The Project Gutenberg EBook of Schriften 23: Novellen 7, by Ludwig Tieck

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Title: Schriften 23: Novellen 7
       Eine Sommerreise / Die Wunderschtigen / Pietro von Abano

Author: Ludwig Tieck

Release Date: December 18, 2015 [EBook #50714]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHRIFTEN 23: NOVELLEN 7 ***




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                            Ludwig Tieck's
                              Schriften.

                       Dreiundzwanzigster Band.




                              Novellen.


                               Berlin,
                  Druck und Verlag von Georg Reimer.
                                1853.

                            Ludwig Tieck's
                         gesammelte Novellen.

            Vollstndige auf's Neue durchgesehene Ausgabe.

                           Siebenter Band.

                               Berlin,
                  Druck und Verlag von Georg Reimer.
                                1853.




                               Inhalt.


                                   Seite
   Eine Sommerreise                    3
   Die Wunderschtigen               157
   Pietro von Abano                  295




                            Ludwig Tieck's
                         gesammelte Novellen.
                           Siebenter Band.





                          Eine Sommerreise.
                                1834.




                             Einleitung.


Unter abwechselnden Vorfllen und Erfahrungen, die sich mir im Lauf
meines Lebens auf Reisen oder beim lngeren Aufenthalt in fremden
Stdten aufdrngten, ist mir die Erinnerung so mancher Bekanntschaften
erfreulich, so manche Beobachtung lehrreich und ich kann es nicht
unterlassen, Einiges davon mitzutheilen, welches vielleicht manche
befreundete Gemther auf anmuthige Weise anregt.

Schon manches Jahr ist verflossen, seit mir einige interessante
Tagebcher und Briefe in die Hnde geriethen, die mir um so bedeutender
wurden, als ich die Verfasser derselben spterhin im Verlauf der Zeiten
in ganz vernderten Verhltnissen und mit umgewandelten Gesinnungen
wiedersah. Jetzt sind die Theilnehmer an nachfolgender kleinen
Begebenheit gestorben oder nach fernen Gegenden gezogen, so da es
harmlos erscheint, Dasjenige mitzutheilen, was ich frher schon fr
vertraute Freunde aus jenen Tagebchern und Briefen ausgezogen habe. Die
Erzhlung ist aus Schriften der drei Hauptpersonen verarbeitet und wird,
der Deutlichkeit wegen, mehr wie einmal durch die eigenen Worte der
erscheinenden Personen unterbrochen werden.




        Walther von Reineck an den Grafen Bilizki in Warschau.


Von Deiner schnen Cousine, die ich damals leider nur einmal sah, habe
ich bisher noch nichts in Erfahrung bringen mgen. Und sehr begreiflich,
da ich erst in Franken, oder gar in der Nhe des Rheins, wie ich es ja
wei, Kundige finde, die mir von ihren Schicksalen und ihrer seltsamen
Flucht etwas mittheilen knnen. Sollte ich das schne Bild selbst
irgendwo wiedersehn? Wenn ich nur wenigstens ihn finde, der sie zu
dieser Uebereilung verleitet hat, welche sie Dir entri, um an ihm die
Rache zu nehmen, die ich Dir versprach, so wenig Du sie auch gefordert
hast. Ich wei es, da ich zu hitzig bin; indessen Du bist beschftigt,
im Dienst des Staates, gehrst Deiner kranken Mutter, und ich bin mig
und frei genug, um diesen Sommer mich umzutreiben, zu sehn oder zu
gaffen, zu lernen oder zu vergessen, und mir dabei einzubilden, ich thue
Dir und der Menschheit einen groen Dienst, indem ich einen andern
Miggnger aufsuche, um ihn zur Rechenschaft zu ziehn.

Bis jetzt hat das Wetter mich sehr begnstigt. Und eine interessante
Bekanntschaft habe ich auch schon gemacht. Ich war queer durch das
traurige Land gereiset, zwischen den Stdten Frankfurt an der Oder und
Crossen hindurch, weil ich in Balkow, einem Dorfe, meine Freundschaft
mit der Familie Tauenzien erneuen wollte, die Du auch kennst, weil die
vortreffliche Frau aus Warschau gebrtig ist. Hier herum ist eine
seltsame Landesart und fast wilde Einsamkeit, beinah so wie in Polen. So
kommt man denn durch abgelegene Wege, immer durch Wald bis an die Oder,
wo den Reisenden, an sumpfiger Stelle, die Kretschem genannt, eine Fhre
bersetzt. Hier fand ich zu meinem Erstaunen einen eleganten Wagen und
einen jungen hflichen Mann, welcher ebenfalls die Fhre erwartete,
welche auf wiederholtes Rufen auch schon herbersteuerte. Der junge Mann
hatte jenen dunkeln, tiefsinnigen Blick, den ich an Mnnern wie an
Frauen liebe, und so kam ich seiner Freundlichkeit mit Wohlwollen
entgegen, und wir behandelten uns nach einigen Minuten, als wenn wir
alte Bekannte wren. Er sagte mir, diese sumpfige Stelle wre im
Frhling und Herbst ziemlich gefhrlich, weil die Fhre nicht ganz nahe
kommen knne und der Wagen alsdann tief im Wasser fahre. Ich lernte
daraus, da er hier herum bekannt seyn msse. Und so erfuhr ich es denn
auch, als wir auf der Fhre neben einander standen: er ist lange in
Ziebingen und Madlitz gewesen, zweien Gtern, die der Finkenstein'schen
Familie gehren. Von dieser Familie, den Tchtern wie den Eltern,
spricht er wie ein Begeisterter. Der Vater, der Prsident Graf
Finkenstein, ist der Sohn des berhmten Staatsministers und der
Prsident selbst ist in der Geschichte, durch jenen vielbesprochenen
Arnold'schen Proce, nicht unbekannt, in welchem er sich als einen
wackern und hchst rechtlichen wie unerschrockenen Mann zeigte. Wer in
dieser Familie, rief mein neuer Bekannter aus, eine Weile gelebt hat,
der kann sich rhmen, die echte Humanitt und Urbanitt, das Leben in
seiner schnsten Erscheinung kennen gelernt zu haben. Die Mutter, eine
wrdige Matrone, ist die Freundlichkeit selbst, in ihrer Nhe mu jedem
wohl werden, der ein echter Mensch ist. Begeisternd, aber freilich
weniger sicher ist die Gesellschaft der drei schnen und edeln Tchter.
Die zweite ernst, die dritte muthwillig und froh und die lteste grazis
und lieblich, erscheinen sie, im Gesange vereinigt, wie das Chor der
Himmlischen. Vorzglich die Stimme dieser lteren Schwester ist der
reinste, vollste und auch hchste Sopran, den ich jemals vernommen habe.
Wre sie nicht als Grfin geboren, so wrde sie den Namen auch der
berhmtesten Sngerinnen verdunkeln. Hrt man diese Henriette die groen
leidenschaftlichen Arien unsers musikalischen Sophokles, des einzigen
Gluck, vortragen, so hat man das Hchste erlebt und genossen. Oft
verherrlicht noch ein groer Musikkenner, der Minister Vo, die
Gesellschaft, und durch seine Vermittlung und aus der Sammlung dieses
vortrefflichen Mannes haben die Tchter groe Sachen von Jomelli, ltere
von Durante, Leo, Lotti und Allegri, einige hchst seltene vom alten
Palestrina und dessen Zeitgenossen erhalten, und diese erhabenen
Kirchengesnge werden in dieser Familie so vorgetragen, wie man es
vielleicht kaum in Rom so rein und groartig vernimmt. Der Vater,
nachdem er seine Geschfte und juristische Laufbahn aufgegeben hat,
bewirthschaftet seine Gter und hat mit malerischem Sinn fr Natur in
Madlitz einen der schnsten Grten angelegt und ausgefhrt, der uns
einfach und ohne Prtension die Herrlichkeit der Bume und Pflanzen
zeigt und an hundert anmuthigen Pltzen zum poetischen Sinnen und
phantasiereichen Trumen einladet. Dieser Mann studirt und bersetzt den
Theokrit und Virgil's Eklogen, so wie einige Gedichte Pindar's. Er
kennt, was noch so vielen Poesiefreunden eine geheimnivolle Gegend ist,
viele alt-deutsche Gesnge und wei das erhabene Epos der Nibelungen
fast auswendig. So oft ich in diesem Kreise war, bin ich besser und
unterrichteter aus ihm geschieden.

Aus dieser begeisternden Rede schlo ich, da mein neuer Bekannter der
Liebe sehr zugeneigt, in diesem selben Augenblick wohl schon ein
Verliebter sei, da er wohl auch Anlage zum Dichter besitze. Er heit
Ferdinand von Erlenbach und reiset mit noch weniger Absicht als ich in
die weite Welt hinein. Wir werden wenigstens bis Dresden
beisammenbleiben, er sendet auch von hier, von Guben, seinen Wagen
zurck, und wir haben in diesem Stdtchen eine Chaise bis Dresden
gemiethet.

Nach vielfachen Gesprchen, in welchen sich der enthusiastische
Charakter meines neuen Freundes noch mehr entwickelte, kamen wir,
nachdem unsre Kutscher sich ohne Noth im Fichtenwalde verirrt hatten,
gegen Abend in dem Stdtchen Guben an, welches fr die hiesige Landesart
eine ganz leidliche Lage hat. Er, der Aufgeregte, ist bei dem schnen
Wetter noch nach dem Vogelschieen, auf der Wiese drauen, zu dieser
Brgerlustbarkeit hinausgegangen. Ich habe keinen Sinn fr dergleichen
poetische Prosa. Das Knallen der Bchsen, diese Gesprche beim Bier, der
Pfahlwitz dieser Schtzen, Alles dies kann weder meine Neugierde noch
mein Behagen erregen. Er reizt sich aber auf, um dergleichen aus Willkr
interessant zu finden; will wohl auch die Menschen studiren. Auch denkt
er einen Jugendfreund aufzusuchen, den er seit vielen Jahren nicht
gesehn, der sich hier angekauft und verheirathet hat. Ich zog vor zu
essen, zu trinken und Dir diesen flchtigen Brief zu schreiben. Gedenke
Deines treuen Walthers.

Guben, den 15. Junius 1803.

                   *       *       *       *       *

Ferdinand war in der That bis zum Abend beim Scheibenschieen. Er liebte
dergleichen Volksfeste fast bermig und seine Phantasie, wenn er
gleich nicht mehr in der ersten Jugend war, berzog die Gegenwart, die
Andern drr und finster erschien, mit einem glnzenden Firni. Trotz
seinem Nachforschen wollte es ihm aber nicht gelingen, seinen
Schulfreund Wachtel anzutreffen. Die Schtzen bedeuteten ihm auch, da
dieser nicht zu ihrer Gilde gehre. In der Vorstadt, wo das ziemlich
groe Haus seines Freundes gelegen war, traf er ihn ebenfalls nicht. Er
spazierte also halb verdrossen in der Gegend umher und vernahm aus der
Ferne die Schsse, die nach der Scheibe zielten, dann begab er sich
wieder in das zerstreuende Gerusch, hrte hier und dort den Gesprchen
zu und wnschte so wie die Andern ber ungesalzene Geschichten oder
Familienspe lachen zu knnen. So ward es Abend und finster und er war
immer noch zu verdrossen, um nach dem Gasthofe in der Stadt
zurckzugehen, und sein Lager aufzusuchen.

Schon entfernten sich nach und nach die Schtzen mit ihren Frauen und
Kindern, ein anmuthig erfrischender Wind strich beruhigend ber das
Gefilde und die Sterne traten heller und bestimmter aus der dunkelblauen
Wlbung; Ferdinand, der gern in der Nacht umherwandelte, war fast
entschlossen, im Freien zu bleiben. Da hrte er im nahen Gebsch wie ein
Klagen, Seufzen und Schelten durch die Stille des Abends, und als er
nher trat, bot sich ihm eine Scene wie von Teniers und Ostade dar, die
zu seinen sen Trumen gar nicht passen wollte. Ein trunkener Mann lag
auf dem grnen Rasen und eine Frau, die bald ermahnte, bald wehklagte,
bestrebte sich, ihn, indem sie ihn am Arme hielt, emporzurichten. Sie
freute sich, als ein anderer Mann ihr nahte, weil sie in ihrer Angst
dessen Hlfe sogleich in Anspruch nahm, um den Besinnungslosen nach
Hause schaffen zu knnen. Indem Ferdinand den Betubten aufzurichten
suchte, erzhlte die Frau, wie der Gatte auf einem Kindtaufschmause beim
Amtmann des nahen Dorfes immerdar gelacht und getrunken, so christlich
sie ihn auch ermahnt habe; mehr vom Gelchter noch als Wein berauscht,
sei er auf dem Rckwege zur Stadt, indem auf dieser Stelle erst seine
Krankheit sich vollstndig gezeigt habe, hier schlafend und wie todt
niedergesunken. Lachend und weinend stemmte sich die Frau, durch
Ferdinand's kraftvolle Untersttzung sichrer gemacht, bis Beide durch
richtig angewendete Hebelkraft den Ehemann aufrecht gestellt hatten.
Beschmt und gerhrt fhlte sich Ferdinand, der schon seit einiger Zeit
im Lallenden und Ohnmchtigen seinen humoristischen Freund Wachtel
wieder erkannt hatte. Er war nur darber froh, da jener Walther, der
neue Bekannte, bei dieser Nichterkennungsscene nicht zugegen war, da er
ihm von diesem Herrlichen so viel Gutes und Schnes erzhlt hatte, das
ihm selber jetzt als Unwahrheit erschien. Die beiden Hlfreichen fhrten
nicht ohne Mhe und Anstrengung den Unbeholfenen in sein Haus, und
Ferdinand entfernte sich in der hchsten Verstimmung. Er durchstreifte
wieder die Landschaft und erfreute sich der lieblichen Sommernacht, die
warm und doch erfrischend, labend und milde nach dem heien Tage auf den
Feldern und Wldern webte. Die Lichter des Stdtchens erloschen nach und
nach, und seinen Lebenslauf bersinnend, kam der Trumende nach einer
Stunde zurck, um seinen Gasthof aufzusuchen. Er mute vor dem Hause des
trunkenen Freundes vorber, und als er in die Nhe desselben kam,
vernahm er deutlich Wachtel's Stimme. Er war unten in einer groen Stube
zur ebenen Erde und alle Fenster standen, der Sommerwrme wegen, offen.
Ferdinand kam leise nher und unterschied in der Dmmerung seinen
Freund, der ruhig neben seiner Frau sa und so in seiner gemessenen Rede
fortfuhr: -- denn alle Weisheit ist nur Stckwerk, und alle Tugend
nichts als Flickwerk. Ich betheure Dir, ich war nicht betrunken, wie Du
Dir einzubilden scheinst, sondern nur etwas anders, als gewhnlich,
gestimmt; auch war ich nicht abwesend oder gar besinnungslos, wie Du
behaupten mchtest, sondern mein Geist schwrmte nur in andern Regionen
und war eben mit der Lsung der tiefsinnigsten Probleme beschftigt. So
geht es mir ja oft, da auf meinem Zimmer sich beim Buch oder im
Nachdenken mein Geist in hohen Genssen ergeht, und ich Dich ebenfalls
alsdann nicht oder meinen Gevatter Wendling bemerke. Was nun die
Behauptung betrifft, Du selbst habest mich nebst einem ganz fremden
Manne, unwissend meiner selbst, hieher in mein Huslein geschleppt, --
so ist das nichts weiter, als was mir und Dir alle Tage geschieht, wenn
wir im Wagen sitzen, ber dieses und jenes anmuthig genug discurriren
und weder wissen noch bedenken mgen, ob weie oder schwarze Pferde uns
von der Stelle bewegen. Contrair zeigt es nur von einem geringen Sinne,
sich um diese Nebendinge allzungstlich zu kmmern; und wie wrdest Du
selbst mich verachten, wenn ich in einer schnen Landschaft, an welcher
sich Dein Auge ergtzte, Dich immer wieder auf die Schimmel und den
rothnasigen Fuhrmann aufmerksam machen wollte. Also, nicht einseitig
abgeurtheilt, liebe Gattin. Wren wir nicht so schnell stillgestanden,
was Du selbst verlangtest, um zu verschnaufen, wie Du Dich ausdrcktest,
so wre ich dort am Abhang nicht in die Knie und alsbald mit dem ganzen
Leichnam hinab gesunken oder geschurrt; denn Beine und Schenkel und alle
jene Muskeln, welche zum Wandeln in Bewegung gesetzt werden mssen,
thaten ihre Schuldigkeit ganz leidlich, Wille und Vollstreckung immerdar
im Takt, Eins zwei, Eins zwei; -- nun aber die pltzliche Hemmung -- das
war den Sehnen, Muskeln, Gebeinen, und wie sie Namen haben mgen, ganz
unerwartet wie ein Blitzschlag; -- die Geister, die schon Reiaus
genommen hatten und in Indien und Calekut schwrmten, vergaen von ihrer
interessanten Pilgerschaft zurckzukommen, der Wille lauerte vergeblich
auf Befehl, und die Sehnen und Muskeln, die schon lange des langweiligen
Takttretens mde waren, fielen ohne von Willen und Geistbefehl und jenem
hartherzigen Bewutsein tyrannisirt zu werden, zusammen und blieben
liegen. Sieh, Schatz, dies ist die pragmatische Geschichte jenes von Dir
miverstandenen Vorfalls.

Ganz gut, sagte die Frau, aber ich wei, was ich wei, Du kannst mir
meine Sinne nicht abdisputiren. Vor acht Tagen sagtest Du wieder, wenn
ich Dich unterwegs nur eine einzige Minute htte ausruhen lassen, so
wrst Du hier in der Stube nicht so hingeschlagen, da es Dir zwei Tage
im Kopfe brummte.

Richtig, mein Kind, erwiederte der Gatte, mein Genius brummte und
knurrte damals lange aus Verdru, da man auf seine Weisung nicht
gemerkt hatte. Denn ich war mit Bewutsein dazumal berfllt, es waren
zu viele Lebensgeister gegenwrtig und ein Ueberschwang von Gedanken,
philosophischen Begriffen und tiefsinniger Nchternheit qulte mich; so
war denn nicht Ein Wille blo meinem Gehn und den Beinen zu Gebot,
sondern wohl zehn Willenskrfte hantirten in mir und zankten gleichsam
mit den Lebensgeistern und der obersten Hauptseele oder dem wahren Ich.
Du sahst auch, wie die Beine zu schnell liefen, wie ich mit den Hnden
haspelte und gestikulirte, die in Wandelsbegeisterung auch Beine zu seyn
strebten. Htte ich nun etwas im Freien geruht, so konnte die Hauptseele
so ein Dutzend Lebensgeister nach allen Richtungen fortsenden, mein zu
starkes Bewutsein wurde vernnftig und gemigt, und ich fiel nachher
aus pur bertriebener Nchternheit nicht hier auf den Fuboden hin. --
Aber noch schlimmer, da Du mich bei der fremden Dame, die seit gestern
bei uns logirt und morgen, oder vielmehr heut, oder vielmehrest
bermorgen, das heit, da jetzt Mitternacht vorber ist, eigentlich
morgen frh abreisen will, in so schlechten Ruf gebracht hast, als wenn
ich ein Trunkenbold wre. Sieh, mein Engel, das fremde gutherzige
Frauenzimmer reiset nun in alle Welt und hngt mir in den
allerentferntesten Lndern einen Schandfleck an, und macht mir so in
Gegenden einen bsen Namen, wo ich noch nicht einmal einen guten oder
gleichgltigen Ruf errungen habe; es ist sogar mglich, ich werde da
schon im voraus lcherlich, wo man mich noch gar nicht kennt; denn
Verleumdung findet weit leichter als Verehrung eine Herberge und Wohnung
in der Brust der mannichfach redenden Menschen.

Er ist also auch in der Ehe unverbesserlich geblieben, dachte der
erzrnte Ferdinand und ging in die Stadt. Es war ihm in seiner
Verstimmung unmglich, sich jetzt seinem ehemaligen Freunde zu erkennen
zu geben.

In einem nicht gar bequemen Fuhrwerke verlieen die Reisenden Guben und
zogen langsam durch die Steppen und Fichtenwlder jener Gegend der
wendischen Lausitz. Sie bernachteten in Wermsdorf und waren erfreut,
bei Knigsbrck eine grnere und freundlichere Natur zu finden. Ein
schner, voller und dichter Tannenhain, mit vielen alten Bumen, von
schnen Buchen und Birken erhellt, empfing sie nachher, und gegen Abend
sahen sie von einer Waldhhe herab in seiner ganzen Schnheit am
anmuthig gewundenen Strom das liebliche Dresden vor sich liegen.

Ich war schon oft in dieser Stadt, sagte Ferdinand, und doch bleibt mir
der Anblick dieser Gegend immer neu. Die Hgel, die sanften Thler
umher, der schne Strom, das Grn und die Waldpartien, Alles ist
zierlich und ergtzlich zu nennen. Erhaben, ernst, feierlich ist diese
Natur nicht und wir hren hier keine jener Stimmen, die das Ohr unsers
Geistes wohl in Gebirgen vernimmt. Darum hat diese Gegend so recht
eigentlich etwas Wohnliches, Behagliches, da Jedem hier wohl wird, der
eines Umganges mit der Natur fhig ist.

Sollten das nicht alle Menschen seyn? fragte Walther.

Ich zweifle sehr, erwiederte jener: suchen so viele nicht und vermissen
in freundlichen Ebenen den Reiz der Gebirge? Entbehren nicht viele
schmerzlich in schner Abgelegenheit den Wirrwarr der groen Stdte?

Das gehrt auch, erwiederte Walther, zu den Erfreulichkeiten Sachsens
und dieser Residenz, da man sich frei fhlt, nicht von Mauth und deren
Dienern grob und strmisch angefahren und genirt wird; da keine Habgier
die Bestechung wie einen Tribut erwartet. Das bildet einen starken
Abstich gegen das groe benachbarte Land, in welchem in dieser Hinsicht
so vieles zu verbessern ist.

Schon in der Nhe des freundlichen Thorschreibers fielen diese Reden vor
und die Reisenden stiegen mde vor dem Gasthause, der goldene Engel, ab,
in welchem sie Erquickung und gute Bewirthung fanden.




              Walther von Reineck an den Grafen Bilizki.


                                           Dresden, den 19. Juni 1803.

Man sagt mir hier, die Familie Ensen sei in Karlsbad, und dahin werde
ich also vorerst mit meinem Schwrmer meinen Zug richten, weil ich
hoffen kann, von diesen Leuten, welche alle Verhltnisse so genau
kannten, von der schnen Maschinka, oder ihrem Entfhrer etwas zu
erfahren. Ferdinand, wie ich ihn der Abkrzung wegen nennen will, fhrte
mich sogleich zu einem wackern Schwaben, einem Maler Hartmann hin, so
wie zu einem sehr poetischen eigenthmlichen Landschaftmaler, Friedrich,
aus Schwedisch-Pommern gebrtig. Diese wahrhaft wunderbare Natur hat
mich heftig ergriffen, wenn mir gleich Vieles in seinem Wesen dunkel
geblieben ist. Jene religise Stimmung und Aufreizung, die seit kurzem
unsre deutsche Welt wieder auf eigenthmliche Weise zu beleben scheint,
eine feierliche Wehmuth sucht er feinsinnig in landschaftlichen
Vorwrfen auszudrcken und anzudeuten. Dieses Bestreben findet viele
Freunde und Bewunderer, und, was noch mehr zu begreifen ist, viele
Gegner. Historie, und noch mehr viele Kirchenbilder haben sich wie oft
ganz in Symbolik oder Allegorie aufgelset, und die Landschaft scheint
mehr dazu gemacht, ein sinnendes Trumen, ein Wohlbehagen, oder Freude
an der nachgeahmten Wirklichkeit, an die sich von selbst ein anmuthiges
Sehnen und Phantasiren knpft, hervorzurufen. Friedrich strebt dagegen
mehr, ein bestimmtes Gefhl, eine wirkliche Anschauung, und in dieser
festgestellte Gedanken und Begriffe zu erzeugen, die mit jener Wehmuth
und Feierlichkeit aufgehn und eins werden. So versucht er also in Licht
und Schatten belebte und erstorbene Natur, Schnee und Wasser, und eben
so in der Staffage Allegorie und Symbolik einzufhren, ja gewissermaen
die Landschaft, die uns immer als ein so unbestimmter Vorwurf, als Traum
und Willkr erschien, ber Geschichte und Legende durch die bestimmte
Deutlichkeit der Begriffe und der Absichtlichkeit in der Phantasie zu
erheben. Dies Streben ist neu, und es ist zu verwundern, wie viel er
mehr wie einmal mit wenigen Mitteln erreicht hat. So meldet sich bei uns
in Poesie und Kunst, wie in der Philosophie und Geschichte, ein neues
Frhlingsleben. Ganz hnlich, und vielleicht noch tiefsinniger, strebte
ein Freund, der erst seit kurzem von hier in sein Vaterland, Pommern
(auch das schwedische), zurckgekehrt ist, die phantastisch spielende
Arabeske zu einem philosophischen, religisen Kunstausdruck zu erziehn.
Dieser lebenskrftige Runge hat in seinen Tageszeiten, die bald in
Kupferstichen erscheinen werden, etwas so Originelles und Neues
hervorgebracht, da es leichter ist, ber diese vier merkwrdigen
Bltter ein Buch zu schreiben, als ber sie in Krze etwas Gengendes zu
sagen. Es war eine Freude, diesen gesunden Menschen diese Zeichnungen
selbst erklren zu hren, und zu vernehmen, was er Alles dabei gedacht.
Ich suchte ihn im vorigen Jahr, als ich mich auch hier befand, darauf
aufmerksam zu machen, da er, besonders in den Randzeichnungen, die die
Hauptgestalten umgeben, mehr wie einmal aus dem Symbol und der Allegorie
in die zu willkrliche Bezeichnung, in die Hieroglyphe gefallen sei. Der
bittre Saft, der aus der Aloe trieft, die Rittersporn, die im Deutschen
durch Zufall so heien, knnen nicht im Bilde an sich Leiden, Reue oder
Tapferkeit und Muth andeuten. So ist in diesen Bildern manches, was
Runge wohl nur allein versteht, und es ist zu frchten, da bei seiner
verbindenden reichen Phantasie er noch tiefer in das Gebiet der Willkr
gerth und er die Erscheinung selbst als solche zu sehr vernachlssigen
mchte. In derselben Gefahr befindet sich auch wohl Friedrich. Ist es
nicht sonderbar, da gerade die Zeit, die mehr Phantasie entwickelt, als
die vorigen Menschenalter, zugleich im Phantastischen und Wunder mehr
Bedeutung, Vernunft und uere und innere Beziehung finden will, als
frher die Menschen von jenen Productionen der Knste verlangten, die
doch gewissermaen ganz aus der Verstndigkeit hervorgegangen waren? Man
sieht aber wieder, wie Ein Geist immerdar sich im Zeitalter in vielen
Gegenden und Gemthern meldet. Die Novalis auch nicht kennen oder
verstehn, sind doch mit ihm verwandt. War es denn auch so zur Zeit des
Dante? So weit ich jene Jahre kenne, entdecke ich dort diese
Verwandtschaft nicht. Dieser groe Prophet hat in seinem Geheimni
dieses Streben, Sache und Deutung, Wirklichkeit und Allegorie immerdar
in Eins zu wandeln, auf das mchtigste aufgefat. Ihn verstehn und
fhlen setzt voraus und fordert eine groe poetische Schpferkraft; mit
dem gewhnlichen Auffassen ist hier nichts gewonnen. Soll man sich aber
selbst so loben? Im Briefe vielleicht. Und doch gemahnt es mich, als sei
dies kein Lob. Nur Geweihte sollen Dante's Gedicht lesen. Es ist ja
keine Brger- und Menschenpflicht.

Sonderbar, da viele Menschen, die mit Recht sich etwas darauf
einbilden, da sie Runge's und Friedrich's Bemhungen nicht abweisen,
weil ihr Poesiesinn den Schpfungen entgegenkommt, doch die tiefsinnige
und ebenso liebliche Symbolik und Allegorie in Correggio's einzigen
Werken nicht fhlen und anerkennen. Wer nichts als den Maler in ihm
sieht, der mit Lichteffekten spielt, mag nicht gescholten werden, wenn
er mehr als einen Niederlnder hher stellt. Runge selbst war immer von
diesem groen Dichter auf das tiefste ergriffen, und es lie sich mit
diesem hochbegabten deutschen Jnglinge ber diese Gegenstnde sehr
anmuthig sprechen und schwrmen. Freilich merke ich wohl, da ich, gegen
meinen Begleiter Ferdinand gehalten, mich noch sehr prosaisch ausnehme.

Wir standen vor Rafael's sogenannter Sixtinischen Madonna. Es ist
schwer, von einem so ewigen, ganz vollendeten Werke etwas Bedeutendes zu
sagen, und um so schwerer, je fter und weitluftiger schon begeisterte
Bewunderer oder forschende Kenner sich darber haben vernehmen lassen.

Kein Werk, darin kommen alle berein, ist von Rafael so leicht, mit so
weniger Farbe, so weniger Ausfhrung gemalt. Es hat darber, weil es
wohl rasch gefrdert ist, fast den Charakter eines Freskobildes; in
Hinsicht der Einfachheit, Erhabenheit, steht es vielleicht, wenn man
einmal unterordnen will, allen Arbeiten dieses grten Malers voran. Es
kommt mir vor, als wenn diese sublime Erscheinung jene Ausfhrlichkeit
so vieler anderer Meisterwerke nicht zuliee. Denn wie eine Erscheinung
wirkt dieses Kunstwerk. Es ist sehr zu tadeln, da man es so nachlssig
eingerahmt hat; denn oben ist vielleicht eine Handbreit oder mehr
umwickelt, wodurch die grnen Vorhnge und der obere lichte Raum
verkrzt sind. Denkt man sich dieses jetzt Mangelnde hinzu, so schwebt
die Gestalt der Maria, sowie des Sixtus und der Barbara noch deutlicher,
noch mehr und lebendiger herab. Die Vision der drei Heiligen steigt in
die Kirche selbst hernieder, sie erscheint ber dem Altar, und Maria
bewegt sich im Niederschweben mit dem ernsten Kinde in den Armen
zugleich vor. Diese doppelte Bewegung erklrt den Flug des Schleiers,
sowie das Zurckstreben des blauen Gewandes; der verklrte Papst, im
brnstigen Gebet, ist gleich in dieser knieenden Anbetung und Stellung
gewesen. Die heilige Barbara stand der Mutter Gottes nahe, doch
geblendet von der Majestt und fast erschreckt von den tiefsinnigen
Augen des Kindes ist sie so eben in die Knie gesunken und wendet das
Antlitz. Diese Verbindung der frheren und spteren Bewegung liebte
Rafael, fast alle seine Bilder zeigen sie, und keiner hat ihn in dieser
Kunst, auf diese Weise wahres Leben, Seele in die Stellungen und Gruppen
zu bringen, jemals erreicht. Die Engel, als Herolde, sind schon frher
angelangt, und sttzen sich unten ruhend auf dem Altar selbst. Getrost,
kindlich unbefangen erwarten sie die Heiligen, und der Tiefsinn der
Kindheit contrastirt mit dem Angesicht Christi und dem strengen Ernst
seiner Augen gar schn. Mir unbegreiflich, wie manche seyn wollende
Kenner dieser Barbara etwas Weltliches oder gar Coquettes haben
andichten wollen. Andre meinen, das Bild sei noch edler, wenn die Figur
der Maria ohne alle Begleitung erschiene. Fr wie Viele, und die doch
gern mitsprechen, ist das Vollendete doch immerdar ein fest versiegeltes
Buch, und eben darum, weil es vollendet ist. Die Mehrzahl der Menschen
kann sich nur am Einzelnen entzcken. Ihr Streben, sowie sich ihnen in
Kunst oder Poesie etwas Mchtiges und Schnes anbietet, ist, sogleich
das Werk zu vereinzeln, um sich dieses und jenes, entweder mit Klte
oder Hitze anzueignen. Die Kalten sind die sogenannten Kenner, die oft
mit solcher Wegwerfung diese oder jene Zuflligkeit oder eine Nebensache
bewundern, da man, ihren Reden nach, auf den Argwohn kommen mte, es
sei besser, wenn gar keine Kunst oder Poesie die Welt verwirre. Die
Hitzigen versetzen sich zuweilen bis zu Thrnen in eine ngstliche
Leidenschaftlichkeit, um ja nur recht bestimmt etwas zu isoliren, irgend
ein Schnes, das freilich sich wohl auch im Kunstwerke findet. Nur
verdient dieses Einzelne erst das Lob, und kann nur verstndig seyn,
wenn es aus dem Innern des Werkes und seiner Totalitt verstanden wird.
Aber von dieser innern, nothwendigen Vollendung, wodurch erst ein
Kunstwerk diesen Namen verdient, von dieser Ueberzeugung wollen die
Eifernden wie die Besonnenen in der Regel nichts wissen; diesen Glauben
erklren sie geradezu fr Aberglauben. Sie knnen ein Werk nur
bewundern, wenn sie es fr eine Annherung, aber freilich mangelhafte,
zu jenem unsichtbaren, unfhlbaren und unbezeichneten Ideal halten,
welches ihnen im chaotischen Nebel vorschwebt.

Es ist merkwrdig, wie sich so oft die Extreme berhren. Diese
Rafael'sche Maria htte vielleicht niemals copirt werden sollen und kein
anderes Bild ist von Stmpern und geschickten Zeichnern so oft
wiederholt worden. Den besten aber fehlt das geistige Auge, die wahre
Gestalt der Maria wieder zu finden. Vielleicht wre dem schaffenden
Meister selbst keine Copie ganz gelungen. Am schlimmsten sind einige
Oelbilder, blo die ganze Figur der Maria, ausgefallen. Ich kenne
welche, die aus dieser erhabenen Gestalt etwas Freches und Gemeines
gemacht haben.

Unser Entzcken vor dem Gemlde wurde auf eine sonderbare Art gestrt
und unterbrochen. Ein Mann in mittleren Jahren, mit einem scharfen
Gesicht und einer etwas rothen Nase, kam mit stolperndem Gang und einem
schreienden Ton auf uns zu, und schlo meinen verzckten Ferdinand, ob
sich dieser gleich etwas strubte, fast zu heftig in seine Arme. Er
nannte sich Wachtel, kam von Guben herber und hatte unsre Namen im
Thorzettel gelesen. Ihr steht hier, rief er unmittelbar nach der
Begrung, vor dem allercuriosesten Tableau, das der Mensch nur
ersinnen kann. Es ist ohne Inhalt und stellt eigentlich gar nichts dar.
Man kann sich aus den Abendwolken bessere Geschichten zusammensetzen. Wo
kommen diese Creaturen her? Wo wollen sie hin? Warum blieben sie nicht,
wo sie waren? Das kommt mir vor wie manche Menschen, die immer eine
wichtige Miene machen und hinter diesem nachdenklichen Gesichte doch gar
nichts denken. Der Zuschauer mu sich nun zwingen, noch weniger zu
denken, und das nennt er dann eine erhabene Stimmung. Wie man beim
Feuer, wenn es mchtig um sich greift, oft klug thut, zwei oder drei
Huser einzureien, damit nicht hundert zu Grunde gehn, so sollte ein
durchgreifender Menschenfreund, wie der Kalif Omar, einmal so ein
tausend gepriesene Meisterwerke in den Ofen stecken, damit eine Kluft,
ein leerer Raum entstnde, und diese Krankheit von unntzer Bewundrung,
die immer weiter um sich greift, in sich erstickte, da die armen
Menschen einmal wieder frische Luft holten und zur Besinnung kmen. Was
seht ihr z. B. auch dort an dem Tizianschen Christus mit der Mnze? Ich
habe einen Schacherjuden gekannt, der ganz wie dieser angebliche Heiland
aussah. Diese Maler sind lustige, boshafte Kerle gewesen, und es ist zu
verwundern, da ihnen die Geistlichkeit nicht mehr auf die Finger
klopfte. Die Satire, wie der Jude hier die Mnze und den Versucher
ansieht, wie die langen Finger so gern mit dem Geldstck eins werden
mchten, ist doch allzusehr in die Augen fallend.

Ferdinand, der mir vor einigen Tagen soviel Wunder und Schnes von
diesem Jugendfreunde erzhlt hatte, htte aus der Haut fahren mgen und
durfte doch den tppischen Gesellen nicht verleugnen. Er war aber
dunkelroth vor Scham, denn noch kurz zuvor hatte er mir und den
Umstehenden bewiesen, wie in diesem Bilde, Christus mit der Mnze,
sich Tizian, der nur selten erhaben sei, selber bertroffen habe. So
sehr er sich wehrte, mute er sich doch von seinem Freunde zu den
Teniers und einigen andern niederlndischen Bauernscenen schleppen
lassen, wo dieser Wachtel sich unter lautem Lachen ganz glcklich und
behaglich fhlte. --

                   *       *       *       *       *

Nachdem Walther diesen Brief abgesendet hatte, kehrte er zu seinem
Freunde Ferdinand zurck, den er im heftigen Wortwechsel mit Wachtel
antraf. Was giebt es, fragte er, worber man so laut streiten knnte?
Wachtel nahm sogleich das Wort und erzhlte mit groer Lebhaftigkeit:
die Sache, werthgeschtzter Unbekannter, betrifft, krzlich zu sagen,
das Herz und die Liebe. Ich bin des Undankbaren ltester Freund, und er
will es mir verwehren, hier mit ihm zu seyn und ihn nach Teplitz und
Karlsbad zu begleiten. Ist das nicht reelle Undankbarkeit? Ich komme
her, sehe ihn nach Jahren wieder, und will mein verdumpftes Herz in
lichtender, frischer Liebe auslften und durch heilsame Erschtterungen
von Motten und allem unntzen Gespinste reinigen, und er will es mir
verwehren, ihn zu begleiten, weil ich ihn, wie er vorgiebt, in seiner
verstimmten Erhebung nur stre. Auch hat er, wie immer, allerhand von
Geheimnissen, die ich ihm allzuroh und derb betasten, oder vielleicht
gar erdrcken mchte, denn er liebt es, sich selbst zu verhtscheln, und
doch hat der arme Schelm seine ganze Schwrmerei nur einzig und allein
von mir gelernt, was er freilich jetzt, nach so manchen Jahren, nicht
mehr Wort haben will.

Ferdinand mute lachen und sagte: nun, so begleite mich denn, Freund
Wunderlich, wenn jener Herr, mit welchem ich mich schon fr einige Zeit
versprochen habe, nichts gegen die Vermehrung der Gesellschaft hat.
Walther schien ber die neue Bekanntschaft erfreut, die ihm manche
Aufheiterung versprach, und man nahm sogleich die Abrede, vorerst nach
Teplitz zu reisen, um zu erfahren, wie man sich untereinander vertrge.

An einem trben Tage reisete die Gesellschaft von Dresden ab, ziemlich
spt, so sehr auch Ferdinand getrieben hatte, damit man noch zeitig in
Teplitz anlangen knne. Der bequeme Walther aber, der es nicht in der
Art hatte, Zeit und Stunde sehr zu beachten, hatte die Stunde versumt.
Die schne Gegend bei Pirna, die anmuthige bei Giehbel, die
Waldpartien, die wechselnden Aussichten ergtzten alle. Auf der Grenze
wurden die Reisenden, die nicht viel Gepck mit sich fhrten, nur wenig
aufgehalten. Der Weg bis zum Nollendorfer Berg hinauf war ermdend und
langweilig, denn schon in Peterswalde hatte sich ein dichter Nebel
herabgesenkt, der jede Aussicht verdeckte. Oben auf dem hchsten Punkte
des Berges von Nollendorf steht eine kleine Kirche. Hier stiegen die
Reisenden aus, um, wo mglich, etwas von der Schnheit der Natur zu
genieen.

Der Wagen fuhr indessen das Thal hinunter, als die Naturbeobachter noch
oben im dichten Nebel standen und kaum die nchsten Strucher am Wege
unterscheiden konnten. Wachtel sagte: Eigentlich, meine Freunde, ist
dies, was wir hier nicht sehn, und indem wir nichts sehn, der erhabenste
Anblick der Natur. Dies ist ein Bild vom alten uranfnglichen Chaos,
welches der wundersame Grovater aller Formen und Gestaltungen war. Wir
bereilen uns, wenn wir uns das Nichts als nichts denken wollen: was
sich weder denken noch vorstellen lt. Nein, so wie wir es hier vor uns
sehen, ist das Nichts beschaffen. Alles, so weit man sieht und denkt,
ein unreifer Brei, eine angehende Milch, ein blder Lehrling fr ein
Sein. Wie Silhouetten-Gespenster dort die Bume und Strucher, eben nur
zu errathen, Finsterni in diesem bleichen Dunkel, dort ebenso die Wand
der Kirche. Alles nur Rthsel: steht da, wie Aberglauben im Meere der
Unvernunft. Wenden wir nun einmal dieses eingebrute Gleichni vor uns
auf unsre eignen Kpfe an, so -- --

Hier versagte dem Schwatzenden das Wort im Munde, denn einem Wunder
gleich ri sich eine groe breite Spalte in dem dichtgewundenen Nebel,
und grnes Land, sonnenbeglnzter Wald lag unten, gegenber funkelnde
Berge im wachsenden Lichte. Kaum entdeckt, brachen links und rechts neue
Klfte im weien Nebelmeer auf, und wie selige Inseln zeigten sich von
allen Seiten Gebirg und Flur im spielenden Glanz des fluthenden
Sonnenscheines, indessen noch dazwischen wie Wnde oder Sulen die
ineinandergeflochtenen Wolken alle Aussicht deckten. Nun entstand ein
Kampf zwischen Licht und Dunkel: Alles wallte und zog hin und wieder.
Die Wolken lseten sich in Streifen, die leichter und wolliger
zerflossen und sich endlich in den Glanz verloren und untertauchten. So
wurden von unsichtbarer Hand allgemach die Vorhnge weggehoben und das
ganze Gebirge mit seinen schnen Formen lag weit ausgebreitet in allen
Abstufungen des vollen und gemilderten Lichtes vor den Augen der
entzckten Beschauer.

Diese Landschaft, rief endlich Ferdinand aus, mu eine der schnsten in
Deutschland seyn.

Wie oft ich auch die Reise machte, sagte Walther, so habe ich doch
niemals dieses berraschende Entzcken genossen, welches mich heut
ergriffen hat. Wie herrlich wre es, wenn der Elbstrom durch dieses Thal
flsse, denn nur Wasser fehlt dieser lieblichen Natur.

Sprechen wir nur nicht so, rief Wachtel aus, wie ich dergleichen schon
so oft habe hren mssen. Ihr waret ja eben noch entzckt, Freunde, und
schon fangt ihr an, Mangel zu empfinden, zu kritteln und zu kritisiren.
Wie schn der Anblick eines gewundenen Stromes auch sei, wenn er wie ein
belebender Geist hin durch die Landschaft glnzt, so pat er doch nicht
in jede Naturscene hinein. Hier, wo Alles lieblich, so einklingend ist,
wrde er mich nur stren: er hbe das Gefhl dieser behaglichen
Einsamkeit gewissermaen auf. Rhein, Neckar, Mosel und der schne Theil
der Elbe beherrschen die Gegend, durch welche sie strmen, prgen ihr
den Flucharakter auf; hier aber fhren die schnen Gebirge unmittelbar
selbst das Wort. Stren kann oft eine kahle, unbedeutend schroffe Wand,
wenn sie zwischen den schnen Linien der Gebirge sich eindrngt, ein
nackter Hgel, dem man die Waldung geraubt hat, eine wste Sandflche,
die sich todtenbleich und krank zwischen lustiges, lebensvolles Grn der
Fluren wirft, aber hier, Freunde, ist Alles so ganz und voll, da euch
nichts mangeln sollte.

Sie stiegen jetzt beim schnsten Wetter den Berg hinab. Ein Fupfad
fhrte sie durch den Wald, aus welchem sie bald hier, bald dort wieder
den freien Ausblick zu den Gebirgen hatten. Die Frhlingsvgel sangen
nicht mehr, aber durch die feierliche Einsamkeit schrillten und zirpten
die kleinen Vgelchen ihre einfachen kindischen Melodien.

Sie trafen im Thale ihren Wagen wieder, aber die Abendsonne beschien die
Kapelle oberhalb Culm und den Weingarten, auf welchem sie schimmerte, so
einladend, da die Uebrigen Walther's Vorschlage gerne folgten, noch zum
Hgel hinaufzuklimmen, um den Untergang der Sonne von dort zu genieen.
Die Freude an der Natur erzeugt oft, indem man in der Aufregung keine
Ermdung fhlt, eine Art von Rausch, welcher dann Mattigkeit und
Ernchterung herbeifhrt, wenn man, wie beim Wein, die Sttigung zu
lange hinausschiebt. So erging es den Reisenden. Die Sonne war
untergesunken, sie stiegen in der Dmmerung hinab und hatten noch bis
zum Nachtquartier einen ziemlich weiten Weg vor sich. Der Fuhrmann
schmollte ber die unntze Verzgerung, um so mehr, da die Finsterni,
schnell wachsend, hereinbrach. Jetzt fhlten die Abentheurer obenein,
da sie, aus Freude an der Reise und weil sie spt von Dresden
ausgefahren, das Mittagmahl versumt hatten, und mit der zunehmenden
Ermdung und Dunkelheit wuchs in ihnen Hunger und verdrliche Stimmung.
Es wurde vllig finster, so da man die nchsten Gegenstnde, selbst den
Weg nicht mehr unterscheiden konnte, und der Fuhrmann, der der Gegend
unkundig war, erklrte auf das Bestimmteste, da er in dieser
pechrabenschwarzen Nacht unmglich schneller fahren knne, wenn er nicht
sich und seine verehrten Herren der wahrscheinlichsten Lebensgefahr
aussetzen wolle.

Mhselig, verdrossen, langsam ging die Reise fort. Immer noch erschien
Teplitz nicht, und Mitternacht war schon lngst vorber. Endlich ersahen
die Verstimmten eine dunkle Masse, in welcher nur wenige Lichtpunkte
flimmerten, vor sich. Der Kutscher fuhr seitwrts, wie es schien, um das
Thor zu finden. Keine Antwort auf wiederholtes Rufen und Klopfen.
Endlich hrte man von innen, da dies die Wohnung des Ksters und der
Eingang zum Kirchhof sei. Der Kutscher tastete herum und fand ein groes
Gatterthor. Noch weniger ward hier auf das laute Klopfen und Schreien
Rcksicht genommen. Es war vom Felde her der Eingang zum sogenannten
Frstenhause. Mhselig fand man sich in der trben Finsterni zum Thore
und zur Tpferschenke hin. Hier schlief aber lngst Alles. Ein Kellner
und eine Kchenmagd erschienen endlich, nur halb erwacht. Der Wagen ward
untergeschoben, die Zimmer schlo man auf. Die Aufwartenden verwunderten
sich bermig, da die Ankommenden noch zu speisen begehrten. Butter,
Schinken und ein kaltes Huhn wurden, nach vielem Widerspruch, nebst
einer Flasche Wein noch herbeigeschafft. Die Betten waren in Ordnung.
Aus Mitleid lie man die Aufwrter wieder schlafen gehen. Doch Walther
bildete sich ein, er frre und habe sich erkltet. Ein groes Kamin war
im Zimmer, und Wachtel, der allenthalben die Augen hatte, entdeckte auf
dem Gange einige Scheite Holz. Man versuchte ein Feuer zu machen, das
anfangs hell brannte, bald aber das Zimmer mit Rauch anfllte. Es ward
entdeckt, da das Kamin oben zugemauert, also nicht zu gebrauchen war.
Die Uebermden hatten viele Noth, bis sie den Rauch wieder durch die
Fenster hinausgetrieben hatten. So, ungesttigt, matt, verdrossen und
berreizt begaben sie sich auf ihr Lager, indem Wachtel noch behauptete,
es sei nichts so mit Pein versalzen, als die Vergngungen des Lebens.

                   *       *       *       *       *

   -- Viel lieber durch Leiden
   Mcht' ich mich schlagen,
   Als so viel Freuden
   Des Lebens ertragen. --

So sang am Morgen Wachtel mit lauter Stimme und erweckte die beiden
schlafenden Freunde. Als Alle munter und angekleidet waren, erschien das
Frhstck und mit ihm die Wirthin, die es entschuldigte, da die
Reisenden in der Nacht eine so schlechte Aufnahme gefunden htten. In
der Entschuldigung wegen des Rauches war ein gelinder Vorwurf
eingehllt, da man sich ohne Anfrage zu willkhrlich des Feuers
bemchtigt habe. Bei der neuen Einrichtung, schlo die Frau, sollten
diese Zimmer nur fr den Sommer benutzt werden, und ich will diesen
ungeschickten Kamin auch noch fortschaffen lassen, damit er nicht fter
Irrungen veranlat.

Der Spaziergang nach Dorna ergtzte die Freunde, sie wandelten dann nach
der Liebemay, einem anmuthigen Walde. Allenthalben erfreute der Anblick
der Gebirge.

Am folgenden Tage sollte ihr Kutscher sie nach Dux bringen, sie
geriethen aber, da er des Weges unkundig war, nach Kloster Ossek. Auf
dem Rckwege besahen sie Dux und die Andenken an den berhmten und
berchtigten Wallenstein, der seit einigen Jahren durch des edlen
Schillers Gedicht fr die deutsche Nation ein neues Interesse bekommen
hatte.

Die Bergstadt Graupen und ihre alte Kirche, die Ruine oben und die
schne Gegend nahmen den folgenden Tag in Anspruch. In der Kirche traf
Walther zwei Damen aus Berlin, Mutter und Tochter, und sie beschlossen,
die Spaziergnge in Gemeinschaft zu besuchen. Wir werden noch den jungen
Herrn von Brwalde hier sehen, den wir gestern in Bilin fanden, sagte
die Mutter, einen jungen Mann, den wir im vorigen Winter kennen lernten.
Ein bescheidenes, stilles Wesen, setzte die Tochter die Beschreibung
fort, ich habe in meiner Vaterstadt, in Berlin, mit ihm getanzt: er war
fast zu ernst und verschlossen und tanzte auch mit einer gewissen
feierlichen Miene. Alles dies wurde still und fast ngstlich whrend des
Gottesdienstes in der Kirche verhandelt, und so leise sie sprachen,
sahen die andchtigen Bhmen doch mehr wie einmal drohend nach den
Ketzern sich um. Pltzlich sprangen zwei junge, wohlgekleidete Leute
durch die Thr der Kirche, stellten sich laut sprechend in die Mitte,
den Rcken gegen den Altar und Priester gekehrt, und kritisirten die
Gruppen der hlzernen Figuren, die gegenber auf dem Chore einen Theil
der Leidensgeschichte, krftig und wild ausgearbeitet, darstellten, so
wie man unten an der Seite durch gelbgefrbtes Glas in das Fegefeuer und
die Qual der Snder hineinsah; Alles auch ganze Figuren. Waren diese
Gegenstnde auch nicht der Kunst, vielleicht selbst der Kirche nicht
ganz geziemend, so war das berlaute Gesprch und Lachen der Jnglinge
ungezogen und so anstig, da die Damen, von den drei Reisenden
begleitet, in groer Angst aus der Kirche flchteten.

Um des Himmels Willen! rief das junge Mdchen, indem sie die Hhe
hinanstiegen, kennen Sie, liebe Mutter, den sanften, trocknen, zu
bescheidenen Tnzer in diesem bermthigen, affektirten Don Juan wieder?

Ist Ihnen denn, werthes Frulein, sagte Walther, dieser Ton der
sogenannten feinern Welt noch unbekannt geblieben? Diese neumodischen
ungezogenen Herren, die in Gesellschaften, im Schauspiel und in der
Kirche sich lrmend und schreiend betragen, sind beim Tanze so steif und
ehrbar, da sie um Alles nicht lachen oder lcheln und ihre Tnzerin
kaum noch mit einem finstern, halb abgekehrten Blicke ansehen. Auf dem
Balle darf sich keine Spur von Frhlichkeit zeigen, sie tanzen, als wenn
sie zur Frohn arbeiteten, oder wie die Baugefangenen mit Schellen und
Kltzen an den Beinen.

Die Frauen hatten solche Furcht vor jenen beiden Jnglingen, da sie in
der Gesellschaft der Reisenden ber Maria-Schein schnell nach Teplitz
zurckkehrten. Nach dem Mittagsessen traf man sich auf dem Schloberge
wieder, von wo man am schnsten das ganze Thal von Teplitz bersieht,
und Abends begab man sich in das kleine Theater.

Ein cht deutsches Stck wurde gegeben: Der seltne Proze. Ein
verarmter, rechtlicher, frommer und bibelfester Weber wei seiner Noth
kein Ende, um so weniger, da seine Frau ihn seit Kurzem mit Zwillingen
beschenkt hat. Der Segen des Himmels, den beide dankbar anerkennen,
drckt sie aber so zu Boden, da nach langem Kampfe und vielem Schmerz
sie sich entschlieen, das eine Kind in der Nacht einem reichen Manne
heimlich zu bergeben. Dieser aber hat in derselben Nacht schon ein
Wickelkind erhalten, er lt Acht geben, und als der Arme jetzt mit
schwerem Herzen seinen Sohn dem Zufall und der Menschenliebe bergeben
will, wird er ergriffen, gescholten und ihm, der nicht zu Worte kommt,
das dritte Kind mit Gewalt in die Arme gelegt. Mit diesem Segen und
Jammer befrachtet, mu er nach Hause gehen, und die Klagelieder der Frau
kann sich Jeder denken. Indessen ist schon die unerwartete Hlfe nah.
Eine Summe Geldes bringt der neue Ankmmling mit und ein Schreiben, da
fr die Ernhrung des Kindes reichlich soll gezahlt werden. Nun wird
groe Freude aus der Trauer. Aber der Reiche erfhrt diese Entwickelung,
er will das Kind sammt dem Gelde und der Verkstigung zurck haben, und
so wird der seltne Proze vor Gericht gefhrt. Ein edler Advokat, der
die Sache des armen Webers fhrt, weist sich endlich als der Vater des
Findlings aus, und Alle werden am Schlu zufriedengestellt. Ein
komischer Richter erheitert die Verhandlung.

Es waren noch nicht viele Brunnengste in Teplitz und darum, besonders
bei dem schnen Wetter, das Theater sehr menschenleer. Eine hohe, edle
Gestalt gab sich die Mhe, den Schauspielern und dem schlechten Stcke
oft zu klatschen und sie durch lauten Beifall zu ermuntern. Walther
erkannte, als sie nach dem Stcke noch den Garten besuchten, in ihm den
berhmten witzigen Prinzen de Ligne, der hier meist den Sommer
zubrachte. Als Walther ihm seine Begleiter vorgestellt hatte, erklrte
der geistreiche Prinz, da es ihm nicht darum zu thun sei, die gespielte
Armseligkeit fr etwas Gutes auszugeben, sondern es komme ihm nur darauf
an, die armen Schauspieler etwas zu ermuthigen.

Ist es nicht, fgte Walther hinzu, um diese ernsthaften Deutschen etwas
Sonderbares! Wenn der heutige Schwank theatralisch gelten sollte, so
mte er eben als Schwank, als Posse vorgetragen werden. In diesem Sinne
sah ich die Geschichte vor einigen Jahren in Rom spielen. Ein
eigensinniger Misogyn jagt seinen Bedienten, Truffaldin, aus dem Dienst,
weil er gehrt hat, er sei verheirathet. In komischer Verzweiflung kommt
der Spamacher nach Hause und findet die Zwillinge. Possierlicher Jammer
der Aeltern, was anzufangen sei. Der Entschlu wird gefat, das Kind dem
Findelhaus zu bergeben. Aber welches? Beide Kinder machen auf gleiche
Liebe Anspruch. Man streitet, zankt, weint und lacht: der Zufall soll es
entscheiden, und die Kinder werden wie Loose bereinandergerollt und
Truffaldin greift blindlings hinein. Beim Findelhaus wird ihm aber der
dritte Sugling nach einigen Schlgen, die er mitnehmen mu,
aufgezwungen, und in dieser burlesken Art entwickelt sich, ohne Proze,
so viel ich mich erinnern kann, das tolle Lustspiel. Die Italiener, die
gerne lachen, hatten groe Freude an dieser lustigen Parodie der
Vterlichkeit und des menschlichen Elends, viele gesetzte Deutsche aber,
die sich alle zu den guten und besten Kpfen rechneten, meistens
Vornehme, die sich sonst nicht von der Moral geniren lieen, fanden den
Spa uerst unsittlich und folgerten aus dem Lachen des unbefangenen
Volks, das durch halbe Cultur noch nicht verdreht war, die tiefe
Versunkenheit der Italiener, weil sie beim mindesten edeln Gefhl
dergleichen Abscheulichkeit nicht wrden dulden knnen.

Das Albern-Sentimentale, fuhr Wachtel im Gesprch fort, diese Krankheit,
die dem wahren Gefhle ganz entgegengesetzt ist, hat von je bei den
Deutschen gtige Aufnahme gefunden. Doch sind die Franzosen in vielen
ihrer Dramen und Romane auch nicht frei von dieser nervsen
Hautkrankheit. Den schlimmsten Ausschlag hat wohl unser Kotzebue gehabt
und gegeben. Hiob rieb sich in seinem Elend mit Scherben: wir gehn in
die Komdie, um uns zu erleichtern. Der kratze sich, den es juckt,
sagt Hamlet: das thun wir denn redlich.

Der Frst lachte und nach einigen Wechselreden trennte man sich, weil es
schon spt geworden war. Von Karlsbad schrieb Walther folgenden Brief an
seinen Freund nach Warschau.

                                        Karlsbad, den 28. Junius 1803.

Die Familie Essen habe ich aufgesucht, so wie ich nur hieher kam. Aber
ich wei nichts Bestimmteres, da diese Leute, die etwas trge scheinen,
selber keine nhern Nachrichten haben. Nur so viel scheint aus Allem
hervorzugehen, da der Entfhrer oder Verfhrer sich unter verschiedenen
Namen herumgetrieben hat, und da es deswegen um so schwieriger ist, ihm
auf die Spur zu kommen. Nach Franken deuten die etwanigen unbestimmten
Anzeigen. Ich mu es also fast dem Zufalle berlassen, ob ich ihn oder
sie auf meiner seltsamen Pilgerfahrt antreffen werde. Man wird selber
saumselig, wenn man sieht, wie wenig die Menschen sich ereifern, die die
Sache doch auch, der Verwandtschaft wegen, interessirt.

Mein wunderbarer Reisegefhrte Ferdinand wird mir um so lieber, je fter
ich mit ihm zanke, je weniger ich in eine von seinen seltsamen Meinungen
eingehen kann. So wie man von Sachsen aus die bhmische Grenze betritt,
ist Natur und Menschenstamm anders. Am auffallendsten aber ist das
katholische Wesen, die Heiligenbilder und Crucifixe auf Wegen und
Stegen, in Drfern und Stdten, abseits auf dem Felde, wo man nur
hinsieht, begegnen dem Auge diese hlzernen und aus Stein gemeielten
Figuren, die meisten, wie sich von selbst versteht, widerwrtig,
schroff, und die Gemlde und angestrichenen Passionsfiguren blutig und
unannehmlich. Engel, die in Kelchen das Blut des Heilandes auffangen,
das Antlitz des Erlsers beregnet von rothen Tropfen, Maria meist mit
nugroen Thrnen, und Alles, wie in der Kirche zu Graupen, darauf
hingearbeitet, um Schauder und Grauen zu erregen.

Als ich nun einmal darber klagte, wie so Vieles in unserm Vaterlande,
welches ffentlich aufgestellt wird, mehr dazu dient, die Barbarei zu
befrdern und das Auge zu verderben, anstatt den Sinn fr Schnheit zu
nhren und zu erhhen, gerieth er in einen erhabenen Zorn und rief nach
manchen Aeuerungen: Wten wir doch nur erst, was Schnheit ist und was
wir so nennen sollen! Ist sie denn nicht so oft nur eine Verlarvung des
Lebens und der Wahrheit? Auch die alten Griechen, uns Musterbilder im
Schnfhlen, hegten vor jenen Kltzen und Unformen, die ihnen aus
uralter, fast vorgeschichtlicher Zeit berkommen waren, eine heilige
Ehrfurcht und Scheu, und die Frommen fhlten vor diesen Fratzenbildern
in Ahndung und Erinnerung mehr, als vor jenen neuen, schngeschnitzten
Gtterbildern. Die Slichkeit mancher neuen Maler oder Bildner, wenn
sie den Heiland als einen Siegwart, oder empfindsamen verliebten
Landprediger, oder im Akt des Brodbrechens als einen idealisirten
Bckergesellen darstellen, ist mir das Verhateste in allen Verirrungen
unserer gefhlvollen Zeit. Das Leiden des Gottmenschen, die Geheimnisse
unserer Religion, die Wehmuth, der Schreck unseres Innern, die uns von
dieser dunkeln, zu nahen Erde in die himmlischen Regionen des Glaubens
und Anschauens hinaufrcken sollen, knnen und drfen anderer Natur
seyn, als jene Bewegungen, die uns das Schne erregt. Wo der Landmann
seine Aecker berschaut, der wilde Jger aus seinem Forst tritt, der
fremde Wandersmann in den Bezirk kommt, sehen sie die Hinweisung auf
Erlsung, Erbarmen, Mitleid und das Wunder des Ueberirdischen. Wird
durch Flei und Thtigkeit, durch Tugend und Kraftanstrengung nicht
immerdar etwas Geistig-Gttliches von der Qual und vom Tode erlst?
Geschieht nicht auch dieses in Arbeit und Mhe durch Schmerz und
Aufopferung? Der Bettler empfngt in jedem Brodschnitt nicht nur die
Milde des Gebers, sondern auch dessen Kampf und Schwei. So weit diese
Bilder hier in den frommen Gauen stehen, werfen sie ihre leuchtenden
Strahlen segnend ber die Aehren und die Frchte, ber den jungen Wald,
Bche und Wege dahin, und Alles, so weit das Auge reicht, ist wie
gesegnet und ber den Tod und Fluch des Irdischen erhaben.

Wir fuhren ber Dux, Brixen und Saatz, wo wir Mittag machten. Der Abend
und der schnste Sonnenuntergang traf uns auf der Hhe vor Engelhaus.
Ich erinnere mich kaum, in meinem Leben etwas so Wundervolles in der
Natur gesehen zu haben. Ferdinand, bei dem alle Gefhle leicht in
Rhrung bergehen, hatte Thrnen in den Augen. Sie standen seinem
hbschen blhenden Gesichte sehr gut, was mit daher rhrt, weil der
liebe Mensch von aller Affectation vllig frei ist. Was er nun sprach,
war wirklich wie in Entzckung, und als wenn er eben einer Vision
theilhaftig wre.

Kann man nicht diese Glut, diesen Purpurbrand und alle diese Rthen in
ihren Abstufungen bis zum lichten Rosenschmelz, als Blut des Heilandes,
vom Haupte strmend, aus der Seite, den Fen und Hnden flieend,
anschauen? Sein Haupt, die Sonne, sinkt tiefer und tiefer hinab, der
Nacht und dem Tode entgegen; nun ist die gttliche Scheibe verschwunden,
und die Rthe gleitet ihr dunkler und farbloser nach. Er ist scheinbar
todt, der gttliche Tag, und sein Alles erleuchtendes Licht erloschen.
Ueber uns thrmen sich Wolken und kreisen umher, vom letzten Licht
getroffen und schwach gefrbt. Sie bumen sich auf und ergreifen
flockend, anwachsend, sich lsend, diese und jene Gestalt. Es sind die
alten Fabelgtter, die ein Traum- und Scheinleben erringen. Da sitzt der
alte Jupiter, ungeheuer und in sich schwankend, auf seinem bebenden
Dunstthrone, Bacchus erhebt trotzig und jubelnd den Pokal, und so wie er
trinken will, zerfliet und schwindet der groe Arm und die Figur des
Trunkenen wandelt sich unvermerkt in den springenden Pardel, der jetzt
den leeren Wagen zieht. Von dort schreitet der Juno erhabene groe
Gestalt durch das dunkle Blau, sie sucht ihren Gemahl und schrickt
zusammen, weil dort schon ein goldner Stern durch den Aether blinkt.
Haupt und Locken lsen sich, die gewlbte Brust schmilzt wie Silber im
Ofen, die zerbrochenen Formen leuchten noch einmal auf und tauchen dort
in den finstern Streif, in welchen sich alle rollenden Bildnisse
versenken. Der Traum ist ausgetrumt und die dunkle Nacht tritt herauf.
Ein Sternbild nach dem andern bricht aus dem finstern Dome glnzend
hervor; oben die unvergnglichen festen Lichter, unten auf Erden
Dunkelheit, Nacht, Tod; kein Fels, kein Wald mehr zu unterscheiden,
Alles unkenntlich in eine schwarze Masse zerronnen, die ohne Anfang, die
ohne Ende ist. Beides ein Bild der stummen Ewigkeit. So steht die Nacht
fest, unerschtterlich, wie es scheint. Abend- und Morgenroth sind Wahn;
die erhabne Unendlichkeit der Gestirne, die unzhlbaren Lichter und
Welten in unermelichen Fernen wandeln dem rckgekehrten Blick die Erde
in nichtig Spielwerk und den Glauben an Gnade und Erlsung in
Fieberphantasie. Der Zweifel und das Dahingeben in das Unbegrenzte,
Schrankenlose, giebt sich fr Wahrheit und Religion. Da erzittert die
ewige Nacht in sich selbst, die finstern Wlder schtteln sich im
Morgenhauch, die ergrauende Dmmerung wchst wie weissagend am Horizont
empor. Pltzlich tritt die liebliche Morgenrthe hervor, mit ihren
Wundern ber die Berge klimmend; Farbe, Licht, Wonne, Gestalt vertreiben
siegreich den Unglauben der formlosen Nacht, und der Glaube tritt wieder
in die jauchzende Natur. Sie trgt, die trostreiche, freundliche Mutter,
den glnzenden, auferstandenen Sohn als leuchtendes Kind in ihren Armen,
und Wlder und Gebirge sind im blauen und grnen Schimmer der letzte
Saum des flieenden Gewandes, wie sie aufgerichtet steht, hoch in die
Himmel ragend. Und die Strme jauchzen und schluchzen in Freude, und die
Blumen lachen und duften, und die Felsen erklingen, und die Waldung
rauscht Lobgesang.

Wir konnten seine begeisterten Augen nicht mehr sehen, denn es war ganz
finstere Nacht geworden. Wundersam leuchteten von unten die zerstreuten
Lichter aus Karlsbad, und nach vielem Rtteln und Stoen unseres Wagens,
indem einmal der groe hlzerne Hemmschuh brach, der hier dem Rade
untergelegt wird, gelangten wir spt und nicht ohne Gefahr in dem
Stdtchen an.

Am andern Morgen -- wen traf ich? Unsern theuern Carl von Hardenberg,
den jngern Bruder unsers vielgeliebten nur krzlich und leider fr die
ganze Welt zu frh gestorbenen Novalis. Er ist mit seiner jungen,
angenehmen Frau hier, um die Bder zu gebrauchen. Er sieht wohl aus und
ist strker geworden. An mnnlicher Schnheit ist er mit Novalis nicht
zu vergleichen. Der schwrmende Ferdinand hat sogleich sein ganzes Herz
erobert und mich, den ltern Freund, in den Hintergrund gestellt. Aber
sehr begreiflich, weil sie sich in Stimmung und Ansicht begegnen. Carl
Hardenberg hat uns seine Schrift: Die Pilgerschaft nach Eleusis,
vorgelesen, die mein Freund sehr billigte, wenn er gleich nicht Alles
loben mochte. Dieser jngere Bruder nennt sich in seinen
schriftstellerischen Arbeiten _Rostorf_, nach einem Gute in Sachsen,
nach welchem die eine Linie Hardenberg diesen unterscheidenden Namen
fhrt. -- Eben so ist _Novalis_ ein Gut, nach welchem die ltere Linie
sich unterscheidet, und welchen Namen unser Freund annahm, blo deshalb,
um sich nicht Hardenberg zu unterschreiben. Wie viel Unntzes haben
schlechte Kpfe, die sich immerdar dem Bessern widersetzen, ber diesen
Namen Novalis gefabelt und gewitzelt.

Solltest Du nun nach Allem, was ich erzhlt habe, nicht glauben, mein
Reisegefhrte Ferdinand sei katholisch geboren und erzogen? Allein
nichts weniger, er ist Protestant und aus einem protestantischen Lande.
Der wunderliche Wachtel, der sich die Miene giebt, ihn ganz genau zu
kennen, ihn aber doch vielleicht nicht immer begreift, behauptet mit
seiner gewhnlichen Klte und Sicherheit: wenn Ferdinand in einem
katholischen Lande erzogen wre, oder wenn es nur schon Ton und Mode
wre, wie es vielleicht dahin kme, sich katholisch zu dnken, so wrde
unser Schwrmer eben so extravagant ein Protestant seyn. Ich lasse das
dahingestellt seyn. Denn wer mag dergleichen behaupten oder widerlegen?

Wir sind mit Hardenberg und seiner liebenswrdigen Frau nach dem
sogenannten Heilingsfelsen gefahren. Eine von jenen Sagen, mit denen die
Phantasie nicht viel anzufangen wei, knpft sich an diese Gegend. Die
Spitzen der Felsen sind grotesk und gleichen in der Ferne gewissermaen
menschlichen Gestalten. Nun fabelt man, es sei eine Hochzeit, die
pltzlich, mit allem Gefolge, in frher Vorzeit sei versteinert worden.
-- Mich dnkt, der Vielschreiber Spie hat einen Geisterroman daraus
gemacht. Diese gelesenen, beliebten Autoren lsen in Deutschland
einander nach gewissen Zeitrumen ab, und selten, da der neue Liebling
besser als der abgesetzte Vorfahr ist. Dieselben Leser aber, die den
neuen Demagogen bewundern, knnen alsdann nicht fassen, wie der frhere
ihnen nur irgend etwas habe seyn knnen.

Man erlebt immer noch unerwartete, mchte man doch sagen wunderbare
Dinge. In einer geistreichen, vornehmen Gesellschaft, in welche wir
ebenfalls eintraten, als wir oben vom Hirschsprung zurckgekehrt waren,
erhob sich zwischen zwei Baronen, schon bejahrten Leuten, ein
unerwarteter und lebhafter Streit. Der ltere meinte und behauptete, das
Thal von Karlsbad bertreffe nicht nur das Teplitzer bei weitem, sondern
sei auch auerdem eine der schnsten Gegenden in Deutschland. Ich habe
wohl erlebt, da man Bcher, Autoren, Musiker und Schauspieler
protegirt, und da der Protektor seine Meinung, wenn er ein Vornehmer
ist, so zur Ehrensache macht, da ihm keiner, hchstens etwa ein
Gleichgestellter, doch immer nur milde, widerspricht. Da man aber in
demselben Sinne auch die Natur protegiren knne, war mir eine ganz neue
Erscheinung. Der Baron B. focht nun aber mit allen Waffen gegen Herrn A.
fr sein geliebtes Teplitz, und behauptete, dieses sei ohne Bedenken
durch seine Heiterkeit, schne Fernen, milde Luft und Bergfiguren dem
elenden, bedrngten und drckenden Karlsbad vorzuziehen, wo die nahen
Berge wie die Mauern eines Gefngnisses jedes Gemth, das noch irgend
Sinn fr Natur habe, bengstigten. Als die beiden Gegner immer
empfindlicher wurden und sich mit jeder Gegenrede schrferer Ausdrcke
bedienten, wollte unser Wachtel den Streit durch gutgemeinte
Uebertreibung schlichten oder lcherlich machen, indem er rief: Meine
Herren! Karlsbad, so wie Teplitz in Ehren! Aber, abgesehn von aller
partiellen Vorliebe, wo immer eine gewisse Einseitigkeit sich meldet,
auf die ein universeller Naturfreund, der ich zu seyn glaube, keine
Rcksicht zu nehmen hat, so glaube und behaupte ich gegen sie Beide: da
der Hirschsprung dort oben schner sei, wie irgend etwas in dieser
Gegend oder bei Teplitz, ja in ganz Deutschland wenigstens, um nicht
Europa zu sagen. Aber zugegeben selbst, Karlsbad sei ausbndig schn,
wie schn dann der Hirschsprung, der hier unbedingt und ohne Frage das
Schnste ist. Von tausend und aber tausend Malern ist nur Ein Rafael,
der das Hchste und Vollkommenste erreicht hat; unter seinen vielen
Bildern mu Eins das vorzglichste seyn; auf diesem vorzglichsten
Tableau wird ohne Zweifel Eine Figur die beste seyn und -- um ganz
vollstndig das Argument zu endigen -- auf und an dieser Figur wird die
Nase, der rechte Arm oder das linke Bein, oder wohl ein verkrzter
Finger das allerkunstreichste darstellen -- und, Vortrefflichste, diesen
Finger, oder die Nase, oder was es nun sei, weise man mir nach, und ich
bin in meiner Ueberzeugung glcklich, und fhle mich im Mittelpunkt der
Kunst und scheere mich um den ganzen Rafael nichts mehr, die brigen
Sudler, Stmper oder vollendete groe Meister gar nicht zu erwhnen. Und
so ist mir mein Hirschsprung mein Delphi, mein Nabel der Erde.

Dieser Scherz aber, statt die Stimmung der Kriegfhrenden zu mildern,
erbitterte sie nur noch mehr, und er endigte, wie ich gleich frchtete,
mit einer Ausforderung. Zum Glck ist die Sache gut abgelaufen, die
Kugeln sind ganz nahe dem Ziele vorbei gegangen, ohne zu verletzen, und
der Teplitzer Fanatiker ist nach seinem Lieblingsorte unmittelbar nach
dem Kampfe abgereist, indem er in das Fremdenbuch seine Verachtung der
hiesigen Gegend mit starken Ausdrcken eingezeichnet hat. --

Kann ein Gebildeter, so hat Baron A. diese Schmhung im Gastbuche zu
widerlegen gesucht, so unbillig seyn, die Natur entgelten zu lassen, was
blo seine eigne Verstimmung, oder sein Mangel an Sinn verschuldet hat?
Die Engherzigkeit kann kein Urtheil fllen, am wenigsten ber ein
Geheimni, und ein solches ist und bleibt die Schnheit der Natur. Der
Krittler wird immer mit ihr ber den Fu gespannt seyn.

O wie wahr! sagte Wachtel zum Schreibenden, denn nun verstehe ich erst,
warum ich diesen meinen lieben Hirschsprung allen Dingen in der Welt
vorziehe. Meine Vorliebe ist eigentlich das Herz und der Kern der
Ihrigen, Herr Baron, wie dieser Felsen nur ein Theil des Ganzen; darum
kann meine Liebe aber auch um so inniger seyn, weil sie sich durch
nichts zerstreuen lt. --

Doch genug von diesen Thorheiten; der gute Wachtel, so habe ich
entdeckt, liebt den Wein noch mehr, wie irgend eine Schnheit in Kunst
oder Natur. Er absentirt sich oft und huldigt im Geheim seiner
Leidenschaft. Besonders ist es die sogenannte Mennische Essenz, ein
vortrefflicher rother und ser Ungarwein, der sein Herz ganz gewonnen
hat. Ferdinand sieht ihn nachher oft mit seinen groen braunen Augen an,
und kann aus den Faseleien und wilden Reden nicht klug werden, die
Wachtel dann ohne Kritik und Aengstlichkeit von sich giebt. In diesem
halben oder ganzen Rausch scheint sich dieser wunderliche Mensch am
meisten zu gefallen. --

Nchstens mehr, und hoffentlich eine bestimmte Nachweisung.

                   *       *       *       *       *

Die drei Reisenden, welche man jetzt schon die drei Freunde nennen
konnte, nahmen von dem trefflichen Hardenberg Abschied und reiseten den
folgenden Tag bis nach Eger. Hier fllt der groe stmmige
Menschenschlag auf, sowie die drre, kalte und unfreundliche Gegend. Man
besuchte, aus Verehrung gegen den groen Dichter noch am Abend das Haus,
in welchem Wallenstein war ermordet worden. Am folgenden Tage fuhr man
ber Thiersheim nach Wunsiedel und Sichersreuth, dem Bade, welches
Alexanderbrunnen genannt wird. Hier ruhten die Freunde bei stechender
Mittagshitze aus und erfreuten sich an der sonderbaren Gegend und
Aussicht. Die Natur zeigt sich hier wild, man mchte den Ausdruck einen
trotzigen nennen; dazwischen erfreuen Wald und grne Wiesenstellen, und
wunderbar zeigt sich die nahe Luxburg und der Burgstein. In diesem
wundersamen Geklipp und durcheinander und bereinander geworfenen und
khn geschleuderten Felsenmassen erhebt sich das Gemth in der
Einsamkeit der unabsehbaren Tannenwlder zu den khnsten Trumen. Ein
poetisches Grauen weht in diesen Klften und auf den steilen Hhen.

Diese Seltsamkeiten des Fichtelgebirges, die Nhe von Wunsiedel, die
barocke Gestalt der Natur, die doch nicht ohne Lieblichkeit ist, fhrte
das Angedenken der Freunde von selbst auf ihren geliebten Jean Paul
Richter. Man sprach viel ber diese echt deutsche Natur und ber seine
wundersamen Werke, deren Ruhm sich mit jedem Jahre mehr in Deutschland
verbreitet hatte. Mehr noch traten und glnzender die Gestalten der
hohen Reisenden hervor, die krzlich hier gewandelt hatten. Der Name des
Knigs von Preuen und seiner schnen Gemahlin war in Aller Munde. Alt
und Jung rhmten die Milde und Herablassung, die Holdseligkeit der edeln
Frau, und wo man nur einen merkwrdigen Fleck des Gebirges betrat, waren
Spuren, Namen, Denksprche der Einwohner, um den Regierern die Verehrung
und Liebe der gerhrten Herzen zu wiederholen. Wie hatte sich seit zehn
Jahren die Stimmung hier und allenthalben im Baireuthschen gendert.
Denn damals ging das Volk nur ungern zur preuischen Herrschaft ber.
Jetzt fand man sich beglckt und Alle sahn mit Vertrauen und fester
Liebe zu ihren Herrschern hin; und die Reise des Knigs und der Knigin
hierher hatte die Gemther aller Einwohner noch mehr erhoben.

Als man sich am andern Morgen auf dem Wege nach Baireuth befand, sagte
Ferdinand: sonderbar ist es, Freunde, da man immer, wenn man die Sttte
selbst betritt, wo eine merkwrdige Geschichte vorgefallen ist, wo ein
groer Mann wandelte, sich in der Regel abgekhlt und ernchtert fhlt.
Es ist, als wenn die Phantasie ohne Nachhlfe der Wirklichkeit die
Sachen viel besser und passender verarbeitet. So hat mir in Eger das
Haus des Brgermeisters, in welchem der Feldherr ermordet wurde, nur
einen trben Eindruck gemacht. Schiller's tnende Reden und ergreifenden
Scenen wollen sich nicht recht in diese Localitt fgen; man wird durch
diese Umgebung herabgestimmt und das tragische Gefhl sinkt dort zur
peinlichen Empfindung eines widerwrtigen Meuchelmordes herab.

Ja freilich, antwortete Wachtel, ist es fast immer so und kann auch
nicht anders seyn. Die meisten Menschen prickeln und kneifen dann an
ihrem lamentirenden Herzen, um sich hinaufzuschrauben. Ein Anderes ist
es freilich, in dem schnen Sanssouci zu wandeln und an Friedrich den
zweiten zu denken; die Wiesen zu betreten, die sich am Avon bei
Stratford hinziehn und sich dort Shakspeare als Knabe und Mann
vorzustellen. Hier lt uns die Natur frei dichten. Kirchen, wie der
Strasburger Mnster, Schlsser wie das zu Warwick, erheben, indem sie
groe Kunstwerke sind, das Gemth auch, wenn es sich dort Geschichte und
Sage vergegenwrtigt; aber so ordinaire Fleckchen, Huser, dunkle
Zimmer, Kirchhfe, stimmen herab. Unser lieber wunderlicher Jean Paul
hat mir oft erklrt, er schildere die Gegenden am liebsten, die er
niemals gesehn, wrde auch den Anblick derselben vermeiden, weil ihn die
Wirklichkeit nur stren mchte.

Ferdinand hatte eine groe Vorliebe fr Berneck und die Uebrigen
erstiegen mit ihm die Ruine. Hinter Berneck tritt man in die Ebene und
hatte nur zuweilen den Rckblick auf das Fichtelgebirge. Als man in
Baireuth zu Mittag gegessen hatte, begab man sich nach dem Garten, der
Eremitage. Hier war Ferdinand sehr unzufrieden, weil man Vieles gendert
hatte, um in dieser sonderbaren Composition, die aber nicht ohne
poetischen Sinn entstanden war, einige sogenannte englische Partien
hineinzubringen, die den gut gefhrten franzsischen Anlagen ganz
unharmonisch widersprachen. Es war aber noch so viel des Schnen brig
geblieben, da die Freunde in dem warmen Sommerwetter sich sehr
behaglich in diesen grnen Laubengewlben ergingen.

Bald wandelte man, bald setzte man sich nieder, und da der Garten von
Menschen nicht besucht war, so konnten sie ungestrt von den Werken
ihres Freundes, Jean Paul, sich unterhalten. So sehr sie ihn bewunderten
und lobten, so kamen doch Alle darin berein, da man der Kunst und
Poesie Unrecht thue, wenn man seine wundersamen Bcher Romane nennen
wolle. Ein Roman sei ohne besonnene Kunstanlage unmglich, und die Plane
Richter's seien so willkrlich, unzusammenhngend und von Laune und
Eigensinn gesponnen, da gerade die scheinbare Einheit, der precaire
Zusammenhang um so mehr verletze, um so mehr er oft mit falscher
Knstlichkeit berechnet sei. So, fuhr Walther fort, haben wir wohl nur
einen wahren Roman in deutscher Sprache, unsern Wilhelm Meister, den man
nie genug studiren kann.

Wachtel sagte: dieser Wilhelm verdient gewi alle Achtung, wenn man ihn
nur nicht gegen den einzigen Don Quixote messen will. Dieses groe
Kunstwerk steht nun jetzt seit zwei Jahrhunderten als ein unerreichtes
und als ein Musterbild da. Nicht als Muster insofern, da andre Romane
diesem hnlich seyn sollten, sondern als Vorbild, wie jeder in seiner
Welt, die er darstellt, in seinem Zweck, den er verfolgt, so durchaus
ein Ganzes und Befriedigendes seyn knne und msse.

Man hat an diesem herrlichen Buche, fiel Walther ein, ohne Noth so viel
getadelt, was der weise Autor doch gerade mit vielem Bedacht seiner
sinnreichen Geschichte eingewebt hat. Zum Beispiel kommen nicht die
meisten Kritiker darin berein, die musterhafte Novelle des Neugierigen
sei berflssig und strend? Unser lieber Manchaner selbst, so treu,
edel und herzhaft er ist, nimmt sich etwas vor, das, obgleich es schn
und herrlich ist, es auszufhren er keine Mittel besitzt. Dieses Kmpfen
fr Recht und Unschuld, dieses Ritterthum und Kriegfhren, wie er es
sich vormalt, war aber auch zweitens niemals so in der Welt und konnte
niemals so da seyn. Auch ein Herkules oder ein Amadis, mit allen Krften
und Tugenden ausgestattet, mte einer solchen wahnsinnigen Aufgabe des
Lebens erliegen. Nur hie und da, in verschiedenen Zeiten und Lndern,
that sich etwas, mehr oder minder, von dieser poetischen Ritterwelt in
der wirklichen Geschichte hervor. Die Phantasie des ebenso braven als
poetischen Manchaners ist durch jene Bcher verschoben, die schon lngst
der Poesie ebenso sehr wie der Wahrheit abgesagt hatten. Das, was noch
in ihnen poetisch war, oder jenes Phantastische, was das Unmgliche
erstrebte, sowie die schnen Sitten der Ritterzeit, alles Dies durfte
der ehrsame Herr Quixada wohl in einem feinen Sinne bewahren, ja sich zu
jener adligen Tugend seines eingebildeten Ritters hinan erziehn; -- wenn
er nicht darauf ausgegangen wre, diese Fabelwelt in der wirklichen
aufzusuchen und in diesem von Sonne und Mond zugleich beschienenen
Gemlde den Mittelpunkt und die Hauptfigur selbst zu formiren. Er war
aber im Recht, wenn er, manchen seiner Zeitgenossen entgegen, die
Lichtseite und die Poesie jener entschwundenen Zeit und Sitte wrdigte,
wenn er sich selbst als Dichterfreund an dem ganz Thrichten und
Phantastischen seiner Bcher ergtzte. Nun aber zog er aus, alles Das,
was ihm begeisternd vorschwebte, selbst zu erleben; jenes unsichtbare
Wunder, welches ihn reizte, wollte er mit seinen krperlichen Hnden
erfassen und als einen Besitz sich aneignen.

Sehr richtig, erwiederte Ferdinand, und deshalb ist die getadelte
Novelle des Neugierigen nur ein tiefsinniges Gegenbild, welches von
einer andern Seite die Thorheit des Manchaners erlutert. Auch Anselm
will das Unsichtbare, welches wir nur im edlen Glauben besitzen,
sichtbar, krperlich in der Hand haben; das Richtige, Irdische soll ein
Himmlisches vertreten und ihm die Gewhr der Treue und Liebe seyn. So
zerstrt er durch Aberweisheit, durch ^impertinente curiosidad^, was wir
nicht bersetzen knnen, die Keuschheit und den Adel seines Weibes, die
ohne diese Anfechtung wohl nie jene List und schreckliche
Kunstfertigkeit, die widerwrtigen Feinde der reinen Unschuld, in sich
entwickelt htte. Zweifel also auf der einen Seite, und ein thrichtes
Bestreben, das Unsichtbare sichtbar zu machen, zerstren so einen
geistigen Schatz, jene Treue, die der Zweifler eben so mit Recht
Aberwitz schilt, wie der edle Glaube sie fr felsenfest ansieht und
durch eigene Kraft ihr die Unerschtterlichkeit mittheilt.

Wir sind hierber einverstanden, antwortete Walther, geht es Ihnen aber,
theurer Ferdinand, nicht vielleicht eben so? Ihre aufgeregte Phantasie
wrdigt die schne und bildreiche Seite des katholischen Cultus, Sie
sind in unsern spten Tagen von jener Rhrung durchdrungen, die einst
krftige Jahrhunderte begeisterten. Seit kurzem ist ein religiser Sinn
bei jungen Gemthern in Deutschland wiedererwacht, Novalis und dessen
Freunde sprechen, reimen und dichten, um das verkannte Heilige in seine
Rechte wieder einzusetzen; aber diese Anerkennung, diese se Poesie des
stillen Gemthes in der Wirklichkeit suchen oder erschaffen wollen,
scheint mir ganz derselbe Miverstand zu seyn, den wir eben
charakterisirt haben.

Sehr wahr, warf sich Wachtel eifernd dazwischen, -- wie schn ist es,
wie uns Herder einmal auf den tiefen und rhrenden Sinn mancher
Heiligenlegenden hingewiesen hat; nachher hat der romanhafte Kosegarten
einige mit mehr oder minder Glck vorgetragen. Im vorigen Jahre sah ich
den Verfasser der Genovefa und des Oktavian wieder und er erzhlte mir
von einem Buch und zeigte mir einige Bltter davon, welches denselben
Gegenstand behandeln sollte. Die Einleitung und Form war nicht
unglcklich. In einem schnen Gebirgslande verirrt sich ein edler
Jngling, der ganz in der zweifelnden Aufgeklrtheit seiner Zeit
erzogen, aber dabei schwrmerisch verliebt ist, in der Einsamkeit des
Waldgebirges. Unvermuthet trifft er auf einen einsiedelnden Greis, der
den Ermdeten in seine Zelle aufnimmt und ihn erquickt. Des Alten
Freundlichkeit gewinnt das Herz des jungen Mannes und sie werden ganz
vertraut mit einander. Ueber den Beruf der Einsiedler, ber die Wunder
der Kirche, ber die Legende und Alles, was sich in diesem Kreise
bewegt, verwundert sich der Jngling und kann es nicht unterlassen, auf
seine Weise zu spotten und mit Witz des Zweiflers zu verhhnen. Wie?
ruft der Greis dann aus, Du bist in Liebe entzndet, Du schwrmst fr
Deine Sophie und kannst doch kein Wunder fassen? Ist die Blume, das
Band, welches Dein Mdchen berhrt, die Locke, die sie Dir geschenkt
hat, nicht Reliquie, empfindest, siehst Du an ihnen nicht Licht und
Weihe, die kein andrer Gegenstand Dir bietet? Wo Du mit ihr wandelst,
ist heiliger Boden, wenn sie Dir die Hand oder die Lippen zur Berhrung
reicht, bist Du verzckt, -- und doch verkennst Du in der Geschichte der
Vorzeit den Ausdruck dieser Liebe, in den seltsamen Entwicklungen
begeisterter Gemther, blo weil sie diese Sehnsucht und
Herzenstrunkenheit nicht auf ein Weib hingelenkt haben? -- Der Jngling
wird nachdenkend und besucht den Alten nun, so oft er die Stunde
erbrigen kann. In diesen Zeitrumen erzhlt ihm der Greis jene
wundersamen Legenden von Einsiedlern, Jungfrauen, Mnnern und
Kirchenltesten, die ihr ganzes Gemth der Beschauung des Himmlischen,
der Entfaltung jener geheimnivollen Liebe widmeten. Diese Kmpfe des
Zweifels, diese Erscheinungen aus fremder Welt, diese uns
unbegreiflichen Aufopferungen werden nach und nach vorgefhrt, wo sich
aus dem Erzhlten selbst die Erklrung und das Verstndni ergiebt. Nach
einigen Monaten kommt der junge Liebende wieder zum Greise und dankt
ihm, wie einem Vater, der ihm den Geist geweckt und ihm ein neues Leben
erschaffen habe; er sei darum auch entschlossen, in den Schoo der alten
Kirche zurckzukehren. Nein, ruft der Greis bei dieser Erklrung,
verwechsele nicht diese unsichtbare Liebe, mein Sohn, mit den Zufllen
der Wirklichkeit. Du wrdest, anstatt des Gttlichen, nur die
Schwachheit unserer Priester kennen lernen. Wozu, da Du Deine innern
Entzckungen, die im Geheimni Deiner Brust Wahrheit und Bedeutung
haben, in die kalte Wirklichkeit verpflanzen willst, an welcher sie
erstarren und verwelken mssen? So rieth ihm derselbe Greis ab, der ihn
erst in die Liebe und Bedeutung jener Visionen eingeweiht hatte. -- Und
ich wende das Resultat jenes noch nicht erschienenen Buches wieder auf
Dich an, mein Ferdinand. Das erste Wahrnehmen, der Blick der
Begeisterung, die Aufregung der Liebe findet immer und trinkt den reinen
Brunnquell des Lebens; -- aber nun will der Mensch im Schauen das Wahre
noch wahrer machen, der Eigensinn der Consequenz bemchtigt sich des
Gefhls und spinnt aus dem Wahren eine Fabel heraus, die dann oft mit
den Wahngeburten der Irrenhusler in ziemlich naher Verbindung steht.

Somit wre also, rief Ferdinand aus, der Indifferentismus, der nur Alles
gesehn und erfahren hat, nichts aber seinem Gemthe sich einbrgern
lt, die hchste Weisheit und Menschenwrde! Es kann aber die Zeit
kommen, in welcher edle Geister sich wieder ffentlich zu dieser Kirche,
dem alten, echten Christenthum bekennen.

Mglich, sagte Walther, wte man nur bestimmt und klar, welches das
lteste Christenthum sei. Jeder deutet sich die Sache in seiner Weise
aus. Auch mglich, da die jetzt vergessenen Pietisten durch diese
religise Anregung und Begeisterung wieder erwachen; vielleicht giebt es
in einigen Jahren deutsche Puritaner und Methodisten. Die geistige feine
Linie, auf welcher hier das Wahre und Schne schwebt, kann so leicht
hben und drben berschritten werden; -- und bemchtigt sich erst die
Menge, die Leidenschaft, die Turba dieser Vision -- welche
Religions-Manieristen mgen da noch zum Vorschein kommen, wenn nicht
sogar Verfinsterung und Verfolgung, Inquisition und Ha von katholischen
Priestern und vermeintlich orthodoxen Protestanten wieder gepredigt
wird. -- Das scheint aber wohl, da Verliebte in ihrer erhhten Stimmung
mehr der katholischen, als einer andern Kirche zugeneigt seien, und da
Sie, lieber Ferdinand, ein Verliebter sind, habe ich Ihnen angefhlt,
seit wir uns dort hinten auf der Oder zuerst kennen lernten.

Ferdinand ward blutroth, und verleugnete schwach und stotternd die
Anklage. Er ist eigentlich kein Jngling mehr, sagte Wachtel, aber seit
ich ihn kenne, ist er immerdar verliebt gewesen. Doch so tief, wie er
jetzt seyn mag, ist es ihm wohl noch niemals ins Herz gegangen, denn er
ist bedenklich und viel tiefsinniger und launenhafter als in ltern
Zeiten.

In einer schnen Mondnacht fuhren die Freunde von Baireuth ab und kamen
frh, schon vor Sonnenaufgang, in Streitberg an. Sie bestiegen die Berge
und besuchten die merkwrdigen Hhlen. Ferdinand, der, wie die Uebrigen,
die Gegend schon kannte, war wie trunken von der schnen Natur. Ueber
Ebermannstadt nherte man sich dann der Ebene; hinter diesem Orte sind
die Wege so schlecht, da man einen Vorspann von Ochsen herbeiholen
mute, um aus der versumpften Stelle den nicht schweren Wagen
fortbringen zu knnen.

Hinter Bayersdorf streckt sich die sandige Ebene aus und man sieht ein
groes, wstes Schlo, welches in neuem Styl errichtet, aber nicht
ausgebaut ist und als wunderliche Ruine dasteht.

Sehr begierig bin ich, so erzhlte Ferdinand, hier einen ehemaligen
Bekannten wieder aufzusuchen. Ich war ihm vor geraumer Zeit begegnet,
und so kam er vor einigen Jahren wieder zu mir; er ist gelehrt und ein
Enthusiast fr die Dichtkunst; er lt aber nur einzig und allein die
Griechen aus der groen Zeit fr Dichter gelten, und unter diesen stellt
er wieder seinen Liebling Sophokles allen voran. Es ist nicht
bertrieben, wenn ich sage, da er diesen auswendig wei. Er kennt alle
Commentatoren seines Freundes genau, er ist unermdet, ihn zu studiren
und die schwierigen Stellen zu erklren, so da wir von diesem Eifer
gewi schne Frchte erwarten drfen. Dieser wackre Termheim, denn so
heit er, hat aber gar keinen Sinn fr die Schnheiten der Neueren; oder
vielmehr, er behauptet, sie, von seinem Standpunkte aus, zu verstehn und
von dort ihre Nchternheit und Verwerflichkeit einzusehn. Er belchelt
mitleidig Diejenigen, welche den Shakspeare bewundern; er behauptet, die
Barbarei dieses Naturkindes sei hchstens fr den Psychologen
interessant, der von seiner Stelle diese Waldnatur allenthalben zurecht
weisen knne. Die Leidenschaften fast pathologisch richtig zu schildern,
sei noch lange nicht hinreichend, um sich der Schnheit auch nur von
fern zu nhern. Die Groheit der Alten habe recht geflissentlich alles
das verschmht, worauf die Neuern ihren Stolz grnden wollten. Unsern
Gthe nennt er nur eine Ausgeburt neuester Krnklichkeit, der, zu
schwach, das Groe und Starke zu erfassen, und zu vornehm, um die
eigentliche Gestalt des Lebens zu verstehn, in einer unsichern,
schwankenden Mitte nur der Verzrtelung frhne. Das klare Aetherlicht,
der Hinberblick ber die Natur und Welt, jene gesunde Freiheit des
Menschen, der Alles sieht und fhlt und sich nur dem Besten befreundet,
sei nur in Homer, Pindar, Aeschylus und Sophokles zu finden, in Herodot,
Thucydides, Plato und Aristoteles; mit Euripides und Xenophon melde sich
schon das Krank- und Schlaffwerden der edeln Lebenskrfte. Unter den
Neueren kann fast einzig und allein unser Winkelmann bei ihm Anerkennung
finden.

Wenn dieser gelehrte Mann, sagte Wachtel, kein Pedant ist, so ist er ein
Narr, der auch mehr vor das Forum der Pathologie, als der Kritik gehrt.

Sein wir nicht so unbillig, erwiederte Walther, es kann wohl seyn, da
ein innigstes Durchdringen, ein tiefsinniges Anerkennen der echten
Schnheit den Blick fr die nah verwandte, wie vielmehr fr die
entfernte, abstumpft.

Das leugne ich eben, sagte Wachtel, die neue Zeit mu uns die alte, und
umgekehrt die alte die neue erklren. Es sind zwei Hlften, die sich, um
ein echtes Erkenntni zu gewinnen, nicht trennen lassen. Solche
absprechende, hochmthige Einseitigkeit kann nur so sicher und stolz in
sich selber ruhn, wenn ein vlliger Mangel an Kunstsinn jeden Zweifel,
wie jede tiefsinnigere Untersuchung unmglich macht.

Spt nur kamen sie in Erlangen an. Dieser frnkische Kreis, sagte
Wachtel im Gasthofe, bildet eigentlich das ganze Deutschland recht
hbsch im Kleinen ab. Hier sind wir nun wieder in der sandigen Mark
Brandenburg; Tyrol im Kleinen ist nicht fern, der Rhein und die Donau
werden von dem artigen Mainstrom recht hbsch gespielt, und Schwaben und
Baiern liegen in den fruchtbaren und heiteren Landesarten dieses
anmuthigen Kreises, in welchem die Physiognomie der Natur immer so
schnell wechselt. Ich habe immer den Instinkt oder die Einsicht unsers
alten Maximilian bewundern mssen. Wie er sich zur Martinswand hinauf
verirrt hatte, stand er ziemlich hoch, vielleicht ist ihm in der
Todesangst die Eingebung gekommen, sein deutsches Reich so richtig in
zehn Kreise einzutheilen, wo in jedem Natur und Menschenstamm sich so
bestimmt von benachbarten absondern; oder die dortige Vogelperspektive
gab ihm den richtigen Ein- und Ueberblick.

Am folgenden Morgen machte ein jeder der Reisenden seine Besuche.
Walther erhielt einen Brief, indem er allein war, und sowie er ihn
ffnete, rief er: ha! in Bamberg also! Endlich doch eine bestimmte
Hinweisung. Ferdinand hatte seinen lteren Freund, den Professor Mehmel,
besucht, wo er die Bekanntschaft des reformirten Pfarrers Le Pique
machte, zu dessen warmer Herzlichkeit er sich sogleich hingezogen
fhlte.

Nachmittags gingen die Freunde zu dem griechischen Gelehrten Termheim.
Er freute sich sehr, Ferdinand wiederzusehen, indem er sich, ganz
erhitzt, aus einem Schwall von Bchern und Papieren erhob. Jetzt werden
wir einig seyn, rief er dem Freunde zu, wie sehr hatten Sie Recht,
Verehrtester, mich wegen meiner einseitigen Bestrebungen zu tadeln.
Jetzt begreife ich erst Ihre Natur, Freundlichster der Menschen, denn
gewi mssen wir uns unter dem Nchsten umsehn, um uns mit dem Fernen zu
verstndigen.

Erlauben Sie, unbekannter Herr, fiel Wachtel ein, ich will gewi keine
Blasphemie sagen, aber Sie verstehn mich wohl, wenn ich den Spruch
hierauf anwende: wer seinen Nchsten nicht liebt, den er sieht, wie kann
er Gott lieben, den er nicht sieht? -- Die Neueren, von Dante an,
Ariost, dann Shakspeare und besonders unser Gthe, alle Diese sind unsre
Brder und Gespielen, mit uns aufgewachsen, und wenn ich von Denen
nichts begreife, die doch in demselben Elemente mit mir hantiren, -- wie
soll ich jene fassen, die mir durch Jahrtausende entrckt sind?

Sehr wahr, rief der Begeisterte aus, und so freuen Sie sich denn mit
mir, Sie fremder oder lngstgekannter Freund, da unser Werth mir
endlich aufgegangen ist; ich habe ihn, den Deutschen, nun endlich
ausgefunden, der die Griechen berwiegt und bersieht.

So haben Sie, rief Ferdinand, Gthe's schne Natur endlich verstanden?
Wenn Sie auch sein Lob bertreiben (und kann man wohl einen so groen
Mann _ber_schtzen?), so freue ich mich doch, da wir jetzt, nach
Jahren, endlich derselben Ueberzeugung geworden sind.

Gthe! rief der Gelehrte mit einem sonderbaren Ausdruck des Unwillens
aus, -- dieser verstimmte, kranke Geist! Nein, so sehr werde ich mich
nie vergessen, diesen ber meine angebeteten Griechen zu erheben.

Nun, fragte Ferdinand sehr gespannt, wer ist es denn also von unsern
Deutschen, der Ihnen das Verstndni erffnet hat?

Und Sie zweifeln noch? rief jener; kann man so verblendet seyn? Sehen
Sie denn nicht hier die vielen Bnde seiner unvergleichlichen Werke? Wer
als der einzige, unvergleichliche Kotzebue kann mit den Heroen der Welt
um die Krone ringen? Unablssig, tief in die Nchte hinein, studire ich
jetzt die begeisternden Productionen dieses Genius. Seine
Schalkheit, sein Witz, seine Darstellung der Leidenschaften, seine
Charakterzeichnung der Menschen aus allen Stnden und Lndern, die
Malerei seiner naiven Mdchen, das tiefe Gefhl der Liebe, die Scenen
der Armuth und des Erbarmens, diese lcherlichen Personagen, die doch
nicht bertrieben sind, die Mutter-, die Kindesliebe, die Kenntni der
Vorzeit, Alles, Alles, was man nur als rhmlich erwhnen kann, vereinigt
dieser Geist in seinen Werken und berflgelt durch seine Vielseitigkeit
Sophokles und alle Griechen.

Gewi! rief Wachtel, der sich zuerst von seinem Erstaunen erholt hatte,
diese Griecherei ist nur eine Kriecherei und Kotzebue kann knftig als
Fluch oder Betheuerung dienen, wie man wohl mibruchlich
Kotzsapperment! oder Kotzelement statt Gottes Element auf ungezogene
Weise sagt.

Mehr als verwundert ber diese neue Lehre gingen die Reisenden in ihren
Gasthof zurck.

                   *       *       *       *       *

In Erlangen war am Johannistage ein Student beim Baden ertrunken. Die
besten Schwimmer hatten ihn nicht retten, die knstlichen Mittel den
Jngling nicht ins Leben zurckrufen knnen. Man war einem alten,
angesehenen Manne bse, welcher Alles fr unntz erklrt hatte, weil
jeder Flu an diesem bedenklichen Tage sein Opfer fordere. Die jngern
Leute vorzglich schalten mit Heftigkeit auf solchen Aberglauben, der in
manchen Gegenden den gemeinen Mann wohl selbst hindere, rettend
beizuspringen. Wachtel bemerkte, da es in Deutschland noch immer
Provinzen und Stdte gebe, wo der Brgersmann des festen Glaubens sei,
da am Johannistage einer aus dem Orden der Freimaurer vom Teufel geholt
werde. Als man bei Le Pique, dem verstndigen Pfarrer versammelt war, wo
sich der scharfsinnige Naturforscher Serbeck, sowie der Professor Mehmel
eingefunden hatten, hielt, nachdem viel ber die Fortschritte in jener
Kunst gesprochen war, durch welche Scheintodte wieder zum Leben
gefrdert werden knnen, Wachtel folgende Rede:

            Verehrte Gesellschaft und prsumtive Zuhrer!

Ich will gewi nicht zurckbleiben, die Gre unserer Zeit anzuerkennen,
blicken wir aber rckwrts, um nicht zu einseitig zu werden, so gebe ich
mich fr den Geschichtschreiber, oder Bemerker, oder Wrdiger einer
nicht ganz neuen, aber noch eben nicht besprochenen Kunst -- der Kunst
nehmlich, die _Scheinlebendigen zu tdten_.

Es sei mir erlaubt, von unsern Vorfahren anzuheben. Ehe die Welt,
nehmlich unsere Erde und ihre atmosphrischen Pertinenzien zur
Schpfung, wie der Rahm, zusammengeronnen war, gab es, dem Sein
gegenber, ein Nichtsein. Von diesem Nichtdaseienden wurde lange Zeit
keine Notiz genommen, denn es machte sich nicht merkbar. Leiber und
Geister trieben ihr Wesen hand- und fugerecht, und man lebte so recht
frisch auf Gottes Gte und in den alten Kaiser hinein, als wenn diese
Zeitlichkeit schon die reelle knftige Ewigkeit wre. Neben krftiger
Tugend und vielfachen Thaten nahmen sich Uebermuth und Laster denn
freilich auch Vieles heraus, und wie rstige Kupferschmiede hmmerten
Gute und Bse mit leidenschaftlichem Treiben auf das Leben los, da
Propheten und fromme Menschen oft dachten und weissagten, die ganze
Schpfung msse zusammenbrechen. Jahre kamen, Jahre gingen. Schwermuth,
Empfindsamkeit, Sentimentalitt, Ohnmacht und Unkraft zu Tugend oder
Laster gingen im Schwange: -- es war nehmlich die Zeit gekommen, wo sich
das uralte Nichts allgemach in das Dasein eingeschustert und
eingeschlichen hatte. Ich konnte aus der Welt und meinen sonst lblichen
Nebenmenschen nicht klug werden, bis mir denn ein Seherblick einmal in
einem merkwrdigen Traume aufging. Im Orbis Pictus hatte ich in meiner
Kindheit mir wohl die Umrisse in feinen Punkten eingeprgt, welche in
jenem Buche die Formen der Seelen ausdrcken sollten. Wie ich also im
Traume meinen Guide, einen weisen Geist, nach dem Zustande der Dinge
fragte, that mir dieser mein inneres Auge auf, und -- o Jupiter! o
Gemini! wie sah ich Alles anders! Viele Menschen waren robust, voll,
kurz angebunden, von sich und ihrer Meinung berzeugt. Andere thtig im
Gewerk und Landbau, -- aber Unzhlige liefen, von allen Stnden und
Altern, so als fein gepunktete Schaaren herum, nichts wissend, wollend,
denkend, aber sich vieler Dinge anmaend. Wundre dich nicht, sagte mein
Engel oder was mein Fhrer seyn mochte, ber diese Entdeckung, welche du
jetzt machst. Es ist nicht ohne, da die Welt allgemach wieder ihrem
Untergange entgegenwandelt. Die Nichtigkeit hat sich in alle Rder und
Schwungtriebe der groen Maschine eingeschlichen. Der Mensch war als der
Mittelpunkt mit seiner Kraft hingestellt, um den Krper der Welt, damit
er niemals ein Leichnam werde, frisch zu erhalten. Jetzt werden es, ich
wei nicht wie viele Jahre seyn, da die Menschheit auch mit Nullitten
angefllt ist. Alles das Punktirte, was du wahrnimmst, sind Leiber ohne
alle Seelen. Diese Krper stellen sich nur lebendig an und fhren ein
Scheinleben.

Abscheulich! rief ich aus: ich sehe fast mehr Tttowirte, als wirkliche
Menschen. Kann die Vorsehung denn dergleichen zugeben oder gestatten?

Die Vorsehung, erwiederte mein geistlicher Prceptor, bedient sich in
allen Dingen mittelbarer Mittel, und greift niemals persnlich in ihr
geschaffenes, vielseitiges Getriebe. So hat sie denn, damit diese
Scheinlebendigen nicht am Ende alles wirkliche Leben verdrngen und
allein von der Erde Besitz nehmen, Gesetzgeber, Frsten und echte
Volkslehrer inspirirt, die sich, so viel es mglich ist, diesem Unwesen
widersetzen und das Reich der Nichtigkeit auf verschiedene Weise zu
zerstren suchen.

Recht! Recht! sprach ich eifernd: o gro ist Allah! wrde der Muselmann
hier ausrufen. -- Da war eine sehr weise Cantoneinrichtung, wo die
Punktirten, Nichtigen, die Eindringlinge so von Lieutenants, Fhndrichen
und Unteroffizieren tribulirt, gehnselt, geplagt und ganz simpel
geprgelt wurden, da wirklich viele von diesen Scheinlebenden die
Geduld verloren und sich wieder aus dem Staube machten. Ob ein Knopf so
oder so sa, die Binde um den Hals um das Sechzigtheil eines Zolles zu
niedrig oder zu hoch war, war ein Capitalverbrechen. Was man nur an dem
Volke zwicken und kneifen konnte, geschah redlich, und ich mute nur mit
innigem Bedauern sehen, da auch wirkliche lebendige Menschen von der
brigens weisen Anstalt molestirt wurden. Liefen die Kerle etwa davon
und wurden wiedererhascht, so war ihnen eigentlich das Leben
abgesprochen; die Gnade erhielten, wurden so mit Ruthen gestrichen, da
sie auch oft die Verstellung aufgaben, die Maske fallen lieen und
wirklich starben. O wie trefflich fand ich die Schulen und Universitten
versorgt! Eine so frchterliche Langeweile wurde mit Kunst da
vertrieben, da eine eiserne Geduld dazu gehrte, um sich nicht in
diesen sogenannten Wissenschaften sterben zu lassen. Half Alles nichts,
so wurden die Scheinseelen nachher noch examinirt, und von neuem ins
Examen genommen, und wieder geprft, da Viele wirklich sich whrend
dieses Examinirens davon machten. War aber Alles umsonst, so hatte man
eine wundersame Art von Bndel erfunden, die man Akten nannte und die
sich unsterblich immer vermehrten und vermehrten, diese wurden den
Gequlten ins Haus geschickt, um wieder neue Akten daraus zu machen, so
da sehr viele zu sterben sich entschlossen. Nun gab es auerdem noch
Trinkstuben, wo man mit Verstand schlechten Wein und noch schlechteres
Bier fabricirte, um das elende Volk zu vergiften. Von dem Branntwein,
der noch schneller wirkte, brauche ich gar nicht einmal zu sprechen.
Hbsch war es auch, da das Spazierengehen und die Freude an der Natur
war erfunden worden, um das unntze Volk aus dem Wege zu rumen: denn
schon in den Schulen wurde es den Kindern beigebracht, da sie sich ja
regelmig erklten mten, weil es so mglich war, da sie doch irgend
einmal am Naturgenu erstarben. Oft blitzte es in den punktirten
Nichtseienden: es kam wie ein Bewutsein ber sie, da sie leere Srge
wren, es schien, als wollten sie sich zu Tausenden ermannen, um wie die
Fliegen hinzufallen, damit das nchterne Spiel nur aus sei. Es wre auch
wohl geschehen, und die Staatstabellen wrden ber die ungeheure
pltzliche Sterblichkeit gewinselt haben, -- aber da gab es eine
hllische Erfindung, die ihnen trotz Prgel, Akten, Examen, Naturgenu,
Bier und Branntwein dennoch dies lumpige nicht lebendige Leben wieder
annehmlich machte -- sie rauchten nehmlich Tabak, um sich von dem
entsetzlichen Gedanken, der sie befallen hatte, da es ein wirkliches
Leben gebe, wieder zu erholen und zu zerstreuen. -- Ich sah nun ein, da
diese Tdtungsanstalten in jeder Hinsicht als Wohlthat fr die wirklich
Lebenden zu betrachten seien, und da viele Menschenfeinde und der
Verfasser des menschlichen Elendes wohl anders wrden geschrieben
haben, wenn ihnen, wie mir, das Auge wre erffnet worden. Freilich
mchte sich bei Untersuchung finden, da die meisten dieser Autoren auch
nur Scheinmenschen sind. --

Die Gesellschaft begab sich am andern Tage nach Nrnberg, um die
Merkwrdigkeiten dieser guten alten Stadt in Augenschein zu nehmen und
den lebenden Panzer und Drers Grab auf dem Johanniskirchhof zu
besuchen. Die schnen Kirchen und das Rathhaus wurden mit Aufmerksamkeit
betrachtet, und im rothen Rosse, dem besten Gasthofe, erzhlte Walther,
wie vor zehn Jahren in diesem Hause sich etwas Seltenes zugetragen habe.
Freysing, ein Student von Kopf, aber leichten Sitten, hatte in Erlangen
weit mehr verbraucht, als ihm sein wohlhabender Vater bewilligt hatte.
Eine groe Schuldenlast drckte ihn, der letzte Wechsel, der ihm, um
abzugehen, gesendet wurde, reichte bei weitem nicht aus. Er bezahlte
daher nur die rmsten seiner Glubiger und verjubelte mit seinen
Trinkbrdern auf Spazierritten und in frohen Gelagen die ganze Summe. Am
letzten Tage besa er nur noch sechs Louisd'or, die kaum hinreichten, um
auf dem gewhnlichen Postwagen und mit Entbehrungen aller Art in seine
Heimath zu gelangen. Ob mein Alter, rief er im Uebermuthe aus, jetzt
mehr oder weniger schilt, kommt auf eins hinaus, denn mit dieser
Lumperei reise ich auf keinen Fall zurck. Er ging nach Nrnberg und
wagte die wenigen Goldstcke im Pharo. Das launische Glck war ihm so
wunderbar gnstig, da er in einer Nacht so viel gewann, da er allen
seinen Glubigern bis auf den letzten Heller zahlen konnte, welches mit
Wucherzins eine sehr ansehnliche Summe ausmachte, und noch tausend und
mehr Thaler von seinem Gewinne brig behielt.

Beim Kunsthndler Frauenholz sahen die Freunde ein wundersames Bild von
einem unbekannten Meister. Es ist die Mutter mit dem Kinde, ein
gewhnlicher Gegenstand, aber hier mit einer Innigkeit behandelt, die
die Beschauenden entzckte. Sie kt das Kind, und der Ausdruck in Mund
und Augen ist so herzlich und ergreifend, da man, obgleich die
Gestalten nicht eigentlich durchaus schn sind, nichts Seres und
Lieblicheres finden kann. Das Antlitz der Mutter ist so zart und fein
gemalt, da es wie aus aufknospenden Rosen gebildet ist. Die
Nebensachen, Blumen und Verzierungen sind mit einem liebevollen Flei
behandelt. Der Besitzer schrieb es unverstndig dem Lucas von Leyden zu.
Der Preis von zweitausend Gulden, den er forderte, war fr einen Reichen
nur eine mige Summe, um mit dieser Wunderblume sein Gemach
auszuschmcken.

Als sie nach Erlangen zurckgekommen waren, reiseten sie am folgenden
Morgen nach Pommersfelden. Man war verdrlich ber den schlechten Weg,
und Wachtel suchte sie mit Scherzen zu erheitern. Unter anderm sagte er,
als sie von der Gemldegallerie in Pommersfelden sprachen: Es ist sehr
verdrlich, da sich die Kunstgeschichte immerdar erweitert.
Unzufrieden mit dem Besitz, entdeckt man neue Zeiten, Manieren,
Unterschiede und Knstlernamen, von denen unsre guten Vorfahren nichts
wuten. Wer sonst ein steifes Bild sah, nannte es zu seiner und Aller
Befriedigung einen Albrecht Drer, wie sie es in Italien noch machen.
Konnte man bei einer etwas abweichenden Manier den Namen Lucas von
Leyden einsetzen, so galt man schon fr einen Gelehrten. Dergleichen
Abkrzungen und Anhufungen vieler auf Einen Namen ist immerdar in
Geschichte wie Mythologie sehr ersprielich gewesen; man kann mit Einem
Herkules, Sesostris und Pharao zufrieden seyn, diese behalten sich, und
man mu es der Abbreviatur der Vorzeit danken, da sie uns das Studium
bequemer eingerichtet hat. Die Aufstberer von Unterschieden und neuen
Personen sind als Aufrhrer zu betrachten, die die legitimen,
wohlerworbenen Rechte jener Gesammtmenschen umstoen wollen. So war vor
zehn Jahren eine vortreffliche ltliche Castellanin in Pommersfelden,
welche den Fremden die Zimmer des Schlosses und die Gemlde zeigte und
erklrte. Es giebt einen berhmten Correggio, von welchem jede Gallerie
wenigstens ein Stck besitzen will, drei Caracci, Ludwig, Augustin und
Hannibal, zwei Caravaggio, den frhern und sptern, dazu glaube ich noch
einen Cagnacci, zwei Carpaccio ungerechnet, diese Herren smmtlich,
nebst allen, die nur irgend mit ihrem Namen sich dem _acci_ nherten,
hatte die unvergleichliche Frau mit weiser Umsicht in den einzigen
berhmten Maler _Karbatsch_ zusammengearbeitet. Auf diesen groen
Meister wlzte sie zugleich alle jene Bilder, auf deren Urheber sie sich
nicht besinnen konnte.

In der Gallerie befindet sich ein schnes Bild, welches dort Rafael
genannt wird: eine Mutter mit dem Kinde. Es hat einen wundersamen
Ausdruck und den Anschein wie aus der ltern lombardischen Schule. In
dem groartigen Styl ist zugleich wie etwas moderne Sentimentalitt. Das
Bild hat an einigen Stellen gelitten und es scheint fast, als ob es
durch die hinzugefgte Urne irgend eine persnliche Beziehung habe.

Mit groer Freude sahen die Reisenden das alte Bamberg wieder. Von
Wrzburg schrieb Walther an seinen Freund nach Warschau:

                                        Wrzburg, den 10. Julius 1803.

Ich verzweifle jetzt fast, eine Spur zu finden, da meine Hinweisung auf
Bamberg nur eine trgende war. Ein Doctor Marx, der aus dem Polnischen
hieher gezogen ist und seit wenigen Monaten hier lebt, sollte mir
Nachrichten geben, wo sie, Maschinka, sich verborgen habe, oder wo
derjenige hier in der Gegend sei, dem sie zu folgen sich hat bereden
lassen. Wir lernten einen Narren in Erlangen kennen, der den Kotzebue
hher als alle Autoren stellt, und meine neuen Freunde spannen ber
diese Erscheinung, die mir nicht so wichtig schien, vielfltige
Betrachtungen aus. Wachtel behauptete, in jedem Menschen stecke irgendwo
etwas, das, gepflegt oder durch Leidenschaft aus seinem Winkel zu sehr
hervorgezogen, zur bestimmten Narrheit werden knne. Auch erscheine wohl
ein jeder Mensch andern aberwitzig und verrckt, wenn diese ihn mit der
Ueberzeugung, er sei unklug, anhrten und betrachteten. Ich bekmpfte
diese Meinung. Nachdem wir den alten Dom in Bamberg besehen hatten, ber
welchen Ferdinand in bertriebene, thrnenweiche Entzckung gerieth,
machten wir dem berhmten Doctor Marcus einen Besuch. Er zeigte uns die
unvergleichlichen Krankenanstalten und erzhlte uns von der Art der
Behandlung, so wie von manchen sehr merkwrdigen Leidenden. Ich konnte
nicht begreifen, warum er mich so besonders ins Auge fate. Als wir in
der Abtheilung waren, in welcher die Geistesverwirrten verpflegt wurden,
waren, indem ich mich umsah, meine Gefhrten verschwunden. Es kam mir
vor, als htte frher Wachtel mich noch einigemal mit einem seltsamen
Blick von der Seite betrachtet. Verstimmt wie ich war, gefielen mir des
Doctors Mienen, den ich jetzt beobachtete, ebenfalls nicht. Mit
einemmale berraschte es mich, da dieser Mann jener Doctor sei, der mir
Nachricht von der Entflohenen geben knne. Ich erkundigte mich mit
leidenschaftlicher Heftigkeit, erzhlte, fragte, beschrieb und wurde
immer ungeduldiger, je weniger er auf meine Reden eingehen oder mich
verstehen wollte. Als ich Abschied nahm, sagte der Mann mit der grten
Freundlichkeit: Sie bleiben frs Erste bei uns, und es wird Ihnen schon
bei uns gefallen. Ich habe schon seit acht Tagen die Nachricht
empfangen, da Sie eintreffen wrden, und so wie Sie nur mein Haus
betraten, erkannte ich sogleich in den ersten Reden Ihr Uebel. Ihr
Zustand ist noch nicht der schlimmste; nur mssen Sie frs Erste jene
Geschichte, die Sie mir da erzhlt haben, sich ganz aus dem Sinne
schlagen, und ich werde schon fr Unterhaltung und Zerstreuung sorgen.
Es ergab sich nun, da er mich fr einen Geisteszerrtteten hielt,
welchen er erwartete, und ebenfalls, da er nicht jener Marx sei, mit
welchem ich ihn in leidenschaftlicher Uebereilung verwechselt hatte.
Indessen mute ich bis in die spte Nacht dort bleiben, weil er sich von
meinem richtig eingefgten Verstande durchaus nicht berzeugen konnte.
Endlich waren meine Reisegefhrten in unserm Gasthofe wieder angelangt,
sie kamen und brachten meine Brieftasche und meinen Pa mit, nach dessen
Besichtigung und ihrem Zeugni wurde ich dann als ein Kluger entlassen,
nachdem der ironische Medicus mir noch viele Entschuldigungen machte,
und ebenfalls behauptete, da man jeden Menschen, auch seinen besten
Reden nach, fr einen Irren halten wrde, wenn man das Vorurtheil einmal
gegen ihn gefat habe. Am folgenden Morgen suchte ich den einfltigen
Doctor Marx auf, der von gar nichts wute und von mir zuerst die
Begebenheit erfuhr.

Wir besuchten Bambergs schne Umgebungen und begaben uns vorgestern nach
dem Schlosse Glich, einer merkwrdigen, gut erhaltenen Ruine. Noch viele
Zimmer sind im Stande und zeigen uns die Wohnung der Vorfahren deutlich.
Eine herrliche Aussicht ist von oben auf Bamberg hinab. Ein alter
Frster wohnt oben, der nicht zugegen war, und seine Tochter, ein
wunderschnes Mdchen, der die einfache brgerliche Kleidung sehr gut
stand, fhrte uns herum. Unser Ferdinand, der schon seit einigen Tagen
noch schwrmerischer ist, als sonst, war ber Alles entzckt. Er
schwatzte so viel und war dann wieder so verlegen, da ich glauben
mute, er habe sich urpltzlich in das Mdchen verliebt. Als wir Alles
betrachtet und unsern Dank zugleich mit einem Geschenke ausgesprochen
hatten, und sie sich entfernt hatte, rannte der Schwrmer noch einmal
zurck und dem Mdchen nach, unter dem Vorwande, da er seine
Brieftasche in einem der Sle habe liegen lassen. Wir wandelten indessen
drauen umher und muten ziemlich lange auf ihn warten. Sehr erhitzt und
verlegen, wie es schien, kam er endlich zu uns zurck. Er ward aber
zornig, wie ich ihn noch nie gesehen habe, als sich Wachtel einige
unfeine Scherze und Anspielungen erlauben wollte. Oben liegt auf einem
steilen Felsen eine Kapelle, sie war offen, von hier zeigt sich Alles
umher reizend und lieblich. Ein uralter Greis schlich mit langsamen
Schritten an seinem Stabe aus der Kapelle die Stufen der Treppe hinab:
ein rhrender Anblick. Ferdinand ging in die Kapelle, und als er sich
nicht mehr von uns beobachtet glaubte, nahm er vom Weihbrunnen und
bekreuzte sich mit andchtiger Miene, dann kniete er vor dem Altare
nieder. So sind die Menschen. Er trat wieder zu uns, und Keiner mochte
von Dem sprechen, was wir gesehen hatten, weder im Scherz noch Ernst.

Schon in Bamberg hatte er im Dom vor einem wunderlichen alten
Marienbilde mit der tiefsten Rhrung gestanden. Die Madonna ist hier in
einem Charakter dargestellt, der vllig von dem gewhnlichen und
hergebrachten abweicht. Das Bild ist auf Goldgrund, goldne Strahlen
umgeben es wie Flammen von allen Seiten. Es ist eine Copie nach einem
alten florentinischen, welches schon seit lange mit Tchern verhngt und
dem Anblick unzugnglich gemacht ist, weil es dort in Italien auf die
glubigen Beschauer die ungeheuersten Wirkungen soll ausgebt haben.
Ferdinand scheint mir gar nicht ungeneigt, alle dergleichen Wunder zu
glauben und fr wahr zu nehmen. Wohin verirrt sich der Mensch, wenn
Leidenschaft und Phantasie seine einzigen Fhrer sind!

Wir aen wieder in Bamberg, gingen dann Nachmittags nach dem reizend
gelegenen Buch und fuhren in lieblicher Abendkhle auf dem Wasser nach
der Stadt zurck.

In der Stadt hat Ferdinand allerhand alte katholische Sagen und Legenden
zusammengekauft. In Glich war er entzckt, dem dortigen Kster ein
bambergisches Gesangbuch, wonach er in der Stadt vergebens gesucht
hatte, abschwatzen und abkaufen zu knnen. Dieses hlt er fr einen
groen Schatz und er las uns sogleich viele der Gedichte vor, die
allerdings einen lieblichen frommen Sinn athmen, wenn man sich einmal
diesen trumerischen Gefhlen, diesem Anklang wiederkehrender Wunder,
diesem vertraulichen, kosenden und zrtlich glhenden Verhltni zu
Gott, dem Heiland und dessen Mutter hingeben kann. Dann erscheinen die
Heiligen, die Schutzgeister, Christus, wie oft, in Kindergestalt, so
auch die Abgestorbenheit so vieler Mnche und Einsiedler. Auch mit der
Natur tritt ein geheimnivolles Liebesverhltni ein, wie es in den zart
duftenden Liedern des Spee uns so innig rhrt, die der Schwrmer hier
auch aufgetrieben und uns Abends aus dem Bchelchen mit groer Bewegung
vorgelesen hat. Und dann mu ich wieder an die Begebenheit mit der
Frsterstochter denken. Vielleicht ist es die Pflicht des Freundes,
einmal ernsthaft mit ihm darber zu sprechen.

Seine Stimmung ist brigens im schreiendsten Contrast mit dem, was die
neue bairische Regierung hier thut und wie manche ihrer Beamten sich
hier betragen. Du weit, da die Stifter Bamberg und Wrzburg, diese
alten geistlichen Frstenthmer, unlngst dem Churfrsten von Baiern
zugesprochen worden sind. Eiligst hat man, um mit Rom und dessen
Hierarchie ganz und auf immer zu brechen, alle Klster aufgehoben, die
Mnche zum Theil vertrieben, theils auf sehr schmale Pension gesetzt.
Alles hat den Charakter angenommen, da der gemeine Mann es wie eine
Sache nimmt, die den ehemaligen Christenverfolgungen hnlich sieht. Es
ist unklug und unschicklich, wie im Dom, whrend am Nebenaltar eine
stille Messe gefeiert wurde, die silbernen Kirchengefe und sauber
gearbeiteten Crucifixe in Kisten mit dem grten Gerusch und Lrmen
gepackt und geworfen wurden. Die Kufer der Sachen waren zugegen und man
zerbrach einige Kreuze mit groem Gerusch, die sich dem Kasten nicht
fgen wollten. Den frommen abgesetzten Frstbischof, so erzhlt man, hat
man in den Gemchern der Residenz gestrt und geqult, indem man von
allen Seiten Bauanstalten traf, einri und verbesserte, ohne von ihm die
mindeste Notiz zu nehmen. Viele Geistliche wandeln im stillen Grimm
umher, den Kster im Dom sah ich in verbissener Wuth bei jenem Getse
Thrnen vergieen. Viele gemeine Leute (das Volk ist hier religis,
selbst bigott) werden irre an sich und ihren Vorgesetzten.

Alles, was so unziemlich geschieht, ist denn wohl ein Rckschlag von
vielen, welche jetzt regieren, da sie lange die Geiel und Verfolgung
der Priester und Pfaffen erdulden muten. Die Hauptumwlzung, die sich
hier zugetragen hat, ist von der Zeit selbst herbeigefhrt worden, sie
ist vielleicht zu entschuldigen, kann seyn, da sie nothwendig war; aber
mit Anstand und Schonung konnte alles Unvermeidliche und
Festbeschlossene geschehen, die politische Begebenheit brauchte nicht
den Charakter einer verhhnenden Rache anzunehmen.

Ueber diese Gegenstnde ist Ferdinand emprt und ergrimmt, und er zgelt
seine Worte nicht, wenn er mit den Freunden dieser Neuerung spricht. Er
behauptet, da wir es Alle noch erleben wrden, wie man neue Klster
stiftet, und er verachtet das spottende Lcheln seiner Gegner.

Vieles Schne ist in dieser Reform schon zu Grunde gegangen, noch mehr
wird verschwinden, aber meine trben Blicke werden nicht blo durch Das,
was wir jetzt sehen, was dicht vor uns liegt, so tief bekmmert; -- was
soll aus allem Besitzstand werden, da dies so schnell ohne Widerspruch
hat eintreten knnen? Wo ist eine Sicherheit fr irgend eine Regierung?
Welche Folgerungen wird die Zeit, ein fremder Sieger, die Politik aus
diesen Vorgngen ziehn?

Wie hat sich seit zehn Jahren die Welt verndert! und es scheint, als
wrden alle Verwandlungen immer rascher und rascher auf einander folgen.

Du siehst, ich fange an, Deine Cousine, die Strafe des Liebhabers, Deine
und meine Angelegenheit ber dergleichen Gedanken und Befrchtungen zu
vergessen.




                      Walther an seinen Freund.


                                        Wrzburg, den 11. Julius 1803.

Ich schreibe Dir sogleich noch einmal nach meinem kaum abgegangenen
Briefe, denn das ist das Mittel, mich zu zerstreuen und zugleich zu
sammeln. Ich kann mit meiner Umgebung nicht Das sprechen, was mich am
meisten interessirt, und so unterhalte ich mich mit Dir.

Hier in der Stadt ist unser Ferdinand in seinem Element. Es ist wahr,
ich habe noch niemals eine so feierliche Messe erlebt, als die war, die
gestern im Dom uns Alle bewegte; an neun Altren war zugleich
Gottesdienst, eine Prozession der Domherren, die in schner malerischer
Tracht waren, ergtzte das Auge.

Die Stadt wimmelt von Fremden, Alles drngt sich, denn es ist zugleich
der grte Jahrmarkt. Das Schlo in der Stadt ist prchtig und wohl eins
der grten in Europa. Ein wunderliches, knitterndes Echo ist unten vor
der Treppe, an dem wir uns Alle wie die Kinder erlustigten. Heut
Nachmittag trieben wir uns wieder im Jahrmarktsgedrnge um, welches
vorzglich in einer fremden Stadt etwas Bezauberndes hat. Vor dem Thore
ging ein uralter Capuziner von sehr ehrwrdiger Gestalt, dem kleine
Mdchen im Vorbergehen mit Ehrerbietung die Hand kten. Diese seltene
Ruine einer ehemaligen Zeit verfolgte unser Ferdinand lange mit seinen
sehnschtigen Blicken, und es schien der Wunsch in seinen gerhrten
Augen zu liegen, da er gern an die Stelle der unmndigen Mdchen
getreten wre.

In einer frohen Jahrmarktstimmung traten wir in eine hohe hlzerne Bude,
in welcher eine Art von Caroussel mit einer russischen Schaukel
vereinigt war. Indem die schwebenden Sitze auf und nieder gingen, stach
ein Jeder der Sitzenden mit einer Lanze nach einem Ringe. Der Besitzer
und Erfinder dieser schwebenden Kunstanstalt erklrte uns mit vieler
Gengsamkeit die Herrlichkeit seiner neuen Erfindung. Steigen Sie ein,
rief er, und wenn Sie gleich nur Dreie sind, so werden Sie doch das
Kunstwerk genieen knnen, denn darauf bilde ich mir am meisten ein, da
ich es so eingerichtet habe, da der angefllte schwere Sitz niemals den
leichten, ihm gegenberstehenden durch seine Last niederzieht, wie dies
an den ordinairen einfltigen russischen Schaukeln der Fall ist, wo die
unwissenden Menschen sich alsdann mit eingelegten Steinen zu helfen
suchen, wenn ein Sitz ledig bleibt. Wie die Kinder lieen wir uns
bereden hineinzusteigen. Die Maschine ging sehr hoch und ein
Nervenschwacher htte wohl Schwindel empfinden knnen. So stiegen wir
auf und ab und stachen mit mehr oder minder Glck die Ringe ab.

Pltzlich entsteht drauen ein lautes Geschrei. Die Thr der Bude wird
aufgerissen, und ein wunderschner Lockenkopf, das Antlitz eines
himmlischen Mdchens blickt wie ein Blitz auf einen Augenblick in die
Narrenbude. Sie schreit auf, so wie sie uns da schweben sieht, und
_Maschinka_ kreischt einer; ob Ferdinand, ob Wachtel, ob der Herr des
Kunststckes, das konnte ich nicht unterscheiden, der Maschinendreher
war es nicht, denn dieser orgelte noch einen Augenblick an seinen
Kunstrdern. Das Mdchen ist verschwunden und Ferdinand, der unten
schwebt, springt aus seinem Kfig, der Eigenthmer des Kunstwerkes ihm
schreiend nach, dies erschreckt den subalternen Drehknstler, er rennt
auch hinaus, und Wachtel kann eben noch vom Einflu der Bewegung so viel
genieen, da er im Herabschweben seinen Sitz verlt, ebenfalls
hinausluft und die Thr der Bude hinter sich zuschlgt.

Aber ich -- ich nun oben, auf dem hchsten Punkte, in meiner
Schwebekutsche sitzend, hatte nun Zeit und Gelegenheit, das Schicksal
und die zu knstliche Einrichtung der verfluchten Maschine zu
verwnschen! O wie sehr htte ich sie gelobt und verehrt, wenn ich durch
eigne Schwere jetzt herabgesunken wre, um auch das Freie zu suchen und
jenem Mdchen nachzulaufen. Ich sah mich in meiner obern Sternregion um,
ob ich nicht aussteigen und die vierzig oder funfzig Fu
hinunterklettern knne. Aber es war ganz unmglich. Durch die eine Ritze
konnte ich etwas von Stadt und Feld erblicken, aber in der
entgegengesetzten Richtung, in welcher sich jene Erscheinung gezeigt
hatte.

Endlich, es mochte wenigstens eine halbe Stunde verflossen seyn, zeigte
sich der Besitzer des Kunstwerkes wieder; er schien mich vergessen zu
haben und war sehr erfreut, mich dort oben noch, wie den Sokrates in
seinem Studienkorbe, wiederzufinden. Er schrob und orgelte mich durch
seinen Kunstorganismus herab und ging auf meine Fragen ber die
Erscheinung jenes Mdchens gar nicht ein. Er hatte sie nicht gesehn und
war in der Meinung, es sei ein groer Volksaufruhr, hinausgelaufen.

Wichtiger war ihm die Verhandlung um die Bezahlung. In der Einsamkeit,
und da er meine Eil sah, machte er eine ungeheure Rechnung. Ich begriff
sie zwar nicht, wollte mich aber zur Zahlung bequemen. Da wir die
gemeinsame Casse an diesem Tage unsern Wachtel fhren lieen, fehlte es
mir an baarem Gelde. Ich mute meine goldne Uhr zum Pfande lassen, die
ich erst am spten Abend wieder einlste.

So wie die kleinen Schulknaben hatte ich ein Abentheuer bestanden und
wollte bei meinen Reisegefhrten Rath und Trost suchen. Ferdinand
behauptete, das Schaukeln habe ihm Schwindel erregt und so sei er
entsprungen, um zugleich den Volksauflauf zu sehn. Dieser sei schnell
geendigt gewesen und er habe die Uebelkeit seitdem im Bett verschlafen.
Wachtel meinte, ein groes Spektakel sei hinter einem Kapuziner
heraufgekommen; dieses Schauspiel habe er genieen wollen. -- Ich erfuhr
nichts und so stehn unsre Angelegenheiten.

                   *       *       *       *       *

Walther hatte jetzt seine Plne aufgegeben und berlie sich nun ganz
dem Zufalle, ob er durch diesen auf die Spur seines Feindes oder jenes
schnen Mdchens gerathen wrde. Ferdinand und Wachtel waren ihm in der
kurzen Zeit ihrer Bekanntschaft schon unentbehrlich geworden, und so lud
sie die schne Jahreszeit, die Mue, die Lust umherzuschwrmen, ein,
noch einige schne Gegenden Deutschlands zu besuchen. Ferdinand war seit
einiger Zeit viel sinnender und finsterer geworden; Walther hatte
bemerkt, da er Briefe erhielt, die er sorgfltig verbarg und die ihn
verstimmten. Zuweilen fiel es Walther ein, er knne mit Ferdinand ber
seine Trauer sprechen, er drfe es wohl mit Empfindlichkeit rgen, da
er daraus, was ihn so betrbe, dem Freunde ein Geheimni mache; doch
bedachte er dann, da er selbst ja eben so gegen Ferdinand verfahre und
von der Absicht seines Ritterzuges gegen diesen nichts verlauten lasse.

Die Freunde nahmen von Wrzburg aus den Weg nach dem Spessart und
erfreuten sich dieses Waldgebirges und der herrlichen Aussichten, die
sich ihnen links und rechts in die Unermelichkeit der frischen Wlder
darboten. In Aschaffenburg hielten sie sich nicht auf, sondern begaben
sich nach Darmstadt, um ber die schne und altberhmte Bergstrae nach
Heidelberg zu gehn. Die Nacht, welche sie berraschte, verweilten sie in
Heppenheim, und Walther und Ferdinand stiegen zur Ruine, der
Starkenburg, hinauf, und erfreuten sich in der anbrechenden Dmmerung
der Aussicht auf den Rhein, an welchem sie Worms, Speyer und das ferne
Manheim sahen. Die Aussicht in den Odenwald auf der andern Seite war
noch schner, die wundervolle Einsamkeit, die schnen Formen der Berge,
welche alle dicht mit Wldern bewachsen sind, erhoben das Gemth der
Freunde zu edeln Gefhlen.

Wachtel, der den steilen Aufgang zur Ruine frchtete, war im Gasthofe
zurckgeblieben, und schrieb indessen seiner Frau nach Guben folgenden
Brief:

                                      Heppenheim, den 13. Julius 1803.

Liebes Weib, ich mu Dir doch auch einmal schreiben, damit Du nicht auf
die Meinung gerthst, ich sei gar verloren gegangen oder, wie der
Ausrufer in Teplitz sich ausdrckt, in den Verlust gerathen, was im
Grunde besser ist, als jener hochdeutsche Ausdruck.

Du kennst aber schon meine Art und Weise, da ich gern praktisch,
deutlich, einfach schreibe und mich nicht mit Gefhl und Schwrmerei
befasse. Des Handelns, Schaffens ist so viel in der Welt, da ein
rechtlicher Mann zum Schwrmen, zur Mystik oder dem bertrieben feinen
Denken keine Zeit behlt.

Wie nchtern und gefat ich aus Guben mit dem frhesten ausreisete, wird
Dir wohl noch erinnerlich seyn. Meinen Ferdinand traf ich nebst einem
gewissen Walther, einem halb polnischen Menschen, im unmittelbaren
Himmelreich einer Rafaelischen Entzckung. Ich war eben nicht zum Umgang
mit Engeln aufgelegt, denn ich hatte noch den Reisestaub an den Fen.
Wenn man berhaupt gewohnt ist, in der groen Welt zu leben, wie wir in
Guben es sind, so wird einem jegliche Kleinstdterei verhat. Ich
versichere Dich, die ganze Bergstadt hier, von der soviel gesprochen
wird, ist im Wesentlichen in Nichts von unserm gewhnlichen Spaziergang
bei Guben verschieden, auer da hier die ziemlich hohen Berge sind, wo
wir dort den hlzernen Zaun haben und auf der andern Seite die
Fichtenschonung. Was ist denn nun die Dresdner Brcke so Groes? Ich
habe immer an unsre hlzerne denken mssen. Diese ist nicht so lang,
aber man sieht doch auch rechts und links recht hbsche Kiefern in der
Ferne, und Brombeerngestruch und etwas Sand. So ein ^Badaud^ oder ^Plat
pied^ aus irgend einer groen Stadt spricht immer, wenn er unser Guben
nicht gesehn hat, vom Pariser Louvre, oder dem Straburger Mnster, wohl
gar von der London-Brcke oder dem Wasserfall von Niagara. Sollen sich
da deutsche Herzen nicht empren? Als wenn unsre romantische Tmpel, die
Haideflecke bei Lbben und Luckau, unsre Sandpartien nach der Oder zu,
der hbsche Sumpf eine Viertelmeile von uns, so gar nichts wren!

So kamen wir denn also auf den Nollendorfer Berg. Es war so dicker
Nebel, da ich mich gleich von meinen Kameraden verlor und in eine
Wolke, wie in einen groen Wollsack gerieth. Ich trat mit meinen
Reisestiefeln auf die Flocken und ging hbsch darauf spazieren; und es
geht sich schnell, soda, ich wei nicht wie weit, ich schon in die
bhmischen Drfer hineingerieth, ohne allen Weg und ohne Strae.
Herrliche Anstalt, gleich diesen dicken Nebel, wie die Wolke der
Bundeslade, zwischen Sachsen und Bhmen oder zwischen Deutschland und
Oestreich zu stellen. Tausend, wie marschirte ich nun fort!
Statistisch-konomisch-politisch-historische Bemerkung fr meine
hydraulisch-aphoristische knftige Reisebeschreibung der spanischen
Schlsser und bhmischen Drfer: -- Ich fand nehmlich, da Angestellte
(Beamte, die oft durchfallend sind, aber selbst niemals umfallen) auf
eine auffallende Weise die besten und krftigsten Stcke des Nebels auf
Flaschen zogen, wie es wohl auch bei den Gesundbrunnen geschieht.
Schumt die unntze Kraft ab, so wird ein hbsches Getrnk und
magenstrkender Saft aus dem leichten Dinge, welches dann Professoren
und Schler, Geistliche und Denker, feinfhlende Autoren, die gern
^scherzando^ schreiben, und billige Staatsmnner wie altherkmmliche
Gesetzknstler und Fabrikanten gern genieen und sich einander
mittheilen. Trifft es nicht richtig ein, da _Nebel_ rckwrts gelesen
_Leben_ heit, und Leben Nebel? Eins ist die Quadratwurzel vom andern.
Darauf sollten unsre Denker mehr lossteuern. Siehe, mein Kind: -- wenn
ich zu Einem sage, der noch nicht reif ist und es gern werden mchte:
_Lese!_ so sieht das wie ein guter, verstndiger Rath aus. Hat er aber
tiefern Sinn und buchstabirt rckwrts, so merkt er im stillen Gemthe
wohl, da ich ihn nur einen _Esel_ gescholten habe. O es ist ein
unergrndlicher Tiefsinn in diesen Betrachtungen. Nicht wahr, es giebt
Mlleresel, wilde Esel, Esel zu Spazierritten u. s. w. -- aber der
vllig unvertilgbare, von vorn wie hinten sich immer gleich bleibende
ist der von mir entdeckte _Lese-Esel_. Auch wenn ich imperativisch oder
imperatorisch sage: _Esel, lese!_ bleibt er sich gleich, doch gefllt
obige Thierart in der Bezeichnung besser, denn es stempelt sich darin
jenes ewig unermdliche Geschpf, jene unverwstbare Creatur, die wir
hinter Ladentischen, auf Caffeehusern, unter den lieben Zeitungen und
allerliebsten Journalen, Tagesblttern, Broschren, Libellen (nicht den
Insekten), Romanen und dergleichen sitzen sehn und schlingen -- mit
einem Wort, den in unserm Jahrhundert ausgebildeten _Leseesel_. Die
vergleichende Anatomie sollte sich nur seiner bemchtigen und Gall
seinen Schdel untersuchen. Wie in Afrika oder Indien jene wandernden
Ameisenheere oft unsglichen Schaden anrichten und Verderben verbreiten,
so frchte ich fr Europa und noch mehr fr unser Deutschland die
traurigsten Verheerungen von der Vermehrung und dem Ueberhandnehmen
dieses Lese-Esels. Wie er denn nun von vorn oder hinten immerdar ein
Leseesel bleibt, so sprach ich neulich schon mit einem denkenden Medicus
ber den Fall, ob das Thier nicht wirklich die Qualitt noch erhalten
knne und wrde, auch von hinten, mit dem Sitztheile, sowie vorne mit
seinen Augen zu lesen. Der Philosoph approbirte sehr meine Hypothese und
meinte, das Monstrose sei immerdar nicht den gewhnlichen Naturgesetzen
unterworfen. Und wirklich, wie ich wieder die sogenannte Ressource
besuchte, wo ich die beste Sorte und die qualificirtesten dieser
Leseesel zu finden gewohnt war, bemerkte ich zu meinem Erstaunen, da
diejenigen, die in der Entwicklung am meisten vorgeschritten waren,
unruhig auf ihren gepolsterten Bnken beim aufmerksamen Lesen hin und
wieder ruschten, sich bald strker auf das Polster drckten, bald
lfteten, bald sich rechts, bald links hin bewegten, als wenn sie ein
besseres Licht erstrebten. Ich sah aber deutlich, da ihnen oben nichts
fehlte, ihr Fundament aber einen Mangel versprte. Der Vorsteher dieser
Ressourcen-Anstalt oder dieses Casino-Wesens ist ein denkender Mann; ich
nahm ihn beiseit in ein Nebenzimmer, von wo man durch Glasthren Alles
im Saal beobachten kann, und machte ihn auf jenes bedenkliche Hin- und
Herrutschen aufmerksam. Wollen Sie denn nicht, suchte ich ihn zu
persuadiren, vielleicht morgen den Versuch machen und einige gute
lesbare Journale, oder einige scharfe Schriften gegen die Regierung ber
jene Polster spannen lassen, um zu sehn, ob meine Vermuthung sich
besttigt? Wie, Herr, fuhr mich der Mann an, indem er mich mit seinen
groen Augen betrachtete: was fabeln Sie mir da von einer neuentdeckten
Thierart? Es sind lauter wrdige Herren und ausgezeichnete Mnner, die
das Beste des Landes und der Welt im Auge behalten. Sie rutschen heute
bermig, das ist wahr, das kann aber auch vom Denken oder vom bewegten
Gemthe herrhren. Auf keinen Fall aber drfte ich es gestatten, wenn
Sie auch wirklich Recht htten, da alle diese Mitglieder in Naturalibus
da sen, um zwei Zeitungen zu gleicher Zeit lesen zu knnen. O Sie
kurzsichtiger Mann! rief ich aus; brauchen Sie denn nicht selbst
Brillenglser? Sieht man nicht durch einen Flor und Sieb? Und so wrden
sich die Beingewande gestalten; Fabrikherren wrden mit scharfem Blick
die Zeuge entdecken und verfertigen, durch welche sich am besten lesen
liee; neuer Flor des Gewerbes, frische Aufmunterung zur Arbeit und
Speculation.

So stand die Sache vor meiner Abreise, ehe ich in das Nebelleben oder
den Leben-Nebel gerieth. Wie ich zu meinen Reisengefhrten wieder zurck
kam, wei ich selbst nicht, wie aber in der Nacht der Camin so gar
gewaltig rauchte, war ich wieder bei ihnen und bei mir. Aus dem soliden
Nebel gerieth ich aber in eine noch wolligere und flockenreichere
Vterlichkeit und Mutterempfindung mit Zwillingen und Drillingen u. s.
w. Was aber merkwrdiger ist, als solche Lappalien, ist, da man unter
feierlichem Schieen Carlsbad noch hher als Teplitz gestellt hat, es
noch drber hinauf gesetzt; so kommt die Meeresflche immer tiefer, und
da das Meer auerdem schon abnimmt, so wird es kein Wunder seyn, wenn
wir ganz auf das Trockne gerathen. Bei den Heiling-Felsen sind Braut und
Brutigam, Priester und Brautjungfern in Stein verwandelt, ich habe sie
selber stehn sehn. Da die Leute nach der Hochzeit recht ledern und
hlzern werden, erleben wir alle Tage, es ist kein groes Wunder, da
diese damals, in einem noch unaufgeklrten Jahrhundert, das Prvenire
gespielt haben, um in jenem beliebten Stein der Hlzernheit zu entgehen.

Aber in den herrlichen Gegenden habe ich etwas sehr Wichtiges, und wovon
ich noch keine Erfahrung hatte, kennen gelernt. Immer habe ich es
geglaubt und Dir gepredigt, da Adam und Eva vor ihrem Falle nicht so
krperliche grobe Speisen genossen, wie wir jetzt mit den thierischen
Zhnen sie zerbeien und zermalmen, sondern da sie die geistigen
Essenzen, die unsichtbare Kraft der schnsten Gewchse und der
himmlischen Krfte einsogen. Wie einem denkenden Forscher nun wohl wird,
wenn sich ihm eine solche mystische Ueberzeugung durch unumstlichen
Beweis vergegenwrtigt, ist mit Worten nicht auszusprechen. Sie nennen's
in ihrer sterblichen Unbeholfenheit einen rothen Ungarwein, und mit
anmaendem Kunstausdruck die Mennische Essenz. Wer aber die wahre
Sprache kennt und den Urtext versteht, sieht durch den grob ersonnenen
philologischen Kniff, und erkennt aus der echten Etymologie, da Adam es
damals auf seinem hhern kritischen Standpunkt die _Menschen-Essenz_
nannte; und das ist sie denn auch, und mein Forschen und Ergrnden
dieser Materie gereut mich so wenig, da binnen kurzem mehrere Flaschen
von diesem Liquor, dieser Essenz, bei Dir in Guben eintreffen werden,
die ich wohl aufzubewahren Dich bitte. Wie sehr es Snde war, vom Baum
der Erkenntni zu naschen, darin, wie in allen meinen religisen
Ueberzeugungen, hat mich diese Wunder-Essenz von neuem gekrftigt. Denn
wie man sie nur ein Weilchen genossen hat, und sie wieder schmeckt, und
von neuem versucht, fhrt sie uns bald in jenes selige Land, wo alle
Kenntni aufhrt und verschwindet, wo das trockne, kmmerliche
Bewutsein immer mehr verdmmert und verdunstet, um, wenigstens auf
einige Zeit, den sndhaften Zustand der Erkenntni des Guten und Bsen
abzuschtteln. Nein, dieser Gegensatz hrt dann auf, und man lebt einzig
und allein im Guten, in dieser Menschen-Essenz. O wie neidisch meine
Freunde waren, da ich diese Entdeckung gemacht hatte, die unsrer ganzen
Weltgeschichte eine andre Richtung geben kann. Uebrigens liegen im
Hochheimer und Johannisberger auch ganz respektable Richtungen
verborgen, und eben jetzt steht eine Flasche vom letzteren neben mir,
aus welcher ich Deine Gesundheit trinke.

Unser Weg mu sonderbarer Weise vor Prag vorbeigegangen seyn, denn die
Strae fhrt nicht durch, und doch soll Prag die Hauptstadt von ganz
Bhmen seyn. Wir sind wenigstens durch Franken gekommen. Endlich aber
ist doch unser Kotzebue anerkannt, und es hat sich erwiesen, da er alle
Alten und Neuen bertrifft; man sollte ihn aber zum Patentdichter
machen, da kein andrer, so lange er lebte, Theaterstcke schreiben
drfte.

In Wrzburg in der wrzhaften Landschaft haben wir im Wirthshause mit
vieler Anmuth gewohnt, denn in Bamberg hatten sie einen ambulanten
Gottesdienst und cassirten mit vielem Spektakel die silbernen Sachen von
Werth ein, weshalb es uns dort nicht gefiel, so alt auch der Dom seyn
mag. Wir haben auch auf der Stelle gestanden, wo Otto von Wittelsbach
den Kaiser Philipp ermordet hat. Die Ruine gehrt einem berhmten
jdischen Arzt, welcher mit aller Gewalt unsern Freund Walther
trepaniren wollte. Er ist aber bis dato noch nicht rasend, und erhielt
eine Ehrenerklrung. Nur kaufen will dieser neugierige Mann vielerlei,
und er kann es, weil er reich genug zu seyn scheint. Bei der Treppe im
frstlichen Schlo zu Wrzburg ist ein kurioses vielfaches Echo, das hat
er richtig erstanden, um es bei sich zu Hause, in seinem Garten
anzubringen. Man war dabei, es sehr vorsichtig einzupacken. Das
Auspacken an Ort und Stelle aber mu mit noch grerer Circumspection
geschehen. Denn die Sache ist fast, nur im Groen, wie mit einer
Champagnerflasche. Das Ding darf nicht in alle Lfte verflattern, wo es
keinem Menschen zum Gewinn ist. Im Garten mu es an der rechten Wand
sehr knstlich eingefugt und eingeleimt werden, damit es richtig
antwortet und nicht auf Schwarz Wei, auf Ja ein Nein spricht. Herr
Walther will sich dann einen tchtigen Mann vom Amt kommen lassen, der
mit Echos umzugehen wei, und selbst nur ein Widerhall seines gndigen
Herrn ist, der soll ihm das Ding pfropfen oder inokuliren, damit es noch
fter und lauter jede Anrede nachspricht. Ein in Ruhestand versetzter
Geheimer Rath braucht sein Echo nicht mehr in der Sitzung abzugeben, und
dieser, hofft Walther, wird ihm dieses fr ein Billiges ablassen. Denn
das ist auch zu observiren, da das Echo, wenn es nun wieder gelftet
wird, nicht dem Freunde Walther oder einem andern wrdigen Manne in den
Hals fhrt. Davon hat man schon merkwrdige und traurige Beispiele. Der
Minister in -- (ja da um die Ecke, rechts oder links von uns, Du
brauchst es eben nicht so genau zu wissen) war der beste Kopf im Lande,
nur widersprach er dem regierenden Herrn immerdar. Pltzlich (und die
gewhnlichen Menschen meinen, es sei durch eine Gehaltsverdopplung
bewirkt, was aber die Erscheinung weder psychologisch noch physiologisch
erklren wrde) spricht er wrtlich und buchstblich Alles so, wie sein
Landesvater. Zur Erheiterung war dieser groe Kopf in ein Bad gereiset,
in dessen Nhe sich ein ganz vorzgliches Echo aufhielt. Der Minister
spielt mit dem Dinge, wie mit einem jungen Ktzchen, frgt, lt
antworten, schreit und singt, um das Wesen recht von allen Seiten kennen
zu lernen; darber wird er mde, er ghnt, ohne die Hand vor den Mund zu
halten, und die boshafte Creatur benutzt den Moment und springt ihm in
den Hals hinein. Nun kann er es nicht loswerden, so sehr er Medicin
braucht. Im Bade ist das Echo seitdem fort. Die Dummen behaupten, weil
die Bergleute eine vorlaufende Felsenwand weggesprengt haben. Nein, auf
eben beschriebene Art sind sehr viele dieser Echoisten entstanden, die
der gemeine Mann zu oft mit den Egoisten verwechselt, die freilich auch
manchmal nahe an einander grenzen, wie die Buchstaben g und h.

Unser Walther hat neulich etwas gethan, wovon alle Philosophen und
Denker immerdar ausgesagt haben, es sei unmglich. Er schwang sich
nehmlich auf dem Rade der Fortuna um, und es gelang ihm, oben auf dem
Gipfel wenigstens eine halbe Stunde lang ungestrt zu verharren. Er
htte also den Nagel oben einschlagen knnen, wenn er nicht selbst
vernagelt gewesen wre, denn er fluchte und wetterte, um nur wieder
hinabzugelangen. Ein wunderliches Frauenzimmer, vielleicht die Fortuna
selbst, sah ihn dort oben thronen und lachte, wie es mir schien. Ich
konnte sie aber nicht erhaschen. Man schrie ihr Maschinka nach. Hie
nicht die geheimnivolle Unbekannte so, die bei uns logirte? Mir schien
auch, aber ungewisser Schein nur, als she sie jener Flchtigen hnlich.
Aber mein Studium und der Genu der himmlischen Essenzen macht, da ich
mich solcher irdischen Dinge nur sehr dunkel erinnere und keine
Rechenschaft davon geben kann. Wenn sie es war, ist sie mir und den
Uebrigen wieder entlaufen, ob wir gleich alle hinter ihr drein waren.
Walther, der Herabgestiegene, auch. Fortuna aber oder Maschinka war
verschwunden.

                   *       *       *       *       *

Die Beiden kamen spt von der Starkenburg zurck, und indem sie in das
Zimmer traten, hrten sie, wie Wachtel sich selber den letzten Theil und
Beschlu seines Briefes vorlas. Walther fuhr auf ihn zu und fragte: was
war das fr eine Dame, die jener in Wrzburg hnlich war? Auch Ferdinand
setzte ihm leidenschaftlich mit Reden zu; doch Wachtel, der jetzt seine
Flasche Johannisberger vllig geleert hatte, sagte: Meine Herren und
Freunde, ich habe da einen huslichen vertraulichen Brief an meine
Gattin geschrieben, welcher nichts, als Familienverhltnisse und
Versicherungen meiner Liebe enthlt, diesen kann ich Euch also unmglich
mittheilen; die letzte Anspielung, die Ihr zufllig vernommen habt, ist
nichts weiter als die Beziehung auf eine Sache, die ich selber nicht
verstehe und das Wenige, was ich davon wute, seitdem vllig vergessen
habe. Ich war, als jenes Frauenzimmer schnell in unser Zimmer dort in
Guben trat, eben in Gedanken und Studien versenkt; kurzum, sie hatte
einen Brief an meine Frau, den ich damals nicht lesen konnte oder
wollte, und ein alter Mann begleitete sie, von dem es unentwickelt vor
mir liegt, ob er ein Herr oder ein Bedienter war. Kurz, mit einem Wort,
sie bewohnte ein Zimmer, als ich schon schlief. Sie kam mir hbsch vor,
und nachher, als ich sie wiedersah, konnte ich mich nicht bestimmt
erinnern, ob es noch dieselbe oder eine andre war. Diese zweite war aber
noch schner. Vielleicht hatte sie aber die Frische des Morgens so
gefrbt. Nun fragte ich wieder nach ihr, und sie war schon abgereist,
und da es mich nichts anging, schlug ich es mir aus dem Sinn, und so
verga ich es, und so reiste ich nach Dresden ab, und so sind wir nun
hieher gerathen, und das Briefschreiben hat mich angegriffen, und der
Johannisberger hat mich gestrkt, und das ist Alles, was ich von der
Sache wei.

Da mich die Sache interessirt, sagte Walther, darber knnte ich meine
Grnde angeben; aber warum Sie, Ferdinand, so neugierig sind, begreife
ich nicht.

Ich wei selbst nicht, antwortete dieser, weshalb ich mich darnach
erkundige; man macht seinen Freunden in der Regel Alles nach, weil sie
nach einiger Zeit ein gemeinsames Interesse verknpft. Und, gestehe ich
es nur, in jener Nacht, als wir in Guben waren, hrte ich durch die
offenstehenden Fenster der untern Zimmer meinen Freund Wachtel schon mit
seiner Frau von dieser Dame reden, ich war schon damals neugierig, aber
mein Freund Wachtel war in einem so bedenklichen Zustande, da ich mich
ihm nicht zu erkennen geben mochte; auch rckte schon der erste Morgen
herauf und unsre Abreise drngte.

Sieh! sieh! sagte Wachtel ghnend, meine confuse Frau hat mir damals
eine noch confusere Geschichte vorgetragen, von einem sehr hbschen
Menschen, den sie hundertmal einen Engel nannte. Sie schien zu meinen,
ohne des Engels Beihlfe, der sich so edel betragen, htte ich die ganze
Nacht drauen im Grase liegen mssen. Sie machte ein Mhrchen draus, wie
das von der Martinswand ist. Und nun entwickelt es sich also, da Du
dieser Engel warst. So verschwinden bei nur miger Forschung alle
Wunder aus der Geschichte.

Nach einer kurzen Ruhe fuhren die Freunde am schnen Morgen weiter, aber
nur langsam, um die Gegend zu genieen. Sie kamen schon frh in
Heidelberg an.

Der Pfarrer Le Pique hatte dem jungen Ferdinand einige Briefe an Freunde
mitgegeben, und so lernte dieser einen rstigen, geistreichen Mann,
Keyser, welcher Lehrer an der Schule war, kennen. Sie besuchten
gemeinschaftlich den biedern Daub, sowie den herrlichen Creuzer, und in
der schnen Umgebung, unter wissenschaftlichen und heitern Mittheilungen
verflossen ihnen die Stunden und Tage im lieblichsten Wohlbehagen. Auch
den trefflichen Pfarrer Abegg lernten sie in Lohmen kennen, und die
muntern Freunde, die Alle noch jugendlich krftig waren, durchstreiften
das Gebirge und die blhenden Kastanienwlder, die vielen Bergen hier
einen ganz sdlichen Charakter geben, und erkletterten alle irgend
zugnglichen Theile des groen Heidelberger Schlosses.

Mit Keyser ging Ferdinand in einer Nacht nach Zweibrcken hinber, und
Walther verwunderte sich, da der Freund ihm aus dieser Wanderschaft ein
Geheimni gemacht hatte.

Walther, der noch wenig mit Gelehrten und mehr mit dem Adel gelebt
hatte, war hchlich erfreut, in dem Professor Daub die schne Biederkeit
echter deutscher Natur, und in Creuzer diese Gewandtheit des Geistes,
sowie diese edle Urbanitt kennen zu lernen; Abegg's Milde wirkte
wohlthtig und fein auf den witzigen Streit, der sich manchmal zur
Heftigkeit erhob und den besonders der lebhafte Keyser gern veranlate.
Wenn wahre Gelehrte, die zugleich als echte und edle Menschen den Ton
des Umganges haben, in freundlicher Hingebung scherzend und ernst durch
alle Gnge des Wissens und Forschens wandeln, so findet sich in dieser
Umgebung eine Unterhaltung, die der Menschenkenner und Weltmann
vergebens in den andern Zirkeln der Gesellschaft suchen wird.

Ein schner Friede schien alle Gelehrte in Heidelberg zu vereinigen und
Ferdinand erzhlte viel von einer schnen Zeit, in welcher er vor
wenigen Jahren in Jena in dem Kreise lebte, den Wilhelm und Friedrich
Schlegel, Novalis und Schelling bildeten. Er schilderte diese Wochen als
das reichste und ppigste Geistesbankett, das er jemals schwelgend
genossen habe.

Nach einigen Tagen schrieb Ferdinand an eine Freundin, Charlotte von
Birken, nach Berlin.

                                       Heilbronn, den 18. Julius 1803.

Meine theilnehmende Freundin, ich benutze die Nacht, indem meine
Reisegefhrten schlafen, um endlich mein Versprechen zu erfllen und
Ihnen einige Nachrichten von mir mitzutheilen.

Die Spannung, in welcher mich diese unfreiwillige Reise erhlt, mu oft
der Entzckung und der Begeisterung weichen, in welche mich die
abwechselnden groen und lieblichen Naturscenen versetzen, an welchen
unser schnes Deutschland so reich ist und die unsre Landsleute immer
noch nicht gehrig zu wrdigen wissen.

Von meinen Aussichten, Plnen, meinem knftigen Glck wei ich Ihnen
noch nichts zu sagen. Alles zieht sich in die Lnge, Alles wird fast
ungewisser, als es war. Ein junger Mann in Heidelberg, Keyser, der mein
ganzes Herz gewonnen hat, fhrte mich nach Zweibrcken zu seiner
reizenden und liebenswrdigen Braut, und hier fand ich denn endlich
einen Brief vom Onkel, der etwas Bestimmteres aussagte, und der,
sonderbar genug, mich wahrscheinlich bald wieder in Ihre Nhe fhren
wird, da ich bis jetzt glauben mute, Basel sei die Richtung, die ich
nur nehmen knne, und die Schweiz sei mein knftiger Aufenthalt.
Indessen ist schon viel gewonnen, da der einflureiche angesehene Mann
sich zum Vermittler anbietet. Ich mag Ihnen von manchen Dingen, die mir
zugestoen sind, nichts Nheres mittheilen, weil ich Alles einem
mndlichen Gesprche vorbehalte, man auch nicht wissen kann, wie ein
Brief verunglckt, oder, bei der grten Vorsicht, in die unrechten
Hnde gerth.

Von dem schnen Heidelberg aus haben wir eine kleine Fureise gemacht,
um Neckar-Steinach und die drei Ruinen zu sehen, die dort dicht neben
einander liegen. Das eine wste Schlo war der Aufenthalt des
berchtigten Lindenschmidt. Ein runder, steiler Hgel, der Dielsberg,
macht dort einen sonderbaren Anblick; hier verlie uns Keyser, der uns
begleitet hatte, um nach Heidelberg zurckzukehren. Wir hatten jetzt
einen schnen Weg nach Hirschhorn, welches am Neckar liegt. Ein altes
Schlo und Kloster sind hier, die uns durch ihre Alterthmlichkeit groe
Freude machten. Wir nahmen ein Schiff, und fuhren, von einem Pferde
gezogen, den Neckar stromaufwrts. Die Gegend ist reizend, viele alte
Schlsser, die noch ganz in ihrem ehemaligen Zustande sind, werden
bewohnt. In Eberbach war viel Getmmel und ein Aufzug der Brger. Nach
einigen Stunden jenseits dieses Stdtchens verlieen wir das Schiff
wieder, um zu Fu zu wandern. Minneberg und zwei Hgel dort bilden eine
reizende Gegend. Bei Neckar-Els ffnet sich das Thal. Vor der Stadt nahm
uns ein schlechtes Wirthshaus auf und Walther miethete aus Eigensinn ein
sonderbares Fuhrwerk, um sich nur mit keinem Hauderer, der vielleicht
auch nicht vorzglich gewesen wre, einzulassen. In den meisten
Menschen, selbst vernnftigen, offenbart sich zuweilen eine falsche
Poesie, die sie im Leben selbst suchen oder unmittelbar in dieses
hineintragen wollen. Bei den ganz dummen Wirthsleuten hatte er auf
Erkundigung erfahren, sie htten einen leichten Einspnner, der auf zwei
Rdern laufe. Vielleicht fielen ihm die italienischen Sedien oder ein
flchtiges Cabriolet ein; genug, er miethet das Ding, um so mit uns am
folgenden Mittag in Heilbronn anzukommen. Ich entsetzte mich nicht
wenig, als am Morgen das elende Gespann vorfuhr. Was war es? Ein
viereckter, grob geflochtener Korb, der auf zwei hohen Rdern
unmittelbar auf der Axe lag. Man hatte Scke und Stroh hineingelegt. Ich
schlug vor, lieber zu Fu zu wandern, aber der boshafte Wachtel hatte
seine Freude an diesem Skandal, und Walther wollte sich kein Dementi
geben. Wir klemmten uns, so gut es gehn wollte, in den verwnschten Korb
hinein, und ein bldsinniger Knecht unternahm es, uns mit einem steifen
Gaul so in Heilbronn im Triumph aufzufhren. Zwei Stunden von dort liegt
der Hornberg, welchen Gtz von Berlichingen von Conrad Schott kaufte und
wo er den grten Theil seines Lebens hauste. Der steile Berg ist auf
zwei Seiten mit Wein bebaut, von oben hat man die Aussicht ber das
offene Neckarthal und ber die gegenber liegenden niedrigern Felsen.
Auf der Hinterseite des Berges ist ein enges Thal und ein herrlicher
Wald, der sich bis dicht an die Burg erstreckt. Alles ist oben, auf dem
Wege zur eigentlichen Festung, mit wstem, verwachsnem Gestrpp bedeckt.
Aus den Zimmern und Slen des Schlosses geniet man einer vortrefflichen
Aussicht. Vor kurzem htte das ganze Haus noch mit wenigen Kosten zum
Bewohnen erhalten werden knnen, jetzt ist es verfallen und wird nach
einigen Jahren wohl ganz zerstrt seyn.

Wir fuhren dann durch ein Stdtchen Gudelsheim, das den deutschen Herrn
gehrt, und lieen uns nach Wimpfen bersetzen. Vor Heilbronn verlieen
wir doch, trotz unsrer Aufklrung, unsern Karrn und zogen zu Fu in die
Stadt ein. Alles wurde hier zur Huldigung des neuen Herrn eingerichtet,
der Altar in der protestantischen Kirche war abgetragen, recht gut
scheinende Gemlde waren, ihm zu Ehren, neu bermalt und verdorben.
Kirche und Thurm gehren zu den merkwrdigen Gebuden. Der berhmte
wasserreiche Brunnen der Stadt hat durch eine neue schlechte Balustrade,
um die man die alte Einfassung, die besser war, wegreien mute, viel an
seinem Wasser verloren. Am Rathhause wurde eben ein schnes steinernes
Gelnder weggebrochen, um Latten besser anbringen zu knnen, an welchen
die Lampen zur Illumination befestigt werden. Wir besuchten die Orte,
die uns von frher Jugend auf durch den Berlichingen und Gthe's Werk so
merkwrdig sind. Auch den gewundenen Thurm kletterten wir hinauf und
standen oben, neben dem Ritter, wie mich dnkt, dem heiligen Kilian.

Htten wir es unterlassen knnen, nach Weinsberg hinauszufahren? Durch
Brger's Romanze ist dieser Ort und die That der Weinsberger Frauen im
Munde alles deutschen Volkes. So manches die Kritik gegen Brger's
Balladen und Romanzen mit Recht ausstellen kann, so vorstzlich er so
oft den alten einfachen Ton, jenes Geheimni, im Wenigen und im
Verschweigen viel zu sagen, worin Gthe der grte Meister ist, vermied
und nicht finden konnte, so bin ich doch berzeugt, Brger's Balladen
werden bei uns lnger, als die von Schiller leben, der (in wenigen
ausgenommen) noch mehr jene stille Einfachheit verletzt hat.

Um Heilbronn ist eine schne grne Natur und wir waren alle mit unserm
Tagewerk zufrieden. Wie schn ist es, in einem Lande zu leben, wo
Stdte, Bildwerke, Felsen und Berge auf alte Geschichte, auf groe
Kaiser und merkwrdige Begebenheiten hinweisen. Wie herrlich ist in
dieser Hinsicht Deutschland ausgestattet! Mir kommt es frchterlich vor,
in Amerika leben zu mssen. Und die verschiedenen Epochen der
Kaiserherrschaft, des Aufblhens der Familien, des stets wechselnden
Verhltnisses, der groen wie kleinen Fehden und die mannigfaltigen
Gestaltungen und Umwandlungen des Ritterthums, von der hchsten Bildung
und der schwrmenden, poetisch-fanatischen Verehrung der Frauen bis zum
niedrigen, rohen Ruberhandwerk hinab, alles Dies, glaube ich, hat sich
nirgends so wundersam, vielseitig, grell abstechend gewiesen, als in
unserm Deutschland. Unsere unwissenden Autoren, die diese Gegenstnde
behandeln, haben sich aber eine gewisse rohe Manier gebildet, die immer
in Zank, Grosprecherei und leeren Worten wiedertnt, ohne uns auch nur
im mindesten ein Bild und anschauliches Gemlde jener Zeiten zu geben.
Andre sehen nur Greuel, Verwilderung und Mord in jenen Tagen der
merkwrdigsten Entwicklung, und bedenken nicht, da, wenn die Welt so
beschaffen gewesen wre, wie sie sie verlstern, in kurzem weder Gute
noch Bse, Freie und Knechte wrden brig geblieben seyn.

Wie aber Gefhle absterben, wie der Sinn fr das Schnste sich verlieren
kann, mu ich tglich mehr erfahren. Rhrt uns schon in Stadt und Feld
die Hinweisung auf Geschichte und belebt und weiht den todten Stein und
den Wald, wie viel mehr jenes Mahnen an die Wunder und die Sigkeit
unserer Religion. Und diese forttnende Poesie, dieses Erklingen der
feierlichen Harfensaiten, diesen still lebenden und stumm beredten
Gottesdienst in der Einsamkeit der Natur, im Gewhl des Marktes, in
Felsgrotten und Wldern, im Verherrlichen der Brcken und Strme finde
ich nur noch in den katholischen Provinzen. An Zoll und Polizei, an
Argwohn und Pa, an Aufsicht und Visitation werden wir im
Protestantischen genug erinnert, an die Bedeutung des Christenthums fast
niemals. Ja, jene Wundersagen, jene Bildwerke, Hymnen, Klster, Mnche,
heilige Jungfrauen, Vorbitten und Schutzheilige sind Gegenstnde des
Spottes und Hasses. Und die besten Menschen knnen sich oft von diesem
Aberglauben gegen den Aberglauben, von dieser Gespensterfurcht, da der
Glaube an Gespenster wieder kommen knnte, nicht frei erhalten. So
konnte es mein neu erworbener Freund, Keyser, nicht begreifen, wenn ich
behauptete, die Reformation sei zwar eine nothwendige gewesen, sie habe
der Welt und namentlich Deutschland unendliches Heil gebracht; aber viel
Schnes, Groes und Heiliges sei mit Zerstrung des Schlechten zugleich
vernichtet worden, und dies sei es, was der eifrige Protestant nie
anerkennen wolle und was die Katholiken selbst nicht zu wrdigen wissen.
Auch ein schlechtes Bild an der Landstrae rhrt mich, weil es auf jene
Geheimnisse hindeutet, die wir nie vergessen sollen, wenn wir sie gleich
auf dem gewhnlichen Wege niemals begreifen knnen. Die Fratzen in
manchen Kirchen stren mich so wenig wie die oft ungelenken Priester;
denn auch im unansehnlichen Dornbusch blht der Frhling heraus und
bewegt mich, als ein Zeichen der allgemeinen Auferstehung des
Lebendigen.

Dies Gefhl des Mitleidens in der hchsten Liebe, da wir durch
Selbstaufopferung das Opfer der Liebe vergten mchten, diese schnsten
Gefhle sind es gerade, die die meisten Menschen von sich abweisen oder
die Hrteren als unrecht verdammen. So heben sie sich fr den Sonntag,
fr Orgel und Predigt die feierlichen Empfindungen auf, oder sie
schlieen einen verstndigen Contrakt mit dem unbegreiflichen Wesen,
welches sie Gott nennen, um gegenseitige Pflichten und Verbindlichkeiten
klar im Auge zu behalten. Der Vers eines Liedes aber, Abends unter einem
Crucifix still und andchtig gesungen, der Blick des betenden Greises
auf einsamem Waldplatz zum leidenden Heiland hinauf, der Ku, den das
Kind auf seinen Rosenkranz drckt, die Thrne der Mutter, welche auch
den Sohn verlor, vor der Mater dolorosa, sagen mehr, als alle jene kalte
Weisheit verkndigen und lehren kann.

Sie kennen ja aber, theure Freundin, meine Gesinnungen ber diese
Gegenstnde und stimmen mir bei. Ich hoffe Sie bald zu sehn; im Herbst
gewi.

                   *       *       *       *       *

Walther war aus andrer Ursache nachdenklich von Weinsberg
zurckgekommen. Er hatte an der Wand der Kapelle, auf welcher die
Geschichte der treuen Weinsberger Weiber gemalt ist, mit Bleifeder
frisch angeschrieben deutlich die Worte gelesen: Romeo, in der Hhle zu
Liebenstein findest Du den 24. Juli M -- Julia. -- Seine Gefhrten
hatten die Schrift nicht bemerkt, ihm aber flsterte sein Genius zu,
diese Hinweisung rhre von jener vielgesuchten Maschinka her, die den
Mann, welchen er verfolgte, in Liebenstein erwarte. Sein Entschlu war
daher gefat, nach Liebenstein zu gehn und gewi am 24. Julius in dieser
Hhle zu seyn, in welcher er diesen Romeo zu entdecken hoffte. Er konnte
sich selber keine Rechenschaft davon geben, warum er sich die wenigen
Worte so erklrte, warum er der Meinung war, sie mten von jener
entflohenen Maschinka herrhren, deren Handschrift er niemals gesehn
hatte. Aber dieser blinde Trieb, dieser Instinkt schien ihm gerade ein
Beweis dafr, da er auf der richtigen Spur seyn msse.

Am folgenden Morgen trug er, ohne seine Grnde anzugeben, darauf an, da
man noch einiges Merkwrdige in der Nhe betrachten, dann aber nach
Liebenstein reisen mge. Mein theurer Freund, sagte Ferdinand, mit
einiger Heftigkeit: wie kommen Sie auf diesen Entschlu? Warum nach
Liebenstein? Ich hoffte, wir wrden von hier aus uns mehr sdlich und
nach dem Schwarzwald, vielleicht sogar nach der Schweiz wenden, um einen
Theil des Herbstes in den schnen Alpengegenden und an den erfrischenden
Seen zuzubringen. Und nun schon, noch so zeitig im Jahre, uns wieder
nach Norden wenden? das sieht schon wie Rckkehr aus, die ich in diesem
wahrhaft schnen Sommer, der uns vielleicht noch lange begnstigt, weit
hinausschieben mchte.

Schon umkehren? rief Wachtel aus: wie? Ich habe auf den Rhein und die
schnen Weinpltze Bacharach, Rdesheim, Nierenstein gehofft -- und nun
wieder in das kalte Bierland hineinreisen? Ei, welch ein bser Geist hat
Ihnen, verehrter Freund, den bsen Gedanken zugeraunt?

Sie wissen, fuhr Ferdinand fort, mir ist nur in den Gegenden, wenn ich
in der Fremde bin, recht wohl, wo ich die alten Mnster, den
katholischen Cultus, die Bilder und Feierlichkeiten, so wie Alles, was
damit zusammenhngt, sehe und mein Gemth erhebe. Haben wir doch oft
genug darber gestritten. Es ist fast, als wenn ich eine Geliebte
verlassen, indem ich diesen schnen Provinzen wieder den Rcken wenden
soll.

Geliebte! sehr wahr! rief Wachtel, fast schluchzend. Ich kenne das
schon, um wie viel theurer und schlechter der Wein in den Gegenden dort
oben ist. Nun habe ich mein Herz hier so weit hinweg spazieren gefhrt
und es so recht gemthlich im Sonnenschein der Andacht ausgelabt und
eingesommert. Ich kann schwren, mit jeder Meile, die mich von meiner
Frau um eine mehr entfernt, fhle ich meine Liebe zu der vortrefflichen
Person inniger und brnstiger. Welchen schnen Liebestrumen hing ich
nun nach, da noch wenigstens hundert Meilen sich zwischen uns legen
sollten, um mich so recht und voll in die erste Jugendliebe hinein
reisen und rasen zu lassen. Das htte vielleicht eine so ausbndige
Verliebtheit zu Stande gebracht, wie nur jemals zwischen Ablard und
Heloisa stattgefunden hat, -- und nun soll ich pltzlich ernchtert
werden, denn das wei ich im voraus, mit jeder Meile, die ich jetzt
schon, um so vieles zu frh, der Theuern nher komme, wird mein Herz
klter, und Sie haben es zu verantworten, Baron, wenn ich als ein
rechter Gimpel, als kalter Frosch, als miserabler Philister meiner Alten
ganz herzlos und krppelmatt an den Hals falle.

Walther sagte lachend: liebe Freunde, es kann nicht meine Absicht seyn,
Sie irgend in Ihrer Reiselust hemmen oder auf falsche Wege verlocken zu
wollen. Unsre Trennung, wenn sie jetzt so viel frher eintritt, wird
mich schmerzen; aber wir finden uns wohl spter wieder. Was mich jetzt
nach Liebenstein zieht, ist ein kleines Geschft. Sie wissen, wir Alle
hatten bei unsrer Abreise von Dresden keinen festen Plan, wir wollten
uns leichtsinnig dem Zufall und unsrer Laune ganz berlassen. Vergessen
haben Sie aber ganz, da wir beim Abschiede in Karlsbad unserm Freunde
Carl Hardenberg fest versprachen, ihn in Liebenstein wiederzusehn. Diese
Zeit ist jetzt, und versumen wir sie, so treffen wir ihn dort nicht
mehr an und er hat uns vergeblich erwartet.

Es ist wahr, sagte Ferdinand, wie aus tiefem Nachsinnen erwachend;
dieses Versprechen, welches fast ein feierliches war, ist mir seitdem
ganz entschwunden. Und so begleite ich Sie denn, lieber Walther, theils
um meiner Pflicht gegen jenen Freund zu gengen, andrerseits aber, um
lnger in Ihrer Gesellschaft zu seyn und mit Ihnen die Schnheiten
unsrer Reise zu genieen.

Sei's drauf gewagt, rief Wachtel, sollte ich auch mit ganz eiskaltem und
erfrornem Herzen zu meiner vielgeliebten Gattin zurckkommen. Ich wei
nicht, ob es Heilige giebt, denen sich ein kalt werdender Liebhaber und
Gatte empfehlen kann, oder ob Protektoren der zrtlichen Ehe angestellt
sind, die die Flammen so anfachen, wie der heilige Kilian sie auslscht;
wenn Du mir, Ferdinand, keinen zu nennen weit, so ist das eine groe
Lcke in Deinem vielgepriesenen, bilderreichen und wundervollen
katholischen Cultus. Der Ablard, der dazu passen knnte, war auerdem
schon ein Ketzer; und seine Heloisa gilt auch fr eine fromme Snderin;
und so hat die Kirche die beste Gelegenheit versumt, durch zeitgemes
Canonisiren diesem Bedrfni abzuhelfen.

                   *       *       *       *       *

Die Freunde reiseten nach diesem Entschlusse queer durch das Kocherthal
und besuchten Neustadt an der Linde. Von einer auerordentlich groen
Linde hat dieses Stdtchen seinen Beinamen. Nach dieser anmuthigen
Gegend kamen sie durch den Harthuser Wald. Das Thal der Jaxt ist
zerrissen, die Weinberge schroff, kahl und wei, und das Land ist hier
weniger fruchtbar, als das Thal der Kocher. Eine sehr groe und
schngebaute Brcke fhrt ber den Jaxtflu, der jetzt so klein war, da
er fast gar kein Wasser enthielt.

Aus Verehrung fr Gthe betraten sie das alte Haus, die Burg Jaxthausen,
in einer feierlichen Stimmung. Der berhmte Gottfried, oder Gtz, hat
hier nur in seiner Kindheit und frhen Jugend gelebt. Ein lterer
Bruder, Philipp, erbte diesen Stammsitz der Familie, und lebte, wie es
scheint, ruhig und glcklich auf diesem seinem Schlosse.

Alles ist hier alterthmlich, fest und mannhaft, wenn auch nicht
groartig. Das Archiv ist in einem groen, runden Thurm. Die
Wandschrnke, viele Sessel und Sthle schienen noch aus der Ritterzeit.
Die Wendeltreppe ist vortrefflich gebaut. Fest kann, ungeachtet der
Grben, das Haus doch nicht gewesen seyn; es liegt niedrig, auf ebenem
Boden und hat das Ansehn eines reichen Adelhofes.

Ein neues, anmuthiges Schlo von migem Umfang, welches eine Familie
Gemmingen bewohnt, liegt nahe bei Jaxthausen, und nicht weit davon, an
der Jaxt die Ruine der alten Burg Berlichingen, die alle Leute in der
Gegend dort Berlinchen nennen.

Eine Meile von Jaxthausen findet man in anmuthiger Waldgegend das
Kloster Schnthal. Hier ist das Erbbegrbni der Berlichingen; Gtz ist
als der letzte hier begraben worden, weil nachher die Familie
protestantisch war. Die Kirche ist schn, und Ferdinand hrte die
Erzhlung mit Ingrimm, da man nicht nur alle goldne und silberne
Gefe, sondern selbst zwei heilige Leiber bei der Aufhebung des
Klosters den Juden verkauft habe.

Ein Mnch verzeichnete die Bcher der Bibliothek, weil diese abgeliefert
werden sollte. Der Mann schien unwissend und sich mit den alten Drucken
oder Handschriften, bei denen er die Titel nicht finden konnte, sehr zu
qulen. Ferdinand machte sich an ihn und half ihm bei einigen. Im
Verlauf des Gesprches jammerte der Mnch ber die Aufhebung des
Klosters. Ferdinand stimmte mit ein und sprach von den Vortheilen und
Reizen der Einsamkeit, und wie schn die Einrichtung gewesen, da vielen
Geistern, die den Beruf gefhlt, Freisttten seien gestiftet worden, in
welchen sie sich ganz und vllig von der Welt unabhngig, den
Betrachtungen der hchsten Gegenstnde htte widmen knnen. Seit lange
aber, fuhr er fort, ist die Einsamkeit verrufen, Alle, so hrt man
immerdar, sollen und mssen in die vielfachen Wirbel und in die
Verwirrung der Welt hineingetrieben werden; praktisch, so ruft man schon
dem Kinde zu, mut Du werden, um die Geschfte, die Aufgaben des Lebens
verwalten und lsen zu knnen. Die Namen eines Stubengelehrten, einsamen
Denkers, stillen Forschers sind wie die Benennungen Einsiedler,
Klostermnch, aberglubischer Priester, zu Schimpfnamen geworden. Und
dennoch -- wenn man diese Weltmenschen kennt und beobachtet, die in den
Rdern der groen Weltmaschine hanthiren und immerdar mit dem Gewhle
der verwirrten Masse umtreiben -- wie ist ihr Gemth abgestumpft und
keiner groen Eindrcke und Entschlieungen fhig. Ungewohnt, einen
wahren, echten Gedanken zu fassen, eine belebende Idee zu ergreifen und
sie dann anwendbar zu machen, ist ihr ganzes praktisches Treiben nur wie
das des Maulthieres in der Drehmhle, thtig ohne Geschft, im
Mechanismus als Maschine arbeitend. Lehrt uns denn nicht die Geschichte,
da so oft jene stillen Menschen, die sich der Einsamkeit ergaben, in
Zeiten der Noth hervortraten, um Das zu ordnen und zu beschwichtigen,
was allen Weltregierenden und in der Welt Erzogenen zu mchtig geworden
war? Einige der edelsten Ppste nicht nur waren in der Stille des
Klosters gebildet und herrschten im groen Sinne, als sie berufen
wurden, auch auer so manchen Bischfen und Aebten waren es oft einfache
Mnche, die in Zeiten der Drangsal auftraten, um mit dem Seherblick, den
gerade die Einsamkeit geschrft hatte, Krfte zu entdecken, die die
verderblichste Verwirrung in lichte Ordnung umwandelten.

Darum, sagte der Mnch, der von Zeit zu Zeit von seinem Cataloge aufsah,
ist es Unrecht, wie man jetzt mit uns umgeht. Nicht anders, als wenn wir
Mordbrenner und Landesverrther wren. Und grausam ist es obenein. Denn
unser eins hat nun von Jugend auf nichts anders gelernt, wir knnen uns
auf keine andre Weise ernhren, und doch stt man uns in die Welt ohne
alle Versorgung, denn die armselige Pension, die man uns auswirft, kann
kaum gerechnet werden.

Ferdinand wendete sich mit dem Ausdruck der tiefsten Verachtung von dem
Manne ab. Als sie drauen waren, fragte ihn Wachtel: was ist Dir nur,
da Du pltzlich so sehr verstimmt bist? -- Wenn mir, rief Ferdinand
aus, der ich ein Laie, ein Protestant bin, das Herz brechen mchte, weil
ich in einem Zeitalter geboren bin, in welchem eine ganze Welt von
Herrlichkeit, Poesie und Kunst in ein groes Grab hhnend geschttet
wird, eine Welt, in welcher so Groes erwuchs und geschaffen wurde, die
fr Bildung, Gelehrsamkeit und echte Freiheit so viel that, die durch so
viele geistliche Helden und Mrtyrer verherrlicht ist, -- und ich sehe
einen Mnch, der diesem zerstrten Tempel angehrt, um nichts als sein
tgliches Brot seufzen, den nur die Kche dauert, die zugleich mit dem
Wunderdom zerfllt, so mchte ich verzweifeln. Er fhlt sich nicht
gekrnkt und im tiefsten und heiligsten Ehrgefhl seines hohen Standes
verletzt, nein, er wre zufrieden, wenn er nur in irgend einem Pallast
seiner Verfolger wieder Kchenjunge werden knnte. Giebt es freilich
viele dieser Art, haben manche Regierende wohl selber so gedacht, so ist
diese groe Kirchenanstalt in sich selbst, auch ohne uern Ansto und
ohne die weltliche Habsucht, zusammengebrochen.

Sei nicht unbillig, rief Wachtel aus, wie soll ein gewhnlicher Mnch,
von frhster Jugend zum unbedingten Gehorsam gewhnt, dessen grte
Tugend es seyn mute, den eignen Willen zu brechen, Deinen Enthusiasmus
theilen oder verstehn? der bei Dir auch nur um so feuriger ist, weil Du,
in einer ganz anders gestalteten Fremde erzogen, als Fremdling in diese
zerstrte Welt hineinschaust. Du bist noch ziemlich jung, wohlhabend,
hast niemals Mangel empfunden, kannst es also in Deinem bermthigen
Blute nicht wissen, wie bitter die Nahrungssorgen sind. Auerdem bist Du
so erzogen und unterrichtet, da Du im uersten Fall zu hundert
Geschften greifen knntest, um Dich zu ernhren; hast auch, durch den
Weltumgang, Dreistigkeit gewonnen, mit Menschen umzugehn und Dir
Beschtzer zu suchen. So ein Armer aber, wie dieser, von frhester
Kindheit verschchtert, erniedrigt und eingezwngt, wenn dem die
Maschine zerbrochen wird, an der er arbeitet, und er gar nichts gelernt
hat, als an dieser einen Stift einzufugen, der ist unendlich zu
bedauern.

An diesem Tage kamen die Reisenden noch bis Mergentheim und setzten am
folgenden Morgen ihren Weg fort, lngs der Tauber. Die Gegend bis
Bischofsheim ist nicht schn, das Thal der Tauber ziemlich kahl. Von
Bischofsheim bis Wrzburg war die Gegend auch nicht interessant und
Ferdinand sagte: ich glaube fast, da wir gestern den letzten eigentlich
poetischen Tag unserer Reise genossen haben.

Sie sind nur, antwortete Walther, gegen das Zurckkehren und scheinen
mir eine zu groe Vorliebe fr das unbestimmte Herumschwrmen zu
verrathen.

So ist es, rief Wachtel aus, das war von frher Jugend an seine Passion.
Er ist ein schlechter Staatsbrger und Patriot.

Das Reisen selbst, erwiederte Ferdinand, ist fr Den, welcher es
versteht, eine so poetische Kunst, da ich mich in diesem Sinne gern als
gebornen Vagabunden bekenne. Mich dnkt, der merkwrdige Theophrastus
Paracelsus sagt schon, das Reisen sei das Lesen eines herrlichen Buches,
in welchem man die Bltter mit den Fen umschlage. Die Natur und jede
ihrer Launen kennen zu lernen, sich ihr ganz zu eigen zu geben,
Heiterkeit und Genu wie Regen und Sturm mit Dank empfangen, dies
verstehn nur wenige, und die es vermgen, sind schon Eingeweihte. Dann
die Kunst, zu lernen, wie man mit dem Volke leben kann, da man aus
allen Gesinnungen etwas Neues hrt, da man die Spur findet, wo auch in
anscheinender Einfalt die Weisheit unbewut spricht, wie die Wahrheit
immer hinter allen Masken der Lge hervorblitzt, alles Dies dient,
unsern Geist zu erheben und reif zu machen. Dazu die Wunder, das
Staunenswrdige, das uns Kunst, Natur, das Firmament und die Elemente
bieten, oft auch die unscheinbare Gesellschaft und der zufllige
Spaziergang. Schon in Teplitz sah ich dergleichen, und ihr Alle, die ihr
doch gern staunen mgt, habt es ebenfalls angeschaut, doch ohne es zu
beachten. Dorthin kommen alle Sommer aus dem innersten Ungarn Menschen,
welche die deutsche Sprache nicht verstehen. Sie verkaufen Draht,
Musefallen und andere geringfgige Sachen, dabei bessern sie kupfernes
Geschirr aus und umflechten Tpfe und Schsseln. Sie gehen in braunen,
langen und weiten Jacken, und nur in dem Einen Aermel steckt in der
Regel der eine Arm, sie haben keine Schuhe und Strmpfe nach unserer
Art, sondern tragen eine Art von Sandalen, und mit Tuch oder Leinwand
ist das Bein umwickelt, so wie es vor der Erfindung der Strickerei und
Weberei gebruchlich war. Ihr Gang hat nichts von unserer Dressur,
sondern ist so frei und leicht, wie ihn kein Tanzmeister erreichen oder
nur nachahmen knnte; dabei ist in ihren Schritten aber nichts von dem
festen Springegang, den man an den Tyrolern beobachten kann. Eben so hat
ihr Auge nichts von dem khnen Umblick jener Bergjger, sondern es sieht
ruhig und in stiller Schwermuth geradeaus und nieder, ist aber niemals
forschend oder neugierig. Diese Armen, weil ihr Gesicht von ihrem
Geschft in der Regel schwarz und ungewaschen und von der Sonne und dem
langen Wege gebrunt ist, werden von manchem Badegast wie Banditen und
Bsewichter angesehen. Ich bin ihnen stundenlang nachgegangen, um sie zu
beobachten, ich habe mich mit ihnen zu verstndigen gesucht und ihnen
manche Gabe zukommen lassen, weil mir ihr Wesen so edel und echt
menschlich schien. Sie sammeln, was sie an kleiner Kupfermnze
einnehmen, und schtten es in einen Aermel ihrer Kutte, den sie unten
zubinden, um mit dem geringen Erwerb mhsam in ihr fernes Vaterland
zurckzukehren. Der Ausdruck ihres Gesichtes ist so schwermthig, da
man sich angezogen fhlt, und was das Merkwrdigste ist, ich habe
niemals einen von ihnen lachen, oder auch nur lcheln sehn, sei es ein
junger Mensch oder ltlicher Mann, selbst wenn ich ihnen eine Gabe
mittheilte, die ihre Erwartung bertraf. Ein milder, dankender Blick hat
mich gerhrt, und sie waren augenblicks so ruhig, wie immer. Wer sind
diese Menschen, die mir als ein Wunder in unsrer Welt erschienen? Sind
sie eine Art Paria? Mit den Zigeunern haben sie keine Aehnlichkeit. Ich
konnte sie nicht ausfragen, weil sie mich nicht verstanden, die brigen
Menschen gingen gleichgltig an ihnen vorber, und ich wrde einen
Otaheiten oder Chinesen nicht mehr als diese umherwandernden
Kesselflicker anstaunen.

Du magst nicht Unrecht haben, sagte Wachtel, es thut mir leid, da ich
diese Slawaken, oder Croaten und Wallachen nicht besser beachtet habe.
Kommt mir einmal wieder einer in den Wurf, so will ich ihn gewi unter
mein Mikroskop nehmen.

Nach Tische verlie die Gesellschaft Wrzburg und begab sich nach dem
Lustschlosse Werneck. Im Garten dieses ehemals frstbischflichen
Schlosses sind noch einige schngeflochtene Berceaus, nach alter
franzsischer Art, und Ferdinand ergo sich in Lobpreisungen dieser
jetzt verschmhten Gartenkunst, fr welche er eine fast bertriebene
Vorliebe zeigte. Nichts so Entzckendes, rief er aus, als ein solches
dichtgeflochtenes hohes Gewlbe von glnzendem, jungem Buchenlaub. Die
Sonnenhitze kann nicht durchdringen, und man wandelt wie in einem
lebendigen Saale oder dem Schiff einer Kirche, dessen Wlbung das
glnzende Licht in Smaragden verwandelt. Die erfrischende Khle spielt
durch den weiten, langen Raum; im Sturm und Regen ist der Gartenfreund
hier wie im Schlosse selbst gesichert. Um zu lesen oder ein vertrautes
Gesprch zu fhren, ist ein solcher Gang vorzglich geeignet, ja er
erzeugt durch das Offene, Heitere und zugleich Abgeschlossene Vertrauen,
und das auffallend Knstliche dieser Bogenwlbung, so innigst mit der
Baumschnheit verbunden, ist so lieblich und phantastisch, da es wie
von selbst Poesie und zarte Wundertrume erregt. Preise man nur nicht so
unmig jene monotonen, melancholischen englischen Grten, die weit eher
ein Rckschritt zur Barbarei zu nennen sind, als da sie die echte,
hhere Gartenkunst sich rhmen, oder gar fr die einzig wahre ausgeben
drften.

Sie blieben die Nacht in Schweinfurt, einem wohlhabenden, behaglichen
Stdtchen. Am folgenden Morgen verlieen sie die Chaussee, um auf
schlechten Wegen nach dem Badeort Kissingen zu gehen; der Ort ist nur
klein und es waren nur wenige Trinkgste zugegen. Eine Meile entfernt
ist das Dorf und Bad Bocklet. Hier ist eine schne grne Natur,
waldbewachsene Hgel, frische Thalwiesen und eine anmuthige, feierliche
Einsamkeit. Nach einem ziemlich langen Spaziergang kamen sie in den
Speisesaal zur versammelten Gesellschaft. Ferdinand traf einige Damen
und Frulein, die er wohl sonst in Berlin gesehen hatte. Es berraschte
ihn seltsam, in diesem einsamen kleinen Orte Figuren wiederzufinden, die
er sich bis dahin nur in den groen erleuchteten Salons hatte denken
knnen.

Hren Sie, sagte Walther zu Wachtel, den er bei Seite nahm, mit welchem
Enthusiasmus unser Freund wiederum von seinen berlinischen Freundinnen,
vorzglich aber von der Familie aus Madlitz spricht. Er ist bermig
glcklich, da er einige Dmchen getroffen hat, die doch einigermaen,
wenn auch ungern, in das Lob seiner Schnheiten einstimmen; denn es ist
mehr als ungalant, man kann es unartig nennen, gegen junge Damen andere
abwesende in so hohen Tonarten zu loben. Bemerken Sie nur, wie alle
diese Badeschnheiten die zierlichen Lippen aufwerfen und die Nschen
rmpfen, wie sie so leicht und schonend diesen und jenen Tadel der
gefeierten Grazien einschlpfen lassen, um der zu schmetternden Trompete
unsers Freundes einen kleinen Dmpfer aufzusetzen. Er ist nicht zu
entschuldigen, wenn er nicht dort, wie ich zu glauben Ursach habe, schon
versprochen ist.

Bei Tische war man heiter, und nur Ferdinand, der es wohl fhlte, da
die anwesenden Schnen nicht mit ihm zufrieden waren, verlie mit einem
kleinen Mimuth den Saal. Er ging mit Wachtel und Walther auf den
Kirchhof des Ortes, um das Grab der Auguste Bhmer, der Stieftochter
Wilhelm Schlegels, aufzusuchen. Nicht ohne Thrnen konnte er ihrer
gedenken, und sagte endlich: Wie schwach sind doch die Menschen, da sie
nur selten das Lob eines vorzglich begabten Menschen, sei er durch
Schnheit, sei er durch Geist ausgezeichnet, mit edler, wahrer
Theilnahme anhren knnen. Gleich glauben sie, es wrde ihnen etwas
entzogen, oder man setze sie gar herab, und so eilen sie denn, sich in
Reihe und Glied zu stellen, was im Grunde lcherlich ist, weil sie
voraussetzen, man msse sie ebenfalls zu jenen Hochbegabten rechnen. Von
den Verstorbenen ertragen sie schon eher die rhmliche Nachrede. Wie
traurig, da das Andenken eines so schnen Wesens, wie diese Auguste
war, so schnell erlschen mu. Diese natrliche Heiterkeit, der Frohsinn
dieses Mdchens, ihr unschuldiger Witz und sanfte Schalkheit, gepaart
mit Verstand und Geschmack, war in ihrer schnen Jugend eine zauberhafte
Erscheinung. Schlegel hat ihrem Andenken einige vorzglich schne
Trauergedichte gewidmet. Diese liebliche Erscheinung gehrte ebenfalls
zu der frohen, geistreichen Gesellschaft, von der ich neulich in so
starken Ausdrcken sprach, so wie die feine, geistreiche Mutter dieser
Auguste, eine hchst gebildete Frau, die jetzt die Gattin Schellings
ist. Diese Frau hatte ein so feines, gebtes Ohr, da Schlegel sie bei
seinen Gedichten und Uebersetzungen zu Rathe zog, und sie entschied fast
immer, wenn er zwischen drei oder vier verschiedenen Lesearten ungewi
war, welche er als die wohllautendste oder passendste whlen sollte.
Diese Frau, so wie die Gattin Hubers und noch wenige, gehrten ohne
Zweifel zu den frhesten und entschiedensten Bewunderern unsers Gthe;
viele der knftigen Literatoren werden es vielleicht nicht glauben
wollen, wie sehr edle und geistreiche Frauen in unserer deutschen
Literatur den Ausschlag gegeben haben. Als ich vor ungefhr zehn Jahren
Berlin wiedersah, war unter den vorzglichsten der dortigen Frauen Das
lngst ausgemacht, was Recensenten, Dichter und Gelehrte nicht begreifen
wollten, da Gthe unser grter Nationaldichter sei, ein Poet in
wahrster und hchster Bedeutung, und da die groen Talente, die
mitunter selbst im Einzelnen etwas Greres als er leisten mchten, sich
doch mit der Groheit und Vollendung seines Wesens nicht messen drften.
Die Mutter Auguste's reisete vor drei Jahren hieher, um die Bder zu
brauchen, und mute ihre schne, liebenswrdige Tochter hier begraben
sehen.

Am Abend gelangten sie noch bis Neustadt an der Sale. Die Formen der
Berge waren hart und rauh, Alles schien nrdlich und unfreundlich. Die
Freunde waren zu verdrossen, um die Ruine, eine der ltesten, in der
Nhe der Stadt zu besteigen.

Bei der Fortsetzung der Reise schalten sie am folgenden kalten Morgen
ber die finstern, widerwrtigen Gestalten der Berge. Kurz vor Meiningen
liegt die Ruine Henneberg zwischen schnen Tannen. In Meiningen fragten
sie nach Jean Paul, der aber schon nach Franken gezogen. Durch schne
Gegenden und Thler fuhren sie nach Bad Liebenstein, dessen romantische
Lage sie wieder erfreute, und fanden hier ihren Freund Carl von
Hardenberg wieder, den ein jngerer Bruder, Anton, begleitet hatte.

Die schne Gegend wurde am folgenden Tage durchstreift, die alte Burg,
die krftigen Wlder, die grottenartigen Felsen besucht. Man speisete im
Freien unter schnen groen Bumen, durch den Berg gegen Winde
geschtzt. Am Nachmittage fuhr ein prchtiger Postzug mit vier schnen
Rappen vor, und die Freunde glaubten irgend einen Prinzen ankommen zu
sehen, als zu Walther's Erstaunen jener Freysing, den er vor zehn Jahren
in Erlangen gekannt hatte, aus dem Wagen springt, von seinen Bedienten
untersttzt. Sind Sie's wirklich? fragte Walther, und der Fremde eilte,
den lange nicht Gesehenen zu umarmen.

Nachdem man sich begrt hatte, gingen Walther und Freysing zu einer
einsamen Stelle, ziemlich weit vom Bade entfernt. Es freut mich, fing
Walther an, Sie so wohlhabend und reich wiederzufinden; Sie mssen in
glcklichen Umstnden leben.

Glcklich? rief Freysing aus: Sie sehen den unglcklichsten Kerl auf
Erden vor sich! Reich? o ja, insofern ein Spieler sich so nennen kann.
Sie wissen um den sonderbaren Zufall, da ich damals in Nrnberg jene
groe Summe gewann, durch welche ich alle meine Glubiger befriedigen
konnte. Statt nach meiner Heimath zurckzukehren und eine Bestimmung zu
suchen, ging ich mit den dreihundert Goldstcken, die mir noch brig
waren, nach einem groen Badeorte, Wo hoch gespielt wurde, und gewann
wieder auf seltsame, unerhrte Weise. Ich war in dem Zaubernetz
gefangen, da ich nur Karten dachte und trumte. War die Nacht schon
weit vorgerckt und ich bermdet und demnach fieberhaft aufgereizt, so
war es, als wenn ein Dmon meine Finger in meiner Betubung regiere, und
ich, so stumpf ich war, bestimmt wisse, welche Karte gewinnen msse. Wer
es nicht selbst erlebt und diese qulende Lust an sich erfahren hat, hat
keinen Begriff davon, wie teuflisch wild, wie grlich heiter das Leben
eines Spielers ist. Ich war bald reich genug, selbst Bank zu halten. So
ist der grne Tisch, Gold und Karten meine Heimath, mein Ein und Alles,
mir Frau und Kind und Religion und Natur. Ich habe keinen Sinn fr
irgend was. Wenn meine Gehlfen schon in der Nacht kaum noch die Augen
aufzwingen knnen, fluche ich ber mein verdammtes Geschft, lege mich
betubt und krank nieder, wandle umher, esse, und kann die Zeit nicht
erwarten, bis das Geklirr und Rauschen des Goldes auf dem grnen Tische
wieder anhebt. Ich stehe auf, um fnf- oder sechstausend reicher, und es
macht mir keine Freude; ich verliere ebensoviel, und es ist mir ganz
gleichgltig, und doch ist der verfluchte Gewinn der Sporn, welcher mich
stachelt. Wenn ich reise, so kommt oft, wie ferne Erinnerung aus Wald
und Fels, ein edles Gefhl auf mich zu, eine Wehmuth ergreift mich ber
mein zerstrtes Leben, und ich entlaufe dem Gefhl im Pharo; oft schon
dachte ich, ein schnes, liebes Mdchen knne an meiner Seite mit mir
meines Reichthums genieen; aber pltzlich fallen mir die Fratzenbilder
der Kartendamen ein, und welche mir schon groe Summen gewonnen, und
Leben und Schnheit erblat vor diesen Gespenstern. Meine Eltern sind
gestorben und ich habe sie nicht wiedergesehen. Wenn ich einmal Alles
verlieren sollte, so werde ich mir mit der grten Kaltbltigkeit eine
Kugel durch mein zerrttetes Hirn jagen.

Walther wrde vielleicht von dem Wahnsinn und Elend seines ehemaligen
Freundes noch tiefer erschttert worden seyn, wenn er nicht stets nach
der groen, wunderbaren Hhle geblickt htte, in deren Nhe sie
wandelten, die jetzt verschlossen war, und die morgen, am Sonntage,
magisch erleuchtet werden sollte, zu welcher Festlichkeit sich viele
Menschen aus der Umgegend, sowie aus Meiningen versammelten. In dieser
Menschenmasse hoffte er denn morgen auch seinen Feind, den er so lange
schon vergeblich verfolgt hatte, sowie die schne Maschinka,
anzutreffen.

                   *       *       *       *       *

Der Sonntag, der 24. Julius, war erschienen. Ferdinand begriff nicht,
weshalb Walther so feierlich sei; dieser, indem er jede Art von
Unterhaltung vermied, schien auf etwas gespannt, das sich im nchsten
Augenblicke erklren msse.

Ferdinand schien ebenso bewegt, und Wachtel beobachtete die beiden
Freunde, indem er zu sich selber sagte: Narren sind beide, das ist
gewi, aber jeder nimmt einen aparten Anlauf, um vollstndig thricht zu
seyn. Der Ferdinand bereitet sich auf die Hhlenerleuchtung vor, wie auf
das Einweihungsfest eines Rosenkreuzers, und der Walther, der weit mehr
Baron ist, wird, so brbeiig er auch jetzt thut, die Sache nachher als
Lappalie behandeln. Krzlich soll der Pfarrer einmal in der Hhle
gepredigt haben, kann seyn, da man nchstens ein Melodram, ein
Banditenstck, oder ein allegorisches, mit Erdgeistern drin spielt.

Beim heitern Sonnenlicht ging man eine Stunde vor Mittag in die groe
und von vielfachen Gngen durchschnittene Hhle, welche man erst seit
einigen Jahren entdeckt hatte. Schwebende Lampen erhellten von oben das
Gewlbe, versteckte Lichter, die unten und ungesehen brannten,
erleuchteten seltsam die Gnge, die bald hher, bald niedriger, bald
breiter oder enger sich durch die Rume zogen. Ferdinand war bezaubert,
Walther erstaunt und Wachtel geblendet. Unglaublich viele Menschen waren
in diesen unterirdischen Rumen versammelt und wogten hin und her,
redend, flsternd, lachend, allerhand Dinge erzhlend, und andere wieder
lallend bewundernd, oder bei jeder Beugung des Ganges staunende
Ausrufungen ausstoend. Wahrlich, sagte Wachtel, wer sich hier ein
Liebchen herbestellen knnte, Oheim, oder Vater, oder Vormund zum Trotz,
der htte ein Rendezvous, um nicht das dumme Stelldichein zu brauchen,
allhier, wie sonst in Europa kein zweites. Luft nicht Alles wie Feen
und Geister so zwitschernd und flsternd durcheinander? Und bei der
Geistercompagnie hrt man nichts Bestimmtes, man vernimmt nur wie
unterirdische Chre. Man sieht nicht deutlich, sondern ist nur
geblendet, bald ist es finster, bald zu hell, und der Widerschein von
den dunkeln Felsengruppen mischt sich wie ein Traum in jedes
Verstndni. Meine alte Muhme, sowie meine husliche liebe Gattin
knnten mir hier zur Helena oder einem thessalischen Zauberbilde werden.
Stoen Sie mich nicht so sehr mit dem Ellenbogen, mein Herr von Spuk;
zwar in der Unterwelt vergessen sich alle Hflichkeiten.

Was der Freund hier im Gebiet der Phantasterei schwadronirt, sagte
Walther, doch horch -- still -- was ist das? --

Wundersame Musik von Waldhrnern klang herber. Ein Chor von blasenden
Musikanten war oberhalb, ohne da man sie sehen konnte, in einer
Felsennische aufgestellt. Immer wunderbarer! rief Walther aus. Mich
schwindelt! Und es war nicht unbegreiflich, da surrend, brummend,
flsternd und halb leise sprechend so viele Gestalten vorbergingen,
sich begegnend, grend, andere geblendet und sich nicht kennend. --

Jetzt standen sie vor einem kleinen See. Ein Nachen fuhr von jenseit
herber, und Ferdinand stieg hinein. Ein anderer Fremder drngte sich
hinzu, und Walther vernahm von einer weiblichen Stimme den leisen
Ausruf: Romeo!

Walther machte die Bewegung, in den Kahn nachzusteigen, als dieser schon
abfuhr und sich in der Dmmerung entfernte. Bei dem ungewissen Licht
konnte er die Gestalten nicht mehr unterscheiden; ja, er war selber
ungewi, ob sich Ferdinand auch unter jenen Gestalten befunden, die im
Dunkel schon ganz verschwunden waren. Er wendete sich rckwrts, um
Wachtel wieder aufzusuchen, der sich ihm im Getmmel verloren hatte,
aber er konnte, so sehr er sich bestrebte, Niemand genau erkennen, so
blendeten die vielfach zerstreuten und sich kreuzenden Lichter.
Sinnverwirrend war das Geflster, und die hin und wieder fliehenden
Worte und Reden der Wandernden, die sich begegneten, kreuzten, suchten
und sich wieder verloren. Endlich sah er Wachteln und bat diesen, bei
ihm zu bleiben. Wachtel stellte sich neben ihn, und da die Musik der
Hrner jetzt wieder begann, so kehrten sie um, um die wunderbare
Harmonie nher zu hren. Knnen Sie es begreifen, sagte Wachtel, da
unser Ferdinand die Hhle und dieses magische Schauspiel, welches doch
recht eigentlich fr ihn eingerichtet zu seyn scheint, schon wieder
verlassen hat?

Wie? rief Walther, ich htte schwren wollen, ich habe ihn da hinten den
finstern Kahn besteigen sehn, um die stygische Flut zu berschiffen.

Nein, sagte Wachtel, er ist unlngst mir vorbeigelaufen, um, wie er
sagte, zur alten Burg hinaufzusteigen, weil ihn dies Getmmel hier zu
sehr betube.

Man wird thricht und verwirrt, erwiederte Walther, so wunderlich und
romantisch das Ganze auch angeordnet ist.

Jetzt lieen sich einige polnische Reden in der Nhe vernehmen, und da
Walther der Sprache kundig war, so verstand er, da zwei Mnner ein
Frauenzimmer suchten, die mit einem Hauptmann in der Hhle spazieren
wandle. Jetzt war Walther berzeugt, diese wren Mitwissende und knnten
nur von der verlorenen Maschinka reden. Er hielt sich in der Nhe dieser
Fremden und verlor darber seinen Freund Wachtel wieder aus dem
Gesichte.

Die Polen wurden immer eifriger im Suchen, endlich sagte der eine in
seiner Sprache: ich frchte nur, bei ihrer groen Reizbarkeit und
Nervenschwche wird sie nach diesem sonderbaren Tage wieder auf lange
krank seyn.

Doch, antwortete der Andere, bersteht sie oft Alles besser, als man es
frchten mu, wenn sie ihre Imagination nur beschftigen kann, und diese
findet doch hier des Spieles genug. Nur ruhen mu sie nachher.

Ein lauter Ausruf entstand, indem man sich vorwrts bewegte, denn ein
Kind war gefallen, welches einige Damen liebkosend und trstend
aufhoben. Indem glaubte Walther in der gedrngten Gruppe die Gestalt
Ferdinands wieder wahrzunehmen. Als er sich aus dem Gedrnge freigemacht
hatte, waren, indem er umherblickte, die Polen seinem Auge wieder
entschwunden. Er eilte verwirrt nach einer andern Richtung und jetzt
glaubte er deutlich wahrzunehmen, da Ferdinand in einiger Entfernung
vor ihm hergehe und ein schn gewachsenes, reich gekleidetes
Frauenzimmer am Arme fhre. Er suchte in ihre Nhe zu kommen, und indem
er schon seinen Arm ausstreckte, um seinen Freund zu berhren, rief die
Stimme des Polen dicht hinter ihm: Maschinka! Jetzt sah er, da
Derjenige, welcher die Dame fhrte, nicht Ferdinand sei, aber seine
Ahndung, hier Maschinka und ihren Entfhrer endlich zu treffen, war doch
in Erfllung gegangen. Er packte also den Fremden ziemlich unsanft am
Arm und rief: Hier habe ich Sie also doch, nach vielen Mhungen, mit
Ihrer Maschinka entdeckt! Indem war der Pole mit einem Ausruf der
Verwunderung ebenfalls nher gekommen, und wie erstaunt und beschmt war
Walther, als er in dem Festgehaltenen seinen Reisegefhrten Wachtel
erkannte und sich jetzt die Dame, eine hochbejahrte Frau, herumwendete.
Wie? mein Herr! fragte der Pole: Sie wagen es, meine Schwester zu
beleidigen?

Keine Beleidigung, mein Herr, rief Walther, ich hielt die Dame und
diesen meinen Freund fr ganz andere Wesen, und bitte, mir meinen
Irrthum und die Uebereilung zu verzeihen.

Die alte Dame fate jetzt den Arm des Bruders, indem sie sagte: Als ich
Dich verloren hatte und ziemlich ngstlich umherirrte, war dieser Herr
so gtig, sich meiner anzunehmen. Der Pole dankte Wachteln mit artigen
Worten und dieser erwiederte lachend: Es ist Nichts natrlicher, als da
man in diesem unterirdischen Reiche der Phantasterei etwas confuse wird.

Das Gedrnge von Menschen, welches sich in dem engen Raume aus Neugier
versammelt hatte, lsete sich wieder auf, und Walther eilte jetzt
verdrossen und verstimmt aus der Hhle und Wachtel folgte ihm, um ihm im
Freien seine Klagen vorzutragen.

Mein Theuerster, fing er, als sie im Felde standen, an, Sie haben
mitunter sonderbare Launen, die man nicht begreift. Was haben Sie mit
dem Namen Maschinka, da er Sie immer so auer sich versetzt? Sie haben
mich so stark in meinen Arm gezwickt, als wenn Sie ihn mir zerbrechen
wollten, und in Ihrem Tone, mit dem Sie sprachen, lag etwas so Drohendes
und Beleidigendes, da ich vorher recht bse auf Sie htte werden mgen.

Sie haben ja gehrt, rief Walther unmuthig aus, da ich mich geirrt, da
ich Sie fr wen ganz Andern nahm. Eine gewisse Maschinka ist eine
Bekannte von mir, eine junge Dame, ein Frauenzimmer, das ich kenne, eine
weitlufige Anverwandte, die ich gerne wiedersehen mchte, und die sich
wahrscheinlich im Auslande befindet, ein wohlgebildetes Frulein, die
wohl vielleicht schon verheirathet ist, -- mit einem Worte, eine Dame,
die ich gerne wiedersehen mchte.

Wachtel lachte laut auf und sagte dann: Ich danke fr dieses herzliche
Vertrauen und diese offene Mittheilung. Er lachte wieder, und Walther,
dessen Verlegenheit sichtbar war, bat ihn, wieder ernsthaft zu seyn und
ihm zu vergeben, da er ihm nicht mehr sagen knne. Haben Sie die
Geflligkeit fr mich, fgte er dann hinzu, unserm Ferdinand von dieser
lcherlichen Scene nichts zu erzhlen. Genug, da ich vor Ihnen und
jenen Fremden beschmt und verlegen gestanden habe, und da Sie mich so
von Herzen auslachten, scheint mir Strafe genug. Versprechen Sie mir
das, denn ich bin in diesem Punkt vielleicht etwas zu empfindlich.

Ich gebe Ihnen mein Wort, ihm kein Wort davon mitzutheilen, antwortete
Wachtel; aber auch gegen meinen Ferdinand sind Sie seit einiger Zeit
nicht mehr so herzlich, als Sie es im Anfange unserer Pilgerschaft
schienen. Wenn Sie auch in den meisten Dingen anderer Meinung sind, so
sollten Sie doch sein Gutes und seine Freundschaft fr Sie anerkennen.

Da wir die meisten Dinge der Welt aus einem verschiedenen Standpunkte
ansehen, erwiederte Walther, macht mir ihn nur lieber, seine Schwrmerei
und sein Hang zum Aberglauben ist mir an ihm interessant; aber -- um
ganz aufrichtig zu seyn -- seit wir da oben auf dem Schlosse bei Bamberg
waren, in Glich, bin ich mitrauisch gegen seinen Charakter geworden.
Wenn ich seine frommen Reden bedenke, wenn ich hre, wie sentimental er
von der Liebe spricht, wie verschmt er in Gesellschaft roher Menschen
thut, fr einen Mann fast tadelnswrdig jungfrauenhaft, und denke dann
daran, wie er uns entlief und wieder zu dem schnen Mdchen nach dem
einsamen Saale hinaufeilte, so halte ich ihn fr einen Lstling, der
zugleich heuchelt und den Tugendhaften spielt. Mich wundert nur, da
jenes schne Kind, die Tochter des Frsters, ihn sogleich erhren
konnte, wie es doch schien. Er erhlt Briefe, die er verheimlicht, er
weicht uns oft aus und entfernt sich unter den nichtigsten Vorwnden;
hat er etwas Wichtiges zu verschweigen, so sollte er mir dies wenigstens
eingestehn; sind aber seine Heimlichkeiten immer kleine unerlaubte
Liebeshndel, so ist sein Charakter nicht so beschaffen, da ich ihn zum
Freunde behalten mchte.

Mein Herr, sagte Wachtel mit einiger Feierlichkeit, sind Sie etwa damals
in Glich auf unsern Freund gar nicht eiferschtig gewesen? denn das
schne Mdchen schien Ihnen auch zu gefallen. Was er liebt, wie er
liebt, wie orthodox oder heterodox, sentimental oder liberal er die
Sache betreibt, ob sein Herz nur Raum fr einen Gegenstand hat, ob es
vielen zugleich Quartier geben kann, ob die eine seine Gttin ist und
andere nur Dienerinnen, oder Zerstreuerinnen seiner Melancholie, ber
alles Dieses erlaube ich mir kein Urtheil und keinen Richterspruch, wenn
er mich nicht selbst in seine Geheimnisse einweiht. Aber er ist gut und
edel, darauf kenne ich ihn von Jugend auf. Geheimnikrmerei ist immer
seine Liebhaberei gewesen. Und Sie sind ebenfalls geheimnivoll gegen
ihn. Mir scheint, keiner wei vom Andern etwas Bedeutendes, Zufall und
Laune haben Sie vereinigt, aber das Leben, die Verhltnisse eines Jeden
sind dem Andern verborgen. Ich kenne Ferdinand seit lange und bin
vertraut mit seinem frheren Leben, aber was seit zehn Jahren mit ihm
geworden ist, liegt fr mich auch ganz im Dunkel.

Walther reichte ihm die Hand und sagte: Sie haben nicht Unrecht; ich
hoffe, im Verlauf der Reise wird sich noch die Gelegenheit finden, da
wir unsere Verhltnisse nher kennen, dann sollen Sie erfahren, warum
ich jetzt Ihnen so wenig als Ferdinand von meinen Verbindungen und
Absichten etwas vertrauen kann.

Beim Badehause fanden Sie Ferdinand lesend unter den Bumen, unter
welchen die lange Mittagstafel schon bereitet war. Ich konnte es in der
Hhle, sagte er, nicht aushalten, so bengstigte mich der Schimmer und
der Dunst der Lampen. Jetzt kamen die Gebrder Hardenberg und nach und
nach versammelte sich die Tischgesellschaft. Der Herzog von Meiningen
speisete auch an der Table d'hote, und der Anblick der Landleute, die
sich versammelt hatten, und neugierig oben vom Hgel zwischen den grnen
Bumen auf ihren Frsten und die Fremden herniederschauten, alle diese
frhlichen Gesichter von Alt und Jung machten einen sehr erfreulichen
Anblick.

Nach Tische lie sich der Frst durch Hardenberg, den er schon lngst
persnlich kannte, dessen Freunde vorstellen. Er sprach lange und
freundlich mit ihnen, indem er ungesucht vielfache Kenntnisse und eine
echte Bildung zeigte. Er war schlank, hatte blondes, fast graues Haar,
ein gealtertes Gesicht, in welchem der Ausdruck des Ernstes und der
Melancholie vorherrschte, das sich aber schnell in Freundlichkeit und
schalkhaften Ausdruck verwandeln konnte.

Es war eine mittelmige Schauspielertruppe, die zuweilen in einem
kleinen Saale ihre Vorstellungen gab. Heut aber wurde in einem andern
Local ein Puppenspiel mit groen Marionetten aufgefhrt; die brigen
Freunde interessirten sich fr diese Kinderei nicht, aber Ferdinand, der
dergleichen Seltsamkeit leidenschaftlich liebte, freute sich auf den
Genu dieses Abends.

Walther ging mit Hardenberg spazieren, Wachtel blieb im Badehause und
Ferdinand eilte dem Marionettentheater zu. Er zahlte fr den ersten
Platz und drngte sich in den bervollen Saal. Bauern, Bauermdchen,
Brger, Soldaten, Offiziere, Alles war so fest ineinandergeschoben, da
sich weder Hand noch Fu regen konnte. Ferdinand wollte seinen ersten
Platz gewinnen und bat, ihm Raum dahin zu gnnen, weil er meinte, er
befnde sich noch auf der letzten und wohlfeilsten Stelle. Was ihm am
empfindlichsten auffiel, war, da Tabaksdampf, der ihm verhat war, den
ganzen Saal anfllte, denn Alles, bis auf die Bauernknechte, rauchte aus
greren oder kleineren Pfeifenkpfen. Er hoffte, da hier Alles noch
stand, vorn zum Sitzen zu gelangen und sich aus den stinkenden Wolken zu
entfernen; vor ihm war ein Mann im grnen Ueberrock, welchen er anstie
und hflich sagte: Machen Sie mir geflligst etwas Raum, denn ich habe
fr den Ersten Platz bezahlt. -- Ja, erwiederte der Mann, der aus einem
ungeheuern Meerschaumkopfe rauchte, das, mein guter Freund, haben wir
Alle, hier sind wir Alle gleich, wie im Paradiese. Indem Ferdinand etwas
nher gekommen war, erkannte er in diesem Sprechenden den Frsten. Gewi
war er also auf dem ersten und vornehmsten Platze und geno der Ehre,
den Frsten zu drngen und von ihm geklemmt zu werden. Von der frheren
Vorstellung und dem feinen Hof- und wissenschaftlichen Gesprch war in
dieser Atmosphre nicht mehr die Rede, ja es wre lcherlich gewesen,
sich darauf zu beziehen, denn der Herr erschien hier ganz verwandelt.
Ihn strten nicht die plumpsten und ungezogensten Spe seiner Umgebung,
manche Militairs trieben die Ausgelassenheit und den Scherz mit einigen
Bauerdirnen ber jede Grenze, und diese Armen hatten Mhe, aus dem
Gedrnge zu entkommen und das freie Feld wieder zu gewinnen. Als schon
manche von den Honoratioren sich entfernt, der Frst selbst nach einiger
Zeit die Bude verlie, so zgerte auch Ferdinand nicht lnger, im Wald
und auf dem Berge wieder eine reinere Luft zu athmen.

Im Saale war Ball, in welchem Alle, die Theil nehmen wollten, ohne Gene
tanzten: Edelleute, Damen und Handlungsdiener; auch die Herzogin von
Hildburghausen war unter den Tanzenden und gtig und herablassend mit
Jedermann. In einem andern Saale wurde gespielt, und hier traf Walther
seinen Freund Freysing in seinem glnzenden Beruf. Die Bank, die dieser
aufgelegt hatte, war sehr ansehnlich. Walther sah nur zu, ohne
mitzuspielen. Er fand wieder, was ihn so oft entsetzt hatte, wenn er in
den Spielslen stand, diese verzerrten Gesichter, die Habgier oder Wuth
und Verzweiflung ausdrckten, einige, die kalt und gleichgltig scheinen
wollten, waren todtenbla, sie zwngten den Zorn und die Angst in sich
zurck. Freysing betrug sich wie ein Knig, nur etwas zu stolz, weil bei
seinen aufgethrmten Goldhaufen ihm der Satz der Pointirenden wohl zu
unbedeutend scheinen mochte.

Walther hatte seit lange einen Mann beobachtet, welcher schon viele
Goldstcke verloren hatte und dem der kalte Todesschwei ber das
bleiche Antlitz in groen Tropfen rann. Er verlie oft ingrimmig und wie
verzweifelnd den Saal, ging drauen mit sich ringend auf und ab und kam
dann nach einiger Zeit zurck, nachdem er von Neuem Geld von seinem
Zimmer geholt hatte, welches er dann eben so schnell, wie die vorigen
Friedrichsd'or verlor. Er spielte so leidenschaftlich und wild, da er
durchaus nicht die gehrige Aufmerksamkeit auf sein Spiel haben konnte.
Freysing beobachtete ihn sehr aufmerksam von seinem Sitze und schien nur
ungern die Goldstcke des Armen einzuziehen. Im Nebenzimmer erkundigte
sich Walther bei einem freundlichen Manne, wer dieser tollkhne Spieler
sei, und erfuhr, er sei ein Geschftsmann aus Meiningen, der mit Frau
und einigen Kindern von einem migen Gehalt leben msse. Er habe sich
wohl verleiten lassen, seine Umstnde verbessern zu wollen, der Verlust
setze ihn in Angst, und er suche, was er verloren wie mit Gewalt
wiederzugewinnen. Diese Leidenschaft, sagte der Erzhlende, in welche
die Pointeurs immerdar gerathen, ist eigentlich das sicherste Capital
der Bank. Der arme Mann, der ansehnlich verloren hat, wird nun Schulden
machen mssen, er verliert seinen Namen, seine Familie darbt und er
endet vielleicht in Verzweiflung.

Als Walther in den Spielsaal zurckging, kam ihm dieser Herr Anders mit
verzerrten Mienen der Todesverzweiflung entgegen. Er lief eilig aus dem
Hause und schien keinen der Anwesenden zu bemerken, die ihm mitleidig
oder auch wohl mit Hohn und Schadenfreude nachsahen.

Er kam nicht wieder, und Walther war berzeugt, er habe Alles verloren.
So verging eine geraume Zeit, neue Spieler kamen, geplnderte entfernten
sich, doch vermehrte sich die Anzahl um den Spieltisch. Da trat jener
Anders wieder taumelnd herein, er schwankte umher und sein bleiches
Angesicht schaute den Spielenden mit glsernen Augen ber die Schultern.
Er bi sich auf die Lippen, als er einige Pointeurs bedeutende Summen
gewinnen sah. Pltzlich machte er sich Platz und schob den einen
Zuschauer mit Ungestm zurck, indem er sich neben den erschreckten
Walther eilig hinstellte. Er griff hastig nach einer Karte und, ohne sie
fast zu betrachten, besetzte er sie mit einigen Goldstcken. Die
bleichen Lippen zitterten ihm, und sowie die Karte verlor, zuckte es wie
ein Blitz ber sein Antlitz hin. Er schob mit krampfhaftem Zittern die
Goldstcke dem Bankier hin, und dieser, ihm einen scharfen Blick
zuwerfend, schleuderte sie wieder nach des Spielers Platz, indem er kalt
sagte: Fhren Sie so die Nymphen auf der Gasse mit solchem Golde ab. Es
war eine Todtenstille im Saale, Walther fhlte sich einer Ohnmacht nahe.
Der Hausvater, der Geschftsmann, die unauslschliche Beschimpfung des
Aermsten, seine wahrscheinliche Verzweiflung, Alles dies ergriff ihn mit
ungeheurer Gewalt. Ein Moment, in welchem er vernichtet war, aber
schnell ermannte er sich und rief mit festem Tone dem Bankier zu: Herr
Bankier, Sie thun meinem Freunde, dem Herrn neben mir, sehr Unrecht; ich
habe ihm aus Versehen die Spielmarken statt der Goldstcke eingehndigt,
weil ich sie bei mir trug, ich bin mit ihm Moiti, und so zahle ich den
Verlust. Sie werden nicht glauben, da ein solcher Irrthum ein
vorstzlicher war, da Sie mich persnlich kennen.

Freysing erhob sich von seinem Sitze, bckte sich sehr tief und sagte,
da er die Absicht seines Bekannten sogleich durchschaute: Mein Herr
Baron, ich bitte Sie und den Herrn, mit welchem Sie gemeinschaftlich
spielen, hiemit um Vergebung. Ich war im Unrecht, die geehrten Herren
mgen von der Gte seyn, meine Uebereilung, die ungeziemlich war, zu
vergessen.

Walther hatte mit einem stummen Druck den bengstigten Anders neben sich
auf einen Stuhl niedergezogen. Er spielte jetzt und gewann binnen Kurzem
eine ansehnliche Summe, der Haufen Goldes, welcher vor ihm lag, wuchs
mit jeder Minute. Als dreihundert oder mehr Goldstcke gewonnen waren,
stand er auf und sagte hflich: Jetzt, Herr Anders, haben Sie die Gte,
mir zu folgen, da wir uns berechnen knnen.

Er fhrte den Zitternden und Erstaunten auf sein Zimmer und hndigte ihm
hier die ganze Summe ein, indem er sagte: Hier, Sie Armer, Bethrter,
empfangen Sie, was ich in Ihrem Namen gewann, es ist, so viel ich habe
beobachten knnen, um ein Betrchtliches mehr, als Ihr Verlust. Richten
Sie sich ein, spielen Sie nicht wieder, Sie sehen, wie unglcklich man
werden kann.

Mein Wohlthter, sagte der Zerknirschte stammelnd, was Sie mir geben,
ist mehr als das Vierfache meines Verlustes. Es giebt Thaten, fr die
jeder Dank zu klein ist. Sie retten meine Familie, meine Ehre, mein
Leben, denn ich mute mich nach dieser Beschimpfung ermorden, wie ich
auch beschlossen hatte, wenn ich verlor.

Mit Thrnen entfernte sich der Beglckte und Walther begleitete ihn vor
das Haus. Wachtel, der im Alkoven Alles angehrt hatte, sagte fr sich:
Das ist bei alle dem ein kreuzbraver Kerl, dieser Walther!

Walther ging in den Spielsaal und sagte in einer Pause heimlich zu
Freysing: Ich htte Sie fr gromthiger gehalten, warum einen solchen
Elenden vernichten?

Ich sollte es wohl seyn, erwiederte Jener, der Aerger bereilte mich.
Sie haben mir aber eine hbsche Lection gegeben, an welche ich bei einem
hnlichen Falle denken werde.

                   *       *       *       *       *

In Gesellschaft Hardenberg's und dessen Bruders, sowie der Verwandten,
die sich in Liebenstein zusammengefunden hatten, oder die in der Nhe
wohnten, ging die Zeit gar anmuthig hin. Man erzhlte viel
charakteristische Zge von den sonderbaren Launen des trefflichen
Frsten; dabei aber verkannte man nicht, was er fr die gute Einrichtung
dieses Bades, vorzglich aber fr die Wohlfahrt seines Lndchens gethan
hatte.

An der heitern Mittagstafel, als die Freunde unter sich und keine Damen
zugegen waren, sagte Wachtel: Ich bin Euch noch schuldig, meine Freunde,
wie ich gestern Nachmittag meine Zeit hingebracht habe, zu berichten.
Ich mochte das Puppentheater so wenig wie den glnzenden Ball besuchen,
aber ich hatte erfahren, da der berhmte Oberforstmeister Cramer von
Meiningen hieher in das Bad, aber nur fr diesen Sonntag gekommen sei.
Wie Ferrara seinen Ariost und Tasso, Florenz seinen Dante, Leipzig
seinen Gottsched, Anspach seinen Utz und Weimar seinen Gthe hat, so
besitzt seit lange schon Meiningen seinen Cramer. Ich sah den Mann, er
ist gro, ziemlich corpulent, und sein Gesicht eins von denen, die das
Glck und die Auszeichnung haben, gar keinen Ausdruck zu besitzen. Diese
sogenannte Gutmthigkeit oder Bonhommie, wie man dergleichen nennt,
welche nur die trivialste Alltglichkeit ist, lockt jeden noch so
simpeln Dummkopf herbei, um sich ohne Aengstlichkeit in der Gegenwart
eines solchen harmlosen Autors ganz seiner Einfalt zu berlassen und den
berchtigten Vetter Michel fr den Vorsteher der Grazien zu halten.
Glcklicher Weise habe ich in frheren Jahren, weil ich ein unntzer
Bengel war, die meisten Romane dieses Cramer, vom Erasmus Schleicher bis
zum Paul Ysop, gelesen. Ich sah neben ihm einen Halbbekannten und
benutzte dies, um mich dem genialen Deutschen vorstellen zu lassen. Wir
setzten uns dann dorthin, vor dem Badehause, dem Gelnder nahe, den
Blick auf die Landstrae gerichtet. Der groe Mann hatte kein Arg
daraus, ob ich ihn auch fr den Autor erkannte, fr den ihn die
Abonnenten der Leihbibliotheken eine Zeitlang hielten. Ein schmaler,
schwindschtiger Medicus sagte: O Bruder Cramer, erinnerst Du Dich noch
unseres verewigten Freundes auf der Universitt, des seligen Lange, mit
dem wir so manchen seligen Abend durchschwrmt haben?

Wohl, sagte Cramer, indem er sein Glas erhob und der groe Mund lchelnd
durch die Nhte der Pockennarben brach: das war ein groer Mensch!
Himmel, wie idealisch konnte er beim Sonnenaufgang oder in den
Frhlingsmonaten gestimmt seyn! Es war eine Wonne, mit der krftigen
Menschheit des Kerls zu harmoniren. Viele von Klopstocks Oden wute er
ganz auswendig; wenn er sie deklamirte, zitterte er vor Entzcken, wie
ein eingefangenes Rothkehlchen. Wir nannten ihn nur Selmar, -- und das
arme Vieh hat nachher so miserabel crepiren mssen!

Wie so? fragten die Freunde, indem sie die Weinglser niedersetzten.

Weil der Schwernothshund, sagte der Autor mit edelm Ingrimm, es nicht
lassen konnte, sich trotz seines Aufschwungs mit liederlichen Menschern
einzulassen. Das war nun einmal seine schwache Seite. Petrarch und
Laukhard, oder ein Anderer der Zunft, Bahrdt, oder wer es sei, war er in
demselben Augenblick. O seine zarte, himmlische Jenny! was das hohe
Wesen ber diese zu weit getriebene Vielseitigkeit des hochgestimmten
Schwrmers gelitten hat! Die Creatur war doch wirklich so, als wenn ein
himmlischer Engel in dieses Erdenleben herabgestiegen wre, um uns eine
Darstellung der hohen Flge eines Plato im sterblichen Abbild zu geben.
Mehr als Sophronia und Clorinde des Tasso, hher als Werthers Lotte,
oder die Sophie des Fielding war sie so einzig, da die Brutalitt
selbst in ihrer Nhe zur Tugend wurde. Tausendschwernoth noch einmal!
Wenn sie so mit ihrem Inamorato dahinwalzte! Als den nun, wie Ihr wit,
Freunde, an der schlechten Krankheit der Teufel so rein weggeholt hatte,
so gab sie endlich den Bitten des dnnbeinigen Assessors Gehr und
verheirathete sich mit der verfluchten Massette. Sie hatte aber schon
von ihrer ersten Liebe ein Kind gehabt, das sie heimlich erziehen lie.
Der Junge bekam nachher das bse Wesen und verreckte im Hospital. Die
himmlische Laura ergab sich dem Branntwein und es war, wegen des Athems,
in den letzten Jahren nicht mehr bei ihr auszuhalten. So verwelken die
edelsten Blten des Lebens.

Und Alfonso, fragte der Schmchtige, jener aufgeklrte Theologe, er hie
eigentlich Wackelbein, -- was ist aus dem geworden?

Im Narrenhause, sagte Cramer, hat er an der Kette verendet. Er war zu
genialisch, und wollte immer Werther und Guelfo in den Zwillingen von
Klinger zugleich seyn. Als er in der Stadt lebte und der Superintendent
ihn zum Adjunctus in sein Haus nahm, hatte er seine hchste genialische
Zeit. Was er damals schrieb oder sagte, war classisch. Er selbst aber
immer besoffen. Das Schwrmen htte ihn aber doch nicht so sehr daran
gehindert, da der groe Geist wre in eine gute Stelle gesetzt worden;
-- aber, wie nun sein schnstes Buch sollte gedruckt werden (eine
Nachahmung meines Erasmus, wo er zugleich den Bambino Klingers
hineingebracht hatte), kam es heraus, da die Kchin im Hause von ihm
schwanger und die Kirchenkasse bestohlen, ja eigentlich ganz weggeraubt
sei. Von beiden war er der Thter, und er konnte es nicht leugnen; schon
tglich besoffen, wurde er vom Kummer verrckt und fuhr so dahin. -- So
habe ich so manche echte Genies, die die Zierde unseres Vaterlandes
werden konnten, zum Teufel fahren sehen. Ich habe mich gehalten, so viel
ich auch erlebt, so viel ich auch erduldet habe. Der Dienst der Musen
ist kein leichter. Mit dem Teufel ist nicht zu spaen.

Ferdinand erzhlte, wie schlimm es ihm in dem Marionettenspiel gegangen
sei, worauf Walther sagte: Sie haben also, meine Freunde, einmal recht
die deutscheste Deutschheit verkostet. Sonderbar, da es noch immer
viele Gegenden und Gesellschaften giebt, wo ein solcher Ton fr das
Herzliche und Biedere gilt. Bei diesen steht dann Grazie und Urbanitt
als Heuchelei und Affektation im schlimmsten Verruf. Aus den Bchern, in
welchen der hiesige Ariost die Sitten edler und treuherziger Mnner
geschildert hat, bildeten sich frherhin manche Studenten auf der
Universitt, und aus diesen Reminiscenzen schrieben Manche wieder in
spteren Jahren Bcher in demselben Ton. Diese rohe Manier verliert sich
jetzt mehr und mehr bei unsern Landsleuten.

Ich zweifle, fuhr Ferdinand fort, da der Gebildete in irgend einem
andern Lande an dieser vorgeblichen Herzlichkeit, Biedertreue und
Ungeschlachtheit zu leiden hat. Dies Marionettenspiel selbst war eben so
schlecht, da, wer nach diesem meine Vorliebe fr diese groteske
Unterhaltung beurtheilen wollte, mir sehr Unrecht thte. Es werden jetzt
ungefhr zehn Jahre seyn, als ich auf einer Reise durch den Harz in
Quedlinburg dieses wunderliche Drama zuerst entdeckte. Ich kann es wohl
eine Entdeckung nennen, denn es wich vllig von jenem Zeitvertreib der
gebruchlichen Puppenspiele ab, und dieses, wie jene gewhnlichen
dienten nur dem Volke zur Aufheiterung, und der Gebildete wendete sich
mit Verhhnung ab. Diese Figuren, die ich jetzt kennen lernte, waren
ziemlich gro und wurden sehr geschickt durch eine knstliche Wage und
Gewichte regiert, die die Glieder in Bewegung setzten, indem die Fden
an den Fingern der Dirigirenden hingen. Am knstlichsten aber war die
Figur des Lustigmachers oder des Casperle, wie er hier genannt wurde.
Nach einiger Zeit glaubte man ein wirkliches lebendes Wesen zu sehn; man
zweifelte nicht mehr an dem Mienenspiel und er machte mich so lachen,
wie ich es nur selten im Leben vermocht habe. Ich erkannte hieraus, wie
die Maske, wenn ein gutes Gedicht nur brigens gut gespielt wrde, gewi
nicht die Tuschung stren oder aufheben knne. Am meisten aber
berraschten und interessirten mich die wunderbaren Stcke, die gespielt
wurden. Sie waren so originell, so groartig erfunden und so khn
durchgefhrt, da ich sie mit keinen andern bekannten vergleichen
konnte. Der Don Juan z. B., den sie darstellten, wich sehr von jenem ab,
der nach dem Moliere und den Italienern gearbeitet ist. Nach einigen
Jahren sah ich mit Erstaunen, da er nach dem eigentlichen Original des
Spaniers Tirso de Molina umgewandelt war. Von einem andern
Stcke entdeckte ich spter, da es ganz, aber so, wie dieses
Marionettentheater es brauchen konnte, nach einem hchst wunderbaren und
religisen Schauspiel des Mira de Mescua gearbeitet sei. Eine heilige
Dorothea folgte ziemlich genau der Tragdie, welche die Englnder
Massinger und Decker ber diesen Gegenstand gedichtet haben. Ich wollte
die Directoren der hlzernen Truppe schon damals bereden, in Berlin ihre
Knste zu zeigen, was sie aber jetzt noch nicht wagten, sondern erst
sieben oder acht Jahre nachher den Versuch machten und groen Beifall
fanden, vorzglich bei den Freunden der ltern Poesie. Die Herren Dreher
und Schtz (diese waren die Dirigenten) erzhlten mir, da alle ihre
Manuscripte alt seien, da sie noch viele besen, die sie aber niemals
darstellten, unter andern einen Knig Lear, der aber mit dem
weltbekannten Gedichte kaum eine Aehnlichkeit habe. Ich wollte sie
berreden, mir diese Gedichte zur Ansicht zu vertrauen, was sie aber
standhaft verweigerten, so wie sie auch von dem Rath nichts wissen
wollten, diese Sachen durch den Druck bekannt zu machen. Sie glaubten,
da sie sich ihre Auffhrungen dadurch verderben mchten. Ich wute, da
zu Shakspeare's Zeiten von einsichtigen Mechanikern eine neue Art war
erfunden worden, ziemlich groe Marionetten knstlich in Bewegung zu
setzen. Die Spiele dieser Puppen machten Aufsehen und fanden groen
Beifall. Ben Jonson spottet selbst einmal darber, da dieses hlzerne
Theaterspiel Mode sei und von Manchem dem der Komdien vorgezogen werde.
Man gab die Schauspiele, die die populrsten waren, und gute Kpfe, die
gerade nichts Besseres zu thun hatten, arbeiteten fr diese Bhne und
nahmen die besten Komdien berhmter Dichter, um sie fr die Marionetten
abzukrzen und mit mehr Spa und Tollheit auszustatten. Die Marionetten
zogen hierauf nach den Niederlanden, und in Brssel und Antwerpen, wo
damals viele spanische Komdien gespielt wurden, nahmen sie von diesen
die beliebtesten und wunderbarsten in ihr Repertoir auf. Manchen, die
ich damals und spter in Berlin sah, habe ich noch nicht auf die Spur
kommen knnen; sehr merkwrdig war die Geschichte eines Knigssohnes,
der sich wahnsinnig stellte, aber nichts mit Hamlet gemein hatte. Der
verlorne Sohn ist nach einem alten englischen Schauspiel, und jener
landkundige Faust, der unserm groen Dichter in seiner Jugend wohl
zuerst den Ansto zum wunderbarsten seiner Werke gab, ist im
Wesentlichen dem Faust des Marlow nachgebildet. Man kann dem Barocken
und toll Poetischen nur mit einer gewissen Leidenschaft sich hingeben,
eine ruhige kritische Billigung ist unpassend und dem Gegenstande nicht
angemessen; und so gestehe ich gern, da ich damals diese mir noch neuen
Spiele vielleicht berschtzte, aber auch jene Menschen, die sich ganz
davon abwendeten, nicht tadeln konnte. -- Hier aber war von jenem
Poetischen, was mich damals so sehr erfreute, auch keine Spur mehr. Die
Marionetten waren schlecht und spielten ungeschickt, der Text war ganz
modern, aus Kotzebue und einigen beliebten Opern zusammengestoppelt, so
da mich weder Publikum noch Theater auf lange fesseln konnte. Groe,
wunderbare Verhltnisse, das Tolle, Phantastische und ganz Tragische
pat nur fr diese Volksbhne.

Die Freunde genossen noch die schne Gegend um Liebenstein, alle diese
reizenden Naturscenen, und nahmen dann von Wald und Berg und den
freundlichen Menschen, die sie hatten kennen lernen, Abschied. Carl von
Hardenberg begleitete sie noch bis Eisenach. Der Weg geht queer durch
den Thringer Wald, und reizend liegt das Jagdschlo Wilhelmsthal mitten
in einem schnen Walde. Die Buchen hier und in der Umgegend sind von
herrlichem Wuchs.

In Eisenach besuchte man die Wartburg und erinnerte sich des Gedichtes
von Friedrich Schlegel. Der Deutsche, bemerkte Ferdinand, hat immer noch
seine eigenthmliche Freude an der Herrlichkeit der Wlder; vor diesen
Ausblicken, die uns entzcken, graut dem Italiner und die brigen
Nationen empfinden doch schwerlich jenes heilige Grauen oder jene
feierlich andchtige Stimmung, die uns in Waldgebirgen oder im einsamen
dunkeln Forst ergreift.

Hardenberg kehrte nach Liebenstein zurck, und von Altenburg schrieb
Ferdinand an seine Freundin Charlotte nach Berlin:

                                        Altenburg, den 1. August 1803.

Kann man sich so ungewi im Kreise drehen, wie ich es nun seit mehreren
Wochen gethan habe? Menschen betrachte ich und lerne sie kennen, Frauen
und Mdchen, Naturscenen gehn an mir vorber, und nichts ergreift und
durchdringt mich so, wie es sollte, weil eine Leidenschaft, eine Unruhe,
eine unselige Melancholie mich allenthalben verfolgt. Ich habe die feste
Hoffnung, mchte ich doch fast sagen die sichere Aussicht, da sich in
wenigen Tagen dieser Zustand ndern wird. Sie kennen mein Schicksal
nicht, und knnen es also auch nicht fassen, in welchem seltsamen
Rthsel ich mich umtreibe.

Ich mte mich sehr irren, oder mein Reisegefhrte Walther wird von
einer hnlichen Leidenschaft geqult, die er mir verheimlicht,
geflissentlich Alles umgeht, was auf eine Spur fhren oder eine
vertrauliche Herzensergieung veranlassen knnte. Dieser Mann, der
anfangs so kalt und ruhig schien, verliert immer mehr jene sichere
Haltung, die den Gleichgltigen nur sich anzueignen mglich ist.

Zuweilen erscheint mir das Leben grauenvoll, wenn es mir jene kalte,
gleichgltige Seite aufdeckt, die die Herzlosen fr das wahre Antlitz,
und Jugend, Empfindung und Liebe nur fr eine schne Larve erklren. Als
wir in Wrzburg waren, erinnerte ich mich einer Begebenheit, die mich
schon vor Jahren manche Thrne gekostet hat. Ein junger Edelmann lebte
hier, reich, gesund und schn, und mit dem schnsten Mdchen in der
Stadt versprochen. Die Vermhlung war nahe, das Glck der Liebenden
beneidenswerth, als der Geliebte mit einem andern Offizier um eine
unbedeutende Kleinigkeit in Streit gerth und von dem rohen jungen Mann
so beschimpft und beleidigt wird, da sich die Ehre des Gekrnkten, nach
unsern Begriffen, nur durch ein Duell wiederherstellen lt.

Sie treffen sich im Walde und der Liebende hat das Unglck, seinen
Gegner zu erstechen. Die Flucht ist unvermeidlich, und die Anverwandten
des Erschlagenen, angesehene Familien, treiben es dahin, da er mit
gerichtlicher Strenge verfolgt wird und in sein Vaterland nicht
zurckkommen darf. Er wagt es selbst nicht, unter seinem wahren Namen im
Auslande zu leben, er kann nur selten und auf Umwegen schreiben und noch
seltener kann er von seiner Familie oder seiner Braut etwas erfahren. So
vergehn einige Jahre. Seine schlimmsten Feinde sterben inde, die andern
lassen sich vershnen, und mit vieler Mhe wird ihm die Gnade des
Frstbischofs ausgewirkt, nachdem dieser berzeugt ist, da er zu jenem
unseligen Duell ist gezwungen worden. Er wirft sich, von frischer Jugend
beseelt, in den Wagen, einige Meilen vor Wrzburg besteigt er ein
rasches Pferd, um noch frher in den Armen seiner Braut zu liegen. Schon
sieht er die altbekannte Stadt und begrt jubelnd ihre Tempel und
Palste; sein Weg fhrt vor dem Kirchhofe vorbei, ein groer Zug, Alt
und Jung, bewegt sich aus der Stadt dahin. Er fragt einen
Vorbergehenden, wer die Leiche sei, und erfhrt, seine Braut wird
beerdigt. Der lange Gram, dann die Freude habe sie so geschwcht, da
ihr ermdeter Krper dem Anfall eines Fiebers keine Lebenskraft mehr
entgegenstellen konnte. Betubt, entsetzt, lebensberdrssig kehrt er
um, ohne seine Familie wiederzusehn. Er verlt die Landstrae, irrt in
Wldern umher und begiebt sich endlich nach Erfurt, um hier im Orden der
schweigsamen Karthuser das Ordenskleid zu nehmen. Nun arbeitet er im
Garten und an seinem Grabe, spricht mit Niemand und antwortet seinen
Brdern wie den Fremden nur mit dem trbseligen: ^Memento mori!^ -- Wie
oft war ich in Erfurt in diesem einsam liegenden Kloster, sah die
wandernden Brder an, oder in der Kirche bei ihrem stillen
Gottesdienste, und gedachte dieser Geschichte. Jetzt komme ich mit
meinen Reisegefhrten wieder nach Erfurt. Die Klster sind alle
aufgehoben und Mnche und Nonnen von ihren Gelbden befreit. Ich finde
den jungen Prinzen W. wieder, der hier als preuischer Major in Garnison
steht, und er bittet uns bei sich zu Tische. Er spricht mir von diesem
Mnch, den er kennt, und sagt uns, er wrde unser Tischgenosse seyn. Als
wir uns versammelt haben, tritt ein ltlicher Mann in brgerlicher
Kleidung herein, der stattlich aussieht, dessen Embonpoint aber schon an
das Komische grenzt. Sein Gesicht ist nicht unedel, aber ganz
gewhnlich, selbst unbedeutend, und der Ausdruck seiner Physiognomie ist
mehr jovial, als ernst, oder tiefsinnig. Ich konnte mich bei diesem
Anblick einer gewissen Verstimmung nicht erwehren. Er erzhlte viel und
mit groer Redseligkeit; es schien, als wollte er fr sein vieljhriges
Schweigen sich nun endlich wieder an mannichfaltigen und selbst
berflssigen Worten eine Gte thun. Von seiner melancholischen
Jugendgeschichte redete er nicht, das wre auch zu unangenehm gewesen;
aber wohl setzte er auseinander, wie die Dit des Klosters, selbst die
strenge, bei dem Mangel an Bewegung, den Krper anschwelle. Das Reiten,
besonders das schnelle, wollte ihm noch nicht recht zusagen, aber
dennoch sprach er mit wahrem Entzcken von den Exercitien der
preuischen Cavallerie, die er zu Pferde angesehn und gewissermaen
mitgemacht habe; der Soldat, so fgte er hinzu, sei wieder mit allen
Krften in ihm aufgewacht, und wenn er nicht zu alt geworden sei, wrde
er sich mit Enthusiasmus diesem Stande widmen. Jetzt sei er
entschlossen, die wenigen Jahre seines Lebens hier in Erfurt, mit seinen
militrischen Freunden, deren er manche habe, zu verbringen und von
seiner kleinen Pension zu leben. Seine Familie sei ausgestorben,
Verwandte habe oder kenne er nicht, und die etwanigen Erben seines
kleinen vterlichen Vermgens wolle er nicht in Verlegenheit setzen, da
sie den Argwohn faten, er knne auf irgend etwas Ansprche machen. --

Es ist verdrlich, wenn die mchtigsten Leidenschaften und wahrhaft
tragische Begebenheiten nicht mehr Spur im Menschen zurcklassen. Und
doch erscheine ich mir wieder in diesen Gefhlen unbillig und lieblos,
weil ich nicht wissen kann, was der Arme gelitten hat, und mit welcher
Scheu und Vorsicht er wohl immerdar vor dem Grabe seiner Jugend
vorbergeht. Sollte er seinen Schmerz und seine Erfahrung einer
gewhnlichen frohen Tischgesellschaft mittheilen und das Edelste seines
Lebens entweihen?

In Weimar war mir der Park, Gthe's Haus, alle Umgebung, wie heilig. Im
Garten, der allenthalben so lieblich und edel die dort drftige Natur
verschnert und verdeckt, mu man bei jedem Schritte unsers Dichters
gedenken. Er war nicht zugegen, aber den Herzog trafen wir, als wir das
Schlo besichtigten. Der edle, geistreiche Frst sprach lange mit uns
ber verschiedenartige Gegenstnde. Das Schlo ist von dem Baumeister
Genz, dem Bruder des politischen Schriftstellers, vortrefflich
eingerichtet; Alles hier ist mit Sinn angeordnet, und der groe Saal,
fr Feierlichkeiten bestimmt, erfreut besonders. Es war nicht leicht,
aus Dem, was der groe Brand von dem Gebude hatte stehn lassen, diese
zierliche und groartige Einrichtung herauszubringen. Von Friedrich
Tieck sieht man schne Basreliefs und Figuren, zwar nur in Gips, aber so
gut ersonnen und ausgefhrt, da sie dem edeln Hause zum Schmuck
gereichen.

Von Weimar begleitete uns ein junger Dichter, Thorbeck, dessen sich
Gthe und Schiller freundlichst angenommen hatten. Er rezitirte uns im
Wagen einige seiner Gedichte, in welchen ich nur zu sehr die Manier
unsers Schiller wiederfand. Die Verse schienen mir fr einen Anfnger
fast zu gut.

In Jena fhrte uns Wachtel zur Fromann'schen Familie, die ich frher
schon gekannt hatte. Den geistreichen Naturforscher Ritter fand ich
hier, so wie Clemens Brentano. Von Beiden, die ohne Zweifel groe
Talente entwickeln knnen, mu man wnschen, da sie sich nicht von
einer falschen Genialitt blenden lassen. Eine bewutvolle Originalitt
ist keine; auch kann man dem jungen Dichter wohl allenthalben in seinen
Versuchen, wo er recht neu und seltsam zu seyn glaubt, die Stellen
nachweisen, die er nur nachgeahmt hat. --

Wann werde ich Sie wiedersehn? Unter welchen Umstnden? Wo?

                   *       *       *       *       *

Von Altenburg begaben sich die Freunde nach Chemnitz. Walther schien
vllig verstimmt, und als sie im Gasthofe abgestiegen waren, verschlo
er sich in seinem Zimmer und lie sich mit einer Unplichkeit
entschuldigen, die ihn verhindere, zum Abendessen zu kommen. Wachtel,
der wohlgemuth war, lie ihn gewhren und sagte nur zu Ferdinand: unser
Moralist fngt an, etwas langweilig zu werden, und weil es ihm nicht so
recht gelingen will, so wirft er sich in das verdrliche Fach; denn
glaube mir, Freund, wer was Rechtes in der Langeweile leisten will, der
mu schon frh, in der Jugend dazu thun, die Erziehung kann eigentlich
nur den besten Grund dazu legen, und wenn das Genie freilich angeboren
ist, so thun doch Ausbildung, Kunst, Uebung und tchtige Vorbilder auch
das Ihrige. Auf dem halben Wege stehen bleiben, wie es unserm lieben
Walther begegnen kann, ist das Klglichste. Ich habe Mnner in dem Fache
gekannt, die eigentlich von der Natur die herrlichste Anlage hatten,
unausstehlich langweilig zu seyn; aber sie hatten das Unglck gehabt,
eine Zeitlang unter die Geistreichen zu gerathen, und der Zunftgeist
dieser Menschen hatte sich ihnen einigermaen mitgetheilt, um sie zu
ruiniren. Sie hatten die Gabe, Anekdoten ohne Salz und ohne Spitze
breit, mit Parenthesen, sich wiederholend und sich widersprechend mit
der grten Verwirrung vorzutragen, und zwar solche Geschichten, die
jedes Kind schon wei; aber demungeachtet waren ihnen, wie Fliegen in
alten Spinnweben, einige gute Einflle und Gedanken hngen geblieben,
die demnach, wenn auch schlecht vorgetragen, das Kunstwerk ihres
miserablen Vortrages hinderten, ein Vollendetes zu werden. Der rechte
Virtuose mte es dahin bringen knnen, einen heftigen, ungeduldigen und
dabei verstndigen Menschen geradezu umzubringen. Kann das durch Schreck
geschehn, sind Menschen am Lachen oder an der Freude verschieden, so
wre es wohl der Mhe werth, einmal einen Knstler heranzubilden, den
ein eiferschtiger Frst oder Minister nur auf diesen und jenen
Verdchtigen oder Verhaten loszulassen brauchte, um dem guten Kopf,
welcher sich dem Wohl des Vaterlandes nicht fgen will, den Garaus zu
machen. Was unsre lblichen Kanzelredner leisten, was Theater- oder
religise und moralische Dichter thun, die Familiengemlde, viele
Romanciers, das ist alles nur Bagatell. Bis zum Uebelwerden, selbst
Erbrechen knnen es Gutmeinende bringen; was ist das aber gegen die
Wirkung der Leidenschaften, der Elemente oder des Krieges? Wie oft hat
man Gefangene, denen man bel wollte, molestirt und torquirt,
Grausamkeiten mit spitzfindigem Grbeln ersonnen, -- bildeten Staaten
und Schulen aber mehr jene wahrhaften Langweiligen aus, von denen das
Ideal meiner regen Phantasie vorschwebt, so knnte das Unerhrte
geleistet werden.

Hte Dich nur, sagte Ferdinand lchelnd, nicht selbst ein Pfuscher in
diesem Handwerke zu werden. Es steht keinem an der Stirne geschrieben,
wie er einst im Alter endigen werde.

Am folgenden Morgen trat Walther mit einer gewissen Feierlichkeit bei
den Freunden zum Frhstck ein. Ich habe eine schlechte Nacht gehabt,
begann er dann, weil ich mich schme, Euch etwas vorzutragen, das ich
Euch doch mittheilen mu. Wir sind hier in einer kleinen Stadt, die
nicht ohne Anmuth ist, aber wir wrden doch nicht eben Ursach haben,
lange hier zu verweilen, da wir so mancher viel merkwrdigern nur einige
Stunden geschenkt haben, -- und doch begreife ich noch nicht, wie wir
sobald von hier wegkommen wollen.

Wie kme denn das? rief Wachtel aus. Welcher Zauber sollte uns denn hier
bannen knnen?

Der die ganze Welt bannt und fesselt, antwortete Walther. Ich habe die
Reisekasse gefhrt und mich mit Euch berechnet, in Meiningen gabt Ihr
mir, was Ihr noch bei Euch trugt, und es war mehr als reichlich, um nach
Dresden, Berlin, Hamburg oder wohin wir noch streben mochten, zu
gelangen. In Liebenstein spielte ich und gewann fr einen Unglcklichen,
der ohne meine Dazwischenkunft verloren war --

Sie haben sich herrlich gegen ihn benommen, rief Wachtel aus, und ich
hrte auch noch die vortrefflichen Ermahnungen, die Sie dem Spieler
gaben.

Ich htte sie selber nur zu gut brauchen knnen, antwortete Walther.
Seit vielen Jahren hatte ich nicht gespielt, nun ging es mir wie dem
gezhmten Lwen, wenn er wieder einmal Blut kostet. Unmittelbar nach
jenen moralischen Reden begab ich mich wieder an den Spieltisch und
verlor, bis auf eine Kleinigkeit, Alles, was mir gehrte, und auch Euer
Eigenthum. Ihr werdet bemerkt haben, wie knapp und ngstlich ich seitdem
auf der Reise war, weil ich hoffte, mindestens bis Dresden auszureichen;
gestern Abend gab ich unserm Fuhrmann als Trinkgeld das Letzte. Wir Alle
fhren keine Creditbriefe mit uns, weil die baare Summe bergenug war;
so stehe ich denn hier, beschmt wie ein Schulknabe, vor Euch, und
begreife jetzt selbst nicht, wie der Aberwitz mich ergriff, unser
Vermgen zu verschleudern. In Dresden, so hoffe ich, knnen wir uns
wieder helfen; aber wie die wenigen Meilen dahin zurcklegen? Sollten
wir uns so beschimpfen, Uhren oder Ringe hier zu versetzen? Freysing hat
mich in Liebenstein tchtig ausgelacht, da ich ihm solche Summe noch
zugewendet habe.

Am klgsten und krzesten ist es, rief Wachtel aus, da ich mich so
schnell als mglich nach Dresden hinstmpere, dort habe ich
Bekanntschaft und Credit, ich schicke alsbald das Nthige her, Ihr
unterhaltet Euch indessen hier, so gut Ihr knnt, und wir treffen uns in
Dresden wieder, wo Sie dann, Freund Walther, sich wieder in Baarschaft
setzen knnen, um mir und Ferdinand Das wieder zu geben, was Sie uns
schuldig geworden sind.

Als Walther das beschmende Gestndni berstanden hatte, lachte er mit
den Uebrigen recht herzlich ber seine Unbesonnenheit. Man lie sogleich
einen Fuhrmann der Stadt kommen, und Wachtel bat sich aus, das Geschft
mit diesem allein abzumachen. Der Mann kam und Wachtel fragte ihn: ob er
im Stande sei, ihn noch an diesem Tage nach Dresden zu schaffen, ihn
allein mit einem kleinen Gepck. Der Fuhrmann sah dem Fragenden ins
Gesicht, schaute dann an die Decke, hierauf zum Boden nieder, als wenn
die Beantwortung dieser Frage viel Nachdenken und Grbeln erforderte. Es
ginge zur Noth wohl, sagte er mit langer Verzgerung, wir haben noch
lange Tage, meine Pferde sind gut, die Last nicht schwer. -- Und wie
viel verlangt Ihr, Mann? -- Ja, sagte jener, wenn nur die Ernte nicht
wre, und das Vieh ist jetzt auch nicht so, wie spterhin, und das
Futter ist jetzt theuer; unter sechs Speciesthalern kann ich es nicht
thun. -- Aber ich kann sogleich abfahren? -- Gefressen haben die Pferde,
erwiederte der Kutscher, also hat es keinen Anstand. -- So macht Euch
fertig, Freund, ich setze mich gleich ein, Eure Forderung ist nicht
unbillig, auch verlange ich Euern Schaden nicht, und verspreche Euch,
wenn Ihr mich zeitig nach Dresden hinschafft, sieben Species, auer
Euerm Trinkgelde. So kann ich Ihre Geschfte, Herr Baron und Herr Graf
(indem er sich mit der hflichsten Verbeugung an seine Reisegefhrten
wendete), gleich morgen frh besorgen, und wenn Sie mir in einem oder
zweien Tagen nachfolgen, so treffen Sie Ihren ergebensten Diener im
goldenen Engel. Nur eins noch, mein guter Fuhrmann, bedinge ich mir aus,
da Ihr Chaussee und dergleichen Alles, auch was ich im Gasthofe
bedrfen mchte, auslegt, weil es mir unertrglich ist, mich mit Zoll
und Geleit und Kellnern und Wirthschaft einzulassen, und da Ihr mir
morgen in Dresden Alles genau und gewissenhaft berechnet. Und so geht
denn, Freund, und spannt an.

Der Fuhrmann entfernte sich in Demuth und zufrieden, und Wachtel sagte
lachend: ich habe Dich, lieber Ferdinand, zum Grafen erhht, um seine
Auslagen leichter zu erlangen. Zum Glck geht die Reise nicht weit, es
bedarf keiner groen Summe, und ich bin in Dresden meiner Bekanntschaft
gewi.

So reisete Wachtel ab, indem er sich noch einmal, beim Einsteigen, der
Gewogenheit des Herrn Grafen und Barons empfahl. Wir knnen nun rechnen,
sagte Walther, wenigstens noch zwei Tage in dieser kleinen Stadt bleiben
zu mssen; heut Abend kommt unser Wachtel in Dresden an, ein Tag geht
wenigstens hin, bis das Geld hieher kommt und vielleicht, wenn er es
nicht durch den Fuhrmann senden will, whrt es noch lnger. Wir mssen
also sehn, wie wir uns hier ergtzen.

Sie gingen aus, um die Stadt und Gegend nher kennen zu lernen. Nach
ihrem Spaziergange trafen sie auf ein Haus, in welchem Bcher verliehen
wurden, und Ferdinand nahm einige, deren Titel ihn anlockten, mit nach
dem Gasthof. Sie bltterten in den Erzhlungen, lasen abwechselnd
einiges laut, und warfen sie dann verdrlich hin. Ist es nicht
sonderbar, da die Deutschen, welche so viel schreiben, immer noch nicht
lernen (wenige Autoren abgerechnet), wie man eine Erzhlung vortragen
kann und soll? Gelingt es auch hie und da Diesem und Jenem, uns ein
Interesse abzugewinnen, so trgt er uns gleich darauf Dinge vor, die
nicht zur Sache gehren, die uns nichts angehn, und verschweigt im
Gegentheil, worauf wir neugierig sind. So lernen es die wenigsten, sich
der Form, selbst der leichtesten, zu bemchtigen, und schwanken ungewi
und unsicher hin und her, nirgend festen Fu fassend, weitschweifig zur
Ermdung, und doch, wie Cervantes sagt, das Beste im Dintenfasse
lassend.

Wir knnen bemerken, erwiederte Ferdinand, da das Beste, was bei uns
erscheint, indem es Mode wird, alsbald zur Nachahmung dient und sich
tausendfltig schwcher und immer schwcher wiederholt; aber diese
Scribenten, die ihr Vorbild verwssern, studiren nicht dessen Tugenden,
oder machen sich klar, wodurch es vortrefflich ist, sondern sie
bemchtigen sich nur obenhin der Manier und hngen an den
Zuflligkeiten. Andre Modeschriftsteller ergreifen den rohen Stoff,
sprechen Gesinnungen aus, die gerade an der Tagesordnung sind, heute
Frivolitt, morgen Pietismus, bald Patriotismus, bald Rebellion, Ha
gegen die Obrigkeit oder s frmmelnde Liebe, dann wieder Rohheit
gemeiner Wachstuben, die sie uns fr Rittersinn verkaufen, oder
Gespenstergrauen, wenn nicht Familien der Landprediger sammt Liebe und
Sehnsucht, die sich schon in den Kindern entwickeln. Es haftet und
dauert von allen diesen schlechten Manieren keine, aber eine jede lt
ihre schlimmen Folgen zurck. So ist die Masse des Volkes, welches sich
jetzt gern das gebildetste in Europa nennen hrt, in Ansehung seiner
Modelectre ohne Zweifel das roheste von allen.

Wie entzckt Denjenigen, welcher zu lesen versteht, fuhr Walther fort,
jede, auch die kleinste Novelle des Boccaz, des feinen Cervantes gar
nicht einmal zu erwhnen. Aber auch die ruhige Klarheit eines Sacchetti
erfreut, und fast jeder Italiener der frheren Zeit wei die Sache, die
er mittheilen will, geschickt vorzutragen. Und so knnen uns leicht und
heiter aufgefate Geschichten ergtzen, die sonst gar keinen Inhalt
haben, und manches in dieser Art haben die Franzosen auch sehr glcklich
geleistet.

Man sollte vielleicht aus unsrer komischen Geldnoth, sagte Ferdinand,
die uns hier zu bleiben zwingt, eine heitere Novelle bilden knnen. Zwei
Reisende treffen zum Beispiel in einem Gasthofe von verschiedenen
Gegenden her zusammen, sie beleidigen sich, und doch zwingt sie die
Noth, da einer sich dem andern erffnet, um Hlfe von ihm zu begehren;
nun erfhrt jeder vom andern, warum sie sich nicht beistehn knnen, und
wie jeder von ihnen in diese lcherliche Verlegenheit gerathen ist.

Recht, rief Walther aus, der eine kann, zum Beispiel, ein Mdchen
entfhrt haben, sie wartet auf ihn in einer gewissen Entfernung, wohin
sie ihn bestellt hat, und er kann nun durchaus nicht zu ihr, weil es ihm
am Gelde mangelt.

Nicht bel, sagte Ferdinand, doch geriethen wir da vielleicht zu sehr in
das Sentimentale. Knnten die beiden Fremden nicht Verwandte seyn, aus
verschiedenen Lndern, die sich gegenseitig aufgesucht haben, und die
jetzt ein lppischer Zwist daran hindert, sich einander zu erkennen, da
sie unter erborgten Namen reisen? Es knnte so weit kommen, da sie sich
forderten, da man alle Mhe anwenden mte, um Diejenigen, die sich
liebend seit lange suchen, vom mrderischen Kampfe abzuhalten.

Das wrde mir darum nicht gefallen, sagte Walther mit verdrlicher
Miene, weil es an die Komdie der Irrungen und an andre Geschichten, die
auf hnliche Art verwickelt sind, erinnert. Aber, fuhr er heitrer fort,
bearbeiten wir jeder auf unserm Zimmer heute und morgen, da wir doch
nichts anders zu thun haben, diesen Gegenstand und lesen wir uns morgen
Abend unsre Productionen vor.

Es sei! rief Ferdinand mit Lebhaftigkeit aus, nur Schade, da wir keinen
Schiedsrichter haben, der einem von uns den Preis ertheilen mchte.

Jeder begab sich auf sein Zimmer, und Ferdinand, um sich zu zerstreuen,
schrieb mit Laune und Heiterkeit, obgleich er nicht unterlassen konnte,
einige Umstnde aus seiner eigenen Geschichte einzuflechten. Die Aufgabe
interessirte ihn dadurch so sehr, da er unvermerkt dieses und jenes der
Erzhlung hinzufgte, was er um keinen Preis seinem Freunde erzhlt
haben wrde. Er meinte aber, so vermischt mit der Erdichtung wrde sich
die Wahrheit als eine solche nicht verkndigen. Walther gab seiner
Erzhlung einen ernsteren Inhalt; aber sowie er fortfuhr, kam ungesucht
die Aufgabe in die Geschichte, die ihn selbst auf die Reise getrieben
hatte, nehmlich der Wunsch, einen Gegner, der, nach seiner Meinung,
Strafe verdiene, aufzufinden; nur machte er aus diesem Gegner einen
Nebenbuhler, damit sich die Fabel mehr runden mchte.

So waren die Freunde zwei Tage beschftiget und kamen sehr heiter und
mit sich selbst zufrieden zum Abendessen zusammen. Nachdem sie gesttigt
waren, holten sie ihre Manuscripte und Walther sagte: Sie, von welchem
der Gedanke unsrer Schriftstellerei ausging, mssen Ihre Novelle auch
zuerst vortragen, damit die meinige alsdann beschlieen knne, und
morgen, nachdem wir geschlafen haben, soll jeder des andern Versuch
kritisch prfen und scharf untersuchen.

Ferdinand zog den Tisch, nachdem Alles entfernt war, an sich und fing
an: _Der Taube von Benevent, Novelle_. -- Wie? rief Walther; ich mu
mich sogleich als Rezensent melden und Einspruch thun, denn dieser Titel
schon scheint mir gegen unsre Abrede zu seyn. Ich bildete mir ein, die
Scene msse nach Deutschland verlegt werden, und darum habe ich meine
Erzhlung genannt: _Der Weltentdecker in Verlegenheit_.

Auch sonderbar genug, sagte Ferdinand, hinter dem Titel sollte kein
Mensch die verabredete Aufgabe suchen.

Doch, sagte Walther, ein Reisender, der schon die halbe Welt
durchstrichen ist, der immer etwas Neues sieht und sucht, und sich nicht
wenig damit wei, fr Alles Rath zu schaffen und die Menschen zu kennen,
mu, wie Sie sehn werden, in dem elenden Wirthshause eines kleinen
Stdtchens lange kleben bleiben, und verliert so die wichtigsten
Vortheile seiner Reise, ja gewissermaen das Glck seines Lebens. Doch
ich stre Sie und halte Sie auf.

Ferdinand begann: Es war nicht lange nach jenem berhmten Erdbeben in
Calabrien, welches so viele Orte zerstrt hatte, da -- --

Hier entstand ein lautes Sprechen drauen, und ein Klopfen an der Thr,
und der Genius des Verfassers, oder der Zufall wollte nicht, da
Ferdinand jetzt seine Erzhlung weiter vortragen sollte. Der Fuhrmann
kam nehmlich zurck und hndigte den Freunden ein groes Paket ein. Der
Herr, sagte er, der gestern mit mir fortreisete, hat mir gleich heut
Morgen dieses vielfach versiegelte Schreiben eingehndigt und mir auf
meine Seele befohlen, gleich, gleich zurckzueilen, und es ja noch heut
Abend, wenn ich auch spt ankommen sollte, in Ihre Hnde zu berliefern.
Und da mich der wackre Herr sehr gut und ber meine Erwartung belohnt
hat, so schien es mir eine Gewissenssache, seine Befehle prompt und
schnell auszurichten. Ich habe daher auch auf keine Retourgesellschaft
gewartet, sondern mich eilig aufgemacht, um nicht zu spt anzukommen.

Walther beschied ihn auf morgen, wenn auch nicht sehr zeitig, damit die
Pferde ausruhen knnten, berzhlte, als sie allein waren, die Summe,
welche Wachtel in Gold berschickt hatte, und las alsdann den Brief des
Freundes vor:

Hiebei das Nthige, gleich durch den Kutscher, weil die Post es
sechsunddreiig Stunden spter wrde abgeliefert haben. Aber zugleich
mu ich Euch melden, da Ihr mich in Dresden nicht mehr treffen werdet,
denn sowie ich diesen Brief geendigt habe, springe ich mit gleichen
Beinen in eine schon bestellte Kalesche, und fahre nach Guben, um meinen
umirrenden Ritterzug zu endigen. Glaubt Ihr denn, Ihr von mir
leidenschaftlich Geliebteste, da Ihr niemals langweilig seid? ^Anzi,
pur troppo^, wie wir Italianisirten zu sagen pflegen. Sapperment noch
einmal! Ihr verget es ja immerdar, da ich, wenn ich mich recht
besinne, ein zrtlicher Gatte bin. Soll ich meine Liebe denn ganz
vernachlssigen und so in der den, weiten Welt herumrasen? Wer freilich
so ledern ist, wie Ihr Beide, so ganz ohne Liebessehnsucht, wessen Herz
niemals im Enthusiasmus berschwillt, kurz, wer so nur der Gegenwart und
dem flchtigen Augenblick lebt, wie Ihr, Nchte am Spieltische
vergeudet, jungen hbschen Mdchen in allen Ruinen nachluft, oder wie
ein Deserteur auf dem hlzernen Esel stundenlang in der russischen
Drehmaschine unverwandt und stieren Blicks die drren Bretter einer
hlzernen Bude anschauen kann, -- solche Leute sind fr Schwrmer, wie
ich einer bin, eine zu trockne Gesellschaft. Mein pochendes Herz treibt
mich zu meiner Gattin, die gewi bei jedem Klo, den sie einrhrt,
dieses meines Herzens gedenkt. Und dann, -- hat das Vaterland, -- meine
Vaterstadt -- keine Rechte, keine Forderungen an mich? Man verliert in
dieser Kosmopoliterei allen Sinn fr das Einheimische, selbst Heimische
und Heimelnde; und wenn Ihr auch heimlich gegen mich wart, und Jeder von
Euch seine Heimlichkeiten vor dem Andern hat, so ist mein heimelndes
Heimathgefhl, mein Heimweh, viel edlerer Natur. Wenn ich so bei den
Sgemhlen die frischgeschnittenen Kienbretter roch, -- ha, alle Reize
meines Guben standen vor mir. Wenn ich den Streusand ber ein
beschriebenes Blatt spritzte, so war mir Das, was der Kuhreigen dem
biedern Schweizer ist. Kleinstdtisch, voll armseliger Rcksichten wurde
ich auch in Eurer Gesellschaft; wenn ich mich einmal aufschwingen wollte
auf den Adlersfittigen meiner Begeisterung, -- was habe ich von den
kleinartigen, niemals nach vollen Zgen durstigen Seelen aushalten
mssen! Von der Hippokrene, oder dem musenberauschenden Quell des
Parnassus soll der Mensch gar nicht, oder recht tief, voll, in den
mchtigsten Wogen trinken; so sprechen die weisen Alten. Man sei vllig
nchtern, -- oder -- nun ja, was? Ihr wrdet als Plebejer vielleicht von
knppel- oder hageldick, oder was die guten Deutschen sonst noch
kmmeltrkenartig an den schndlichen Ausdruck besoffen anknpfen,
sprechen: Sieben ist die bse, aber auch die heilige Zahl, und ein alter
Jger hier sagt von einem so Begeisterten: er sei halb Sieben. -- Herr
Walther kann mir also das Geld, welches er mir noch schuldig ist, nach
meiner geliebten Vaterstadt senden. Vielleicht besucht mich derselbe
hohe Mann, sowie der Crucifix- und Nepomuksjger, der zarte
katholisirende Ferdinand dort. Wenn derselbe einmal mit christlichem
Legendencostm als ein Wegweiser ausgehauen und mit Grn und Gold
angemalt an die Landstrae gestellt wrde, htte er seine Harmodius- und
Aristogiton-Statue und Vergtterung verdient und erreicht. Seh ich Euch,
Freunde, in diesem sterbenden Leben oder in dieser lebenden
Sterblichkeit noch einmal wieder, so wird es mir immer, so viel ich auch
hher strebe, einige, wenn auch nicht die grte Freude gewhren.

                                                              Wachtel.

Dresden, den 9. August 1803.

Nachdem dieser Brief gelesen war, fragte Ferdinand, ob er jetzt in
seinem Manuscripte fortfahren solle; doch Walther, der noch mit dem
Briefe beschftigt schien, war sehr zerstreut und verstimmt, soda er
kurz aufbrach, ein Licht nahm und seinem Gefhrten eine gute Nacht
wnschte. Als Walther allein war, las er fr sich das Postscript noch
einmal aufmerksam, welches so lautete: -- Indem ich hier im Engel alles
Dies abfertige, drngt sich ein junger Herr in mein Zimmer, derselbe
Herr von Brwald, den wir in der Kirche zu Graupen zu bewundern
Gelegenheit hatten, und zwingt mir noch diesen versiegelten Zettel fr
den Herrn Walther auf. Er meint, der Inhalt sei fr Sie von der
allergrten Wichtigkeit.

In Dresden werde ich die Ehre haben, Sie zu sehn, und Sie werden auch
Denjenigen kennen lernen, welcher Ihnen einliegendes Blatt sendet.

Das versiegelte Blatt enthielt folgende Worte: Den Entfhrer, welchen
Sie suchen, knnen Sie nur den vierzehnten August bei, oder in Guben
treffen, wenn Sie ihn im Hause des Herrn Wachtel erfragen wollen, wo
alsdann die sichere Nachricht, wo sich dieser Herr von Linden aufhlt,
Sie erreichen soll.

Sonderbar! sagte Walther zu sich selbst, also dort soll ich den Elenden
nun antreffen, von wo gewissermaen mein Umstreifen in diesen deutschen
Provinzen begann? Und -- kann ich es mir verleugnen? -- jetzt, nach
Monaten erscheint mir die Ahndung seiner That und die Bestrafung dieses
Mannes nicht mehr so nothwendig, wie damals, als ich mich zu diesem
Geschfte drngte. Scheint es doch auch, da mein Vetter in Warschau
sich lngst getrstet hat; indessen habe ich mich einmal damit
eingelassen und mich dazu verpflichtet, soda die khlere Ueberlegung zu
spt kommt. Und ist die schne Maschinka am Ende mit diesem Entfhrer
glcklich, so mchte ich mich jetzt fragen, was diese Leiden und Freuden
mich eigentlich angehn, da die Verwandten des Mdchens, wenn doch einmal
etwas geschehn sollte, Jenen verfolgen und zur Rechenschaft ziehn
konnten. Sie haben nicht weniger Mue dazu, als ich. Nun wird also doch
zum Beschlu meiner Reise eintreffen, was nach meiner Meinung am Anfange
geschehn sollte.

Nachdem man am andern Morgen mit dem Gastwirth die Rechnung berichtigt
hatte, fuhr man, als die Hitze schon eingetreten war, nach Freiberg ab.
Dort verweilten die Freunde nur, um einige Merkwrdigkeiten in
Augenschein zu nehmen, und kamen, nachdem es schon Nacht geworden war,
in Tharand an.

Walther freute sich darauf, am folgenden Morgen die Schnheit dieser
Thler, des Buchenwaldes und der Aussicht von der Ruine zu genieen, als
Ferdinand ihm pltzlich ankndigte, er wrde noch in dieser schnen
khlen Nacht zu Fu nach Dresden gehn. Die Einwendungen Walther's wurden
nicht angehrt, sondern, obgleich es dunkel war, Ferdinand wanderte
sogleich wohlgemuth weiter, nachdem er nur eben aus dem Wagen gestiegen
war. Walther glaubte bemerkt zu haben, da ein Unbekannter ihm beim
Ankommen einen Brief berreicht habe, den Ferdinand in grter Hast,
beim ungewissen Schein eines flackernden Lichtes angesehn habe und durch
ihn in diese Unruhe gerathen sei.

Zum Argwohn aufgereizt, konnte es Walther nicht unterlassen, dem
Gefhrten, nachdem dieser in der Dunkelheit manchen Schritt voraushatte,
eilig und ohne Gerusch nachzugehn. Als er das Stdtchen verlassen
hatte, glaubte er in der stillen Einsamkeit Stimmen, ganz nahe vor sich,
zu vernehmen. Als er weiter schritt, mute er vermuthen, da es nur das
Rauschen des Gebirgstromes sei, welches ihn so getuscht habe. An der
waldbewachsnen Bergwand hinwandelnd, glaubte er im Dunkeln eine weie
weibliche Gestalt neben einer dunkeln mnnlichen zu unterscheiden; bald
berzeugte er sich auch von der Wahrheit, aber es waren Menschen, die
ihm entgegenkamen und wohl zur Mhle des Ortes zurckwandern mochten.
Noch mehr wie einmal glaubte er in der Entfernung Klagen, Zank oder
Gelchter zu vernehmen, und immer wieder mute er sich berzeugen, da
es das Gerusch des kleinen Stromes sei, das ihn in der stillen Nacht so
getuscht habe. Beschmt ging er endlich zurck, verdrlich ber sich
selbst, da er sich, ohne etwas erfahren zu haben, zum Horchen und
Belauschen herabgewrdigt habe.

Am klaren frischen Morgen durchstreifte er die reizenden Gegenden bei
Tharand, die dem Naturfreunde immer neu und anmuthig bleiben, wenn er
auch aus der Schweiz oder Tyrol eben zurckkehrt. Diese Thler, die so
einsam von der lrmenden Strae entfernt sind, vom kstlichen Waldstrom
durchrauscht, von schnen Hgeln und Buchen und Tannen bekrnzt, sind so
lieblich, da man hier gern die weiten Blicke ber den schnen Elbflu
vergit. Von der Natur gelutert, Alles, was er in Guben wollte, oder
gestern Abend ihn bewegt hatte, vergessend, fuhr er dann bei schnem
Wetter nach Dresden und stieg bald nach der Tischzeit vor dem goldnen
Engel von seinem Wagen.

Als er sein Geschft mit seinem Bankier berichtigt hatte, fiel es ihm
erst auf, da er seinen Reisegefhrten Ferdinand noch nicht war
ansichtig geworden. Er forschte im Gasthofe nach ihm, aber er hatte sich
hier nicht, wie die Freunde doch abgeredet hatten, gemeldet. Sonderbar!
sagte Walther zu sich selbst, ich bin ihm noch eine bedeutende Summe
schuldig, er hatte, so viel ich wei, gar kein Geld bei sich, und so
entschwindet er nun pltzlich, ohne Abschied, ohne Nachweisung, ob und
wo wir uns treffen knnen.

Jetzt suchte ihn der junge Baron von Brwald in seinem Zimmer auf. Was
mir das leid gethan hat, rief der junge Mensch, da wir uns vor einigen
Wochen in Graupen und Teplitz verfehlt haben; ich htte wahrscheinlich
die ganze Reise mit Ihnen machen knnen, und mein Freund, der mit mir
war, ebenfalls.

Doch wie, fragte Walther, sind Sie auf die sichre Spur jenes Linden
gekommen?

Eben jener junge Freund, der auch mit mir in Graupen und Teplitz war,
antwortete der Baron, hat mir umstndlich die ganze Geschichte erzhlt.
Er ist mit beiderseitigen Familien, sowohl der des Herrn von Linden, als
der schnen Maschinka, befreundet. Er steht mit jenen Bekannten in
Warschau in ununterbrochenem Briefwechsel, und von dort, ich wei nicht,
wie, hat er erfahren, da an jenem Tage, den ich Ihnen meldete, die
schne Maschinka sowie der Herr von Linden in Guben seyn werden. Was sie
dort, oder wohin sie von dort wollen, ist mir freilich unbekannt.

Der bestimmte Tag war ganz nahe. Walther, um nicht mit dem jungen
ungestmen Baron zu reisen, der sich ihm schon angeboten hatte, schtzte
Geschfte vor, die er auf einigen Gtern abzumachen hatte, und begab
sich auf die Strae nach Guben. Die de Gegend, durch welche er reisete,
vermehrte seinen Mimuth.

Am zweiten Tage, als es schon spt am Abend war, erreichte er Guben. Im
Dunkeln fragte er sich nach Wachtel's Hause hin, aber dieser sowohl, als
seine Gattin war nicht zugegen, und man wute, so sagte der Dienstbote,
nicht, wann sie zurckkommen wrden. -- So wollte Walther nach dem
Innern der Stadt zurckkehren, verfehlte aber, weil er die
entgegengesetzte Richtung nahm, den Weg und gerieth in die freie
Landschaft. Es kam ihm nicht darauf an, sich nicht noch etwas zu ergehn
und abzukhlen. Er gerieth auf eine Wiese und glaubte hinter einigen
Gebschen Klagelaute zu vernehmen. Er suchte sich mit Behutsamkeit, um
im Finstern nicht zu fallen, der Stelle zu nhern, und als er die Worte
unterscheiden konnte, hrte er deutlich folgendes Gesprch: So raffe
Dich nur auf. -- Was, raffen! das ist ein dummes Wort! Was kann man an
sich selber raffen? Hier liegt sich's gut, und ich will wenigstens bis
zur Regenzeit hier wohnen bleiben. -- Was fr ein Kreuz mit solchem
Mann! Kannst Du denn wirklich gar nicht stehn? -- Als wenn das eine
nothwendige Sache wre, wenn man so angenehm liegt, wie ich hier. --
Wenn nur ein Mensch zur Hlfe in der Nhe wre! -- Ja, keiner, weil sie
Alle in meiner Position, wenn auch nicht derselben Situation, in ihren
Betten liegen.

Walther hatte gleich im Anfang Wachtel's Stimme erkannt, und halb
gerhrt ber die Wehklage der Frau, halb lachend ber den so ganz
unverbesserlichen Reisegefhrten, ging er nher, um seine Hlfe
anzubieten, damit der Trunkene so nach Hause geschafft werden knne.

Ach Gott! seufzte die Frau, immer mu so ein fremder Herr als ein Engel
vom Himmel mir zur Hlfe herbeikommen. -- Mit gemeinsamer Anstrengung
richteten sie den Taumelnden endlich auf, der in seinem Rausch den
Reisegefhrten nicht wiedererkannte. Walther und die Frau faten ihn
unter die Arme und richteten ihre knstliche Wanderung nach der Stadt,
die aber, so sehr sie den Zgernden auch schoben oder zogen, dennoch nur
sehr langsam vor sich gehen konnte. Ja, gndigster Herr, klagte die
Gattin, er hat sich da, so wunderlich er nun ist, einen hllischen Trank
verschrieben und kommen lassen, den er die Menschenessenz nennt, und
behauptet, Abraham und Isaak htten den Soff schon im Paradiese gehabt.
So rennt er nun heut so heraus, wie er es treibt, um die Nachtwelt
aufzusuchen und ihr vorzupredigen, und da denkt er, die dumme Nachtwelt
antwortet ihm, wenn es die Frsche sind, die im Sumpfe quaken.

Frsche, Sumpf, quaken! rief Wachtel im Zorn: schlechte Worte! Quaken,
was das ein Milaut ist! Und dann, wie einfltig, die ordinre
Nachtwelt, zu welcher freilich Frsche, Eulen und Fledermuse gehren,
mit meiner Nachtwelt, die ich heut aufgesucht und gefunden habe, zu
verwechseln! -- Er hielt an, stemmte sich mit aller Kraft an Walther und
bestrebte sich, ihm in das Gesicht zu sehn. -- Erlauben Sie mir,
unbekannter Herr Menschen-, aber nicht Wortfhrer, Ihnen eine
authentische Nachricht von jener Begebenheit zu geben, welche diese
Person, die eine Frau und zugleich meine Frau ist, ziemlich confuse
vorzutragen sich bemht, als ob sie keine Frau, sondern ein Narr wre.
-- Jetzt ging er wieder weiter, mit seiner ganzen Schwere auf Walther
gesttzt, der schon, von der Anstrengung erhitzt, hufigen Schwei
vergo. -- Sie werden es oft empfunden haben, fuhr Wachtel, etwas
lallend fort, da der denkende Mann mit seiner Gegenwart und der ganzen
Zeit unzufrieden ist. Alles, was wir denken, wissen, wollen, die
edelsten Bestrebungen unsers bessern Menschen, auch wenn wir nicht
soeben die echte Menschenessenz genossen haben, legen wir sauber hin auf
den groen Ladentisch dieser alten Krmermadam, der Zeit. Sie sitzt nun
immer da, mit der Brille auf der spitzen Nase und die blde gewordenen
Augen aufreiend und zukneifend, und sucht aus und whlt, hebt auf und
registrirt, schreibt ein und streicht aus, und wei vor vielem Thun und
Wissen nicht, was sie thut, und vergit immer wieder, was sie sich
merkt. Die Kunden stehn vor dem Tisch belgelaunt da und fordern und
fragen, und erhalten nichts oder nur schlechtes Zeug. Der will vom
feinsten Battist und kriegt alten, abgelegenen Cattun in die Hnde, der
will eine schne politische Blondengarnitur, und die dumme Alte schiebt
ihm ein verwittertes, lngst aus der Mode gekommenes legitimes
Haubenmuster hin, mit erstickter Stickerei und ausgewaschenen Kntchen.
Treffliches Westenzeug mchte der recht blank und glnzend sich
aneignen, und alten Hosencamelot aus Osten steckt sie ihm zu. Die beste
reformirte Religionskruselei und Krause fordert der, und sie will ihn
mit schlechtem steifgestrkten moralischen Pietismus abspeisen. Schreit
der nach der einfachen Kunst ohne Form und Gesetz, ein Bildwerk fr des
Herzlichsten Herz, so fhrt sie ihm mit einer alten Mosaik entgegen,
lauter zusammengesetzte schroffe Einzelheit; der will das Platonische,
sie giebt ihm das Platte oder hchstens Plattirte: Lucretius und
Lucretiensaft, Archangel und Erzengel, Peter Madsen und Matthison,
Shakspeare und Ksebier, Racine und Ratzen, Alles verwechselt die dumme
Creatur. Die Kufer laufen fort, die besten Arbeiter wollen ihr nichts
mehr liefern, denn sie verzettelt die schnsten und edelsten Zeuge, da
sie unter den groen Ladentisch fallen, wo nachher sich Hunde und Katzen
ihre Nester drin bauen. Und die Nachwelt -- nun, die steht in der Ferne,
sperrt das Maul auf, und wnscht doch etwas aus unsrer Zeit zu
berkommen. Den Unfug hatte ich nun lange geduldig mitangesehn, und
hatte mich berzeugen mssen, da die gute Nachwelt nur Schund und
Schofel, Spreu und Asche, Sgespne (die auch vielleicht fr Shakspeare
ausgeschrien werden) und Kohlenstaub in Magen, Herz und Gehirn kriegen
wird. So, gestrkt durch einen starken Zug aus dem Quell der
Begeisterung, machte ich mich heut an diesem heien Tage, an welchem das
Thermometer hoch auf Zukunft steht, auf, um mit der Nachwelt selbst zu
sprechen und ihr im voraus die Lehren, Gedanken und Winke zu
berliefern, die ich fr die besten unsrer Tage halte. Dort in der
Einsamkeit des Waldes fand ich sie denn auch, sie hatte sich's bei der
groen Hitze bequem gemacht, und war fast ohne Hlle, sie war so
aufgelst und auseinander gequollen, da sie in der That in unsre
Gegenwart, die sich auch hatte gehn lassen, hineinreichte. Sie nahm
alles von mir gtig auf und sagte freundlich zu Allem Ja; soda unsrer
Enkel Enkel durch meine redliche Bemhung doch etwas von den guten
Fabrikationen unsrer Zeit ungeflscht erhalten haben. Und dies, mein
geehrter Herr Lieutenant, der Sie im Gehn gewissermaen meine Stelle
vertreten und mein Treten wieder bergehn mssen, ist Das, was der
vorige einfltige Berichterstatter als Nachtwelt, als Sumpf, als Frosch
und Quaken charakterisiren wollte. Sie aber, erleuchteter Mann, sehn
jetzt genau ein, wie Alles zusammenhngt. -- Sollten wir nicht aber
schon in der Stadt und vor meinem derzeitigen Hause seyn?

Und so war es in der That. Der Trunkene dankte fr die Ehre der
Begleitung, die ihm ein fremder Mann in so spter Nacht erwiesen hatte,
und ging mit der Frau in seine Thr, wo ihn ein Diener und die Magd
schon erwarteten.

Am andern Morgen war Wachtel ganz ernchtert, als Walther zu ihm
eintrat; er konnte ihm ber Alles Rede und Antwort geben, was dieser nur
zu wissen begehrte. Es ist wirklich wahr, erzhlte er, das junge, schne
Frauenzimmer, welches schon einmal bei uns gewohnt hat, ist wieder hier
durchgekommen und hat wieder eine Nacht oben geschlafen; ein alter
Diener und eine Magd, welche mit ihr waren, nannten sie Maschinka. Sie
war wieder ebenso eilig, wie damals, soda ich sie fast gar nicht gesehn
habe, und ist dann ber die Oder gegangen. Aber ein junger Mann hat sich
auch gemeldet und nach Ihnen gefragt, Sie mchten nur an Herrn von
Linden ein Billet schreiben, so wrde dieser sich gewi in den nchsten
Stunden stellen, im Fall Sie ihn nur an der Oder erwarten mchten.

Wachtel schrieb also einige Zeilen, welche binnen kurzem auch wirklich
abgeholt wurden. Der Herr von Brwald stellte sich ebenfalls ein und bot
sich zum Sekundanten Walther's an, und Wachtel, der ngstlich um seinen
Reisegefhrten war, lie es sich nicht ausreden, diesen ebenfalls zu
begleiten.

Sie hatten sich einen Platz an der Oder zur Ruhesttte erwhlt, nachdem
sie den Wagen verlassen hatten, von wo sie einen groen Theil des
Flusses bersehn konnten und gegenber die sogenannte Kretschem vor sich
hatten. Als es etwas khler wurde, sahen sie, wie die Fhre
herberruderte. Sie bemerkten, da eine elegante herrschaftliche Kutsche
darauf stand, und wie das Fahrzeug nher kam, unterschieden sie, wie
zwei Mnner, Arm in Arm, da standen und nach dem Ufer hinberschauten.
Der ltere und grere glnzte in einer reichen Uniform.

Man war nicht wenig verwundert, als Walther und Wachtel beim Anlanden
der Fhre in dem jngeren Manne ihren Freund Ferdinand erkannten. Man
umarmte sich und Ferdinand sagte eilig: ich kann hier bei Ihnen nicht
verweilen, denn mich erwartet ein dringendes Geschft, welches ich erst
abthun mu, dann wollen wir uns sprechen.

Mit mir ist es eben so beschaffen, erwiederte Walther; aber wir sehn uns
hoffentlich bald wieder und verbringen in der Stadt den Abend frhlich
mit einander.

Der General, denn dies war der angesehene Fremde, mischte sich in das
Gesprch und der junge Herr von Brwald, der nicht Zeit und Umstnde
gern bercksichtigte, brach mit der Nachricht heraus, da Walther auf
einen Herr von Linden wartete, um mit diesem ein Duell auszufechten.

Ferdinand trat mit Erstaunen von Walther zurck, und der General rief
aus: Wie? Sie sind jener Herr von Hellbusch, der meinen Neffen gefordert
hat?

So ist es, erwiederte Walther, dieses ist auch mein wahrer Name, ich
reisete unter einem erborgten, um, wie ich mir einbildete, besser
beobachten und, selbst weniger bemerkt, Nachrichten einziehn zu knnen.

Sonderbar! hchst sonderbar! rief jetzt Ferdinand aus: ich nahm drben
und in Warschau den Namen Linden an, um mich nachher in Deutschland
leichter den Nachforschungen meiner Gegner und den Verwandten meiner
Frau entziehn zu knnen.

Frau? fragte Walther jetzt mit der grten Lebhaftigkeit. Allerdings,
sagte der General lchelnd, vor drei Tagen ist meine Nichte Maschinka
meinem guten Neffen Ferdinand drben im Preuischen in meiner Gegenwart
und auf mein Wort und meine Brgschaft, als seine rechtmige Gemahlin
angetraut worden. Und Sie, Herr von Hellbusch (indem er sich an Walther
wendete), knnen mit dem besten Gewissen Kampf und Krieg aufgeben, denn
Brder und Verwandte sind durch meine Vermittlung mit dem neuen Gatten
ausgeshnt, und Ihr Vetter, welcher Ansprche auf Maschinka zu haben
glaubte, hat sich ebenfalls verheirathet.

Da Alles sich so gefgt hat, sagte Walther, so bin ich der glcklichste
aller Menschen; denn ich darf den Mann als Freund umarmen, den zu lieben
und hochzuschtzen mir schon lngst auf meiner Reise zum Bedrfni
geworden war.

Indem ffnete ein Jger den Schlag der Kutsche und eine schne Dame
stieg aus derselben, um Walther hflich zu begren. Wachtel, der sie
mit Verwundrung angesehn hatte, rief aus: Ei, wie kann man denn so
reizend seyn! das heit mit dem Schnsein kein Ma halten! Das versteht
meine Frau viel besser, die sich wohl htet, die hlichste auf der Welt
zu seyn. Aber eigen ist es zugegangen, da zwei Menschen, die sich als
Todfeinde verfolgen, ein paar hundert Meilen in ein und demselben Wagen
so gelassen und schlfrig neben einander sitzen.

Jetzt nahm Ferdinand das Wort und erzhlte, wie Maschinka seinetwegen
ihre Familie verlassen und in Angst nach Deutschland herbergekommen
sei. Sie frchtete, zu einer Verbindung gezwungen zu werden, und da der
Oheim abwesend war, so wute sie keinen andern Rath, als sich den
Ihrigen, welche sie tyrannisirten, zu entziehen. Ferdinand war
vorangegangen, um einen sichern Aufenthalt zu suchen. So kam sie ber
die Oder, und von einem Briefe einer Freundin gelenkt, suchte sie sich,
wenn auch nur auf kurze Zeit, bei der Gattin Wachtel's zu verbergen, der
die Freundin sie empfohlen hatte, ohne von ihren Schicksalen etwas
Nheres zu melden. Hier erfuhr sie, da man ihr nachstelle, da ein
Vetter des Mannes, dem sie hatte vermhlt werden sollen, von Warschau
ihr nachgereiset sei, und da die Brder dieses aufdringlichen
Brutigams sie ebenfalls suchten. Sie war also, nachdem sie ihrem
Geliebten eine kurze Nachricht nach Madlitz gesendet hatte, schon wieder
entschwunden, als dieser nach Guben kam.

Ich habe die gndige Erscheinung damals, wie jetzt, sagte Wachtel, nach
meinen besten Krften beherbergt.

Meine Braut und jetzige Gattin, erzhlte Ferdinand, wute von meiner
Irrfahrt, sie war mir immer um einige Stationen voraus, und so trafen
wir uns, um Abrede zu nehmen, in dem alten Schlosse Glich, oberhalb
Bamberg, wo sie in der Maske eines Frstermdchens erschien. Hier hatte
ich Gelegenheit, das Nhere mit ihr zu besprechen, und wir nahmen die
Abrede, in Wrzburg oder Heidelberg uns zu verbinden.

Sieh! sieh! rief Wachtel aus, drum! drum! Ei ja freilich, es ist auch
dasselbe hbsche Gesichtchen. -- Er sah hiebei Walther mit einem
bedeutenden Blicke an, und dieser lchelte halb verlegen.

In Wrzburg aber, erzhlte Ferdinand, kam ein junger Pole, der Begleiter
eines Herrn von Brwald, meiner Geliebten auf die Spur. Er machte
Anstalt, sich ihrer zu bemchtigen, und sie, benachrichtigt davon, rief
mich auf zur Hlfe, da sie mich in jene Bude hatte eingehn sehn, wo wir
uns, kindisch genug, mit einer russischen Schaukel ergtzten. In der
Bude aber stand, ohne da ich es wissen konnte, neben dem Herrn des
Kunststckes, eben dieser junge Pole, der meine Braut persnlich kannte,
und ihren Namen laut ausrief, als sie in die Bude hineinblickte. Alles
strzte ihr nach, ich aber, als der Schnellste, fand Mittel, sie im
Getmmel des Jahrmarktes zu verbergen und vor den Nachstellungen zu
retten.

Ei! rief Wachtel aus, unser Freund Walther, welcher den Jungfrauenraub
zu bestrafen ausgereiset war, sa indessen mit eingelegter Lanze hoch
oben wie ein rchender Gott in der einsamen Bude.

In Heidelberg, fuhr Ferdinand fort, erfuhr ich endlich aus ihren
Briefen, da unser gtiger Onkel sich unser annehmen und Alles
schlichten wolle, nur machte er es zur Bedingung, da wir umkehrten, um
nicht als Abentheurer in fremden Regionen den Ruf meiner Geliebten
unnthig auf das Spiel zu setzen. In eines jungen Gelehrten, Keyser's,
Gesellschaft, welcher seine Braut besuchte, sprach ich die geliebte
Maschinka, und wir beredeten unsre Rckreise. Aber wir durften uns noch
nicht vereinigen, um uns nicht dem Ungestm der Verwandten, welche uns
verfolgten, auszusetzen. Ich hatte in Briefen und aus dem Munde meiner
Braut von einem wthenden und rachschtigen Hellbusch gehrt, und konnte
mir nicht trumen lassen, da dieser derselbe freundliche Mann sei, an
dessen Seite ich die schne Reise durch Deutschland machte. So kehrten
wir denn um, und schrieben hie und da Merkworte ein, die der Andre fand
und die kein Fremder verstehen konnte. In der Hhle von Liebenstein
trafen wir uns an jenem schnen Sonntage, und dort, als ich mich hatte
von der Barke auf dem unterirdischen Gewsser bersetzen lassen, sprach
ich im Dunkel, und von der ganzen Welt abgesondert, meine Geliebte. Bei
Tharand bestellte sie mich und ich traf sie in der Nacht dort im schnen
Thal. Sie reisete sogleich hieher nach Guben, ihrem gtigsten Oheim
entgegen, und der gromthige Mann hat auch mich seinen Neffen genannt
und durch seine Gte alle die Irrsale geschlichtet. --

So fuhren sie nach Guben zurck und ergtzten sich an den kleinen
Begebenheiten ihrer Reise. Von dort begaben sie sich mit dem Oheim nach
der Schweiz, und Walther, welcher seinen Reisegefhrten Ferdinand
herzlich liebgewonnen hatte, bat sich die Erlaubni aus, mit ihnen
reisen zu drfen, um in ihrer Gesellschaft einige Zeit in dem schnen
Lande dort zu leben.

                   *       *       *       *       *

Es waren zehn Jahre verflossen, als dem Erzhler dieser Geschichte
Walther und Ferdinand wieder begegneten. Die seltsamen Begebenheiten des
Befreiungskrieges hatten uns in Prag im Sommer des Jahrs 1813 vereinigt.
Ferdinand war mit seiner Frau, die noch immer schn zu nennen war,
glcklich, er hatte einige allerliebste Kinder, mit denen er gern
spielte. Auch Walther war verheirathet, und wir erfreuten uns Alle des
Wiedersehns und der erneuten Vertraulichkeit. Nur war es mir merkwrdig,
da der schwrmende Ferdinand jetzt ein eifriger, mcht' ich doch sagen,
einseitiger Verfechter der protestantischen Lehre war, und Walther im
Gegentheil war zur katholischen Kirche bergetreten und mit vollem Ernst
und ganzem Herzen ein Bekenner ihrer Glaubens-Artikel.

Wie dieses sich zugetragen hatte, lt sich vielleicht in Zukunft
mittheilen, da es fr denkende Leser, die selbst etwas erlebt haben,
nicht ohne Interesse seyn drfte. Auch lt sich um so unparteiischer
diese Seelengeschichte erzhlen, da beide Freunde, sowie der dritte, der
humoristische Wachtel, vor Jahren nach Italien gereiset sind, und dort
froh und glcklich leben. Als heitre Beilage und Episode drften alsdann
auch die beiden Novellen, welche die freundlichen Feinde, die sich als
solche nicht kannten, im Gasthofe zu Chemnitz ausarbeiteten, nicht
unwillkommen seyn.




                         Die Wunderschtigen.
                                1831.


Der Geheimerath von Seebach lebte in seinem groen, wohleingerichteten
Hause glcklich in der Residenz. Da er reich war und eine angesehene
Stelle bekleidete, viele Verbindungen hatte, und eine groe
Correspondenz fhrte, so war bei ihm oft der Sammelplatz angesehener und
merkwrdiger Fremden und Reisenden. Hufig aber waren unter diesen
Besuchenden auch solche Gestalten, die von seiner Familie weniger gern,
oder nur mit Mitrauen gesehen wurden, weil der Rath frher ein Mitglied
mancher Gesellschaften gewesen war, die sich hherer Kenntnisse oder
wunderbarer Geheimnisse rhmten, und obgleich der thtige Geschftsmann
schon seit Jahren alle diese Verhltnisse aufgelset, und sich von
diesen Verbindungen zurckgezogen hatte, so sorgte die Tochter, die den
Vater genau kannte, doch immer, da irgendwo ein Faden wieder
aufgenommen werden mchte, der nicht zerrissen war, um Verwicklung,
Zeitverlust, oder auch wohl Kummer zu veranlassen. Der lebhafte, heitre
Sohn war gegen viele Wanderer mehr deswegen eingenommen, weil ihr
Einsprechen dem Rathe manches Geldstck kostete, denn so wie er die
Geheimnisse und Wunder verlachte, war er doch neugierig genug, immer
wieder auf die Erzhlung von seltsamen Entdeckungen oder unbegreiflichen
Begebenheiten mit Eifer hinzuhren.

In alten Papieren kramend, sa der Rath an seinem Schreibepulte, und
neben ihm Anton, sein Sohn, ihm gegenber sein Schwiegervater, der
Obrist von Dorneck, der schon seit lange seinen Abschied genommen hatte.

Ich kann das Dokument nicht finden, sagte der Rath endlich unwillig, und
begreife nicht, wie, oder wohin es kann verloren seyn. In diesem fatalen
Proze, der mich nun schon seit zwei Jahren beunruhigt, gilt es mir die
volle Summe von zwanzigtausend Thalern, wenn ich diesen wichtigsten
Beweis nicht herbei schaffen kann.

Der Obrist erwiederte: Lieber Sohn, ich bin berzeugt, da Sie es
irgendwo recht sorgsam hingelegt haben, weil es Ihnen eben so wichtig
war, und da Ihre Geschfte Sie nur den Ort haben vergessen machen.
Geben Sie sich Ruhe, und es fllt Ihnen wohl am ersten bei, indem Sie
gar nicht darber denken, wie es mit Namen von Menschen so oft geht, die
wir durchaus nicht wieder finden, indem wir es von uns erzwingen wollen,
und die uns dann pltzlich, ungesucht, indem wir zerstreut, oder
unterhalten sind, wieder beifallen.

Sie mgen Recht haben, antwortete der Rath; soll sich aber ein
Geschftsmann solcher Vergelichkeit nicht schmen? Ich habe niemals die
zerstreuten Menschen leiden mgen, und nun mu mir selbst dergleichen
begegnen.

Anton warf ein: wenn wir jetzt nur den berhmten Grafen Feliciano hier
htten, von dem so viele Wunderdinge erzhlt werden, so knnte er mit
einer einzigen Geisterbeschwrung die Sache aufhellen und in Ordnung
bringen.

Gewi, sagte der Obrist, wenn er sich zu uns herablassen wollte, denn
Bcher, Zeitungen und Briefe seiner Freunde erzhlen ja Dinge von ihm,
die noch viel wundervoller sind, als dies kleine Mirakel, das er auf
unser instndiges Bitten vielleicht verrichten mchte.

Der Rath schwieg, indem er wieder eifrig suchte. Was sind das fr
Figuren da? fragte der Sohn, indem er nach einem Blatte langte.

Du bist zwar kein Eingeweihter, erwiederte der Vater, indessen ist das
Papier auch nicht von denen, durch welche ich eine Indiscretion begehe,
wenn Du es betrachtest. Vor vielen Jahren hat ein Freund, ich wei nicht
aus welchem astrologisch-magischen Zauber-Manuscript, mir diesen Unsinn
als denkwrdig abgeschrieben.

Bin ich auch kein Geweihter, erwiederte der Sohn, so habe ich doch, wie
Sie wissen, so Manches ber diese Verbrderung gelesen, so manche
kabbalistischen Manuscripte durchblttert, da mir gerade der Unsinn
mancher Leute nicht ganz fremd ist, wenn er mir auch immer
unverstndlich bleibt.

Die Figur war eigentlich eine vieleckige, in Gestalt eines Sternes. Die
meisten Linien waren Zeilen, theils Sprche der Bibel, theils Gebete,
manche auch wundersame Namen, die, wie man sah, Geister bezeichnen
sollten, nach allen Richtungen begegnete sich das Wort Abracadabra, bald
in einzelnen Sylben und Buchstaben, bald vor-, bald rckwrts
geschrieben, bald von Sternzeichen, Hieroglyphen und andern seltsamen
Figuren unterbrochen. In der Mitte las man Adonai, gegenber Jehovah,
mit lateinischen und auch mit hebrischen Lettern geschrieben. Auf der
Rckseite war bemerkt, da dieses heilige Amulet von vielfltigem
Gebrauche sei, im Kriege wie gegen Krankheit, vor Einwirkung der bsen
Geister schtze, und Demjenigen, der die Kunst inne habe, Geister
herbeizurufen, unentbehrlich sei.

Der Rath und der Obrist lachten, als der junge, stets heitre Anton das
aberwitzige Blatt mit so ernsthafter, tiefsinniger Miene betrachtete.
Ich will ein andermal auch ber diesen Unsinn spotten, unterbrach sie
Anton, aber gestehen Sie mir nur ein, da das Ding auch eine ernsthafte
Seite habe, die man wohl in Betrachtung ziehen drfe. Nicht wahr,
derselbe Menschengeist, der fhig ist, Philosophie und Kunst zu
umfassen, der die Bahn der Sterne berechnet und die Unermelichkeit des
Himmels mit, der in Liebe und Andacht sich dem Ewigen nhert, --
derselbe hat auch dieses Blatt so umrissen, bekritzelt und durchfurcht
mit einer thrichten Lge, die doch irgendwo im Anfang mit der Wahrheit
zusammen hngt, in dieser nur wurzelt, und aus dem Guten als
stachlichtes Unkraut empor gewachsen ist.

Das mag seyn, nahm der Obrist das Wort, denn alles Schlechte und
Nichtige keimt wohl aus dem Guten; nur mchte es schwer zu entdecken
seyn, wo und wie es Lge und Thorheit wird.

Der Rath war ebenfalls pltzlich ernsthaft geworden, und fgte hinzu:
das ist eben die groe Frage, ob das Bse ein zeitliches, oder ewig sei.
Ein Nichts ist es, und wird, vom Menschengeist erweckt, ein Ungeheures,
nimmt von diesem Kraft und Thtigkeit, und wandelt als Schicksal und
Unglck umher, das Lnder verwstet und Tausende opfert. Wahrlich, hier
mchte das Auge das Herbeirufen von Geistern aus dem Abgrunde, das
Beleben eines Todtenreiches wahrnehmen knnen, viel grer und
wundersamer als Alles, was man von alten oder neuen Thaumaturgen
erzhlt.

Sie meinen, wenn ich Sie recht verstehe, antwortete Anton, da durch die
Leidenschaften der Menschen, die sich in das Unwahre oder dem Nichts
ergeben, die Weltgeschichte groentheils durch Gespenster regiert und
fortgetrieben wird, die, wenn sie nicht im wilden Kampf der Verwirrung
aufgeweckt werden, unsichtbar bleiben, oder hchstens nur Erscheinungen
sind, ber welche der Spekulant oder Witzige gutmthig lcheln mchte.
Wenn mir dies auch wahr scheint, so ist es mit diesem Blatte hier denn
doch etwas anders.

Eigentlich nicht, sagte der Vater: denn dasselbe, was hier nur Spiel
ist, hat auch schon zum Feldgeschrei und Panier der Schlachten gedient.
Es wre zu wnschen, da der bse Geist mit allen seinen Wirkungen sich
immerdar in solchen Galimathias hinein zaubern liee. Aber er wird auch
von dergleichen Kinderei irgend einmal wieder erweckt, und so fluthet
und ebbet die Masse der Erscheinungen hin und her, und das eigentliche
Fortschreiten, das wahre Besserwerden der Welt ist nur aus einer weiten
Ferne wahrzunehmen.

Ich werde mir dieses knstlich verzauberte Blatt in geweihter Stunde an
meinen Hals hngen, sagte Anton, so durch alle Gemcher des Hauses um
Mitternacht schreiten, und so hoffe ich jenes Dokument zu entdecken, das
uns Allen so wichtig seyn mu.

Nein, sagte der Obrist, gieb es mir, lieber Enkel: von alten Zeiten bin
ich noch mit den Leuten in Verbindung, die jetzt in der Residenz des
Nachbar-Landes wieder anfangen, sich auszubreiten. Ich meine jene, die
sich fr die rechtglubigen Brder halten, und die vernnftigen
verlstern und verfolgen. Immer erhalte ich noch Briefe und Anmahnungen,
mich ihnen wieder anzuschlieen. Diesen kann ich vielleicht mit dieser
sinnverwirrten Schrift ein angenehmes Geschenk machen.

Nehmen Sie es, sagte der Rath, so ist in meinem Hause eine Thorheit
weniger. Man erzhlt, da sich diese aberglubischen Menschen aus leicht
zu errathenden Absichten an den Erbprinzen dort drngen, um sich ihm
angenehm und unentbehrlich zu machen. Wer wei, was uns die Zukunft noch
fr Erscheinungen zeigt, welcher Aberglaube sich von Neuem entwickelt,
so sicher wir jetzt zu seyn glauben, und, wenn ich meiner Aengstlichkeit
folgte, so mchte ich darum das Papier nicht aus meiner Hand geben. Es
kann auch Schaden stiften, so kindisch es ist.

Lassen Sie, lieber Sohn, sagte der Alte, beunruhigen Sie Ihren Geist
nicht, wenn dergleichen auch geschehn knnte, so ist es doch nur wie ein
Steinwurf ins Wasser. Der Kreis wird immer grer, aber verliert sich,
wenn er sich am weitesten ausgebreitet hat. So lange noch solche Geister
in Deutschland regieren, wie hier uns nahe Friedrich der Zweite, und
dort Joseph der Zweite, so lange noch ein Mann wie Lessing schreibt und
wirkt, haben wir Nichts zu frchten. Und warum sollen denn unsre
Nachkommen eben wieder ausarten?

Er schlug lchelnd das Papier zusammen, und freute sich schon im Voraus,
welche Erquickung Viele in jener Brderschaft aus ihm ziehen wrden, die
sich fr Rosenkreuzer und Adepten hielten, und so ernsthaft nach dem
Stein der Weisen forschten, wenn, wie der Obrist zu verstehen gab, auch
wohl Einige unter ihnen seyn mochten, die das Spiel nur mitmachten, um
andere, irdischere Zwecke durchzusetzen.

Friedrich der Zweite, fing der Rath wieder an, ist alt, vielleicht auf
der Neige, und es ist mglich, da er bald abgerufen wird. Wissen wir
denn auch, wie jene Gesellschaften, ber die wir jetzt nur lcheln,
verbreitet sind, wie sie in Zukunft ihre Netze weit hinausspinnen mgen?
Da andre Brderschaften gegen sie kmpfen, mag an der Zeit und
nothwendig seyn. Wie glcklich, da ich alle diese Dinge, die mich
frherhin interessirten, und mein Leben in Bewegung setzten, hinter mir
habe, und auf alle diese Strmungen mit klarem gleichgltigen Auge hinab
sehn kann.

Der Bediente gab einen Brief ab, der eben von der Post gekommen war. Das
Siegel war wunderlich, und als der Geheimerath den Brief durchgesehn
hatte, sagte er: nun wahrlich, sonderbar genug! Nicht gerade der
berhmte Wunderthter Graf Feliciano wird zu uns kommen, aber doch ein
andrer seltsamer Mann, von dem auch schon oft die Rede gewesen ist:
jener Sangerheim, der sich ebenfalls berhmt, groe Geheimnisse zu
besitzen, der auch Geister erscheinen lt, Todte und Abwesende befragt,
und einen neuen Orden grndet.

Anton freute sich, da er vernahm, da dieser Wundermann ihr Haus zuerst
besuchen wrde, aber der alte Obrist Dorneck wnschte, da man sich mit
dem Abentheurer nicht einlassen mge. Sie wissen, lieber Sohn, beschlo
er, wie ngstlich Ihre Frau und Ihre Tochter bei solchen Gelegenheiten
sind, und es ist wahr, man kann niemals wissen, welches Unheil uns mit
solchen wirren Geistern ber die Schwelle schreitet. Sie haben ihre
Bestimmung darin gesetzt, die Menschen zu tuschen, und es ist nicht zu
berechnen, auf welche Art sie hintergehn, welche Schwchen, die wir
selbst nicht kennen, sie benutzen und erwecken, und wie weit wir in
ihren Wandel verflochten werden.

Seien Sie ganz ruhig, lieber Vater, sagte der Rath heiter; dieser Brief
macht es mir unmglich, den wunderlichen Mann ganz abzuweisen, um so
weniger, da ich so vielen Andern mein Haus schon erffnet habe; diese
Bekannten, die ich achten und schonen mu, und die mir diesen Mann so
dringend empfehlen, wrden mein Betragen unbegreiflich und sich
beleidigt finden.

Und, gestehn Sie nur, lieber Vater, rief Anton im frohen Muthe aus, da
Sie eben so neugierig sind, wie ich. Nein, er komme nur, der groe
Wundermann, er prophezeie uns, er zeige uns Geister, er grabe Schtze,
was und so viel er will, wir wollen Alles dankbar von ihm annehmen. Ist
doch auerdem schon lange nichts Neues vorgefallen, ist doch im ganzen
Europa Friede. Wollen sich die Lebendigen nicht rhren, so mssen die
Todten in Bewegung gesetzt werden.

Als die Mutter und Tochter bei Tische diese Neuigkeit erfuhren, nahmen
diese die Sache weniger heiter und leicht auf, als die Mnner. In ihrem
stillen Rath war vorzglich Clara verdrlich und verstimmt. Wohin,
sagte sie fast weinend zur Mutter, soll es nur fhren, da wir unser
Leben so gar nicht fr uns selbst einrichten und ableben sollen? Der
Vater hat nun, wie er sagt, alle diese Verbindungen aufgegeben, und ist
doch seitdem neugieriger und gespannter auf Alles, was in dieser Art
vorgeht, als ehemals, -- und mein Verlobter, dieser gute Schmaling, die
Leichtglubigkeit selbst. Ist es wohl recht, den Wunderglauben dieses
Jnglings immer von Neuem aufzuregen? Wissen wir denn, wie weit diese
Sucht gehn kann, oder vermgen wir es, ihr Schranken zu setzen? Wenn ich
nachher unglcklich bin, Schmaling verwirrt, und leidenschaftlich
aufgeregt, mit den geheimnivollen Menschen verflochten: wird mir denn
ein Trost meines Vaters, oder ein Spa meines leichtsinnigen Bruders
ersetzen knnen, was ich verloren habe?

Der Obrist trat zu ihrer kummervollen Berathung und sagte, nachdem er
die Klagen gehrt hatte: Uebertreibt nicht die Sache, Kinder, hier meine
verstndige Tochter, Deine Mutter, kennt ja Deinen Vater, liebe Clara.
Und Schmaling wird Vernunft und guten Rath annehmen, er ist kein Kind.
Glaube mir, meine liebe Tochter, es ist nicht gut, wenn man immerdar dem
Menschen alle Steine, an die er sich stoen knnte, aus dem Wege zu
rumen sucht. Jede Leidenschaft in uns, die es wirklich ist, mu
wachsen, reifen, und sich selber erkennen lernen. Der Mensch mu sie
dann aus eigner Kraft, nicht blo durch fremde Hlfe zu berwinden
vermgen. Dann wird das, was wohl als Thorheit erscheinen mochte, oft
Kraft und Charakter, und der Mann gewinnt in dieser Schule gerade seinen
edelsten Besitz. Wird er aber in der Jugend gehindert, ganz sich in
seinen Gelsten kennen zu lernen, erfhrt er gar nicht, wohin sie ihn
fhren knnen, so bleibt er Zeitlebens ein Nscher, der immer wieder von
Neuem der Verfhrung ausgesetzt ist.

So mu, sagte die Mutter, dies die Geschichte meines Mannes seyn. Denn
glauben Sie mir nur, Vater, stelle er sich, wie er will, htte er nicht
die vielen Geschfte, die ihm sein Amt auferlegt, und die ihm oft die
Nchte rauben, so wrde er mit Heftigkeit Alles, was sich ihm aus dieser
sonderbaren Gegend des Geheimnisses anbietet, ergreifen. Er meint,
diesen Wunderglauben, die Geheimnikrmerei, ganz berwunden zu haben,
aber ich habe ihn seit so vielen Jahren beobachtet, und kenne ihn
besser, als er sich selbst: Alles reizt, Alles beschftigt ihn. Er
sprche vielleicht nicht so oft, und mit solcher Bestimmtheit ber diese
Gegenstnde, wenn er seiner selbst ganz sicher wre. Sie haben sich oft
verwundert, warum ich mit Ihnen und andern Freunden nicht in den Wunsch
einstimme, da er seine Stelle niederlegen und auf dem Gute leben
mchte: ich kann es nicht, aus Furcht, er knne sich in andre Geschfte
und Arbeiten dann leidenschaftlich verwickeln, die weder so ntzlich
seyn drften, noch seinem Geist die Kraft und den Adel zufhren wrden,
mit denen wir ihn jetzt so freudig seinen Beruf erfllen sehn.

Am folgenden Tage schon erschien Sangerheim, der sonderbare Freund, als
Gast im Hause des Geheimenrathes. Er war ein schner, groer und
schlanker Mann, der eben nicht viel lter als dreiig Jahr seyn konnte:
sein Auge war feurig, der Ton seiner Stimme wohllautend, und der Accent
des Auslnders, eine Fremdheit in seinen Manieren stand ihm gut. Sein
Wesen und seine heitre Gesprchigkeit gewannen ihm auch bald das
Wohlwollen, selbst das Vertrauen des Rathes, indessen ihn der alte
Obrist schrfer und mitrauisch beobachtete. Am meisten aber war ihm
Clara aufsssig, denn der junge Rath Schmaling war vllig in Rede und
Gesprch des merkwrdigen Fremden verloren. Ein Gelehrter, Ferner, nahm
Antheil an der Gesellschaft, so wie der Arzt des Hauses, Huber, und
Jeder beobachtete von seinem Standpunkt aus den Reisenden, der sich
Jedem mit ungezwungener Offenheit mittheilte. Darum war auch Anton
heiter und gesprchig und die Mutter lie bald ihren Widerwillen fahren,
mit dem sie zuerst sich am Tische an der Seite des verdchtigen Mannes
niedergelassen hatte.

Als die Mahlzeit geendigt war, begaben sich die Mnner in ein andres
Zimmer, und die Frauen verlieen die Gesellschaft. Nach einigen
unbedeutenden Reden kam man auf den Gegenstand, der Alle interessirte,
da Jeder wnschte, da der Fremde von sich und seinem Treiben etwas
Bestimmteres aussagen mge. Schmaling machte sich vorzglich an den
vorgeblichen Wunderthter und nahm jedes Wort, was dieser sprach,
begierig auf; doch der Obrist, der mit Clara Mitleid hatte, und ihre
Aengstlichkeit gewissermaen theilte, suchte diese Gesprche zu stren.
Ob es denn niemals, fing er an, um die Unterredung zu lenken, irgend mit
Sicherheit wird ausgemacht werden, wie alt diese weltbekannte
Gesellschaft der Freimaurer eigentlich sei.

Vielleicht, antwortete der Rath, ist der ganze Streit mehr um Worte und
Buchstaben, als um die Sache gefhrt worden. Mgen wir annehmen, da
dieses geheim ffentliche Institut, wie es in unsern Tagen besteht,
schon uralt sei, da es in frhern Jahrhunderten, unter ganz andern
Bedingungen, als andre Bedrfnisse waren und man die jetzigen nicht
kannte, habe daseyn knnen: behaupten wir dies alles, und geben nur zu,
wie wir es mssen, da diese Vereinigung, im Fall sie alt ist, sich
vllig verwandelt und nach den verschiedenen Zeiten auch verschiedene
Zwecke beabsichtigt habe, so ist mit dieser Einrumung auch der Streit,
wenn nicht vllig geschlichtet, doch beseitigt.

Um so mehr, sagte Ferner, der Gelehrte, da wir es selbst erlebt haben,
wie in kurzen Zeitrumen sich viele Zwecke der Brder verndern, sie mit
einander streiten, jede Sekte die richtige und lteste Constitution zu
haben vorgiebt, eine Verfassung die andre verdammt, und immerdar neue
Einrichtungen die vorigen ablsen.

Freilich, sagte der Rath, und so ist es nur Geheimnikrmerei und Sucht
zum Wunderbaren, die Entstehung der Gesellschaft hoch hinauf zu setzen,
sie in andern Verbindungen wieder erkennen zu wollen, und anzunehmen,
da Tradition aus den ltesten Zeiten uns in dieser Einrichtung, die oft
sich so geheimnivoll stellt, mit dunkeln Geschichten und Sagen in
unmittelbare Verknpfung setzen knne.

Und doch, sagte Schmaling, handelt es sich hierum einzig und allein,
oder die ganze Sache verliert ihr Interesse.

Das Wunderbare, fuhr der Geheimerath fort, aber das Interesse wohl
nicht. Oder wir knnen es auch so ausdrcken: da unsre Bildung eben
dahin sich ausarbeiten soll, um zu erfahren, was wir mit Recht wunderbar
nennen. Es fragt sich, ob dann nicht ein ganz umgekehrtes Verhltni
erscheinen wird, da alles jenes Wunder, welches unsre unerfahrne Jugend
reizte, uns gleichgltig oder lcherlich wird, und wir das chte Wunder
da wahrnehmen, wo das blde Auge gar Nichts, oder das Gleichgltige
erschaut.

Sehr wahr, fuhr der Gelehrte fort, die Natur, das Erkennen derselben,
Kunst und Wissenschaft, das einfache, edle Leben unschuldiger Menschen,
die Gegenwart unverdorbner Kinder, der Liebreiz des Frhlings, das
Verstndni der Poesie und die Fhigkeit, ihn, den Ewigen allenthalben
wahrzunehmen, hier findet der chte Schler das Wunder und dessen
Verstndni. Verwandelt der Schwrmer dagegen Wissenschaft, Natur, ja
seinen Glauben an den Hchsten in ein Gespenst, sieht er mit seltsamen
Grauen in die Natur und den Geist des Menschen hinein, kitzelt er sich
mit dem Gefhl, durch Zahlen, Zeichen, willkhrliche Worte und Geberden
Annherung zu fremdartigen Geistern, ja Herrschaft ber sie zu erlangen,
so ist er schon fr das Verstndni der Dinge und jene Freiheit des
Geistes verloren, die den gesunden klaren Menschen so liebenswerth und
so ehrwrdig macht.

Gut gesagt, erwiederte Schmaling; aber er wird auch hier an Worten und
Zeichen sich zerstoen, sein Geist wird drsten und verschmachten, und
wenn er recht in das Innre dieser scheinbaren Erkenntnisse eindringen
will, so wird er sich verirren, und wenn er erwacht, sich in einer
tauben, leeren Wste wieder finden. Ist denn nicht eben jene
Glaubensfhigkeit, die sie Wunderglauben oder Wundersucht taufen und
schelten, die innerste Federkraft unsrer Seele? In ihr schlummert der
Funke, der zu Licht und Flamme sich ausbreitet und erhellt. --

Mag es seyn, erwiederte der Rath, da wir ohne diese Fhigkeit des
Glaubens, ohne dies Gefhl der Liebe und eines unbedingten Vertrauens
weder glcklich seyn knnten, noch die Stufe der Menschheit erreichen,
zu der wir bestimmt sind. Diese einfache Liebe und Hingebung aber, die
zur Glaubenskraft erstarken soll, ist vllig von jenem Vorwitz
unterschieden, der ergrnden, fassen und beherrschen will, was dem
Menschen versagt ist, und der sich, weil er Nichts erobern kann, nun in
das Gebiet der Nichtigkeit strzt, sich mit dem Schein und der Lge
verbindet, und so den Geist des Menschen, seine Seele bis an die
Selbstvernichtung fhrt. Denn so kann man doch wohl das nennen, wenn der
Mensch fr die nchste und unentbehrlichste Wahrheit Trume und
Hirngespinnste eintauscht.

Jetzt nahm Sangerheim das Wort und sagte: Hier aber ist es, wo der
Streit ein wirklicher wird, denn es lt sich doch auch fragen: wer denn
die Wahrheit zu solcher stempeln soll? Demjenigen, der nchtern und
einfach fort lebt, der sich niemals erhebt, dem drfen die Wahrheiten
der Religion, wie die Ahndungen der Geisterwelt als leere Trume
erscheinen. Wer es aber erlebt und erfahren hat, wie jedes Wort und jede
Gestalt nur dadurch wahres Sein erhlt, da sie vieldeutig sind, da das
Alltgliche und Aeuere auf ein Inneres und Geheimnivolles deutet, der
kann unmglich alle hhere Forschung und Erkenntni als unzulssig
abweisen, weil sich ihm das, was in frherer Entfernung Traum und
Aberwitz schien, nun nher gerckt, deutlich in nahe Wahrheit, in die
unerlliche Bedingung aller chten Erkenntni verwandelt.

Schmaling gab dem Fremden die Hand, von diesem Worte hoch erfreut. Der
Fremde fuhr fort: Ist es wahr, da diese chten Geheimnisse, wie alles
Groe und Geistige, schlecht bewahrt und mit falschem Sinne erkannt,
verwahrloset und durch Mibrauch bis zur Snde herabgewrdigt werden
knnen, so ist es gut und nothwendig, wenn sie sich in dunkeln,
tiefsinnigen Schriften dem Verstndni der blden Menge entziehn, wenn
eine beschlossene Gesellschaft edler Menschen sie als etwas Frommes und
Heiliges bewahrt. Es ist lblich und nothwendig, da, da der Zutritt
nicht eigensinnig versagt werden kann, Prfung und Luterung voran geht,
und nur Auserwhlte, die in verschiedenen untern Graden bewiesen haben,
da sie der Erleuchtung fhig und wrdig sind, zum Lichte vordringen
drfen. So war es seit uralten Zeiten, und diese Ueberlieferung bewahrt
unser Bund, und dies ist es, was wir versprechen knnen. Darum werden
jene andern nchternen Sekten der Brderschaft, die alle nicht wissen,
was sie wollen, von selbst verschwinden und sich vernichten.

Dieser Gesang, antwortete der geheime Rath, ist nicht neu, er lt sich
von Zeit zu Zeit immer wieder vernehmen. Die wahre chte Maurerei, die
ich fr solche erkenne, ist aber diesem Glauben und dieser Absicht
vllig entgegen gesetzt.

Und diese chte Maurerei? fragte der Fremde. Anton trat hinzu und sagte:
Darf ich, als der einzige Ungeweihte hier, auch zugegen bleiben? -- Der
Vater erwiederte lchelnd: Ich werde nichts verrathen, was nicht Jeder
hren drfte. -- Wie sich die Menschheit in Gesellschaft und Staat
gebildet hat, und diese nicht entbehren kann, so fhlte der
Einsichtsvollere doch auch zu allen Zeiten, da mit diesem unendlichen
Gewinnst gegenber ein Verlust verbunden sei, und seyn msse, der wohl
eben so schmerzlich falle, als der Gewinn gegenber erfreuen drfe. Die
Gesetze ordnen und zerstren, die Religion erhebt und verfolgt, die
Moral veredelt und verdammt, und Alles in so groen Verhltnissen, so
durchgreifend und nach allen Seiten, da es unmglich scheint, die
Ausgleichung und Vershnung dieser Wohlthaten und Uebel zu finden.
Religise, wie dichterische Sagen setzen diesen unerllichen Zwiespalt
schon vor alle Schpfung hinaus; Mystiker suchen aus ihm die Entstehung
der Welt zu erklren. Der Inhalt unsrer Religion ist die Lehre der
Vershnung, um durch ein neues Rthsel das ltere zu lsen. Schon die
alte Mythologie und Dichtung der Griechen wollte ebenfalls manche
Schuld, grause Verbrechen, die jedes Gesetz verdammt, zur Tugend, zur
Aufgabe eines Gottes machen, und Orest ist eine wundersame Frage an den
innern Geist, wie Timoleon in sptern Zeiten. Durch alle Adern des
Daseins dringt der Tod des nothwendigen Buchstaben, und jeder Edle, sei
er Frst, Staatsmann, Krieger oder Handwerker und Bauer, findet in
seinem Leben tausendfltige Gelegenheit, hlfreich zu seyn, wo Staat,
Religion, Gesetz und Lehre nicht ausreichen, um zu vermitteln, wenn er
seinen Sinn frei genug erhalten hat, und so das Geistigste, das, was
unantastbar seyn sollte, und was doch immerdar verletzt werden mu,
still und behutsam zu schtzen. Nur in den allerneuesten Zeiten war es
mglich, da verschiedene Freigesinnte, edle Menschen darauf fielen, in
einen geheim ffentlichen Bund zusammenzutreten, um dieses Unsichtbare,
Unaussprechliche zu wirken, dieses chte, groe Geheimni zu bewahren,
welches sich freilich niemals verrathen lt, weil es ganz geistiger
Natur ist, das schon verschwindet, indem man es nur in bestimmte Worte
fassen will.

Anton sagte lebhaft: Ja freilich, so angesehn, ist eine solche
Vereinigung verstndiger Mnner das Edelste, was man sich denken kann:
die chte Aufklrung, um ein so oft gemibrauchtes Wort einmal in seinem
wahren Sinne zu brauchen.

Der Vater winkte ihm freundlich, und fuhr fort: Wenn Menschen, so
gestimmt, sich zusammenfanden, so durften sie hoffen, da die
Vereinigung ihre Gesinnungen strken, ihnen das Gute, was sie ausrichten
wollten, erleichtern wrde. Der Unterschied der Sekten, der
Glaubensmeinungen und Stnde hrte in dieser geistigen Gemeinschaft auf.
Sie konnten nicht darauf fallen, Etwas gegen den Staat zu unternehmen,
so sehr sie dessen Gebrechen fhlten, denn sie htten sich ja dadurch
dem todten Buchstaben wieder hingegeben, dem sie entfliehen wollten. Es
gengte, klar zu sehn, fein zu fhlen, den Leidenschaften und
Vorurtheilen nicht zu huldigen. Um so mehr Patrioten, um so weniger
legten sie Hand an, Rder auszuheben, oder die Maschine anders
einzurichten. Es gengte, da sie ohne That und Kampf das Gute wieder
vorbereiteten; der Fromme mute frei genug seyn, um in und durch die
Gesellschaft seine Sekte nicht verbreiten zu wollen; noch weniger aber
konnte es dem Aufgeklrten beikommen, die Religion des Landes
untergraben zu wollen, nchterne Freigeisterei zu befrdern, oder
feindselige Gesinnungen zu verbreiten, er fhlte, da Liebe, Milde,
Sanftmuth und Duldung gengten. Je frommer der Fromme war, so weniger
konnte er aber auch, als Mitglied solcher Gesellschaft, den Satzungen
eigensinniger Priester huldigen, oder eine geschichtliche Form der
Religion fr etwas Anders als Form und Buchstaben halten. In dieser
chten Loge meines Sinnes, wie konnte es in ihr mehr als einen Grad
geben? Was htten die Eingeweihten denn noch finden und entdecken
sollen? Gengte irgend einem dieses hohe, unsichtbare und
unaussprechliche Geheimni nicht, so stand er ja in dieser
Ungengsamkeit wieder auen, und hatte Weihe und Erkenntni verloren.

Und wo, wo, rief Anton lebhaft aus, wo sind diese chten, wahren Maurer
zu finden, da auch ich mich ihnen mit allen meinen Krften anschliee?

Wo? antwortete der Vater; nirgend in aller weiten Welt sind sie zu
finden, nirgend und allenthalben; denn jeder wahre Mensch ist dieses
Salz der Erde, und ist ohne Gesellschaft, Eid und Verbindni dieser
chte Freimaurer. -- Als nun Christoph Wren in London die neue Loge
stiftete, oder nur neu belebte, ging von hier aus wohl eine Gesinnung,
oder eine ihr hnliche aus, wie ich eben geschildert habe. Unter jenen
Freimaurern ist Ashmole der erste, der davon spricht, und wenn er die
Gesellschaft und Verbrderung eine sehr alte nennt, so mgen
meinethalben die Baukorporationen schon lngst ihre Constitutionen und
Symbole gehabt haben, doch war dieser erlaubte und edle Kosmopolitismus
in dieser Gestaltung den frheren Jahrhunderten unbekannt und unmglich.

Und wie selten, wie wenig mag er auch in England, wie in Deutschland,
zum Bewutsein gekommen seyn, fiel der Obrist Dorneck ein. In meiner
Jugend schlo ich mich, aus einem unbestimmten Wissenstriebe, Menschen
an, die sich fr erleuchtet ausgaben. Die Gesellschaft war aber damals
nicht so ausgebreitet, wie jetzt, noch war sie in so viele Sekten und
Constitutionen getheilt. Schon die Menge der Lehrlinge, die Kassen, die
der Aufzunehmenden bedrfen, die weltlichen Absichten, die sich mehr
oder minder eingeschlichen haben, machen jene Vereinigung, von der Sie,
theurer Sohn, sprechen, vllig unmglich. Und es ist zu frchten, wie es
denn auch schon begonnen hat, da sich kluge Kpfe dieser Verbindungen
bemeistern werden, um vllig das Gegentheil aus ihnen zu machen, wozu
sie bestimmt waren. Bemchtigt sich erst ein solcher Schwindel der Zeit,
so steht wohl zu besorgen, da ein viel schlimmerer Buchstabe mit
tdtender Kraft herrschen wird, als vormals in der uern Welt, und
ihren Gesetzen, Gewhnungen und Rechten.

Wie gesagt, erwiederte der Rath, die Zeit erklrt und erzeugt Alles.
Manche Vlker, vorzglich Deutschland, waren nach dem Frieden von 1648
in sich selbst matt zurck gesunken, bei uns war alles ffentliche Leben
dahin, das Interesse fr den Staat vllig abgeschwcht. Hier in
Deutschland konnte sich allgemach der Gedanke erzeugen, statt des
ffentlichen Geistes einen unsichtbaren still wohlthtig walten zu
lassen. Vielleicht, da hie und da, auf kurze Zeit, die chte Maurerei,
nach meinem Sinne, ausgebt wurde. Entstellungen zeigten sich frh,
Mibruche schlichen ein, und Alle ngstigten sich, geheim oder
eingestehend, da sie kein sprechendes, faliches Mysterium den
wibegierigen Lehrlingen zu verrathen hatten, worin doch eben, da sie
dessen ermangelten, ihr Wesen und ihr Stolz htte bestehen mssen.

Dieses Geheimni, fiel der Obrist ein, hat mich schon in meiner Jugend
herumgejagt. Ich lie mich frh aufnehmen, und unser Meister vom Stuhl
war denn auch ein Wunderthter. Bald war die Stadt, es war im Anfange
des Krieges, nicht sicher genug. Ein Schlo im Gebirge, das einsam lag,
ward zu den Versammlungen der Geweihten auserlesen. Der geheimnivolle
Meister setzte uns junge Leute immerdar in ngstliche Thtigkeit. Jetzt
kam diese geheime Botschaft, und nun jene, dieser groe Monarch, dann
jener benachbarte Frst waren dem Magus auf die Spur. Nachtwachen,
gerstete Freunde, Waffen und Schwur sollten den seiner Weisheit wegen
Verfolgten beschtzen. Eine berittene Garde umgab bei Tag und Nacht das
Castell, und streifte in der Gegend umher, um Kundschaft einzusammeln.
Je mehr wir uns ngstigten, je grer und erhabener erschien uns unser
Meister. Freilich waren auch einige prosaische Zweifler unter uns, und
diese folgten eben so unermdet der Spur des Betruges, wie wir der der
Verfolgung, und ermittelten endlich mehr als wir. Unser hohe Magus war
am Ende nichts, als der gemeinste Betrger, vom niedrigsten Stande, der
sich schon frh vieler verchtlichen Schelmereien schuldig gemacht
hatte, und nicht einmal Maurer war. Ein strenger, rechtlicher Mann nahm
sich nun unsrer an, und eine Zeitlang wollten und fhlten wir Alle etwas
Aehnliches, als Sie, Herr Sohn, uns vorher geschildert haben.

Die Sage, fing der Rath wieder an, ward nun beliebt, da die
Freimaurerei eine Fortsetzung und neue Belebung des alten Ordens der
Tempelherren sei, der so willkhrlich und mit so vieler Grausamkeit
aufgehoben wurde. Wie ich schon aussprach, ich will ber Dergleichen
nicht streiten. Mgen die Einsichtigen des Templerordens die Freimaurer
ihrer Zeit gewesen seyn, mglich, da ihr Bund sich der fast
allmchtigen Hierarchie und dem weltlichen Despotismus widersetzte; da
aber die neue Brderschaft eine Fortsetzung des vertilgten Ordens,
unmittelbar von entflohenen Brdern gestiftet, sei, wird man niemals
befriedigend nachweisen knnen. Andre knnen mit demselben Recht die
Wiklefiten zu Maurern machen. Wohin wir sehen, giebt es Verbindungen in
der Geschichte, die sich der herrschenden Kraft mit Glck oder Unglck,
mit Gewalt oder heimlich widersetzen. Oft ist die Weisheit und das
Bessere beim Widerspruch; oft aber wird dies auch frh vom Schlechten,
Frevelhaften vertilgt. Warum sollen, so verstanden, die ersten
Albigenser nicht ebenfalls Freimaurer gewesen seyn? Da sie Rebellen
wurden, dazu zwang sie vielleicht die zu rasche Maregel der Kirche und
die Grausamkeit der Priester. Ich kann Nichts dagegen haben, will man
den Orden in den uralten Culdeern auf den schottischen Inseln
wiedererkennen, die sich schon in den frhesten Jahrhunderten dem
anwachsenden Papstthum widersetzten, und eine reinere Lehre, ein
ursprnglich chtes Christenthum zu besitzen glaubten. Warum will man
die Gnostiker ausschlieen? Ja die jdische Sekte der Esser? Auch
hindert uns Nichts, die Pythagorer dafr zu nehmen. Oder die besseren
der gyptischen Priester: eben so Diejenigen, die die chte Lehre der
Perser bewahrten. Man kann sich das frheste Judenthum, oder selbst das
religise Geheimni der Patriarchen so denken. Wie aber Abrahams
Judenthum (wenn man es so nennen will) ein ganz andres war, als das der
Phariser zu Josephus Zeiten, oder als jene jdischen Sekten, die die
Kabbala und alle wunderlichen sinnreichen Trume der Rabbinen annehmen
und aus diesen erst rckwrts die Propheten und Moses verstehn, so ist
auch jene willkhrlich so genannte Freimaurerei von der neuesten noch
weit mehr unterschieden, und ihr vllig unhnlich. Denn so knnen wir
die Bundeslade, das verlorne Feuer, die wiedergefundenen Bcher, und was
wir nur wollen, willkhrlich deuten, und es geschieht der Sache nicht zu
viel, wenn wir Noahs Arche zu einer Loge machen, und den Grnder der
Brderschaft in Seth, oder selbst Abel suchen. Ist man mit Typen und
Vorbildern zufrieden, so ist es keine so gar schwere Kunst, aus Allem
Alles zu machen, und es sollte mich nicht groes Studium kosten, die
Brderschaft, ihre Geschichte und Symbole aus der Comdie des Dante,
oder aus der wilden Prosa des Rabelais heraus zu deuteln.

Scherzen Sie nicht, sagte der Gelehrte, es ist noch nicht aller Tage
Abend, und wir knnen nicht wissen, welche Aufgaben sich der Scharfsinn
und die Combinations-Gabe unserer Tage noch setzen werden. Es ist
sonderbar genug, da die Sule Boaz noch niemals auf den
vielbesprochenen Baffomet ist gedeutet worden.

Oder beide Sulen J und B, Jachin und Boaz, auf Jacob Bhme, der doch
gewi bei den Parazelsisten und Adepten der Brderschaft eine groe
Rolle gespielt hat.

Vielleicht, sagte Schmaling, da ich noch nicht durch viele Grade
gedrungen bin, erfahre ich knftig dies und noch mehr. Knnte aber ein
wissender Meister nicht neue Deutungen in die Symbole legen?

Dergleichen, erwiederte der Rath, ist vielfach geschehen; und so sind
durch Erklrungen Geheimnisse, und aus diesen wieder neue Erklrungen
entstanden, um eine Sache zu verwirren, die nur in schlichter Einfalt
wohlthtig und segensreich seyn konnte.

Wie kommt es nur, sagte Ferner, der Gelehrte, da man noch niemals die
Schulen der Magie und Zauberei, oder Nekromantik, Nekromancie, wie die
Dichter des Mittelalters sie nennen, fr Logen gehalten hat? Nach Toledo
in Spanien, als dem Centrum und der wahren Universitt oder groen
Mutterloge, weisen alte Gedichte hin. Kunststcke, Zauberei,
Verwandlung, Beherrschung der bsen und guten Geister wurde dort
gelehrt. Auf dem Vatikan liegt ein Gedicht von den Heymonskindern und
dem Zauberer Malegys. Dieser lernt aus den Bchern eines andern Magus,
Balderus, die hohe Kunst, er besiegt nachher diesen und einen andern
berhmten Knstler Iwert; und so htten wir denn vielleicht hier wieder
das I und B, was in der Maurerei eine so bedeutende Rolle spielt.

Halten Sie ein, Professor! rief Anton aus, sonst machen Sie noch alle
unsre reisenden Taschenspieler zu Meistern vom Stuhl, oder unbekannten
Obern.

Doch ohne allen Scherz gesprochen, erwiederte Ferner, ich wundre mich,
da unter den vielen Maurern und Freunden der Maurerei, von denen doch
so viele Bcher gelesen und fr die Sache geschrieben sind, noch keiner
sich die Mhe gegeben hat, ein hchst merkwrdiges Gedicht aus dem
Mittel-Alter zu studiren, das, wenn irgend eins, eine Geheimlehre
enthlt, ein Christenthum, Mythe und Symbolik, die gewi nicht mit den
herkmmlichen und angenommenen der katholischen Kirche bereinstimmen.
Dieses Gedicht heit die Pfleger des Graal, und besteht aus zwei
Theilen, wovon der erste Parzifal, und der zweite Titurell genannt wird.
Dieser heilige Graal ist ein Geheimni, das nur Eingeweihten zugnglich
und verstndlich ist, eine Erfllung aller Wnsche, eine Heiligung alles
Menschlichen und Irdischen, er giebt Gesundheit, Leben, Freude und
Glck. Durch Forschen, Fragen, wenn der Ritter zufllig in den Saal
tritt und aufgenommen wird, macht er sich des Mysteriums wrdig, und der
junge Parzifal, weil er zu bescheiden ist, verscherzt in frher Jugend
auf lange durch sein Stillschweigen diesen Besitz. Die Heidenschaft und
der Calif der Muselmnner erscheinen nicht so feindlich und gehssig,
wie in den brigen Gedichten des Zeitalters. Eine kirchliche christliche
Gemeinschaft der Frommen und Edlen, eine mystische Lehre wird
vorgetragen, die selten mit dem allgemein Gltigen jener herrschenden
Kirche berein zu stimmen scheint. Auch der Tempel und die Baukunst sind
mystisch behandelt und sind dem Werke hchst wichtig, wenn gleich die
heilige Masseney, die Tempelherren oder Tempeleise ganz in Art und Weise
der Ritterwelt dargestellt sind. Auch der Priester Johannes spielt eine
groe Rolle, und Alles bezieht sich in verschiedenen Richtungen auf
Johannes den Evangelisten. Wie sehr der Tufer bei den Maurern gilt und
geehrt wird, ist bekannt, und, wenn sie wirklich lteren Ursprunges seyn
sollten, so ist wohl noch zu untersuchen, ob nicht ursprnglich der
Evangelist gemeint sei. Die Forschungen ber dieses tiefsinnige Gedicht
des Mittelalters sind auch in anderer Hinsicht noch lange nicht
abgeschlossen, und der Maurer, der die Geschichte der Poesie kennt,
drfte hier auf manche Entdeckung gerathen, die seinem glubigen
Vorurtheil mehr und strkere Waffen gbe, als jener Sanct Albanus, der
die Bauleute in England zuerst beschtzte, oder der Prinz Edwin, oder
die Culdeer, Wiklefiten, oder was man nur sonst in die Untersuchung
gezogen hat.

Mir fllt eine Frage ein, sagte Anton: hat man noch nie den sinnigen
Shakspeare zum Maurer gemacht? Viele seiner Sprche, z. B. es giebt
viele Dinge im Himmel und auf Erden, von denen sich eure Schulweisheit
nichts trumen lt hat man oft genug gebraucht und gemibraucht. Es
ist aber bekannt, da der edle Philipp Sidney ein Freund und Beschtzer
des berhmten und berchtigten Jordanus Bruno war, den man nachher als
Ketzer in Italien verbrannte. Wie, wenn diese beiden Mnner chte Maurer
gewesen wren, und in jener merkwrdigen Zeit eine Loge gestiftet
htten, in welcher unser Shakspeare spter wre aufgenommen worden? In
dem kleinen London und in einem kurzen Zeitraum von dreiig Jahren waren
so viele groe und herrliche Mnner, wie sich nur selten auf Erden so
enge zusammen drngen.

Jetzt stand Huber, der Arzt, auf und sagte: ich habe bis jetzt
geschwiegen, weil ich nicht andern Meinungen voreilen wollte. Dieses
Geheimni eines Nicht-Geheimnisses, wie es unser Freund Seebach
ausgefhrt hat, will mir keinesweges gefallen. Es sei, da die Maurerei
Nichts gegen Staat und Religion unternehmen soll, und da wir deshalb
jene frhen englischen Logen tadeln mgen, von denen die Sage berichtet,
da sie unter Cromwell bedeutend zur Wiedereinsetzung der Stuarts
mitgewirkt haben. Aber eben dadurch, da der Maon von Politik und
Kirche sich zurckhlt, um nicht zu stren, ist ihm ein so grerer und
schnerer Wirkungskreis in der Natur erffnet. Weisen wir die frheren
Sagen von Adepten ab, so ist eben jener Elias Ashmole, der einer der
frhesten authentischen Maurer der neuen Zeit ist, zugleich als ein
Freund der Astrologie und der Verwandlungskunst bekannt genug.
Beschftigen sich also die Universitten, um die Jugend nicht irre zu
fhren, mit der Naturwissenschaft in dem gewhnlichen Sinne des Wortes,
so ist es um so erfreulicher, wenn ein Kreis erfahrner Mnner, zum
Geheimni durch Wort und That verbunden, jenen Geist aufsucht und
herbeiziehn will, jene Kraft, Wunder zu wirken, die wohl schon sonst
auserwhlten Sterblichen beigewohnt hat, kurz, sich in dem zu ben und
zu vervollkommnen, was gemeinhin Magie genannt wird. Diese Wissenschaft,
die Natur aufzuschlieen und sie zu verwandeln, ist des Strebens der
Edelsten nicht unwrdig. Es ist leichter, sie zu verlachen, als die
Meister dieser Kunst und die Anschauungen, die uns entgegen kommen,
abzuweisen und zu widerlegen; und namentlich die Kunst des Adepten, Gold
zu machen, den Stein der Weisen hervor zu bringen. Die nchterne Welt
kennt nur einen Weg, indem sie die Erzhlung von Flamel als Lge
verschreit, was Paracelsus erzhlt und ein Mann wie Helmont betheuert,
Mhrchen nennt, den tiefsinnigsten der Philosophen, Jacob Bhme, nicht
anhrt und versteht, und Alles, was in unsern Tagen ein erleuchteter
Saint Martin begeistert predigt, nur mit mitleidigem Achselzucken
beantwortet. Aber ist es denn nun schon unwidersprechlich dargethan, da
uns Saint Germain belog und betrog? Die Kunst, Gold aus andern Metallen
zu machen, scheint so nahe zu liegen, da wir so viele Verwandlungen
hervor bringen knnen. Sie soll ja nur den Meister beurkunden, ihm
seinen Meisterbrief schreiben, als einen Beweis, da er die Natur
bezwungen hat, und sie beherrscht. Die moralische Besserung und
Vergeistigung des Menschen ist die hhere Kunst des Adepten. Aber Wunder
zu glauben, in der Vorzeit, um Religionen und Heilige zu bekrftigen und
ihrem Wirken Glauben zu verschaffen, und anzunehmen, da diese Kraft
erlschen msse, und in unsern Tagen und niemals wieder erweckt werden
knne und drfe, heit, um mich gelinde auszudrcken, auf das Mindeste
sehr inkonsequent glauben und lehren. Mein Freund Seebach kennt meine
Ueberzeugung, die ich hiemit wiederhole. --

Jetzt nahm Sangerheim, der Reisende, wieder das Wort: Wie die Kunst der
Verwandlung das eine Unterpfand des Maurers und Meisters ist, so ist die
Macht ber die Geister die zweite Beglaubigung, da er Bahn gewonnen,
und den Sieg im Laufe errungen hat. Diese Hoheit ist dem chten Schler
der Weisheit seit uralten Zeiten berkommen, von alten Meistern und
Obern, und jeder Lehrling, der sich in der Prfung wrdig erweiset, kann
dies Siegel der Vollendung erringen. Wenn die Rosenkreuzer diesem hohen
Berufe nachstreben, so ist es lblich, erringen sie ihn, dann ist ihre
Kunst und ihr Weg der wahre. Er ist aber nicht der meinige. Doch werde
ich den wrdigsten Brdern, die schon erfahren sind, gern, wenn sie
Glauben und Vertrauen haben, die Weihe nach Graden der Prfung zukommen
lassen. Doch bin ich hierin ganz der entgegengesetzten Ueberzeugung des
Herrn von Seebach. Ein einziger Grad ist keiner; was diese Freimaurerei
will und soll, kann Jeder am besten isolirt und ohne alle Verbindung
erlangen.

Schmaling sah begeistert aus und drngte sich an den Fremden, auch der
Arzt Huber gab ihm die Hand. Auf der Seite des Rathes blieben der
Obrist, der Gelehrte und Anton. So war in dieser kleinen Gesellschaft
ein Gegensatz von Meinungen, die sich auf keine Weise vermitteln lieen.

Man trennte sich, und beim Abschiednehmen bat der geheime Rath den
Fremden, der so groe Dinge ankndigte, noch etwas zu verweilen. Er trug
ihm seine Verlegenheit vor in Ansehung des verlornen Dokumentes und
schlo dann: Getrauen Sie sich wohl, durch Ihre bernatrliche
Wissenschaft, deren Sie sich rhmen, mir diesen Bogen, an dem mir so
viel gelegen ist, wieder zu verschaffen?

Sangerheim, der bisher in der Gesellschaft bescheiden in Wort und
Haltung gewesen war, richtete sich jetzt stolz auf und sah den Rath mit
einem khnen Blick von oben herab mit seinen feurigen Augen an und
sagte: Ist dies nur eine leere Erfindung, um mich zu prfen, so drfte
es schlimm fr Sie ausgehn, wenn ich jene Krfte fr diese Unwahrheit in
Thtigkeit setzte; ist es Wahrheit, was Sie mir sagten, so verspreche
ich Ihnen meine Hlfe.

Seebach erzhlte ihm umstndlicher die Sache, den Inhalt des Dokumentes,
wie lange er es besessen, und da es jetzt zur gnstigen Entscheidung
des Prozesses unentbehrlich sei. Ich glaube Ihnen, sagte Sangerheim, und
spreche Sie morgen Nachmittag in der vierten Stunde.

                   *       *       *       *       *

Am folgenden Abend war der Rath im Kreise seiner Familie, kein Fremder
war zugegen, auch Schmaling fehlte. Es war sichtbar, da er nachdenkend
war und an den Gesprchen der Uebrigen nur wenigen Antheil nahm. Der
Obrist sagte endlich, als er in die Frhlichkeit der Uebrigen nicht
einstimmte: Was ist Ihnen, Lieber? Wir fangen uns an zu ngstigen;
theilen Sie uns Ihren Kummer oder Ihre Leiden mit.

Es ist nichts dergleichen, erwiederte der Vater, ich sinne nur darber
nach, wie man so nach und nach alt wird, und doch niemals ausgelernt
hat. Ich glaubte ber Alles, was man Wunderglauben nennt, hinaus zu
seyn, und war selbst in meiner Jugend dieser Schwachheit nicht
ausgesetzt: und nun berhrt mich Etwas so stark, da ich mich vor mir
selber frchte, wenn der Ausgang sich so ergeben sollte, wie er mir ist
versprochen worden.

Die Mutter und Tochter sahen sich mit bedeutenden Blicken an, Anton war
gespannt und der Obrist sagte: Nun, Werthester, was ist Ihnen
versprochen? Drfen Sie es uns mittheilen?

Es ist mir nicht verboten worden, erwiederte der Vater. Gestern, als wir
uns trennten, erzhlte ich dem Fremden von dem verlornen Dokument. Er
schien erst unwillig, weil er die Sache fr Erfindung hielt, ihn auf die
Probe zu stellen. Wie er meinen Ernst sah, versprach er mir heut
Nachmittag Antwort zu geben. Er erschien, und seine erste Frage war, ob
ich nicht in der Stadt noch ein andres Haus bese. Ich bejahte, wir
gingen hin und er betrachtete die Zimmer und den Saal, welche leer
stehen, da ich immer noch unentschlossen bin, ob wir hinber ziehn. Er
lie sich ein drittes Zimmer aufschlieen, eilte hinein, und indessen
ich noch drauen verweilte, und die Gemlde betrachtete, hrte ich
drinnen Gerusch, wie von verschiedenen Menschen, auch Stimmen durch
einander. Ich eilte durch die offenstehende Thre, und fand meinen
Fremden allein in der Mitte des Zimmers, tief sinnend. Er bemerkte mich
erst nicht, dann sagte er: Gehn wir morgen in der Mittagsstunde,
zwischen Zwlf und Eins, wieder hieher, und ich hoffe Ihnen etwas
Bestimmteres sagen zu knnen. Wir verlieen das Haus, und ich fragte
ihn, ob er es erlaube, da uns noch Jemand begleite. Sehr gern,
erwiederte er, nur bitte ich, dem jungen Herrn Schmaling vorerst nicht
die Sache mitzutheilen, oder ihn zum Begleiter zu whlen, er ist zu
heftig, er schwrmt und wrde mich stren; vielleicht geht Ihr
zweifelnder Sohn mit uns. -- Seht, Freunde, das ist mir heut begegnet,
und Ihr mt gestehn, da, wenn dieser Mensch ein Betrger ist, er einen
neuen und originellen Weg erwhlt.

Aber wie ein Betrger? sagte der Obrist: wenn er Ihnen wohl morgen schon
das Dokument schafft, oder Ihnen eine bestimmte Antwort giebt.

Das wird er eben nicht thun, antwortete der Rath, er wird morgen mit
einer neuen Zweideutigkeit mich abfertigen, mich wieder auf einen andern
Tag vertrsten, und, wenn er meine Leichtglubigkeit, oder meinen
Charakter bei dieser Spannung beobachtet und kennen gelernt hat, mich
mit diesen oder jenen Mhrchen abspeisen, von denen er glaubt, da sie
mir zusagen. Alles das sage ich mir und wiederhole es mir, und doch kann
ich es mir nicht leugnen, da ich ungeduldig die Stunde des Wiedersehens
erwarte, da ich mir jenes seltsame, unbegreifliche Gerusch in der
Erinnerung wiederhole, und darber sinne. Es war, wie von vielen
Menschen, wie Zank und Streit, ja Thtlichkeit, verschiedene Stimmen
antworteten sich heftig, so da ich erstaunt die halb angelehnte Thr
ffne, in der sonderbaren Erwartung, viele fremde, heftige Menschen in
Geznk in meinem verschlossenen Zimmer zu finden, und ihn doch nur
allein still in der Mitte des Raumes stehen fand. Es war Tag, nicht
Mitternacht, keine Vorbereitung war vorangegangen, ich kenne das Haus
und er nicht, -- wie soll man darber denken?

Lassen wir es, sagte Anton, bis morgen; die Stunde ist nicht so gar
entfernt, und erlauben Sie mir, Sie zu begleiten.

Keine Kreise gezogen? fiel der Obrist ein: kein Zauber-Apparat? keine
Citation? Sonderbar genug. Jenes habe ich auch einmal in meinem Leben
gesehn und mitgemacht, und es wies sich nachher als Betrgerei aus, aber
man hatte uns, die wir zugelassen wurden, durch Geheimni, Rauchwerk,
Gebet, Fasten und Kasteiung so exaltirt und betubt, da unsere
Imagination dem Magus schon auf drei Viertheil seines Weges entgegen
ging.

Als die Mutter in der Nacht mit der Tochter bei einer huslichen Arbeit
verweilte, sagte sie: Ich kann Dir nicht beschreiben, wie widerwrtig
mir diese Geschichte ist, die sich da anspinnt. Wir waren einige Jahre
so ruhig, und nun wird Dein Vater wieder in solche Verwicklungen und
Gedanken hinein gezogen, die ich auf immer fr abgethan hielt. Er meint,
er hat Alles berwunden, und lt sich immer wieder von Neuem anlocken.
Was ist es nur im Menschen, das der Vernunft zum Trotz, auf die sich die
Meisten doch so viel einbilden, immer Herz und Phantasie in das Seltsame
und Unbegreifliche hinberzieht. Ich habe noch keinen Menschen gekannt,
der nicht aberglubig gewesen wre.

Mchten sie es doch, antwortete Clara, denn ich bin es auch; und wie
kann man sich gewissen Wahrnehmungen oder Eindrcken mancher Trume, den
Vorahndungen und dergleichen entziehn; wenn sie nur nicht mit ihrer
scheinbaren Philosophie so bedeutende Schlsse aus Kindereien zgen, und
so schwerfllige Systeme darauf erbauten. So Vieles im Leben hat nur
dadurch einen Sinn, da es eben mit nichts Anderm zusammenhngt, da es
Nichts bedeutet. Sie wren aber im Stande, in einem Seufzer oder Ku das
ganze Universum zu lesen, und die Ewigkeit der Hllenstrafen daraus zu
beweisen. Nun, meinen Schmaling werden mir die Geisterseher schn
zurichten. Wren die Menschen doch nur damit zufrieden, ihren eignen
Geist kennen zu lernen. Weil es aber da eben hapert, so sind sie
freilich gezwungen, so viele fremde herbei zu zitiren, um den eignen zu
verstrken.

Am Morgen waren Alle beim Frhstck sehr einsylbig. Selbst Anton konnte
sich nicht verbergen, da er in einer Spannung sei, die seinem Wesen
sonst ganz fremd war. Gegen zwlf Uhr erschien Sangerheim. Unterwegs
sagte er: Ich bitte Sie, von dem, was Sie vielleicht sehn werden, nicht
zu laut und gegen Jedermann zu sprechen. Was geht die Menge und das
unwissende Volk unser Wesen an?

Das groe Haus des Rathes lag in der Vorstadt. Es stand leer, weil die
Familie Willens war, hieher zu ziehn. Dies hatte freilich sein
Beschwerliches, wenn Seebach sein Amt nicht aufgab. So war es geschehn,
da man es in dieser schwankenden Unentschlossenheit seit Jahren nur
selten besucht hatte. Der Rath ffnete und verschlo hinter sich die
Thren wieder. Im Saale angelangt, ging Sangerheim wieder in jenes
Zimmer, in welchem er gestern schon gewesen war. Er lie die Thre
hinter sich halb offen, Anton und der Vater blieben im Saal. Pltzlich
hrten beide ein verwirrtes Getse, wie Schlagen an den Tapeten und
Degenklirren, dann Gesprch, Geznk, Hin- und Widerreden verschiedener
Stimmen; auf verschiedene Fragen, die der Magus that, hrte man ein
bestimmtes: Nein! nein! Es geschieht nicht! nher und ferner ertnen.
Endlich erfolgte ein Knall, wie von einer Pistole; Beide strzten in das
Zimmer und der Magus stand in der Mitte, in heftiger Bewegung und
erhitzt. Er fate die Hand der Eintretenden und sagte: Nur bis heut
Abend lassen Sie mir Zeit und ich sage Ihnen Gewiheit. Noch
widerspricht man mir, man will nicht nachgeben, aber es wird sich
ndern, wenn ich in meiner Wohnung noch eine Operation vorgenommen habe.
Sie trennten sich und Anton wie der Rath kamen nachdenklich zu ihrer
Familie zurck, die sie mit Aengstlichkeit erwartete.

Anton sagte: Der Mann ist ein recht knstlicher Taschenspieler, der
einige neue Stcke gelernt hat, die die Uebrigen noch nicht wissen. Man
schwrt darauf, da man verschiedene Menschen oder Geister vernimmt, man
hrt ein Rauschen und Schwirren, Rasseln und Prasseln, wie ein
Handgemenge, endlich sogar einen bestimmten Pistolenschu, aber es ist
kein Dampf oder Geruch vom Pulver zu spren. Das Unkluge bei dieser
Geschicklichkeit scheint mir nur darin zu bestehn, da er sich immer so
kurze Termine setzt, so da sich seine Vertrstungen schnell wiederholen
und bald ermden mssen. Mit den beiden Kunststcken von heut und
gestern htte er uns wenigstens einige Wochen hinhalten knnen.

Es kann nicht so seyn, wie Du es Dir denkst, sagte der Vater. Er mu auf
Etwas fuen, das ihn so sicher macht. Wre die Sache, wie Du sie
schilderst, so mte er bermorgen oder in einigen Tagen beschmt
abziehn, denn ich habe mich wohl gehtet, irgend groes Erstaunen oder
entgegenkommende Leichtglubigkeit merken zu lassen. Gab er sich doch
auch nicht einmal die Mhe, uns auszufragen, so beschftigt war er mit
sich selber. Ihm selbst ist es Ernst, und seine Aufmerksamkeit ist ganz
auf die Sache, nicht auf uns hingerichtet.

Du bist schon bekehrt und glubig, sagte die Mutter.

Unmglich, Liebe, antwortete der Rath, denn ich glaube noch gar Nichts,
auch giebt es noch Nichts zu glauben, sondern ich bin nur erstaunt, und
kann in dieser verwirrenden Verwunderung meine Seelenkrfte noch gar
nicht wiederfinden.

Das ist vielleicht, bemerkte Clara, die beste Stimmung, um Wunder zu
glauben.

Kinder, sagte der Vater mit einiger Empfindlichkeit, tragt ihr nicht
auch dazu bei, meine Unruhe zu vermehren. Mein ganzes Leben hindurch
habe ich gegen den Aberglauben gekmpft, und es soll der Thorheit
wenigstens mich zu besiegen nicht so leicht werden, als ihr es fr
mglich zu halten scheint. Gelingt es dem vorgeblichen Magus, uns diese
groe Summe zu retten, so sind wir ihm ohne Zweifel Dank schuldig: kann
er es nicht mglich machen, was er, fast mit sicherm Versprechen,
unternahm, so will ich denn auch nicht weiter grbeln, wie er die
sonderbaren Stimmen und das seltsame Gerusch hervorbrachte.

Alle waren scheinbar beruhigt, als der Rath, indem sich eben jeder in
sein Schlafzimmer begeben wollte, folgenden Brief noch in dieser
nchtlichen Stunde erhielt, der der ganzen Familie Ermdung und Ruhe
nahm:

Da es nicht blo eine Aufgabe frwitziger Neugier war, was meine Krfte
und Kenntnisse in Anspruch genommen hat, da die Wohlfahrt einer
hochachtungswrdigen Familie gewissermaen an die Erfllung meines etwas
voreiligen Versprechens geknpft ist, so hat der Widerspruch und
Starrsinn Derer nachgelassen, von denen Sie heut, wenn Jene auch nicht
sichtbar wurden, einige Kunde empfingen. Nicht unmittelbar, aber nach
einigen kleineren Zimmern, die verschlossen blieben, mu sich in jenem
Hause, zu dem Sie mich heut fhrten, noch ein Kabinet befinden, dessen
Fenster auf den Garten gehn. In diesem Kabinete ist ein Wandschrank, dem
Auge nicht sichtbar, der sich durch den Druck einer Feder ffnet. Nimmt
man hier einen gewhnlichen Kasten heraus, so zeigt sich unten ein
Schieber, unter welchem sich dieses Papier, nebst einigen andern
Schriften, wohl finden wird.

Bei den letzten Worten, indem der Rath den Brief laut vorlas, schlug er
sich mit der flachen Hand heftig vor den Kopf, ward glhend roth und
pltzlich wieder todtenbleich, und rief mit lauter Stimme: O ich
Dummkopf! Und da ich es vergessen konnte! Und da mir ein ganz fremder
Mensch, von dem ich niemals in meinem Leben Etwas gehrt habe, mir so
auf meine Erinnerungen helfen mu.

Die Frauen, so wie Anton und der Obrist, waren um so mehr erstaunt und
erschrocken, da sie niemals, obgleich sie das Kabinet kannten, von
diesem heimlichen Wandschrank Etwas erfahren hatten. Vergebt mir dies
Verschweigen, sagte der Vater, es ist mir eigen und eine Gewohnheit, die
ich von Jugend auf hatte, auch vor meinen Nchsten und Vertrautesten
noch Etwas geheim zu halten. So habe ich mir in jenem Hause diesen
Versteck, um den kein Mensch wute, angelegt. Er ist so knstlich
gemacht, da, wenn man die Sache nicht wei, ich auch das schrfste Auge
auffordern will, die Feder nur zu entdecken, die die Wand erffnet und
verschliet. Vor vier Jahren, wit ihr, wohnten wir Alle drben, weil
dies Haus hier ausgebaut und anders eingerichtet wurde. Indem wir wieder
herber zogen, fiel jene Reise vor, die ich eiligst in Angelegenheit
meines Frsten machen mute. Ich arbeitete die ganze Nacht, ohne fast
Nahrung zu mir zu nehmen. Auch meine eigenen Sachen ordnete ich, und
jenes Dokument war mir wichtig genug. Ich nahm es, so war ich fest
berzeugt, mit mir hier herber, verschlo es in das geheime Schubfach
meines Schreibepultes, reisete ab, und kam erst nach drei verdrlichen,
arbeitsreichen Monaten zurck. Ich fand, so glaubte ich, alle meine
wichtigen Papiere in Ordnung, und, sei es die Reise, mag es von den
Krnkungen herrhren, die ich erlitten hatte, ihr wit, da ich in ein
tdtliches Nervenfieber verfiel, von dem ich nur schwer und langsam
wieder genas. In dieser schlimmen Zeit hatte ich mein Gedchtni ganz
verloren. Als ich wieder zum Leben erwachte, war es mir die bestimmteste
Ueberzeugung, da ich das Dokument hier aufgehoben, und seit meiner
Rckkehr schon mehr wie einmal gesehn hatte. Darum wurde ich eben ganz
verwirrt, als es nun, nach Jahren, die wichtige Sache entscheiden
sollte, und sich nirgend antreffen lie. -- Doch lat schnell anspannen,
so spt es ist, ich will noch in der Nacht jenen Wandschrank
untersuchen.

Es wurde dem Kutscher eiligst der Befehl gegeben. -- Wie kam es nur,
fragte der Obrist, da Sie, auch nur aus miger Neugier, jene Stelle
drben im Hause nicht untersuchten, und so zufllig das Papier fanden?

Sie wissen ja, antwortete der Rath, wie der Mensch ist. Hier diesen
Schrank, die Zimmer des Hauses hier kehrte ich mehr als einmal um, ich
suchte mit Heftigkeit an allen unmglichen Orten, war aber so fest und
unwidersprechlich berzeugt, da ich das Heft von dort nach der Stadt
genommen hatte, da ich mich selbst ber die Frage als wahnsinnig
verlacht haben wrde, ob der Schrank es noch bewahren knne. Und
auerdem -- -- der Rath zgerte, und als der Obrist in ihn drang, fuhr
er fort: Lieber Vater, jene Wand enthlt auerdem alle Beweise und
Erinnerungen meiner jugendlichen Schwrmereien und Thorheiten, viele
Arbeiten, die ich als Schler dieses und jenes geheimen Ordens entwarf,
Abschriften aus seltenen Bchern, kabbalistische Rechnungen, Recepte zur
Tinktur, und was wei ich Alles. Eins jener tollen Bltter hatte sich
zufllig hieher verirrt, das ich jetzt an eine andre Behrde geschickt
habe, wo man es vielleicht mehr achten wird, als hier geschah. Diesen
Wust habe ich seit Jahren nicht angesehn, weil mir davor graut. Denn,
gestehe ich's doch, ich wei nicht, ob ich stark genug bin, da ich
nicht hie und da lesen und wieder lesen sollte, wenn ich mich einmal der
Truhe nhere. Und bezwingt mich auch das Material des verwirrenden
Inhalts nicht, so ngstige ich mich doch mit Recht, mich wieder in alle
jene Stimmungen und Zustnde zu versetzen, in welchen ich jenes Zeug
zusammengeschrieben habe.

Der Wagen fuhr vor, und der Rath, Anton und der Obrist stiegen ein. Als
sie allein waren, warf sich Clara der Mutter, heftig weinend, an die
Brust. Wie ist Dir, mein Kind? fragte die Mutter. Ach, Liebste!
erwiederte Clara, Sie werden mich vielleicht schelten, da ich bei
diesen Sonderbarkeiten, bei diesen Dingen, die uns Alle so gewaltsam
aufregen, etwas recht Albernes sage. Ich kann Alles das nicht leiden.
Sie sehn, wie gemein es klingt, aber ich kann keinen andern Ausdruck
finden, mag ich auch suchen, wie ich will. Wenn das Alles ist (und es
ist ja vor unsern Augen da, wir knnen es nicht mehr ableugnen), so ist
mir das Leben selbst widerwrtig. Mir entgeht alle Sicherheit, alle Lust
zu denken und zu handeln, denn meine Freude war es eben, da Alles so
unbewut sich bewegt und geniet, da jedes Gefhl, jeder Gedanke um
sein selbst willen da ist. Nun soll Alles Zusammenhang haben, sich
geistig auf einander beziehn. Es ist mir unertrglich, so mit
Gespenstern in innige Verbindung zu treten. Gespenst! Ist denn so was
nicht der chte Gegensatz, der vlligste Widerspruch mit Geist? Sehn
Sie, Liebste, das Alles handthiert nun so gewaltsam in meinem Innern,
da ich lieber gleich im Fieber selbst phantasiren mchte, als von
diesen Sachen hren: und nun gar sie erleben mssen!

Trste Dich, beruhige Dich, mein Kind, sagte die sorgende Mutter, Du
sprichst schon, wie im Fieber. Ich glaube Dich zu verstehn, und doch
scheinen mir Deine Ausdrcke zu herbe. Alles, was Du so schmhst, macht
ja fr viele verstndige Mnner den Reiz des Lebens aus. Wie Vieles
wrde mancher der Besten darum geben, wenn er sich durch dergleichen
Wunder berzeugen knnte, die uns geboten worden, und die wir so wenig
suchten, da man sie uns aufdrngen mu.

Das ist es eben, sagte Clara: ich kann mir keine Vorstellung davon
machen, wie steppendrre, wie de es im Geist und Herzen solcher
Menschen aussehen mu, die sich dergleichen wnschen, die ihm nachjagen
knnen. Ein heitrer Blick aus dem lieben, unschuldigen Auge des Kindes,
seine Kartenhuserchen, die es mhsam erbaut und lachend wieder umwirft,
jedes Geschft des Hauses, Backen und Nhen und Stricken, der
Handlanger, der mit dem Schwei seiner Arbeit seine Familie ernhrt, o
nennen Sie, was Sie wollen, auch das Allergeringste, es ist ja
ehrwrdiger und edler, als es diese Raritten sind, die sich so vornehm
anstellen. Mchten doch lieber diese zwanzigtausend Thaler verloren
gegangen seyn, als da sie wiederkommen, und uns dieses Irrsal mit in
das Haus schleppen.

Ich kann Dir nicht ganz Recht geben, Tochter, sagte die Mutter: mir
graut auch vor der Sache, aber dankbar mssen wir dem Manne doch seyn,
wenn wir durch ihn um so viel reicher werden.

Nein! rief Clara, wenn ich es nur hindern knnte. Ich habe immer ber
unsern Consistorialrath gelacht, zu dessen Christenthum der Teufel
eigentlich die nothwendigste und unentbehrlichste Person ist, aber jetzt
bin ich der Meinung des heftigen frommen Priesters. Nur der Satan bringt
diese Knste hervor, und Jeder, der sich damit einlt, ergiebt sich
ihm. Die Langeweile plagt natrlich den alten verdammten bsen Geist,
und da wei er sich nun keinen bessern Zeitvertreib, als die Menschen
durch allerhand Blendwerk dumm und konfus zu machen. Es wird schon so
seyn. Diese fatalen Beschwrer glauben ihn zu beherrschen, er spielt mit
ihnen, wie die Katze mit der Maus, und nachher sehen sie denn mit
Entsetzen, da sie immerdar in seinen Stricken und seine leibeignen
Knechte waren. -- Ach! und mein Schmaling! der ist nun auch so ein
kleiner goldner Fisch, den sich die Unbarmherzigen mit ihren eisernen
Haken herauf angeln und ber sein Bluten nur lachen. Welch hartes,
sonderbares Schicksal, da mich eine Leidenschaft zu einem Manne
ergriffen hat, den ich eigentlich nicht ganz achten kann. Ich liebe ihn
und gebe ihm mein ganzes Herz, ich fhle es, ich kann ohne ihn nicht
seyn und leben, -- und doch widerstrebt mir so Vieles in seinem Wesen:
Sie werden sehn, dieser Blutsauger, der Sangerheim, macht mir mein
Liebchen, meinen Auserwhlten noch ganz verrckt. -- Ich mu wider
Willen lachen. Vergeben Sie mir, Mutter.

Sie lachte laut, um nachher um so heftiger zu weinen. Die Mutter, die
zwar die sonderbare Gemthsart ihrer Tochter kannte, wurde doch besorgt,
da sie krank werden mchte, und wollte sie bereden, sich nieder zu
legen: Clara wollte aber durchaus die Rckkunft des Vaters erwarten, und
erfahren, wie das seltsame Abentheuer geendigt habe. --

Man war in der Vorstadt abgestiegen, um mit einer Laterne in das finstre
Haus zu gehn. Die Stimmung der drei Mnner war feierlich und der
Geheimerath Seebach zitterte, indem er die breiten und widerhallenden
Stufen hinauf stieg. Im Saale standen sie still, ruhten und zndeten
einige Kerzen an. Sie erffneten die brigen Zimmer, gingen hindurch und
gelangten endlich vor jenes Kabinet. Ehe der Rath aufschlo, sagte er zu
seinen Begleitern: Ich mu Euch bitten, Theure, wenn ich den Wandschrank
erffnet habe, und nach jenen Blttern suche, da Ihr mich ganz allein
gewhren lasset, weil ich nicht wnsche, da Sie, lieber Vater, und noch
weniger mein Sohn, Etwas in jenen Skripturen lesen mgen, die so Vieles
enthalten, das ich jetzt selbst ganz vergessen habe. Der Rath schlo
auf. In dem kleinen Zimmer, das, wie alle brigen, lange nicht geffnet
war, war ein seltsamer Dunst. Der beklemmte Rath ffnete das Fenster,
ein frischer Luftstrom zog herein, und man vernahm das Flstern der
Linde und das Rauschen des Holunderbaumes, die dicht vor dem Fenster
standen. Ist es Euch so seltsam, wie mir, zu Muthe? fing der Rath wieder
an. Mir dnkt, es kommt mir jetzt schon viel weniger darauf an, diesen
bedeutenden Theil meines Vermgens zu retten, als nur die Wahrhaftigkeit
jenes wunderbaren Mannes besttigt zu finden: ob ich gleich von ihr
schon berzeugt bin.

Er drckte an die ganz glatte Wand und sie erffnete sich. Oben in der
Mauer standen einige Gerthe und Gefe, die auch eine magische
Bedeutung haben mochten. Seebach bckte sich und holte einen schweren
Kasten aus dem Behltni, der Briefe, Bcher, Maurer-Symbole und
dergleichen enthielt. Er lie, indem er in den Verschlag trat, den Sohn
hinein leuchten. Man sah Nichts, und nur der Vater konnte den
knstlichen Schieber finden, der zurckgedrngt wieder eine andere
gerumige Oeffnung entdeckte. Gleich oben lag das vermite Dokument und
ein groer Zettel daneben, auf welchem mit groen Buchstaben stand: Das
Dokument ber die zwanzigtausend Thaler findet sich in meinem geheimen
Wandschrank, unten, im Hause der Vorstadt. -- Es war auch hinzugefgt:
Sollte ich auf der Reise sterben, so suche man -- und hier war genau fr
den Fremden beschrieben, wo man die Feder und den Schieber entdecken
knne.

Seht, Freunde, rief der Rath, dieses Blatt wollte ich aus Vorsorge in
mein Schreibpult legen, um das Dokument ja nicht zu vergessen. Aber die
eilige Arbeit, die Wichtigkeit der Geschfte, die nahe Abreise machten,
da das Vergessen den Sieg, wie es so oft geschieht, ber die Vorsicht
davon trug. Fr meine Familie, im Fall ich von der Reise nicht
zurckkommen sollte, war noch diese genaue Bezeichnung hinzugefgt.

Er bergab das Dokument seinem Sohne, der es sorgfltig in die
Brieftasche legte. Hierauf bckte sich der Vater wieder und nahm alle
brigen Papiere aus jenem tiefen Raume, die in mehreren verschlossenen
Mappen und sorgfltig zugeschnrten groen Heften enthalten waren. --
Was machen Sie da? fragte der Obrist. -- Da das Geheimni des Schrankes,
sagte der Rath, jetzt ein ffentliches ist, so will ich alle diese
Papiere mit mir nehmen, um sie in meinem Stadthause sicher zu verwahren.
-- Er trug sie selbst mit Anstrengung die Treppen hinunter und in den
Wagen, und wollte sich weder vom Obristen, noch seinem Sohne helfen
lassen.

Als sie wieder im Wagen saen, fing der Rath an: Was soll man nun, meine
Lieben, von dieser ganzen Sache denken? -- Denken? erwiederte der Sohn,
frs Erste wohl gar Nichts, denn wir haben noch lange an unserm
Erstaunen zu genieen. Dann wollen wir uns des Geldes und des gewonnenen
Prozesses freuen, und Clara vorzglich mag dem Magus danken, weil ohne
ihn ihre Aussteuer wre verkrzt worden. Mit dem Zauberer mssen wir
auch Freundschaft halten, der unserm Hause geholfen hat. Mit allen
diesen Dingen knnen wir uns eine Weile die Zeit so leidlich vertreiben,
denn es scheint mir gefhrlich und bedenklich, zu frh ber diese Sache
denken zu wollen. Haben wir doch genug daran zu thun, sie zu glauben.
Und ableugnen lt sie sich nun einmal nicht.

Ich begreife Deinen Leichtsinn nicht, erwiederte der Vater. Kannte
dieser Sangerheim mich und meine Familie? und wenn dies war, konnte er
von diesem Papiere wissen? und wenn er davon erfahren htte, konnte er
diesen geheimen Schrank entdecken? Setzen wir auch den noch
wunderbarsten und seltensten Zufall, er habe nach mehr als zwanzig
Jahren den Tischler gefunden, der ihm diesen Schlupfwinkel verrathen
htte: wie viel Unerklrliches bleibt noch zu erklren? Und wie viel
Unnatrliches, Unmgliches mu man schon gewaltthtig zusammen raffen,
um nur das Leugnen des Wunderbaren und Unbegreiflichen bis zu dieser
Spitze zu treiben?

Darum eben, mein lieber Vater, antwortete Anton, ist diese Entfernung
von allem Grbeln, sich aller Gedanken zu entschlagen, was Sie, um mir
einen Vorwurf zu machen, Leichtsinn nennen, hier recht an der Stelle.
Helfen wir uns doch mit nichts Besserm, als diesem Leichtsinn, der aber
auch edler Natur seyn kann, bei den allerwichtigsten, heiligsten und
hchsten Dingen, wenn wir uns nicht geradehin der Verzweiflung oder dem
Wahnsinn ergeben wollen. Wenn unsre Gedanken vor dem Bilde der Ewigkeit
scheu umkehren, oder an der Gottheit und Allmacht des Schpfers ermatten
mssen: -- was knnen wir anders thun, als uns in diesen Leichtsinn
retten, der uns so kindlich, so trstend entgegen kommt? Mag es nicht
eben so Pflicht und Weisheit seyn, zu Zeiten gewissen Gedanken
auszuweichen, wie es ein andermal unerllich ist, sie aufzusuchen, und
bis in das Innerste hinein zu ergrnden? Nicht jeder Stunde geziemt
Alles.

Weisheit! sagte der Alte unwillig; wenn die Unerfahrenheit sie lehren
will! -- Sie waren angelangt und stiegen zum Wohnzimmer hinauf, in
welchem Clara und die Mutter sie erwarteten. Man sprach, erzhlte noch,
und der Vater sorgte vorzglich, seine Skripturen in Sicherheit zu
bringen. -- Der frhe Morgen berraschte sie noch im Gesprch, sie
legten sich nieder, um noch einige Stunden zu schlafen, aber Keinem von
Allen ward mehr als ein unruhiger Schlummer zu Theil, der sie nicht
erquickte.

                   *       *       *       *       *

Diese Begebenheit, obgleich sich Alle vorgenommen hatten, nur zu den
Vertrautesten von ihr zu sprechen, war bald in der Stadt bekannt, und
machte groes Aufsehn. Und, wie es zu geschehen pflegt, erzhlte man
sich den seltsamen Vorfall bald mit den wunderlichsten Zustzen, indem
Jeder glaubte, am Besten von dem Wunder unterrichtet zu seyn.
Sangerheim, der dieses gerade hatte vermeiden wollen, war hiedurch sehr
verstimmt, und wurde es noch mehr, als er erfuhr, da der regierende
Frst selbst sich von seinem Rathe Seebach die denkwrdige Sache hatte
vortragen lassen. So kam es denn, da Sangerheim nicht nur zu allen
Versammlungen und Gesellschaften sehr gesucht wurde, sondern da auch am
Hofe Nachfrage nach ihm geschah. Alles dies schien ihm sehr
gleichgltig, denn er bekannte selbst, nur einen Zweck im Auge zu haben,
nehmlich die gewhnliche Freimaurerei verchtlich zu machen und zu
strzen, zu welcher sich in dieser Provinz die angesehensten Mnner
bekannten, und die zugleich die grte Achtung genossen. Es gelang ihm
auch, die Logen zu stren und verdchtig zu machen, und viele der
eifrigsten Brder zu sich hinber zu ziehn.

Indem er mit diesen arbeitete, ihnen den Irrthum deutlich machte, in
welchem sie bisher gewandelt waren, verschiedene Grade einrichtete und
geheimnivolle Weihungen vornahm, mysterise Zeichen, Amulete und
Gehnge austheilte, deren Deutung er sich vorbehielt, sa der geheime
Rath Seebach in seinem Zimmer und vertiefte sich in jenen Schriften, die
ihm seine leidenschaftliche, sonderbare Jugend wieder vergegenwrtigten.
Er hatte mit Recht die zauberhafte Wirkung dieser Papiere gefrchtet,
denn er verlor sich so in Erinnerungen, da die Gegenwart fast gar keine
Gewalt ber ihn ausbte. Vieles hatte er ganz vergessen, ber Manches
dachte er jetzt anders, aber doch erschien ihm Alles in einem andern
Lichte, als er erwartet hatte, denn er fand zu seinem Leidwesen, da die
groen Fragen keinesweges so abgeschlossen waren, als er es neuerdings,
ohne wiederholte Untersuchung, zu seiner Beruhigung angenommen hatte.

Diejenigen, die den alten Logen treu geblieben waren, sprachen ber
Sangerheim sehr erbittert, und behandelten ihn, ohne da sie es beweisen
konnten, wie einen Betrger. Schmaling, so wie der Arzt Huber, die
gleich seine eifrigsten Anhnger geworden waren, kmpften mit
aufgeregter Leidenschaft diesen Verleumdern entgegen, und die ganze
Stadt, die viele Jahre hindurch ruhig gewesen war, nahm heftig Parthei
fr und gegen den Fremden. Dieser und seine Freunde bemhten sich, den
elenden Zustand der neueren Maurerei und das Unwesen der Logen in das
grellste Licht zu stellen. Man berechnete, wie viel die Lehrlinge, deren
keiner abgewiesen wurde, jhrlich einbrchten, wie die lteren Brder
nur dahin strebten, Vorsteher, Redner und Meister vom Stuhl zu werden,
um durch diese und andre Wrden freien Theil am Schmause zu erhalten.
Man zeigte, wie verdchtig die Wohlthtigkeit dieser Maurer sei, und
erzhlte und wiederholte rgerliche Geschichten, die allgemeinen Ansto
gaben. Man machte sich lustig darber, wie sehnschtig sie irgend einem
Geheimni entgegen shen, wenn sich nur irgendwo eins wolle auftreiben
lassen; wie gern man es sich, behutsam verpackt, aus England oder
Schottland verschreiben mchte, und keine Kosten spare, damit man den
sehnschtigen Forschern doch nur irgend Etwas zu verheien htte. Jene
Logen der strikten Observanz hatten aber auch Manches mitzutheilen, was
der Wibegierige und Schadenfrohe gerne anhrte. Man erzhlte: dieser
Sangerheim sei nichts anders als ein Spion, von einer groen Macht des
sdlichen Deutschlands ausgesendet, um in den nrdlichen Provinzen
Zwiespalt auszusen, und Mitrauen zwischen Volk und Regierung zu
erregen. Der verhate Name der Jesuiten wurde nicht geschont, um ihn und
seine Freunde zu bezeichnen und verdchtig zu machen. Man wollte in
seiner Wohnung eine weie Frau, oder vielmehr ein entsetzliches Gespenst
gesehn haben, und der neuerungsschtige Pbel fgte hinzu, da Kobolde
und Teufel in seiner Wohnung freien Aus- und Eingang htten. Man scheute
sich nicht, zu behaupten, er stelle dem Leben des regierenden Herrn und
seiner Familie nach, und es gab keine so abgeschmackte Lge, die nicht
in irgend einem Kreise einen Schwachkopf fand, der sie geglaubt htte.
So sehr diese ltern, aufgeklrten Logen den eindringenden Neuling aber
auch haten, so sehr beneideten sie seine Kenntnisse und Geheimnisse,
und wren ihm gern freundlich entgegen gekommen, wenn er ihnen nicht so
unverhohlen den Krieg angekndigt htte.

So war die freundliche Stadt, die sich bis dahin einer schnen
Geselligkeit erfreut hatte, von Zwiespalt zerrissen, der sogar viele
Familien ergriffen, und die nchsten Freunde und Verwandte einander
entfremdet hatte. Wie man stritt und verleumdete, bewies und zankte, die
Meinungen hin und her schob, so merkte von Allem Derjenige, der
eigentlich die Veranlassung dazu gegeben hatte, der geheime Rath
Seebach, am wenigsten von dieser Verwirrung, weil er bei Tage wie in der
Nacht fast immer ber jenen Papieren sann und brtete, die er aus seinem
Schranke gleichsam von Neuem erbeutet hatte. Alle Trume und Wnsche
seiner Jugend wurden nun lebendig in ihm, er konnte nicht begreifen, wie
er bis dahin alle diese Gedanken und Erfahrungen als Kindereien so
unbedingt hatte abweisen knnen. Er war seitdem gegen seine Familie weit
zurckhaltender, und ihn gereute selbst das Wenige, was er seinem Sohne
vertraut hatte. Die Mutter klagte, die Tochter trauerte, und der Obrist
war verdrlich, aber ohne Erfolg. Nur Anton blieb in seiner heitern
Laune und sagte: Was wollt Ihr? Mein Vater verjngt sich wieder; ist
denn das nicht ein Glck, welches wir gern unsern Geliebten gnnen, und
es ihnen immerdar wnschen? Warum sollen wir denn unsre Erfahrungen auch
nicht einmal von rckwrts erneuern? Zum Kindischwerden hat es mit
meinem lieben Alten noch Zeit, aber die Kindlichkeit ist ja fromme
Tugend und ein Glck der Erde.

Er ging dem verdchtigen Sangerheim aus dem Wege, so oft er diesem
begegnete. Und dazu fand er oft Gelegenheit, denn so wenig der Magier
auch zur Familie gehrte, so besuchte er sie doch tglich, und oft kam
er zweimal am Tage, um den Herrn des Hauses zu sehn, und sich mit diesem
einzuschlieen. Sie arbeiteten dann, lasen, schrieben, und man wollte in
der Familie sagen, da sie gemeinschaftlich magische Operationen
vorgenommen htten.

Als unmittelbar nach jener Nacht der geheime Rath sich dem Unbekannten
hatte dankbar erzeigen wollen, sagte dieser: Demthigen Sie mich nicht,
verehrter Bruder, durch ein solches Anerbieten. Ich habe, was ich
brauche, und es wird mir nicht leicht fehlen. Sollten sich irgend einmal
die Verhltnisse anders gestalten, so werde ich mich mit Vertrauen
zuerst an Sie wenden, und Sie werden mir dann meine Bitte nicht
abschlagen.

Als der Rath ihm von Neuem seine Dankbarkeit ausdrckte und zugleich den
Wunsch aussprach, ihn nher kennen zu lernen, erwiederte der Fremde: Was
ich von mir wei, oder Ihnen sagen darf, will ich Ihnen, geliebter
Bruder, gern mittheilen, denn wir verstehn den Freund um so besser, wenn
wir seine uere Geschichte, die Umrisse seines Lebens ebenfalls vor uns
sehn. So wissen Sie also, da ich im Jahr 1745 geboren bin, und zwar in
Paris. Mein Vater war nichts Geringeres, als ein Prinz von kniglichem
Geblt, aber meine Mutter war eine Brgerliche, die sich durch schne
Worte, Versprechungen, vorzglich aber durch die einnehmende Gestalt
meines Vaters hatte tuschen lassen. Ich wurde gut erzogen, und der
theuerste Lehrmeister fr jede Kunst und Wissenschaft mir gehalten. Mein
Vater hatte groe Freude an mir, und verzog und verzrtelte mich. Das
ist das grte Unglck, das einem Kinde meiner Art widerfahren kann,
denn in sptern Jahren wird es doch wieder in die Bahn zurckgewiesen,
in die es nach den Einrichtungen der Welt gehrt. An einem sittenlosen
Hofe war meine Abstammung eines jener ffentlichen Geheimnisse, das alle
Welt kennt und belacht, und eben so Jeder, wenn es ein ernstes Wort
gilt, verleugnet. Ich hatte oft das Glck, den Knig zu sehn, der
zuweilen so mit mir spielte, als wenn er selbst ein Kind gewesen wre.
So lange man als Kind hbsch und artig ist, wird man ber die Gebhr von
Weibern und Mdchen bewundert; treten die Jahre ein, in denen sich der
Knabe streckt und auswchst, so wird er von verwhnten Menschen um so
mehr bersehn, wohl gar verfolgt, und das Beste im Kinde wird verhhnt,
wie frherhin das Gleichgltigste vergttert ward. Auch diese Erfahrung
mute ich machen, so wie spterhin die noch schlimmere, da mein Vater,
der sich mit einer jungen tugendhaften Dame vermhlte, nachdem er einige
Jahre als Wittwer gelebt hatte, mich aus Engherzigkeit und
miverstandener Moral verleugnete. Damals bemchtigte sich eine tdtende
Bitterkeit meines jungen Herzens. Nachher ging mein Ha in Verachtung
ber, und ich vermied, wie ich nur irgend konnte, den Anblick des
Prinzen. Ich erhielt eine Stelle beim Regiment, ward Lieutenant,
Hauptmann, Obrist, und man ersparte mir sogar den Dank fr diese
Wohlthaten und Auszeichnungen.

Die Maurerei war in Frankreich etwas so Gewhnliches, da jeder junge
Mann von Welt und Erziehung zur Brderschaft gehren mute. Es war fast
nicht mehr, als wie man eine Loge im Theater nimmt. Der Krieg brachte
mich nach Deutschland und ich lernte hier einige ernstere Brder und ein
tieferes Forschen kennen. Als aber mein Wissenstrieb erwachte, konnte
mir Keiner eigentlichen Bescheid geben. Jeder hoffte vom Andern das zu
erfahren, was er so schmerzlich entbehrte, und was Jeder nur ungern, und
endlich mit Scham gestand, nicht zu besitzen. Ich ging durch alle Grade,
durch alle Sekten, hatte viele hochklingende Namen, vielerlei Kreuze und
Kleidungen erworben und als aufmunternde Amulete erhalten, aber
eigentlich Nichts erfahren. Das Sonderbarste war, wenn ich mich
erforschte, da ich eigentlich selbst nicht wute, was ich denn nun
wissen wollte. Jenes leere Ideal, jener nchterne Cosmopolitismus, den
Sie uns neulich schilderten, war mir freilich auch von Einigen gepredigt
worden, aber er konnte meiner brennenden Wibegier am wenigsten gengen.
Wenn wir sehn, wie uns durch mechanische Kunst die Thiere gehorchen, wie
der Wind das Segel schwellt und dem Schiffer dient, wie das Feuer uns
die Berge und ihre Metalle zu leibeignen Vasallen macht, und eine arme
Mischung von Kohlenstaub, Salpeter und Schwefel uns Mauern und Thrme
niederwirft, so meinte ich, der so vorgeschrittne Mensch drfe auch in
das Geisterreich seine gebietende Hand hineinstrecken, und auch die
Krfte mten ihm gehorchen, die man nur gemeinhin die unsichtbaren und
unbekannten nennt, weil Keiner das Auge dreist erhebt.

Aber nirgend fand ich Rath und Hlfe. Auch in England nicht;
gewissermaen hier am wenigsten. Ich kam auf die Vermuthung, die sich
mir spterhin als Wahrheit besttigt hat, da alle diese Menschen von
Klgeren mit Spielwerk und nchternen Reflexionen, oder Symbolen der
ehemaligen Tempelherrn nur hingehalten werden, damit sie ja nicht
erwachen und das wahre Licht erkennen. Nach dem Frieden verlie ich den
Dienst und Soldatenstand, und nur meine Sehnsucht, so wie die Verehrung
der Kunst trieb mich nach Italien.

Hier nun war es, vorzglich in Florenz und Rom, wo mein Leben in eine so
andre, bis dahin nie geahndete Bahn gerieth, da ich Ihnen, geliebter
Bruder, wenigstens fr jetzt, von den Erfahrungen, die ich machte, von
den Erkenntnissen, die mir mitgetheilt wurden, Nichts offenbaren darf.
Aber die Zeit wird kommen, ich sehe sie schon vor mir dmmern, wo ich
Ihnen Nichts mehr zu verschweigen brauche. Als ich nach Frankreich
zurck kam, bemerkte ich, wie Saint Martin und seine Schler Manches in
der Ferne gesehn haben, wie Fludd und die deutschen Rosenkreuzer nicht
zu verwerfen sind, und wie vorzglich ihr groer Jacob Bhme oft fast
unmittelbar an das Centrum des heiligen Geheimnisses gerth, von dem
auch Paracelsus und der tiefsinnige van Helmont schon einen Anblick, wie
durch einen fliehenden Nebel hatten. Diesen groen Mnnern fehlte
Nichts, als Bekanntschaften in Italien, wie sie mir ein gnstiger Zufall
verschaffte, um schon in der Kunst die hchste Stufe zu ersteigen. Ich
bin auch berzeugt, da hie und da ein Deutscher, weil diese Nation
vielleicht das grte Talent zum Tiefsinn besitzt, wohl das Mysterium
gefunden hat. Es Unwrdigen mittheilen, ist die grte Snde, und
deshalb sind Prfungen verschiedener Art und mancherlei Grade
nothwendig.

Der Rath Seebach schien im Wesentlichen mit diesen Ansichten
bereinzustimmen. Er theilte dem neugewonnenen Freunde viele jener
jugendlichen Schriften, Auszge und Bemerkungen mit, und Sangerheim
sagte nach einigen Tagen: es ist, verehrter Bruder, wie ein Wunder, da
Sie in Ihrer Jugend schon so sicher auf dem richtigen Wege gingen, sich
aber doch zu bald durch Schwierigkeiten und einige Blendwerke, die ihnen
die Meister wohl absichtlich entgegen schickten, zurck schrecken
lieen. Wer so frh so vorgearbeitet hat, dem mu es im reifen Alter ein
Leichtes seyn, auch das Allerhchste zu erringen.

Der Obrist, der sich zurckgesetzt fand, war mrrisch und verdrlich,
und es gelang dem wunderbaren Gaste nur schwer, ihn wieder zu gewinnen.
Als dies geschehn war, arbeitete der Greis, um auch Vorschritte zu
machen, um so eifriger. Schmaling, der dem Magier ganz ergeben war,
fhlte sich in Gegenwart seiner Geliebten nicht mehr so heiter und froh,
als ehemals, und der Arzt Huber war glcklich, da er endlich einen
Bruder gefunden hatte, der Talent und Einsicht genug besa, sein System,
dessen Anhnger er schon lange war, dem Geheimenrathe gegenber so
geltend zu machen, da dieser selbst sich dazu schon halb bekannte.

Der weibliche Theil der Familie war in tiefer Trauer, denn Clara's
scharfes Auge bemerkte sehr gut die Vernderung, die mit ihrem Geliebten
vorgegangen war. Er sah sie selten, und wenn er in ihre Nhe kam, war er
tiefsinnig oder zerstreut. Ihn ergtzte kein Spaziergang mehr, kein
Gesprch konnte ihn aufheitern, so sehr war er seinen seltsamen
Forschungen hingegeben. Die Gesellschaft Antons vermied er mit
auffallender Aengstlichkeit, weil dessen Scherz ihn einigemal verwundet
hatte. Welche reizbaren Geister, sagte dieser zur Schwester, mssen es
seyn, die durchaus gar keinen Spa verstehn? Knnte man sich dergleichen
Unsterbliche wohl zu seinem Umgange wnschen? Ich wenigstens gewi
nicht. Aber unser Schmaling mu, ich wei nicht welchem trbsinnigen
Elfenknig, den feierlichen Eid abgelegt haben, niemals wieder zu
lachen. Und wenn der junge Mann doch nur einsehn wollte, wie schlecht
ihm diese Feierlichkeit zu Gesichte steht. Er ist, wenn er lacht und
heiter blickt, zehnmal so liebenswrdig. Fhrt er aber so fort, so
bekommt er Runzeln und Falten, wie ein Rhinozeros. Solche Stirnrunzel
sieht aus, als wenn ein ganzer Acker fruchtbarer Erde aus dem Kopfe
genommen wre. Es sind die wahren Lckenber, die andeuten, wie alle
Gedanken entflogen sind. Die Stirn hat immer, so wie sie es merkte,
nachgeschnappt, um festzuhalten; so sind diese Gruben geworden.

Mir ist Dein Scherz zuwider, sagte Clara, denn ich sehe das Glck meines
Lebens gestrt. Dieser unglckliche Besuch hat Alles gendert und der
aufgereizte Schmaling bedurfte nur einer solchen Veranlassung, um sein
ganzes Wesen umzuwandeln.

Sei ber ihn beruhigt, antwortete der Bruder, ich habe schon dafr
gesorgt, da er wieder curirt werden soll. Mir ist ein Mittel
beigefallen, das ich fr untrglich halte.

Wenn es nur, erwiederte die Schwester, durch diese Cur nicht noch
schlimmer wird, wie es wohl zuweilen der Fall ist. Wer kann berhaupt
wissen, was noch aus Arzt und Kranken wird.

Um mich darfst Du unbesorgt seyn, sagte Anton, laut lachend, denn mein
Wesen ist zu prosaisch, um sich umstimmen zu lassen.

Wir erleben, antwortete die Schwester, so Manches, was wir nicht
erwarteten. Bist Du Deiner so gewi?

                   *       *       *       *       *

Die Gegenwart Sangerheims hatte in allen Gemthern Empfindungen,
Ansichten und Neugier aufgeweckt, alte Erzhlungen wieder neu in Umlauf
gebracht, die man schon vergessen hatte, und es war kein Haus, in
welchem nicht Meinungen behauptet und bestritten wurden. Die Maurer der
vorigen Tage waren in das grte Gedrnge gekommen und viele, und zum
Theil die angesehensten, hatten den Fremden fr ihren Meister anerkannt.
Als der Gelehrte sah, mit welchem Eifer man fr und wider kmpfte,
vorzglich aber als er bemerkte, wie die Familie seines alten Freundes
in Verwirrung gerathe, nahm er sich vor, Etwas zu thun, um die vorige
Ruhe und Behaglichkeit wieder her zu stellen. Man hatte ihm erzhlt, wie
sehr der Rath sich an den verdchtigen Fremden schliee, und wie dies
nicht allein Frau und Tochter betrbe, sondern ihm vom Minister und dem
Frsten selber nicht gut ausgelegt werde. Ferner sagte eines Tages zu
Anton: dieser Trieb in uns, ohne welchen wir kein Interesse an
Wissenschaft und Geschichte nehmen knnten, mu sorgsam bewacht und
gehtet werden, wenn er den Geist nicht in Gegenden verlocken soll, in
denen aller chte Trieb zum Wissen erlischt. Alle Krfte in uns sollen
im Gleichgewichte stehn und nur dann ist der Mensch gebildet und
verstndig; darum kann ihn, wie es so oft geschieht, ein berwiegendes
Talent unglcklich machen. Die Lust am Geheimni und Wunder darf auch
nur verstrkt werden, wenn Witz und Scharfsinn, Vernunft und Verstand
ebenfalls sich beleben. Diese Harmonie des Menschen fllt aber nicht ins
Auge, und darum dnkt sie auch oft den Aufgeregten etwas Geringes und
selbst Verchtliches.

Anton hatte dem Professor einen Plan mitgetheilt, um Schmaling, der sich
am unbedingtesten der Schwrmerei ergab, auf gelinde Weise durch
Beschmung wieder zur Vernunft zurck zu fhren. Er hatte die
Bekanntschaft eines Mannes gemacht, und ihn auch in das Haus seines
Freundes, des Professors, gefhrt, der sich in kurzer Zeit das ganze
Vertrauen des Jnglings erworben hatte. Es schien in der That, als wenn
dieser Freund, der sich Anderson nannte, Jeden gewinnen msse, dem er
sich nhere; so konnte er durch Scherz und Ernst, Witz und Tiefsinn,
Laune und Munterkeit in das Wesen der verschiedensten Charaktere
eingehn, indem er bald in jedem Menschen eine Seite auffand, fr die er
sich interessirte, und so im geistreichen Gesprch den Mitsprechenden
klger und einsichtsvoller machte, als dieser sich sonst erschienen war.
Wer dieses Talent besitzt, gewinnt die Menschen am sichersten. In den
meisten ist irgend eine Gegend des Geistes fruchtbar, und bringt
eigenthmliche Gewchse hervor. Die Natur hatte wohl die Absicht, da
von hieraus die Originalitt des Wesens hervorgehn, und das Individuelle
desselben sich geistreich ausbilden sollte. Aber unsre Erziehung,
einfrmige und conventionelle Cultur, Geschfte und Vielwisserei
ersticken bei den Meisten schon frh diesen Keim. Die meisten Gesprche
werden nur gefhrt, damit Jeder sich selbst hrt, und den Andern so
wenig uerlich wie innerlich zu Worte kommen lt. Gerth aber ein
Menschenknstler, ein chter Virtuos, ber diese verwahrlosten
Instrumente, so wei er auch den bauflligsten wundersame Tne zu
entlocken.

So war Jedermann in der Gesellschaft dieses Anderson klger und
witziger, als fr sich selbst, oder im Umgang mit Andern. Er war daher
in allen Gesellschaften gern gesehn, die er auch nicht vermied und
allenthalben Unterhaltung fand. Sein Aeueres war eben nicht sehr
empfehlend, er war klein und stark, von breiten Schultern, und sein Kopf
stand zwischen diesen etwas eingepret auf einem dicken Halse.

Durch Sangerheim waren alle frheren Nachrichten von dem groen
Wunderthter, dem Grafen Feliciano, neu belebt worden. Briefe
besttigten von Neuem seine unbegreiflichen und schnellen Heilungen der
schwierigsten und tdtlichsten Krankheiten, die die grten Aerzte schon
verzweifelnd aufgegeben hatten. Man erzhlte sich, wie er in einer
groen Stadt des Auslandes in einem Palaste ganz wie ein Frst lebe, von
glnzender Dienerschaft umringt. Kein Armer verlasse seine Schwelle, der
nicht reichlich beschenkt wrde. Geld achte er wie Spreu, er bedrfe der
Gnade keines Knigs, denn er habe jngst einem Staate eine ungeheure
Summe geschenkt, um den Frsten aus einer Verlegenheit zu ziehn. Da das
Auflegen seiner Hand tdtliche Wunden schliee und die hartnckigsten
Krmpfe lse, war nur etwas Unbedeutendes: denn Todte sollte er schon
geweckt haben, Abwesende aus fernen Lndern zitiren knnen, so da sie
den Freunden oder der Familie in sichtbarer Bildung erschienen, so wie
er seinem eignen Geiste zuweilen gestatte, aus dem Krper zu wandern, um
pltzlich in Asien oder Amerika einem Freunde, der ihn magisch gerufen
habe, beizustehn. Da alle Geister ihm zu Gebote stnden, die guten wie
die bsen, bezweifelte Keiner, der mit Vertrauen und Glauben von ihm
sprach. -- Schmaling, der wenig in Gesellschaft kam, sondern ganz seinen
sonderbaren Studien und seinem Meister lebte, war dem merkwrdigen
Anderson niemals begegnet, und darum hatte diesem heitern und geflligen
Manne der bermthige Anton den sonderbaren Vorschlag gemacht, da er
die Rolle des berhmten Feliciano spielen solle, um so Schmaling zu
tuschen, und ihn so, indem er einshe, wie leicht er hintergangen
werden knne, in seiner Verehrung Sangerheims irre zu machen. Der muntre
Anderson war auf diesen Plan eingegangen, und um so lieber, weil er oft
tadelnd von diesem Sangerheim und dessen Arbeiten sprach. Im Hause des
Professor Ferner wollte man eine geheimnivolle Zusammenkunft
veranstalten, von der aber der Magus Sangerheim nichts erfahren drfe.

Ferner war lange diesem Projekt entgegen gewesen. Er sagte auch jetzt:
ich bin kein Freund von dergleichen Mystificationen. Sie sind nach
meinem Gefhl ganz und gar dem Wesen und dem Anstand einer gebildeten
Gesellschaft entgegen. Der Hintergangene hat Ursach, es nachzutragen,
und es ist ihm nicht zu verargen, wenn er niemals wieder Vertrauen fat.
Indessen mag eine gute Absicht diesmal die Sache entschuldigen; nur
frchte ich, da Sie sich mit unserm Schmaling vllig verrechnet haben.

Der Versuch wird immer das Uebel nicht rger machen, antwortete Anton:
auch ist es gerade in der Hinsicht ein glcklicher Zeitpunkt, weil die
Freunde Feliciano's melden, er habe jene Stadt wieder verlassen, um von
Neuem eine Reise nach Aegypten zu machen, und aus den Pyramiden viele
Mysterien hervor zu suchen.

Man traf noch eine nhere Abrede, und Anton ging, um jenen Anderson, zu
welchem er eine groe Zrtlichkeit gefat hatte, wieder aufzusuchen.

Der Rath Seebach stand oft in seinem Zimmer, vor seinen Papieren, die
vor ihm ausgebreitet lagen, und dachte seinem Leben und den wechselnden
Empfindungen nach, die ihn in den verschiedenen Perioden seiner Bildung
bestrmt hatten. Wohin geht dieser Lauf? sagte er eines Morgens zu sich
selbst; dasjenige, was ich als einen festen Besitz errungen zu haben
glaubte, droht mir wieder wie Wasser zwischen den Fingern zu entrinnen.
Bleibt es doch wahr, da in jener Nchternheit, die ich vormals rhmte,
die sichre Grundlage des Lebens ruht. Meine Jugend, und alle jene
wilden, ungezgelten Bestrebungen berstrmen wieder alle Dmme und
Ufer, schon beginnt mir der Anblick dessen, was ich so lange als das
Schne und Edle erkannte, Langeweile, Widerwillen und Ekel zu erregen,
denn zu unbedeutend, unbestimmt und mittelmig dehnt es sich vor mir
aus. Hingehalten durch Hoffnungen, eingewiegt mit Versprechungen,
aufgeregt durch Winke, und betubt durch Erscheinungen, die ich sehe,
aber nicht begreife, die mich erschrecken, und an die ich doch nicht
glauben kann, wird mein Dasein zum Traum. Welch sonderbares Band zieht
mich zu diesem fremden Mann, und verknpft mich ihm: ihm, dem ich mein
ganzes Vertrauen schenken mchte, und der in diesen Momenten der
Hingebung mich am meisten zurck stt? Ich sehe, da er geheime
Kenntnisse besitzt, die er mir mitzutheilen verspricht, und mir dennoch
vorenthlt. Heut ist er ganz Offenheit, morgen lauter zurck haltende
Frmlichkeit. In seiner Gegenwart fhle ich das Gelste, gerade das zu
glauben, was meinem Verstande am widersinnigsten erscheint, und wieder
berschleicht mich eine Empfindung, da ich im selben Augenblick ihn und
mich verlachen mchte.

Sangerheim traf und strte ihn in diesen Betrachtungen. Sie bersehn,
Theurer, sagte er beim Eintreten, indem er die Thr verschlo, wieder
Ihre Studien und Erfahrungen. Es ist sonderbar, wie wir Menschen schon
so oft in der Jugend das hhere Wort vernehmen, den Ton desselben
fassen, und uns spterhin Aussprache und Bedeutung wieder entfliehen
knnen. Doch kehren wir in reifen Jahren mit tieferem Sinn, mit
strkerer Innigkeit zu denselben Wahrheiten zurck, wie es Ihnen
geschieht; unbewut hat die Seele die Geheimnisse ausgearbeitet, und die
Glaubensfhigkeit steht gewappnet an derselben Stelle, wo noch gestern
Zweifel und Unglaube nackt und wehrlos zitterten.

Gestern, sagte der Rath, haben wir gerechnet und Figuren gezeichnet, die
sonderbare Erscheinung, die Sie mir vorfhrten, berraschte mich;
nachdem vernahm ich, indem Sie neben mir saen, jene Stimme aus dem
Zimmer dort, die mir die geheimnivollen Worte zurief -- Alles dieses,
Lieber, sehe und erlebe ich; aber ich kann es mir nicht aneignen, es hat
keine Bedeutung fr mich, es fhrt Alles wie leere Phantome, nur
erschreckend, mir vorber. Ich habe genug erfahren, um irre zu werden,
aber dieses Rthsel meines Innern, welches sich immer mehr verschlingt,
ringt mit allen Krften meines Herzens zur Lsung hin. Weder in diesen
wechselnden Schauern von Licht und Schatten, noch in stiller Resignation
kann ich meine Befriedigung finden, und ich fange an, meine Zweifel
wieder als die bessere Weisheit aufzusuchen.

Und doch waren wir bereingekommen, sagte Sangerheim mit feierlichem
Ton, Sie hatten mit mir die Nothwendigkeit eingesehn, da es Prfungen,
Grade geben msse, da die Geduld die unerllichste Tugend sei, um dem
Geheimni nher zu kommen.

Nur eine einzige Frage, und die beantworten Sie mir auf Ihr Gewissen,
sagte der geheime Rath eben so feierlich: Knnen Sie mir bei Gott und
allem Heiligen, das Sie glauben, schwren, da Sie mir irgend einmal,
wenn auch spter, die Lsung mittheilen wollen, und da Sie selbst von
Ihrem Beruf berzeugt sind?

Ja! rief der Fremde, und erhob die Hand. -- Gut denn, sagte der Rath,
empfangen Sie dann diese Brieftasche, und in ihr, was Sie wnschten, ich
will, ich mu Ihnen vertrauen.

Auch ich, sagte Sangerheim, will mich Ihnen verpfnden, mit dem
Theuersten, was ich besitze, mit Allem, was ich Ihnen nur geben kann. Er
zog ein Paket hervor, mit seltsamen Zeichen versiegelt und fest in
einander geschnrt. Legen Sie, sagte er, hier auch Ihr Siegel an. In
diesem kleinen Raum ist Alles, was ich wei, enthalten; mein ganzes
Dasein, Alles, was Sie erfahren wollen, umschliet diese Sammlung. Lse
ich sie zu der festgesetzten Zeit nicht aus, sterbe ich vor diesem
Zeitpunkt, so fllt Ihnen diese Erbschaft zu und Sie mgen damit
schalten nach Ihrer Willkhr.

Der Rath nahm das Paket in die Hand, schlug es ein, berschrieb es mit
einer Nachricht, da dies das Eigenthum Sangerheims sei, versiegelte es
und legte es in seinen Schrank. Sich besinnend nahm er es wieder und
sagte: doch kommen meine Kinder zuweilen hieher, in jenem Pult ist eine
geheime Schieblade. Er trug es hin und indem er es einzwngte, geschah
ein Knall, und die Masse selbst erzitterte. Sehn Sie, sagte Sangerheim,
Sie sind ohne Noth besorgt, es bewacht sich selbst.

Der Rath hatte sich entfrbt. Sangerheim sah ihn fest an und schien sich
an der Verlegenheit des alten Mannes zu weiden, die dieser nicht
verbergen konnte, so sehr er sich auch bemhte. Er sammelte seine
zerstreuten Skripturen wieder, warf sie in den Schrank und sagte dann:
also, Geduld, und bis dahin habe ich mich Ihnen unbedingt ergeben. Es
ist wunderbar genug, wir entziehn uns gewissermaen der Kirche und der
Religion des Staates, wir nennen es unsre Weisheit, anders und weniger
zu glauben, als der gemeine Mann, -- und geben uns im Entfernen vom
Hergebrachten und Autorisirten andern viel unglaublichern Dingen hin,
und sind zufrieden, nur zu sehn und zu ahnden, ohne da uns die Lsung
gegeben wird, die wir doch in der Religion suchten und forderten.

Richtig bemerkt, erwiederte Sangerheim; ist denn aber dieser Widerspruch
nicht vielleicht eine Vorbereitung zu einer chtern Religiositt, zu
einem wahren Glauben? Immerdar, wenn wir uns widersprechen, ist es nur
Schein, wir suchen die Bindung, den unsichtbaren Mittelpunkt, der den
Widerstreit aufhebt.

Das ist aber gegen die Abrede, erwiederte der Rath, da ich wieder durch
Gedanken und ihren wechselnden Kampf das Richtige und Wahre finden
sollte, ich sollte es ja unmittelbar schauen, und es als einen wahren
Besitz von dannen tragen.

Wenn Sie denn, fing Sangerheim zgernd an, sich nicht fgen knnen und
wollen, so gbe es in Ihrem frommen und erweckten Sinn allerdings ein
Mittel, das rasch die Hemmung wegnehmen, und Sie ohne Umwege zum Ziele
fhren knnte.

Und dieses Mittel? fragte der Rath eifrig.

Auch ohne dieses knnen Sie zu einem glnzenden Ziele gelangen,
antwortete Jener, aber langsamer, und niemals erreichten Sie die Wrde,
so viel Sie auch schauen werden, eines hchsten Obern.

Und dieses Mittel, fragte der Rath wieder, knnte mir diese Wrde und
die schnellere Einsicht in alle Geheimnisse verschaffen?

Ohne Zweifel. -- Sehnen Sie sich heftig?

Unbeschreiblich! fing der Rath wieder an, und, da Sie so weit gegangen
sind, so nennen Sie es auch, sonst sind Sie nicht mein Freund.

Was Sie immerdar hemmen wird, antwortete Sangerheim mit einer Thrne im
Auge, ist, da Sie nicht ein Mitglied meiner Kirche sind. --

Der Rath trat einen Schritt zurck und suchte noch mehr wie vorher die
Bewegung seines Innern zu verbergen. Sangerheim sah ihn mit einem festen
prfenden Blicke an, als wenn er seine Augen durchbohren wollte, aber
der Rath erwiederte diesen festen Blick, und nach einigen Augenblicken
entfernte sich der Fremde.

Tief erschttert ging der Alte im Saale auf und ab. -- Das ist es also?
sagte er endlich zu sich selber; also dorthin liegt das eigentliche und
wahre Geheimni? -- Habe ich doch den Einreden so mancher vernnftigen
und kaltbltigen Freunde nicht glauben wollen. Ich hielt es nur fr
Fabel, weil es einem Mhrchen so hnlich sieht; und ist also nun doch
Wahrheit. -- Sie bemchtigen sich einer Einrichtung, die im Beginn gut
und edel war, die sich dann selbst verga, und in deren unbedeutenden
Nchternheit nun leicht die Sehnsucht zu Wundern und Seltsamkeiten Raum
finden kann. -- Wie verbreitet die Logen sind, so mgen sich diese, oder
hnliche Schwindler leicht jetzt oder in Zukunft der Menge bemeistern,
um ihre Plne, die sich noch nicht an das Licht wagen, durchzusetzen. --
Diese Emissre gehren also einer Propaganda an, und es lt sich nun
wohl begreifen, wer und was diese geheimen Obern sind, -- Alles, was man
von diesem Nachbarstaate erzhlt, wo man auf verschiedene Art den
Erbprinzen bearbeitet, hier und anderswo die Strung der Logen, das
Eindringen und Vorschieben alter Meinungen. -- Die Herren haben also
doch ihre Herrschsucht und die alten Plane noch nicht aufgegeben! -- Ja,
ich bin durch dieses einzige Wort zum Licht hindurch gedrungen, aber
sehr gegen deinen Willen, mein guter Magus. -- Seine Kunststcke
begreife ich freilich nicht; aber was gehen sie mich denn eigentlich an?
Vor meinem guten verstndigen Sohne mu ich mich jetzt schmen, der doch
in seiner Art, wie er jenes Wunder betrachtete, sehr Recht hatte. -- Zu
schnell, zu pltzlich mag ich aber freilich auch nicht zurcktreten; ich
will ihn noch beobachten: ich kann es jetzt wie ein Spiel treiben und
genieen. --

Mit Beschmung dachte er nun der Summen, die er dem Magier ausgeliefert,
noch der letzten groen, die er ihm heut gegeben hatte. Sangerheim hatte
zwar Anfangs jeden Dank und Lohn ausgeschlagen, aber bald hatte er bei
dem gromthigen Freunde Hlfe gesucht, der nun um so lieber und
reichlicher mittheilte, da der Wunderthter sich erst uneigenntzig
gezeigt hatte. Zu den Beschwrungen und zum Geister-Apparat, so wie zu
Einrichtung der Oefen und Herbeischaffung alles Gerthes, um den Stein
der Weisen hervorzubringen, war wieder ein Kapital nthig gewesen.
Nachher zu geheimen Plnen, die Sangerheim noch nicht nennen durfte, auf
Gehei jener unbekannten Obern, war wieder eine bedeutende Summe in
Anspruch genommen worden. Fr die letzteren groen Auslagen hatte der
Magier seinem glubigen Schler eben jene versiegelten und zauberhaft
verschlossenen Schriften verpfndet, die er bald wieder, durch
Erstattung jener Summe, auszulsen versprach.

Sangerheim machte einen groen Aufwand und lebte in der Stadt ganz als
ein vornehmer Mann. Der feinen und neugierigen Welt war es ein
Geheimni, da sie nicht ergrnden konnte, wovon er seine Ausgaben
bestritt. Der geheime Rath Seebach htte darber Bescheid ertheilen
knnen, denn beschmt gestand er es sich nicht gern, da ein groer
Theil jener so wunderbar geretteten Summe schon wieder geschwunden sei,
wenn der Zauberer nicht seine Schuld bezahle, woran der Glubiger zu
zweifeln anfing. -- Mit Schmerz dachte er an den jungen Schmaling,
seinen knftigen Schwiegersohn, so wie an seinen Hausfreund, den Arzt,
denn er wute, da Beide eifrig mit Sangerheim laborirten.

Die Familie war erfreut, als der Vater nach langer Zeit wieder bei
Tische heiter war. Clara besonders wollte daraus fr ihr Schicksal etwas
Glckliches lesen. Als sie mit dem Bruder ber die Vernderung des
Vaters sprach, sagte Anton: Dergleichen Verblendung, liebes Kind, kann
niemals lange dauern. Htte ich nicht andre Sorgen, so wollte ich mich
anheischig machen, diesen Kummer mit etwas Geduld zu berwinden, oder
mit Verstand und Zeit die Getuschten zu heilen. Heut Abend wird nun
unser Schmaling grndlich in die Lehre genommen werden, und ich mchte
Vieles verwetten, da ich ihn Dir schon morgen als einen andern Menschen
vorfhren kann. --

Sangerheim war, jenes Wortes wegen, das er hatte fallen lassen, mit sich
selber sehr unzufrieden. Er hatte bemerkt, wie der Rath dadurch war
berrascht worden. -- Mag seyn, sprach er zu sich, da es unbesonnen und
zu frh ausgesprochen wurde, ich kann mit mir und dem Erfolg zufrieden
seyn. Sie mssen meine Bemhungen erkennen, jene groen, jene mchtigen
Mnner. Und welches Glck, ihnen beigezhlt zu werden! Welche Aussicht,
da Natur, Geisterreich und Welt mir dient, da vor mir jedes Geheimni
die entstellende Hlle abwirft. -- Und bin ich denn noch so weit von
diesem glnzenden Ziele entfernt? Habe ich denn nicht die Zusage der
Edelsten, da mir bald, in weniger Frist Alles soll gewhrt seyn? Wie
sie mich durch Wissen, Kunst und Gold untersttzen, so werden sie mir
auch die herrlichsten Gter nicht lange mehr verweigern.

So trumte Sangerheim, und verlor sich in sonderbare und weitaussehende
Plane.

                   *       *       *       *       *

Der Professor Ferner hatte dem jungen Schmaling unter dem Siegel der
Verschwiegenheit vertraut, da, wenn er es wnsche, er am Abend den
weltberhmten Grafen Feliciano in seinem Hause sehn knne, welcher
incognito angekommen sei, um schnell weiter zu reisen. Er machte es ihm
aber zur Pflicht, seiner Schwester, wie seinen Eltern Nichts davon zu
sagen, weil sie Beide sonst sich den Zorn des Grafen zuziehen wrden.
Schmaling war ber diese Nachricht entzckt, und versprach, nicht
auszubleiben, indem er zugleich versichern mute, da sein Herr und
Meister, Sangerheim, auch Nichts davon erfahren solle.

Anton stellte sich frher bei Ferner ein, um mit Anderson einige
Vorkehrungen zu treffen. Wenn es Effekt machen soll, sagte der heitre
Anderson, so mu ich Euer Haus und die Einrichtung desselben etwas
genauer kennen lernen. Aber sagt mir doch, von welcher Art ist denn
jener Kunstjnger selbst, den wir heut unserm Genius und dessen Launen
aufopfern wollen?

Anton nahm das Wort und sagte: Der junge Mann wird jetzt acht und
zwanzig Jahre alt seyn und kann im Bau des Krpers, im Angesicht, Blick
und Wesen fast fr einen vollkommen schnen Jngling gelten. Sein Wesen
ist sanft und einschmeichelnd, sein Charakter ist weich und nachgiebig,
und so fgte es sich, da er meiner Schwester, die er schon seit lange
verehrt hatte, gefiel. Er hat auerdem Viel gelernt, ist ein tchtiger
Geschftsmann, und von seinen Vorgesetzten so geachtet, da sie ihn, so
jung er auch ist, schon zum Rath ernannt haben. Meine Schwester wrde
einer glcklichen Ehe entgegen sehn, wenn diese Geheimnikrmerei, diese
Sucht, sich die Weisheit der Rosenkreuzer und andrer Schwrmer
anzueignen, nicht das schne Verhltni jetzt fr eine Zeitlang vllig
zerstrt htte. Ihr kennt ja, theurer Mann, die Begebenheit, die sich in
unserm Hause zugetragen hat. Seitdem ist er diesem Sangerheim, aus dem
wir Alle nicht klug werden knnen, wie mit Leib und Seele verschrieben.
Knnt Ihr nun, indem Ihr den Leichtglubigen in einer Maske tuscht, ihn
dahin bringen, da er von seiner Wundersucht nachlt, so sind wir Euch
den grten Dank schuldig.

Wir werden ja sehn, was wir ausrichten knnen, erwiederte Anderson. Er
ging, um sich die Zimmer zu betrachten, indessen Ferner bemerkte: Wie
seltsam ist es doch, da wir uns zu einer solchen Maskerade vorstzlich
einrichten, indessen jener Sangerheim, der so Viele tuscht, doch auch
kein wirklicher Charakter, sondern nur ein angenommener seyn kann. Man
kann aber die Bemerkung machen, da man auf jeder Redoute, sobald man
die erste Betubung berstanden hat, an alle die seltsamen Masken, die
man sieht, glaubt, sich diese Wesen in ihren seltsamen Bedeutungen
vergegenwrtigt, und selbst den vertrautesten Freund, wenn er sich nicht
ganz hlzern betrgt, sich nicht in seinem wahren Charakter deutlich
vorstellen kann. Diese sonderbare Eigenschaft unsrer Seele, die so gern
freiwillig der Tuschung entgegen geht, erklrt es einigermaen, warum
die Betrger in der wirklichen Welt in der Regel so leichtes Spiel
haben.

Anderson trat wieder zu ihnen und sagte: Um meiner Sache gewisser zu
werden, fange ich nun schon an, den Feliciano zu spielen, den Grafen,
den Menschenfreund, den Heilknstler und Geisterseher. Mein Bedienter
ist auch drauen, und wird mit bei Tische aufwarten, um der Gesellschaft
mehr Ansehn zu geben.

Schmaling trat schon, frher als man vermuthet hatte, vor Freude
zitternd herein. Man begrte sich und der nachgeahmte Feliciano
behandelte ihn, so wie den Professor und Anton kalt, und mit ruhigem,
herablassendem Stolz. Man sprach nur wenig und setzte sich bald an den
Tisch zu einem leckern Abendessen nieder. Die feinen Weine waren nicht
gespart.

Es wollte lange kein lebhaftes Gesprch in den Gang kommen, denn
Schmaling war zu sehr von Ehrfurcht durchdrungen, und der Professor so
wie Anton wuten nicht recht, wie sie sich nehmen sollten, um nicht zu
Viel zu thun, und Anderson selbst schien es darauf angelegt zu haben,
diese beiden Freunde etwas zu qulen, denn es war nicht zu verkennen,
da ihre Verlegenheit ihn unterhielt. Endlich, um diese drckende
Schwle aufzulsen, fing er an, von seinen Reisen zu erzhlen, und der
Professor erstaunte, mit welcher Sicherheit er alle Gegenden
bezeichnete, wie richtig er ber Werke der Malerei und Baukunst
urtheilte. Als Feliciano nun von Aegypten sprach, von den Wsten
Arabiens, von Palstina, Syrien und Persien, und alle Gegenstnde mit
der ruhigen Kunde eines Augenzeugen beschrieb, dachte Ferner leise
errthend an seine vorige Bemerkung, denn er hatte wirklich whrend der
Rede vergessen, da dieser Feliciano eigentlich Anderson sei.

Jetzt war auch der glckliche Schmaling dreister geworden, und er wagte
es, auf den Gegenstand seiner Forschungen und Wibegier einzulenken. Er
war sehr freudig berrascht, da der Wunderthter auch hierber frei und
offen sprach, da er jene seltsamen Kuren nicht leugnete, und selbst
andeutete, wie der Stein der Weisen kein Mhrchen sei, wie ihn Viele
schon besessen htten, und Mancher lebe, der Kenntni von ihm habe.

So halten Sie, fragte Schmaling wieder schchtern, die wunderbare
Erzhlung vom Flamel fr keine Fabel?

Wie sollte ich es, antwortete Feliciano, da ich den guten Mann selbst
noch hundert Jahre frher, als Paul Lucas Kunde von ihm bekam, in Indien
gesprochen habe?

Anton fuhr zurck, denn diese Aeuerung schien ihm zu stark und den
Fremden blo zu geben, doch Schmaling war von seinem Glck schon so
berauscht, da dieser gewagte Ausspruch seinen Taumel nur vermehrte.

Es ist sonderbar, fuhr Feliciano fort, wenigstens erscheint es uns
Kundigen so, deren Leben nicht wie Spreu verweht, wenn die Menschen
Dinge wunderbar, seltsam und unbegreiflich nennen, die eigentlich die
einfachsten und natrlichsten sind. Ist denn der Mensch ursprnglich
dazu geschaffen, um den Thau aus der Blume, wie der Schmetterling, zu
saugen, und wie dieser Augenblicks wieder zu vergehn? Sagt nicht die
Schrift das Gegentheil? Wenn nun Weisheit und Kenntni der Patriarchen
und andrer Heiligen, sorgsam aufbewahrt von Geschlecht zu Geschlecht,
dem Auserwhlten, der sich dessen wrdig macht, mitgetheilt wird, -- wo
ist das Unbegreifliche, oder nur Seltsame? Die Erzvter lebten
Jahrhunderte, und wer ihrer nicht unwrdig ist, mag auch noch jetzt
ihnen darin hnlich werden. Wir haben vielleicht noch den Vorzug vor
ihnen, da wir Wissenschaft und Kunst spterer Zeit mit jenen uralten
der frheren Tage, die fr die meisten Menschen schon lngst verloren
gegangen sind, vereinigen knnen.

Anton winkte dem Gelehrten, als freue er sich, da Anderson so geschickt
seine vorige Uebertreibung verbessert habe. Feliciano fuhr fort: Und so
mag ich Ihnen sagen, und Sie werden sich hoffentlich nicht mehr darber
verwundern, da ich noch frhere Personen gesehn und gekannt habe. Es
war mir vergnnt, ein Freund des groen und heiligen Dante zu seyn.
Viele Verwirrungen der Welt, viele groe Entwicklungen der Geschichte
habe ich gesehn, und immer wieder, wenn mein Gemth durch dieses
weltliche Treiben zu sehr gestrt wurde, zog ich mich in die Wsten
Aegyptens oder Arabiens zurck, oder begab mich in meine
Lieblingslandschaften an dem Ganges, wo ich denn wieder mit Flamel und
manchem andern Adepten lebte. Ich habe bemerkt, da seit drei
Jahrhunderten die Kunst sehr gesunken ist, denn so lange wird es jetzt
seyn, da ich keinen neuen Ankmmling in unserm Kreise gesehn habe.

Schmaling sagte verlegen: und mglich wre es, sich diesen hohen
Sterblichen, die man fast Unsterbliche nennen mchte, anzuschlieen? Ist
es zu hoffen, da diese groen Geister den Schler, der ihnen gegenber
immerdar unwrdig erscheinen mu, nicht zurckweisen werden?

Alles hngt davon ab, antwortete Feliciano, welche Bahn dieser Lehrling
wandelt, ob er sich zu der rechten gesellt, und ob seine Lehrer ihn
nicht vielleicht der Weihe unfhig machen.

Und woran soll man das Wahre oder Falsche erkennen? fragte Schmaling.

Auf vielfache Weise, erwiederte der Magus: ich drfte nur geradezu
sagen, ich selbst kann Euch aus meinem Munde den besten und sichersten
Bescheid ertheilen. Indessen -- ist ein Kind hier im Hause? fragte er,
gegen den Professor gewendet.

Ich habe zwei Knaben, antwortete dieser in der hchsten Verlegenheit,
denn dies war gegen die Abrede, und Ferner begriff nicht, wohin dies
fhren sollte.

Wie alt? fragte Feliciano.

Der Eine zwlf, der Jngere neun Jahr.

So lat mir den Jngeren kommen, Freund, war die Antwort, und da uns
dann die Dienerschaft nicht stre.

Ferner ging, verwirrt und in sich selber ungewi. Er kam mit dem
heitern, blondlockigen Knaben zurck, der hell und klar aus seinen
groen freundlichen Augen schaute.

Der Zauberer lie das Kind zu sich kommen, beschaute es ernst, hie die
Hnde zeigen, betastete den Kopf des Kindes, und indem er mit
feierlichem Anstande die rechte Hand auf dem Haupte des Knaben ruhen
lie, fragte er ihn: Wie ist Dir jetzt? Empfindest Du Etwas?

Ach! rief das Kind: mir wird so wohl, so hell, mir ist, als knnt' ich
singen, so leicht als mcht' ich fliegen, das Auge so licht, als knnt'
ich durch die Wnde sehn.

Bleibe so stehn, mein Sohn, sagte Feliciano sehr ernst, und, da nichts
Anders zugegen ist, das uns dienen knnte, so hefte Deine Augen auf den
klaren Kristall dieser Wasserflasche, und sage mir, was Du siehst.

Anton wie Ferner waren im hchsten Erstaunen, was sich aus dieser
Anstalt, von der sie nicht die kleinste Ahndung gehabt hatten, ergeben
solle. Schmaling war in Bewunderung aufgelst. Die grte Stille
herrschte.

Ich sehe, fing das Kind an, einen jungen Herrn, einen schnen jungen
Herrn, hbsch in Kleidern, schlank gewachsen: mir ist, ich kenne den
Herrn. Ich glaube, es ist der Mann hier in der Stube. Er steht aber in
einem fremden Zimmer: ganz fremd. Da kommt ein andrer Herr: auch der ist
noch nicht alt; etwas grer. Sie sprechen. Dreiecke, Vierecke sind
aufgestellt: Sonnen, Monde. Sie sprechen. Ach! -- mit lautem Ruf sagte
der Kleine -- da schwebt so klar, ganz hell, glnzend, ein schnes
Frauenbild zwischen ihnen herab. Es kt den hbschen Herrn auf die
Stirn.

Genug, sagte der Magus, und zog die Hand zurck. -- Siehst Du noch
Etwas?

Unsre Wasserflasche, sagte der Kleine, und ich bin ganz mde.

Jngling, sagte der Magus hierauf zu Schmaling, Du bist dermalen auf dem
richtigen Wege, verfolge ihn mit Muth und Standhaftigkeit, und das Ziel
wird Dir nicht entgehn. Dein Fhrer, dem Du Dich anvertraut hast, ist
der wahre, sonst wre die gttliche Sophia nicht niedergeschwebt, und
htte, dem Kinde sichtbar, Deine Stirn mit einem Himmelskusse berhrt.
-- Er reichte dem Jngling die Hand, und dieser kte sie mit
inbrnstiger Ehrfurcht.

Anton war hchst betreten, berrascht, und konnte in leidenschaftlicher
Verwirrung nicht seine Begriffe ordnen und sammeln. Dies Alles war so
sehr gegen die Abrede, Anderson erschien ihm so fremd, in einer so neuen
Gestalt, da ihm das Wort auf der Zunge versagte, als er ihn anreden
wollte, denn der Magus sah ihn mit einem so feurigen, durchdringenden
Blicke an, da er verlegen die Augen niederschlug. Der Gelehrte war eben
so verwirrt, denn die Scene hatte sich so vllig umgestaltet, da er
sich im eignen Wohnzimmer als ein Fremder fhlte.

Du glaubtest, mein Anton, fing der Zauberer an, durch einen fremden Mann
diesem Jngling einen Scherz und Trug zu bereiten, und Du,
Kurzsichtiger, bist der Getuschte. Ja, wisse denn, ich bin wirklich und
in der That jener weit bekannte Feliciano, den die Welt frher schon mit
andern Namen nannte. Du staunst? Du zweifelst noch? Er fate das Kind,
stellte es wieder vor den Tisch, murmelte einige Worte, blickte starr
eine geraume Zeit empor, indem er die Lippen bewegte, und legte dann
seine rechte Hand wieder auf den Kopf des Kindes. Was siehst Du fr ein
Schicksal? fragte er dann mit schneidendem Ton.

Ei! ei! rief der Kleine; ach! grne Bume, ein Dorf: ein kleines, liebes
Haus da, auch eine Wiese, ein klares Wsserchen, und eine Mhle nicht
weit davon. Ein junger Herr spaziert da, ich kenne ihn auch, er kommt
oft zu uns, ja er ist jetzt bei uns. Schau, da tritt ein hbsches
Bauernmdchen zu ihm, und sie gehn in das kleine Haus.

Anton war bla. Er hatte sich erhoben, konnte sich aber zitternd nicht
mehr aufrechthalten und setzte sich nieder.

Der Knabe fuhr fort, in das Glas schauend: sie streiten heftig im
Zimmer, sie nimmt ein Bild aus ihrem Busen und tritt es mit Fen. Er
geht und droht. Sie reit ihre Mtze vom Kopf, die Haare fliegen. Sie
rennt nach dem Tische und zieht ein groes Messer hervor. Dann sieht sie
nach dem Bach und dem Wasser. Sie schwrt, sie macht schreckliche
Geberden.

Der Magus lie die Hand vom Kopf des Kleinen und ein gelber Blitz zuckte
blendend durch das Zimmer, ein lauter Donnerschlag erschtterte das
Haus. Wie ein Rauch stand pltzlich ein blasses Frauenbild da, drohend
die Hand gegen Anton erhoben. Dieser strzte entsetzt vom Sessel auf den
Boden. Alles verschwand und die Lichter brannten wieder hell.

Nun, wendete sich der Zauberer zum Gelehrten, soll ich Dir auch noch
beweisen, da ich der wahre Feliciano und kein Trugbild sei? Soll ich
Dir Deine geheimsten Gedanken und Absichten oder Deine Zukunft sagen?

Ferner erwiederte bleich und gengstigt nur Weniges. Du glaubtest, fuhr
Feliciano fort, indem er den zerstrten Anton vom Boden erhob, kein
Mensch in der Stadt kenne Dein Verhltni zu jenem unglcklichen
Mdchen, die Du Deinem Ehrgeiz aufopferst. Noch ist die letzte Zeit,
noch kannst Du sie retten.

Es war schon spt, aber Anton strzte fort und eilte zu Pferde noch in
der Nacht zu seiner Geliebten hinaus. Der Magus hatte sich entfernt,
aber Niemand hatte ihn zur Thr hinaus gehn sehn.

                   *       *       *       *       *

So hatte diese Zusammenkunft ganz anders geendet, als es die Freunde und
Clara erwartet hatten. Diese sah ihren Bruder am Abend nicht und auch
nicht am folgenden Morgen. Man war im Hause um ihn besorgt. Der Vater,
der einen kurzen, leidenschaftlichen Brief von Anton erhalten hatte,
lsete mit kummervollem Antlitz das Rthsel.

Der Sohn war in der Nacht angekommen. Er vernahm, da um die Zeit, als
das unglckliche verfhrte Mdchen ihm im Zimmer seines Freundes
erschienen war, sie in einem Todtenschlafe, so da sie nicht zu erwecken
war, gelegen hatte. Als sie sich wieder besonnen und mit den tief
bekmmerten Eltern gesprochen hatte, legten sich diese, nach einem
kurzen Abendessen, zur Ruhe. Als im Hause Alles still war, hatte sie
noch einen Brief an ihren Ungetreuen geschrieben, der sich ihrer
schmte, und ihre Drftigkeit und ihren Stand verachtete. Als sie mhsam
und unter vielen Thrnen den Brief geendigt hatte, ging sie noch lange
auf und ab, um ihr Elend ganz zu fhlen und ihren schrecklichen
Entschlu in sich reif werden zu lassen. Sie hatte nicht den Muth, sich
ihren Eltern zu vertrauen, weil sie den Zorn des heftigen Vaters
frchtete. Sie fhlte, wie nahe sie ihrer Niederkunft sei, und hatte
keinen Vertrauten, wute keine Hlfe zu ersinnen. Anton hatte sie in der
Stadt als eine Unbekannte unterbringen, und fr sie sorgen wollen, sie
aber hatte mit Abscheu alle seine Vorschlge abgewiesen, da er nicht
mehr fr sie zu thun gesonnen war, so dringend sie ihn auch an seine
frheren Versprechungen und Eide erinnerte. Er wollte aufschieben und
Zeit gewinnen: er frchtete ebenfalls seinen Vater, seine Vorgesetzten,
auch war die frhere Liebe wohl erkaltet. Sie sah keinen Ausweg und ging
jetzt in der finstern Nacht den Bach entlang, um in den brausenden
Mhlsturz sich und ihr ungebornes Kind und alle ihre Sorgen zu begraben.

Indem sie nach der Mhle zulenkte, hrte sie auf der Landstrae ein
brausendes, jagendes Pferd. Es war Anton. Seine Todesangst erkannte
schon aus der Ferne ihren Schatten.

Der geheime Rath Seebach meldete seiner Familie, da sich sein Sohn am
frhen Morgen mit einem Bauermdchen verheirathet habe. Was der kurze,
heftige Brief nicht sagte, ergnzte seine Ahndung. Die Mutter, aus einer
alten adeligen Familie, einem angesehenen Edelmanne vermhlt, war auer
sich, weil dieser Sohn ihr Stolz und ihre grte Hoffnung gewesen war.
Clara war mehr verwundert als betrbt, und zrnte dem Bruder, da er ihr
und den Eltern aus diesem Verhltni ein Geheimni gemacht hatte.

Traurig ist es, sagte der Vater, denn er hat sich durch den raschen
Schritt, durch diese Unbesonnenheit die Thre zu allen hheren Stellen
verschlossen. Es ist aber so, mag es auch kommen, wie es will, besser,
als wenn er ein Verbrechen begangen htte. Wir werden uns an die Tochter
gewhnen, und wenn mein Sohn Ehrenstellen einbt, so hlt er doch sein
Wort und bleibt ein Mann von Ehre. Wo das Schicksal so ernst in die
Verhltnisse des Lebens tritt, da soll man nicht mehr klgeln, sondern
in Demuth den hohen Willen anerkennen. Ich wei, da die Liebe seiner
Eltern nicht dadurch wird vermindert werden.

Die Mutter weinte heftig, so sehr sie auch der Vater und Clara zu
beruhigen suchten. Der Vater schrieb dem Sohne mit dem rckgehenden
Boten einen herzlichen Brief, in welchem er ihm Alles vergab und ihn
ermunterte, sein Leben nun tchtig und stark anzufassen. Die Stadt war
bald von dieser sonderbaren Begebenheit angefllt, ber welche Jeder
nach seinem Standpunkt und seinen Vorurtheilen sprach.

                   *       *       *       *       *

So war nun in allen Verhltnissen der Familie eine groe Vernderung
eingetreten. Der Sohn kam vor der Niederkunft seiner Frau nicht zur
Stadt. Nachher zeigte er sich den Eltern, getrstet, aber nicht froh,
und spterhin fhrte er Agnes, die Buerin, bei ihnen ein, mit der er
ein eignes kleines Haus in der Vorstadt bezog. Nichts wollte sich fgen
und in einander schicken, und Jeder gestand sich, da, wenn die Sache
unabnderlich war, diese Frau, durch welche die Laufbahn des Sohnes
gehemmt war, in den Kreis der Familie doch nicht passe. Es war schon die
Rede davon, da er das Gut des Vaters bewirthschaften solle; indessen
schien auch dieses bedenklich, da Anton sich niemals um die
Landwirthschaft gekmmert hatte. Was den Vater aber mehr, als diese
Stellung seines Sohnes kmmerte, war, da er ein schwrmerischer
Anhnger dieses Feliciano geworden, von dessen Seite er kaum mehr wich,
und so erlebte er nun, da Sohn und Schwiegersohn sich diesem Schwindel
ergaben, von dem er selbst wieder geheilt schien. Er erstaunte, da auch
sein ruhiger Freund, der Gelehrte, der ihm immer ein Muster in der
ruhigen Haltung erschienen war, ebenfalls nach jener Begebenheit sich
als einen fanatischen Anhnger des Feliciano erklrte. Auch der alte
Obrist neigte zu dieser Schwrmerei hinber, und nicht blo im Hause des
geheimen Rathes, sondern in den meisten Husern der Stadt, wurde
Feliciano der erste und wunderbarste aller Menschen genannt.

Ein Taumel bemchtigte sich, als es erst bekannt worden war, da der
berhmte Feliciano zugegen sei, der ganzen Stadt. Jedermann wollte ihn
kennen lernen, jede Gesellschaft wollte ihn in ihrer Mitte sehn. Er
gewann in kurzer Zeit viele Anhnger und Freunde, und die angesehensten
Mnner, die hchsten vom Adel bewarben sich um seine Gunst. Er erklrte,
da er nur kurze Zeit verweilen knne, weil er in groen und wichtigen
Geschften nach dem Norden gehn msse, auch erlaubten ihm seine
geheimnivollen Arbeiten nicht, sich zu sehr in der Welt zu verbreiten.
Die wichtigsten Mnner versammelte er um sich in seiner Loge. Man sprach
von den seltsamsten Wundern, die hier in geheimen Zusammenknften
vorgefallen waren. Der Professor, so schien es, hatte seinen jngsten
Knaben ganz dem Wunderthter berlassen, denn das Kind weissagte oft aus
dem Kristall, den Feliciano knstlicher, als es an jenem Abend geschehen
war, in seinen Gesellschaften aufstellte. Der Arzt Huber arbeitete
indessen mit Sangerheim und Schmaling, Jeder bestrebte sich, von allen
diesen geheimen Knsten Zeuge zu seyn, oder durch Freunde wenigstens
Etwas von ihnen zu vernehmen, und selbst die Frauen und Mdchen
wnschten an diesen Wunderwerken Theil zu nehmen, oder auch in irgend
eine mysterise Verbindung zu treten. Feliciano hatte sie eigentlich
selbst zuerst auf diesen Wunsch gefhrt, und er stiftete auch bald
darauf eine Loge fr Damen, die nun auch mit mystischen Abzeichen
prangten, sich gegenseitig an Gru und Handdruck erkannten, und von
Fortschritten in Weisheit und Wissenschaft trumten. Auch die Mutter
Clara's hatte sich in diesen Orden aufnehmen lassen.

So war die arme Clara von Jedermann verlassen, denn beim Vater, der ber
alle diese Sachen verstimmt war, konnte sie nur wenig Trost finden. Der
Graf Feliciano hatte alle Knste der Ueberredung angewendet, das schne
Mdchen auch zu dem Uebertritt in seinen neugestifteten Orden zu
berreden, in welchem seine Gemahlin, die seitdem auch aus dem Inkognito
hervor getreten war, den Vorsitz fhrte. Es gelang ihm aber so wenig,
da im Gegentheil der Widerwille Clara's gegen alle diese Dinge immer
mehr gesteigert wurde. Wie kann der Mensch, sagte sie einmal in einer
aufgeregten Stimmung zu ihrem Vater, nur so verkehrt seyn, in der
Umkehrung des Natrlichen sein Heil zu suchen? Man fhlt sich ja als
Mensch nur wohl, wenn Alles in der gewhnlichen Bahn fortschreitet, wenn
das, was sich als nothwendig ankndigt, ganz einfach und schlicht
geschieht. Entwickelt sich in diesem Lebensgange eine groe That, eine
schne Aufopferung, so freut es uns um so mehr, da uns das Gttliche
aus den Elementen gewebt ist, die uns zunchst umgeben, da wir fhlen,
auch uns knnte in einer geweihten Stunde dasselbe begegnen, oder unsre
Seele knnte auch dieselbe Hhe erstreben. Ziehn wir uns doch mit
Widerwillen von der Nahrung zurck, die uns zu fremdartig dnkt, deren
Zurichtung unserm Gaumen widersteht: aber schlimmer als berreifes Wild,
oder der verpestete ^haut got^ der Assa ftida, und der Vogelnester und
hnlicher abscheulicher Dinge ist es, diese Knoblauch-Tinktur von
Wunderglauben, tollen Fabeln und aberwitzigen Bestrebungen in seine
Seele aufzunehmen.

Der Vater erwiederte: Du bist zu zornig, liebes Kind. La die Menschen
gewhren, der Krankheitsstoff mu austoben. Alles Sprechen dagegen nutzt
nicht, unfruchtbar ist das Moralisiren; der Dmon, der die Menschen
besitzt und treibt, wird endlich seines Spieles selbst mde. Deine khne
Vergleichung pat auch nicht ganz; man knnte eben so gut die
entgegengesetzten Bilder brauchen. Wen versucht nicht der reife,
kstliche Pfirsich? die duftende Ananas? die lockende, rothe Kirsche,
vorzglich in der Jugend? Und was wre unser Leben, wenn Alles so plan
verstndlich wre? Alle Tage unausgesetzt die nahrhafte Hausmannskost
des redlichen Treibens, der guten Gedanken? Aus Natur und Kunst, aus
Liebe und Scherz, aus Religion und Gemth winkt uns ein Geheimni an,
dem wir nher kommen mchten: es zieht uns nach durch Gefild und Wald.
Jetzt glauben wir es zu erblicken, dann ist es wieder entschwunden. Von
dieser Sehnsucht, die ohne Gegenstand scheint, werden die besten Krfte
unsrer Seele getrnkt, und wenn sie erlschen knnte, wrden wir in uns
selbst verschmachten. Alle schnen Triebe der Freundschaft, des
Wohlwollens, der Menschenliebe, aller Enthusiasmus fr das Gute und
Schne quillt ebenfalls aus dieser geheimnivollen Gegend unsrer Seele.

Mag es seyn, antwortete die Tochter, aber ich sehe und erlebe es doch,
da, wenn diese Sucht, oder der Trieb auch innigst mit dem Schnen eins
ist, sie doch auf ihrem fortgesetzten Wege sich in das gespenstig
Aberwitzige verwandeln knnen. Der Mensch mu ja doch mit festem
Charakter und unbezwinglichem Willen in der Mitte stehen bleiben, da
Glauben sich nicht in Aberglauben, Sinn in Thorheit, Tugend nicht in
Laster verwandle. Ist jene Sehnsucht berirdischer Natur, so ist dieser
einfache starke Wille wohl auch gttlicher Abkunft, der wie ein
unberwindlicher Riese den Schatz der Vernunft und des Guten bewachen
soll, welcher dem Menschen von Gott ist anvertraut worden. Mir dnkt,
gegen tausend wunderliche Dinge, die auf uns eindringen, gegen unzhlige
Gelste, die uns berreden mchten, giebt es keine andre Waffe, als da
ich sage und immer wieder sage: es soll nicht seyn! Lasse ich dieses
Schwert im Schlummer einmal fallen, so kann ich gar nicht mehr wissen,
wohin mich alle jene Sophistereien fhren knnten.

Diese starre Vernunft, sagte der Vater, reicht aber auch nicht aus: sie
kann Tugend seyn, widersteht aber eben so oft der Liebe als dem Unrecht,
lt auch die Wahrheit, indem sich die Liebe abkmpft, nicht auf sich
eindringen.

Wahrheit! das groe Wort! rief sie aus, das eben so wohl Alles wie
Nichts bedeutet. Wer hat es nicht schon gemibraucht? Je demthiger wir
uns dem unterwerfen, was das Leben von uns verlangt, je sanfter und
stiller wir dem folgen, was uns zu unserm Heil offenbart ist, je weniger
wir grbeln und klgeln, und die Anmaung von uns fern halten, ber dem
Begreifen zu stehen, es zu meistern und nach Gutdnken zu handhaben, um
so mehr wir dem Vorwitz Einhalt thun, da nicht hinschauen zu wollen, wo
sich in der Leere unserm irdischen Blick nur Gespenster erschaffen, um
so mehr, glaube ich, bleiben wir der Wahrheit getreu.

Wohl mein Kind, sagte der Rath: denn wie ich schon sonst behauptete,
wenn das Bse auch ein Nichts ist, so erwecken wir es doch wohl und
theilen ihm unsre Krfte mit, indem wir es glauben und uns dem Nichtigen
ergeben. Hat es erst von uns diese Strke empfangen, so wird es wohl oft
so gewaltig, da es uns und jeden Widerstand besiegt, der nicht die
gttliche Wahrheit selbst zu Hlfe ruft. In diesem Bilde kann man sich
die Erscheinung der bsen Geister denken, die der Magier aufruft. -- Und
so mchte man freilich glauben, Wahrheit sei in allen Dingen zu finden,
sie liege auch dem Irrthum zum Grunde, nur hte sich der Mensch, einer
Regung, einer Aufwallung, oder einem Gedanken unbedingt und zu dreist zu
folgen, denn rechts und links liegt die Unwahrheit und Tuschung, und er
wandelt nur recht auf einer schmalen Linie.

Wenn es so ist, erwiederte Clara, so ist es eben das Sicherste, dem
Alltglichen getreu zu bleiben, was vielen beflgelten Geistern als das
Gemeine erscheint. Will sich der Mensch erheben, wird er, wie der
fliegende Schmetterling, von Schwalben und Sperlingen weggehascht, und
bleibt er unten am Boden, so wohnt er beim Gewrm, aber nhrt sich auch
vom Thau, der in den Rosen und Lilien glnzt. --

Nicht nur die Familie des Rathes war in Verwirrung gerathen, sondern man
konnte dies von der ganzen Stadt behaupten. Dem alten Seebach war es
aber verdrlich, da von den Vernnftigen, die sich nicht hinreien
lieen, Alles was geschah, mit ihm und seinem Sohn, so wie mit jener
Entdeckung Sangerheims in Verbindung gebracht wurde. Es lie sich nicht
leugnen, da jener Vorfall, der viel Aufsehn erregt hatte, zu allen
sptern Wunderlichkeiten gleichsam das Signal gegeben hatte. Die
sonderbare Verheirathung des Sohnes, die Schwrmerei Schmalings, die
Operationen des Grafen so wie Sangerheims, die weibliche Loge, in die
sich seine Gattin sehr gegen seinen Willen hatte aufnehmen lassen, die
Seltsamkeiten, die sowohl der Arzt Huber, wie der Professor Ferner,
vernehmen lieen, die Ausschweifungen mancher Reichen, die sich ganz der
Hoffnung ergaben, die Kunst des Goldmachens zu entdecken, und in dieser
Aussicht ihr Vermgen verschwendeten, Geister-Erscheinungen, durch
welche man in mchtigen Familien dieses und jenes hatte durchsetzen
wollen, alles Dies, vergrert, mit Erfindungen ausgeschmckt, Alles
wurde hauptschlich auf Rechnung des alten erfahrnen Seebach
geschrieben, um so mehr, weil man wute, da er auf eine Zeitlang sich
diesen seltsamen Knsten ergeben hatte. Es half ihm Nichts, da er sich
wieder zurckgezogen hatte, da er den Umgang Sangerheims und noch mehr
des Grafen vermied, die meisten Menschen, auch seine Collegen und selbst
seine Freunde hielten ihn fr den Stifter aller dieser Irrungen. So
bedrngte ihn, auer den huslichen Krnkungen, noch das Gefhl, da er
so vielen wackern und einflureichen Leuten fr einen zweideutigen und
gefhrlichen Mann galt. Vieles von diesem geheimnivollen Umtreiben kam
auch vor das Ohr des Frsten, der, da die Sache laut und weltkundig
wurde, ein groes Mifallen bezeigte, und dem Rathe, der sich gar nicht
mehr mit diesen Dingen befassen mochte, andeuten lie, sich zu migen.
Am schlimmsten aber waren dem gekrnkten Seebach die Maurer von der
alten Ordnung aufsssig, die in Allem nur die Absicht sahen, da sie
gestrzt werden sollten, -- welches die mystischen Logen auch laut genug
aussprachen, -- und nun emprt den Rath als einen abtrnnigen Bruder
behandelten, der aus weit ausgreifenden Absichten sich diesen Rebellen
verbunden habe, um als das Haupt dieser geheimnivollen Gesellschaft
Verderbliches zu wirken.

Meine Tochter hat Recht, sagte der Rath zu sich selber, wie hart werde
ich fr meine Neugier oder Wibegier gestraft, die Anfangs so lblich
oder unschuldig aussah. Hielt ich mich doch fr so khl und weise, um
allen Versuchungen Widerstand leisten zu knnen. Aber ein Glied reiht
sich an das andre, und unvermerkt ist die Kette fertig.

Es schien aber, als wenn zwei Wunderthter fr Eine Stadt, wenn sie auch
gro war, zu viel seien. Der Graf hatte sogleich abreisen wollen,
verlngerte aber seinen Aufenthalt von einem Tag zum andern. Sein
Wirkungskreis schien sich auszubreiten, so wie der Sangerheims abnahm,
da viele von dessen Jngern zum grern Meister abfielen. Darum fhrte
Sangerheim den Vorsatz aus, zu welchem er schon seit einiger Zeit Alles
vorbereitet hatte, sich nach einer andern reichen und angesehenen Stadt
zu begeben, wo er, da sein Ruf ihm schon vorangegangen war, gleich mit
dem grten Glanze auftrat, die ltern Maurer beschimpfte, ihnen ihre
Lehrlinge entzog, und Zeichen und Wunder aller Art verrichtete. Der
Geheimrath erlebte die neue Krnkung, da Schmaling, unter dem Vorwande
einer Krankheit, von seinem Minister einen unbestimmten Urlaub nahm, und
dem Abentheurer nach jener Stadt hin folgte, um in seiner Nhe und nach
seiner Anweisung seine geheimnivollen Arbeiten fortzusetzen. Schmalings
Abschied von Clara war kalt, und sie war so erzrnt, da nur Wenig
fehlte, so htten Beide ihre Trennung fr immer ausgesprochen. Aber da
Beide sich noch migten, so blieb es bei unbestimmten Ausdrcken, die
Jeder nach Gefallen deuten konnte.

Seinen Sohn sah der Rath nur selten, weil er ganz dem Grafen und dessen
Befehlen und Operationen lebte. Die Gattin war in der weiblichen Loge
sehr thtig, und jetzt mit der niedrig gebornen Frau ihres Sohnes ganz
ausgeshnt, weil auch diese, die allen Glanz ihrer Jugend wieder
erhalten hatte, vom Grafen zur Bundesschwester war geweiht worden. Huber
war ebenfalls dem Adepten Sangerheim nachgereiset, um in seiner Kunst
vollkommener zu werden.

Clara war im Schmerz auer sich, als der Vater nach einiger Zeit von
Schmaling einen sonderbaren Brief erhielt, den er der Tochter mittheilen
mute. Der knftige Schwiegersohn schrieb nehmlich Folgendes:

Im Begriff, einen sehr wichtigen und entscheidenden Schritt in meinem
Leben zu thun, halte ich es fr meine Pflicht, Sie, Verehrter, und meine
geliebte Clara in Kenntni zu setzen, was ich zu thun gesonnen bin, was
ich nicht unterlassen kann und darf. Da mein Gemth sich seit lange dem
Reiche der Geheimnisse zugewendet hat, wissen Sie schon, da mein Herz
nur Ruhe finden kann, wenn diese Sehnsucht gestillt wird, werden Sie
begreifen. Aber wie kann, wie soll es geschehn? Ich habe manche Grade
erhalten, ich bin Zeuge von vielen Wundern gewesen, seltne Kenntnisse
sind mir geworden, groe, heilige Schauungen haben meine Seele erst
erschttert, und sind mir dann einheimisch geblieben. Da ich niemals zu
jenen Verchtern unserer Religion gehrt habe, die in unsern Tagen den
Ton angeben, wissen Sie ebenfalls. Ich habe geforscht, die heiligen
Schriften sind mir vertraut und ehrwrdig, aber was die Kirche und ihre
Priester mir gaben, konnte meinem brnstigen Geiste nicht gengen. Auch
hier hat mir der begeisterte Sangerheim neue Wege gewiesen. Die
Tradition, die Wunder der ltern katholischen Kirche, ihre heilige
Messe, die himmlischen Legenden, die Gegenwart, die unmittelbare,
Christi in der Hostie, die Liebe der Mutter Gottes, die Bilder und die
Musik, -- warum sollen wir unser reiches Herz allen diesen Gaben
verschlieen? Warum nicht nehmen, was uns so liebreich geboten wird? Um
ganz der Einweihung in die Mysterien wrdig zu werden, um die Grade
empfangen zu knnen, und die Strahlen des Lichtes, nach denen ich mich
sehne, ist es nothwendig, wie mir mein Lehrer sagt, da ich meinen
jetzigen Standpunkt in der Kirche aufgebe, die Ueberzeugung, die mir ja
niemals eine war, weil sie mein brennendes Herz so leer lie, da ich
zur ltern, eigentlichen christlichen Kirche zurckkehre, die mtterlich
jedem Verirrten die Arme entgegenbreitet. Ist dieser nothwendige Schritt
geschehn, so sind mir alle Geheimnisse des Ordens zugnglich und offen,
die Vereinigung mit jenen ehrwrdigen Mnnern, den unbekannten Obern,
ist mir dann mglich, mit jenen erhabnen Geistern, denen die Verwahrung
aller Geheimnisse anvertraut ist. Diese nahe Weihe, diese Nothwendigkeit
der Vernderung hat der Meister mir nur allein, als seinem Lieblinge,
entdeckt, die andern Schler sind dieser Erklrung noch nicht fhig und
wrdig. -- Von Ihnen, verehrter Mann, bin ich nun keiner Einreden und
keiner Mibilligung gewrtig, da ich wei, wie billig Sie sind, wie
aufgeklrt Sie denken. Es kann bei Ihnen unmglich in Anschlag kommen,
da ich meine jetzige Stelle und jeden knftigen Staatsdienst aufgeben
mu, denn den hheren Pflichten mssen die niedrigern weichen. Es ist ja
nichts Weltliches, Ehre oder Reichthum, was ich durch diese Rckkehr in
die Mutterkirche erstrebe: sondern das Unsterbliche, die Erleuchtung,
das Verstndni selbst. Wie aber wird Clara es aufnehmen, wenn sie
meinen Entschlu erfhrt? Sie klebt, frchte ich, allzusehr am
Irdischen, um sich in die freiere Region des Geistes erheben zu knnen.
Ich hatte immer gehofft, ihr Sinn wrde sich in der Liebe poetischer
bilden, da sie es wenigstens fhlte, wenn auch nicht einshe, wie arm
jenes Leben ist, dem sie sich ergeben hat. Suchen Sie sie zu stimmen,
verehrter Vater, da sie mich nicht miversteht, Sie, der Sie ja auch
der Wissenschaft manches Opfer brachten. Und was ist es denn auch mit
dem Weltlichen und Irdischen? Besitze ich nicht eignes Vermgen? Auch
Clara ist nicht arm, und braucht sich also niemals von mir ganz abhngig
zu empfinden. Und soll einmal dergleichen in Anspruch kommen, so darf
ich wohl die Aussicht, da mir in Zukunft, vielleicht bald, Alles zu
Gebote steht, was ich nur wnsche, keine Fata Morgana nennen. Welche
Kraft und Gewalt mir anvertraut mag werden, um da zu herrschen, wo
unsere Ahndung sonst nur hinstrebt, mag ich nicht weiter andeuten und
aussprechen. Ist sie aber mit mir einverstanden, so bin ich der
Glcklichste der Menschen. --

Nein, wahrlich nicht! rief Clara im hchsten Unwillen aus, nun und
nimmermehr! Welchen Gimpel haben sie schon jetzt aus dem allerliebsten
Menschen gemacht, und was mu nicht erst aus ihm werden, wenn sie ihm
noch mehr Grade und Geheimnisse aufhalsen! O wahrlich, er wird ihnen in
den Strngen geduldiger als ein Maulthier ziehn, und allen frommen
Glubigen zum Exempel und Vorbild dienen. Mich mit ihm verbinden?
Vielleicht haben sie noch einen andern geheimen Grad irgendwo im Winkel
liegen, und um den zu ergattern, mu er wohl auch noch sein Vermgen
dran geben, und dann, um die letzte und beste Niete zu ziehn, Capuziner
werden. Nein, ehe er seinen Verstand nicht aus dem Monde wieder herunter
geholt hat, mag ich Nichts von ihm wissen. Wie er der jngern Kirche
entsagt hat, um die ltere lieben zu knnen, so giebt es auch vielleicht
hinter dem Vorhang eine ltere mtterliche Braut, die zu ehlichen seine
unsterbliche Pflicht ist, denn ich merke, diese Wunderthter knnen
Alles mglich machen. Ich hrte sonst wohl, die katholische Kirche habe
die Freimaurerei in schweren Bann gethan, ich sehe aber wohl, es gibt
Ausnahmen fr Alles. Sonst wurden viele junge Menschen Maurer, um auf
Reisen eine gute Aufnahme und gastfreie Brder zu finden, eine
unschuldige Ursache, sich einweihen zu lassen. Jetzt aber, -- wie
Kunstreiter auf ihre Geschicklichkeit, Taschenspieler auf ihre schnellen
Hnde, so reiset dieser Sangerheim auf die Kunst herum, allenthalben die
bestehenden Logen zu strzen. Wenn er denn Geister zitiren kann, so mag
er dem armen Schmaling den seinigen wiederschaffen. Vielleicht ist der
aber schon in der Loge verbaut, oder als Winkelma eingerichtet. Also
nach Rom hin sieht denn dieser Orient? Schmaling wird gewi einmal diese
Herren segnen, die ihn jetzt so reich und gro machen, wenn er erst sein
ganzes Elend kennt, und ihm sein verarmtes Herz zerbricht.

Sie berlie sich der Trostlosigkeit und weinte heftig. Der Vater wute
ihr Nichts zu sagen, er beschwor sie, nur nicht in der ersten Entrstung
den Brief zu beantworten. Er selbst schrieb an Schmaling, um ihn mit
allen Grnden, die er auffhren konnte, von dem Schritte abzuhalten, den
er zu thun im Begriff war.

                   *       *       *       *       *

Endlich bestimmte sich auch der Graf Feliciano, seine groe Reise
fortzusetzen. So sehr der Rath seinem Sohn Anton Alles vorhielt, was
Vernunft und Gefhl ihm nur eingeben konnte, so lie sich Anton dennoch
durch Nichts abhalten, mit seiner jungen Frau, deren Kind bald nach der
Geburt gestorben war, dem Grafen zu folgen. Auch der Professor gab
seinen Knaben, wenigstens fr einige Zeit, dem berhmten Feliciano mit
auf die Reise, weil der Magier gefunden hatte, da dieses Kind
vorzglich begabt sei, die Visionen zu sehn. Die Mutter hatte sich
indessen von der Loge wieder zurckgezogen, denn es war ihr zu
empfindlich gewesen, da das Bauermdchen eines greren Ansehns, als
sie selber, geno; man hatte sogar in Vorschlag gebracht, da die
Unerzogene nach der Abreise des Grafen und seiner Gemahlin Vorsteherin
derselben werden sollte; da sie aber die Wunderthter begleitete, um
noch hhere Grade zu empfangen, und der hchsten Geheimnisse theilhaftig
zu werden, so war der Rthin die Wrde angetragen worden, die sie nach
diesen Vorfllen mit Verachtung ausgeschlagen hatte.

Wenn also der Rath um seinen Sohn und dessen Schicksal bekmmert seyn
mute, so hatte er wenigstens die Beruhigung, da seine Gattin mit ihm
und der Tochter wieder einverstanden war. Die Frau, die nicht ohne
Charakter und Verstand war, bereute jetzt ihre kurze Verblendung um so
mehr, als sie jetzt, khler geworden, einzusehn glaubte, wohin das
Gaukelspiel ziele. Durch die Loge hatten sich mehrere Liebschaften und
Verbindungen, und zwar nicht von den anstndigsten, angeknpft; auch
Scheidungen fielen vor, und man hielt es bald fr verdchtig, dieser
Gesellschaft anzugehren, so da die Frauen selbst nach kurzer Zeit
dieses Logenspiel wieder aufgaben, und um so leichter, da man nur
Wenigen Geheimnisse mitgetheilt hatte. Diese Wenigen waren nachher von
Allen vermieden, die ein strengeres Leben fhren wollten.

In jener groen Stadt hatte sich Sangerheim indessen eingerichtet und
einen viel grern Anhang, als in der Residenz gefunden. Die dortigen
Freimaurer waren durch ihn gewissermaen aufgelst worden, viele
derselben in seine Loge getreten, und man sprach fast nur von dieser
neugebildeten Brderschaft, die sich groer Geheimnisse rhme. Es fehlte
nicht an seltsamen Berichten. Man wollte Geister gesehn, die grten
Dinge prophezeit haben, man war auf dem Wege, den Stein der Weisen zu
entdecken, oder der Meister war vielmehr im Besitz desselben, und die
liebsten Jnger durften hoffen, desselben bald auch theilhaftig zu
werden.

Auf seinem Zuge berhrte der Graf Feliciano auch diese Stadt, und
beschlo, mindestens einige Tage hier zu verweilen. In dieser Zeit
gewann er den enthusiastischen Schmaling sehr lieb, und hatte ihn fast
immer um sich, mit ihm ber seine Bestimmung, das Geheimni und das
Licht zu sprechen. Dieser junge Mann und Anton, die sich frher in allen
Dingen widersprochen hatten, waren jetzt in allen Ueberzeugungen
miteinander einverstanden. Der Arzt Huber, welcher auch schon, um
Sangerheims Umgang zu genieen, nach dieser Stadt gekommen war, vereinte
sich mit ihnen. Sie erfreuten sich jetzt an Antons Weisheit, der fast
der Heftigste von ihnen war, und lernten dankbar und demthig von dem,
der ihnen vor weniger Zeit noch als ein unbedeutender Freigeist
erschienen war.

Eine Versammlung der vertrautesten Brder war zu einer Abendmahlzeit bei
Sangerheim vereinigt. Huber und Schmaling fanden sich ein, und der Graf
beehrte mit Anton durch seine Gegenwart die Gesellschaft, die zahlreich
war, weil noch Manche in der Stadt, die Sangerheims Vertrauen genossen
und die begierig waren, den fremden Wunderthter kennen zu lernen, sich
mit Bitten hinzugedrngt hatten.

Der Graf wute seine Person geltend zu machen und wurde von allen
Anwesenden wie ein berirdisches Wesen verehrt. Er war im Anfange
zurckhaltend und karg mit seinen Worten, nach und nach aber ward er
gesprchig, heiter und mittheilend. Er suchte, so schien es, die
Gesinnung und das Wesen Sangerheims ausforschen zu wollen, ohne ihm
selbst nher zu treten.

Sangerheim, der sich vor seinen Schlern und Anhngern keine
Verlegenheit wollte zu Schulden kommen lassen, errterte viele Punkte,
die er sonst lieber vermieden htte, zu denen ihn aber der forschende
Graf in knstlichen Wendungen hindrngte. Dadurch gewann der Klgere so
sehr die Oberhand, da Sangerheim dem Grafen gegenber selbst als
Schler und Lehrling erschien. Am meisten fiel dies dem wibegierigen
Schmaling auf, der bis dahin seinen Meister fr den ersten Menschen der
Welt gehalten hatte. Wie sonderbar, sagte er zu sich selbst, da mein
Meister, die groe, edle Gestalt mit dem Feuerauge und der hohen Stirn,
mit diesem krftigen und vollen Ton, diesem untersetzten Manne, mit den
hohen Schultern, dem matten Auge und der schwachen krhenden Stimme
gegenber klein erscheinen kann. Erkennt er denn vielleicht in ihm ein
hheres Wesen? Ist dieser Fremde wohl einer der unbekannten Obern, von
denen ich immer so viel sprechen hre?

Auch Huber und manche der Gegenwrtigen mochten etwas Aehnliches denken.
Da bei dem leckern Mahle die feinen Weine nicht gespart waren, so
belebte sich das Gesprch immer mehr. Jeder der Anwesenden wollte sich
vor dem groen Fremden mit seinen Gedanken und Kenntnissen zeigen, oder
Etwas von ihm lernen, und wenn auf viele Fragen die Antworten des Grafen
auch nicht klar und glnzend ausfielen, so gab die Dunkelheit oder das
Zweideutige derselben doch immer Vieles zu denken.

Schmaling lenkte endlich das Gesprch auf die Religion, und Sangerheim
sah sich genthigt, den Wink, den er Manchen im Geheim gegeben hatte,
jetzt als eine Lehre laut auszusprechen, da nur Derjenige, der zur
katholischen Kirche gehre oder bertrte, der hchsten Grade und der
wichtigsten Geheimnisse theilhaftig werden knne.

Feliciano sah ihn lange mit einem groen fragenden Blicke an und sagte
nach einer Pause, die alle Anwesenden in der grten Spannung erhielt:
Ist das Euer Ernst, groer Meister?

Wie anders? fuhr Sangerheim fort, da die brigen Partheien, die sich
ebenfalls Christen nennen, immerdar ein geistiges Geheimni verletzen
und sich der Wundergabe, der Inspiration, der Anschauung der Mysterien
entziehn? Sie knnen Vieles sehn und erforschen, aber der Anblick des
Allerheiligsten ist ihnen nicht vergnnt; sie knnen nur von den sieben
hheren Graden fnfe erringen. Ihre Sekte an sich selbst schliet sie
nicht aus, wohl aber ihre Glaubensunfhigkeit: berwinden sie aber diese
in der Rhrung ihres Herzens, so treibt sie der eigne Geist von selbst,
sich der lteren Kirche wieder anzuschlieen.

Der lteren? nahm Feliciano mit groem Ernste das Wort auf; welche ist
diese? Kennt Ihr sie? War vor dieser ltern nicht wohl eine noch ltere
und chtere? Wozu Eure vielen Grade, wenn Euch dieses wichtigste
Mysterium mangelt?

Hindert Euch Nichts, groer Mann, fiel Schmaling ein, dieses etwas
deutlicher auszusagen?

Wir sind nur von Brdern umringt, antwortete der Graf, die frher oder
spter von selbst das finden werden, was ich ihnen andeuten kann, und
darum brauche ich in dieser edlen Gesellschaft, die keine weltliche ist,
meine Worte nicht ngstlich abzumessen. -- Was die Christenheit spaltet,
ist neu und zeitlich, Priesterwort und willkhrliche Satzung ist schwer
vom chten Fundament desselben zu unterscheiden, und so kommt es, da in
den protestantischen Kirchen vieles chter und wahrer ist, als was die
Katholiken in ihrer Lehre vortragen, die Alles, was Luther predigte, nur
Neuerung nennen. Aus beiden Kirchen ist zu lernen, aber nur dem ist es
mglich, dem der Sinn frei geblieben ist. Gab es denn nicht, lngst vor
Entstehung des Christenthums, die chte, vllig ausgebildete Maurerei?
Diese war denn doch wohl noch lter, als die alte Kirche. Und was bedarf
sie denn also dieser, um der Wunder, des Wissens, der Geheimnisse
theilhaftig zu werden? Sie gengt sich selbst, und sie wre nicht das
Hchste und Beste, was der Mensch erringen kann, wenn sie in irgend
einer Religion eine Sttze oder Besttigung finden knnte.

Sangerheim schien erstaunt, aber Feliciano fuhr fort: gedenkt nur an den
groen, weisen Salomo und seinen Tempelbau, an Hiram, und an alle
Legenden und Symbole, die auf unsern groen und alten Meister, den
weisesten des Orientes, hindeuten. Ihr wit es Alle, wie den Lehrlingen
mit diesen Symbolen und ihren Deutungen der Kopf verwirrt, wie sie
zerstreut werden, damit sie nur die Wahrheit nicht finden sollen, die
ein Eigenthum der hhern Geister bleibt. Salomo empfing, als ein
Wrdiger, das Geheimni der Maurer von groen unsterblichen Obern, er
baute den Tempel und stiftete die Loge des Geheimnisses, indessen der
gemeine Mann im Prachtgebude auf herkmmliche Weise den Gott anbetete,
den er nur fr einen Gott seiner Nation ansehn konnte, der mchtiger
sei, als die Gtter der andern Vlker. Wo steht in unsern Bchern und
Sagen, in Allem, was uns von Salomo berliefert ist, da er von Gott
abfiel, da er ein Gtzendiener wurde? Er htte, wenn dies gegrndet
war, nicht mehr Meister des heiligsten Stuhles, nicht mehr Oberer und
Bewahrer des Geheimnisses bleiben knnen. Diese falsche Legende lieen
die Priester nur in die Schrift hinein schreiben, weil er sich ihnen
entzog, und ihrer Zunft nicht die Gabe zu weissagen, Wunder zu thun,
Todte zu erwecken, Geister zu rufen und zu bannen, Gold zu machen,
mittheilen wollte. Diese Krfte, diese Herrschaft ber die Geister,
diese Geheimnisse der Loge, die nur Wenigen mitgetheilt wurden, welche
die hchsten Weihen schon empfangen hatten, diese sind die hohen
Gewalten, die von der Unwissenheit der Priester Gtzen genannt wurden.
Freilich waren es ihnen auslndische, fremde Gtter, weil ihnen die
Kenntni derselben entzogen wurde.

Diese herrliche, glnzende Zeit der Maurerei verfiel nach dem Abscheiden
des groen Knigs und Meisters. Die Obern zogen sich zurck, die meisten
nach Indien. Spterhin finden wir Elias und Elisa als Eingeweihte
wieder, die von der tauben Menge und von den verstockten Knigen nicht
verstanden wurden. Ganz verbarg sich nachher die hehre Kunst, und
wandelte aus dem Tempel und Jerusalem in die Wste. Da treffen wir sie
unter den Essern oder Essenern wieder an. Das heit, die Gelehrten, die
Geschichtforscher der Welt wissen nun wieder Etwas von ihr, denn fr den
wahren Maurer giebt es in der Geschichte seiner Kunst keine Lcke. Ich
fhre nun auf das, was Allen bekannter ist. Diese Mnner hatten schon
seit lange im Stillen gearbeitet: seit vielen Jahrhunderten war es ein
Grundgesetz der Maurerei, welches Salomo und Andre beobachtet oder noch
fester gegrndet hatten, da die chte Erkenntni ein Geheimni seyn und
bleiben msse, da die blde, rohe Welt, die unwissende Menge das
Heilige, wenn es sich ihr mittheilen wolle, nur miverstehn und
entweihen knne. Hier stehn wir nun an der groen und merkwrdigen
Geschichts-Epoche. Die heilige Gesellschaft der Esser zertrennte sich
um jene Zeit in zwei sich widersprechende Gesellschaften. Ein Theil
beharrte auf dem Grundsatz, Alles msse geheim bleiben, weil nur so die
Verbindung aus der Ferne wohlthtig auf die Menschen und ihr vielfaches
Unglck wirken knne. Aber viele erleuchtete Mnner waren vom Gegentheil
berzeugt. Zwei groe Geweihte wurden ausgesendet, der zweite noch
mchtiger und grer, als der erste, Johannes der Tufer, und der
gttliche Stifter der christlichen Religion, der erhabene
Menschenfreund, der aus Erbarmen gegen seine unglcklichen, im Elend
schmachtenden Brder ihnen das Wort des Lebens mittheilen wollte. Lange
kmpften die beiden Partheien der Erleuchteten gegen einander. Das
Mysterium war auf eine Zeit lang offenbar worden, aber, neben der
Wohlthat brachte es im Miverstndni unermeliches Elend ber die
Lnder und Vlker. Der groe Eingeweihte selbst und seine Freunde sahen
es ein, und er starb den Vershnungstod. Nach und nach ward das
Mysterium dem Volke wieder entzogen, das sptere Christenthum und die
Hierarchie bildeten sich aus, und verdeckten mit Satzungen, Gebruchen,
Ceremonien, Putz und Kunst das geistige Geheimni, das wir nur hie und
da im Lauf der Zeiten aufleuchten, und wie einen Blitz vorber fahren
sehn. Dem Kundigen genug, um das Licht zu erkennen; dem Unwissenden nur
eine Blendung oder Veranlassung, sich wieder einer leidenschaftlichen
Sektirerei zu ergeben. -- Wozu also, groer Meister Sangerheim, wenn Ihr
diese Wahrheiten erkennt, ist Euch zur Weihe die katholische Kirche noch
nthig, da diese selbst nur eine abgeleitete aus unserm ltern, chten
Orden ist? da sie Nichts darstellt, als das Miverstndni eines
Geheimnisses, das ihr freilich Anfangs lauter bergeben ward? Und darum
sagte ich, da in gewissen Punkten der Protestant eine ltere Kirche
besitze, und Ihr werdet nun, mein Freund, wahrscheinlich verstehn, wie
dieser kurze Ausspruch gemeint war.

Der Graf mute es bemerken, welchen sonderbaren Eindruck dieser Vortrag
auf die meisten seiner Zuhrer machte. Bei Einigen war das Erstaunen mit
Unwillen gemischt, Einige gaben Beifall, den man einen schadenfrohen
htte nennen mgen, denn sie sahen mit bedeutsamem Lcheln nach
Sangerheim hinber, der, so sehr er sich zwang, seine Verlegenheit jetzt
nicht mehr verbergen konnte, und sich, Hlfe suchend, an Diejenigen
wendete, die mit der Rede des Grafen unzufrieden schienen. Er sagte
endlich, nach einigen Errterungen: So sehr wir verbunden seyn mgen, so
sind wir also doch wieder getrennt; es mag seyn, da sich die Wahrheit
unterschiedliche Bahnen sucht. Nach Ihrer Ueberzeugung ist die Maurerei
das Einzige und Hchste; ich sttze mich noch auf die Heiligkeit der
Kirche und offenbarten Religion.

So gebt die Maurerei auf, rief der Graf, der erhitzt schien: wozu soll
sie Euch helfen, wenn Euer Herz und Glaube sich in der Religion
befriedigt und sttigt? Und woher kommt denn diese Religion? Ist sie
denn nicht, wie ich schon sagte, ein ungeschickter Versuch, einige der
verschwiegenen Mysterien zu offenkundigen Wahrheiten zu machen? Und
damit diese wenigen Wahrheiten sich erhalten knnen, meistentheils nur
scheinbar, weil sie doch unverstanden sind, mu das Gerst des
Kirchendienstes dazu erbaut, mu der groe Teppich gewirkt werden, der
bedeckend herumgehangen wird, und diese wenigen Wahrheiten wieder in
Geheimnisse verwandelt, die keiner sieht und findet, indessen sich das
Volk an den bunten Bildwerken ergtzt, und die Priester sich zanken, und
die Verstndigsten unter den Layen von der ganzen Sache eigentlich gar
keine Notiz nehmen. Seht, Meister, so steht es wahrhaft, wenn ich denn
doch einmal reden soll, ohne, wie man sprichtwrtlich sagt, ein Blatt
vor den Mund zu nehmen.

Groer Meister, erwiederte Sangerheim, Euer Geist ist gewaltig und gro,
Ihr fahrt wie ein Sturmwind daher, und predigt wie die Begeisterung. Was
Ihr weissagt, habe ich wohl verstanden, aber die Obern, die ich verehren
mu, wrden auch Euch, so stark Ihr seid, so viele Zeitalter Ihr gesehn
haben mgt, Hochachtung abzwingen, und wohl eine andre Ueberzeugung Euch
geben.

Mir? sagte der fremde Meister: wit Ihr denn, ob ich sie nicht lngst
kenne? Es ist aber noch die Frage, ob sie mich auch kennen, auch wenn
ich vor ihnen stnde.

Wie meint Ihr das, Gromeister? fragte Sangerheim.

Ihr fragt, und fragt immer wieder, antwortete der Magus erhitzt und mit
funkelnden Augen, und wollt doch auch Gromeister seyn. Obere nennt Ihr
sie? Gut. Aber es kann doch auch wohl einen Obersten dieser Obern geben,
die diesem dienen und gehorchen mssen, denen er nur so viel Weisheit
zukommen lt, als ihm dienlich scheint, die deshalb verschiedene
Systeme ausbreiten, die er alle von seiner Hhe lenkt. So sind diese
katholisch, jene protestantisch; einige nennen sich Rosenkreuzer, andre
Tempelritter; der will Vernunft und Freiheit des Volks, jener Mystik und
die Wrde des Knigs begrnden und verbreiten; diese Ritter des Grabes,
des Todes und Lebens, Illuminaten, und wie sie vielfltig sich betiteln,
-- knnen sie nicht vielleicht alle von einem unbekannten obersten Obern
abhngen? Und ist Euch diese alte Sage, da Ihr doch so Vieles wit und
erfahren, in Euerm Orden noch nicht vorgekommen?

Wer seid Ihr? rief Sangerheim wie entsetzt aus.

_Ich bin, der ich bin!_ antwortete der Fremde. Erkennt Ihr mich daran
noch nicht? -- Ob ich auch Feliciano, oder einen ltern Namen nenne,
gilt dem Nichtwissenden gleichviel. Seid Ihr aber ein Wissender, so will
ich in einer Chiffer, einem kleinen Symbol aussprechen, wer ich bin.
Reicht mir das Blatt und den Stift.

Er zeichnete und gab dann mit Lcheln das Papier dem Meister hinber,
indem er scharf sagte: Wenn Ihr der seid, fr den Ihr Euch ausgebt, so
mt Ihr mich nun erkennen. Doch zeigt es Niemand.

Sangerheim nahm das Blatt, sah und erblate. Er wickelte die Zeichnung
zusammen und lie sie schnell am Licht verbrennen. Ich sehe nun, da Ihr
jener wahre Oberste seid, dessen Zeichenschrift man nur denen der
hchsten Weihe vorzeigt. Ich beuge meine Knie und meinen Geist vor Euch.

Die letzte, entscheidende Erklrung hatte alle Gegenwrtigen in
Verehrung und Demuth zum Grafen hinber gezogen. Feliciano stand auf,
machte ein Zeichen, das alle verstanden, und sagte: Kraft meines Amtes
schliee ich hiemit diese Loge. Alle erhoben sich. Der Graf fate
hierauf die Hand Sangerheims und sagte: Junger Mann, Du wandelst einen
gefahrvollen Weg, aber Du bist so weit vorgeschritten, da ich nur
warnen, Dich nicht mehr lenken kann und darf. Du kennst die Geister, Du
bezwingst sie und sie gehorchen Dir, -- aber, sie kennen Dich besser,
als Du sie kennst. Dir sind sie geheimnivolle, wunderbare,
unbegreifliche Wesen, und Du bist ihnen so verstndlich und klar, da
sie Alles wissen, was in Deinem Gemthe ist. Das Verhltni des chten
Magiers mu aber das ganz umgekehrte seyn, Du mut Deinen Geistern ein
ganz wundervoll, geheimnireiches Wesen bleiben, mit Furcht und
Schaudern mssen sie Dir dienen. Kannst Du sie nicht noch zu Sklaven
machen, da sie vor Dir erbeben, wird ihnen Deine Natur immer klarer
nher gebracht, whnst Du gar, Freundschaft mit ihnen stiften zu knnen,
dann -- wehe Dir! Furchtbar werden sie Dich einst, vielleicht bald,
wegen ihrer aufgezwungenen Dienste zur Rechenschaft ziehn. --

Er ging mit feierlichem Schritte fort, und Schmaling folgte ihm
zitternd. Die Zurckgebliebenen sahen sich forschend an, und wuten
nicht, was sie aus diesen letzten Worten machen sollten. Nur Sangerheim
schien sie zu verstehn und sank bleich und von Anstrengung erschpft, in
einen Sessel zurck. Meine Freunde, sagte er nach einiger Zeit, ihr seid
Alle Zeugen der wunderbaren Begebenheit, die sich zugetragen hat. Ihr
wit nun Alle, welche Kmpfe, welche Gefahren ich noch zu bestehn haben
werde: welche Angriffe mir aus dem Geisterreiche her drohen. Erliege ich
in meinen groen Bemhungen, so war es doch nicht Unkunde, die mich auf
diesen gefahrvollen Weg trieb, sondern die Liebe zum Heiligsten der
Wissenschaft.

Alle verlieen den Meister, dankend, hoffend, ihn ermunternd, und Jeder
ging tiefdenkend nach seinem Hause.

                   *       *       *       *       *

Schmaling trat mit dem Gromeister, dem unbekannten Obersten, zu welchem
ihn eine ungemessene Ehrfurcht, eine Art von Anbetung hinzog, zugleich
in sein elegantes Schlafgemach, indem er an allen Gliedern zitterte. Ich
wage es, Ihnen zu folgen, Grter aller Sterblichen, -- doch, was sage
ich? vielleicht einem Unsterblichen.

Feliciano sah ihn mit einem hochrothen Gesicht und glnzenden Augen an.
Dem Jngling erschien der Meister in einem wunderbaren Lichte, denn er
sah, da Dieser wankte, und sich lachend niedersetzte. Ei! mein Kind,
fing er darauf an, da bist Du ja auch! Das ist schn, da Du kommst, so
knnen wir noch in stiller Nacht ein wenig mit einander schwatzen.

Er stand wieder auf, und wankte nach einem Schranke hin. Ich habe mich
verleiten lassen, fing er wieder an, heute, meiner Gewohnheit entgegen,
viel zu sprechen, und noch mehr von den starken Weinen zu trinken.
Unpolitisch. Ich will mich nun an diesem Trank, den ich nur meinen
gyptischen Wein zu nennen pflege, wieder nchtern zechen, weil dieser
noch viel strker ist, als dort das beste Getrnk. -- Er leerte einen
groen Becher, den er aus einer sonderbaren Flasche gefllt hatte, die
in allen Farben glnzte und mit vielfachen Hieroglyphen bemalt war. --
Trink, mein Shnchen, sagte er dann, und reichte dem jungen Manne den
Becher, koste wenigstens diesen Wundertrank.

Schmaling setzte bald ab, denn diese Essenz, aus Gewrzen abgezogen, war
ihm zu stark. Feliciano sah ihn freundlich lchelnd an und sagte: Liebes
Brschchen, kein Mensch in der Welt hat mir noch so sehr als Du
gefallen, begleite mich, sei mein Freund und wahrer Schler, und ich
will Dir alle meine Weisheit mittheilen. Das andre Menschenvolk ist so
plump und unliebenswrdig, Keiner ist mir noch aufgestoen, dem ich mich
ganz ergeben mchte. Du allein hast mein Herz gewonnen, und zu Dir
mchte ich wahr und offen seyn knnen, weil mich das Zusammenschnren,
wie ich es der Uebrigen wegen mit mir treiben mu, genirt und langweilt.
-- Aber was wolltest Du noch von mir erfahren oder erfragen?

Die Stimme des Mannes lallte, und es schien, als wenn dieser gyptische
Wein eher das Gegentheil, als die beabsichtigte Wirkung hervor gebracht
htte. Schmaling war verlegen und mochte sich selber nicht gestehn, was
er zu bemerken glaubte; er sagte: Groer Meister, wenn es mir erlaubt
ist, zu fragen, und noch einen Augenblick bei Ihnen zu verweilen, so
mchte ich wohl erfahren, wie Sie es gemeint haben, was meinem Freunde
die Geister, und auf welche Art sie ihm schaden knnten: was Sie sagten,
schien zwar ein gewisses Licht zu geben, war mir aber doch noch
unverstndlich.

Feliciano schlug in seinem Sessel ein lautes Gelchter auf, an dem er
sich nur nach geraumer Zeit ersttigte, dann sagte er: Je, Kind,
liebstes Kind, nimm doch Vernunft an. Was ich dort gesagt haben mag,
wei ich nicht mehr, aber ich meine, es wird mit seinen Geistern und
allen den Geschichten ein klgliches Ende nehmen, weil der Gimpel selbst
an seine Geister glaubt.

Weil er an sie glaubt? fragte Schmaling im hchsten Erstaunen.

Ja, liebes Nrrchen, fuhr der Magus fort, sieh, deswegen mu es ja
nothwendig und natrlich ein ganz miserables Ende mit ihm nehmen. Er
betrgt die Welt und seine Schler, und das ist recht und billig; mit
den unter uns bekannten Kunststcken lt er Geister und Gespenster
erscheinen, aber der erste Dummkopf in der Welt ist, der selbst durch
sich selbst getuscht wird. Ich kam ihm in allen Richtungen entgegen und
erwartete sein Bekenntni, das mir allein am Tisch verstndlich gewesen
wre. Aber seine Obern haben den Menschen auf eine mir unbegreifliche
Art so dumm gemacht, da, wie er auch betrgt und Andre tuscht, er doch
glaubt, es werde sich ihm mit der Zeit das chte wahre Wunder
mittheilen.

Schmaling wute nicht, wie ihm geschah. Er betrachtete die Decke und
wieder den verehrten Meister, sich selbst, den Fuboden und wieder den
trunknen Wahrsager, der jetzt von Wein geschwcht und von seinem
Uebermuth begeistert so Vieles aussagte und verrieth, was er nchtern
geworden am Morgen wahrscheinlich bereute.

La die Narrenpossen, sagte der Graf, und mache es mglich, da wir uns
Beide verstndigen. Du bist zu gut, um unter dem aberwitzigen Jan Hagel
so mitzulaufen, Du verdienst es, die hchsten Grade und alle mit
einander in einem Augenblicke zu erhalten. Ich hre, Du willst da in
Deiner Stadt heirathen. Zieh mit mir, die ganze Welt steht einem so
schnen, so feinen und schmiegsamen Mann, wie Du es bist, offen; alle
Weiber, die schnsten und vornehmsten, werden Dir entgegen laufen. Du
wrst mir dazu ganz anders brauchbar, als der tlpische Anton, Dein
Jugendfreund, der aus einem Freigeist und Uebervernnftigen so mit
beiden Beinen in die Dummheit hinein gesprungen ist.

Er lachte wieder, da er vor Schmerzen inne halten mute. Du weit
vielleicht, fing er wieder an, wie ich schon ein Weilchen in Eurer
komischen Stadt als ein Herr Anderson lebte. Ich hatte so die beste
Gelegenheit, Alles auszuspioniren, und mein pfiffiger Bedienter noch
mehr. Ich kannte schon alle Verhltnisse, auch die Mesalliance des Herrn
Anton mit einem hbschen Bauernmdchen, die er nun in seiner khlen
Verstndigkeit so schlechthin aufzuopfern dachte. Dieser tugendhafte
Anton wollte nun Dich, mein liebes Kind, bessern und korrigiren, da Du
den Aberglauben lieest. Das kam mir ganz erwnscht in den Weg gelaufen,
da ich mich fr den groen, berhmten Feliciano ausgeben sollte, der
ich zufllig selber war. Die Buerin hatte ich kennen lernen und ihre
Verzweiflung gesehn: ich hatte von ihr ein Bildchen machen lassen, das
ziemlich hnlich war. Sollte es doch auch nur fr einen Augenblick
dienen. Der Professor Ferner hat ein allerliebstes Kind, einen beraus
klugen Jungen. Man glaubt nicht, wenn man es nicht so oft, wie ich,
erfahren hat, wie schon der ganze Spitzbube in den Kindern steckt. Das
Lgen, das den meisten angeboren ist, darf nur ein wenig erfrischt und
aufgemuntert werden, so gerth es fast besser, als bei den Erwachsenen,
die immer darin fehlen, da sie es zu klug, zu verwickelt machen wollen.
So ein Kind wird wahrhaft begeistert, wenn es gebraucht werden soll, die
Groen und Vorgesetzten zu betrgen, und es lernt eine solche Lection
besser, als jede in der Schule. Mit diesem Jungen, der noch bei mir ist,
hatte ich schon unvermerkt mein Spiel verabredet. Mein Diener hatte die
Blendlaterne und das Bild bei der Hand, sammt dem nthigen Rauch, die
Domestiken des Hauses waren entfernt worden, und um die Sache noch
schauerlicher zu machen, hatte die gute Bauernnymphe unterdessen, da
sie im Zimmer leiblich erscheinen sollte, einen Schlaftrunk erhalten. So
wurde denn der Spuk und die Comdie glcklich so gespielt, wie Du sie
selber mit angesehn hast.

Immer noch war es dem glaubensfhigen Schmaling, als wenn er in einem
ngstlichen Traume lge. Und heute nun, fing er wieder an, als mein
Lehrer und Meister sich Eurer hheren Wissenschaft so unbedingt beugen
mute?

Kluges Kind, antwortete Jener, siehst Du denn nicht ein, da wer die
Menschen betrgen will, es ja nicht zu fein anfangen mu? So wie es fein
ist, wird ja auch der Scharfsinn Jener geweckt, sie werden aufmerksam,
denken, passen auf, und das Kunstwerk steht auf der Nadelspitze. Grob,
plump mu der Menschenkenner zu Werke gehn. Die sich dann nicht damit
einlassen wollen, wenden sich ganz ab, und auch das ist Gewinn; die
Andern denken: Nein, so einfltig ist doch Keiner, die Sache zu
erfinden, wenn nicht irgend Etwas daran wre. Sagst Du ihnen, Du hast
Carl den Zwlften gekannt, so lachen sie Dir ins Gesicht, behauptest Du
aber dreist, Du habest mit Johann Hu Brderschaft getrunken, so glauben
sie Dir. -- Also mein Herz, la Dich berreden, mit mir, als Deinem
bekannten Obersten, durch die Welt zu ziehn, und ihre Schtze und Gunst
mit mir zu theilen. -- Oberster! Ha ha! Weil ich so viele Logen aller
Art durchkrochen bin, so wurde mir denn auch von einigen Rosenkreuzern
eine Signatur gezeigt, die den Messias bezeichnen sollte, der einmal
erscheinen wrde, um ein himmlisches Reich auf Erden zu stiften. -- Du
siehst, mit welcher angenehmen Dreistigkeit ich Deinen groen Meister
mit dem Bagatell verblfft habe. -- Nein, als ein ehrlicher, schlichter
Mann knnte ich verhungern, als ein berhmter Charlatan bin ich reich
und beherrsche Mnner und Weiber und kann wie ein Sultan gebieten und
walten. Lockt Dich denn diese Aussicht nicht, liebstes Kind? Du bist so
viel schner, als ich, Du kannst ja Deine Jugend nicht besser genieen.
Mir hat so ein Wesen noch immer zu meinen Erscheinungen gefehlt, wer
wei, welchen Engel wir droben im Norden aus Dir machen. Wer wei,
welche Monarchin Dir ins Netz luft, -- wer wei -- kurz, komm mit!

Der gyptische Wein hatte so stark gewirkt, da der Gromeister jetzt
einschlief. Am Morgen, als er erwachte und sich besann, konnte er sich
nur dunkel erinnern, was er gethan und gesprochen hatte. Aber das
drckte ihn schwer, da er sich gegen Schmaling auf irgend eine Weise zu
sehr herausgelassen habe. Er sendete sogleich nach diesem, um entweder
mit Klugheit ihm Alles wieder auszureden, oder, wenn dies unmglich sei,
ihn im halben Vertrauen stehen zu lassen und durch Drohungen zum
Schweigen zu zwingen. -- Aber Schmaling war verschwunden und nirgends zu
finden, auch Sangerheim konnte keine Nachricht von ihm geben, der mit
Schmerz und Aengstlichkeit die unbegreifliche Entfernung des Jnglings
beklagte.

Als nicht zu helfen war, schickte Feliciano einen drohenden Befehl an
Sangerheim, den jungen Schmaling niemals wieder als Bruder in seine Loge
zuzulassen, dieses Verbot auch andern Logen mitzutheilen, die mit ihm in
Verbindung stnden, das Gleiche wrde er allen Brdergemeinden zusenden,
die von ihm abhngig wren, weil er entdeckt habe, da dieser Schmaling
ein Bsewicht, Verleumder und ganz unwrdiger Bruder sei, der nur damit
umgehe, alle Geheimnisse des Ordens auf eine schndliche Weise zu
verrathen, und die Meister selbst durch die abscheulichsten Lgen
ffentlich zu beschimpfen.

Sangerheim zitterte, und Feliciano eilte, mit seinem Zuge seine Reise
nach dem fernen Norden fortzusetzen. --

Schmaling war mit den schnellsten Postpferden zur Residenz
zurckgekehrt. Er wute nicht, wie er sich benehmen sollte, er hatte
nicht den Muth, in das Haus seines Schwiegervaters zu gehen, er konnte
es sich nicht als mglich denken, nur den Bedienten gegenber zu treten,
um sich melden zu lassen.

In dieser unbehaglichen Lage sagte er zu sich selber: Ist es denn etwas
Anderes, wenn ein Freund, der im hitzigen, oder Faulfieber liegt, von
allen Aerzten schon aufgegeben, von allen Freunden schon als todt
beklagt, wieder geneset? Sonderbar, da wir immer so groen Unterschied
zwischen den Krankheiten unsrer Seele und unsers Krpers machen wollen.
Eins ist selten ohne das andre. Dem Elenden, der im Fieber phantasirt,
vergiebt man es gern, man trstet ihn sogar freundlich, wenn er Gott und
Menschen, seine Liebsten und Nchsten gelstert hat, man nennt es nur
Abwesenheit, Vergessen seiner selbst: und der Arme, dessen Seele
zerrissen wurde, der, peinlich hinauf getrieben, zwischen den Extremen
schwankte, der sich selbst verlor: ihm vergiebt man nicht, ihm rechnet
man die Aeuerungen seiner Krankheit als Verbrechen an, und er mu es
mit Dankbarkeit erkennen, wenn man es ihm nur nach Jahren vergit, da
er diese und jene auffallende Meinung uerte. Und so bin ich genesen,
ich kehre von einer Brunnenkur zurck, da alle meine Freunde mich schon
aufgegeben hatten. Wollen sie mich nicht, die mir die Liebsten und
Nchsten sind, als einen Wiederhergestellten anerkennen, nun so ist es
an ihnen, krank zu seyn, sie mgen dann irgend ein Bad besuchen, und es
kmmt nachher auf mich an, ob ich sie als Gesunde begren oder als
Unheilbare von mir weisen will.

Mit diesen Gesinnungen und Entschlssen ging er nach dem Hause des
Geheimenrathes Seebach. Die Bedienten, die ihn schon von ehemals
kannten, lieen ihn ungehindert eintreten. Er fragte nach Frulein
Clara; man sagte ihm, da sie ungestrt seyn wolle, weil sie sich unwohl
fhle, sie habe daher erklrt, keine Besuche annehmen zu wollen. Er
sagte dem Kammerdiener, da er der Familie kein Fremder sei, und da er
alle Verantwortung auf sich nehmen wolle.

Er ging ber den wohlbekannten Gang nach dem Gemache seiner
Jugendfreundin. Lange stand er vor der Thr. Er lauschte mit
hochklopfendem Herzen. Ihm war, als wenn er drinnen Gesang und die Tne
einer Laute vernhme. Und so war es auch. Clara, um ihren Gram
einigermaen zu beschwichtigen, hatte alle ihre alten Musikstcke hervor
gesucht, um sich an diesen zu trsten. Sie spielte und sang, und wiegte
so, als sei er ein ungezogenes, schreiendes Kind, ihren immer wachen
Kummer ein. Einige Bltter hatte sie bis jetzt berschlagen. Sie fate
den Muth, sie vor sich hinzulegen, um sie zu singen. Es waren einige
Compositionen, die in bessern Zeiten Schmaling selbst zu ihren
Lieblingsliedern gesetzt hatte, es waren sogar einige Lieder darunter,
die von ihm gedichtet waren, und zu denen er ebenfalls die Melodie
gesungen. Lange hatte sie den Trost der Musik entbehrt und darum ergab
sie sich heute diesem Genusse wie eine Berauschte. Schmaling horchte
entzckt an der Thr; alle Jugenderinnerungen, alle jene sen Stunden
der Unschuld kehrten in sein bewegtes Gemth zurck. Ihm war, als htte
er den ganzen Zwischenraum, zwischen jenen Tagen und dem heutigen, nur
in einem schweren Traum gelegen.

Clara hrte in ihrem lauten Gesange nicht, wie er klopfte. Als er das
Zeichen wiederholt gegeben hatte, ffnete er die Thr und trat in das
Zimmer. Sie sa mit dem Rcken gegen die Wand und hatte seinen Eintritt
nicht vernommen. Sie sang so laut und heftig, als wenn sie an dem Liede
sterben wolle. Er hatte es ihr vor drei Jahren zu ihrem Geburtstage
komponirt, nicht lange nachher, als sie mit einander bekannt geworden.
Er konnte sich nicht zurckhalten, er weinte laut und strzte zu ihren
Fen nieder. --

Die Laute entfiel ihrer Hand. -- Wie? rief sie aus; was sehen meine
Augen? Tuscht mich kein Blendwerk? Die alte Zeit kommt wieder, der
Calender lgt und mein Ferdinand ist wieder da.

Ja! rief der tiefbewegte Jngling: da, um nie wieder von Dir zu
scheiden. Zurckgekehrt, wie der verlorne Sohn, von den Trebern des
Aberwitzes und der Lge, um bei seinem Vater Schutz und Nahrung zu
suchen.

So? sagte Clara, indem sie ihn aufhob; stehe auf, lieber Freund, wenn
ich Dich noch so nennen darf. Also, meinst Du, soll ich nun wie das Kalb
geschlachtet und verspeiset werden?

Ich bin leider das Kalb gewesen, antwortete der Beschmte, aber nun,
meine se Geliebte, nachdem ich genesen, nachdem ich die Dummheit
meiner erhabenen Meister eingesehn habe, werde ich mich niemals wieder
verfhren lassen. Nein, auf immer bin ich zu Dir, zu jenem schlichten,
einfachen Leben zurckgekehrt, das ich vor Kurzem noch mit Verachtung
ansah. Fhle ich doch in allen Fasern meines Herzens und in jedem
Tropfen meines Blutes, da das Einfache, scheinbar Arme, das
Nchstliegende eben das Reiche, Wohlthtige, Himmlische ist! Vergiebst
Du mir meinen Wahnsinn, so bin ich der Glckseligste aller Menschen, und
ich erwarte, da Frsten von mir Almosen begehren sollen.

Nun, nun, sagte Clara, nicht eben so eifrig, mein Freund, in der
Bekehrung und Reue wie erst in der Snde. Also jetzt willst Du kein
Kapuziner, nicht katholisch werden?

Sie lachte so anmuthig, da Schmaling den Muth fate, sie in die Arme zu
nehmen und herzlich zu kssen. Noch niemals hatte sie ihm den Ku mit
diesem Feuer erwiedert. Hierauf zog sie beide Glocken in ihrem Zimmer
mit der grten Heftigkeit, tanzte im Gemach auf und ab, und als mehrere
Diener ngstlich erschienen, rief sie diesen mit lauter Stimme zu: meine
Eltern sollen kommen! Aber gleich! Mit der grten Schnelligkeit! Es
verlohnt sich schon der Mhe, zu eilen.

Man verwunderte sich im ganzen Hause ber das ungewhnliche Gerusch.
Der alte Kammerdiener lief in Angst hin und her, weil er meinte, da
irgendwo Feuer ausgebrochen sei. Endlich traten Mutter und Vater zu
Clara in das Zimmer. Was giebt es denn? fragten Beide; warum lssest Du
uns so gewaltsam rufen?

Sie sagte: wenn es nicht unbillig ist, da bei der Geburt eines Prinzen
alle Glocken gelutet und Kanonen abgeschossen werden, so darf man schon
einigen Spektakel in einer honetten Familie machen, wenn ein junger Mann
seinen gesunden Menschenverstand wieder gefunden hat. Ja, liebste
Eltern, hier steht der bescheidene Jngling, dessen Edelmuth es nicht
wagt, dergleichen Ungeheures von sich auszusagen, weil er seit so vielen
Wochen auf den entgegengesetzten Bahnen irrte.

Der Vater schlo entzckt den jungen Mann in seine Arme, die Mutter war
verlegen und gerhrt. Und Sie entsagen, fragte der Rath, Ihrem Meister
Sangerheim?

Mit vollem Ja, kann ich antworten, rief Schmaling, und eben so dem
Gromeister Feliciano, der vielleicht Judas Maccabus seyn mag, oder
Ischariot, und dem Teufel und seiner Gromutter, und allen ihren Spuk-
und Zauberwerken, die keine Stecknadel werth sind, und fr die wir ihnen
unsre Seele verkaufen mssen.

Ja wohl, sagte der Vater, mssen wir ihnen, den Unterirdischen, den
Reichen des Wahnwitzes, das Theuerste verschreiben, um das Verchtliche
dafr zurck zu erhalten.

Ich bin genesen, rief Schmaling aus, und begreife jetzt nicht, wie ich
den Himmelsblick meiner Geliebten, ihr Herz, alles Glck einer
entzckenden Huslichkeit und des nchsten Besitzes, gegen jene
Kartenknste aufopfern konnte.

Als man sich mehr beruhigt hatte, erzhlte er dem Vater auf dessen
stillem Zimmer Alles, was ihm begegnet war. Man erfuhr auch bald, da
der junge Schmaling, wegen schwerer Vergehungen, von vielen Logen
ausgeschlossen sei. Dies strte nicht das Glck des Hauses, denn seine
Verlobung mit Clara wurde bekannt gemacht, und bald darauf die Hochzeit
gefeiert.

Knnte ich doch, klagte der Vater an diesem frhlichen Abend, meinen
Sohn Anton eben so in meine Arme schlieen, und mich berzeugen, da er
mir zurckgegeben sei.

                   *       *       *       *       *

Die Scene, die sich mit dem greren Magus ereignet hatte, war fr
Sangerheim von Folgen gewesen. Seine Schler hatten es gesehn, da er
verlegen und irre an sich selber wurde; sie hatten Andern diese
Bemerkung mitgetheilt, und Viele wendeten sich von ihm ab. Die ltere
Loge beobachtete ihn genauer, und fate mehr Muth, sich ihm ffentlich
zu widersetzen. Unter Denen aber, die ihm unwandelbar treu blieben, und
auf seine Worte schwuren, stand der Arzt Huber oben an; diese Anhnger
beredeten sich, da die Wirkungen, welche Feliciano hervorbrachte, durch
die Hlfe bser Geister geschhen, und er selbst durchaus verwerflich
und gottlos, seine Lehre verdammlich zu nennen sei.

Jetzt ward es den Vertrauteren, und spterhin den Uebrigen bekannt, da
Sangerheim verheirathet sei, und seine Frau bei ihm wohne. Da sie krank
und leidend war, hatte er ihr Dasein Allen verschwiegen. Die Wenigen,
die sie zuweilen auf einen Augenblick sahen, bemitleideten sie, oder
entsetzten sich vor ihr, wie vor einer Geistererscheinung. Sie war noch
jung, aber todtenbleich, schwach und matt. In dem weien und
abgemagerten Gesicht glnzten die Augen mit einem sonderbaren Feuer. Sie
hatte kaum Strke genug, aus einem Zimmer in das andre zu gehn, und es
geschah wohl, da sie mitten in ihrer Rede abbrach und einschlief. Dann
sprach sie sonderbar, oft unzusammenhngend, oft, als wenn sie
Erscheinungen she. Sie hatte keinen Arzt, sondern der Mann, der sich
die grten Kenntnisse zutraute, behandelte sie selbst auf eine
geheimnivolle Weise: er suchte sie durch Gebet, Hndeauflegen und
Beschwren zu strken. Wegen dieses sonderbaren Zustandes der Leidenden
war es selbst den Vertrautesten nur durch Zufall mglich gewesen, sie
auf Augenblicke zu sehn und zu beobachten.

Nach einer schlimmen Nacht, in welcher sie von Schmerzen sehr geqult
war, sagte sie am Morgen zu ihrem Gatten: Ach, Alexander! das war nicht
die Aussicht, die wir hatten, als Du mich heimlich, fast mit Gewalt aus
dem Hause meiner guten Eltern nahmst. Welche Plne machten wir damals,
was hofften wir Alles von unsrer Liebe. Nun ist Alles dem Tode
verfallen! Ach! und welch gespenstisch Leben, welch sterbendes Dasein
ward mir in Deiner Nhe. Nun, ich fhl' es, es ist zu Ende.

Nein, geliebte Theodora, trstete sie der Mann: nein, meine Geliebteste,
ohne die das Leben mir selbst nur eine Last seyn wrde. Glaube mir,
Alles nhert sich einer glcklichen Entwicklung. Ich sehe, Du wirst mit
jedem Tage besser, in wenigen Monaten ist Deine Gesundheit und die
Blthe Deines Leibes wiedergekehrt. Du bist wieder heiter und froh, Du
hast wieder Muth und Kraft, wie in den ersten Tagen unsrer Liebe.

Liebst Du mich denn noch? fragte die Kranke, mit einem sterbenden Blick.

Theodora, rief Sangerheim, auer sich vor Schmerz; diese Frage und
dieser Blick knnten mich tdten. Es whlt mein Herz um, und zernichtet
meine Krfte, da diese Zweifel Dir immer wiederkehren.

Ich darf nicht sprechen, antwortete sie matt, denn Deine Heftigkeit geht
dann wie ein schneidend Messer durch meinen Leib und meine Seele.

Ich will sanft seyn, milde, Geliebte, antwortete er demthig, sprich
Deinen Kummer aus, nur zweifle an meiner Liebe nicht.

Was nennst Du so? fuhr sie fort; Deine Liebe ist Dir doch nicht heilig,
Du opferst sie auf, sie ist Dir nur Mittel zu andern Zwecken. O, mein
Engel, wenn Du Dich von jener Verbindung losmachen knntest, o zerbrich
sie, mein ses Herz, entzieh Dich jener Gesellschaft, die mir immer
schrecklicher erscheint, die Dich verderben wird.

Nein, meine Liebste, antwortete Sangerheim gerhrt, ich erkenne Deine
Liebe in jedem Deiner Worte, aber diese Mnner, von denen ich Dir einmal
in einer schwachen Stunde erzhlt habe, kennst und wrdigst Du nicht.
Denke nur zurck, wie arm, wie drftig unser Leben war. Als
sterreichischer Offizier, in einer kleinen Garnison, von rohen,
unwissenden Menschen umgeben, mit schmalem, unbedeutendem Gehalt, ohne
Hoffnung, es weiter zu bringen, -- was war da unser Loos? Wie armselig,
drftig und verchtlich war diese Existenz! Und betrachte jetzt den
Ueberflu, die Ehre, den Schwarm der Freunde und Bewunderer.

O Alexander, seufzte sie, fhre mich in jene enge Drftigkeit zurck,
gieb mir unser damaliges Leben wieder, und ich will Dir auf den Knieen
danken. Wir waren gesund, wir hatten uns keine Vorwrfe zu machen, denn
die Eltern waren mir wieder ausgeshnt. War unser Einkommen klein, unsre
Habe unbedeutend, so genossen wir Alles mit kindlichem dankbaren Sinn
und mit einem reinen Gewissen. Als Du in jene Verbindung getreten warst,
nahmst Du Deinen Abschied, mutest ihn nehmen. Seitdem ist Alles so
unklar und unheimlich. Und unser Wohlstand: mir ist, Du stehst auf einer
dnnen, dnnen Eisrinde, und unter Dir liegt der tiefe Abgrund.

Geliebteste, Freundin, Gattin, erwiederte er liebkosend, beruhige doch
endlich Deine Seele ber diesen Punkt. Wie wird sich Alles anders, und
zu Deiner schnsten Zufriedenheit entwickeln. Jenen edlen Mnnern darf
ich vertrauen, denn ich war ja Zeuge, da sie Uebermenschliches vermgen
und wissen. Wie viel haben sie mir schon anvertraut, wie Vieles vermag
ich durch sie. Mit jeder Post kann es ankommen, das Grte, das Beste,
was noch zurck ist, in jedem Reisenden kann der Ersehnte vom Wagen
steigen, der mir Alles enthllt, so da keine Frage und kein Wunsch mehr
brig bleibt. Alle ihre Briefe deuten auch dahin.

Brauche ich Dir zu sagen, antwortete die Kranke, da Alles, was Du bis
jetzt errungen hast, Kunststcke sind, die nur darum den Menschen
unbegreiflich und wundervoll erscheinen, weil die Wissenschaft sie noch
nicht gefunden hat? Jeder Gelehrte kann sie zufllig entdecken, und
diese donnernden Explosionen, die sich durch einen Wurf, ohne Spur
entladen, werden dann vielleicht ein Spielwerk, mit dem sich die Kinder
erschrecken. Und Deine Operationen, diese Blendwerke der Erscheinungen,
diese Bilder, die Du zeigst, Deine knstliche, innerliche Sprache, die,
wie aus der Ferne, wie die eines Fremden klingt, und womit Du so Viele
entsetzest, und sie zu Deinen Zwecken fhrst; da ich selbst auch als
Geist auftreten mu, -- o Alexander, wohin sind wir gekommen? Wie mu
die Welt uns ansehn, wenn Alles einmal bekannt wird.

Liebste Frau, sagte Sangerheim bengstigt, Du httest Recht, wenn wir
nicht mit den Edelsten aller Menschen, mit den Uneigenntzigsten, mit
den Weisesten in Verbindung stnden. Da sie das Beste wollen, da ihre
Plne gut sind und zum Heil aller Menschen hinstreben, davon drfen wir
uns berzeugt halten, so seltsam auch ihre Wege, so krumm sie auch
laufen mgen. Ihnen liegt es ob, dies zu verantworten, wenn sie im
Unrecht seyn sollten. Ich mu erfllen, was ich ihnen gelobt habe. Ich
kenne die Tuschung, die ich mir erlaube, aber ich bin vom guten Zweck
berzeugt. Und jenseit aller Tuschung sind wir ja im Besitz so manches
wahren Wunders. Dein Gebet wirkt krftig, das meinige stimmt Deinen
Geist. Du siehst, Du sprichst mit abgeschiedenen Freunden, sie entdecken
Dir Geheimnisse; Du siehst in weite Ferne und durch verschlossene
Thren. Dir ist, wenn Du fest willst, Nichts verborgen.

Die blasse, leidende Gestalt seufzte schwer. Ach, Liebster! klagte sie
dann mit erlschenden Tnen, da ich auf diese Weise in Deinen
weltlichen Absichten Dir habe helfen mssen, ist vielleicht die grte
Snde, die Dir der Himmel nicht anrechnen, und mir meine Schwche und
Nachgiebigkeit verzeihen mge. Die Liebe zu Dir hat mich weit gefhrt.
Dieser knstliche Schlaf, dieser unnatrliche, den Du mir Anfangs
erregtest, und der sich jetzt immer mehr von selbst einstellt, hat mir
Gesundheit und alle Krfte aufgezehrt. Oft wei ich nicht mehr, ob ich
noch bin, und kann mich auf meinen eignen Namen, oder auf Deine Gestalt
nicht besinnen. Ja wohl ist dies eine Zauberei zu nennen, die den
Menschen aus seinem eignen Innersten entrckt; aber eine verderbliche.
So Vieles habe ich Dir entdecken mssen, hier und in jener Stadt. Mir
ist, ich habe nicht allein die Krfte meines Krpers, sondern auch
Theile meiner Seele dabei zugesetzt. Wenn Du mich so auf eine Frage
gewaltsam hinheftest, wenn ich im Schlafe sehen und finden mu, was Du
verlangst, so dehnt es sich in meiner Brust, in meinem Kopf. Diese
flieenden leichten Gewlke werden immer dnner und feiner, und mein
Selbst, mein Sein weicht wie in eine schwindelnde Ferne hinweg, da ich
in einer entsetzlichen Angst nach ihm zurckblicke. Jenes flieende,
fliehende Wesen, das ich selbst nicht mehr bin, fat und sieht dann in
meinen Krper, in Dich, in alle Wesen mit einem kalten Schauder hinein.
Ich frage, ohne den Sinn zu wissen, und hre von Geistern die Antwort,
und sage sie Dir im Schlaf, und Alles ist nur ein Echo. Oft, wenn ich
dann wieder erwachen soll, greift das blasse, flieende und entflohene
Wesen nach dem eigentlichen Ich mit Entsetzen zurck, und kann es nicht
wieder finden. Nein, mein Ich ist manchmal fort; ich kann mich auf mich
selbst nicht besinnen. Der Geist frchtet, er knne vergehn, sich selbst
vernichten. Nein, Liebster, wenn Du noch einiges Erbarmen mit mir hast,
nicht mehr diese Experimente, versprich es mir.

Sangerheim gab ihr gengstigt stumm die Hand. Er wute wohl, wie viel er
ihren knstlich erregten Visionen zu danken hatte. Durch dieses Mittel
hatte er damals fr den Rath Seebach jenes Dokument gefunden. Er stand
jetzt an einem furchtbaren Scheidewege seines Lebens. Denn ohne da
seine Gattin ihn so schmerzlich zu erinnern brauchte, war er selbst
schon mehr wie einmal an sich und seinem Beginnen irre geworden. Er fing
in manchen Stunden an zu zweifeln, ob denn der Zweck die Mittel heiligen
knne. Eine Lehre, die ihm bis dahin als unerschtterlich erschienen
war. Mit Angst wartete er auf Briefe und Aufschlsse, die man ihm
verheien hatte, damit er den Trug knne fallen lassen, seinen
Eingeweihten ein eigentliches Geheimni sagen und erklren, und im
Besitz wirklicher Wunderkraft, des Steines der Weisen und der Tinktur
glcklich seyn. Er hatte nach seiner Ueberzeugung erfllt, was er
versprochen hatte, ja mehr ausgerichtet, als man erwarten konnte, aber
die letzten Briefe, die er erhalten und die er sehnend erwartet,
sprachen so zweideutig, erfllten so wenig, was er forderte, und
umgingen die Frage so behutsam, da er sich mit allen Krften der
Hoffnung und des Vertrauens nur einigermaen beruhigen und auf die
nchsten Nachrichten vertrsten konnte.

In dieser Verstimmung seines Gemthes fate er die Hand der Kranken, und
machte, ohne da sie es bemerkte, die Striche, die den Schlaf herbei
riefen. Sie entschlummerte mit einer Zuckung Augenblicks, indem sie nur
noch wimmernd: nicht Wort gehalten! im halben Wachen ausstie. --

Er fragte sie jetzt um die Zukunft. Der Busen der Kranken arbeitete
schwer. Ach! Nichts! Nichts sehe ich, sagte sie, wie schluchzend in
sonderbaren Tnen: da liege ich, weit, weit weg; nicht ich, -- die
Hlle. -- Glanz, Licht, -- aber ohne Schein. Es saugt mich hinauf. Meine
Mutter nimmt mich, nicht meine Mutter, ihre Liebe, das ist mehr als sie.
Wie rein ist ihr Herz. Das reinigt auch meinen Geist, mich. Mir wird so
leicht, so wohl. Das, was ist, ist nicht eigentlich. Wir verstehn es
unten nicht. Alles nur Schein, Hlse, der Tod. Das Sein ist anders: kann
unten nicht gefat werden.

Sangerheim richtete durch Fragen ihre Gedanken anders. O weh! rief sie
in einem scharfen Ton: -- da ist Dunkel, Verwirrung, das Elend. O du
Lgner, warum verkehrst du mit der Lge so holdselig? Dein Herz bricht,
dein Kopf zerspringt. -- Nach jenem Dunkeln soll ich forschen, sehn?
Mein Auge reicht nicht hin, mein Zittern verdmmert mir den Blick. Alles
schwarz. Aber nher kommt's. Grauen, Angst, kein Licht. Sie brten
selbst, sie suchen. Keine Liebe in ihnen. -- Ja wohl ist es aus, aus fr
dieses Leben. Brief geschrieben, gesiegelt. Kann nicht -- kann nicht
lesen. Wr' es gut, knnt' ich's; die Liebe knnte lesen, so bleibt's
finster. -- Ach! -- du, -- du -- auch fort, weggetragen, -- willst mich
nicht kennen, nicht hier kennen, wo Friede ist? Sehe dich gehen, hre
deine Stimme, kann dein Gesicht nicht finden; wo die lieben Augen? --
Alles weg!

Ach! so, so ist es gemeint? fing sie nach einer Pause wieder an; ja, ja,
es wird ihm schwer gemacht. Er hie Alexander. Gut war ich ihm, er war
so lieb. Wird wieder, aber spt, spt, -- ach! kann er glauben? Gott, du
bist gndig. -- La ihn nicht zu sehr verfinstern. Jesus, vergieb ihm.
-- Nun ist es weg. Nun ist mir wohl. Nie werde ich mehr in die Tiefe des
Irdischen schauen. Alle Tiefe vergeht; es wird Alles Ein Augenblick,
Eine Gegenwart, Ein Lichtpunkt, und ich unsichtbar, mir selbst
unfhlbar, in der Mitte des himmlischen Punktes. Nichts war, Alles ist
und bleibt. Es zieht, es flieht nicht mehr, festes Bild wird es. -- Nun
reicht der Strahl aus mir nicht mehr zurck, er ist zu kurz, das Leben
ist fern, weit und fern: besser so, -- denn -- nein -- besser so -- ach!
kein Sehnen mehr, kein Schmerz mehr, -- die Freude war schon lange todt.

Sie verstummte: er horchte, er wiederholte die Striche und verstrkte
seine innere Aufmerksamkeit, aber die Entschlafene sprach nicht. Da sein
Bemhen heut, was noch nie gewesen, vergeblich war, so strich er mit den
Hnden in entgegengesetzter Richtung, um sie wieder zu erwecken, aber
eben so fruchtlos, sie erwachte nicht wieder, denn sie war gestorben.

Als er sich nach manchen vergeblichen Bemhungen, sie wieder ins Leben
zu rufen, von der Wirklichkeit ihres Todes berzeugen mute, warf er
sich verzweifelnd zu ihren Fen nieder, und wthete gegen sich selber.
Wie er etwas mehr zur Besinnung gekommen war, rief er aus: ja, du, du
Unglckseligster, hast die Aermste ermordet! Was ist mir alles Leben nun
ohne sie? Ohne sie, fr die ich mir Glanz und Wohlstand wnschte? Wie
schaal und abgenutzt liegt jetzt mein ganzes Dasein vor mir, wie arm,
was ich etwa noch erstreben kann. Und wie liebte sie, die Aermste, mich
Unwrdigen! Als sie damals, wie ihre Krankheit zuerst sich verkndigte,
von der langen Ohnmacht erwachte, war ihr erstes Lebenszeichen, da ihr
redlicher Blick mich gleich suchte. Sie hatte alles Andre vergessen,
aber nicht, da ich um sie bekmmert war. Sie htte mir ja auf unsern
Spaziergngen gern jeden rauhen Stein aus dem Wege gerumt. Und mein
Dank fr alle diese Hingebung? -- Da ich ihre Gesundheit durch diese
magnetischen Knste vernichtete, da ich ihren Geist verwirrte, da ich
muthwillig ihr liebendes Herz zerbrach. Nein es giebt keine grere
Snde, es giebt gar keine andre, als die der Mensch gegen die Liebe
begeht. -- Ach! Du Seste! wo ist jetzt Deine blhende Jugend? Wo sind
die Rosenwangen, und das Grbchen des freundlichen Lchelns, mit dem ich
Dich neckte, wenn wir im kleinen Garten Deiner Eltern zwischen den
Rosenbschen saen? Wo sind nun alle die Trume der Liebe? Wo die Plne,
die wir fr das Leben entwarfen? Diese blasse Hlle, die hagre Gestalt
ist von all der Lust und Freude brig geblieben, um mir zu sagen, wie
armselig und klglich das menschliche Leben sei, um mir zuzurufen, da
ich ein Bsewicht, ein Verworfner bin, der trotzig durch das Leben geht,
und Dich, se Blume, roh zertreten hat.

Er setzte sich wieder zum Leichnam nieder, fate die drre Hand,
bedeckte sie mit Kssen, und weinte bitterlich.

Wort mssen, Wort werden sie mir halten, sagte er nach einer Weile zu
sich selber; mein Elend wre zu unermelich, wenn sich auch diese
Hoffnung in Tod und Leiche verwandelte. Was bliebe mir? Die nackte,
kahle Lge, der verchtliche Betrug. Dem knnte, dem mchte ich nicht
ferner leben. Ist denn sterben so schwer? Sie ist erloschen, wie die
Kerze, wie der letzte still verborgne Funke in der Asche. Wenn ich
verloren bin, so will ich kein Dasein erbetteln, und in Lumpen und dem
Auskehricht des Lebens Kleinodien suchen, die ich wirklich besa und
wegschleuderte, als ich noch wie ein Knig glcklich war. Jenseit will
ich sie dann wieder aufsuchen und das keck verachten, was Verachtung
verdient. -- --

Bei ihrem Begrbni folgten die vertrautesten der Brder. Er schien
seine Fassung wieder errungen zu haben. In fester Stellung, mit edlem
Schmerz stand er am Grabe der Geliebten und sah die theuern Ueberreste
versenken. Freilich war es ihm oft, als wenn alles Leben nur ein Traum
sei, oder ein Schauspiel, in welchem er mit Anstand seine Rolle zu Ende
fhren msse.

Als er nach Hause kam, fand er folgenden Brief, den er hastig erbrach:

Die -- -- sind mit Euch, mein Freund, nichts weniger, als zufrieden,
denn Ihr setzt ihr Geheimni, ihren Ruf und ihre Ehre auf ein zu
leichtsinniges Spiel. Das ist es nicht, was Ihr verheien habt, und was
man von Euch erwartete. Es hat sich erwiesen, da der Rath -- --, dessen
Ihr so sicher zu seyn glaubtet, sich kalt zurckgezogen hat, da Ihr
jene Stadt meiden mutet. Und wie lange werdet Ihr in der jetzigen Euer
Spiel noch forttreiben knnen? Man verwundert sich, man forscht nach,
und, was das schlimmste ist, man lacht. Wie schlecht seid Ihr dem
Charlatan, dem Feliciano, gegenber bestanden! Wer solche plumpe
Angriffe nicht einmal zurck zu schlagen versteht, der ist zum Missionar
verdorben. Auf die Anfragen, auf Eure Forderungen, kann ich nichts
Bestimmtes erwiedern. Es heit, die Loge wird verlegt werden: wenn es
geschieht, so ist noch nicht entschieden, wohin. -- --

Sangerheim knirschte. Mit Todesschwei schrieb er schnell einige
drngende, fordernde, beschwrende und beredte Briefe, um das Aeuerste
und Letzte zu versuchen, denn seine Hoffnung, ein wahrer Magier zu
werden, war nun fast schon verschwunden.

Wenn sie mich so um mein Leben betrogen htten! rief er aus, ben
sollten sie es! -- Doch nein, ich zittre vor mir selber: wei ich ja
doch, da sie jeden Laut in der Ferne vernehmen, und da sie jeden
meiner Gedanken kennen. Drum mu ich, will ich alle meine Gefhle
unterdrcken, und nur das Beste, Edelste von ihnen erwarten.

                   *       *       *       *       *

Im Hause des Geheimenrathes war Alles so ziemlich wieder zur Ordnung
zurckgekehrt. Die Hochzeit der Tochter nherte sich, und Schmaling war
im Bewutsein seines Glckes in solcher Stimmung, da er selbst die
Namen Feliciano oder Sangerheim nur ungern nennen hrte. Er verdammte
den Trieb, sich vom Wunderbaren und Geheimnivollen anlocken zu lassen,
so unbedingt, da selbst Clara ihn tadelte, wenn er auf
Geistergeschichten oder Erzhlungen schalt, die durch ein gewisses
Grauen die Aufmerksamkeit spannen, und die Phantasie in Thtigkeit
setzen. Er wollte kein unschuldiges Spiel hierin mehr erkennen, sondern
meinte, diese Anlage und Stimmung unseres Geistes sei durchaus
verderblicher Natur, und knne nur zum Unheil fhren, es sei daher die
Pflicht eines jeden Verstndigen, diesen Trieb in sich vllig
auszurotten.

Der Vater hatte unterdessen an seinen Sohn Anton geschrieben, um ihn zu
bewegen, zu seiner Familie zurckzukehren. Nur Einiges hatte er ihm von
jenen Gestndnissen gemeldet, die der trunkene Magier gegen Schmaling
halb unbewut gethan hatte; er hatte ihn auf die Gefhrlichkeit dieser
Verbindung, auf seine bedenkliche Stellung zur Welt aufmerksam gemacht,
er hatte ganz den Vater und die vterliche Autoritt, so milde der Brief
war, sprechen lassen, aber vergeblich. Der Sohn antwortete in einem
scharfen, hhnenden Tone: wie sonderbar es sei, da der Vater jetzt
gegen Geheimnisse spreche und groe Charaktere verfolge, da doch er, der
Sohn, von Jugend auf so viel von diesen Geschichten in seiner Familie
habe vernehmen mssen. Es sei ja bekannt genug, wie er selbst frher
gegen alle leere Schwrmerei, Geistersucht und dergleichen gesprochen
habe, er habe sich nie blenden lassen, und wenn er jetzt einer andern
Ueberzeugung folge, so knne man ihm wohl zutrauen, da er geprft und
untersucht habe, und nicht leichtsinnig einem unreifen Gelste folge.
Wenn Verleumder seinen groen Meister lsterten, so geschehe nur, was
sich seit den ltesten Zeiten ereignet habe, da der Pbel die
Wohlthter der Menschen und die leuchtenden Genien verfolge. Was seinen
Schwager Schmaling betreffe, so verachte er einen solchen Elenden zu
tief, um irgend noch Worte ber ihn zu verlieren. Sein Meister habe ihm
diesen Lgner und dessen Verchtlichkeit hinlnglich geschildert. Er
hoffe brigens, in der Lage zu seyn und zu bleiben, da er weder auf
einen Theil des vterlichen Vermgens, noch auf irgend eine
Untersttzung Ansprche zu machen brauche, wnsche aber dagegen, da man
ihn nicht hofmeistere, als ein Kind behandle, das der Zurechtweisung
noch bedrfe. Er werde in Zukunft, wenn er der Familie selbst zu Glanz
und Ehre verhelfe, brigens gern vergessen, da er frher einmal von
seinen allernchsten Verwandten so sei verkannt worden.

Der Vater, der Obrist und Alle erstaunten ber die ungeheure Verblendung
des Sohnes, vorzglich, wenn sie seiner frheren Art gedachten.

Die Zeit war indessen herangekommen, in welcher Sangerheim versprochen
hatte, durch Rckzahlung des letzten Capitals seine geheimnivollen
Papiere auszulsen. Geschah es nicht, so gehrten dem Rathe diese
Mysterien, die von der hchsten Wichtigkeit seyn sollten, und von denen
selbst das Leben Sangerheims, wie er geuert hatte, abhinge. Der
geheime Rath machte sich also mit jenen wichtigen, fest verschlossenen
und vielfach seltsam versiegelten Dokumenten auf den Weg nach jener
Stadt, in welcher der Magier seitdem seinen Sitz aufgeschlagen hatte.
Der Professor Ferner begleitete ihn. Sie reiseten in der Nacht, und
wechselten vielfltige Gesprche, indem sie sich alter Zeiten und vieler
Erfahrungen erinnerten. Der Professor sagte endlich: Sei der Mensch auch
so ruhig und fest, wie er immer wolle, er hat eine Stimmung, einen
Moment der Schwche, wo ihn doch Dasjenige wiederum ergreifen und
beherrschen kann, was er lngst abgeschttelt zu haben glaubt. Und so
ist es mit Zeiten und Vlkern auch. Wer kann unterscheiden oder bestimmt
verneinen, ob es nicht physische Krankheit sey? Ob es oft nicht in der
Luft liege, und wie jede Seuche anstecke? Es scheint zu Zeiten
unmglich, sich gegen den Einflu der Thorheit zu schtzen, so wie wenn
der Krper erst durch Mangel an Dit oder Zuflligkeiten so gestimmt
ist, man der Erkltung durchaus nicht ausweichen kann, verwahre man sich
auch, wie man will. Jetzt ist es mir vllig unbegreiflich, wie ich mein
geliebtes Kind jenem Wunderthter hingeben konnte, es erscheint mir
jetzt als ein vlliger Wahnsinn, als gottlose Snde; und doch pries ich
mein Geschick (und seitdem sind nicht viele Monde verflossen), da jener
groe Mann den Knaben wrdigen wollte, ihn in die Schule und sich seiner
anzunehmen. Ist aber unsre Schwche so gro, oder ist es zuweilen ein
Fatum, das uns ergreift, eine unausweichliche Nothwendigkeit, so sollten
wir wohl im Leben gegen unsre Nchsten, oder in der Geschichte gegen
merkwrdige Verirrungen billiger und nachsichtiger seyn, als wir uns
bewut sind, diese Nachsicht auszuben.

Es mu sich austoben, erwiederte der Rath; das ist ein Ausdruck, den ich
mir seit einiger Zeit angewhnt habe. Das ist der einzige trostlose
Trost, den ich mir in Ansehung meines Sohnes geben kann, den ich fr
verloren achten mu. -- --

Sangerheim war indessen in einer Stimmung und Gemthsverfassung, die
sich schwerlich darstellen lt. Auf seine vielen und dringenden
Schreiben hatte er noch einmal eine kurze Antwort von einem Manne
erhalten, der sich frher seinen Freund nannte, und der ihm jetzt
meldete, dies sei der letzte Brief, den er ihm senden knne, indem er
eben in den Wagen steige, um nach Italien, und von dort nach
Griechenland und Constantinopel zu reisen. Von Geldsendungen war keine
Rede, und doch hatte Sangerheim auf diese, und zwar auf sehr bedeutende,
gerechnet. Er meinte, er drfe es, nach allen frheren Betheuerungen und
Versprechungen. Er war von Schulden bedrngt; um glnzend aufzutreten,
hatte er Alles wieder ausgegeben, was ihm von Freunden und Schlern
zugeflossen war. Um sein Ansehn zu vergrern, und sich mehr Zutrauen zu
erwerben, war er in der Wohlthtigkeit ein Verschwender gewesen. Er
schrieb noch einmal, und zwar unmittelbar an einen Mann, den er fr
einen jener Obern halten mute, aber indem er in Angst die Sekunden auf
seiner Uhr zhlte, und der Antwort Flgel wnschte, kam sein eigner
Brief ihm zurck, mit der Anweisung vom Postamt, kein Mann von dem Namen
sei in der Stadt zu finden.

Nun sah er, da man ihn vllig verlassen, da man ihn ausgestoen hatte.
Es wurde ihm hell in allen Sinnen, da er gebraucht sei, eine Bberei
auszufhren, und da man jetzt diese nothgedrungen aufgegeben habe, oder
ihn wenigstens fr unpassend halte, sie zu vollbringen. Er war bis dahin
berzeugt gewesen, wenn er auch die Plne seiner Obern nicht ganz
durchschaute, da er etwas Gutes und Edles wirke, wenn auch durch
Mittel, die sich nicht vor der strengen Moral rechtfertigen lieen. Ihm
war ein brennender Ha gegen die sogenannte Aufklrung, gegen jenen
Indifferentismus, der seine Zeit charakterisirte, beigebracht worden. Er
hielt es fr nothwendig, da jene Freimaurer, die sich der
Rosenkreuzerei, dem Goldmachen und Geisterrufen widersetzten, als
Schdliche und Verderbliche ausgerottet werden mten, weil sie
hauptschlich durch ihren Einflu und ihre Logen jene lebentdtende
Aufklrung verbreiteten. Er glaubte wohl, da ein Werben fr die
katholische Kirche auch eine Aufgabe seiner Sendung sei, unterzog sich
aber auch diesem gern, weil er in dieser Lehre auferzogen war, und sie,
ohne sie zu prfen, oder die protestantische zu kennen, fr die bessere
hielt. Mit seinem Wunderglauben und seiner Schwrmerei hatte er sich
eine eigne Lehre ausgebildet, die der orthodoxe Katholik gewi nicht
gebilligt htte. So hin und her geworfen von Leidenschaften und
chimrischen Hoffnungen, whnend, ganz nahe an die Erfllungen seiner
hchsten Wnsche zu reichen, durch sophistische Ausreden ber sein
trgendes Thun beruhigt, sich als Lgner kennend, und sich dennoch fr
einen wahren Wunderthter haltend, seine Gattin liebend, und sie doch
seinen verdchtigen Zwecken aufopfernd, war er in allen diesen tollen
Widersprchen fast in ein gespenstisches Wesen verwandelt worden, das
ohne innern Halt jeden Tag nur so hingaukelte, von Neuem tuschte und
getuscht wurde, und nie zur Besinnung kam. Jetzt fielen alle diese
Larven von ihm ab, er lernte sich selbst erst kennen, und entsetzte sich
vor dem Auge der Wahrheit und seiner eignen Nacktheit.

So bin ich denn, sagte er zu sich selbst, zugleich der Unglckseligste
und Verworfenste aller Menschen. Der Inhalt meines Lebens ist ein
Possenspiel, ber das man lachen mchte, und zugleich so tragisch und
entsetzlich, da sich mir die Haare aufrichten. Wie knnen jene
Menschen, die sich gut und weise nennen, es irgend mit ihrem Herzen
ausgleichen, da sie mich geschlachtet, und mir Geist und Leib zu Grunde
gerichtet haben. So einsam, so ganz zernichtet war noch nie ein Mensch.
Die Freunde, Beschtzer, Mchtigen, auf die ich mich so sicher mit
meinem ganzen Glcke lehnte, sind gar nicht da in aller weiten Welt,
nirgend zu erfragen, wie Traumgestalten, wie Wolken verschwunden. Jeder
Mensch, dem ich meine Noth klagen wollte, mte es fr wahnwitzige Lge
halten. -- Ach Theodora! wie Recht hattest du. Warum vernahm ich denn
deine Bitten und Warnungen nicht? Auch sie ist zertreten worden, so wie
ich. O wenn sie noch da wre, wie gern wrde ich mit ihr als Tagelhner,
als Bettler leben. Und Nichts bleibt mir; nicht die elendeste Hlfe,
nicht der kmmerlichste Trost.

Er sann hin und her, was er beginnen knne, aber jede Aussicht war
verschlossen. Sein Trug mute entdeckt werden, dem Manche schon auf die
Spur gekommen waren. Die prophetische Gabe seiner unglcklichen Gattin
konnte ihm auch Nichts mehr fruchten, um seine knstlichen Lgen mit
halber Wahrheit oder seltsamen Entdeckungen zu untersttzen. Er dachte
wohl daran, ob er nicht einige von Denen um Hlfe ansprechen sollte,
denen er, als ihm groe Summen zu Gebote standen, reichlich geholfen
hatte, aber er verwarf diesen Gedanken sogleich als unstatthaft, weil er
einsah, da Dieselben, die ihn in der Noth als ein gttliches Wesen
behandelt hatten, ihm jetzt kalt den Rcken kehren wrden. Und so,
dachte er, habe ich von meinem verlornen Leben nicht einmal den Nutzen,
den jeder Dieb geniet, bevor er zum Galgen gefhrt wird, da er Geld
und Gut besitzt, oder mit seinen Spiegesellen schwelgt, und Wein und
Wollust ihn bersttigen.

Er fiel darauf, sich dem geheimen Rath ganz zu entdecken. Dachte er aber
an das Auge des ernsten Mannes, und wie viel er von ihm gezogen hatte,
so verwarf er auch diesen Gedanken. Nein, rief er, die Ehre verbietet
mir diese schmhliche Auskunft, die mich zu sehr erniedrigen wrde.

Sonderbar, da in der Verzweiflung und tiefsten Selbstverachtung die
Menschen noch von diesem Phantom regiert werden knnen, das nur
Wesenheit erhlt, wenn der Edle, Tugendhafte sich von Rcksichten lenken
lt, um die gute Meinung seiner Zeitgenossen, sei es auch im
Vorurtheil, zu erhalten. Der Lgner will aber oft mit den
abscheulichsten Lgen die Erde lieber verlassen, als durch eine Handlung
der Tugend, seine erste vielleicht, indem er die Wahrheit bekennt, vor
der Menge beschmt werden. Diese Ehre hielt ihn von dem edlen,
mitleidigen Manne zurck, und stellte sich zwischen ihn und diesen wie
eine Mauer.

Denn mit den besten Gesinnungen fr den Unglcklichen langte der alte
Seebach an. Er kannte zwar Sangerheims Verbindungen nicht, und wute
eben so wenig, wie diese jetzt so ganz von ihm abgefallen waren, aber er
war der Ueberzeugung, da Sangerheim sein Versprechen nicht halten
knne, und er war darauf gefat, die groe Summe schwinden zu lassen,
ohne ihm seine Schriften zurckzuhalten, oder ihn ffentlich zu
beschimpfen, wozu der Magier ihm ein Recht gegeben hatte, wenn er seinem
Worte untreu wrde. Wie erstaunte daher der Rath, als ihm Sangerheim mit
groem Vertrauen und fester Sicherheit entgegentrat, und auf bermorgen
mit leichtem Sinn die Auslsung der Schriften verhie. Er war selbst
heiter, obgleich er mit Schmerz von dem Tode seiner geliebten Gattin
sprach. Dies Betragen war so, da der Rath selbst wieder unsicher wurde,
und dem schnen groen Manne gegenber sich im Stillen Vorwrfe machte,
da er ihm so sehr Unrecht gethan habe.

Der Tag ging hin unter Besuchen und Zerstreuungen. Der Arzt Huber,
dieser fanatische Anhnger Sangerheims, erzhlte viel von seinen
Hoffnungen, deren Erfllung er in kurzer Zeit zu erleben gedachte.

Am andern Morgen machte der Rath mit dem Arzte, Sangerheim, Ferner und
noch einigen Vertrauten einen Spaziergang. Als sie die Stadt im Rcken
hatten, entspann sich in der Khlung des schnen Morgens ein sonderbares
Gesprch. Sangerheim sprach von der Flchtigkeit des Lebens, das, gegen
die unerschpflichen Tiefen der Kunst und Wissenschaft gehalten, viel zu
kurz sei.

Sie gingen einem Bach vorber. Alle diese Wellen, sagte Sangerheim,
gelangen in den Ocean, der dadurch nicht voller wird. Ist es nicht eben
so mit unsern Seelen? Der Tod entfhrt sie -- wohin? Zu Gott, der keinen
Mangel kennt, und durch sie nicht grer wird.

In der Einsamkeit sagte er endlich: Nur zu sehr hatte jener Feliciano
Recht, da ich schwere Kmpfe mit den Geistern, die nur ungern
gehorchen, wrde zu bestehn haben. Sie wollen es nicht dulden, da ein
Sterblicher so groe Gewalt ber sie erringe. In jeder Minute mu ich
wachsam seyn. Verabsume ich gewisse Gebete, knnte ich diese oder jene
unerllichen Vorkehrungen vergessen, so wre mein Leben Augenblicks in
Gefahr. Von wie vielen ausgezeichneten Mnnern, die das Reich der
Geister sich unterwrfig gemacht, wissen wir es nicht, da sie eines
unnatrlichen oder gewaltsamen Todes gestorben sind. Oft war es auch die
Veranstaltung dieser rebellischen Geister, da die weltliche Macht sich
eines dieser Mnner als eines solchen bemchtigte, der mit der Hlle im
Bunde stehe, und ihn nach dieser falschen Beschuldigung auf den
Scheiterhaufen setzte.

Hin und her wurde ber diese Behauptung gestritten. Pltzlich rief
Sangerheim: Still! meine Freunde. -- Er blieb stehn, als wenn er auf
Etwas horchte, dann nickte er, schttelte mit dem Kopfe, murmelte einige
Worte, und machte wieder die Geberde, als wenn er gespannt einer Rede
zuhre. Nach einer Weile sagte er: Warten Sie hier einen Augenblick.
Wovon ich eben sprach, hat leider stattgefunden. Eine Kleinigkeit habe
ich heute beim Aufstehn unterlassen, das Zeichen vor meinem Bette und an
der Thr meines Schlafzimmers ist nicht in rechter Weise aufgelset
worden, nun jagen mir die Ungestmen nach und wagen es, zu drohen.
Warten Sie hier einen Augenblick, dort in der Einsamkeit werde ich sie
schon zu zwingen wissen, sie sollen zitternd ihren Meister erkennen, und
mir nicht zum zweiten Male drohen.

Er entfernte sich mit triumphirender Miene und in stolzer Zuversicht.
Als er hinter den Gebschen verschwunden war, hrte man Zank und Streit
von vielen verschiedenen Stimmen, und Sangerheims donnernden Ton
abwechselnd dazwischen, dann einen Knall, wie einen Schu. Hierauf
Stille.

Alle sahen sich erwartend an. Der Rath ging ahndungsvoll zuerst nach dem
Platz. Der Unglckliche lag todt am Boden, das Pistol neben ihm.

Die Geister haben ihn ermordet! schrie der Arzt heftig: o die Elenden,
Schndlichen! O Liebster, so bist Du denn doch das Opfer Deines
Enthusiasmus, Deines brennenden Eifers fr die Wissenschaft geworden!

Der Rath sagte kein Wort; jedes schien ihm berflssig. -- Man machte in
der Stadt eine Anzeige von diesem Vorfall, und am folgenden Tage ward
der Leichnam beerdigt.

Seltsam genug, da manche der aufgeklrten Freimaurer, die von diesem
Sangerheim so schlimm waren verfolgt worden, jetzt auch die Meinung
aussprachen, er sei von seinen Geistern, die aber bsartige wren, zur
Strafe aller seiner Frevel vernichtet worden. --

Am andern Tage versammelte der geheime Rath die vertrautesten Freunde
des Abgeschiedenen in seiner Wohnung. Man lsete langsam und bedchtig
die Siegel des geheimnireichen Paketes, eine Scheide nach der andern,
und wickelte einen Umschlag aus dem andern. Jener Knall, der schon
einmal den Rath erschreckt hatte, lie sich wieder hren. Keiner von
Allen war in solcher Spannung, als der Arzt Huber. Endlich war Nichts
mehr aufzuknpfen und kein Petschaft mehr aufzubrechen, und offen lag
vor Aller Augen der Inhalt. -- Eine alte franzsische Grammatik, drei
alte Kalender, viel Makulatur.

Die Erbschaft eines Wunderthters, sagte der Rath kalt. Erst jetzt
verachtete er den Magier vllig. Nein! rief Huber in groem Eifer; die
boshaften Geister haben auch seine wichtigen Geheimnisse scheinbar
verwandelt, um unser Aller Augen auf eine Zeitlang zu blenden. Wenn wir
uns nicht thren lassen, so mssen bald die chten Skripturen an die
Stelle dieser Makulatur zurckkehren. Und so bemchtige ich mich, im
Namen der Kunst, dieser unscheinbaren Papiere, um sie vom Untergange zu
retten. Kann auch seyn, da im Bande, zwischen den Blttern, oder in
Punkten und unterstrichenen Buchstaben das Mysterium niedergelegt ist.
Ich werde wenigstens Tag und Nacht studiren.

Man lie ihn gewhren und wrdigte ihn keiner Antwort. --

                   *       *       *       *       *

Das Schicksal Sangerheims war beschlossen, und die meisten seiner
ehemaligen Bewunderer gaben ihre Bestrebungen auf, retteten Geld und
Zeit und kehrten zu besseren Beschftigungen zurck. Nur Huber sa
unermdet bei seinen Makulaturen, den alten Kalendern und seiner
franzsischen Grammatik, suchte und rechnete, und glaubte, nachdem er
lange studirt hatte, auch viel Wichtiges gefunden zu haben.

Schmaling und Clara waren verheirathet. Ihr Glck ward durch gute und
gesunde Kinder erhht und man konnte die Familie des Rathes eine
glckliche nennen, wenn nicht Anton in ihr gefehlt htte, von dem man
seit Jahren gar keine Nachricht hatte. Auch Feliciano, nachdem er lange
an verschiedenen Orten in Europa mit mehr oder minder Glck seine Rolle
gespielt hatte, war endlich, da Keiner mehr, auch der erst Verblendete
nicht, an seinem Betruge zweifelte, nach manchen Abentheuern
untergegangen.

Die Gattin des Rathes pflegte ihre Enkel, und Clara, die jetzt Nichts
mehr zu bekmpfen hatte, durfte mit Sicherheit ihren Charakter, so wie
die Anlagen ihres Geistes ausbilden. Sie frchtete nun nicht mehr die
Bilder der Phantasie, die poetischen Mhrchen, oder das Geheimnivolle
in dieser oder jener Dichtung, weil es ihr nicht mehr feindlich
gegenber stand, und sie ber den Charakter ihres liebenswrdigen Gatten
beruhigt war. Dieser, einmal enttuscht, fhlte niemals die Versuchung
wieder, sich in jenes Labyrinth zu begeben, dessen Irrgnge er hatte
kennen lernen, und denen er so glcklich entflohen war.

So waren im ruhigen Glcke mehr als zwlf Jahre verflossen, als sich an
einem Morgen frh beim geheimen Rathe ein Fremder anmelden lie, der
darauf bestand, den Herrn selbst zu sprechen, und sich vom Diener nicht
wollte abweisen lassen. Die Thre des Arbeitszimmers ward ihm endlich
geffnet, und es trat ein Mann von mittlerem Alter hinein, verwildert,
ohne Haltung und Betragen, der, als ihn der Rath fragte, was er begehre,
nur kurz antwortete: Und Sie kennen mich wirklich nicht mehr? Eine
Ahndung ergriff den Vater: Sie sind doch nicht -- Du bist doch nicht
Anton? -- Er schwankte und der unkenntlich gewordene Sohn fing ihn in
seinen Armen auf. Sie umfingen sich zrtlich und gerhrt, dann setzten
sich Beide, um sich von ihrer Erschtterung zu erholen.

Bist Du wieder da? fing der Vater nach einer Weile an; aber es ist Dir,
wie es scheint, nicht gut ergangen.

Ja, lieber Vater, sagte Anton, Ihr Kind, wenn Sie es noch dafr erkennen
wollen, tritt fast wie der verlorne Sohn in sein vterliches Haus wieder
ein. Mein Schicksal ist ein elendes, mein Leben ein verlornes. Wenn Sie
mich verstoen, so bin ich aller Schmach wieder dahin gegeben, dem
klglichsten Jammer, dem ich freilich gern entfliehn mchte.

Wenn ich Dich Sohn, Anton nenne, sagte der Vater, so heit das, da Du
mir eben das seyn wirst, was Du mir ehemals warst. Du hattest Dich
verblenden lassen, und ich wenigstens kann Dir kein strenger Richter
seyn.

Wohl war ich verblendet, erwiederte Anton, und wie sehr! so, da ich
noch jetzt immer vor diesem Zustande meiner Seele zurck schaudre. Das
gemeinste Kunststck, die elendeste Kundschafterei hatte damals den
Charlatan in den Besitz meines Geheimnisses gesetzt, das ich vor Ihnen
und vor allen meinen Freunden sorgsam verborgen hielt. Ich gestand mir
meine eigne Schlechtigkeit nicht, und hoffte, thricht genug, Alles
solle sich wieder zurecht finden und ohne Spur vorber gehn. Denn der
Gedanke war mir frchterlich, Ihnen oder gar meiner Mutter eine solche
Schwiegertochter vorzufhren, in der Stadt alle meine Verbindungen zu
zerstren, und durch diese auffallende That mir selbst jeden Vorschritt
im brgerlichen Leben unmglich zu machen. Wie jener Feliciano nun mein
Gemth so durch eine pltzliche Erschtterung, durch ein scheinbares
Wunder in seine Gewalt bekommen hatte, war ich ihm unbedingt und
leibeigen angehrig. Er war mir kein Sterblicher mehr, und dieselben
Knste und Studien, die ich noch krzlich verlacht hatte, schienen mir
jetzt die einzigen wrdigen. Ich wollte mein Leben an ihre Erforschung
setzen. Auch bildete ich mir ein, der Lieblingsschler meines groen
Meisters zu seyn, der mich verachtete, weil mein hartes einfaches Wesen
fr seine Absichten unbrauchbar erschien. -- Welche Gaukeleien er hier
trieb, wie sich selbst meine verstndige Mutter eine Zeitlang von ihm
bethren lie, von allen diesen Dingen sind Sie selbst Zeuge gewesen.
Aber wie wundersam vielgestaltig ist die menschliche Natur. So
unbegreiflich, und doch wieder so verstndlich. Meine Gattin, dieses
schlichte Bauernmdchen, dieses ehrliche Wesen, dem frher meine Liebe
das Hchste, ja das einzige Gut des Lebens gewesen war, ward bald ein
Liebling meines groen Lehrers. Er behauptete, sie sei von der Natur
ganz eigen begabt, um der wichtigsten Geheimnisse theilhaftig zu werden,
sie wrde in den weiblichen Logen bald die hchsten Grade ersteigen, und
dann ebenso wie seine eigne Gattin, das Mysterium finden, Jahrhunderte
zu berleben, und mit Geistern und Abgeschiedenen Gemeinschaft zu haben.
Ich glaubte Alles und erwartete von jeder Woche, dann von jedem Monat,
ebenfalls ein Eingeweihter zu werden. Mein Lehrer spielte indessen dort
im Norden eine wichtige Rolle und ein groes Spiel. Gold und Juwelen,
die grten Summen, schienen ihm, wie er damit umging, nur Tand. Was
verhie er mir, welche Aussichten erffnete er meinen trunkenen
Hoffnungen. Aber auch Opfer begehrte er von mir. Um mich zur Weihe
vorzubereiten, mute ich die Gesellschaft meiner Gattin vermeiden,
fasten, jede weltliche Lust und Zerstreuung fliehen. Meine Frau, die mir
schon im Wissen vorgeschritten war, drang jetzt darauf, damit sie kein
Hinderni mehr fnde, sich mit den Geistern in Verbindung zu setzen und
selbst eine Unsterbliche zu werden, ich sollte einwilligen, da wir
durch die Gerichte frmlich wieder getrennt und geschieden wrden. Man
hatte meine Phantasie so erhitzt, ich erwartete selbst so wundersame
Dinge zu erfahren, sie strebte so eifrig nach dem hchsten Grade, da
ich mich endlich berreden lie, ja da ich endlich die Nothwendigkeit
dieser Scheidung selber einsahe. Bald darauf war sie verschwunden. Der
Meister erklrte sich nicht, sondern sprach nur in geheimnivollen
Winken, und gab zu verstehen, da sie in diesen Augenblicken eines
groen Glckes gensse. Meine Einweihung zu den hheren Graden lehrte
mich aber nichts Neues, und ohnerachtet meiner blinden Ergebenheit und
meines Aberglaubens fing ich doch an, ungeduldig zu werden. Man
beschwichtigte mich wieder. Eine Thorheit lste die andere ab und so
verging die Zeit.

Wir muten uns endlich schnell entfernen, und unsere Abreise glich fast
einer Flucht. Der Magier sagte mir zwar, da groe Begebenheiten und
Operationen, die sich nicht lnger aufschieben lieen, ihn nach einem
fernen Lande riefen, indessen sah ich doch die Angst des Meisters, ich
bemerkte, wie seine wichtigsten Anhnger sich von ihm entfernten, und
die Binde fiel allgemach von meinen Augen nieder. Da ich aufmerksam
geworden war und ihn nicht mehr so, wie bisher frchtete, konnte ich ihn
auch beobachten. Auf unsrer bereilten Reise gab er mir Bcher und
Papiere, auch viele offene Briefe, die, wie er mir sagte, keinen Werth
htten, und die ich gelegentlich verbrennen knne. Fr mich waren diese
aber sehr bedeutend, denn da ich, indem ich vorangeschickt wurde, um
sein Quartier zu machen, nur einen flchtigen Blick in einige Bltter
gethan, sah ich wohl, da der Weiseste der Menschen in Angst und
Uebereilung einen dummen Streich gemacht hatte. Er dachte nicht daran,
die Sachen zu vernichten, und Zeit mangelte ihm, sie anzusehn. Viele
Briefe enthielten die Geschichte meiner Frau. Sie war einem reichen
Frsten geradezu verkauft worden. Sie hatte um die ganze Verhandlung
gewut und sich mit der grten Feinheit und List betragen, und zwar so
sehr, da sie den bethrten Frsten vermocht hatte, sie zu seiner
Gemahlin zu erheben. Dieser aber, so wie sie, hatten dem Magier dafr,
da er mich zur Scheidung bewogen und da er den Frsten ebenfalls
verblendet hatte, groe Summen zahlen mssen. So war sie denn, was die
Welt so nennt, glcklich geworden. Gegen mich hatte sie sich schlecht
betragen, indessen verzieh ich ihr, da ich frher gegen sie nicht besser
gewesen war, und ich empfand einen tiefen Schmerz und Reue, indem ich
die Veranlassung gewesen, da ein schlichtes einfaches Wesen so die
Talente zu List und Betrug zur Verderbni ihrer Seele entwickelt hatte.
Denn aus den Briefen ging hervor, da sie und der Graf sich vllig
verstanden, da sie mit ihm ber die Einfalt der Menschen, vorzglich
ber die meinige, lachte.

Als ich mit meinem groen Beschtzer an Ort und Stelle gelangt war,
blieb ich noch eine Zeitlang in seiner Nhe, um seine Knste zu
beobachten, zu denen er mich oft gebrauchte. Ich lebte im Ueberflu,
aber ich kam mir vor, als sei ich der Croupier eines falschen Spielers.

Ich konnte es nicht lnger ertragen. Ich schrieb ihm Alles, was ich von
ihm wute und dachte, und verlie ihn. Und gut, da ich es gethan, denn
sonst wre ich mit in jene Prozesse verwickelt worden, die sich bald
gegen ihn erhoben. Ich war nun frei, aber auch Nichts als frei, das
heit, der armseligste Sclave, der Tyrannei eines jeden Augenblicks
Preis gegeben, vom Mangel und den Bedrfnissen der Natur gemihandelt.
Mich Ihnen zu nhern, zurckzukehren, verbot mir eine mchtige Scham,
wohl eine falsche, denn Nichts wird so sehr miverstanden, als das Wort
und der Begriff Ehre. Bald war ich Schreiber, bald Aufseher in einem
Hause, einigemal Comdiant, auch versuchte ich mich als Schriftsteller.
Ich konnte mich nie ganz fallen lassen und zu jener naiven
Niedertrchtigkeit hinunter steigen, die ich an andern meines Gelichters
wahrnahm. Endlich nun, an mir und allen Menschen verzweifelnd, thu' ich
den Schritt, den ich vor manchem Jahre htte wagen sollen.

Der Vater trstete, beruhigte den Sohn. Er lie ihm Kleider und Wsche
holen, damit die Mutter nicht zu sehr erschreckt wrde, wenn sie ihn in
dieser Gestalt wieder sehn sollte. Freude und Trauer war ber seine
Rckkehr zugleich in der Familie, indessen fand man sich nach und nach
wieder zurecht und in einander und Anton zog auf das vterliche Gut
hinaus. Hier arbeitete er redlich mit dem Verwalter, lernte die
Landwirthschaft kennen und konnte nach einigen Jahren selber die
Bewirthschaftung desselben bernehmen. Er gewann die Liebe eines reichen
Fruleins, mit der er als ntzlicher Landmann glcklich lebte.

Ferner hatte indessen von seinem verlorenen Sohne nie wieder Etwas
erfahren, so sehr er sich auch bemht und nach allen Gegenden
geschrieben hatte. Er war verschollen und der Vater glaubte, er sei
gestorben. Der Gelehrte mute in Familienangelegenheiten eine Reise nach
dem sdlichen Deutschland unternehmen. In einer migen Stadt zeigte ein
Italiener, ein Taschenspieler, seine Knste. Der Professor war sonst
kein Freund dieser Gaukeleien, indessen ist auch der strenge Mann in der
Fremde leichteren Sinnes, als zu Hause, und da man von dem jungen Mann
als einem wahren Wunderthter sprach, der Dinge zeige, die selbst andre
Spieler nicht begreifen knnten, so ging Ferner mit einer Gesellschaft,
neugierig gemacht, nach dem Saale. Was der junge Knstler ausfhrte, war
in der That bewunderungswrdig, besonders durch die leichte Sicherheit,
mit der er das Schwierigste scherzend zu Stande brachte. Indem der
Professor die schnen leichtfertigen Hnde des Spielers betrachtete,
fiel ihm ein kleines braunes Mal am rechten Zeigefinger auf, er ward
aufmerksamer, betrachtete das Gesicht und forschte in den Augen, und
glaubte endlich berzeugt seyn zu knnen, dieser Taschenspieler sei sein
verlorener Sohn. Sein Herz war bewegt, und er konnte an den vielen
wunderbaren Erscheinungen keinen Antheil mehr nehmen.

Als das Schauspiel vorber war, und sich die Zuschauer vergngt und
befriedigt entfernten, blieb er, unbeobachtet, allein im Saale zurck.
Als dieser ganz leer war, redete er den fremden Knstler italienisch an,
um seine Frage vorzubereiten, dieser aber antwortete gleich deutsch, und
warf sich dem Vater in die Arme.

Nach einigen Reden, in welchen der Vater die Verlornen Jahre des Sohnes
beklagte, sagte dieser: Liebster Vater, ich erkannte Sie sogleich, als
Sie in den Saal traten, und alsbald nahm ich mir auch vor, mich Ihnen zu
erkennen zu geben, ob ich gleich bis jetzt gezgert habe, an Sie zu
schreiben, und mich Ihnen wieder zu nhern. Schelten Sie mein Handwerk
nicht, denn es nhrt seinen Mann. Sie sehn auch, da ich mich Professor
schreibe. Zwar habe ich Ihren geehrten Namen nicht beibehalten wollen,
sondern spiegle dem Volke vor, ich sei ein Italiener. Glauben Sie nur,
was ich jetzt treibe, ist ehrsam und achtenswrdig gegen das, was ich
bei jenem berhmten Grafen spielen mute. Es ist Gnade des Himmels, da
ich kein Bsewicht geworden, und noch so mit einem blauen Auge davon
gekommen bin. In der Hinsicht habe ich bei meinem Wunderthter meine
Zeit nicht ganz verloren, indem ich ihm sehr scharf auf die Hnde gesehn
habe. Ich habe Vieles von ihm gelernt, und so zeige ich unschuldig fr
Geld so Manches, was er zu schlimmen Absichten und Betrug gebrauchte.
Ich unterhalte die Menschen, er plnderte sie, indem er sie zugleich
wahnsinnig machte. -- Ich verspreche Ihnen, nie nach Ihrer Stadt zu
kommen, aber besuchen Sie mich, wenn ich einmal in Ihrer Nhe bin.
Schreiben wir uns, Liebster, damit wir in Verbindung bleiben.

Diese Abrede wurde genommen und man fhrte sie aus. Der Vater war ber
seinen Sohn beruhigt, und dieser gewann durch die Leichtigkeit seiner
Hand ein ziemliches Vermgen. --

In Seebachs Hause wre Alles glcklich und heiter gewesen, wenn der
neunzigjhrige Obrist nicht Clara, die Mutter und Schmaling neuerdings
gengstigt htte. Gegen ihn, der schwach wurde, lie sich der Rath am
meisten gehn, und so war der Greis der Vertraute von so manchem kleinen
Geheimni, das den Uebrigen verschwiegen wurde. Diesen erzhlte der
Obrist in vertrauten Stunden, da sein Schwiegersohn sich wiederum in
eine Correspondenz eingelassen habe, die ihm gar nicht gefallen wolle.
Der Ton dieser Briefe sei sehr fromm und mysteris: Anfangs habe der
Rath Alles von sich gewiesen, dann habe er nach und nach Interesse
gefat, sei glubiger geworden, und hoffe nun doch noch von ehrbaren
Mnnern, die sich ihm in jedem Briefe nherten und bestimmter
bezeichneten, etwas Groes zu erfahren. Und so ist es merkwrdig, schlo
der Alte seinen Bericht, da eine bestimmte Leidenschaft zwar schlafen,
aber bei den meisten Menschen nie ganz vertilgt werden kann.

Diese Briefe kamen aus dem sdlichen Deutschland und sprachen von
Geheimnissen, die nicht entweiht werden drften, die sich aber doch wohl
allgemach geprften Mnnern mittheilen lieen. Der Rath war unvermerkt
in eine glubige Stimmung gekommen, und war in seinen Antworten auf
Manches nher eingegangen, was jene Unbekannten erwhnten. So hatte er
sein Abentheuer mit Sangerheim und seine Beobachtungen und Erfahrungen
ber ihn mitgetheilt, auch alle seine Zweifel und was ihm dunkel
geblieben. Auf diese Punkte antwortete der neueste Brief.

                    Geliebter Bruder in dem Herrn!

Was Sie uns von jenem verlorenen Bruder Sangerheim melden, war uns nicht
neu. Allerdings stand der Unglckliche mit uns in Verbindung, ihm wurde,
als einem hoffnungsvollen Lehrlinge, Einiges mitgetheilt. Als er von uns
schied, bemchtigten sich andre Menschen seiner, die in weltlichen
Planen handthieren und das himmlische Kleinod entweihen. Er verrieth uns
diesen, so viel er es vermochte, und hat sich so selbst sein tragisches
Schicksal bereitet, da er der Lge und dem Betruge anheim gefallen war.
Auch jene Weltlichen sahen seinen Sturz gern und entzogen sich ihm, weil
sie frchten muten, da er sie ebenfalls verrathen knne. Kommen wir
uns nher, so wird Ihnen, Geehrter, Nichts dunkel bleiben und grere
Dinge werden sich Ihnen erschlieen. Zwar sind Sie nicht fr unsre
Kirche, aber doch nicht unbedingt gegen sie, und wir gehn Ihnen mit dem
grten Vertrauen entgegen. Kommt Jemand zu Ihnen, der Ihnen das Wort
Emanuel sendet, so nehmen Sie ihn auf, als von uns. Er wird das erste
Kleinod Ihren treuen Hnden bergeben. --

Der Rath war in groer Spannung. Nach zehn Tagen etwa trat der Diener
ein und meldete, ein sonderbarer Fremder stehe drauen und sage, er mge
nur Emanuel sprechen. Der Rath lie den alten Mann ein, der feierlich
die Thr verschlo und dann ein seltsames Gesprch begann. Der Rath
fhlte sich erbaut und gestrkt, in diesen Gesichtspunkt waren ihm
manche Gedanken von Wunderfhigkeit, Glauben und einer einzigen
herrschenden Kirche noch niemals gerckt worden. Beim Abschied nahm der
Fremde ein Paket aus dem Busen, kte es mit Salbung und berreichte es
demthig und feierlich dem Rathe, indem er sagte: Geliebter Bruder,
dieses ist das erste Pfand der hohen, den gewhnlichen Menschen
unsichtbaren Gesellschaft. Achten Sie noch die Siegel und erbrechen Sie
sie nur in geweihter Stunde nach Mitternacht. Doch thun Sie gut, sich
durch Gebet vorzubereiten. Zwar wird Ihnen das Geheimni des Kleinodes
noch unverstndlich seyn, aber schon die bloe Gegenwart desselben
schtzt Sie. Die Erklrung selbst wird in vier Wochen folgen. Aber:
Finger auf den Mund. Wir zeigen mindestens, wie wir Sie ehren, wie gro
wir von Ihnen denken.

Eine feierliche Umarmung beschlo das seltsame Gesprch. Geheimnivoll
entfernte sich der Unbekannte, und der Rath mute sich gestehn, da noch
niemals ein Mensch einen solchen Eindruck auf ihn gemacht habe. Seine
Umgebung bemerkte seine wunderbare Stimmung, aber er schwieg gegen Alle,
auch gegen den Obristen. Clara frchtete eine Krankheit, aber der
rauhere Soldat, der seither so Manches mit dem Schwiegersohn
durchgesprochen hatte, sagte: Dieser Mann ist einer der verstndigsten,
und Ihr werdet sehn, sie bertlpeln ihn doch, den Einen fangen sie auf
die, den Zweiten auf eine andre Weise.

Am Abend schlo sich der Rath ein und entfernte alle Diener. Seine
Stimmung war erhoben. Er betete und las in Andachtsbchern. Er nahm das
Evangelium und erschien sich so verjngt, so jugendlich glaubend, so
fromm und lauter, da er die Thrnen der Rhrung nicht unterdrcken
konnte und wollte. Endlich schlug es Mitternacht, und er erffnete
behutsam und zitternd die Siegel, ohne die geheimnivollen Zeichen zu
zerbrechen. Als er den innern Umschlag geffnet hatte, fiel ihm in die
Augen -- -- jene abgeschmackte Figur mit dem vielfltigen ^Abracadabra^,
die er damals an aberglubische Brder nach der nahen Residenz gesendet
hatte. Er lachte laut auf, und wurde pltzlich ernst, denn er bedachte,
wie in jenem Lande dort der als Monarch herrsche, der damals nur
nchster Erbe gewesen war, und welche Thorheiten dort in der Nhe des
Thrones getrieben wurden.

Er rief seine Familie zusammen, die noch, um ihn besorgt, wachte. Er
erzhlte Alles, las einige Briefe, auch den letzten, und zeigte dann das
magische, von damals dem Schwiegervater noch wohlbekannte Blatt.

Nun endlich, schlo er, habe ich Alles, was mich immer strt, von mir
abgeschttelt. O wie leicht ist mir, ihr Geliebten, da ich nun noch
einmal mit euch den frhlichen Entschlu fassen, das vielsinnige Wort
mit euch ausrufen kann: lat uns, da es uns vergnnt ist, vernnftig
seyn! --

Auf Emanuel durften nun die Bedienten nicht wieder achten, und jetzt
erst hatten alle Mitglieder der Familie diese Krankheit der Wundersucht
berwunden.




                           Pietro von Abano
                                 oder
                            Petrus Apone.
                        Eine Zaubergeschichte.
                                1838.


Die untergehende Sonne warf schon ihre rothen Strahlen an die Thrme,
und ber die Huser von Padua, als ein junger Fremder, der eben
angekommen war, durch ein Volksgewhl, ein Eilen, ein Rennen aufmerksam
gemacht, und auf seinem Wege von der Menge mit fortgerissen wurde. Er
fragte ein junges Mdchen, welches ihm ebenfalls schnell vorber ging,
was denn alle diese Menschen in so ungewohnte Bewegung setze. Wit Ihr
es denn nicht? antwortete diese, die schne Crescentia, das junge Kind,
wird jetzt beerdigt; alle wollen sie noch einmal sehn, da sie immer fr
die anmuthigste Jungfrau in der ganzen Stadt gegolten hat. Die Eltern
sind trostlos. Die letzten Worte rief sie schon aus der Entfernung
zurck.

Der Fremde beugte um den finstern Palast in die groe Strae hinein, und
ihm tnte schon Leichengesang, ihm wehte der Schein der blarothen
Fackeln entgegen. Als er nher kam, sah er, nachdem das Gedrnge des
Volkes ihn vorgeschoben hatte, ein Gerst, mit schwarzem Tuche verdeckt.
Um dieses waren Sitze, ebenfalls schwarz, erhht, auf welchem die
traurenden Eltern und Verwandten saen, alle im finsteren Ernst, einige
Gesichter mit dem Ausdruck der Trostlosigkeit. Jetzt bewegten sich
Figuren aus der Thr des Hauses, Priester und schwarze Gestalten trugen
einen offenen Sarg, aus welchem Blumenkrnze und grne Gewinde
niederhingen. Zwischen den blhenden bunten Pflanzen lag auf Kissen die
weibliche Gestalt, bla, im weien Kleide, die zarten lieblichen Hnde
gefaltet, die ein Crucifix hielten, die Augen geschlossen, dunkle
schwarze Ringellocken voll und schwer um das Haupt, auf welchem ein
Kranz von Rosen, Cypressen und Myrthen prangte. Man stellte den Sarg mit
seiner schnen Leiche auf das Gerst, die Priester warfen sich zum Beten
nieder, die Eltern erhuben sich wie verzweifelnd, noch klagender
ertnten die Hymnen, und alles umher, die Fremden selbst, schluchzten
und weinten. Der Reisende glaubte noch nie ein so schnes weibliches
Wesen gesehn zu haben, als diese Leiche, die so wehmthig an die
Vergnglichkeit und den nichtigen Reiz des Lebens erinnerte.

Jetzt ertnte das feierliche Gelute der Glocken, und die Trger wollten
eben den Sarg erheben, um die Leiche in das gewlbte Grab der groen
Kirche zu tragen, als ein lauter tobender Jubelruf, schallendes
Gelchter und das Geschrei einer ausgelassenen Freude, die Eltern,
Verwandten, Priester und Leidtragende strte und erschreckte. Alles sah
unwillig umher, und aus der andern Gasse schwrmte ein froher Zug junger
Leute heran, singend, jauchzend, ihrem ehrwrdigen Lehrer immer wieder
von neuem ein Lebehoch zurufend. Es waren die Studirenden der
Universitt, die auf einem Sessel hoch auf den Schultern einen bejahrten
Mann von dem edelsten Ansehn trugen, der wie in einem Throne sa, mit
einem Purpurmantel bedeckt, das Haupt mit dem Doktorhute geschmckt,
unter welchem weie Silberlocken hervor quollen, so wie ein weier
langer Bart auf das schwarzsammtne Wamms majesttisch herabflo. Ein
begleitender Narr mit Schellen und in bunter Tracht sprang umher, und
wollte schlagend und scherzend dem Zuge durch das Volk und die
Trauerleute Platz machen, doch auf einen Wink des ehrwrdigen Alten
senkten die Schler die Trage, er stieg herab und nherte sich gerhrt
und mit feierlichem Anstande den weinenden Eltern. Vergebt, sagte er
ernst und mit einer Thrne im Auge, da dieses wilde Geschrei so eure
Leichenfeier strt, die mich innigst erschttert und entsetzt. Ich komme
von meiner Reise endlich zurck, meine Schler wollen meinen Einzug
durch ihre Freude verherrlichen, ich gebe ihren Bitten und Anstalten
nach, und finde nun, -- wie? eure Crescentia, das Musterbild aller
Holdseligkeit und Tugend, hier vor euch im Sarge? Umher diesen dstern
Prunk und jene Trauergestalten, um sie mit Thrnen und Herzensweh zu
ihrer Ruhestelle zu geleiten? -- Er winkte seinen Begleitern und sprach
einige Worte. Alles war schon lngst still und stumm geworden, und die
meisten entfernten sich jetzt, um die Leichenfeier nicht zu stren. Da
kam die Mutter zitternd nher und sank an der Gestalt des Alten nieder,
indem sie im krampfhaften Schmerze dessen Knie umschlang. Ach! warum
seid Ihr nicht zugegen gewesen? rief sie verzweifelnd; Eure Kunst, Euer
Wissen htte sie gerettet. O Pietro! Pietro! Ihr, der Freund unsers
Hauses! habt Ihr denn so Euren Liebling, Euren Augapfel knnen untergehn
lassen? Kommt! Erweckt sie noch jetzt! Flt ihr noch jetzt von den
Wunderessenzen ein, die Ihr zu bereiten wit, und nehmt dafr zum Dank
alles, was wir besitzen, wenn sie nur wieder da ist, unter uns wandelt
und mit uns spricht!

Lat eure Verzweiflung nicht das Wort fhren, antwortete Pietro: der
Herr hatte sie euch geliehen, er hat sie euch wieder abgefordert; der
Mensch vermesse sich nie, in den Arm seines weisen Rathschlusses zu
greifen. Wer sind wir, da wir gegen ihn murren sollten? Will der Sohn
des Staubes, der im Winde verweht, mit seinem schwachen Athem gegen die
ewigen Beschlsse zrnen? Nein, meine Geliebten, fhlt als Eltern und
Freunde ganz euren Schmerz: er soll unserm Herzen so einheimisch wie
Lust und Freude seyn, auch er wird von dem Vater zu uns gesendet, der
jede unsrer Thrnen sieht, der wohl unsre Herzen kennt und prft, und
wei, was der schwache Mensch ertragen kann. So traget denn dieses groe
bermchtige Leid um seinetwillen, aus Liebe zu ihm, denn nur Liebe ist
es, was er euch auch auferlegen mag. Ist denn der Schmerz, das Herz in
seiner Zerknirschung, die Seele, die in Wehmuth zerrinnen will, sind sie
nicht ein heiliges gttliches Opfer, welches ihr in euren brennenden
Thrnen der hchsten, der ewigen Liebe als euer Kstlichstes darbringt?
So rechnet es auch jener dort, der alle eure Seufzer und Thrnen zhlt.
Aber der bse Feind, der immer an unsrer Seite lauert, beneidet uns die
Heiligkeit dieser himmlischen Schmerzen, er ist es, der sie euch zur
Verzweiflung, zum Zorn gegen den Schpfer der Liebe und des Leides
erhhen will, damit ihr im Jammer nicht jener hchsten Liebe noch
inniger verbunden werdet, sondern in den Abgrund des Hasses untergeht.
Er, dieser Geist der Lge, tuscht euch jetzt, und raunt euch boshaft
seine Fabeln zu, als wenn ihr sie auf ewig verloren httet, die doch nur
in Geist und Seele und Liebe eins mit euch war, und euch nur als
Unsichtbare zugehrte. Er will, da ihr es vergessen sollt, wie diese
schne Hlle nur ihr Kleid war, dem Staube verwandt, zum Staube jetzt
wiederkehrend. Werft ihn zurck, diesen Lgengeist, da er sich vor der
ewigen allmchtigen Wahrheit schmen mu, die ihr ihm entgegen haltet,
da sie noch euer ist, noch neben, nah um euch, ja weit mehr, weit
inniger euer, als da euch diese Schranken des sterblichen Fleisches noch
trennten, und euch in der Liebe selbst einander entfremdeten. Alle euere
Erinnerung, Hoffnung, Schmerz und Lust ist sie von heute an; sie
leuchtet euch in jedem erfreulichen Lichte, sie trstet euch in den
Blumen des Frhlings, sie kt euch im zarten Hauch, der eure Wangen
rhrt, und jedes Entzcken, das fortan in euren Herzen aufblht, ist ihr
Herz und ihre Liebe zu euch, und dieses Entzcken, und diese ewige,
unsterbliche Liebe sind eins mit Gott. So tragt sie denn zu ihrer
Ruhestelle, und folgt ihr in stiller, gottergebner Demuth, damit durch
euch nicht ihr Geist im Aufenthalt des ewigen Friedens gestrt und
gengstigt werde.

Alle schienen mehr beruhigt, der Vater reichte ihm stumm die Hand mit
dem Ausdruck der Herzlichkeit und des gefhlten Trostes. Man ordnete
sich, der Zug setzte sich in Bewegung, die Verlarvten, die
Brderschaften, die es sich zur Pflicht machen, die Leichen zu
begleiten, reihten sich in ihren weien Gewndern, und mit verdecktem
Antlitz, von welchem nur die Augen sichtbar waren. Stumm bewegte sich
der Zug fort, sie hatten jetzt fast schon die Kirche erreicht, als ihnen
ein Reiter auf schumendem Rosse entgegen sprengte. Was giebt es? schrie
der Jngling. Er warf einen Blick in den Sarg, und mit einem Ausruf der
Verzweiflung wandte er das Ro, strzte fort, und verlor in wilder Hast
den Hut, so da ihm die langen Locken im Abendwinde nachflatterten. Er
war der Brutigam, der zur Hochzeit kam.

Die Finsterni umgab das Trauergefolge und die stille Feier, indem die
schne Leiche in das Gewlbe ihrer Familie hinabgesenkt wurde.

                   *       *       *       *       *

Als sich alle zerstreut hatten, wendete sich der junge Fremdling, der in
staunendem Schmerze dem Zuge gefolgt war, an einen alten Priester, der
allein am Grabe betend verweilte. Er brannte zu erfahren, wer jener
majesttische Greis sei, der ihm wie mit gttlichen Krften und
berirdischer Weisheit begabt erschien. Als der Jngling dem Geistlichen
die bescheidene Frage vortrug, stand dieser still, und sah ihm beim
Scheine eines Lichtes, das aus einem Fenster auf sie schien, scharf ins
Auge. Der Alte war eine kleine magere Gestalt, ein blasses schmales
Antlitz erhob das Feuer der Augen um so mehr, und die eingekniffenen
Lippen zitterten, als er ihm in heiserem Tone antwortete: Wie? Ihr kennt
ihn nicht? Unsern weltberhmten Petrus von Apone, oder Abano, von dem
man in Paris, London, dem deutschen Reiche und ganz Italien spricht?
Kennt nicht den grten Weltweisen und Arzt, den Astronomen und
Astrologen, von dem zu lernen und ihn zu schauen die wilde Jugend aus
dem fernen Polenlande hieher schwrmt?

Der junge Spanier, Alfons, war im entzckten Erstaunen einen Schritt
zurck getreten, denn der Ruhm dieses groen Lehrers hatte auch ihn von
Barcelona ber die See getrieben. Also er war es, er war es selbst? rief
er begeistert aus: darum war auch mein Herz so tief bewegt. Mein Geist
erkannte den seinigen. O edler, frommer Mann, wie lieb' ich Euch darum,
da Ihr ihn nicht minder verehrt, wie alle Edlen und Guten der
christlichen Welt.

Wollt wohl auch unter ihm studiren? fragte der Priester im grimmigen
Ton.

Gewi, antwortete jener, wenn er mich wrdiget, sich meiner anzunehmen.

Der Alte stand still, legte seine Hand auf die Schulter des Jnglings
und sagte dann milder: Lieber junger Freund, noch ist es Zeit, hrt noch
meine vterliche Warnung, bevor es zu spt ist. Tuscht Euch nicht
selbst, wie es so Viele, Unzhlige schon gethan haben, seid auf Eurer
Hut und wahret Eurer Seele. Seid Ihr denn Eurer Ruhe und knftigen
Seligkeit schon im voraus berdrssig, wollt Ihr dem Heiland seine Liebe
damit vergelten, da Ihr ihm abtrnnig werdet, ihn leugnet, und als ein
Rebell die Waffen gegen ihn schwingt?

Ich verstehe Euch nicht, alter Mann, erwiederte Alfonso: habt Ihr nicht
selbst gesehn und gehrt, wie fromm, wie christlich, mit welcher
eindringlichen Majestt der Herrliche sprach, und den verirrten Schmerz
der Liebe durch himmlischen Trost wieder in seine rechte Bahn lenkte?

Was vermag, was kann der nicht alles! dieser Knstler und Zauberer! rief
der alte Priester bewegt aus.

Zauberer? fragte Alfonso. Ihr wollt also auch den Wahn des Pbels
theilen, der die Wissenschaft hoher Geister nicht zu wrdigen wei und
lieber das Abgeschmackte glauben, als die eigne Seele an der Erhabenheit
des Mitbruders strken will?

Fahrt nur so fort, sagte der Priester erzrnt, so habt Ihr kaum nthig,
in seine weltberhmte Schule zu treten. Es ist augenscheinlich, sein
Zauber hat Euch schon umstrickt, so wie er jedes Herz bezwingt, das nur
in seiner Nhe schlgt. Ja wohl, der Heide, hat er heut wie ein Priester
gesprochen und geweissagt, und seiner Lge auch einmal diese Farbe
angestrichen. So regiert er auch das Haus des Podesta's. Die arme
Crescentia konnte kaum in ihren letzten Stunden den Rckweg zur heiligen
Kirche wieder finden, so war ihre Seele in den Irrlehren befangen, die
der bse Heuchler wie giftige Netze um den jungen Geist geworfen hatte.
Jetzt ist sie ihm entronnen, der Herr hat sie zu sich gerufen, und
sandte diese Krankheit, um ihre Seele mit dem Verluste des Leibes zu
retten.

Die Sprechenden waren auf den groen Platz gekommen. Der Jngling war
emprt und sagte jetzt, um seinem Gefhle Luft zu machen: wozu nur,
geistlicher Herr, diesen grimmigen Neid? Seht ihr denn, erkennt ihr es
denn nicht, wie die Welt nur um so mehr von euch abfllt, um so mehr ihr
mit Bann und Fluch und Verfolgung den neuen Geist ersticken wollt? den
Geist der ewigen Wahrheit, der jetzt alle Landschaften erregt? Der nicht
wieder, trotz eurer Knste, untertauchen wird, um glubig euren Legenden
zu horchen.

Wohl, sagte der Alte im hohen Zorne; haben wir doch jetzt Averroes statt
Christus, und Aristoteles statt des Allmchtigen, und diesen Euren
Pietro, diesen Ischarioth, statt des Geistes! Nicht wahr, der Erdgeist
hat ihn gro und schlank auferbaut, und ihm ein feuriges Auge, edle
Stirn, schnen Mund der Ueberredung, und majesttische Geberden
geliehen, um zu gaukeln und zu tuschen: inde ich, der unwrdige Diener
des Herrn, hier krank, schwach und unansehnlich wandle, und nur mein
Bekenntni, meinen Glauben habe, um darzuthun, da ich ein Christ sei.
Ich kann nicht so in die Tiefen glnzender Weisheit hinabsteigen, nicht
den Lauf der Sterne berechnen, Glck und Unglck vorhersagen, ich werde
von den Ueberklugen geschmht und verachtet, aber ich trage es demthig,
ihm zu Liebe, der mir alles auferlegt hat. Doch erwartet das Ende, und
seht, ob ihn seine sieben Geister, die er im Zauberbanne hlt, erretten
knnen, ob ihm sein Famulus, das Hllengebild, dann zur Hlfe seyn wird.

War sein Famulus zugegen? fragte Alfonso neugierig.

Habt Ihr das Gespenst nicht bemerkt, antwortete der Mnch, das sich als
Narr ausstaffirt hatte? die Migeburt mit dem Hcker, den verdrehten
Hnden und Armen, den krummen Beinen, den schielenden Augen und der
ungeheuren Nase in dem Fratzengesicht?

Ich hielt alles dies fr Maske.

Nein, dieser, erwiederte der Alte, braucht sich nicht zu verlarven. So
wie er da ist, ist er Larve und Gespenst, ein Geist der Hlle, dieser
Beresynth, wie sie ihn nennen. -- Wollt Ihr die Nacht in meinem Kloster
zubringen, junger Mensch, bis Ihr eine Wohnung gefunden habt?

Nein, antwortete dieser sehr entschlossen, ich mag die Gastfreundschaft
dem Manne nicht schuldig seyn, der so den Herrlichen durch Verlumdung
schmht, dessen Name mich schon im Vaterlande entzckt hat, der mir hier
als Vorbild wandeln und leuchten soll. Schlimm genug, da ich
dergleichen von Euch habe anhren mssen, von einem Manne, dessen Stand
und Alter mir verbeut, ihn dafr zur Rechenschaft zu ziehn. Soll der nur
fromm heien, der die Wissenschaft verachtet, nur der ein Christ, der im
wachen Schlummer die Tage seines Lebens und die Krfte seiner Seele
hinwegtrumt, so trete ich aus dieser dumpfen Gemeinschaft. Aber dem ist
nicht so, und nicht der Mensch, der Christ oder Priester haben aus Euch
gesprochen, sondern nur die Zunft. Lebt wohl, wenn Ihr es mit diesen
Gesinnungen knnt.

Sie trennten sich, beide verstimmt.

                   *       *       *       *       *

Der junge Florentiner, welcher in der Stadt dem Leichenzuge begegnet
war, sprengte wie rasend durch das Thor und rannte dann in ungemessener
Eil durch Feld und Wald. Als er sich im Freien sah, stie er
Verwnschungen gegen Welt und Schicksal aus, raufte sein Haar, fluchte
seinen Sternen und seiner Jugend und eilte dann wie bewutlos weiter. Er
spornte dem Winde entgegen, der sich nchtlicherweise aufmachte, als
wenn er die Glut seiner Wangen abkhlen wollte. Als es spter ward, sank
das Ro, das schon oft gestolpert war und das er knirschend immer wieder
aufri, ermattet nieder, und er war gezwungen, seinen Weg zu Fu
fortzusetzen. Er wute nicht, wo er war, noch weniger, wohin er wollte;
nur sein Elend stand mit unauslschlichen Zgen vor ihm, die Nichtigkeit
der Welt, die Unbestndigkeit alles Glcks. Verruchter Wahnsinn des
Lebens! rief er verzweifelnd durch die Nacht; so, so grausam erweckst du
mich aus meinem Schlummer? Tdtlich mu ich dich hassen um deine
Gaukeleien, deinen Aberwitz, um alle jene unsinnigen Hoffnungen, die
unsre Jugend anlachen, so freundlich auf unserm Wege mit uns gehn, und
wenn sie uns in die Wste gefhrt, grinsend und hhnend davon fliegen.
Leben! Was ist dieses thrichte Gespinnst, dieser alberne Traum eines
Fieberkranken? Ein matter Schauer folgt auf den andern, ein verrcktes
Gebild verjagt das andre, unsre Wnsche springen in der kahlen Einde
umher, und erkennen sich selber nicht. O Tod, o Ruhe, o Nichtsein, komm
zu mir, la dich umarmen, und lse dieses strmende Herz. Knnt' ich nur
gleich meine letzten Minuten in Krmpfen verknirschen, da die
Morgensonne meine Sttte nicht mehr fnde, da kein Gedanke in mir ihrem
neuen Strahl entgegen grte. Bin ich denn nicht das elendeste Geschpf,
das athmet? Um so rmer, wie ich nur vor wenigen Stunden mich das
glcklichste dnkte. Wehe der Jugend, wehe der Liebe, wehe dem Gefhl
des Herzens, die sich so leicht, so grblich tuschen lassen.

Ein Regen stberte jetzt durch die kalte Luft, und bald wurden die
Tropfen grer und dichter. Der Jngling wute nicht, wohin er gerathen
war, der Wald lag schon fern hinter ihm, kein Obdach war in der Nhe. Er
fing an, seine Erinnerungen wieder zu sammeln, sein Schmerz ward milder,
Thrnen flossen aus seinen Augen. Er hate das Leben schon weniger, ihm
war, als wenn die Nacht selbst ihn trsten und seinen Kummer lindern
wollte. Ungewi, ob er das gestrzte Ro wieder aufsuchen, ob er sich in
einem Graben vor dem Unwetter bergen sollte, sah er noch einmal um sich,
und entdeckte endlich, weit, weit hinab, hinter Thal und Busch ein
hpfend Lichtlein, welches ihn wie ein freundliches Auge durch die dicke
Finsterni zu sich winkte. Er eilte dem ungewissen Scheine nach, der
bald verschwand, bald wieder erglnzte. Alle seine Krfte, seine Gefhle
waren wie in einem Schlummer gebunden, sein ganzes Dasein war wie in
einen Traum zergangen.

Ein Sturm machte sich auf, und schwere, tiefhangende Gewitterwolken
wlzten sich langsam herbei. Schon kam er Bumen nher, wie es ihm
dnkte, aber die Finsterni machte es ihm unmglich, irgend etwas zu
unterscheiden. Er strzte in eine Grube, als ein Blitz ihn blendete und
ein lauter Donnerschlag betubte; wie er sich wieder aufraffte, war das
Licht, welches ihn gelockt hatte, schon nahe. Er klopfte an das kleine
Fenster, welches sich hinter einigen Bumen zeigte, und bat um Einla
gegen Sturm und Ungewitter. Eine laute heisere Stimme antwortete von
innen, doch vernahm der Jngling kein Wort, denn Sturm und Gewitter und
Regen, das Rauschen der Bume, alles tobte jetzt so heftig
durcheinander, da jeder andre Laut erstarb.

Die Thr des kleinen Hauses ging nach dem Garten, er mute durch diesen
eilen, dann fate ihn eine weibliche Hand, leitete ihn durch einen
finstern Gang, und erffnete eine kleine Stube, aus welcher ihm der
Schein einer Lampe und das Feuer auf dem Heerde entgegen schimmerte. In
der Ecke sa bei der Lampe eine hliche Alte und spann, das junge
Mdchen, das ihn hereingefhrt hatte, machte sich am Heerde zu thun, und
lange konnte er vor dem ungewissen wankenden Schein die Gestalten nicht
nher prfen, lange konnte kein Gesprch gangbar werden, weil das Getse
des Donners alles bertubte.

Das ist ein grausames Unwetter, sagte in einer Pause die Alte mit
krchzender Stimme. Woher seid Ihr denn, junger Mensch?

Ich komme von Padua, seit heut Abend.

Weither, rief die Alte, liegt ja sechs Stunden von hier. Wo wollt Ihr
denn hin, da hier keine Landstrae geht?

Wei es nicht, mag es auch nicht wissen. Der Unglckliche ist nicht
fhig, einen Plan zu entwerfen, oder fr die Zukunft zu sorgen. Wie wohl
wrde mir seyn, wenn es fr mich gar keine Zukunft gbe.

Sprecht irre, junger Mensch, und das mu nicht seyn. -- Ei! rief sie
aus, indem sie die Lampe erhob und ihn nher betrachtete, ja gar ein
Florentiner! Das Wamms und den Kragen habe ich lange nicht gesehn. Je
nun, das hat mir wohl auch was Gutes zu bedeuten. Hat mir das garstige
Gewitter also einen lieben Gast bescheert; denn wit nur, mein junger
Herr, ich bin auch aus dem gesegneten Lande. Ja, Florenz! Ach, wer doch
einmal wieder auf deinen Boden treten und die theuren Berge und Grten
wieder sehn knnte! Und Euer Name, lieber, junger Herr?

Antonio Cavalcanti, sagte der Jngling, der wegen der Landsmannschaft zu
der hlichen Alten mehr Vertrauen fate.

O welcher Ton, rief sie wie begeistert aus: ja Cavalcanti, so einen habe
ich vor Jahren wohl auch gekannt, einen Guido.

Der war mein Vater, rief Antonio.

Und lebt nicht mehr?

Nein, sagte der junge Mann, auch meine Mutter ist mir schon seit lange
entrissen.

Wei es, wei es, liebes, schnes, junges Kind. Ja, ja, es werden jetzt
schon fnfzehn Jahre seyn, da sie gestorben ist. Ach ja, sie mute wohl
dazumal in der bsen Zeit den Geist aufgeben. Und Euer lieber, guter
Vater, dem habe ich es einzig zu verdanken, da die Richter mich nicht
einige Jahre nachher auf den Scheiterhaufen setzten, sie hatten sich's
einmal in den Kopf genommen, ich sei eine Hexe, und da half kein
Widersprechen. Aber der Herr Guido kmpfte mich durch, mit Vernunft und
Drohung, mit Bitten und Zorn, und sie haben mich denn blo aus dem
lieben Lande verbannt. Und nun bringt mir das Donnerwetter den Sohn
meines Wohlthters in meine kleine, arme Htte. Gebt mir doch auch die
Hand darauf, junges Blut.

Antonio gab sie der Alten schaudernd, die er jetzt erst nher betrachten
konnte. Sie grinste ihn freundlich an, und zeigte zwei schwarze, lange
Zhne, die einen widerwrtigen Mund noch hlicher machten, die Augen
waren klein und scharf, die Stirn gefurcht, das Kinn lang, sie streckte
zwei drre Arme nach ihm aus, und als er sie wider Willen umfassen
mute, fhlte er den Hcker, der die Hlichkeit noch abscheulicher
machte. Nicht wahr? sagte sie mit erzwungenem Lachen, ich bin nicht
sonderlich hbsch, war es auch in meiner Jugend nicht. Es ist mit der
Schnheit etwas Besonderes, man kann eigentlich niemals sagen und
beschreiben, worin sie besteht, es ist immer nur eine Abwesenheit von
gewissen Dingen, die, wenn sie in ihrer Bestimmtheit da sind, das
ausmachen, was die Leute die Hlichkeit nennen. Sagt mir einmal, was
findet Ihr denn nun so an mir wohl am widerwrtigsten?

Liebe Alte, sagte der Jngling verlegen --

Nein, rief sie, rund mit der Wahrheit heraus, ohne alle Schmeichelei!
Jeder Mensch hat doch nun einmal die oder jene Gabe, und so bilde ich
mir nicht wenig darauf ein, da mir alles das abgeht, was sie in der
Welt schn nennen. Nun, zeigt einmal Euren Geschmack. Sprecht!

Wenn ich mu, stotterte Antonio, dem trotz seiner Trauer ein Lcheln
jetzt auf die Lippen trat, die beiden Zhne wollen mir --

Ha, ha! rief die Alte laut lachend, die beiden guten lieben alten
schwarzen Zhne wollen Euch am wenigsten gefallen. Ich glaub' es wohl,
sie stehen wie zwei verbrannte Palisaden an einer zerstrten Vestung da
in dem weiten leeren Raum. Aber Ihr httet mich vor zehn Jahren sehn
sollen, da war das Ding noch viel schlimmer. Dazumal hatt' ich den
ganzen Mund voll solcher entsetzlichen Hauer, und die mich lieb hatten,
wollten mir sagen, es she grlich aus. So fielen sie denn nach und
nach aus, und die beiden Stammhalter sind nur noch brig geblieben. Wenn
sie einmal abgehn, so klappt das Maul vllig zu, die Oberlippe wird
dreimal so lang, und man kann wieder nicht wissen, was fr ein Bildni
dadurch zu Stande kommt. Die Zeit, mein lieber junger Freund, ist, wie
schon vor vielen Jahren einer gesagt hat, eine thrichte Knstlerin, sie
macht ein Bild leidlich hbsch, dann knstelt, schnitzelt, reckt und
stmpert sie am Menschen herum, zieht Nase und Kinn in die Lnge, drckt
die Backen ein, pinselt die Stirn voller Falten, bis sie ein
Fratzengesicht zu Stande gebracht hat; dann schmt sie sich am Ende,
schmeit den ganzen Bettel hin und deckt ihn mit Erde zu, damit nicht
alle Welt ihre Schande sehe. So glatt bleibt Ihr auch nicht, wie Ihr
jetzt in Eurer Politur glnzt. Ah! zeigt! freilich, Ihr habt Zhnchen
wie die reinsten Perlen. Schade, da die mssen gebraucht werden, um
Brod und Rinderbraten zu kauen. Ei, ei, -- zeigt -- weiter auf den Mund
-- die stehn aber so sonderbar, -- hm! und der Augenzahn! Nun, das ist
zu bedenken.

Antonio wute nicht, ob er schelten oder lachen sollte; doch zwang er
sich heiter zu seyn, und dem Geschwtz der Alten nachzugeben, die
gleichsam wegen frher Bekanntschaft mit der Familie eine sonderbare
Gewalt an ihm ausbte. Wie fuhr er aber entsetzt zusammen, als sie
pltzlich: Crescentia! ausrief.

Ums Himmels willen! sprach er erschttert, kennt Ihr sie? Saht Ihr sie?
wit Ihr von ihr?

Was ist Euch? heulte die Alte, mu ich sie doch wohl kennen, da sie
meine eigne Tochter ist. Seht nur selbst, wie die trge Dirne da
eingeschlafen sitzt, das Feuer ausgehn und die Suppe verkhlen lt.

Sie nahm die Lampe und nherte sich dem Heerde; aber wie ward dem
Jnglinge, als er seine Geliebte heute zum zweitenmale wiedersah, fast
eben so, wie am Abend. Das blasse Haupt lag gesenkt, die Augen
geschlossen, alle Lineamente, auch die dunkeln Locken seiner Braut, eben
so hatte sie die kleinen Hndchen gefaltet, zwischen welchen sie
ebenfalls ein Christusbild hielt. Das weie Gewand half die Tuschung
erhhen, nur fehlten die Blumen, doch webte die Dmmerung wie Krnze
schweren dunkeln Laubes um ihre Locken. Sie ist todt, seufzte Antonio,
sie starr betrachtend. -- Faul ist sie, die trge Dirne, sagte die Alte,
und schttelte die schne Schlferin wach; nichts als beten und
schlummern kann das unntze Geschpf.

Crescentia ermunterte sich, und ihre Verwirrung erhhte noch ihre
Anmuth. Antonio fhlte sich dem Wahnsinne nahe, da er diejenige wieder
vor sich sah, die er doch auf ewig verloren hatte. Alte Zauberin! rief
er heftig aus, wo bin ich? Und welche Gebilde fhrst Du vor die irren
Sinne? Sprich, wer ist jenes holdselige Wesen? Crescentia, bist Du
wieder da? Erkennst Du mich noch als den Deinen? Wie bist Du hieher
gerathen?

Holla! mein junger Prinz, schrie die Alte, Ihr faselt ja, als wenn Ihr
Euer bischen Verstand verloren httet. Rumort Euch das Gewitter im Kopf
herum? Hat der Blitz etwa in Euern Witz geschlagen? Es ist meine
Tochter, und ist es von je an gewesen.

Ich kenne Euch nicht, sagte die bleiche Crescentia hold errthend. Ich
bin nie in der Stadt gewesen.

Setzt Euch, unterbrach sie die Alte, geniet, was da ist. Die Suppe
wurde aufgetragen, einige Frchte, und aus einem kleinen Wandschrank
nahm die Alte eine Flasche kstlichen florentinischen Weins. Antonio
konnte nur wenig genieen, sein Auge war auf Crescentia hingebannt, und
seine verwirrte und erschtterte Phantasie wollte ihn immer wieder von
Neuem bereden, diese sei seine gestorbene Braut. Oft glaubte er dann
wieder, in einem schweren Traum gefesselt zu liegen, oder von einem
Wahnsinn befangen zu seyn, der alle Gegenstnde um ihn verwandele, da
er vielleicht in der Stadt, oder in seiner Heimath weile, nur seine
Einbildungen sehe, und keinen seiner Freunde erkenne und vernehme, die
wohl trstend oder klagend um ihn stehn mchten.

Das Gewitter hatte ausgetobt, und die Sterne glnzten am beruhigten
dunkeln Himmel. Die Alte a mit Begier und trank noch eifriger von dem
sen Weine. Nun endlich, junger Antonio, fing sie nach einiger Zeit an,
erzhlet uns doch, was Euch nach Padua, was Euch hieher getrieben hat.

Antonio fuhr wie erwachend auf. Ihr knnt wohl, erwiederte er, einige
Nachrichten von Eurem Gaste verlangen, da Ihr obenein meinen Vater, und
vielleicht auch meine Mutter gekannt habt.

Wohl habe ich sie gekannt, sagte die Alte schmunzelnd, kein Mensch so
gut als ich. Ja, ja, sie starb sechs Monat zuvor, ehe Euer Vater seine
zweite Ehe mit der Marchese Manfredi stiftete.

Also das wit Ihr auch?

Ist mir doch, fuhr jene fort, als she ich das schmucke Pppchen noch
immer vor mir. Nun, lebt die schne Stiefmutter denn noch? Als sie mich
aus dem Lande jagten, war sie noch in ihrer schnsten Blthe.

Ich mag es Euch nicht wiederholen, sagte Antonio mit einem Seufzer, was
ich durch diese mir fremde Mutter litt; sie hatte meinen Vater wie
bezaubert, der lieber allen seinen alten Freunden, lieber seinem Sohne
Unrecht thun, als sie irgend beleidigen wollte. Endlich aber nderte
sich dieses Verhltni, doch brach mein Herz fast beim Anblick dieses
Hasses, wenn es frher nur ber erlittene Krnkungen geblutet hatte.

Also recht bitter bse, fragte die Alte mit widerwrtigem Lcheln, ging
es in der Haushaltung zu?

Antonio betrachtete sie mit scharfem Blicke und sagte verwirrt: Ich wei
nicht, wie ich dazu komme, hier von meinem und dem Elend meiner Eltern
zu erzhlen.

Die Alte leerte ein Glas rothen Wein, der wie Blut im Glase stand. Mit
lautem Lachen sagte sie dann: wei ich mir doch kein herrlicheres
Vergngen, versteht, was man so recht Wonne und Seligkeit nennen kann,
als wenn so zwei Ehehlften, die frher einmal zwei Liebesleute waren,
sich wie Katze und Hund, oder wie zwei Tigerthiere herumbeien,
schelten, einander verfluchen, und Herz und Seele dem Satan opfern
mchten, um eins das andere zu krnken, oder seiner los zu werden. Das,
junger Fant, ist die wahre Herrlichkeit des sterblichen Lebens.
Besonders aber, wenn die beiden Verbndeten vorher aus Liebe recht
geraset haben, alles, auch das Ungewhnliche fr einander gethan, wohl
gar manches begangen, was andre fromme Leutchen Verbrechen nennen, um
nur zu einander zu kommen, um nur endlich und endlich das nun so
verhate Band zu schlingen. Glaubt mir, das ist alsdann fr den Satan
und die ganze Hlle ein hohes Fest, ein Jubeln und Cymbelnklang der
Unterirdischen. Und hier nun gar, -- doch, ich schweige, ich knnte
leicht zu viel sagen.

Crescentia sah den Erstaunten wehmthig an. Verzeiht ihr, sagte sie
lispelnd, Ihr seht, sie ist trunken, die Unglckliche.

In Antonio's Seele aber erwachte die Vorzeit und alle ihre trben Scenen
mit frischer Kraft. Der trbe Tag kam ihm zurck, als er seine
Stiefmutter auf ihrem Sterbebette sah, als sein Vater verzweifelte und
sich und die Stunde seiner Geburt verfluchte, als er den Geist seiner
ersten Gattin anrief und um Vergebung flehte.

Habt Ihr nichts mehr zu erzhlen? fragte die Alte, und weckte ihn
dadurch aus seiner staunenden Trumerei.

Was soll's? sagte Antonio im tiefsten Schmerz, scheint Ihr doch alles zu
wissen, oder durch Weissagung erfahren zu haben. Brauche ich es Euch zu
sagen, da ein alter Diener, Roberto, sie vergiftet hatte, von ihrem Ha
verfolgt und zur Rache angespornt? Da dieser boshaft und verrucht
meinem Vater das Verbrechen zuwlzen wollte? Er entsprang aus dem
Gefngnisse, bersteigt die Gartenmauer und stt in der Grotte meinem
Vater den Dolch in die Brust!

Der alte Roberto? Roberto? rief die Alte, fast wie im frohen Jubel; ei,
sieh doch! was man an den Leuten nicht erlebt! Ja, ja, der Schleicher
war in jngern Jahren so ein rechter Tuckmuser, ein scheinheiliger
Hund, ist aber nachher ein resoluter Bursche geworden, wie ich hre. In
der Grotte also? Wie sich alles so wunderbar fgen mu. Da sa Euer
Vater in frhern Jahren so oft mit der ersten Gattin, dort hat er ihr
zuerst, als ihr Brutigam, ewige Liebe geschworen. Dazumal trug Roberto
gewi schon jenen Dolch, wute aber nicht, da er ihn erst nach zwanzig
Jahren so sonderbar brauchen sollte. Dort hat auch die zweite Gemahlin
oft bei dem khlen Brunnen geschlummert, da lag der Mann wieder zu ihren
Fen. Nicht wahr, Antonio, Kind, das Leben ist ein recht buntes, recht
dummes, recht abgeschmacktes und recht grauliches Fabelgemisch? Kein
Mensch kann sagen: dahin will ich nicht! Die Schmerzen und Gefhle, die
Stacheln und das Rasen, die die schwarzen Gesellen in der Hlle
schmieden, das alles kommt und kommt langsam, wunderlich, nher und
immer nher, mit einemmale ist das Entsetzliche im Hause, und der
Verzweifelte sitzt dann damit im Winkel und nagt daran, so wie der Hund
am Knochen. Trink, trink, mein Shnchen, durch diesen Saft wird alles
besser, wenn seine Geister in die Seele steigen. -- Nun, und Du? Erzhle
doch weiter.

Ich schwur dem Vater Rache, sagte Antonio.

So ist es recht, erwiederte die Alte; sieh, mein Kind, wann so ein Brand
erst in ein Haus geschleudert ist, so mu er niemals, niemals wieder
erlschen. Von Geschlecht zu Geschlecht, zum Enkel und zum Vetter erbt
das Gift, die Kinder rasen schon, die Wunde blutet immer wieder, ein
neuer Aderla mu wieder das Unglck retten und auf die Beine bringen,
das sonst vielleicht gar verscheiden knnte. O Rache, Rache ist ein
kstliches Wort.

Aber Roberto, sagte Antonio, war entflohen und nirgends zu finden.

Schade, Schade, rief die Alte aus. Nun trieb Dich Deine Rache wohl in
die Welt?

Ja wohl, ich erwuchs, ich sah Italien, forschte in allen Stdten, konnte
aber keine Spur des Mrders entdecken. Der Ruf Pietro's von Abano hielt
mich endlich in Padua fest. Ich wollte von ihm Weisheit lernen, aber als
ich in das Haus des Podesta kam --

Nun? sprich heraus, Kind!

Was soll ich sagen? Ich wei nicht, ob ich rase oder trume. Dort sah
ich die Tochter, die holde, die liebreizende Crescentia. Und ich sehe
sie jetzt wieder vor mir, ja sie ist es selbst, jener Leichenzug war ein
bser, ungeziemender Scherz, und diese Verkleidung, diese Flucht in die
Wste hieher ist wieder eine unziemliche Verlarvung. Gieb Dich endlich,
endlich zu erkennen, theure, holdselige Crescentia. Weit Du es ja doch,
da mein Herz nur in Deinem Busen lebt. Wozu diese grausamen Proben?
Sind Deine Eltern vielleicht dort in der Kammer, und hren alles, was
wir sprechen? La sie nun endlich, endlich herein treten, es sei nun der
grausamen Prfung, die mich wahnsinnig machen kann, genug geschehn.

Die bleiche Crescentia sah ihn mit einem unbeschreiblichen Blicke an,
eine solche Wehmuth im Angesicht, da ihm die Thrnen aus den Augen
strzten. Er ist wahrlich schon betrunken! heulte die Alte. Sprecht,
sagt, ist denn die Tochter des Podesta todt? Gestorben wre sie? und
wann?

Heut Abend, sagte der Weinende, bin ich ihrer Leiche begegnet.

Also auch die? fuhr die Alte lustig fort, indem sie wieder einschenkte.
Nun, da wird sich ja die Familie Markone in Venedig freuen.

Warum?

Weil sie nun die einzigen Erben des reichen Mannes sind. Das haben die
Klugen immer gewnscht, es aber niemals hoffen knnen.

Weib! rief Antonio mit neuem Entsetzen aus, Du weit ja Alles.

Nicht Alles, erwiederte Jene, aber Etwas. Und manches lt sich dann
auch wohl errathen. Und freilich, etwas Hexerei ist auch im Spiele.
Erschreckt nur nicht gar zu sehr. Es war auch nicht so ganz um gar
nichts, da mich die Herren Florentiner auf den Holzsto setzen wollten,
einige kleine unbedeutende Urschelchen konnten sie immer fr diesen
Wunsch anfhren. -- Schau mir ins Gesicht, Knabe, streiche die Locken
aus der Stirn: gut! Nun gieb die linke Hand: die rechte; ei! ei!
sonderbar und wunderlich! Ja, ja, Dir steht ein nahes Unglck bevor,
aber wenn Du es berlebst, wirst Du Deine Geliebte noch wiedersehn.

Jenseit! seufzte Antonio.

Jenseit? was ist Jenseit? rief die Alte im Taumel; nein, diesseit, was
wir hier auf Erden nennen. Was die Narren fr Worte brauchen. Es giebt
kein Jenseit, alberner Kindskopf, wer hier nicht schon das Fett von der
Brhe abschpft, der ist bel betrogen. Aber damit kirren sie die
Gelbschnbel, da sie hbsch im Geleise bleiben, wohin man sie lenken
will, wer aber ihren Fabeln nicht glaubt, der ist auch dafr frei, und
kann thun, was ihn gelstet.

Antonio sah sie zrnend an, und wollte ihr heftig erwiedern, aber die
blasse Crescentia legte einen so demthig flehenden Blick fr ihre
Mutter ein, da sein Zorn entwaffnet wurde. Die Alte ghnte und rieb
sich die Augen, und es whrte nicht lange, so war sie, vom hufigen
Genu des starken Weins betubt, fest eingeschlafen. Das Feuer auf dem
Heerde war erloschen, und die Lampe warf nur noch matte Schimmer.
Antonio fiel in ein tiefes Nachsinnen, und Crescentia sa am Fenster auf
einem niedrigen Schemel. Kann ich wo schlafen? sagte der erschpfte
Jngling endlich.

Oben ist noch eine Kammer, sagte Crescentia schluchzend, und er bemerkte
nun erst, da sie die ganze Zeit ber heftig geweint hatte. Sie putzte
die Lampe, da sie heller brenne, und ging schweigend voran. Er folgte
eine schmale Treppe hinauf, und als sie oben in dem engen finstern
Behltnisse waren, setzte das Mdchen die Leuchte auf einen kleinen
Tisch und war im Begriff sich zu entfernen. Doch schon an der Thr
kehrte sie noch einmal um, betrachtete den jungen Mann wie mit einem
Todtenblicke, stand bebend vor ihm, und fiel dann laut schluchzend und
in unverstndlichen heftigen Klagen wie in Krmpfen zu seinen Fen
nieder. Was ist Dir, mein holdes Kind? rief er aus, und wollte sie
aufheben; beruhige Dich: sage mir Dein Leid.

Nein, lat mich hier liegen, rief die Klagende, ach! wenn ich doch hier
zu Euren Fen, wenn ich doch jetzt sterben knnte! Nein, es ist zu
entsetzlich! Und da ich nichts thun, nichts hindern kann, da ich den
Gruel nur stumm und ohnmchtig anschauen mu. Aber Ihr mt es
erfahren.

So sammle Dich nur, sagte trstend Antonio, da Du nur Deine Stimme, da
Du nur die Worte wieder findest.

Ich sehe, sprach jene vom Weinen unterbrochen heftig fort, Eurer
gestorbenen Geliebten hnlich, und ich bin es, die Euch an der Hand in
die Mrdergrube fhren mu. Meine Mutter kann leicht prophezeien, da
Euch ein nahes Unglck bevorsteht: kennt sie doch die Gesellen, die
allnchtlich hier einkehren. Dieser Hhle ist noch Keiner lebendig
entronnen. Jede Minute fhrt ihn nher und nher, den greulichen
Ildefons, oder den verruchten Andrea, mit ihren Knechten und Gehlfen.
Ach! und ich kann nur der Herold Eures Todes seyn, Euch keine Hlfe,
Euch keine Rettung bieten.

Antonio entsetzte sich. Bleich und zitternd fate er nach seinem
Schwert, versuchte seinen Dolch, und sammelte Muth und Entschlossenheit
wieder. So sehr er den Tod erst gewnscht hatte, so war es ihm doch zu
furchtbar, in einer Ruberhhle endigen zu mssen. Du aber, fing er an,
Du mit diesem Angesichte, mit dieser Gestalt, kannst es ber Dich
gewinnen, eine Gesellin, eine Gehlfin der Verruchten zu seyn?

Ich kann nicht entfliehen, seufzte die Trostlose, wie gern entwiche ich
diesem Hause. Ach! und diese Nacht, morgen soll ich von hier und ber
das Meer geschleppt werden, die Gattin des Andrea oder Ildefons soll ich
seyn. Ist es nicht besser, jetzt zu sterben?

Komm, rief Antonio, die Thr ist offen, entflieh mit mir, die Nacht, der
Wald werden uns ihren Schutz verleihen.

Seht Euch nur um, sagte das Mdchen, seht nur, wie hier und im untern
Gemache die Fenster mit starken Eisenstben verwahrt sind, die Thr des
Hauses ist mit einem groen Schlssel versperrt, den die Mutter nicht
von sich giebt. Saht Ihr nicht, wie sie die Thr ins Schlo warf, als
Ihr hereingetreten wart?

So falle die Alte zuerst, rief Antonio, wir entreien ihr den Schlssel
--

Meine Mutter sterben! schrie die blasse Mdchengestalt, und klammerte
sich mit Heftigkeit an ihn, um ihn fest zu halten.

Antonio beruhigte sie. Er schlug ihr vor, der Alten, da sie berauscht
sei, und fest schlafe, den groen Schlssel der Thre leise von ihrer
Seite zu nehmen, dann zu ffnen und zu entfliehen. Von diesem Plane
schien Crescentia einige Hoffnung zu fassen, sie gingen still wieder in
das untere Gemach und fanden die Alte noch fest schlafend. Crescentia
machte sich zitternd an sie, suchte und fand den Schlssel, und es
gelang ihr nach einiger Zeit, ihn vom Bande des Grtels abzulsen. Sie
winkte dem Jngling, behutsam nherten sie sich der Thr, mit Vorsicht
brachten sie den eisernen Schlssel in das Schlo, mit fester Hand
wollte Antonio jetzt ohne Gerusch den Riegel zurckschieben, als er
fhlte, da drauen eben so geruschlos ein andrer am Schlosse arbeite.
Die Thr ffnete sich sacht und herein trat, Antlitz an Antlitz dem
Antonio, ein groer wilder Mann. Ildefonso! schrie das Mdchen auf, und
der Jngling erkannte in ihm auf den ersten Blick den Mrder Roberto.

Was ist das? sagte dieser mit dumpfer Stimme; woher habt Ihr den
Schlssel? Wohin?

Roberto! schrie Antonio und fate den ungeheuren Mann wthend an der
Kehle. Sie rangen heftig mit einander, doch gelang es der Kraft des
Jnglings, den Bsewicht auf den Boden zu werfen, dann kniete er ihm auf
die Brust und senkte seinen Dolch ihm in das Herz. Mit lautem Geschrei
war indessen die Alte erwacht, sie sprang auf, als sie den Kampf sah und
ri unter Geheul und Verwnschungen die Tochter hinweg, sie schleppte
sie zur Kammer hinauf, und verriegelte von innen die Thr. Jetzt wollte
Antonio hinauf, um sich die Kammer mit Gewalt zu ffnen, als mehrere
dunkle Gestalten herein traten, und nicht wenig erstaunten, ihren
Anfhrer todt am Boden zu finden. Jetzt bin ich Euer Hauptmann! rief
eine breite, brtige Figur, indem dieser das Schwert zog. Wenn
Crescentia mein ist! antwortete trotzig ein jngerer Ruber. Beide, auf
ihrem Sinne bestehend, fielen sich mrderisch an. Die Lampe ward
umgestrzt, und unter Geheul und Fluchen wlzte sich der Kampf in der
Finsterni von einer Ecke zur andern. Seid ihr unsinnig? schrie eine
andre Stimme dazwischen; ihr lat den Fremden entfliehn, schlagt ihn
zuerst darnieder und fechtet dann eure Hndel aus! Doch jene, vor Wuth
blind, vernahmen ihn nicht. Schon dmmerte der erste graue ungewisse
Strahl des frhen Morgens. Da fhlte Antonio die Mrderfaust an seiner
Brust, aber schnell und rstig stie er den Angreifenden nieder. Ich bin
erschlagen, rief dieser, auf den Boden fallend: Wahnsinnige, besetzt die
Thr, lat ihn nicht entrinnen. Antonio hatte indessen diese gefunden,
er sprang durch den kleinen Garten und ber den Zaun, die Ruber,
welchen unterde die Besinnung gekommen war, eilten ihm nach. Er war nur
um wenige Schritte voraus, und sie suchten ihm die Bahn abzugewinnen.
Einer warf mit Feldsteinen nach ihm, die aber ihres Ziels verfehlten.
Unter Geschrei und Drohworten waren sie in den Wald gekommen. Hier
zeigten sich verschiedene Richtungen, und Antonio war ungewi, welche er
whlen sollte. Da sah er zurck und die Ruber getrennt, er stellte sich
dem nchsten und verwundete ihn im Kampf, da jener das Schwert mute
sinken lassen. Doch zugleich vernahm er Geschrei und sah von einem
Seitenwege neue Gestalten daher eilen, die ihm den Weg bald verrennen
muten. In dieser hchsten Noth traf er auf einer kleinen Waldwiese sein
Ro wieder an. Es schien sich von der gestrigen Uebermdung erholt zu
haben. Er schwang sich hinauf, nachdem er schnell den Zaum ergriffen und
geordnet hatte, und mit der grten Schnelle, als wenn das Thier seine
Gefahr gefhlt htte, trug es ihn auf einem gebahnten Pfade aus dem
Walde. Nach und nach ertnte das Geschrei seiner Verfolger immer ferner
und ferner, der Wald lichtete sich, und als er schon glauben mute,
nichts mehr befrchten zu drfen, sah er die Stadt im Sonnenglanze vor
sich liegen.

Menschen begegneten ihm, Landleute gingen dieselbe Strae zur Stadt,
Reisende gesellten sich zu ihm, und so kam er nach Padua zurck, indem
er nur weniges auf die vielfachen Fragen und Erkundigungen antwortete,
warum sein Anzug so verwildert, warum er ohne Hut sei. Die Brger sahen
ihn mit Verwunderung an, als er vor dem groen Hause des Podesta
abstieg.

                   *       *       *       *       *

In der Stadt hatte sich in derselben Nacht etwas Wunderbares zugetragen,
was bis jetzt noch allen Menschen ein Geheimni war. Kaum hatte sich die
Finsterni dicht und dichter verbreitet, als Pietro, den man
gemeiniglich nur von seiner Geburtsstadt Apone, oder Abano nannte, im
innersten Zimmer seines Hauses alle Gerthe, alle seine knstlichen
Instrumente zu einer geheimen und seltsamen Operation in Ordnung
richtete. Er selbst war in lange Gewnder gekleidet, die mit
wunderlichen Hieroglyphen bezeichnet waren, in seinem Saal hatte er die
magischen Kreise beschrieben, und alles kunstreich geordnet, um seiner
Wirkung gewi zu seyn. Er hatte den Stand der Gestirne genau erforscht,
und erwartete jetzt den gnstigsten Augenblick.

Sein Gefhrte, der hliche Beresynth, war auch mit magischen Kleidern
angethan. Er holte und stellte auf den Befehl seines Gebieters alles so,
wie dieser es nthig erachtete. Bemalte Decken waren an den Wnden
verbreitet, der Boden des Zimmers verkleidet, der groe Zauberspiegel
aufgerichtet, und nher rckte und nher der Moment, den der Magier fr
den glcklichsten erachtete.

Hast Du die Kristalle in die Kreise gestellt? rief jetzt Pietro. Ja,
antwortete der geschftige Gesell, dessen Fratze sich zwischen den
Phiolen, Spiegeln, menschlichen Gerippen und allen dem seltsamen
Hausrath munter und unermdlich tummelte. Jetzt wurde das Ruchwerk
gebracht, eine Flamme entzndete sich auf dem Altar, und der Magier nahm
vorsichtig, fast bebend, aus seinem geheimsten Schranke das groe Buch.
Geht's los? rief Beresynth. -- Schweig, erwiederte der Alte feierlich,
und stre die heilige Handlung durch keine frevelnden, durch keine
unntzen Worte. Er las, erst leise, dann lauter und eifriger, indem er
mit gemessenen Schritten auf und nieder, dann im Kreise wandelte. Nach
einer Weile hielt er inne und befahl: schau hinaus, wie sich der Himmel
gestaltet.

Dichte Finsterni, sagte der rckkehrende Diener, hat den Himmel
umzogen, Wolken jagen sich, ein Regen fngt an zu trufeln. -- Sie sind
mir gnstig, rief der Alte, es mu gelingen! Jetzt kniete er nieder, und
berhrte oft, die Beschwrung murmelnd, mit der Stirn den Boden. Sein
Gesicht war erhitzt, seine Augen funkelten. Man hrte ihn die heiligen
Namen nennen, die verboten sind auszusprechen, und er sandte nach langer
Zeit seinen Diener wieder hinaus, um nach dem Firmament zu schauen.
Indessen vernahm man den heranbrausenden Sturm, Blitz und Donner jagten
sich, und das Haus schien in seinen Grundfesten zu erbeben. Hrt das
Wetter, rief Beresynth, eilig zurckkehrend. Die Hlle hat sich von
unten herauf gemacht, und wthet mit Feuer und wilden krachenden
Donnerschlgen, ein Sturm braust dazwischen, und die Erde zittert.
Haltet inne mit Beschwren, da nicht die Speichen brechen, und die
Fugen, die die Welt zusammen halten, zerspringen.

Thrichter! Bldsinniger! rief der Magier; genug der unntzen Worte!
Alle Thren rei auf, erffne auch das Thor des Hauses.

Der Zwerg entfernte sich, um die Gebote seines Herrn auszurichten.
Dieser entzndete inde die geweihten Kerzen, mit Schaudern nahte er
sich der groen Fackel, die auf dem hohen Leuchter stand, auch sie
brannte endlich, dann wand er sich auf dem Boden und beschwor lauter und
lauter. Seine Augen funkelten, seine Glieder bebten alle, zuckten wie in
Krmpfen, und ein kalter Schwei der Angst flo von seinem Haupte. Mit
wilder Geberde sprang der Zwerg wie entsetzt wieder herein und rettete
sich in die Kreise. Die Welt geht unter, schrie er bleich und mit den
Zhnen klappernd, die Gewitter ziehn fort, aber alles ist in der stillen
Nacht Entsetzen und Graus, jedes Geschpf hat sich in das innerste
Gemach und die Kissen des Bettes geflchtet, um der Angst zu entweichen.

Der Alte erhob vom Boden ein todtenbleiches Antlitz, und verzerrt und
unkenntlich schrie er mit fremdem Laute: Schweig, Unglckseliger, und
stre das Werk nicht. Gieb Acht, und behalte Deine Sinne. Das Grte ist
noch zurck.

Mit einer Stimme, als wollte er seine Brust zersprengen, las und
beschwor er wieder, der Athem schien ihm oft zu fehlen, es war, als
msse die ungeheure Anstrengung ihn tdten. Da hrte man pltzlich
Stimmen durcheinander, wie im Streit, dann wie Gesprch, sie flsterten,
sie tobten und lachten, Gesang ertnte, und verworrener Klang von
wundersamen Instrumenten. Alle Gerthe wurden lebendig und schritten vor
und gingen wieder zurck, und aus den Wnden in allen Gemchern quollen
Wesen aller Art, Gethier und Ungeheuer und abentheuerliche Fratzen im
buntesten Gewirre.

Herr! schrie Beresynth, das Haus wird zu enge! Wohin mit allen diesen
Geistern? Einer mu den andern fressen. O weh! o weh! Immer greulicher,
immer toller wickelt sich einer aus dem andern: ich verliere den
Verstand! Und diese Musik dazu, dies Gellen und Pfeifen, Gelchter
dazwischen, und rhrende Klagegesnge. Seht, Herr! seht! die Wnde, die
Zimmer dehnen sich aus: alles wird zu unermelichen Slen, zu hohen
Gewlben, und noch schieen die Creaturen hervor, und vermehren sich mit
dem wachsenden Raume. Knnt Ihr nicht rathen, knnt Ihr nicht helfen?

Ganz ermattet erhob sich jetzt Pietro, er war verwandelt und wie
sterbend. Schau noch einmal hinaus, sprach er leise, wende Dein Auge
nach dem Dom, und berichte mir, was Du siehst.

Ich trete dem Gesindel hier auf den Kopf, schrie der verwirrte
Beresynth, sie winden sich spielend wie die Schlangen um mich her, und
lachen hhnisch ber mich. Sind es Geister? sind es Kobolde oder leere
Phantome? Ei was! wenn ihr nicht aus dem Wege gehn wollt, so trete ich
euch in die grnlichen und blauen Schnauzen hinein! Jeder ist sich
selbst der Nchste. Er polterte murrend hinaus.

Jetzt ward es still, und Pietro stand auf. Er winkte, und alle jene
Wundergestalten, die sich am Boden gekrmmt, die sich in der Luft
durcheinander gewunden hatten, verschwanden wieder. Er trocknete Schwei
und Thrnen ab und holte freier Athem. Sein Diener kam zurck und sagte:
Herr! alles ist ruhig und gut, aber lichte Gebilde zogen mir vorber und
verschwanden in den dunklen Himmel hinein: darauf, wie ich unverwandt
nach dem Dom hinschaue, ertnt ein gewaltiger Klang, wie wenn alle
Saiten einer Harfe zugleich rissen, und ein Schlag geschah, da die
Strae und alle Huser zitterten. So ri sich dann die groe Thr der
Kirche auf, Flten erklangen s und lieblich, und eine sanfte lichte
Klarheit ergo sich aus dem Innern der Kirche. Gleich darauf trat ein
weibliches Gebild in den Schein, bla, aber glnzend, mit Blumenkronen
geschmckt, sie schwebte aus dem Thor und Lichtstrahlen bereiteten ihr
eine Strae, auf welcher sie wandeln sollte. Das Haupt gerade, die Hnde
gefaltet, so schwebt sie heran, auf unsre Wohnung zu. Ist es denn diese,
auf welche Ihr gewartet habt?

Nimm den goldnen Schlssel, antwortete Pietro, und erffne mit ihm das
innerste kostbarste Gemach meines Hauses. Die Purpurdecke ist
ausgebreitet, die Wohlgerche duften. Dann fort und lege Dich nieder.
Forsche nicht weiter nach, was geschieht. Sei gehorsam und verschwiegen,
wenn Du Dein Leben achtest.

Kenne ich Euch doch, antwortete der Zwerg und entfernte sich mit dem
Schlssel, indem er noch einmal wie einen schadenfrohen Blick zurck
warf.

Indem kam ein liebliches Gesusel nher, Pietro ging nach dem Vorsaal,
und herein schwebte die blasse Leichengestalt der Crescentia, in ihrem
Todtenschmucke, das Crucifix noch in den gefaltenen Hnden haltend. Er
stand vor ihr, sie schlug die groen Augen auf und schauderte in
lebhafter Bewegung vor ihm zurck, so da vom schttelnden Haupte die
Blumenkrnze niedersanken. Stumm bog er die festgeschlossenen Hnde
auseinander, in der linken aber behielt sie das Kreuz fest eingeklemmt.
An der rechten Hand fhrte er sie durch seine Gemcher, und sie ging
neben ihm, starr und ohne Theilnahme, ohne sich umzusehn.

Das fernste Gemach empfing sie. Purpur und Gold, Seide und Sammet
schmckten es kostbar aus. Durch die schweren Vorhnge schimmerte am
Tage das Licht nur matt herein. Er deutete hin auf das Lager, und die
Bewutlose, wunderbar Belebte senkte und neigte sich wie eine
Lilienblume, die der Wind bewegt, sie fiel auf die rothen Decken und
athmete schmerzlich. Aus einem goldnen Flschchen go der Alte eine
kostbare Essenz in eine kleine Schale von Kristall und legte ihr diese
an den Mund. Die blassen Lippen schlrften den wunderbaren Trank, sie
schlug noch einmal das Auge auf, betrachtete ihren vormaligen Freund,
wandte sich mit dem Ausdruck des Abscheues um, und fiel in einen tiefen
Schlaf.

Sorgfltig verschlo der Alte wieder das Gemach. Alles im Hause war
ruhig. Er begab sich auf sein Zimmer, um unter seinen Bchern und
Zaubergerthen den Aufgang der Sonne und die Geschfte des Tages zu
erwarten.

                   *       *       *       *       *

Als der unglckliche Jngling Antonio geruht hatte, ritt der Podesta am
folgenden Tage mit ihm und einem groen bewaffneten Gefolge aus, um jene
Htte, die hliche Alte und die Ruber aufzusuchen und zu fangen. Nach
der Erzhlung Antonio's war der trostlose Vater sehr begierig geworden,
jenes Mdchen zu sehn, welches seiner verstorbenen Tochter so hnlich
seyn sollte. Kann es seyn, sagte der Alte unterwegs, da ein Traum, dem
ich mich nur zu oft berlassen habe, wirklich werden sollte?

Der Vater war so eilig, da er dem Jngling nicht weiter Rede stand. Sie
kamen in den benachbarten Wald, und hier glaubte sich Antonio noch zu
erkennen, und die Spuren wieder zu finden. Aber jene Nacht hatte ihn so
verwirrt, und seine Lebensgeister so heftig erschttert, da er nachher
seinen Weg nicht entdecken konnte, den er whrend des Sturmes und dem
Krachen des Donners, betubt, zu Fu, und ber Acker und Feld irrend,
fortgesetzt hatte. Sie kreuzten das weite Gefilde nach allen Richtungen;
wo nur Bume oder Gebsche sich entdecken lieen, dahin spornte Antonio,
um die Ruberhtte und in ihr jene wundersame Erscheinung wieder
anzutreffen, oder wenigstens, wenn die Einwohner auch verschwunden seyn
sollten, wie er wohl glauben mute, irgend eine Nachweisung zu erhalten.
Der Podesta glaubte endlich, als man schon einen groen Theil des Tages
so umgeirrt war, die erhitzte Einbildung des Jnglings habe nur in der
Verwilderung seines Schmerzes diese Erscheinungen gesehn. Das Glck,
rief er aus, wre zu gro, und ich bin nur zum Unglck geboren.

In einem Dorfe mute man die Pferde und die Diener verschnaufen lassen.
Die Bewohner wollten nichts von so verdchtigen Nachbarn wissen, auch
hatte man in der Umgegend die Leichname der Erschlagenen nicht gefunden.
Nach kurzer Frist machte sich Antonio wieder auf den Weg, obgleich der
Podesta ihm mit grerem Mitrauen folgte. Bei jedem Bauer, der ihnen
aufstie, wurden Erkundigungen eingezogen, doch keiner wute irgend eine
bestimmte Nachricht zu geben. Gegen Abend traf man auf einen scheinbar
zerstrten Platz, Asche und Schutt lag umher, einige verkohlte Balken
zeigten sich zwischen den Steinen: Bume, die nahe standen, waren
verbrannt. Jetzt schien sich der Jngling wieder zu erkennen. Hier, so
meinte er mit Bestimmtheit, sei der Aufenthalt der Mrder und jener
wunderbaren Crescentia gewesen. Man machte Halt. Weit und breit war in
der wsten Gegend kein Haus zu sehn, kein Mensch war zu errufen. Ein
Diener ritt zum nchsten Ort und brachte nach einer Stunde einen Alten
zu Pferde mit sich. Dieser wollte wissen, da schon seit einem Jahre
eine Htte hier abgebrannt sei, von Soldaten angezndet, der Eigenthmer
des Feldes sei schon seit zehn Jahren in Rom, wo er ein versprochenes
geistliches Amt erwarte, der Verwalter desselben aber nach Ravenna
gereist, um eine alte Schuld einzukassiren.

Verdrossen und ermdet begaben sich die Reisenden zur Stadt zurck. Der
Podesta Ambrosio ging damit um, seine Stelle aufzugeben, sich von allen
Geschften zurck zu ziehn, und selbst Padua zu verlassen, wo ihn alles
nur an sein Unglck erinnerte. Antonio wollte in der Schule des
berhmten Apone sein Elend ertragen und vielleicht vergessen lernen. Er
zog in das Haus dieses groen Mannes, welcher ihm schon seit lange
gewogen war.

                   *       *       *       *       *

Also auch Ihr, sagte nach einiger Zeit der kleine Priester zum
tiefsinnigen Antonio, habt Euch diesem unglcklichen Studio und jenem
verderblichen Manne ergeben, der Eure Seele verfhren wird?

Warum zrnt Ihr, antwortete Antonio freundlich, Ihr frommer Mann? Soll
Religion und Wissenschaft sich nicht freundlich die Hand bieten drfen,
wie es in diesem trefflichen Lehrer geschieht? Er, den die ganze Welt
verehrt, den die Frsten schtzen und lieben, den der heilige Vater
selber bald zu einer geistlichen Wrde erheben will? Warum hat Ihr den,
der Euch und jedermann mit Liebe entgegen kommt? Wtet Ihr, wie seine
Lehre mich trstet, wie er meinen Geist erhebt und zum Himmel richtet,
wie in seinem Munde Frmmigkeit und Religion die begeisterten Worte und
Bilder finden, die seine Schler, wie mit Schwingen des Geistes, in die
berirdischen Regionen fhren, Ihr wrdet nicht so unbillig von ihm
denken und sprechen. Lernt ihn nher kennen, sucht seinen Umgang, kommt
dem, der keinen zurck weiset, freundlich entgegen, und Ihr werdet mit
Reue und in Liebe Euren Ha, Euer voreiliges Urtheil ber ihn
widerrufen.

Ihm? rief der Priester, nein nimmermehr! Wahrt Euch selbst, Jngling,
vor ihm und seinem hllenbezeichneten Diener, der keinen so arglistig,
wie sein Meister, belgen kann.

Es ist wahr, erwiederte Antonio, der kleine Beresynth ist eine
lcherliche und auch hliche Figur, mich wundert selbst, da ihn der
edle Pietro so bestndig in allen seinen Zimmern und Geschften um sich
dulden mag: aber sollen Hcker und andre hliche Abzeichen uns gegen
einen Armen, den die Natur vernachlssigt hat, grausam machen?

Schne Worte, herrliche Redensarten! rief der Priester ungeduldig aus:
bei diesen Gesinnungen gedeihen freilich Zauberer und Betrger. Seht! da
kommt das Scheusal, das ich nicht anschauen, viel weniger mit ihm etwas
verhandeln mag. Wen der Herr auf diese Weise gezeichnet hat, der ist
kenntlich genug, und jedermann, in dem noch nicht alles Gefhl erloschen
ist, gehe ihm aus dem Wege.

Beresynth, der die letzten Worte gehrt hatte, machte sich in einigen
seltsamen Sprngen herbei. Hochwrdiger Herr, rief er aus, seid Ihr denn
etwa selbst von so ausbndiger Schnheit, da Ihr so unbillig urtheilen
drft? Mein Herr ist von Jugend auf ein majesttischer herrlicher Mann
gewesen, und der denkt doch von mir und meines gleichen ganz anders.
Was? Ihr kleiner, untersetzter, verstumpfter, kollriger Mann, dem die
Nase vor Zorne fast immer roth anluft? Ihr mit Euren krummen
Mundwinkeln, mit den verzwickten Falten in der kleinen Stirn, Ihr wollt
von meiner Hlichkeit rumoren? Kuckt das Zwerglein doch kaum ber die
Kanzel hinaus, wenn es dorten handthiert, und ist so schmalbeinig und
schmchtig, da er nicht ber den groen Platz gehn darf, wenn der Wind
einmal stark weht; den die Gemeine kaum erkennt, wenn er vor dem Altar
gestikulirt, wobei ihr der christliche Glaube nachhelfen mu, in der
Hoffnung, er sei wirklich zugegen: -- wie, ein solcher Knirps und
geistlicher Nirgendgesehn will hier wie Goliath Rede fhren? Lat Euch
dienen, unansehnlich Gottseliger, da man aus meiner Nase allein einen
solchen Glaubenshelden, wie Ihr seid, formiren knnte, wobei ich meinen
doppelten Hcker vorn und hinten noch gar nicht einmal in die Rechnung
bringe.

Der erzrnte Priester Theodor hatte sich schon vor dem Schlu dieser
Rede entfernt, und der melancholische Antonio verwies dem kleinen
Gesellen seinen Muthwillen; doch dieser rief aus: fangt Ihr nur nicht
auch an zu moralisiren! das leide ich einmal von keinem andern als
meinem Herrn, denn der ist dazu in der Welt, die Moral, die Philosophie
und dergleichen zu doziren. Aber diese Windfahne von Mnch da, die nur
von Neid und Bosheit so knarrend herum gedreht wird, weil er meint, ihm
geschieht durch meinen herrlichen Meister ein Abbruch an Autoritt, Geld
und Gut, der soll nicht den zahnlosen Mund aufthun, wo ich mein
ungewaschnes Maul nur irgend brauchen kann; und von einem jungen
Studenten leide ich auch keine Widerrede, denn ich habe mir schon den
Bart verschneiden lassen, als Euer Vater noch im Westerhemdchen lief;
Prgel in der Schule und den Esel bekam ich schon umgehngt, als sie
Eurem erlauchten Grovater die ersten Hosen anthaten, darum erzeigt den
Respect da, wo er hingehrt und verget niemals, wen Ihr vor Euch habt.

Erzrne Dich nicht, kleiner Mann, sagte Antonio, ich meine es gut mit
Dir.

Meint's, wie Ihr wollt, rief jener. Mein Herr wird Prlat, wit Ihr das
schon? Und Rektor der Universitt! Und eine neue goldne Gnadenkette hat
er von Paris erhalten! Und Ihr sollt zu ihm kommen, weil er verreisen
und Euch vorher noch einmal sprechen will. Schleppt Euch nicht mit
Pfaffen so herum, wenn Ihr ein Philosoph seyn wollt.

In krummen, wunderlichen Stzen sprang er wieder die Strae hinber, und
Antonio sagte zu Alfonso, der jetzt hinzutrat, und seit einiger Zeit
sich oft freundlich zu ihm gesellte: ich wei niemals, wenn ich mit der
kleinen Migeburt rede, ob sie ihre Worte ernsthaft, oder nur im Scherze
meint. Scheint er doch ber sich selbst und alle Creatur zu spotten.

Das ist ihm, antwortete Alfonso, ein nothwendiger Ersatz, um sich ber
seine Ungestalt zu trsten, denn durch seinen Hohn macht er in seiner
Einbildung alle brigen Geschpfe sich gleich. Aber wit Ihr schon von
den neuen Ehren, die unserm herrlichen Lehrer und Meister zugetheilt
sind?

Die Welt, erwiederte Antonio, erkennt sein hohes Verdienst, und da auch
der Papst, unser heiliger Vater, ihn jetzt zum Prlaten macht, das wird
den neidischen Priestern und Mnchen, die den tugendhaften und frommen
Mann immerdar verketzern wollen, endlich Schweigen gebieten.

Sie trennten sich, und Antonio eilte, von seinem Lehrer auf einige Tage
Abschied zu nehmen. Der kleine Zwerg Beresynth erwartete ihn schon in
der Thr mit grinsender Freundlichkeit.

                   *       *       *       *       *

In den Zimmern war es schon trbe, und da Beresynth den Jngling
verlie, so ging dieser, der seinen Lehrer im Saale, auch in seiner
Bcherstube nicht traf, durch die vielen Gemcher, und gelangte so bis
in das innerste, welches er noch niemals betreten hatte. Bei einer
dmmernden Lampe sa hier Pietro und verwunderte sich nicht wenig, den
Florentiner eintreten zu sehn, der ber die Gerippe, seltsamen
Instrumente und den wunderlichen Hausrath des Greises erstaunt war.
Nicht ohne Verlegenheit nherte sich der Alte. Ich hatte Euch hier nicht
erwartet, sagte er, sondern dachte Euch drauen zu treffen, oder Euch
oben in Eurem eigenen Zimmer aufzusuchen. Ich soll dem Abgesandten des
Papstes, unsers heiligen Vaters, entgegen reisen, um sein Schreiben und
die neue Wrde, die seine Gnade und vterliche Gte mir mittheilt,
demthig und dankbar vom Prlaten dort anzunehmen.

Antonio war befangen, und schien die Instrumente und den unbekannten
Apparat genau zu betrachten. Ihr verwundert Euch, sagte der Alte
endlich, ber alle diese Dinge, die mir zu meinen Studien nthig sind;
wenn Ihr einmal meine Vorlesungen ber die Natur besucht habt, werde ich
Euch in Zukunft alles erklren knnen, was Euch jetzt vielleicht
unbegreiflich erscheint.

Doch in diesem Augenblicke ereignete sich etwas, das Antonio's
Aufmerksamkeit von allen diesen Gegenstnden abzog. Eine Thr, die
verschlossen schien, war nur angelehnt, sie that sich auf, und der
Jngling sah in ein Gemach, das mit purpurrothem Lichte erfllt war,
aber in dieser Rosengluth stand an der Thr ein bleiches Gespenst,
welches winkte und lchelte. Mit Blitzesschnelle wendete der Alte sich
um, warf donnernd die Thr in das Schlo, und verriegelte sie mit einem
goldenen Schlssel. Zitternd und leichenbla warf er sich dann in einen
Sessel, indem ihm groe Schweitropfen von der Stirne rannen. Als er
sich etwas erholt hatte, winkte er, noch immer zitternd, Antonio herbei
und sagte mit bebender Stimme: auch dieses Geheimni, mein junger
Freund, wird Euch einmal deutlich werden; denke, mein geliebter Sohn,
das Beste von mir. Dich vor allen, Du Leidender, Du Vielgeliebter, will
ich in mein tiefstes Wissen dringen lassen, Du sollst mein wahrer
Schler, mein Erbe werden. Aber la mich jetzt, geh nun hinauf zu Deinem
einsamen Zimmer und rufe im brnstigen Gebete den Himmel und seine
heiligen Krfte zu Deinem Beistande auf.

Antonio konnte nicht antworten, so war er von der Erscheinung berrascht
und entsetzt, so hatte ihn die Rede seines verehrten Lehrers verwirrt,
denn ihm schien, als msse dieser einen Zorn unterdrcken, als leuchte
ein verhaltener Grimm aus seinen feurigen Augen, die nach dem
pltzlichen Erlschen schnell einen strkern Glanz ausstrahlten.

Er ging und im Vorzimmer fand er Beresynth, der mit grinsendem Gesicht
Fliegen haschte, die er dann einem Affen zuwarf. Beide schienen im
Wettstreit begriffen, wer die rgsten Fratzen hervorbringen knnte. Der
Meister rief jetzt laut den Diener, und die Migestalt hpfte hinein.
Antonio vernahm einen lauten Wortwechsel, und Pietro schien sehr zornig.
Weinend und heulend kam Beresynth aus dem Zimmer, ein Blutstrom flo
ber die ungeheure Nase hinab. Kann er nicht selbst seine Thren
verschlieen, krchzte die Migeburt, der Allerweltsweise und
Allmchtige? Ist der Herr dumm, so mu der Diener die Schuld tragen.
Scheert Ihr Euch, Allverehrtester, auf Eure Dachkammer hinauf, und lat
mich mit meinem guten Freund, dem lieben Pavian da, in Ruhe. Der hat
noch ein menschliches Herz, der liebe, getreue. Ein lustiger Bruder, wie
er ist, und doch in der Zartheit ein recht ausbndiger Kerl. Marsch da!
Der Pylades will wieder Fliegen speisen, die ihm sein Orest
zusammenfangen mu.

Antonio verlie wie betubt den Saal.

                   *       *       *       *       *

Der florentinische Jngling war in das Haus seines Lehrers gezogen, um
ganz ungestrt seinen Leiden und Studien leben zu knnen. Oben im
entferntesten und hchsten Gemache des Hauses hatte er sich
eingerichtet, um recht einsam und von Menschen unbesucht zu leben. Wenn
er von hier die schnen und fruchtbaren Gefilde des Landes bersah und
dem Laufe des Stromes mit den Blicken folgte, so dachte er um so inniger
seiner entschwundenen Geliebten. Er hatte ihr Bild von den Eltern
bekommen, und einiges Gerth, mit welchem sie als Kind gespielt hatte;
vorzglich lieb war ihm eine Nachtigall, die ihm in ihren rhrenden
Klagegesngen nur sein eigenes Leid auszutnen schien. Dieser Vogel war
von Crescentien mit Sorgfalt und Liebe gepflegt worden, und der
schwrmende Jngling bewahrte ihn als ein Heiligthum, als den letzten
Ueberrest seines irdischen Glckes.

Andre Jnglinge seines Alters sahe er nicht, auer dem Spanier Alfonso,
mit welchem ihn der gleiche Enthusiasmus fr die Gre des Pietro Abano
vereinigte. Der Podesta Ambrosio hatte seine Stelle niedergelegt und die
Stadt verlassen, er wollte in Rom seine letzten Tage verleben, um sich
seinen Verwandten in Venedig zu entziehn. Er hatte es aufgegeben, die
frhgeraubte Zwillingstochter wieder zu finden, und es schmerzte ihn um
so inniger, da Antonio ihm diese Hoffnung so erschtternd wieder in
seine Seele gerufen hatte. Er war berzeugt, der Jngling habe ihn und
sich selbst mit den Fieber-Phantasien jener Nacht getuscht.

Am Morgen reiste Pietro mit seinem getreuen Diener ab. Antonio war ganz
allein im groen Hause, dessen Zimmer alle verschlossen waren. Die Nacht
war ihm schlaflos hingegangen. Immer stand ihm das entsetzliche Gebild
vor Augen, das ihm, wie es ihn erschttert hatte, doch die schnsten
Empfindungen zurck rief. Ihm war, als wenn jede Kraft zu denken in ihm
erstorben sei, Gebilde, die er nicht festhalten konnte, bewegten sich in
ewig umschwingenden Kreisen vor seiner Phantasie. Die Empfindung war ihm
frchterlich, da er an seinem verehrten Lehrer irre wurde, da er
unerlaubte Geheimnisse und ein Entsetzen ahndete, das seit jenem Blick
ins Gemach hinein auf ihn zu warten schien, um ihm allen Lebensmuth zu
rauben, oder ihn einem verzweifelnden Wahnsinn zu berliefern.

Die Nachtigall sang eben vor seinem Fenster, und er sah, da es strmte
und regnete. Vorsorglich nahm er sie herein und stellte sie hoch auf
einen alten Wandschrank hinauf. Indem er sich berbog, um den Kfig
sicher zu stellen, ri die Kette, an welcher er das Bildni seiner
Geliebten trug, und das Gemlde rollte nach der Wand zu, und hinter den
eichenen alten Brettern hinab. Der Unglckliche wird auch von
Kleinigkeiten erschreckt. Eilig stieg er hinunter, um sein geliebtes
Kleinod wieder zu suchen. Er bckte sich, aber so sehr er auch forschte,
war es unter dem groen schweren Schranke nicht anzutreffen. Alles, das
Groe wie das Kleine in seinem Leben, schien ihn wie eine Bezauberung zu
verfolgen. Er schttelte an dem alten Gerste, und wollte es aus der
Stelle schieben, aber es war in der Mauer verfestigt. Sein Ungestm
wurde mit jedem Hinderni heftiger. Er fate eine alte Eisenstange, die
er im Vorzimmer fand, und arbeitete mit aller Anstrengung seiner Krfte,
den Schrein zu rcken, und endlich, nach vielem Heben, Stemmen und
hundert vergeblichen Bemhungen geschah ein Ri mit lautem Krachen, als
wenn eine eiserne Klammer oder Kette gesprungen wre. Jetzt wich
allmhlig das Gebude und Antonio vermochte es endlich, sich zwischen
dieses und die Wand einzudrngen. Er sah sogleich sein geliebtes
Bildni. Es lag auf dem breiten Knauf einer Thr, die in der Mauer war.
Er kte es, und drehte den Griff, welcher nachgab. Die Thr ffnete
sich, und er fiel darauf, den groen Schrank noch etwas mehr zurck zu
schieben, um diese Seltsamkeit nher zu untersuchen, denn er glaubte,
da der Besitzer des Hauses diese geheime Oeffnung, die mit so vieler
Sorgfalt, und wie es schien, seit so langer Zeit verdeckt war, selber
nicht kenne. Als er sich mehr Raum verschafft hatte, sah er, da hinter
der Thr eine enge gewundene Stiege sich hinabsenkte. Er stieg einige
Stufen hinunter, die dichteste Finsterni umgab ihn. Er schritt weiter
und immer weiter, die Treppe schien bis in die untern Gemcher
hinabzufhren. Schon wollte er umkehren, als er auf eine Hemmung stie,
denn die Wendelstiege war nun zu Ende. Indem er in der Dunkelheit auf
und nieder tastete, traf seine Hand auf einen erznen Ring, den er anzog,
und sogleich ffnete sich die Mauer und ein rother Glanz quoll ihm
entgegen. Noch ehe er in die Oeffnung hineintrat, untersuchte er die
Thr und fand, da eine Feder, die der Ring in Bewegung gesetzt, sie ihm
aufgethan hatte. Er lehnte sie an und schritt behutsam in das Gemach.
Rothe kostbare Teppiche schmckten es, mit Purpurdecken von schwerer
Seide waren die Fenster verhngt, ein Bett, von glnzendem Scharlach mit
Gold verziert, stand im Zimmer. Alles war still, man hrte das Getse
der Strae nicht, die Fenster gingen nach dem kleinen Garten. Mit
beklemmter Brust stand der Jngling im Gemach, er horchte aufmerksam und
endlich dnkte ihm, er vernhme das Suseln des Athems, wie von einem
Schlafenden. Mit klopfendem Herzen wandte er sich um, und ging vor, um
zu sphn, ob auf dem Bette jemand ruhe, er schlug die seidenen Vorhnge
zurck -- und glaubte nur zu trumen, denn vor ihm lag, leichenbla,
aber s schlummernd, das Bildni seiner geliebtesten Crescentia. Der
Busen hob sich sichtlich, wie eine leichte Rthe war den blassen Lippen
angeflogen, die, zart geschlossen, von einem sanften Lcheln unmerklich
bewegt wurden. Das Haar war aufgelst und lag in seinen schweren dunkeln
Locken auf den Schultern. Das Kleid war wei, der Grtel eine goldne
Spange. Lange stand Antonio im Anschauen versenkt, endlich, wie von
einer bernatrlichen Gewalt getrieben, fate er die weie, schne Hand,
und wollte die Schlferin gewaltsam emporziehen. Diese stie einen
klagenden Schrei aus, und erschreckt lie er den Arm wieder fahren, der
ermdet in die Kissen sank. Doch war der Traum, so schien es, entflogen,
das Netz des Schlummers, welches das wundersame Bildni umschlossen
hielt, war zerrissen, und wie Wolken und Nebel sich im leisen
Morgenwinde in wallenden Gestaltungen an den Bergen hinbewegen und
wechselnd auf und nieder sinken, so rhrte sich die Schlferin, dehnte
sich wie ohnmchtig, und strebte in langsamen anmuthigen Bewegungen dem
Erwachen entgegen. Die Arme streckten sich empor, so da die weiten
Aermel zurck fielen und die volle schne Rundung zeigten, die Hnde
falteten sich und sanken dann wieder nieder; das Haupt erhob sich und
der glnzende Nacken richtete sich frei auf, doch waren die Augen immer
noch geschlossen, die Locken fielen schwarz in das Gesicht hinein, doch
strichen die feinen langen Finger sie zurck; ganz aufrecht sitzend
kreuzte die Schne nun die Arme ber die Brust, stie einen schweren
Seufzer aus und pltzlich standen die groen Augen weit offen und
glnzend.

Sie betrachtete den Jngling, als she sie ihn nicht, sie schttelte das
Haupt und ergriff jetzt die goldne Quaste, die ber ihr am Bette
befestigt war, richtete sich krftig auf, und auf den Fen stand jetzt
in der purpurnen Umhllung hoch aufgerichtet die groe schlanke Gestalt,
sie schritt dann sicher und fest vom Lager herunter, ging auf Antonio,
der zurck gewichen war, einige Schritte zu, und mit einem kindischen
Ausruf der Ueberraschung, wie wenn Kinder sich pltzlich ber ein neues
Spielzeug erfreuen, legte sie ihm die Hand auf die Schulter, lchelte
ihn holdselig an und rief mit sanfter Stimme: Antonio!

Dieser von Furcht, Entsetzen, Freude, Ueberraschung und dem tiefsten
Mitleiden durchdrungen, wute nicht, ob er fliehen, sie umarmen, zu
ihren Fen strzen, oder in Thrnen aufgelst sterben sollte. Das war
derselbe Ton, den er sonst so oft und so gern vernommen hatte, bei dem
sich sein ganzes Herz umwendete. Du lebst? rief er mit einer Stimme, die
sein berschwellendes Gefhl erstickte.

Das se Lcheln, das von den blassen Lippen aus ber die Wangen bis in
die strahlenden Augen aufgegangen war, zerbrach pltzlich und ging in
einen starren Ausdruck des tiefsten, des unsglichsten Schmerzes unter.
Antonio konnte den Blick dieser Augen nicht aushalten, er bedeckte mit
den Hnden sein Gesicht und schrie: bist Du ein Gespenst?

Die Erscheinung trat noch nher, drckte mit ihren Hnden seine Arme
nieder, so da sein Antlitz frei wurde, und sagte mit sanft bebender
Stimme: Nein, sieh mich an, ich bin nicht todt, und lebe doch nicht.
Reich' mir die Schaale dort.

Eine duftende Flssigkeit schwebte in dem kristallenen Gef, er reichte
es ihr zitternd, sie setzte es an den Mund und schlrfte den Trank in
langsamen Zgen. Ach, mein armer Antonio! sagte sie dann, ich will nur
diese irdischen Krfte erborgen, um Dir den ungeheuersten Frevel kund zu
thun, um Hlfe von Dir zu erflehen, um Dich zu vermgen, mir zu der Ruhe
zu verhelfen, nach welcher sich alle meine Gefhle so inbrnstig sehnen.

Sie war wieder in den Armstuhl gesunken, und Antonio sa zu ihren Fen.
Hllische Knste, fing sie wieder an, haben mich scheinbar vom Tode
erweckt. Derselbe Mann, den meine unerfahrene Jugend wie einen Apostel
verehrte, ist ein Geist des Abgrunds. Er gab mir den Schatten dieses
Lebens. Er liebt mich, wie er sagt. Wie schauderte mein Gefhl vor ihm
zurck, als ihn mein erwachendes Auge erkannte. Ich schlummere, ich
athme, ich kann ganz, wenn ich will, zum Leben wieder genesen, so hat es
mir der Bse verheien, wenn ich mich ihm mit ganzem Herzen ergebe, wenn
er, in geheimer Verborgenheit, mein Gatte werden darf. -- O Antonio, wie
schwer wird mir jedes Wort, jeder Gedanke. Alle seine Kunst zerbricht an
meiner Sehnsucht zum Tode. Das war frchterlich, als mein Geist, schon
in der Ruhe, schon in der Entwickelung neuer Anschauungen, aus dem
stillen Frieden so grlich zurckgerissen wurde. Mein Leib war mir
schon fremd, feindlich und verhat worden. Zurck kam ich, wie der
befreite Sklave zu Ketten und Gefngni. Hilf mir, Treuer, rette mich.

Wie? sagte Antonio: Gott im Himmel! was erleb' ich? Wie mu ich Dich
wieder finden? Und Du kannst, Du darfst nicht ganz zum Leben
zurckkehren? Du kannst nicht mir und Deinen Eltern wieder angehren?

Unmglich! rief Crescentia mit einem ngstlichen Ton, und ihre Blsse
wurde vor Entsetzen noch bleicher. Ach! das Leben! Wie kann der es
wieder suchen, der schon davon gelst war? Du Armer fassest die tiefe
Sehnsucht nicht, die Liebe, das Entzcken, womit ich den Tod denke und
wnsche. Noch inniger, wie ich Dich ehemals liebte, noch brnstiger, wie
meine Lippen am Osterfeste nach der heiligen Hostie schmachteten, ist
mein Wunsch zu ihm. Dann liebe ich Dich freier und inniger in Gott. Dann
bin ich meinen Eltern wiedergegeben. Dann leb' ich, sonst war ich
gestorben, jetzt bin ich Nebel und Schatten, mir und Dir ein Rthsel.
Ach, wenn Deine Liebe und unsre Jugend in mein jetziges Dasein hinein
schien, wenn ich von oben herab die wohlbekannte Nachtigall hier in
meiner Einsamkeit schlagen hrte, welch ses Grauen, welche finstre
Freude und Angst rieselte dann durch die Dmmerung meines Wesens. O hilf
mir los von der Kette.

Was kann ich fr Dich thun? fragte Antonio.

Die Reden hatten wieder die Kraft der Erscheinung gebrochen: sie ruhte
eine Weile mit geschlossenen Augenliedern, dann sagte sie matt: Ach!
wenn ich eine Kirche betreten knnte, wenn ich zugegen wre, indem der
Herr im Sakrament erhoben wird und der Gemeinde erscheint, dann wrde
ich in diesem seligen Augenblicke vor Entzcken sterben.

Was hindert mich, sprach Antonio, den Bsewicht anzugeben, ihn den
Gerichten und der Inquisition zu berliefern?

Nein! nein! nein! chzte das Bildni in der hchsten Angst: Du kennst
ihn nicht, er ist zu mchtig, er wrde entfliehn und mich wieder mit
sich in den Kreis seiner Bosheit reien. Stille, ruhig nur kann es
gelingen, wenn er sicher ist. Ein Zufall hat Dich zu mir gefhrt. Du
mut ihn ganz sicher machen, alles verschweigen.

Der Jngling sammelte seine Sinne, er sprach viel mit seiner vormaligen
Braut, ihr ward das Reden immer schwerer, die Augen fielen ihr zu, sie
trank noch einmal von dem Wundertrank, dann lie sie sich nach dem Lager
fhren. Lebe wohl, rief sie schon wie trumend, vergi mich nicht. --
Sie bestieg das Bett, legte sich ruhig nieder, die Hnde suchten das
Crucifix, das sie mit geschlossenen Augen kte, dann reichte sie dem
Liebenden die Hand, und winkte ihn hinweg, indem sie sich zum Schlummer
hinstreckte. Antonio betrachtete sie noch, dann lie er die Feder die
unsichtbare Thr wieder einfugen, schlich die enge Wendeltreppe bis zu
seinem Gemache wieder hinan, stellte den Schrank an seine vorige Stelle,
und brach in heie Thrnen aus, als ihn der Gesang der Nachtigall mit
seinen schwellenden Klagetnen bewillkommte. Auch er sehnte sich nach
dem Tode, und wnschte nur vorher diejenige, die noch vor wenigen Wochen
seine irdische Braut gewesen war, von ihrem wundersamen schrecklichen
Zustande zu erlsen.

                   *       *       *       *       *

Um seinem Lehrer auszuweichen, wenn er von seiner Reise zurck kme,
hatte Antonio die Schritte nach der einsamsten Stelle des Waldes
gelenkt. Es war ihm ungelegen, da ihm hier sein Freund, der Spanier,
begegnete, denn er war nicht gestimmt, ein Gesprch zu fhren. Doch
konnte er dem Gespielen nicht mehr ausweichen, und so ergab er sich in
stiller Trauer der Gesellschaft, die ihm sonst erfreulich und trstend
gewesen war. Nur halb hrte er auf dessen Reden, und erwiederte nur
sparsam. Wie fast immer war wieder Pietro der Gegenstand von Alfonso's
ungemessener Bewunderung. Warum seid Ihr heut so karglaut? fing er
endlich verdrlich an: ist Euch meine Gesellschaft zuwider, oder seid
Ihr nicht mehr wie sonst fhig, unsern erhabenen Lehrer zu verehren, und
ihm den Preis zu geben, den er verdient?

Antonio mute sich sammeln, um nicht ganz in seinen trumenden Zustand
zu versinken. Was ist Euch? fragte Alfonso wieder, es scheint, da ich
Euch beleidigt habe. -- Ihr habt es nicht, rief der Florentiner, aber
wenn Ihr mich irgend liebt, wenn Ihr nicht meinen Zorn erregen wollt,
wenn nicht die bittersten Gefhle mein Herz zerreien sollen, so
unterlat heut das Lobpreisen Eures vergtterten Pietro. Sprechen wir
von andern Gegenstnden.

Ha! bei Gott! rief Alfonso aus, die Pfaffen haben Euch doch noch den
schwachen Sinn umgewendet. Geht nur fernerhin Eures Weges, junger
Mensch, denn die Weisheit, das seh' ich nun wohl ein, ist Euch ein zu
erhabenes Gut. Euer Kopf ist dieser Kost zu schwach, und Ihr sehnt Euch
wieder nach den Kinderspeisen Eurer ehemaligen Seelenwrter. Bleibt nur
bei diesen so lange, bis Euch die Milchzhne ausgefallen sind.

Ihr sprecht bermthig, rief Antonio erzrnt, oder vielmehr wit Ihr gar
nicht, was Ihr sagt, und ich verdiene das nicht um Euch.

Wodurch verdient es unser Lehrer, sagte der Spanier eifrig, der Euch wie
ein Vater aufgenommen hat, der Euch vor allen Jnglingen dieser
Universitt so hoch wrdiget, da Ihr in seinem Hause wohnen drft, der
Euch sein innigstes Vertrauen schenkt, wodurch hat dieser es
verschuldet, da Ihr ihn so kleinmthig verleugnet?

Wenn ich nun antworte, sprach Antonio zornig, da Ihr ihn nicht kennt,
da ich Ursache, und die vollstndigste habe, anders von ihm zu denken,
so wrdet Ihr mich wieder nicht verstehn.

Ihr seid wohl schon, sagte Alfonso hhnisch, so hoch in seine geheime
Philosophie hinein gestiegen, da der gewhnliche, unbegnstigte
Erdensohn Euch nicht zu folgen vermag? Wieder zeigt es sich, da das
halbe und Viertel-Verdienst sich am hchsten aufblht. Pietro Abano ist
demthiger, als Ihr, seine schwchliche Copie.

Ihr seid ungezogen, rief der junge Florentiner in der hchsten
Erbitterung aus. Wenn ich Euch nun bei meiner Ehre, bei meinem Glauben,
beim Himmel und bei allem, was mir und Euch heilig und ehrenwerth seyn
mu, versichere, da es in ganz Italien, in Europa, keinen so argen
Bsewicht, keinen so verruchten Heuchler giebt als diesen --

Wen? schrie Alfonso.

Pietro Abano, sagte Antonio gemigt: was wrdet Ihr dann sagen?

Nichts, rief jener wthend, der ihn nicht hatte endigen lassen, als da
Ihr und jedermann, der dergleichen zu sprechen wagt, der nichtswrdigste
Schurke sei, der je das Heilige zu lstern sich erfrechte. Zieht, wenn
Ihr nicht eine eben so verchtliche Memme, als ein niedertrchtiger
Verleumder heien wollt.

Das gezogene Eisen begegnete dem Ausfordernden schon eben so schnell,
und es half nichts, da ihnen eine heisere ngstliche Stimme: Halt!
zurief. Alfonso war in der Brust verwundet, und zu gleicher Zeit rann
Blut aus dem Arm Antonio's. Der alte Priester, der die Erbitterten hatte
trennen wollen, eilte nun herbei, er verband die Wunden und stillte das
Blut, darauf rief er andere Studirende herzu, die er in der Nhe schon
gesehen hatte, die den ermatteten Alfonso nach der Stadt fhren sollten.
Ehe sich dieser entfernte, ging Antonio noch einmal zu ihm, und raunte
ihm ins Ohr: wenn Ihr ein Edelmann seid, so kommt von der Ursache unsers
Zwistes kein Wort ber Eure Lippen. In vier Tagen sprechen wir uns
wieder, und wenn Ihr dann nicht meiner Ueberzeugung seid, bin ich zu
jeder Genugthuung erbtig.

Alfonso versprach feierlich, auch alle Umstehenden versicherten, da die
Wunde so wie das Gefecht selbst verschwiegen bleiben sollten, um den
jungen Florentiner keiner Gefahr auszusetzen. Als sich alle entfernt
hatten, ging Antonio mit dem Priester Theodor tiefer in den Wald. Warum,
fing dieser an, wollt Ihr Euch, eines Verdammten wegen, selber der Hlle
berliefern? Ich sehe, da Ihr jetzt anderer Meinung seid; aber ist das
Schwert wohl der Redner, der andre bekehren darf? -- Antonio war
ungewi, in wie weit er sich dem Mnche entdecken sollte, doch
verschwieg er ihm noch die wunderbare Begebenheit, welche er erlebt
hatte, und bedung sich nur die Erlaubni aus, bei dem nahe
bevorstehenden Osterfeste, whrend des Hochamtes, durch die Sakristei in
der Nhe des Altars zum groen Tempel eingehen zu drfen. Nach einigen
Einwrfen gab Theodor nach, ob er gleich nicht begriff, was der Jngling
mit dieser Erlaubni bezwecken knne. Ich will einen Gast so in die
Kirche einfhren, sagte dieser nur noch, dem man am groen Thor den
Eingang vielleicht versagen wrde.

                   *       *       *       *       *

Alle Glocken der Stadt luteten, um das heilige Osterfest in Freuden und
Andacht zu begehn. Das Volk strmte nach dem Dom, um das froheste
christliche Fest zu feiern, und auch den berhmten Apone in seiner neuen
Wrde zu erblicken. Die Studirenden begleiteten ihren berhmten Lehrer,
der vom Adel, dem Rath und der Brgerschaft ehrfurchtvoll begrt in
anscheinender Frmmigkeit und Demuth dahin wandelte, Allen ein Beispiel,
der Stolz der Stadt, das begeisternde Vorbild der Jugend. An der Thr
des Tempels wich das Gedrnge in scheuer Verehrung zurck, um dem
Gefeierten Platz zu machen, der in der Tracht des Prlaten, mit der
goldenen Kette geschmckt, im weien Bart und lockigen Haupthaar einem
Kaiser oder einem alten Lehrer der Kirche in seinem majesttischen
Anstande zu vergleichen war.

In der Nhe des Altars war dem berhmten Manne ein erhobener Sitz
zubereitet, da Schler und Volk ihn sehn konnten, und als die Menge der
Andchtigen in den Tempel hereingestrmt war, begann das Hochamt.
Theodor, der kleine Priester, las an diesem Tage die Messe, und Jung und
Alt, Vornehm und Geringe war in Freudigkeit, das Fest der Auferstehung
des Herrn wrdig zu begehn, den wiederkehrenden Glanz zu schauen, und
sich nach den Tagen der strengen Fasten, nach den betrbenden
Vorstellungen der Leiden und des Schmerzes an dem Gefhl des wieder
erwachten Lebens zu trsten.

Schon war der erste Theil des Gottesdienstes geendigt, da sah man mit
Erstaunen an der Seite des Altars Antonio Cavalcanti in die Kirche
treten, der eine dicht verschleierte Figur an seiner Hand fhrte. Er
stellte diese auf die Erhhung, dem Pietro dicht gegenber, und warf
sich dann betend am Altare nieder. Die Verschleierte stand starr und
hoch da, und man sah unter der Verhllung die brennend schwarzen Augen.
Pietro erhob sich vom Sessel, und sank bleich und zitternd in denselben
zurck. Die Musik der Messe strmte und wogte in volleren Accorden,
jetzt wickelte sich die Verhllte langsam aus ihren Schleiern, das
Antlitz war frei, und die Nchsten erkannten mit Entsetzen die
gestorbene Crescentia. Ein Schauder ging durch die ganze Kirche, auch
die Fernsten fate ein heimliches Grauen, das todtenbleiche Bild so hoch
dort stehn zu sehn, das so andchtig betete und die groen feurigen
Augen nicht vom Priester am Altar verwendete. Auch der groe mchtige
Pietro schien in eine Leiche verwandelt, man htte ihn den entstellten
Zgen nach fr todt halten knnen, wenn sich sein Leben nicht im
heftigen Zittern verrathen htte. Nun wendete sich der Priester, und
erhob die geweihte Hostie, Trompeten verkndigten die erneute Gegenwart
des Herrn, und mit einem Jubelton, mit hochentzcktem Antlitz, die Arme
weit ausgebreitet, indem sie laut Hosiannah! rief, da die Kirche
wiedertnte, brach nun die bleiche Erscheinung zusammen, und lag todt,
starr und bewegungslos zu Pietro's Fen hingestrzt. Das Volk lief
hinzu, die Musik verstummte, Fragen, Verwundern, Entsetzen und Schreck
sprach und forschte aus jeder Miene, der Adel und die Studirenden
wollten den ehrwrdigen Greis, der so tief erschttert schien, trsten
und untersttzen, als Antonio mit gellendem Tone: Zeter! Zeter! schrie,
und die furchtbarste Anklage, die schrecklichste Erzhlung begann, die
hllische Kunst, die verworfene Magie des zagenden Snders aufdeckte,
von sich und Crescentia und ihrem schaudervollen Wiederfinden sprach, so
da Zorn, Wuth, Verwnschung, Abscheu und Fluch, wie ein strmendes
Meer, um den Gengsteten tobte und ihn zu vernichten, im Wahnsinn des
Grimmes zu zerreien drohte. Man sprach von Schergen und Fesseln, die
Inquisitoren nahten, als sich Pietro wie rasend erhub, mit geballten
Fusten um sich stie und schlug, und riesenhaft sich auszudehnen
schien. Er trat zu Crescentia's Leichnam, der lchelnd wie das Bild
einer Heiligen dalag, betrachtete sie noch einmal, und ging dann
brllend und mit funkelnden Augen durch die Menge. Ein neues Entsetzen
ergriff das Volk, man machte dem Ungeheuren Platz, alles wich zurck. So
kam Pietro auf die freie Strae, doch nun besann sich der Pbel, und mit
Geschrei, Verfluchung und Schimpfreden verfolgte er den Fliehenden, der
in Eil dahin rannte, indem sein Talar ihm weit nachflog, und die goldne
Kette schallend auf Brust und Schultern schlug. Das Gesindel grub die
Steine aus dem Boden und warf nach ihm, da es ihn nicht einholen konnte,
und verwundet, blutend, triefend von Schwei, die Zhne klappend vor
Angst erreichte Pietro endlich die Schwelle seines Hauses.

Er verbarg sich in den innersten Gemchern, und der neugierige Beresynth
trat fragend und forschend dem Pbel und dem Andrang des Volkes
entgegen. Nehmt die Teufelslarve, den Famulus, schrieen alle, zerreit
den Gottvergessenen, der nie eine Kirche besucht hat! Er wurde in die
Strae gefhrt und gestoen, auf seine Fragen, Bitten, auf sein Heulen
und Schreien ward ihm keine Antwort, auch vernahm man in dem strmenden
Getmmel nichts anders als Flche und Todesdrohung. Bringt mich ins
Verhr! schrie endlich der Zwerg, da wird meine Unschuld offenbar
werden! Die herbeigerufenen Schergen ergriffen ihn, und fhrten ihn nach
dem Gefngni. Alles Volk drngte sich nach. Hier hinein! rief der
Anfhrer der Hscher, Ketten und Holzsto warten Deiner. Er wollte sich
losreien, die Schergen packten ihn und stieen ihn hin und her, der
fate ihn am Kragen, jener am Arm, der hing sich an sein Bein, um ihn
fest zu halten, ein anderer packte den Kopf, um seiner gewi zu werden.
Indem sie ihn so unter Geschrei, Fluchen und Lachen hin und wieder
zerrten, fuhren alle pltzlich auseinander, denn jeder hatte nur ein
Kleidungsstck, Aermel, Mtze oder Schuh des Migeschaffenen, er selbst
war nirgend zu sehn. Entflohen konnte er nicht seyn, er schien
verschwunden, doch keiner begriff wie.

Als man Apone's Zimmer erbrochen hatte, fanden ihn die Eindringenden
todt und verblutet auf seinem Bette liegen. Man plnderte das Haus, die
magischen Instrumente, die Bcher, der seltsame Hausrath, alles wurde
den Flammen bergeben, und durch die ganze Stadt erscholl nichts als
Verfluchung des Mannes, den gestern noch alle wie einen Abgesandten der
Gottheit verehrt hatten. Der Abscheu, mit welchem sie sich von dem
Trugbild wendeten, war nun um so grer.

                   *       *       *       *       *

Als sich das Getmmel des aufgeregten Volkes etwas beruhigt hatte, wurde
der Leichnam Pietro's still in der Nacht, auerhalb des geweihten
Kirchhofes, beigesetzt. Antonio und Alfonso vershnten sich wieder, und
schlossen sich dem frommen Theodor an, der zum zweitenmal, mit
Feierlichkeit und einer andchtigen Rede, den Leichnam der schnen
Crescentia in die ihr bestimmte Gruft legen lie. Antonio konnte nun
nicht lnger in Padua bleiben, er wollte seine Vaterstadt wieder
besuchen, um seine Angelegenheiten zu ordnen, und sich dann vielleicht
in einem Kloster aufnehmen zu lassen. Alfonso fate den Entschlu, nach
Rom zu wallfahrten, wohin der heilige Vater ein Jubeljahr und Abla von
Snden ausgeschrieben hatte. Nicht nur in Italien regte sich alles,
sondern auch aus Frankreich, Deutschland und Spanien kamen viele Zge
von Pilgrimmen an, um diese bis dahin unerhrte Feierlichkeit, dieses
groe Kirchenfest in der heiligen Stadt zu begehn.

Nachdem die Freunde sich getrennt hatten, verfolgte Antonio seine
einsame Bahn, denn er vermied die groe Strae, theils um seiner
Schwermuth desto ungestrter nachhngen zu knnen, theils um die
Schwrme zu vermeiden, die sich auf dem groen Wege drngten, und in den
Nachtlagern beschwerlich fielen.

So seiner Laune folgend, streifte er durch die Fluren und die Thler des
Apennins. Einst ging die Sonne unter, und keine Herberge wollte sich
zeigen. Indem die Schatten dichter wuchsen, hrte er seitwrts im Walde
das Glcklein eines Einsiedlers schallen. Er ging dem Tone nach und
gelangte, als die Dunkelheit der Nacht schon hereingebrochen war, an die
kleine Htte, zu welcher ein schmaler Steg von Brettern ber den Bach in
das Buschwerk hinein fhrte. Er fand einen alten gebrechlichen Greis in
tiefster Andacht vor einem Crucifixe betend. Der Einsiedler nahm den
Jngling, der ihn freundlich begrte, mit Wohlwollen auf, bereitete ihm
im Felsen, der durch eine Thr von der Einsiedelei getrennt war, ein
Lager auf Moos, und setzte ihm von seinen Frchten, Wasser und etwas
Wein vor. Als Antonio erquickt war, erfreute er sich am Gesprche des
Mnchs, der frher in der Welt gelebt und als Soldat manchen Feldzug
mitgemacht hatte. So war es tiefe Nacht geworden, und der Jngling begab
sich zur Ruhe, indem ein anderer kranker und schwacher Mnch hereintrat,
der mit dem Einsiedler in Gebeten die Nacht zubringen wollte.

Als Antonio eine Stunde geruht hatte, fuhr er pltzlich aus dem Schlafe
auf. Ihm dnkte, er vernhme laute Stimmen und Streit. Er richtete sich
empor, und es blieb ihm ber das Geznk und den Wortwechsel kein Zweifel
brig. Auch die Tne schienen ihm bekannt, und er fragte sich selber, ob
er nicht trume. Er nherte sich der Thre und entdeckte eine Spalte,
durch welche er in den vordern Raum schauen konnte. Wie erstaunte er,
als er Pietro Abano gewahr wurde, den er fr gestorben halten mute, der
mit zornigen Augen und rothem Antlitz laut sprach und sich in heftigen
Geberden bewegte. Ihm gegenber stand die Fratze des kleinen Beresynth.
Also Euren Verfolger, rief dieser mit krchzender Stimme, der Euch
unglcklich gemacht, den verliebten frommen Narren, habt Ihr hier in
Eurem Hause? der ist von selbst, wie ein Kaninchen, zu Euch in die Grube
gefallen? Und Ihr zgert noch, ihn abzuschlachten? -- Schweig, rief die
groe Figur, ich habe mich schon mit meinen Geistern berathen, sie
wollen nicht einwilligen, ich kann ihm nichts anhaben, denn er ist in
keiner Snde befangen. -- So schlagt ihn, sagte der Kleine, ohne Eure
Geister, mit Euren eigenen huldreichen Hnden todt, so wird ihm seine
Tugend und Sndenlosigkeit nicht viel helfen, und ich mte ein elender
Diener seyn, wenn ich Euch in so lblicher That nicht beistehen sollte.
-- So la uns, rief Pietro, an das Werk gehn, nimm den Hammer Du, ich
fhre das Beil, jetzt schlft er fest. -- Sie nherten sich der Thr,
doch Antonio ri diese auf, um den Bsewichtern muthig entgegen zu
treten. Er hatte sein Schwert gezogen, aber er blieb wie eine Bildsule,
mit aufgehobenem Arme stehn, als er zwei kranke, gebrechliche Einsiedler
auf den Knieen vor dem Kreuze liegend fand, die ihre Gebete murmelten.
Wollt Ihr etwas? fragte ihn sein Wirth, der sich mhsam vom Boden erhob.
Antonio konnte verwundert keine Antwort geben. Warum das Schwert? fragte
der gebckte, schwache Eremit; wozu diese feindlichen Blicke? Antonio
zog sich zurck mit der Entschuldigung, da ihn ein bser Traum
erschreckt und gengstigt habe. Er konnte nicht wieder einschlafen, so
verstrt waren seine Sinne. Da vernahm er wieder deutlich Beresynths
krhende Stimme, und Pietro sagte mit vollem klaren Tone: la ab, denn
Du siehst, er ist bewaffnet und gewarnt, er wird sich dem Schlafe nicht
von neuem berlassen. -- Wir mssen ihn berwltigen! schrie der Kleine,
da er uns nun wieder erkannt hat, sind wir ja auf alle Weise verloren!
Der Knecht giebt uns morgen der Inquisition an, und das Volk ist auch
dann gleich mit dem Verbrennen bei der Hand.

Durch die zerrissene Thr erkannte er die beiden Zauberer. Er strzte
wieder mit gezogenem Schwerte hinein, und fand wieder zwei kranke Alte,
im Gebete flehend, am Boden liegen. Erbittert ber die Truggestalten
ergriff er sie in seine Arme, und rang krftig mit ihnen, sie wehrten
sich verzweifelnd, bald war es Pietro, bald der Eremit, bald das
Gespenst Beresynth, bald ein kranker Greis. Unter Geschrei, Toben,
Fluchen und Wehklagen gelang es ihm endlich, sie aus der Zelle zu
werfen, die er dann fest verriegelte. Nun hrte er drauen Gewinsel,
Bitten und Aechzen, dazwischen ein Flstern von vielen Stimmen, Gesang
und Geheul, nachher schien Regen und Sturm sich aufzumachen und ein
fernes Gewitter grollte zwischen das mannigfache Getse. Betubt schlief
endlich Antonio, auf sein Schwert gelehnt, vor dem Crucifixe ruhend ein,
und als ihn der kalte Morgenwind erweckte, fand er sich auf der hchsten
Spitze einer schmalen Klippe, mitten im dicken Walde wieder, und
glaubte, hinter sich ein Hohngelchter zu vernehmen. Nur mit
Lebensgefahr gelang es ihm, von der schroffen Hhe hinab zu klimmen,
indem er die Kleider zerri und Antlitz und Hand und Fu verwundete.
Mhselig mute er durch die Wlder irren, kein Mensch war zu errufen,
keine Htte, so oft er auch die Anhhe bestieg, weit umher zu entdecken.
Erst in der Nacht traf er, von Mdigkeit, Hunger und Erschpfung
aufgelst, auf einen alten Khler, der ihn in seiner kleinen Htte
erquickte. Er erfuhr, da er von jener Einsiedelei, die er gestern
getroffen hatte, wohl zwlf Meilen und mehr entfernt sei. Erst spt am
folgenden Tage konnte er, etwas gestrkt und ermuntert, seine Reise nach
Florenz wieder fortsetzen.

                   *       *       *       *       *

Antonio hatte sich nach Florenz begeben, um seine Verwandten und sein
vterliches Haus wieder zu besuchen. Er konnte sich nicht entscheiden,
welchen Lebenslauf er beginnen sollte, da ihm alles Glck des Daseins so
treulos geworden war, da sich die Wirklichkeit ihm nur als ein wilder
Traum erwiesen hatte. Er ordnete seine Angelegenheiten und ergab sich in
dem groen vterlichen Palaste dem Gram, um in jener Grotte, in den
wohlbekannten Zimmern sein Unglck und das seiner Eltern sich recht
lebhaft zu vergegenwrtigen. Er gedachte jener scheulichen Hexe, die in
sein Verhngni verflochten, und jener Crescentia, die ihm eben so
wunderbar wie seine Braut erschienen und wieder verschwunden war. Htte
er nur irgend eine Hoffnung fassen knnen, so wre es ihm mglich
gewesen, sich mit dem Leben wieder auszushnen. Endlich ging ihm der
Wunsch, wie ein blasser Stern, in seiner Seele auf, nach Rom zu
wallfahrten, welches er noch nicht kannte, dort an den Gnaden der
Glubigen Theil zu nehmen, die berhmten Kirchen und Heiligthmer zu
besuchen, sich in der wogenden Volksmenge, in dem Gedrnge der
unzhligen Fremden, die aus allen Theilen der Erde dorthin zogen, zu
zerstreuen, und seinen Freund Alfonso auszuforschen. Er vermuthete auch,
den alten Ambrosio in der groen Stadt anzutreffen, sich von diesem
Leidenden, der ihm Vater hatte werden wollen, trsten zu lassen, und dem
Bekmmerten wohl auch Trost gewhren zu knnen. Mit diesen Gesinnungen
und Erwartungen machte er sich auf den Weg und langte nach einiger Zeit
in Rom an.

Er erstaunte, als er in die groe Stadt eintrat. So hatte er sich ihre
Macht, ihre Denkmler, und das Getmmel der unzhligen Fremden nicht
vorgestellt. Hier war es ein Wunder zu nennen, einen Freund oder
Bekannten aufzufinden, wenn man seine Wohnung nicht schon genau
bezeichnen konnte. Und doch begegnete ihm dieser wunderbare Zufall, da
er den Ambrosio pltzlich antraf, indem er das Kapitol hinaufsteigen
wollte, von welchem der Alte niederschritt. Der Podesta nahm ihn
sogleich mit in seine Wohnung, in welcher Antonio die trauernde Mutter
begrte. Der Ruf von dem seltsamen Ende Pietro's, von der
Wiederbelebung Crescentia's und ihrem Hinscheiden war schon bis Rom
erschollen, diese wunderbare Geschichte war im Munde aller Pilger,
entstellt, mit verworrenen Zustzen und Widersprchen, von der
oftmaligen Wiederholung bis zu ihrem eigenen Gegentheil ausgebildet. Die
Eltern hrten mit Freude und Schmerz die Begebenheit aus Antonio's
Munde, so furchtbar das Entsetzen auch beide, vorzglich die Mutter,
ergriff, die mit Abscheu den alten scheinheiligen Magier verwnschte,
von dem sie in ihrer Erbitterung selbst zu glauben schien, da er den
Tod ihrer Tochter, vielleicht sogar von der Familie Markoni erkauft,
herbeigefhrt habe, um die Leiche nur wieder zu seinem wahnsinnigen
Frevel erwecken zu knnen.

Ueberlassen wir, sagte der Alte, alles dem Himmel; was geschah und
stadt- und landkundig wurde, ist erschrecklich genug, um nicht andere,
die doch vielleicht unschuldig sind, in diese ungeheure Bosheit zu
verwickeln. Mag es sich mit den Markonis verhalten, wie es wolle, so bin
ich wenigstens dahin entschlossen, ihnen das Erbe meines Vermgens zu
entziehen. Durch meine Beschtzer hier werde ich es mglich machen,
meine Besitzungen Klstern oder frommen Stiftungen zu bertragen, und
mein Lebensberdru bewegt mich vielleicht, selbst als Mnch oder
Klausner mein Leben zu enden.

Wie aber, wandte die Mutter mit Thrnen ein, wenn es doch noch mglich
wre, jene zweite Crescentia, von der uns Antonio erzhlt hat, wieder
aufzufinden? Das Kind wurde mir in Deiner Abwesenheit auf eine
unbegreifliche Art geraubt, jene Hexe, die die Markonis in jener Nacht
genannt hat, die Aehnlichkeit, alles, alles trifft ja so seltsam
berein, da wir die Hoffnung, das allerhchste Gut des Lebens, nicht zu
frh, nicht bereilt aus Verzweiflung aufgeben sollen.

Gute Eudoxia, sagte der Vater, la, la alle jene Trume, Sagen und
Einbildungen fahren, fr uns ist auf dieser Erde nichts mehr gewi, als
der Tod, und da dieser fromm und sanft sei, mssen wir wnschen und vom
Himmel erflehen.

Und wenn nun nachher, und zu spt, rief die Mutter aus, unser armes
verwaistes Kind sich wieder finden sollte, drfte uns die Unglckselige
nicht mit Recht schelten, da wir der Barmherzigkeit des Himmels nicht
vertraut, und ihr Wiederkommen mit etwas mehr Ruhe und Geduld abgewartet
haben?

Ambrosio warf einen finstern Blick auf den Jngling und sagte dann: es
gehrt noch zur Vergrerung unsers Elends, da Ihr die Arme mit Euren
kranken Einbildungen angesteckt, und ihr dadurch die letzte Ruhe des
Lebens geraubt habt.

Wie meint Ihr das? fragte Antonio.

Junger Mann, antwortete der Vater, schon seit jenem Ritt durch Feld und
Wald, wo Ihr mir jenes Mhrchen aufgeheftet, das Euch in der vorigen
Nacht begegnet seyn sollte --

Herr Ambrosio! rief Antonio, und seine Hand fiel unwillkhrlich auf sein
Schwert.

Lat das, fuhr der Alte gelassen fort, fern sei es von mir, Euch einer
Lge bezchtigen zu wollen, ich kenne ja seit lange Euren Edelmuth, wie
Eure Wahrheitsliebe. Aber ist es Euch denn nicht, armer Jngling, ohne
meine Erinnerung beigefallen, da seit jener Nacht, als Ihr dem Sarge
meiner Tochter begegnetet, die Ihr am folgenden Tage als Braut
heimzufhren gedachtet, Eure Sinne in Unordnung gerathen sind, Eure
Vernunft geschwcht ist? In der einsamen Nacht, im Gewitter, in
aufgeregter Leidenschaft, glaubtet Ihr die Gestorbene wieder zu sehen,
daran knpfte sich die Erinnerung an Euren unglcklichen Vater, an Eure
frh gestorbene Mutter. So entstanden Euch jene Gebilde, und setzten
sich in Eurem Gehirn fest. Fanden wir denn wohl eine Spur jener Htte?
Wute uns irgend ein Mensch in der Umgegend von jenen getdteten
Bewohnern zu sagen? Jenes furchtbare Erscheinen meiner wahren Tochter,
an welches ich wohl glauben mu, ist allein hinreichend, auch das
klteste Gefhl bis zum Wahnsinn zu treiben, und soll ich mich nun
verwundern, wenn Ihr wieder etwas Unmgliches erlebt haben wollt, da
Ihr im Gebirge den gestorbenen Pietro wiedergefunden, und ihn nicht
erkannt habt, da jenes fast lcherliche Gaukelspiel mit Euch
vorgenommen sei, das Ihr uns eben so bestimmt erzhlt habt? Nein, junger
Freund, Gram und Schmerz haben Euren gesunden Sinn zerrttet, da Ihr
nun Dinge seht und glaubt, die nicht in der Wirklichkeit sind.

Antonio war verlegen und wute nicht, was er antworten sollte. Wie sehr
ihn der Verlust seiner Geliebten in allen seinen Seelenkrften
erschttert hatte, so war er sich doch der erlebten Begebenheiten zu
deutlich bewut, um sie auf diese Weise in Zweifel ziehen zu knnen. Er
fhlte einen neuen Trieb zur Thtigkeit, er wnschte wenigstens darthun
zu knnen, da die Geschichte jener Nacht kein Traumbild, da jene
zweite Crescentia ein wirkliches Wesen sei, und darum war es sein
lebhaftester Wunsch, sie wiederzufinden, um sie den trauernden Eltern
zurck zu geben, oder Ambrosio wenigstens beschmen zu knnen. In dieser
Stimmung verlie er den alten Freund, und streifte durch die Stadt,
allenthalben vom Gewhl des Volks gedrngt und vom mannigfaltigen
Geschrei, Fragen und Erzhlen in allen Sprachen betubt. So war er von
den Massen geschoben und gestoen bis zum Lateran fortgetrieben worden,
als er ganz deutlich, aber fern, so wie sich zu Zeiten das Gewhl etwas
ffnete, jene hliche Alte wahrzunehmen glaubte, die Mutter des schnen
Mdchens, die ebenfalls Crescentia genannt wurde. Er strebte nun in ihre
Nhe zu kommen, und es schien ihm schon zu gelingen, als ein
entgegenstrmender Zug von Pilgern ihn wieder vllig von jener
Erscheinung abschnitt, und alles weitere Vordringen unmglich machte.
Indem er am heftigsten kmpfte und sich auf die Stufen des Tempels des
heiligen Johannes empor arbeitete, um weiter um sich sehn zu knnen,
fhlte er einen freundlichen Schlag einer Hand auf seiner Schulter, und
eine bekannte Stimme nannte seinen Namen. Es war der Spanier Alfonso. So
finde ich Dich also genau an der Stelle, sagte er freudig, wo ich Dich
zu finden hoffte?

Wie meinst Du das? fragte Antonio.

La uns nur aus dem Gedrnge und dieser Strmung kommen, rief jener,
hier vernimmt man vor tausendfltigem Sprechen, und vor dem Gesumme der
ungeheuren babylonischen Verwirrung kein Wort.

Sie begaben sich in das Gefilde, und hier erffnete ihm Alfonso, da,
seitdem er sich in Rom befinde, er sich der Wissenschaft der Astrologie,
der Wahrsagekunst und hnlichen Dingen ergeben habe, die er vormals
gehat, weil er der Ueberzeugung gewesen, sie knnten nur durch
verdammliche Mittel und Hlfe der bsen Geister errungen werden. Seit
ich aber, fuhr er fort, die Bekanntschaft des unvergleichlichen Castalio
gemacht habe, erscheint mir dies Wissen in einem gar hheren und
verklrteren Lichte.

Ist es mglich, rief Antonio aus, da nach jener furchtbaren Begebenheit
in Padua Du Deine Seele doch wieder der Gefahr blo stellen kannst? Dir
leuchtet nicht ein, da dasjenige, was auf natrlichem Wege und mittelst
der Vernunft zu erreichen steht, nicht der Mhe verlohnt, weil es
geringfgige Knste sind, die nur Scherz und Gelchter veranlassen
knnen; alles Hhere aber, welches nicht auf leere Tuschung hinausgeht,
allerdings nur durch bse und verdammliche Krfte aufzuregen ist?

Eifern, sagte der Spanier, ist kein Beweisen; wir sind noch zu jung, um
unsere Natur ganz zu verstehn, viel weniger die brige Welt und alle
Geheimnisse zu fassen. Siehst Du den Mann, dem ich so viel zu verdanken
habe, so werden alle Deine Zweifel verschwinden. Fromm, einfach, ja
kindlich, wie er ist, leuchtet uns aus jedem seiner Blicke das schnste
Vertrauen entgegen.

Und wie war es mit jenem Apone? warf Antonio ein.

Der, erwiederte der Freund, wollte ja doch wie ein berirdisches Wesen
auftreten, er bestrebte sich mit Kunst und Bewutsein, als ein
Abgesandter des Himmels zu erscheinen, und mit erknsteltem Glanz die
gewhnlichen Shne der Menschen zu blenden. Er erfreute sich des Pompes,
er lie sich zwar herab, aber nur, um den ungeheuren Abstand zwischen
ihm und uns noch fhlbarer zu machen. Schwelgte er nicht in der
Bewunderung, die ihm Vornehm und Gering, Jugend und Alter zollen muten?
Aber mein jetziger Freund (denn das ist er, weil er sich mir ganz gleich
stellt) will nicht gro und erhaben erscheinen, er belchelt dies
Bestreben so vieler Menschen, und meint, schon dies leiste Gewhr, da
etwas Unchtes, Gebrechliches verhllt werden solle, denn ein klares
Bewutsein wolle nur gelten als das, was es sich fhlt, und der grte
der Sterblichen msse sich ja doch gestehn, da er eben so, wie der
bldsinnige Bettler auch, nur ein Sohn des Staubes sei.

Du machst mich begierig, sagte Antonio: er kennt also Zukunft und
Vergangenheit? Die Schicksale der Menschen? Und wei mir zu sagen, wie
glcklich oder unglcklich noch meine Verhngnisse seyn werden? Ob
gewisse, geheimnivolle Wnsche sich erfllen knnen? Kann er denn
errathen und entziffern, was mir selbst in meiner eigenen Geschichte
undeutlich ist?

Das eben ist seine Weisheit, sagte Alfonso begeistert, da er durch
Buchstaben und Zahlen auf die einfachste und unschuldigste Weise alles
erfhrt, wozu jene Unglckseligen Beschwrungen, Formeln, Heulen,
Geschrei und Todesangst anwenden mssen. Darum findest Du auch jenen
widerwrtigen Zauberapparat nicht bei ihm: keine Kristalle und
eingesperrte Geister, keine Spiegel und Gerippe, kein Rauchwerk und
keine fratzenhaften Phantome, sondern er ist sich selbst genug. Ich
sagte ihm von Dir, und er fand in seiner Rechnung, da ich Dich heut, in
dieser Stunde auf den Stufen der Lateranskirche ganz gewi antreffen
wrde. So ist es nun auch in derselben Minute geschehn.

Antonio wurde begierig, den wunderbegabten Mann kennen zu lernen, und
von ihm sein eigenes Schicksal zu erfahren. Sie speisten in einem Garten
und gingen gegen Abend zur Stadt zurck. Die Straen waren etwas mehr
beruhigt, sie konnten ungestrter ihren Weg fortsetzen. In der Dmmerung
kamen sie in die Gassen, die sich eng hinter dem Grabmal des Augustus
zogen. Sie schritten durch ein Grtchen: ein freundliches Licht
schimmerte ihnen aus den Fenstern eines kleinen Hauses entgegen. Sie
zogen die Glocke, die Thr ffnete sich, und mit den sonderbarsten und
gespanntesten Erwartungen trat Antonio mit seinem Freunde in den Saal.

                   *       *       *       *       *

Antonio war verwundert, einen schlichten, nicht groen jungen Mann vor
sich zu sehen, der noch, dem Anschein nach, nicht viel ber dreiig
Jahre alt seyn konnte. Mit einfacher Geberde begrte er den
eintretenden Jngling wie einen alten Bekannten. Seid mir willkommen,
sprach er mit wohllautender Stimme, Euer spanischer Freund hat mir so
viel Gutes von Euch gesagt, da ich mich schon lngst auf Euren Umgang
gefreut habe. Nur mt Ihr freilich nicht whnen, da Ihr zu einem
Weisen, zu einem Adepten gekommen seid, oder gar zu einem Manne, vor
welchem die Hlle in ihren Grundfesten zittert, sondern Ihr findet hier
einen Sterblichen, wie Ihr seid und werden knnt, so wie jeder, den die
ernsten Studien und die Entfernung vom eitlen Weltgetmmel nicht
abschrecken.

Antonio fhlte sich wohl und behaglich, so sehr er auch berrascht war,
er musterte die Stube, die, auer einigen Bchern und einer Laute,
nichts Ungewhnliches aufwies. Er verglich in Gedanken dieses kleine
Haus und seinen schlichten Bewohner mit dem Palaste und Geprnge, den
Instrumenten und den Geheimnissen seines ehemaligen Lehrers und sagte:
freilich sieht man hier keine Spuren jener hohen und geheimen Weisheit,
die mir mein Freund gerhmt und in welcher Ihr untrglich seyn sollt.

Castalio lachte herzlich und sagte dann: Nein, mein junger Freund, nicht
untrglich, denn so weit kommt kein Sterblicher. Seht Euch nur um,
dieses ist mein Wohnzimmer, dort in jener kleinen Kammer steht mein
Bett; hier ist weder Raum noch Mglichkeit, trgerische Anstalten zu
verbergen, oder knstliche Maschinen in Thtigkeit zu setzen. Alle jene
Kreise, Glser, Himmelsgloben und Sternbilder, die jene Beschwrer zu
ihren Knsten nthig haben, finden hier keinen Platz, und jene Elenden
werden auch nur vom Geist der Lge hintergangen, weil sie die Krfte
ihres eignen Geistes nicht wollen kennen lernen. Wer aber in die Tiefen
seiner Seele, von Demuth und frommen Sinn geleitet, steigt, wem es Ernst
ist, sich selbst zu erkennen, der findet auch hier alles, was er
vergebens durch knstliche und verzweifelte Mittel von Himmel und Hlle
erzwingen will. Werdet wie die Kinder! In diesem Aufruf liegt das
ganze Geheimni verborgen. Ist unser Gemth ungeflscht, knnen wir,
wenn auch nur auf Stunden und Augenblicke, das wieder von uns werfen,
welches unsre ersten Eltern mit frevlem Muthwillen an sich zogen, so
wandeln wir wieder im Paradiese und die Natur mit allen ihren Krften
tritt wie damals, im brutlichen Jugendalter der Welt, dem verklrten
Menschen entgegen. Ist denn unser Geist nicht eben dadurch Geist, da
krperliche Schranken, verwirrender Raum und Zeit, ihn nicht hemmen
sollen? Er schwingt sich ja schon, von Sehnsucht und Andacht beflgelt,
ber alle Sternenrume hinaus, nichts hemmt seinen Flug, als jene
Erdengewalt, die sich in der Snde erst auf ihn geworfen, und ihn zu
ihrem Knechte gemacht hat. Diese knnen und sollen wir aber wieder
bezwingen, durch Gebet, durch Zerknirschung vor dem Herrn, durch
Erkennen unsrer groen Schuld und durch ungemessene Dankbarkeit fr
seine berschwengliche Liebe, und dann sehn und hren wir, was sich uns
durch Raum und Zeit entzieht, wir sind dort und hier, die Zukunft tritt
heran, und schttet, so wie die Vergangenheit, ihre Geheimnisse vor uns
aus, das ganze Reich des Wissens, Begreifens steht uns offen, die
himmlischen Krfte werden freiwillig unsre Diener; und dennoch ist dem
chten Weisen Ein Blick in die Geheimnisse der Gottheit, Eine Rhrung
seines Herzens, indem er ihre Liebe fhlt, mehr und wnschenswerther,
als alle Schtze, die sich dem forschenden Geiste bieten, als alle
Enthllungen der Geschichte und Gegenwart, als die Kniebeugungen von
tausend Engeln, die ihn ihren Meister nennen wollen.

Alfonso sah seinen Freund mit begeisterten Blicken an, und Antonio
konnte sich nicht erwehren, sich zu gestehn, da ihm hier im Gewande
einfacher Demuth mehr entgegen komme, als ihn aus Apone's Munde, zur
Zeit seiner grten Verehrung des prunkenden Weltweisen, jemals
angesprochen hatte. Fate er doch jetzt die Ueberzeugung, da die
Weisheit, welche man die bernatrliche nennt, sich wohl mit Frmmigkeit
und der vlligen Ergebung in den Herrn vereinigen lasse.

Wit Ihr nun von meinen Schicksalen? fragte der Jngling bewegt; knnt
Ihr mir von meiner Zukunft etwas sagen?

Wenn ich das Jahr, den Tag und die Stunde Eurer Geburt wei, antwortete
Castalio, mit dem Horoskop, das ich dann stelle, die Lineamente Eures
Antlitzes und die Zge Eurer Hand vergleiche, nachher mit meinem freien
Geiste mich der Anschauung ergebe, so zweifle ich kaum, Euch etwas davon
offenbaren zu knnen.

Antonio bergab ihm ein Taschenbuch, in welchem sein Vater selbst seine
Geburtsstunde bemerkt hatte. Castalio schenkte den Jnglingen Wein ein,
indem er selber ein wenig von diesem geno, schlug einige Bcher auf und
setzte sich alsdann zum Rechnen nieder, ohne nebenher seine Gesprche
mit den Jnglingen vllig abzubrechen. Es schien nur, als wenn der junge
heitre Mann ein ganz gewhnliches Geschft vornehme, das bei weitem
nicht seine ganze Aufmerksamkeit erfordere. So mochte unter Lachen und
frhlichen Gesprchen eine Stunde verflossen seyn, als Castalio aufstand
und Antonio zu sich in ein Fenster winkte. Ich wei nicht, fing er an,
wie viel Ihr Eurem Freunde dort vertraut, was Ihr ihm etwa verschweigen
wollt. Er betrachtete hierauf Antonio's Gesicht, so wie seine Hnde sehr
aufmerksam, und erzhlte ihm dann zusammenhngend die Geschichte und das
Unglck seiner Eltern, den frhen gewaltsamen Tod der Mutter, die
verirrte Leidenschaft des Vaters, dessen Ermordung durch seinen
frevelhaften Mitschuldigen: hierauf kam er auf Antonio's eigne
Begebenheiten, wie er den Mrder gesucht und verfolgt, und selbst von
einer Leidenschaft in Padua sei festgehalten worden. Ihr seid also,
beschlo er, was ich nicht ohne Erstaunen erfahren habe, jener Jngling,
der jngst die Bosheit des verruchten Apone auf wunderbare Weise
entdeckt hat, der den Schndlichen seiner Strafe berlieferte, obgleich
er selbst nur um so unglcklicher wurde, weil er seine Geliebte zweimal
auf entsetzliche Weise verlieren mute.

Antonio besttigte dem freundlichen Manne alles, und hatte ein solches
Zutrauen zu ihm gewonnen, da es ihm war, als wenn er nur mit sich
selber sprche. Er erzhlte ihm hierauf noch von den Abentheuern jener
Nacht, der zweiten Crescentia und jener widerlichen Hexe, die ihm, wie
er glauben msse, heute von neuem erschienen sei. Knnt Ihr mir nun,
fragte er eifrig, sagen, ob dieses Wahrheit sei, wer jene Crescentia
ist, ob ich sie wiedersehn und ihren Eltern zufhren werde?

Castalio war nachdenklicher als zuvor. Wenn jener abentheuerliche
Beresynth, die Fratze, welche den Zauberer begleitete, sich nicht als
Weib verstellt hat, um den Nachforschungen zu entgehn, so getraue ich
mir dieses Weib aufzufinden. Geduldet Euch nur bis morgen und ich sage
Euch Bescheid. Uebrigens sind die Begebenheiten jener Nacht keine
Phantasien Eures Innern, sondern Wirklichkeit gewesen, damit mgt Ihr
frs Erste Euch und Euren ltern Freund beruhigen.

Nachdenkend verlieen die jungen Leute den wunderbaren Mann, und Antonio
dankte dem Spanier herzlich, da er ihm diese Bekanntschaft verschafft
hatte.

                   *       *       *       *       *

Antonio hatte sich aber nicht getuscht. Es war wirklich die Alte, die
er im Gedrnge wahrgenommen hatte. Sie wohnte in einer kleinen Htte,
hinter verfallenen Husern, unweit des Laterans. Verfolgt, drftig, von
aller Welt verlassen, gehat und gefrchtet, war sie hier, im
Aufenthalte des Elendes, der Verzweiflung nahe. Sie wagte es nur selten,
sich zu zeigen, und war auch nur an diesem Tage gezwungen worden,
auszugehn, um ihre Crescentia, die ihr entlaufen war, wieder zu finden.
Da jedermann ihr scheu aus dem Wege ging, da es ihr selbst schwer wurde,
nur hie und da ein Almosen zu erhalten, und ihre ehemaligen Knste keine
Liebhaber fanden, so war sie nicht wenig erstaunt, als sie am Abend an
ihre Thr klopfen hrte, indem drauen Geschrei und Lrmen tobte. Sie
nahm ihre Lampe und machte auf, und sah drauen ein Rudel Gassenjungen
und Pbel, die eine kleine bucklige Figur, die in rothem Sammet mit Gold
phantastisch gekleidet war, verfolgten. Wohnt hier nicht die wrdige
Frau Pankrazia? schrie der migestalte Zwerg. -- So ist es, sagte die
Alte, indem sie mit Gewalt die Thr zuschlug und das Volk drauen mit
Schimpfreden zu vertreiben suchte. -- Wer seid Ihr? wrdiger Herr, was
sucht Ihr bei einer alten verlassenen Frau?

Setzt Euch nieder, sagte der Kleine, und zndet etwas mehr Licht an,
damit wir uns schauen und betrachten knnen, und weil Ihr Euch arm
nennt, so nehmt diese Goldstcke, und wir wollen auf bessere
Bekanntschaft ein Glschen Wein mit einander leeren.

Die Alte schmunzelte, zndete einige Wachskerzen an, die sie in einer
Schieblade verwahrte und sagte: ich habe noch ein Flschchen guten
Florentiner, ehrwrdiger Herr, der uns schmecken soll. Sie ffnete einen
kleinen Schrank und setzte die rothe Labung auf den Tisch, dem
Unbekannten zuerst einschenkend.

Warum nennt Ihr mich ehrwrdig? fragte dieser.

Sagen es die Goldstcke nicht aus, antwortete sie, Euer Wamms, die
Tressen darauf, die Feder auf dem Hut? Seid Ihr kein Prinz, kein Magnat?

Nein, schrie der Kleine: ei poz tausend, Muhme, kennt Ihr mich denn gar
nicht? hat man mir doch schon in der Jugend damit schmeicheln wollen,
da wir uns einigermaen hnlich sehen, und wahrlich, wenn ich so Eure
Statur, Physiognomie, den Ausdruck, das Lcheln und das Blinzeln der
Augen unpartheiisch betrachte und erwge, so sind die Muhme Pankrazia,
aus dem Hause Posaterrena aus Florenz, und der kleine Beresynth, aus der
Familie Fuocoterrestro aus Mailand, so in Verwandtschaftszgen, wie
Muhme und Vetter, sich hnlich genug.

Jemine! schrie die Alte erfreut, so seid Ihr der Beresynth aus Mailand,
von dem ich in meiner Kindheit wohl habe reden hren? Ei! ei! so mu ich
so spt, im hohen Alter, noch einen so liebwerthen Vetter von Angesicht
zu Angesicht kennen lernen!

Ja, sagte der Kleine, recht von Nase zu Nase, denn die aufgeworfene hohe
Schanze ist doch das grte Knochenstck in unsrem Gesicht. Curiositt
halber, liebe Muhme, probiren wir einmal, ob wir uns wohl einen
vetterlichen Ku geben knnen. -- Nein, pur unmglich, die weit
ausgestreckten Vorgebirge rasseln gleich aneinander, und schlieen unsre
demthigen Lippen von jeder sanften Begrung aus. Man mte mit beiden
Fusten die edlen Rmernasen seitwrts zwngen. So. Lat nicht
abschnappen, Frau Muhme, ich mchte eine Ohrfeige kriegen, da mir die
letzten Zhne ausfielen.

Unter herzlichem Lachen rief die Alte: Ei! so frhlich bin ich lange
nicht gewesen. Was wollte man denn von Euch da drauen, Vetter?

Was? schrie der Kleine: mich ansehn, sich ber mich freuen, weiter
nichts. Ist der Mensch nicht, werthgeschtzte Frau Muhme, eine ganz
dumme Figur? Hier in Rom sind nun seit Monaten Hunderttausende
versammelt, ihrem Erlser zu Ehren, so wie sie vorgeben, und ihre Snden
abzuben, und, so wie ich nur aus dem Fenster kucke (ich bin erst seit
vorgestern hier), sei es auch nur in der Schlafmtze, oder gar mit
ganzer Figur und in meinem besten Anzuge auf den Markt hinaus trete, so
mte man doch schwren, da das ganze Gezeug blo meinetwegen von allen
Ecken Europa's ausgezogen sei, so kucken, ugeln, forschen, fragen sie,
lachen und freuen sich. Reich, so scheint es, knnte ich werden, wenn
ich mich die Zeit hier fr Geld wollte sehen lassen, und wenn ich ihnen
nun einmal umsonst die Freude mache, so schreit und lrmt das dumme Volk
hinter mir drein. Eine Meerkatze, Affen oder Seehunde zu beschauen,
mten sie sich in Unkosten setzen, und statt meine Gromuth ruhig und
wie gesetzte Leute zu genieen, tobt und schimpft der Pbel um mich her,
und sucht alle Ekelnamen aus der Naturgeschichte zusammen, um seine
krasse Ignoranz an den Tag zu geben.

Ja wohl, ja wohl, seufzte die Alte: es geht mir nicht besser. Sind die
Thiere wohl so dumm? Da mag einer Nase, Augen und Kinn nach Gutdnken
haben, und es geht ihm ruhig hin.

Seht nur die sonst einfltigen Fische an, fuhr Beresynth fort, welche
philosophische Toleranz! Und unter denen sind manche Kerle doch ganz
Schnauze, und halten den Forschern der Tiefe eine Physiognomie entgegen,
ernst, kalt, ruhig im Bewutsein ihrer Originalitt, und umher krmmelt
und wimmelt es von andren seltsamen Angesichtern, Kiefern, Zhnen,
vorgequollnen Augen und von frappantem Ausdruck aller Art, aber ruhig
und still wandelt jedes Ungeheuer dort seinen Gang, ungeschoren und
unmolestirt. Nur der Mensch ist so thricht, da er ber das
Nebengeschpf lacht und spottet.

Und worauf, sagte die Alte, luft denn nun der mchtige Unterschied
hinaus? Ich habe doch noch keine Nase gesehn, die nur eine einzige Elle
lang wre, ein Zoll, hchstens zwei, kaum drei ist der Unterschied
zwischen der sogenannten Migeburt und dem, was sie Schnheit nennen.
Und auf den Hcker zu kommen. Wenn er im Bett nicht manchmal unbequem
wre, nicht wahr, so ist er eigentlich viel angenehmer, als so ein
dummer, gerader Rcken, wo sich bei manchem grogewachsenen Schlingel
die langweilige gerade Linie, ohne Verzierung und Schnrkel, bis ins
Unermeliche hinauf erstreckt.

Recht habt Ihr, Frau Muhme, rief der schon trunkne Beresynth der
Trunknen entgegen. Was macht denn die Natur, wenn sie solche gerade
Katze, solche sogenannte Schnheit von der Tpferscheibe laufen lt?
Das ist ja kaum der Mhe werth, die Arbeit nur anzufangen. Aber solche
Kabinetstcke, wie wir, da kann die schaffende Kraft, oder das
Naturprinzip, oder Weltgeist, oder wie man das Ding nennen will, doch
mit einer gewissen Beruhigung und Befriedigung seine Produktion
anschauen. Das rundet sich doch, das bricht in merkwrdige Ecken aus,
das zackt sich wie Korallen, springt hervor in Kristallen, formirt sich
wie Basalt, und rennt und springt und hpfelt in allen Linien um unsern
Krper. Wir, Base, sind die verzognen, verhtschelten Kinder der
Formation, und darum ist der Pbel der Natur auch so boshaft und
neidisch auf uns. Das schlanke miserable Wesen grnzt an den klglichen
Aal, da ist keine Auferbauung. Von der dummen Figur zur Seespinne ist
schon sehr weit, und wie fern dann Meerkalb, wie bertreffen wir dieses,
so wie den Seestern, Krebs und Hummer, getreuste Cousine, mit unsern
Abnormitten, die sich in keine Rechnung bringen lassen. -- Wo habt Ihr
nur die herrlichen beiden Zhne her? Diese unvergleichlichen Mordanten
figuriren so recht schwarz und dster in der tiefsinnigen Fugirung Eures
unergrndlichen Mundes.

O Schker, o Schmeichler, lachte die Alte, aber Euer liebes Kinn, das
sich so huldreich und dienstfertig hervordrngt und tischartig umbeugt.
Knntet Ihr nicht einen ziemlichen Teller bequem darauf setzen, und von
ihm ungestrt mit den Lippen herunter naschen, indessen Eure Hnde
anderswo Arbeit suchten? Das nenne ich konomische Einrichtung.

Wir wollen uns nicht durch Lobeserhebungen verderben, sagte der Zwerg,
sind wir ja doch schon auf unsre Vorzge eitel genug, die wir uns nicht
selbst gegeben haben.

Ihr habt Recht, sagte sie, aber, was treibt Ihr, Vetter? Wo lebt Ihr?

Kurios genug, antwortete Beresynth, bald hier, bald dort, wie ein
Vagabund; jetzt aber will ich mich zur Ruhe setzen, und da ich hrte,
da noch eine nahe Verwandte von mir lebte, so wollte ich die aufsuchen,
und sie bitten, mit mir zu ziehn. So komm ich zu Euch. In meiner Jugend
war ich Apotheker in Calabrien, da jagten sie mich fort, weil sie
meinten, ich fabrizire Liebespulver. Du liebe Zeit! als wenn es deren
noch bedrfte. Dann war ich einmal Schneider, es hie, ich sthle zu
arg; als Pastetenbcker wieder die Beschuldigung, da ich Katzen und
Hunden nachstellte. Ich wollte Mnch werden, aber kein Kloster wollte
mich einlassen. Als Doctor sollt' ich verbrannt werden, denn sie
sprachen gar von Hexerei. Ich wurde gelehrt; schrieb, dichtete, das Volk
meinte, ich lstre Gott und die Christenheit. Nach vielen Jahren kam ich
zum weltberhmten Pietro Apone, und wurde dessen Famulus, nachher
Eremit, und was nicht Alles; am besten, da ich in jedem Stande Geld
gemacht und zurckgelegt habe, so da ich meine alten Tage ohne Noth und
Sorge beschlieen kann. -- Und Ihr, Muhme, Eure Geschichte?

Wie die Eurige, antwortete die Base: man wird immer unschuldig verfolgt.
Ich habe etlichemal am Pranger stehn mssen, aus einigen Lndern bin ich
verwiesen, sie wollten mich unter andern auch verbrennen: es hie, ich
hexte, ich sthle Kinder, ich verzauberte die Leute, ich kochte Gift.

Nicht wahr, sagte Beresynth treuherzig, es war auch etwas an diesem
Gerede? Ich mu es wenigstens von mir bekennen, und vielleicht liegt es
in der Familie, da ich manche dem hnliche Knste getrieben habe. Zarte
Freundin, wer einmal vom lieben Hexen ein Bischen weg hat, der kann es
nachher Zeitlebens nicht wieder lassen. Das Ding ist wie mit dem
Weintrinken. Einmal den Geschmack gewonnen, und Zunge, Kehle, Gaumen, ja
Lung und Leber lassen von dem Dinge nicht wieder los.

Ihr seid ein Menschenkenner, lieber Vetter, sagte die Alte mit
selbstgeflligem Lcheln. So etwas Mord und Hexerei, Gift und Diebstahl
luft auch beim Unschuldigsten mit unter. Das Kuppeln hat mir nie
einschlagen wollen. Und was soll man sagen, wenn man an eignen Kindern
Undank und Unheil erlebt? Meine Tochter, die nun gesehn hat, wie ich
Hunger und Kummer leiden mu, wie ich mir an meinem alten Munde
absparte, um sie nur schn in Kleidung zu setzen, die ungerathne Dirne
hat sich nie von mir erweichen lassen, auch nur einen Groschen zu
verdienen. Frher konnte sie gute Heirathen treffen: Ildefons, Andrea
und noch einige andere tapfere Mnner, die unser ganzes Haus und sie mit
erhielten; da brauchte sie den armseligen Vorwand, da die Herren Ruber
und Mrder wren, denen sie ihr Herz verschlieen msse. Die Mnner
waren so gromthig, da sie sich wirklich die Dirne wollten antrauen
lassen, aber die dumme Jugend hat weder Verstand noch Tugend. Nun ruhen
sie im Grabe, die vorzglichen Mnner, und sind auf eine schnde Art
umgekommen. Doch das rhrt sie so wenig, wie mein Kummer und Elend, so
da sie nicht drein willigen mochte, mit einem jungen reichen vornehmen
Herrn, dem Neffen eines Cardinals, zu leben, der unsre ganze Stube mit
Gold berziehen konnte. Weggelaufen ist die einfltige Dirne, und man
will sie mir gar nicht wieder ausliefern. So werden heut zu Tage die
Eltern verachtet.

Lat sie laufen, die Verchtliche, sagte Beresynth, wir wollen ohne sie
schon glcklich miteinander leben, denn unsre Neigungen und Gemther
sind sich gleich.

Warum aber weglaufen, sagte die Alte, wie eine ungetreue, geprgelte
Katze? Wir htten uns ja wie Liebende, wie vernnftige Wesen trennen
knnen. Es fand sich gewi Gelegenheit, die bleichschtige Dirne
vortheilhaft zu verkaufen, an Alt oder an Jung, und das htte auch wohl
gelingen knnen, wenn sie sich nicht einen einfltigen jungen Burschen
ins Herz geschlossen htte, den sie liebt, wie sie sagt.

O hrt auf, schrie Beresynth, taumelnd, und schon halb im Schlaf, wenn
Ihr von Liebe sprecht, Base, so verfalle ich in so konvulsivisches
Lachen, da ich mich in drei Tagen nicht wieder erhole. Liebe! das dumme
Wort hat meinem berhmten Meister Pietro den Hals gebrochen. Ohne den
Taranteltanz se die groe Habichtsnase noch als Professor auf seinem
Katheder, und kraute die jungen Gnse mit Philosophie und Tiefsinn an
ihren dummen Kpfen, die ihm die Gelbschnbel entgegen reckten. Ja, ja,
Alte, das Affenthum von Liebe und platonischer Seelentrunkenheit htte
uns beiden, Euch und mir, nur noch gefehlt, um die Wunderthat unsrer
heroischen Existenz vollstndig zu machen. -- Nun lebt wohl, Alte,
morgen in der Nacht um diese Zeit hole ich Euch ab, und dann trennen wir
uns nie wieder.

Vetter, sagte Pankrazia, auf Wiedersehn. Seit Ihr zu mir eingetreten
seid, bin ich ein ganz andres Wesen geworden. Wir wollen in Zukunft eine
herrliche Haushaltung fhren.

Haben wir unser Jubeljahr doch nun auch gefeiert, lallte Beresynth, der
schon auf der Strae stand, und in dunkler Nacht nach seiner Wohnung
taumelte.

                   *       *       *       *       *

Antonio hatte indessen den alten Ambrosio und dessen Gattin schon darauf
vorbereitet, da er gewi jene widerwrtige Alte, und so auch deren
Tochter Crescentia wieder auffinden wrde. Die Mutter glaubte ihm gern,
aber der Vater blieb bei seinen Zweifeln. Noch vor Sonnenuntergang begab
sich der Jngling mit seinem Freunde wieder zum weisen Castalio. Dieser
kam ihnen schon lchelnd entgegen und sagte: Hier, Antonio, nehmt dieses
Blatt, Ihr findet auf ihm verzeichnet, in welcher Gasse, in welchem
Hause Ihr jene Unholdin antreffen werdet. Wenn Ihr sie aufgefunden habt,
werdet Ihr an meiner Wissenschaft nicht mehr zweifeln.

Schon jetzt bin ich berzeugt, sagte Antonio, ich war es schon gestern.
Ihr seid der weiseste der Sterblichen, und werdet mich durch Eure Kunst
zum glcklichsten machen. Ich gehe, die bse Alte aufzusuchen, und wenn
Crescentia nicht gestorben, oder verloren ist, so fhre ich sie in die
Arme ihrer Eltern.

Bewegt und voller Erwartung wollte er sich eilig entfernen, er hatte
schon den Drcker der Thr in der Hand, als sich ein leises ngstliches
Klopfen drauen ankndigte, von einem heisern Husten und Scharren der
Fe begleitet. Wer ist da? rief Castalio, und da die Freunde ffneten,
trat Beresynth herein, der sich gleich in die Mitte des Zimmers stellte,
und unter vielen fratzenhaften Verbeugungen, so wie Verzerrungen des
Gesichtes dem weisen Manne seine Dienste anbot.

Wer seid Ihr? rief Castalio, der sich verfrbt hatte und mit blassem
Angesicht einige Schritte zurckgewichen war.

Ein Bsewicht ist der Verruchte! rief Antonio, ein Zauberer, den wir der
Inquisition berliefern mssen, der verruchte Beresynth selbst ist es,
dessen Namen Ihr, verehrter Mann, schon kennt, und von dem ich Euch
erzhlt habe.

Meint Ihr, junges Blut? sagte Beresynth mit dem Ausdruck der tiefsten
Verachtung. Mit Euch, ihr Kinder, habe ich nichts zu schaffen. Kennt Ihr
mich nicht? rief er zu Castalio gewendet, und knnt auch meine Dienste
nicht brauchen?

Wie sollt ich? sagte Castalio mit ungewisser Stimme, ich habe Euch nie
gesehn. Entfernt Euch, ich mu Eure Dienste ablehnen. In meinem kleinen
Hause bedarf ich keines fremden Wesens.

Beresynth ging mit groen Schritten auf und ab. Also, Ihr kennt mich
nicht? Kann seyn; man verndert sich manchmal, denn der Mensch bleibt
nicht in seiner Blthe. Doch, mein' ich, sollte man mich nicht so bald
vergessen, oder mit andern verwechseln, wie so manchen glatten, fein
gemalten, unbedeutenden Tropfen. -- Und ihr, indem er sich zu den jungen
Leuten wendete, kennt wohl jenen Weisheitsfinder auch nicht?

O ja, sagte Antonio, er ist unser Freund, der treffliche Castalio.

Da erhub der Kleine ein so ungeheures Lachen, da Wnde und Fenster des
Zimmers erklirrten und wiederhallten. Castalio! Castalio! schrie er wie
besessen; warum nicht auch Aganippe oder Hippokrene? Also, ihr habt den
Brill vor den Augen, mit Kalbsblicken schaut eure Seele aus dem runden
Krbis eurer Kpfe dumm heraus? Reibt euch die Nase, und seht und
erkennt doch euren verehrten Pietro von Abano, den groen
Tausendknstler aus Padua!

Derjenige, der sich Castalio nannte, war wie ohnmchtig in einen Sessel
gesunken, sein Zittern war so heftig, da alle Glieder seines Krpers
flogen, die Muskeln seines Antlitzes bebten so gewaltsam, da kein Zug
in ihm wahrzunehmen war, und nachdem die jungen Leute dies einige Zeit
staunend betrachtet hatten, glaubten sie mit Entsetzen wahrzunehmen, da
aus den sich verwirrenden Lineamenten die alte Bildung des bekannten
greisen Apone hervorstiege. Laut schreiend erhub sich der Zauberer vom
Sessel, ballte die Fuste und schumte mit dem Munde, er schien in
seiner Wuth riesengro. Nun ja, brllte er im Donnerton, ich bin es,
jener Pietro, und Du, Knecht, verdirbst mir jetzt mein Spiel, jene junge
Brut dort auf einem neuen Wege zu vernichten. Was willst Du, Wurm, von
mir, der ich, Dein Meister, Dich nicht mehr anerkenne? Zitterst Du nicht
in allen Gebeinen vor meiner Rache und Strafe?

Beresynth erhub wieder jenes schallende, entsetzliche Gelchter. Strafe?
Rache? wiederholte er grinsend; Dummkopf ohne Gleichen! Mut Du denn
jetzt erst merken, da Dir diese Sprache zu mir nicht geziemt? Da Du,
Gaukler, Dich vor mir im Staube krmmen mut? da ein Blick meines
Auges, ein Griff meines erznen Armes Dich zerschmettert, Du erdgebornes
Larvenspiel elender Knste, die nur ich gelingen lie?

Ein Scheusal stand im Saal. Seine Augen sprhten Feuer, seine Arme
dehnten sich wie zwei Adlerschwingen aus, das Haupt berhrte die Decke;
Pietro lag winselnd und heulend zu seinen Fen. Ich war es, fuhr der
Dmon fort, der Deine arme Gaukelei befrderte, der die Menschen
tuschte, der den Frevel durch meine Macht erschuf. Du tratst mich mit
Fen, ich war Dein Hohn, Deine hochmthige Weisheit triumphirte ob
meinem Bldsinn. Nun bin ich Dein Herr! Jetzt folgst Du mir als mein
leibeigner Knecht in mein Gebiet. -- Entfernt euch, ihr Elenden! rief er
den Jnglingen zu, was wir noch verhandeln, geziemt euch nicht zu
schauen! Und ein ungeheurer Donnerschlag erschtterte das Haus in seinen
Tiefen, geblendet, entsetzt strzten Antonio und Alfonso hinaus, ihre
Knie wankten, ihre Zhne klappten. Ohne zu wissen wie, befanden sie sich
wieder auf der Strae, sie flchteten in einen nahen Tempel, denn eine
heulende Windsbraut erhob sich mit Donner und Blitzen, und die Wohnung,
als sie hinter sich sahen, brannte in zerfallenen Trmmern, zwei dunkle
Schatten schwebten ber dem Brande, kmpfend, so schien es, und sich in
Verschlingungen hin und her werfend und ringend, Geheul der Verzweiflung
und lautes Lachen des Hohnes erklangen abwechselnd zwischen den Pausen
des lautrasenden Sturmwinds.

                   *       *       *       *       *

Erst nach langer Zeit konnte sich Antonio so viel sammeln, da er stark
genug war, nach der gegebenen Anweisung das Haus der Alten aufzusuchen.
Er fand sie geschmckt und sie rief ihm frohlockend entgegen: ei!
Florentiner! seid Ihr auch einmal wieder da?

Wo ist Eure Tochter? fragte Antonio, zitternd vor Eil.

Wenn Ihr sie jetzt haben wollt, sagte die Alte, so will ich sie Euch
nicht vorenthalten. Aber bezahlen mt Ihr rechtschaffen fr sie, oder
der Podesta von Padua, wenn er noch lebt, denn sie ist sein Kind, das
ich ihm damals gestohlen habe, weil mir die Herren Markoni ein
ansehnliches Stck Geld dafr gnnten.

Wenn Ihr es beweisen knnt, sagte der Jngling, so fordert.

Beweise, so viel Ihr wollt, rief die Alte, Windeln mit Wappen, Kleider
von damals, ein Maal auf der rechten Schulter, was ja die Mutter am
besten kennen mu. Aber auch Briefe von den Markonis sollt Ihr haben,
Schriften vom Podesta selbst, die ich damals in der Eile mit wegfischte.
Alles, nur Geld mu da seyn.

Antonio zahlte ihr alles Gold, was er bei sich trug, und gab ihr noch
die Edelsteine, die Hut und Kleidung schmckten, Perlen und eine goldne
Kette. Sie strich alles lchelnd ein, indem sie sagte: wundert Euch
nicht, da ich so eilfertig und leicht zu befriedigen bin. Die Dirne ist
mir weggelaufen, weil sie keinen Liebhaber wollte, und steckt im
Nonnenkloster bei der Trajanssule, die Aebtissin hat sie mir nicht
herausgeben wollen, aber meldet Euch nur dort, das junge Blut wird Euch
von selbst in die Arme springen, denn es trumt und denkt nur von Euch,
so habt Ihr ihr thrichtes Herz bezaubert, da sie seit jener Nacht, der
Ihr Euch wohl noch erinnern werdet, kein vernnftiges Wort mehr
gesprochen hat, da sie weder Liebhaber noch Mann mehr leiden konnte.
Froh bin ich, da ich sie so los werde, ich gehe mit einem vornehmen
Vetter, Herrn Beresynth, der mich eigen dazu aufgesucht hat, noch heut
Nacht auf seine Gter. Lebt wohl, junger Narr, und seid mit Eurer
Crescentia glcklich.

Antonio nahm alle Briefschaften, die Kleidungen des Kindes, alle Beweise
ihrer Geburt. In der Thr begegnete ihm schon jener Furchtbare, der sich
Beresynth nannte. Er eilte, und war so leichten Herzens, so beflgelt,
da er den Sturm hinter sich nicht vernahm, der die Gegend zu verwsten
und die Huser aus ihren Grndungen zu heben drohte.

Bei nchtlicher Weile untersuchten die berglcklichen Eltern die
Briefe, und diese, so wie die Kleider berzeugten sie, da diese zweite
Crescentia ihr Kind sei, die Zwillingsschwester jener gestorbenen, die
sie in der Taufe damals Ccilie genannt hatten. Der Vater holte am
Morgen das schne bleiche Mdchen aus dem Kloster, die sich wie im
Himmel fhlte, edlen Eltern anzugehren, und einen Jngling, der sie
anbetete, wieder gefunden zu haben, dem sie in jener Nacht auf ewig ihr
ganzes Herz hatte schenken mssen.

Rom sprach einige Zeit von den beiden Unglcklichen, welche das Gewitter
erschlagen hatte, und Ambrosio lebte nachher mit seiner Gattin, der
wieder gefundenen Tochter und seinem Eidam Antonio in der Nhe von
Neapel. Der Jngling verschmerzte im Glck der Liebe die Leiden seiner
Jugend, und an Kindern und Enkeln trsteten sich die Eltern ber den
Verlust der schnen und innig geliebten Crescentia.




Anmerkungen zur Transkription


Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind,
wurden ^so^ markiert.

Die variierende Schreibweise des Originales wurde weitgehend
beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert,
teilweise unter Verwendung weiterer Ausgaben, wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   [S. 11]:
   ... Gesprchen zu und wnschte sowie die Andern ber ungesalzene ...
   ... Gesprchen zu und wnschte so wie die Andern ber ungesalzene ...

   [S. 16]:
   ... in dieseir Hinsicht so vieles zu verbessern ist. ...
   ... in dieser Hinsicht so vieles zu verbessern ist. ...

   [S. 16]:
   ... Schon n der Nhe des freundlichen Thorschreibers fielen ...
   ... Schon in der Nhe des freundlichen Thorschreibers fielen ...

   [S. 57]:
   ... hatte, hielt, nachdem viel ber die Fortschritte in ...
   ... hatten, hielt, nachdem viel ber die Fortschritte in ...

   [S. 102]:
   ... verlieen sie die Chausse, um auf schlechten Wegen nach dem ...
   ... verlieen sie die Chaussee, um auf schlechten Wegen nach dem ...

   [S. 124]:
   ... Stcke, die gespielt wurden. Sie waren so origiginell, ...
   ... Stcke, die gespielt wurden. Sie waren so originell, ...

   [S. 131]:
   ... selsam zu seyn glaubt, die Stellen nachweisen, die er nur ...
   ... seltsam zu seyn glaubt, die Stellen nachweisen, die er nur ...

   [S. 148]:
   ... Eulen und Fledermuse gehren, mit meiner Nachwelt, die ...
   ... Eulen und Fledermuse gehren, mit meiner Nachtwelt, die ...

   [S. 149]:
   ... und zukneifend, und sucht aus und whlt, hebt auf und
       registirt, ...
   ... und zukneifend, und sucht aus und whlt, hebt auf und
       registrirt, ...

   [S. 221]:
   ... kommen, denn Schmaling war zu sehr von Ehrfurch durchdrungen, ...
   ... kommen, denn Schmaling war zu sehr von Ehrfurcht
       durchdrungen, ...

   [S. 243]:
   ... zu denen ihn aber der forschende Graf in knstlichen
       Wendnngen ...
   ... zu denen ihn aber der forschende Graf in knstlichen
       Wendungen ...

   [S. 254]:
   ... Freigeist und Uebervernnftigen so mit beiden Beiden in die ...
   ... Freigeist und Uebervernnftigen so mit beiden Beinen in die ...

   [S. 279]:
   ... Verbindungen nicht, und wute eben so wnig, wie diese jetzt ...
   ... Verbindungen nicht, und wute eben so wenig, wie diese jetzt ...

   [S. 317]:
   ... flehenden Blick fr ihre Mutter ein, da se n Zorn entwaffnet ...
   ... flehenden Blick fr ihre Mutter ein, da sein Zorn entwaffnet ...

   [S. 354]:
   ... der Erde dorthin zogen, zu zersteuen, und seinen Freund ...
   ... der Erde dorthin zogen, zu zerstreuen, und seinen Freund ...






End of Project Gutenberg's Schriften 23: Novellen 7, by Ludwig Tieck

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Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

