlagen haben, da an den
Bitternissen doch nicht alle Menschen teilhaben mten, und da
vielleicht gerade ihr das Schicksal sie ersparen werde. Nur in einem
entzckenden Gefhle von Piett streckte sie damals im Erwachen die
schon krftigen Arme nach der Nachfolge aus. Erst spter, in der Mitte
ihres Lebens kam sie wieder zu diesem Buche zurck. Die frchteschweren
Apfelbume waren nicht mehr frhlich wie ehedem ... eine Freudigkeit
(ich wei nicht, was fr eine) hatte sie verlassen. Und jenen bunten
Schmetterling, der sich vor ihr im heien Glanze der Tage in den groen
Ferien gewiegt hat, den hat sie spter nie mehr ber den Wiesen
erblickt.

Das Alter kam. Und siehe, nun in der Neige ihres Seins hrte sie kaum
mehr auf, in dem Buche zu lesen. Es war sieben Uhr abends, drauen
schneite es. Die Lampe, die aufzuckend der Stille den Takt schlug,
erleuchtete den groen Spiegel, in dem sich das alte Frulein als das
getrbte Bildnis der menschlichen Wandlungen erblickte. Nun sah sie
nichts mehr von dem honiggoldenen Haar, das sie sich einst spielend um
die zarte Faust gewunden hatte ... Ihre Scheitel waren wei und streng
wie die Binden, in die man die Toten hllt. Und ihre Wangen, auf deren
Erblhen einst viel helles Lcheln wie Apriltage ber die Grten
gestrahlt hatte, waren voll der tiefen Furchen, die allgemach der
bittere Niederfall der Trnen eingrbt.

                   *       *       *       *       *

Mge Gottes Frieden sich auf diese Leben der alten Zeit herniedersenken!
O, sie haben fr mich immer noch die Jugend der Rose, auf der ein
Tropfen in solcher Reinheit schimmert, da man zweifelt, ob er ein
Tautropfen oder die Trne eines Kindes, das sein erstes Weh verstrt
hat, sei. Man tut gut daran, die Toten zu verehren und tglich ihrer zu
gedenken! Kein Regengu rauscht nieder auf die Kronen des Waldes, kein
Regenbogen wlbt sich ber das wolkendstere Dorf, keiner Hirtenflte
Klang geht im Herbstwinde verloren, ohne mir Gegenstand fr meine
Betrachtungen zu werden. Hier, so denke ich, in dieser kleinen Hhle mit
ihrem Teppiche aus Farnkraut und Veilchen, mgen sie zuweilen Zuflucht
vor den Regenschauern gesucht haben. Hier mu es auch gewesen sein, wo
der letzte Gu des Gewitters die Schleife mit den Irismustern
davongetragen hat. Und hier, so sage ich mir weiter, in diesem
entlegensten Winkel des Parkes, mag das Mdchen vielleicht von ihm
getrumt haben, der ihr dort in der Grotte als der Bezauberndste
erschienen war. Und wenn sie dann ihre Schwermut fragte, hat ihr nur die
Glocke eines verirrten Lammes geantwortet.

                   *       *       *       *       *

O wie wird jede Kleinigkeit zu einer Welt, wenn man in ihr nicht nur ein
poetisches Spiel sucht, sondern die Spuren Gottes in den geringsten
Geschehnissen des Alltags. Dchte nicht ein jeder, es sei keine Sache
von Bedeutung, um welche Stunde und an welchem Tage ein Kind im Walde
Erdbeeren pflckt? Und ist es nicht doch voll Bedeutung, da an einem
Morgen, von dem ich nichts wei, ein Mdchen in vergangener Zeit
unwissentlich einen Tropfen Tau auf einer Rose schimmern lie und so den
Anla gab zu dieser meiner Trumerei, die nun zu Ende geht?




                     BETRACHTUNG BER ASTROLOGIE


Was kann das sein, das mich so bedrckt? Aus welcher Ferne kommt das
Schwere, das sich auf mein Herz legt und es bitter macht, wie die Frucht
war, die ich eines Morgens im Sande der Sahara gefunden habe?

Der Rosenkfer ist der Rose untertan, die Rose dem Mdchen, das Mdchen
der Liebe und die Liebe wiederum den groen Kreisen der Krfte, das das
Auf und Nieder meines Atmens in Einklang mit dem Meere bringt.

Dem Monde ist die Macht gegeben, ber die groen Wasser zu herrschen und
sie sthnen oder singen zu machen; welches Gestirn aber in der Tiefe der
himmlischen Abgrnde vermag es, gerade meine Gedanken sthnen oder
singen zu machen?

Sicher ist eins: wenn meine Seele in ihrer Verstrtheit bereinstimmt
mit einem Sterne, den ich gar nicht kenne, dann mu dieser Stern seit
Jahren den schrecklichsten Ausbrchen, Erschtterungen und Erdbeben
preisgegeben sein.

Es macht mir Freude, mir auszumalen, da das ganze Wesen eines Menschen
dem Charakter des Planeten entsprche, dessen tyrannischem Geheie er
untertan ist: dann untersteht Edgar Poe sicherlich irgendeiner Welt, die
an den uersten Grenzen eines dsteren und schneereichen Himmels
kreist, und auf der die grnen Tale voll blhender Lilien, Hyazinthen
und Anemonen nur in den Fernen jenseits wattiger Nebelbnke erscheinen.
Und Lamartine mu einem Gestirne gehorcht haben, das kein Ozean
ausgehhlt hat, darauf es nur einen himmlischen See gibt, ber den die
sanfte Brise mit Erzengelfingern hinstreicht und an die zitternden
lyrageschwungenen Flgel der Schwne rhrt.

Der Stern, mit dem dieses junge Mdchen verwandt ist, lacht und weint in
tausend Wasserfllen. Murmelt das Wasser dieser Wasserflle gerade jetzt
mehr als sonst? Denn das Mdchen hrt nicht auf zu plappern, solange die
Schneeschmelze da oben die Wildbche des Sterns so berreichlich fllt.
Sumt der Schaum der Wildbche den Azur, unter dem er schauert, jetzt
mit kstlicheren Spitzen? Das Mdchen zieht ein Kleid von zartem Blau
an, das es mit quellenden Spitzen, die durchsichtiger sind als die
Wasser der Felsen oder bhmische Glser, ziert. Sind die Quellen jetzt,
austrocknend in der glhenden Sonne, verstummt? Das Mdchen wird
schweigsam. Und wenn da oben die Wasser zu schluchzen beginnen,
entstrmen dem Mdchen die Trnen, die man hier auf Erden sinnlose
Trnen nennt. Das Mdchen errtet pltzlich: das kommt daher, da auf
seinem Sterne eine Pfingstrose aufblht. Es erbleicht -- denn dort oben
ist eine Lilie aufgegangen.

Sind die Bezeichnungen: ein Mensch hat einen finsteren oder klaren oder
verbitterten Charakter nicht dem Horoskope dessen, auf den man sie
anwendet, entnommen? Was wohl die Astrologen damit ausdrcken wollten,
da sie die alte Selenographie mit solchen dichterischen Bezeichnungen
schmckten, wie da sind: das Meer der Krisen, das Meer der Feuchtigkeit,
das Meer der Trnen, der Golf der Verzweiflung? Ich vermute, da sie
jene menschlichen Vernderungen, die sie dann mit Recht die lunatischen
nannten, von den Umwlzungen auf unserem Satelliten ableiteten. Das Meer
der Krisen beginnt unruhig zu werden -- und alle Gichtkranken,
Asthmatiker, Hypochonder und Narren werden von ihren beln befallen. Ein
Zyklon wirbelte ber das Meer der Feuchtigkeit dahin -- und die
Wasserschtigen fhlen ihre Anschwellungen wachsen. Der Sturm wtete
ber dem Meere der Trnen -- und alle kleinen Kinder weinen. Wenn aber
der Golf der Verzweiflung sich verdsterte, geschieht dem Herzen eines
jeden Menschen ein Gleiches.

Nach dieser Betrachtung des Einflusses der Gestirne auf die Menschen
wollen wir erforschen, wie eine solche Einwirkung auch auf die Pflanzen
mglich wre. Wir stellen also die Hypothese auf (die wir untersuchen
wollen,) da Mensch und Pflanze der gleichen Ausstrahlung untertan sind,
und schlieen, da es eine schicksalhafte Sympathie zwischen ihnen geben
msse.

Die Theorie des Professors Philipp van Tieghem ist bekannt: sie
ermchtigt uns, zu denken, da der Pflanzenwuchs der Erde von Samen
abstammt, die von Meteoriten auf sie herabgebracht worden sind. (Beim
Lesen einer bestimmten Stelle dieses Forschers kam mir einmal nachts der
belustigende Einfall, meine Hnde gegen den Mond zu strecken, um den
Flug bestimmter Arten von Mohn aufzuhalten, deren hinfllige Blten
freilich in der Berhrung mit meinen Fingern htten zerstieben mssen.)

Mit dieser Hypothese wollen wir nun die Darwinsche verbinden, nach der
wir Pflanzen waren, ehe wir Menschen geworden sind. Daraus ergibt sich
freilich fr jeden das Recht, zu fragen, was fr eine Feuerkugel ihn
denn auf die Erde gebracht, und was fr eine Konstellation diese
sonderbare Saat bewirkt habe.

Nun gibt es aber zweifellos Menschen, deren ganzes Leben im Gegensatze
steht zu dem aller anderen Menschen -- was demnach auf eine
Sternenherkunft von besonderer Art schlieen lassen mte --, genau so,
wie gewisse Pflanzen in ihrem Verhalten dem smtlicher anderer Pflanzen
widersprechen.

Von jener Regel zum Beispiel, die den Stengeln der Schlingpflanzen zu
gebieten scheint, der Drehung der Erde folgend von links nach rechts zu
ranken, sind Hopfen, Geiblatt, Stickwurz, Schildkrtenkraut sowie das
knotige und das Kletter-Polygonum ausgenommen, die alle, Newton und
Laplace miachtend, sich von rechts nach links winden. Rhrt das daher,
da diese Pflanzen von Gestirnen stammen, die sich in entgegengesetztem
Sinne drehen wie die Erde?

brigens, wenn Rose und Iris, Orchydee und Seerose, solcherart auf
unsere Erdkugel gelangt, von den unbekannten Gesetzen ihrer vorherigen
Heimat geleitet werden -- sei die nun Mars oder Venus oder ein ganz
anderer Planet --, ist es reizvoll, sich vorzustellen, da die Blte der
Wunderblume nicht eher sich schlieen und einschlafen mag, bevor sich
nicht der Abend auf ihren Heimatstern gesenkt hat, das heit ehe es
nicht Tag geworden ist auf der Erde.

Das frher Gesagte vorausgesetzt, wre es unterhaltend, die Blume oder
den Baum zu kennen, die jeder einzelne bevorzugt, und zu beobachten, ob
die Menschen, die Sympathie fr die gleiche Blume haben, nicht denselben
Sterneneinflssen unterworfen sind wie diese Blumen. Was mich anlangt,
so liebe ich die Pflanzen zu sehr, um mich fr die eine oder die andere
zu entscheiden -- denn das schiene mir eine Untreue gegen alle brigen
zu sein. Aber einen Strauch und eine Blume kann ich doch angeben, deren
Anblick mich in eine unerklrliche Erregung versetzt: die lagerstroemia
Indica und die amaryllis belladonna. Die lagerstroemia blht gegen Ende
des Sommers. Ich habe sie einmal in einem Prosagedichte Flieder einer
anderen Welt getauft. Sie ist ein Strauch ohne Rinde. Ihr glatter Stamm
breitet nur im Schlafe die Zweige aus, was ihr das unglckliche Aussehen
eines Besens oder einer riesenhaften Rose von Jericho verleiht. Aber
ihre Blten! Unter den azurnen August- und Septemberhimmeln heben sie
sich aus ihrem Laube, das fremdartig grn ist und sehr hnlich dem des
Granat- und des Spindelbaumes, und bilden Szepter von einem unsagbaren
Rosa, das nie der Erde angehrt hat, einem Rosa voll schwermutschnen
Heimwehs nach einem verlorenen Paradiese. Warum liebe ich diesen Baum
mit solcher Liebe? Es gibt eine lagerstroemia, die ich Jahr fr Jahr
besuche, und die in jedes neue Blhen meine Trauer oder meine Freude
mitempfngt. Sie schmckt mit ihren geheimnisvollen Korallen einen
Garten im nrdlichen Spanien. Auf meine Bitte hat man mir erlaubt, durch
eine kleine Tr ihr sorglich verschlossenes Reich zu betreten. Und ich
bin, einer sonderbaren Unruhe verfallen, durch die Alleen geirrt, die
ihre glorreiche Majestt zu verdunkeln schien.

Die amaryllis belladonna ist vom Kap der guten Hoffnung zu uns gebracht
worden. Inmitten eines Bschels schwertfrmiger Bltter, die sich weich
nach auen biegen, strebt ihre rosige Lilie empor. Aber ihr Rosa hat
nichts von dem auerirdischen der lagerstroemia, es ist samtig wie
Aprikosen, es gleicht dem der Wassermelone, der Meerfrchte oder des
Lachses. Ein paar von diesen Pflanzen sind meine Freunde: die stehen
nicht in dem spanischen Garten, von dem ich frher gesprochen habe,
sondern in einem alten kleinen Garten in Frankreich. Er wlbt sich wie
ein Dach ber die Landstrae, auf der dereinst die Postkutschen, in
denen die Mdchen der alten Zeiten mit wehenden Hten durch den Glanz
der untergehenden Sonne gegen Paris fuhren, hinholperten ....

Ich empfinde eine trbe und schmerzliche Freude, wenn meine Blicke ber
diese rosigen Kelche hingehen. Wer wird mir die sonderbaren Gefhle, die
mir diese beiden Pflanzen einflen, erklren? Ihr Anblick verwirrt
meinen Verstand und lt im Spiegel meiner Seele das Bild eines ganz
traurigen Traumes erstehen: auf einem Sterne erwartet mich widerwillig
und sehnlich zugleich ein dunkelhaariges Mdchen in einem amaryllisrosa
Kleide. Sie sitzt unter einer lagerstroemia an einem Grabhgel, ber dem
in unbekannten Zeichen ein Name, vielleicht der meine, geschrieben
steht.

Meine Freundin, eines Abends wirst du mich aus der Tiefe des Tales
kommen sehen, und ich werde dir deine Lieblingsblumen bringen. Es wird
schon spt sein. Mit meiner grnen Trommel auf dem Rcken werde ich den
ganzen Tag ohne Rast auf der Suche gewesen sein, das Herz voll Trnen,
und werde unter den Blicken Gottes mit meinem kleinen Spaten in allen
Einsamkeiten die Erde durchwhlt haben. Werde ich aber die Pflanze, die
unser beider Geschicke einen mu, wirklich gewnscht haben? Schon ahne
ich, wie ein Edelsteinsucher, den ein geheimnisvoller Sinn leitet, deine
liebste Blume voraus. Sie wchst nicht im Schnee, nicht auf den
Gletschern noch unter den Lrchen der Alpen, nicht am Rande der
Kressebeete noch auch in der lgnerischen Sahara, deren Spiegelungen
meinen Fieberdurst heimgesucht haben. Sie erblht in meiner Seele.




                               NOTIZEN


                                  I.

Ich habe mir oft den Himmel ausgemalt. In der Kindheit war er mir die
Htte, die sich ein alter Mann in unserer Gegend hatte auf der Hhe
eines steilen Bergweges errichten lassen, und die das Paradies genannt
wurde. Mein Vater pflegte um die Stunde, in der das schwarze Heidekraut
der Hgel golden wird wie eine Kirche, mit mir dahin zu gehen. Am Ende
jedes dieser Spaziergnge wartete ich darauf, Gott in der Sonne, die
oben am Kamme des steinigen Steiges einzuschlafen schien, sitzen zu
sehen. Habe ich mich getuscht?

Weniger leicht kommt es mir an, mir das katholische Paradies mit seinen
azurnen Harfen und dem rosigen Schnee der himmlischen Heerscharen in den
reinen Regenbogen vorzustellen. So halte ich mich doch immer noch an
mein erstes Gesicht. Aber seitdem ich die Liebe kennen gelernt habe,
habe ich zu dem himmlischen Bereiche vor der Htte des alten Mannes noch
eine sonnenwarme Bergwiese, auf der ein junges Mdchen Blumen pflckt,
dazugetan.


                                 II.

Ich habe die Seele eines Fauns und zugleich die eines ganz jungen
Mdchens. Wenn ich eine Frau betrachte, empfinde ich eine vllig andere
Art von Erregung als beim Anblicke eines Mdchens. Wenn man sich mit
Hilfe von Blumen und Frchten verstndlich machen knnte, wrde ich
einer Frau glhende Pfirsiche, die rosigen Glocken der Tollkirsche und
schwere Rosen reichen, dem Mdchen aber Kirschen, Himbeeren,
Quittenblten, Heckenrosen und Gaisblatt.

Es gibt kaum ein Gefhl, das ich erlebe, ohne da es vom Bilde einer
Blume oder Frucht begleitet wre. Wenn ich an Martha denke, sehe ich
Gentianen vor mir, Lucie ist mir mit den weien japanischen Anemonen
verbunden, Marie mit Maiglckchen und eine andere wieder mit einer
Zedratfrucht, die aber ganz durchsichtig ist.

Zum ersten Rendezvous, das ich mit einer Freundin hatte, habe ich
Schwertlilien mit aprikosenrosa Halse mitgebracht. Wir stellten sie ber
Nacht ins Fenster, und dort verga ich sie, um mich nur meiner Freundin
zu erinnern. Heute wollte ich gerne der Freundin vergessen und nur mehr
der Schwertlilien gedenken.

All meine Erinnerungen gehren also sozusagen der Pflanzenwelt an.
Bume, Blten und Frchte sind meine Merkzeichen fr Menschen und
Gefhle.

Die Pflanzen, aber auch die Tiere und die Steine haben meine Kindheit
mit geheimnisvoller Lieblichkeit erfllt.

Als ich vier Jahre alt war, stand ich und betrachtete die Haufen
zerschlagener Bergkiesel am Straenrande. Wenn man diese Steine in der
Dmmerung gegeneinanderschlug, gaben sie Feuer -- rieb man sie
aneinander, dann rochen sie verbrannt. Die gederten hob ich auf: sie
waren schwer, als ob sie Wasser in sich verborgen hielten. Der Glimmer
im Granit bezauberte meine Neugier so sehr, da nun nichts anderes mehr
sie stillen konnte. Ich fhlte, da da etwas war, das niemand mir zu
erzhlen vermochte: das Leben der Steine.

Um dieselbe Zeit war man einmal bse mit mir, weil ich die knstlichen
Kfer von einem Hute meiner Mutter weggenommen hatte. Das war meine
Leidenschaft: Tiere aufzuheben, und ich war so voll Freundschaft zu
ihnen, da ich weinte, wenn ich sie unglcklich glaubte. Noch heute
erlebe ich die namenlose Angst wieder, wenn ich daran denke, wie die
kleinen Nachtigallen, die mir jemand geschenkt hatte, in unserem
Speisezimmer zugrunde gingen. In dieser Zeit mute man mir, damit ich
einschlafe, das Glas mit meinem Laubfrosche in meine Nhe stellen. Ich
fhlte, da er mein treuer Freund war und mich auch gegen Diebe
verteidigt htte. Als ich das erstemal einen Hirschkfer sah, war ich
von der Schnheit seiner Geweihzangen so ergriffen, da die Begierde,
einen zu besitzen, mich krank machte.

Meine Leidenschaft fr die Pflanzen zeigte sich spter, als ich gegen
neun Jahre alt war. Die rechte Einsicht in ihr Leben aber fing erst an,
als ich ins fnfzehnte Jahr ging -- ich erinnere mich noch, unter
welchen Umstnden. An einem Donnerstage, einem lhmend heien
Sommernachmittage, ging ich mit meiner Mutter durch den botanischen
Garten einer groen Stadt. Weiblendende Sonne, dicke blaue Schatten und
schwere zhe Gerche machten aus diesem fast verlassenen Orte das Reich,
dessen Pforte ich nun endlich berschritt. Im lauen goldkferfarbigen
Wasser der Bassins gediehen kmmerlich allerlei Pflanzen, lederige graue
und hohe weiche, durchsichtige. Aber aus der Mitte dieser armen
traurigen Wassergewchse erhoben sich in den groen Azur grne
Lanzenschfte und hielten die Anmut ihrer weien und rosigen Dolden in
den lodernden Tag: die Wasserlilien ber ihren Blttern, in
vertrauensvollen Schlaf versunken. Mit den Wasserpflanzen hielten die
Pflanzen der Erde stumme Zwiesprache. Ich erinnere mich einer Allee, in
der Studenten, ein Sacktuch im Nacken, unter der Schnheit der Bltter
begraben lagen. Das war die Allee der Ombelliferen. Fenchel und
Steckenkraut drehten ihre Kronen ber die Stengel, deren Blattscheiden
platzten, empor. Schweigend unterredeten sich die Dfte miteinander,
stumme Verstndigung wob fhlbar von Pflanze zu Pflanze, und ber dem
vereinsamten Reiche schwebte Entsagung.

Seit damals verstehe ich die Pflanzen: ich wei, da ihre Familien sich
miteinander verschwgern, und da sie alle von Natur aus einander
lieben. Aber ich wei auch, da diese Verwandtschaften nicht da sind, um
den Klassifikationen zur Untersttzung unseres trgen Gedchtnisses zu
dienen.

Die Pflanzen sind lebendige, ttige Geometrie, die irgendwelchen
Auflsungen zustrebt -- wie die sein werden, wei ich nicht. Da lt
sich nun ein reizvolles Geheimnis beobachten: die Arten, die in
denselben geologischen Epochen vorkamen, haben einander ihre Sympathien
geschenkt und bleiben auch heute noch im Wechsel der Jahreszeiten
einander nahe. Wie vermchte sonst das Wesen der frierenden schneeigen
Winterliliaceen mit dem der purpurnen Herbstnachtschatten so
zusammenzustimmen?

Es gibt noch andere Pflanzengemeinschaften, die nicht so sehr durch
Menschenbemhungen als dadurch zustandekommen, da gewisse Arten andere
als Freunde bei sich haben mgen und sich nach ihnen sehnen. Wie schn
sind die Bauerngrten, in denen die strahlende Lilie -- gleich den
Gttern, die die Niedrigen besuchen -- zwischen Kohlkpfen, Knoblauch
und Zwiebeln (die in den Tpfen der Armen kochen werden) wchst! O, wie
liebe ich diese lndlichen Kchengrten, wenn mittags der traurige blaue
Schatten der Gemse auf den Vierecken krniger weier Erde einschlft,
der Hahnenruf das Schweigen noch tiefer macht und das geduckte Huhn
unter dem schrgen gewundenen Fluge des Habichts aufgluckst! Da wachsen
die Blumen der schlichten Liebenden, die Blumen der jungen Frauen, die
den blauen Lavendel trocknen und zwischen ihr grobes Leinen legen. Da
wchst auch der treue Buchsbaum, an dem jedes Blttchen ein Spiegel von
Azur ist, und die Stockrose, an der die sanfte reine Flamme der Blten
sich in Schwermut verzehrt: fromme Blumen, dem Schweigen und der
Entsagung geweiht.

Ich liebe auch die Wiesenblumen: die Knigin der Fluren, schaukelnd in
leichten Winden und vom Glucksen des Baches in den Schlaf gewiegt. Ihre
duftende Krone schmckt sich mit Wasserkfern schimmernder als der Hals
der Kolibris. Sie ist die Geliebte der Halden, die Braut der grasigen
Lichtungen.

Tief in den verlorenen alten Parks aber gibt es die geheimnisvollen
Pflanzen: da gedeihen die _alten_ Blumen, der Erdflieder, die amaryllis
belladonna und die Kaiserkrone. Anderswo mten sie sterben, hier aber
beharren sie, behtet von den Vorbildern der jahrhundertealten
einzigartigen Bume mit den verschollenen Namen. Diese vornehmen,
verwhnten und gezierten Blumen erheben ihre schwanken Kpfe nur, wenn
der Wind durch die Amberbume und Ahorne streicht und aufseufzt wie
einst Chateaubriand.


                                 III.

Die Traurigkeit der kleinen Stadt tut mir wohl: die Gassen mit ihren
finsteren Laden, die abgetretenen Trschwellen, die Grten, die in der
schnen Zeit des Jahres ber einem Grunde von blauem Brodem schwimmen,
ber dem Gewirre von Stockrosen, Glyzinien und Weinreben -- und dann
jene anderen Grtchen, rudig wie Esel, mit schwrigen Buchsbaumhecken,
darauf Lumpen zum Trocknen liegen, und das Rinnsal der Gerber, das den
dnnen Perlmutterglanz des Himmels mitschleppt und zwischen seinen
Schlammpflanzen hart die Dcher widerspiegelt, o -- und der Wildbach,
der die Felsen hhlt, sich windet und eilig dahinblinkt! Der kleine
Stadtplatz ist hbsch, ob die Zikaden in den sommerlichen Buchen
schrein, ob der Herbstwind auf ihm scharrt oder die Regen ihn
zerkritzeln. Es gibt auch einen kleinen Stadtpark da, von dem Bernhardin
de Saint Pierre entzckt gewesen wre: unter seinen Kastanienbumen sind
die Mainchte tief, blau und sanft.

Ich komme seit Jahren in diese Stadt, die einst mein Grovater und mein
Grooheim verlassen haben, um die berblhten Antillen zu suchen. Dann
haben sie das Brausen des Meeres gehrt, musselinene Kleider glitten
unter ihren Veranden dahin -- und als sie starben, waren sie vielleicht
voll Sehnsucht nach diesen Gassen mit ihren Laden, den Grten hier, den
Rinnsalen und diesem Wildbache.

Wenn ich dann meinen kleinen Meierhof aufsuche, denke ich daran, da sie
einst hier gewesen sind. O, ihre Ausflge! Das Frhstck trugen sie in
einem Krbchen mit und einer hatte eine Gitarre umgehngt. Leichten
Ganges folgten ihnen die jungen Mdchen; zwischen taufeuchten Hecken
summte eine Romanze auf und erschreckte die Vgel mit einer
unaussprechlichen Liebe. Die Maulbeeren waren noch grn. Man marschierte
im Takte. Der Schrei eines Mdchens zitterte durch die Luft, an einer
Wegecke wurde ein groer Hut geschwungen, und ein khles Lachen flog
zwischen den regenversehrten Heckenrosen empor.

Diese Gitarre habe ich im Hofe meiner hugenottischen Grotanten an einem
Sommerabende gehrt, als ich vier Jahre alt war. Der Hof schlief in
weier Dmmerung, und von den Dchern sank eine unbekannte Zrtlichkeit
auf die Rosenstcke und das helle Pflaster. Meine Verwandten saen auf
einem Balken, waren froh und lachten darber, da ich so ein kleines
Kind war und eine weie Schrze anhatte. Dann sang mein Groonkel ein
Lied aus der Hauptstadt. Ich seh ihn noch mit vorgestrecktem Kopfe
stehen. Die Luft zitterte sacht. Am Ende einer Koloratur machte er eine
komische nette Verbeugung.

Ich segne dich, kleine Stadt, in der kein Mensch mich versteht, wo ich
meinen Stolz, mein Weh und meine Freude in mir verberge und ich keine
andere Zerstreuung habe, als meine alte Hndin klffen zu hren oder
arme Gesichter anzuschauen. Aber dann steige ich die Hgel empor, wo der
dornige Stechginster wchst -- und dort erlebe ich in der Betrachtung
meiner Kmmernisse das sanfte Glck, das Verzichten heit. Jetzt qult
mich nicht mehr das rohe und verchtliche Lachen der Leute noch auch das
Zweifeln an allem. Das Lachen derer, die mich verachten, ist verstummt
-- und ich werde gleichgltig gegen alles, was ich bin. Aber ich bin
indessen ernst geworden gegen mich selber und die andern. Mit
furchtsamer Freude sehe ich nun die Sorglosigkeit der Glcklichen. Ich
habe verstehen gelernt, wieviel Leiden aus der Liebe wachsen kann und
wie tiefe Blindheit aus einem Blicke. Und um dieser meiner Leiden willen
mchte ich eine traurige zarte Liebkosung denen schenken, die noch
nichts anderes wissen als das Glck.


                                 IV.

Im Garten tut mir der Duft des Flieders pltzlich weh, denn ich bin
todtraurig.

Flieder, seit der Kindheit bist du mir teuer. Damals habe ich
deine Bltenstrue angeschaut, die schnen Bilder, auf eine
Spielzeugschachtel gemalt. In dem vertrauten Obstgarten meiner
Jugendzeit blhtest du auch. O, in diesem Garten gab es Igel! Sie
glitten die alten Balken entlang -- wie unschuldig und sanft sind die
Igel trotz ihrer Stacheln. Ich erinnere mich noch meiner Erregung, als
ich an einem Winterabende einen auf der Schwelle unserer Kche fand. Der
Schnee hatte ihn vertrieben und nun steckte er seinen kleinen Rssel in
die Abflle, die da liegengeblieben waren.


                                  V.

Ich liebe die Wesen der Nacht, die Kuzchen mit hauchendem Fluge, die
Fledermuse, die Dachse -- alle ngstlichen Tiere, die durch die Luft
und das Gras gleiten, und die wir so wenig kennen. Was fr Feste mgen
sie wohl unter den Pflanzen, ihren Schwestern, feiern?

In der Stunde, da der Mensch ruht, springen die Kaninchen silberig von
Tau ber die Minze der Grben hin und halten ihre geheimen Versammlungen
ab; die Frsche quaken und platschen in den Pftzen, aus den
Glhwrmchen sickert der weiche gelbe, feuchte Schimmer, der Maulwurf
bohrt sich unter den Wiesen hin, die Nachtigall schluchzt auf wie ein
Springbrunnen, und die Schleiereule lt ihr trauriges Lachen hren, als
ob sie sich in ihrer Furchtsamkeit zu der Freude Gottes gesellen wollte.

Wie oft habe ich mir gewnscht, ein solches Wesen der Nacht zu sein! Ein
schauerndes Kaninchen unter der Weidornhecke oder ein Dachs, von den
saftigen grnen Blttern gestreichelt. So htte ich keine anderen Sorgen
gekannt als die um meine leibliche Verteidigung -- und ich htte nicht
lieben mssen und nicht hoffen.

                                 ENDE




                                INHALT


                                           Seite
   Das Paradies                                3
   Das Paradies der Tiere                      6
   Die Gte des lieben Gottes                  8
   Der Weg des Lebens                         11
   Die kleine Negerin                         15
   Ronsard                                    17
   Robinson Crusoe                            19
   Das Grabmal des Dichters                   21
   Von der Barmherzigkeit gegen die Tiere     24
   Betrachtung ber die Dinge                 27
   Lob der Steine                             40
   Betrachtung ber eine Schnepfe             43
   Betrachtungen ber ein Speisezimmer        49
   Betrachtungen ber einen Tautropfen        53
   Betrachtung ber Astrologie                60
   Notizen                                    68




Anmerkungen zur Transkription


Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit
Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet.

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   [S. 38]:
   ... Hammer Anwort. Der Hammer, den der Meister ...
   ... Hammer Antwort. Der Hammer, den der Meister ...

   [S. 38]:
   ... vom Herzen schwang, war das Herz des Ambo. ...
   ... von Herzen schwang, war das Herz des Ambo. ...

   [S. 64]:
   ... ehe wir Menschen geworden sind. Daraus ergibt ...
   ... ehe wir Menschen geworden sind. Daraus ergibt sich ...

   [S. 65]:
   ... blht gegen Ende des Sommer. Ich habe ...
   ... blht gegen Ende des Sommers. Ich habe ...

   [S. 75]:
   ... die Luft, an eine Wegecke wurde ein groer Hut ...
   ... die Luft, an einer Wegecke wurde ein groer Hut ...






End of the Project Gutenberg EBook of Das Paradies, by Francis Jammes

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS PARADIES ***

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     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


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Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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increasing the number of public domain and licensed works that can be
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($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
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The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
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International donations are gratefully accepted, but we cannot make
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Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
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ways including checks, online payments and credit card donations.
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works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
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