The Project Gutenberg eBook, Der Weltkrieg, I. Band (of 3), by Karl
Helfferich


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Title: Der Weltkrieg, I. Band (of 3)
       Die Vorgeschichte des Weltkrieges


Author: Karl Helfferich



Release Date: April 15, 2015  [eBook #48715]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WELTKRIEG, I. BAND (OF 3)***


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DER WELTKRIEG

von

KARL HELFFERICH

I. BAND







[Illustration: Verlags-Signet]

1919
Verlegt bei Ullstein & Co in Berlin




Die Vorgeschichte des Weltkrieges

von

Karl Helfferich

[Illustration: Verlags-Signet]







1919
Verlegt bei Ullstein & Co in Berlin

_Alle Rechte_, insbesondere das Recht der Uebersetzung, _vorbehalten_.
_Amerikanisches Copyright_ 1919 _by Ullstein & Co, Berlin_




Inhalt


Vorwort      9, 10


Vom Dreibund zum Dreiverband      11-62

Die Verschiebung der Mchtegruppierung seit Bismarcks Abgang      13-33

Bismarcks cauchemar des coalitions und sein System der Sicherungen
13-16. Das Abbrckeln des Bismarckschen Systems 16-19. Die
englisch-franzsische Entente 19-24. Belgiens Verhltnis zur Entente
24, 25. Die britisch-russische Verstndigung 25-27. Italiens Vershnung
mit Frankreich 27-29. Japan 29-31. Die Vereinigten Staaten 31, 32. Die
Mchtegruppierung beim Ausgang der Blowschen Kanzlerschaft 32, 33.

Die treibenden Krfte      33-62

Unsere Politik der mangelnden Gegengewichte 33-35. Ungeschicklichkeiten
und Schroffheiten 35-37. Deutschland und sterreich-Ungarn politisch
saturiert 37, 38. Frankreichs Revanchedurst und koloniale Ausdehnung
38-40. Rulands Drang nach Konstantinopel und dem Balkan 40-42. Italiens
Irredenta- und Tripoliswnsche 42, 43. Die britische Handelseifersucht
43-49. Die Bagdadbahn 49, 50. Die Flottenfrage 50-55. Das Wettrsten
55-60. Der Dreibund Versicherungsgesellschaft, die Triple-Entente
Erwerbsgesellschaft 60-62.


Die Etappen zum Weltkrieg      63-112

Vorbemerkung      65

Die bosnische Krisis      66-72

Die trkische Revolution 66. sterreich-Ungarn erklrt seine Souvernitt
ber Bosnien und die Herzegowina 67, 68. Deutschlands Stellung zum
sterreichisch-trkischen Konflikt 68, 69. Die Stellung der Gromchte
69-71. Friedliche Beilegung 71, 72.

Verstndigungsversuche mit Frankreich und Ruland      72-77

Das deutsch-franzsische Marokko-Abkommen vom 9. Februar 1909 72-74. Das
Potsdamer Abkommen zwischen Deutschland und Ruland 74-77.

Die Marokkokrisis von 1911      77-87

Keine deutsch-franzsische Entspannung durch das Abkommen von 1909
77, 78. Besetzung von Fez durch die Franzosen 78, 79. Deutsche
Verstndigungsvorschlge 79-81. Agadir 81-83. Verhandlungen zwischen
Kiderlen und Cambon 83. Einmischung Englands 83-85. Deutsch-franzsischer
Vertrag vom 4. November 1911 85-87.

Lord Haldanes Mission      87-91

Reaktion auf die deutschfeindliche Politik der britischen Regierung 87,
88. Flottenfrage 88. Neutralittsabkommen 88-90. Ergebnislosigkeit der
Besprechungen 91.

Der Tripoliskrieg      91-94

Italiens Kriegserklrung 91, 92. Wirkung auf das deutsch-trkische
Verhltnis 92. Wirkung auf Frankreich, England und Ruland 92-94.

Die beiden Balkankriege      95-112

Der Balkanbund 95. Die Haltung der Gromchte 96-101. Englands
zwiespltige Politik 101, 102. Deutschlands Haltung zu dem
russisch-sterreichischen Konflikt 102-109. Frankreichs Unterordnung unter
die russische Politik 109, 110. Der zweite Balkankrieg und der Bukarester
Friede 110, 111. Die groserbische und die albanische Gefahr 111, 112.


Die letzten Verstndigungsversuche      113-166

Vorbemerkung      115, 116

Die Verstndigung mit England ber die afrikanischen Kolonialfragen
116-120

Das deutsch-englische Abkommen von 1898 ber die Liquidation des
portugiesischen Kolonialbesitzes 116-118. Die Kolonialverhandlungen von
1913/14 118-120.

Die vorderasiatischen Fragen, insbesondere die Bagdadbahn      120-138

Bagdadbahn und deutsch-englische Beziehungen 120, 121. Die Anfnge der
Bagdadbahn 121-126. Das Bagdadbahnprojekt auf internationaler Grundlage
126-130. Die Ablehnung einer Beteiligung durch die englische und
franzsische Regierung 130, 131. Die Bagdadbahn als deutsches Unternehmen
131-134. Die jungtrkische Revolution und neuer Kampf um die Bagdadbahn
134-138.

Die Verstndigung mit Frankreich ber die trkischen Eisenbahnfragen
138-142

Sparation nette im Bagdadbahnunternehmen 138-141. Vereinbarungen ber
die beiderseitigen Eisenbahninteressen in der Trkei 141, 142.

Die Verstndigung mit England ber die vorderasiatischen Fragen     142-154

Ziele der britischen Regierung 142-145. Der deutsche und der trkische
Standpunkt 145-148. Fluschiffahrt, Bewsserungsanlagen und Petroleum in
Mesopotamien 148-150. Die Verstndigung 150-154.

Die deutsch-englische Verstndigung und die englisch-russische
Marinekonvention      155-166

Ehrlicher Verstndigungswille? 155, 156. Iswolskis Bndnisvorschlag
156, 157. Das britisch-russische Marineabkommen 157, 158. Der Geist der
britischen Politik 158-160. Kriegsstimmung in Frankreich und Ruland
160-163. Die Aussichtslosigkeit der deutsch-britischen Verstndigung
163-166.


Der Ausbruch des Weltkrieges      167-230

Die Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand 169-171. Die Haltung der
deutschen Regierung in dem sterreichisch-serbischen Konflikt 172-175.
Das sterreichisch-ungarische Ultimatum an Serbien 175. Die deutsche
Regierung und das Ultimatum 175-181. Der Deutsche Kaiser und das
Ultimatum 182. Deutschlands Friedenswille; die mangelhafte militrische,
diplomatische und wirtschaftliche Kriegsvorbereitung 183-186. Rulands
Einmischung 187, 188. Meine Unterredung mit Herrn Davydoff vom 26. und
27. Juli 1914 188-198. Die russische Kriegspartei 198, 199. Die Haltung
Frankreichs 199, 200. Die Haltung Englands 200-203. Der Druck der
deutschen Regierung auf das Wiener Kabinett und sein Erfolg 204-207. Die
russische Generalmobilmachung 208, 209. Des Zaren Befehl auf Einstellung
der Mobilmachung nicht befolgt 209. Englands Rckendeckung fr Frankreich
und Ruland 210. Deutschlands Schritte in Petersburg und Paris 211-213.
England wirft die Frage der belgischen Neutralitt auf und weigert sich
selbst, unter irgendwelchen Bedingungen seine Neutralitt zuzusagen
213-215. Die deutsche Mobilmachung 216. Die berlegenheit der britischen
Diplomatie 216-219. Sir Edward Grey sucht einen zugkrftigen Kriegsgrund
220-222. Die Verletzung der belgischen Neutralitt als Kriegsvorwand
222-225. Der Kaiser ber seine Friedensbemhungen und ber die knftige
Mchtegruppierung 226-229. Der Triumph der britischen Politik 229-230.




Vorwort


Ich vermesse mich nicht, die Geschichte des Weltkrieges zu schreiben.
Das mag ruhigeren Zeiten vorbehalten bleiben, in denen die Menschheit
einigermaen Distanz zu den Ereignissen des Weltkrieges gewonnen hat.
Wohl aber glaube ich, heute schon einiges -- und nicht ganz Unwichtiges
-- zur Geschichte des Weltkrieges sagen zu knnen und sagen zu mssen.

Mein persnliches Schicksal hat mich so gefhrt, da ich seit einer
Reihe von Jahren an den Entwicklungen, die dem Kriege vorausgingen, die
den Knoten schrzten und ihn zeitweise wieder zu entwirren schienen,
da ich schlielich an den Ereignissen des Krieges selbst mittelbar
oder unmittelbar, Einblick nehmend oder handelnd, beteiligt war.

Die Welt drstet nach Aufklrung; sie will wissen, wie es hat so kommen
knnen und ob es hat so kommen mssen. Ihr Urteil ber Personen,
Einrichtungen, Vorgnge hngt von dieser Aufklrung ab; und ihr Urteil
wird, da alles noch im Flusse des Werdens ist, das Schicksal der Vlker
und Vlkergemeinschaften gestalten helfen. Ich glaube mich, soweit ich
es vermag, in den Dienst dieses Bedrfnisses nach Aufklrung stellen zu
sollen.

Meine Absicht geht dabei auf mehr als auf eine Bereicherung der
Memoirenliteratur. Sie geht darauf, die Flle der Ereignisse in ihrem
groen Zusammenhang zu erfassen und sie so zur Darstellung zu bringen,
wie ich sie sehend und handelnd erlebt habe. Der Nachdruck wird dabei
auf der Schilderung der Tatsachen liegen, vor allem auf der Darstellung
derjenigen Vorgnge, an denen ich unmittelbar beteiligt war. Im
Urteil, namentlich im Urteil ber Personen, Parteien, Berufsstnde
und Volksschichten, werde ich mir nach Mglichkeit die Zurckhaltung
auferlegen, die mir Pflicht eines mitbeteiligten Darstellers noch nicht
abgeschlossener Vorgnge zu sein scheint.

Der aufrichtige Wille zur Wahrheit hat mir die Feder gefhrt. Deshalb
wage ich zu hoffen, da diese Bltter dazu beitragen werden, der viel
mihandelten und grausam entstellten Wahrheit wieder zu ihrem Rechte
zu verhelfen und damit beizutragen zu einer Gesundung der Gemter und
Zustnde in Deutschland wie zur Schaffung ertrglicher Verhltnisse
zwischen den Vlkern.

                  *       *       *       *       *

Der vorliegende Band behandelt die Vorgeschichte des Weltkrieges. Die
Darstellung der Vorgnge des Weltkrieges selbst ist in der Hauptsache
bereits abgeschlossen und wird diesem ersten Bande in naher Zeit folgen
knnen.

Berlin, Ende Mrz 1919

                                             _Karl Helfferich_




Vom Dreibund zum Dreiverband

Die Verschiebung der Mchtegruppierung seit Bismarcks Abgang


_Bismarck_ hat das neue Preuen geschaffen, Preuens Vorherrschaft in
Deutschland begrndet und das Deutsche Reich aufgebaut in Kriegen,
die er, wenn nicht herbeigefhrt, so doch politisch vorbedacht und
diplomatisch vorbereitet hat; vorbedacht und vorbereitet in einer
Weise, da der Gegner isoliert und eine der eigenen Macht berlegene
feindliche Koalition verhindert wurde. Nach dem Krieg von 1870/71
und der Begrndung des Reichs war er nach seinem eigenen Gestndnis
beherrscht von dem cauchemar des coalitions in einem Mae, da
ihm dieser Alpdruck oft den Schlaf raubte. Ebenso wie Moltke, der
vorausgesagt hat, da wir in fnfzig Jahren um die Errungenschaften
von 1870 wrden kmpfen mssen, hat Bismarck klar erkannt, da eine
Vershnung des besiegten, in seinem alten nationalen und kriegerischen
Stolz schwer getroffenen Frankreich auf viele Jahrzehnte hinaus nicht
mglich sein werde, und da damit jeder anderen Gromacht, die sich
zur kriegerischen Auseinandersetzung mit Deutschland entschlieen
sollte, von vornherein ein nicht zu unterschtzender Bundesgenosse
gesichert sei. Die Gefahr der Bildung gegnerischer Koalitionen hat
durch diese Tatsache eine besondere Verschrfung erfahren; sie hat
fr die Politik des Deutschen Reichs von Anfang an eine Erschwerung
geschaffen, wie sie die Politik keines andern Staates belastete.

Es ist bekannt, wie Bismarck diese Verhltnisse gemeistert hat. Bei
seinem Rcktritt hinterlie er uns eine Mchtegruppierung, die sich in
kurzen Zgen folgendermaen umreien lt:

Deutschland, sterreich-Ungarn und Italien in dem Schutzbndnis
des Dreibundes zusammengeschlossen. Ruland durch den geheimen
Rckversicherungsvertrag von jeder Allianz mit offensiven Zielen gegen
das Deutsche Reich abgehalten. England in der Gesamtorientierung
seiner Politik dreibundfreundlich, wenn auch frei von irgendwelchen
vertragsmigen Bindungen.

Bismarck selbst hatte den Wert von Bndnissen und Vertrgen nie
berschtzt. Niemand wute besser als er, da Bndnisse und Vertrge,
sollen sie in den Lagen, fr die sie geschlossen sind, Stich halten,
der Untermauerung durch die bereinstimmung der wirklichen Interessen
der vertragschlieenden Teile bedrfen. Vor allem war sich Bismarck
klar ber den bedingten Wert der Zugehrigkeit Italiens zum Dreibund:
auf der einen Seite war der italienisch-sterreichische Gegensatz
nicht aus der Welt zu schaffen, sondern nur durch Vorteile, die Italien
im Dreibund fand, oder strkere Gegenstze zwischen Italien und anderen
Lndern, namentlich Frankreich, zu berbieten; dann bedurfte Italien
angesichts seiner Kstengestaltung, wie Bismarck stets anerkannt hat,
einer Anlehnung an den maritimen Schutz Englands. Diese Voraussetzungen
fr ein Sichwohlfhlen Italiens im Dreibund waren, als Bismarck im
Jahre 1890 zurcktrat, vorhanden: der Gegensatz zwischen Italien
und Frankreich, hervorgerufen insbesondere durch die Festsetzung
Frankreichs in Tunis, aufs uerste verschrft durch einen heftigen
Zollkrieg, lie die gegen sterreich gerichteten irredentistischen
Aspirationen zurcktreten. England, das in den Fragen des Mittelmeers
und in kolonialen Angelegenheiten in Gegnerschaft mit Frankreich stand,
und das sich durch die russische Ausdehnung nach Osten in seinen
asiatischen Interessen, vor allem in seiner Herrschaft ber Indien,
bedroht sah, hielt damals noch ein Zusammengehen mit dem Dreibund --
trotz mancher Reibungen mit Deutschlands jungen Kolonialbestrebungen
-- fr die richtige Politik. In Ruland allerdings hatten die
Nachwirkungen des Berliner Kongresses, die immer strker werdenden
panslawistischen Bestrebungen, der Gegensatz zu sterreich-Ungarn in
den Balkanfragen, schlielich das Mitrauen AlexandersIII. gegenber
der Bismarckschen Politik den Wert des im Jahre 1887 erneuerten
deutsch-russischen Rckversicherungsvertrages so stark ausgehhlt,
da bereits in den letzten Jahren der Bismarckschen Kanzlerschaft die
Gefahr des Zweifrontenkriegs fr Deutschland akut zu werden drohte.

Das Gebude der Sicherung Deutschlands gegenber einer bermchtigen
feindlichen Koalition, wie es Bismarck seinen Nachfolgern berlie,
war ein uerst kunstvolles. Es trug die Gewhr seines Bestandes nicht
in sich selbst, sondern ruhte in wichtigen Teilen auf einem leicht
vernderlichen Grunde, dessen Tragfhigkeit schon in der Vergangenheit
nur durch unablssige Achtsamkeit und ununterbrochene Bemhungen
erhalten werden konnte und fr die Zukunft durch kaum abwendbare
Entwicklungen schwer bedroht erscheinen mute.

Alsbald nach Bismarcks Rcktritt begann das von ihm geschaffene
und schlielich von ihm nur noch mhsam aufrechterhaltene System
abzubrckeln.

Der Nichterneuerung des Rckversicherungsvertrages mit _Ruland_ im
Jahre 1890 folgte in kurzer Zeit die russisch-franzsische Entente,
die sich im weiteren Verlauf zu dem Zweibundsvertrag verdichtete. Die
Gefahr des Zweifrontenkriegs war damit vom Anfang der neunziger Jahre
des vorigen Jahrhunderts an zu einer dauernden geworden. Alle deutschen
Bemhungen, das russisch-franzsische Bndnis zu lockern, blieben in
der Folgezeit ergebnislos.

Das Verhltnis zu _England_ blieb zunchst noch ein gutes. Whrend
wir durch den Helgoland-Zanzibar-Vertrag von 1890 koloniale
Reibungspunkte aus unsern Beziehungen zu England beseitigten, bestand
die britisch-franzsische Kolonialrivalitt fort und erreichte im
Jahre 1898 mit dem Zwischenfall von Faschoda ihren Hhepunkt. Noch
mehr fiel ins Gewicht, da der starke Gegensatz zwischen England und
Ruland sich in unverminderter Schrfe erhielt. Unter solchen Umstnden
konnte man in Deutschland die Hoffnung hegen, da es einer umsichtigen
Politik gelingen werde, die fr uns bedrohlichste Koalition -- den
Zusammenschlu Englands mit dem seine Spitze gegen Deutschland und
seine Verbndeten richtenden Zweibund -- zu verhindern.

Diese Hoffnung schien sich zu besttigen, nachdem in England die
Erregung ber die Krgerdepesche (Januar 1896) sich gelegt hatte
und die britische Regierung, trotz der damals schon erwachten
Handelseifersucht, den Versuch einer entschiedenen Annherung an
Deutschland machte. Kein Geringerer als Josef Chamberlain setzte
sich in jener Zeit ffentlich fr einen germanisch-angelschsischen
Dreibund ein, bestehend aus Deutschland, Grobritannien und Irland und
den Vereinigten Staaten von Amerika. Aber dieser Annherungsversuch
fand sowohl bei der deutschen ffentlichen Meinung, die gerade damals
infolge des Burenkrieges stark gegen England erregt war, wie auch bei
der Reichsregierung, die sich zwischen England und Ruland freie Hand
wahren wollte, keine ermutigende Aufnahme. Die Entwicklung kulminierte
in dem zwischen Deutschland und England im Herbst 1900 abgeschlossenen
Abkommen ber China (in Deutschland zumeist Yangtse-Abkommen
genannt), in dem die beiden Mchte sich gegenseitig auf den Grundsatz
der offenen Tr festlegten und sich eine Verstndigung fr den Fall
vorbehielten, da eine andere Macht die chinesischen Wirren benutzen
sollte, um territoriale Vorteile zu erlangen. Dieses Abkommen wurde in
der internationalen ffentlichkeit als ein Zusammenschlu Deutschlands
und Englands gegen die russischen Aspirationen auf die Mandschurei
aufgefat. Aber gerade in diesem entscheidenden Punkte stellte sich
eine ernste Verschiedenheit der Auslegung zwischen der deutschen und
der grobritannischen Regierung heraus. Als wenige Monate nach dem
Abschlu des Abkommens die Frage durch Rulands Vorgehen akut wurde,
erklrte Frst Blow im Reichstag, da sich das deutsch-englische
China-Abkommen nicht auf die Mandschurei beziehe; darber sei auch
bei den Verhandlungen ber das Abkommen den britischen Staatsmnnern
kein Zweifel gelassen worden. Demgegenber erklrte Lord Salisbury im
Unterhaus, da die Behauptung, Deutschland habe bei den Verhandlungen
die Mandschurei ausgenommen, nicht den Tatsachen entspreche. Auf
diese Weise kam es statt zu einer ihre Spitze gegen Ruland kehrenden
deutsch-englischen Annherung zu einer tiefgehenden, die weitere
Entwicklung wohl endgltig beeinflussenden deutsch-englischen
Verstimmung und zu einer von Ruland freudig begrten, aber mit
keinem Dank entgoltenen deutschen Rckendeckung fr die russische
Ostasien-Politik.

Der weitere Verlauf der Dinge erhielt sein Geprge durch die
Annherung zwischen England und Frankreich, die sich schlielich
unter Einbeziehung des russischen Bundesgenossen der franzsischen
Republik zur Triple-Entente ausweitete. Es mu festgestellt werden, da
bereits im Sommer 1903 der nachmalige Staatssekretr des Auswrtigen,
Sir Edward Grey, als oppositioneller Abgeordneter den Versuch des
Zusammengehens mit Deutschland in den ostasiatischen Angelegenheiten
als einen erwiesenen Migriff bezeichnete und daraus die Folgerung zog,
eine Annherung an Ruland zu empfehlen.

In _Frankreich_ wirkte die Demtigung von Faschoda einige Zeit stark
nach. Im Burenkrieg ergriff die ffentliche Meinung in Frankreich kaum
minder lebhaft gegen England Partei als in Deutschland. Aber bald waren
Krfte am Werk, die gerade aus der Demtigung von Faschoda eine neue
Orientierung der franzsischen Politik gegenber England herleiteten.
Faschoda hatte gezeigt, da gegen Deutschland _und_ gegen England
Frankreich seine Gromachtstellung nicht wrde behaupten knnen. Das
alte Revanchebedrfnis gegenber Deutschland erwies sich in dieser Lage
als strker denn die neue Erbitterung ber die Vergewaltigung durch
England. Delcass als franzsischer Minister des Auswrtigen leitete
in stiller und zher Arbeit die britisch-franzsische Annherung
ein. Er fand in England gnstigen Boden. Dort hatte man endgltig die
Hoffnung, in Deutschland ein Werkzeug gegen Ruland gewinnen zu knnen,
aufgegeben; die Handelseifersucht gegen Deutschland wuchs mit der
Entfaltung der deutschen Wirtschaftskraft, namentlich des deutschen
Auenhandels, der deutschen Unternehmungen im Ausland und der deutschen
Handelsflotte, von Jahr zu Jahr; die Vergrerung der deutschen
Kriegsflotte, eine durch die Vermehrung des Auenhandels und das
Wachstum der Handelsflotte gerechtfertigte Entwicklung, erregte mehr
und mehr Besorgnis; und schlielich bestieg nach dem Tode der Knigin
Victoria im Januar 1901 EdwardVII. den britischen Thron.

Die Entente zwischen Frankreich und England trat vor aller Welt
offenkundig in Erscheinung in dem am 8. April 1904 unterzeichneten
Abkommen, das neben einer Anzahl schwebender kolonialer Fragen Marokko
und gypten behandelte. Soweit Marokko in Betracht kam, zeigte diese
diplomatische Aktion in der Sache wie in der Form eine Spitze gegen
Deutschland. England und Frankreich setzten sich -- in dem erst
spter verffentlichten Geheimabkommen noch sehr viel deutlicher als
in dem offenen Vertrag -- ber die erheblichen deutschen Interessen
in Marokko und ber die auch von Deutschland unterzeichnete Madrider
Konvention von 1880 hinweg, whrend sie den vierten Hauptinteressenten,
Spanien, in einem ffentlichen und einem geheimen Abkommen vom
7. Oktober 1904 abfanden und zum Teilhaber ihrer Aktion machten.
Sie setzten sich ber die deutschen Rechte und Interessen hinweg,
ohne der deutschen Regierung eine offizielle Mitteilung ber das
Deutschland so nahe berhrende Abkommen zu machen. Die deutsche
Regierung zeigte zunchst eine bemerkenswerte Zurckhaltung. Erst als
Frankreich zu tatschlichen Manahmen in Marokko schritt, die eine
nicht mehr zu ignorierende Verletzung der Souvernitt des Sultans
von Marokko und der auf der Madrider Konvention beruhenden deutschen
Rechte darstellten, gab Deutschland durch den Besuch des Kaisers
Wilhelm in Tanger zu erkennen, da es nicht gewillt sei, sich als
nicht vorhanden behandeln zu lassen. Dieser Schritt klrte die Lage.
Delcass, der mit allem Nachdruck fr die Ablehnung der unbestreitbar
berechtigten Forderung auf internationale Regelung der bisher durch
die Madrider Konvention international geregelten Marokkofrage eintrat,
konnte sich im franzsischen Ministerrat auf die Zusage nicht nur
diplomatischer, sondern auch militrischer Untersttzung Englands
gegenber Deutschland berufen[1]. Wenn es nicht zum Kriege zwischen der
neuen englisch-franzsischen Koalition und dem Deutschen Reiche kam,
wenn Frankreich vielmehr die von Deutschland vorgeschlagene Regelung
der Marokkofrage durch eine neue internationale Konferenz schlielich
annahm und den zum Krieg entschlossenen Delcass fallen lie, so lag
der Grund hierzu nicht bei dem Friedenswillen der englischen Regierung
oder einer Selbstbesinnung Frankreichs, sondern lediglich in dem von
dem franzsischen Kriegsminister anerkannten Mangel an Bereitschaft
des franzsischen Heeres sowie in der Schwchung Rulands durch den
russisch-japanischen Krieg und die inneren Wirren.

Die Konferenz von Algeciras, deren Zusammentritt ein formaler Erfolg,
deren Verlauf und Ergebnis ein kaum verhllter materieller Mierfolg
der deutschen Politik war, konnte die Tatsache des entschlossen gegen
Deutschland gerichteten englisch-franzsischen Einvernehmens nur
besttigen. Sie enthllte weiter, da Ruland -- trotz des Versagens
seines franzsischen Bundesgenossen und der freundschaftlichen Haltung
Deutschlands whrend des russisch-japanischen Krieges -- nach wie
vor unbeirrt auf der Seite seines franzsischen Verbndeten stand;
da Deutschland, jedenfalls in dieser Mittelmeerfrage, auf eine
Untersttzung durch Italien gegen Frankreich nicht rechnen konnte und
da auch sterreich-Ungarn in einer solchen seine eignen Interessen
nicht unmittelbar berhrenden Angelegenheit nur ein lauer Freund war.

Wir wissen heute aus der groen Rede, die Sir Edward Grey am 3. August
1914, am Tag vor dem Eintritt Englands in den Krieg, im Unterhaus
gehalten hat, da schon damals, whrend der ersten Marokkokrisis, die
englisch-franzsische Entente eine militrische Ausgestaltung erhalten
hat. Auf Wunsch des franzsischen Botschafters erklrte sich Sir
Edward Grey damit einverstanden, da die beiderseitigen militrischen
und maritimen Stabschefs miteinander in regelmig wiederkehrende
Beratungen eintreten sollten, deren Zweck die Vereinbarung ber
einen gemeinschaftlichen Feldzugsplan gegen Deutschland war. Formal
wurde die Freiheit der Entschlieung fr den Eventualfall, dem diese
gemeinschaftlichen Beratungen gelten sollten, vorbehalten. Was von
diesem Vorbehalt materiell zu halten war, hat Sir Edward Grey selbst am
3. August 1914 im Unterhaus dargelegt; er fhrte damals aus, da die
Vereinbarung fr England eine moralische Verpflichtung geschaffen habe,
Frankreich zu helfen; er fgte hinzu, da auf Grund des in eventum
vereinbarten Feldzugsplans Frankreich seine Flotte im Mittelmeer
konzentriert und damit seine westlichen und nrdlichen Ksten
unverteidigt gelassen, d.h. sie der englischen Flotte zur Verteidigung
berlassen habe.

Die Abmachung zwischen Sir Edward Grey und dem franzsischen
Botschafter ber die Zusammenarbeit der beiderseitigen General- und
Admiralstbe war zunchst nur eine mndliche. Sie wurde in England
seinerzeit nur dem damaligen Ministerprsidenten Sir Henry Campbell
Bannerman, Lord Haldane und Mr. Asquith mitgeteilt; das Gesamtkabinett
selbst wurde, wie Sir Edward Grey bekannte, much later on -- es
ist anzunehmen whrend der Marokkokrisis von 1911 -- informiert.
Schriftlich niedergelegt, in Form eines Briefwechsels zwischen Sir
Edward Grey und Mr. Paul Cambon, wurde die Abmachung erst am 22.
November 1912. Das britische Parlament erhielt von ihr zum erstenmal
Kenntnis am 3. August 1914, als der Eintritt Englands in den Krieg auf
Grund dieser Abmachung bereits unabwendbar geworden war.

Die englisch-franzsische Kombination, die im Juli-August 1914 wirksam
wurde, geht also bereits auf die Wende der Jahre 1905 und 1906 zurck.

Die militrische Zusammenarbeit wurde sofort auch auf _Belgien_
ausgedehnt. Im Januar 1906 trat der britische Militrattach in Brssel
an den belgischen Generalstabschef heran, um unter Hinweis auf die
bestehende Kriegsgefahr und die Bedrohung der belgischen Neutralitt
vertrauliche militrische Unterhaltungen der gleichen Art, wie sie
zwischen England und Frankreich begonnen worden waren, einzuleiten.
Die Besprechungen, auf die der belgische Generalstabschef sich
bedingungslos einlie, hatten als Grundlage die von dem britischen
Militrattach fr den in Betracht kommenden Eventualfall angekndigte
Landung eines britischen Expeditionskorps und seinen Durchmarsch
durch Belgien; die Kooperation dieses Expeditionskorps mit dem
belgischen Heer wurde im weiteren Verlaufe der Unterhaltungen in allen
Einzelheiten durchberaten[2].

_Ruland_, Frankreichs Verbndeter, war in den letzten Jahrzehnten, ehe
die Englnder in Deutschland den gefhrlichsten Rivalen zu erkennen
glaubten, fr England der Gegenstand der grten Sorge gewesen.
Denn Ruland war die einzige Macht, die der britischen Weltstellung
zu Lande bedrohlich werden konnte. Die vllige Unvereinbarkeit der
britischen und russischen Strebungen galt lange Zeit hindurch als
ein Axiom der Politik. Englands Verhltnis zu Deutschland selbst war
bis zur Jahrhundertwende stark beeinflut von dem britischen Wunsch,
Deutschland als Gegengewicht gegen Ruland zu benutzen.

Dieser Wunsch wurde im Jahre 1900 endgltig als unausfhrbar
erkannt. Aber die britische Politik hatte damals bereits ein anderes
Gegengewicht gegen Ruland in Aussicht: _Japan_. Am 30. Januar 1902
wurde das britisch-japanische Bndnis unterzeichnet. Zwei Jahre spter
brach der russisch-japanische Krieg aus, der mit der Niederlage
Rulands und dem Zusammenbruch seiner ostasiatischen Politik endete.

Wie Frankreich durch Faschoda fr England bndnisreif gemacht worden
war, so jetzt Ruland durch den Ausgang des ostasiatischen Krieges. Die
fr das britische Weltreich gefhrlichen russischen Aspirationen waren
fr absehbare Zeit so weit beschnitten, da jetzt eine Verstndigung
mglich erschien. Deutschland wurde infolge der Schwchung Rulands
fr England nun der konkurrenzlose Feind. Und wie sich England noch
wenige Jahre zuvor um das deutsche Schwert gegen Ruland beworben
hatte, so suchte es nunmehr Ruland fr die Auseinandersetzung mit
Deutschland auf seine Seite zu ziehen. Schon im September 1905 wurde
dem von den Friedensverhandlungen in Portsmouth zurckkehrenden Grafen
Witte in Paris ein von Knig Edward und dem russischen Botschafter in
Petersburg ausgearbeiteter Vertragsentwurf vorgelegt. Witte zeigte
sich zurckhaltend. Aber zwei Jahre spter, am 31. August 1907, kam in
Petersburg zwischen dem damaligen Minister des Auswrtigen, Iswolski,
und dem britischen Botschafter ein dem damaligen Entwurf ungefhr
entsprechender Vertrag zustande, der eine Auseinandersetzung der
beiderseitigen Interessen in Persien, am Persischen Golf, in Tibet und
in Afghanistan enthielt. Damit waren alte und gefhrliche Reibungen
zwischen den beiden Gromchten aus der Welt geschafft und dem bisher
als unmglich geltenden Zusammengehen von Elefant und Walfisch der
Weg bereitet. Gleichzeitig war der russische Druck, dem durch den
Ausgang des Kriegs mit Japan der ferne Osten verschlossen worden war,
nunmehr auch von Mittelasien auf den Balkan und die Trkei abgelenkt.

Nicht ganz ein Jahr spter, im Juni 1908, traf Knig Edward mit
dem Zaren Nikolaus in Reval zusammen. Alle Welt wute, da diese
Zusammenkunft, die das grte Aufsehen erregte, den Fragen des nheren
Orients, vor allem der mazedonischen Frage galt. Damit begab sich
die russisch-britische Entente auf ein Gebiet, das -- im Gegensatz
zu Mittelasien, dem Objekt des Vertrages von 1907 -- deutsche und
vor allem sterreichisch-ungarische Interessen von groer Bedeutung
einschlo.

Seit jener Zeit konnte man mit Fug und Recht von der _Triple-Entente_,
dem _dreifachen Einvernehmen_, sprechen. Was diese neue Kombination
bedeutete, lt sich am besten mit den Worten des belgischen Gesandten
in Berlin, Baron Greindl, sagen:

Der Dreibund hat whrend dreiig Jahren den Weltfrieden gesichert,
weil er unter der Fhrung Deutschlands stand, das mit der politischen
Gruppierung Europas zufrieden war. Die neue Gruppierung bedroht
ihn, weil sie aus Mchten besteht, die eine Revision des status quo
anstreben.[3]

Aber mit dem Zusammenschlu der drei Gromchte
Frankreich-England-Ruland war die nderung in der Mchtegruppierung
noch keineswegs erschpft. Unser eignes Bndnissystem hatte, soweit
_Italien_ in Betracht kam, durch die internationalen Vorgnge eine
unverkennbare Lockerung erfahren.

Ich habe bereits darauf hingewiesen, wie sehr auch nach Bismarcks
Ansicht die Stellung Italiens im Dreibund bedingt war durch das
Verhltnis zu England. Solange England in guten Beziehungen zum
Dreibund stand, konnte sich Italien im Dreibund wohl geborgen fhlen.
Je strker sich der Gegensatz zwischen England und der fhrenden Macht
des Dreibundes herausentwickelte, desto strker mute fr Italien die
Versuchung zu einer andern Orientierung werden, und desto geringer
war, auch wenn Italien im Dreibund verblieb, der Wert des Bndnisses
fr den Ernstfall zu veranschlagen. Dazu kam, da die Reibungspunkte
Italiens mit Frankreich in den Hintergrund traten. Im Jahre 1898
wurde der langjhrige Zollkrieg zwischen den beiden Lndern durch
einen Handelsvertrag beendigt. Die Erinnerung an Tunis verblate, man
fand sich um so eher mit dem seit bald zwei Jahrzehnten bestehenden
franzsischen Protektorat ber Tunis ab, als man jetzt nicht nur
von England, sondern auch von Frankreich Zusicherungen in bezug auf
Tripolis erhielt, die eine gewisse Kompensation fr Tunis in Aussicht
stellten (Erklrungen des Ministers Canevaro im Frhjahr 1899). Der
Dreibundvertrag wurde zwar im Jahre 1902 ohne Vernderung erneuert;
aber die Erneuerung vollzog sich, wie Frst Blow damals im Reichstag
ausfhrte, nicht ohne Schwierigkeiten. Vor der Erneuerung hatte der
Reichskanzler im Reichstag das Wort gesprochen, da der Dreibund nicht
mehr eine absolute Notwendigkeit sei; nach der Erneuerung machte der
italienische Ministerprsident Rudini in der italienischen Kammer die
Bemerkung, da nach dem Einvernehmen mit Frankreich in den Fragen des
Mittellndischen Meeres diejenige Besorgnis an Bedeutung verloren
habe, die seinerzeit fr den Eintritt Italiens in den Dreibund
bestimmend gewesen sei. Wenn Rudini in der gleichen Rede ausfhrte,
da dank des Dreibundes Italien darauf rechnen knne, da sich auf
dem Balkan keine Kombination ohne sein Wissen und zu seinem Nachteil
verwirklichen knne, so weist diese Bemerkung darauf hin, da auf
diesem klippenreichen Boden zwischen Italien und sterreich-Ungarn neue
Reibungsmglichkeiten entstanden waren, um deren Beseitigung man sich
-- fr den Augenblick mit Erfolg -- bemht hatte. Im Herbst 1903 sprach
Knig Victor Emanuel bei einem Besuche in Paris von dem glcklich
vollendeten Werk der Annherung zwischen Frankreich und Italien. Die
Frchte zeigten sich auf der Konferenz von Algeciras.

Zur Vervollstndigung des Bildes gehrt ein Wort ber unser Verhltnis
zu _Japan_ und zu den _Vereinigten Staaten_ von Amerika.

Unsere Beziehungen zu dem aufstrebenden Reich der aufgehenden
Sonne waren gute gewesen bis zu unserm Eingreifen nach dem den
chinesisch-japanischen Krieg beendigenden Frieden von Shimonoseki
im Jahre 1895. In Gemeinschaft mit Ruland und Frankreich setzte
damals Deutschland bei dem siegreichen Japan den Verzicht auf die
ihm im Friedensvertrag zugesprochene Halbinsel Liautung durch. Die
Intervention hat in Japan einen tiefen Stachel hinterlassen. Wenn fr
Deutschlands Beteiligung an dieser Aktion der Wunsch mitgesprochen
hat, unsere Beziehungen zu Ruland -- die nach der Nichterneuerung des
Rckversicherungsvertrages, unseren deutlichen Versuchen einer guten
Verstndigung mit England und dem Abschlu der franzsisch-russischen
Allianz gespannt geworden waren -- wieder zu verbessern und den
Zweibund gewissermaen zu entschrfen, so haben wir zwar, soweit unser
Verhltnis zu Japan in Betracht kam, die Kosten dieses Versuchs voll
bezahlt, den Zweck jedoch nur teilweise und nur vorbergehend erreicht.
Unsere Ende 1897 erfolgte Festsetzung in Kiautschou, an die sich kurz
darauf die Festsetzung Rulands in Port Arthur, der Sdspitze der Japan
wieder entrissenen Halbinsel Liautung, und die Festsetzung Englands
in Wei-hai-wei anschlossen, war nicht geeignet, unsere Beziehungen
mit Japan zu verbessern. Unsere Niederlassung in Kiautschou, die im
offenbaren Einverstndnis mit Ruland auf Grund der gemeinschaftlichen
Aktion von 1895 erfolgte, schuf vielmehr eine den Japanern dauernd vor
Augen liegende Erinnerung an unser fr sie so empfindliches Eingreifen
nach Shimonoseki.

Am 30. Januar 1902 wurde in London der Bndnisvertrag zwischen England
und Japan abgeschlossen. Nach dem russisch-japanischen Krieg und der
britisch-russischen Verstndigung frderte England mit Erfolg die
Wiederannherung zwischen den beiden Gegnern. Auf diese Weise wurde
Japan dem System der Triple-Entente angegliedert.

Die _Vereinigten Staaten_ haben vor dem Krieg niemals Neigung gezeigt,
sich in die Fragen der europischen Politik einzumischen. Whrend
des spanisch-amerikanischen Kriegs kam es zwischen dem deutschen und
dem amerikanischen Geschwaderchef vor den Philippinen zu an sich
unbedeutenden Miverstndnissen, die zu einer auffallend scharfen
Stellungnahme der amerikanischen Presse gegen Deutschland fhrten. Die
Differenzen, betreffend die Samoa-Inseln sind durch das Samoa-Abkommen
von 1899 beseitigt worden. Die Venezuela-Affre (1902/03), in der
Deutschland mit England gemeinschaftlich vorging, zeigte abermals eine
starke Voreingenommenheit der amerikanischen Presse und ffentlichen
Meinung gegen Deutschland, dem ohne jeden Schatten eines Grundes
allerlei trichte Plne territorialer Erwerbungen auf amerikanischem
Boden nachgesagt wurden. Auch handelspolitische Differenzen blieben
nicht aus. Der wirkliche Kern aller dieser gelegentlichen Reibungen war
bedeutungslos, und von deutscher Seite wurde mit Zhigkeit und nicht
ohne Erfolg daran gearbeitet, in Amerika ein besseres Verstndnis
fr deutsches Wesen und deutsche Politik zu schaffen. Aber alle
bei uns gelegentlich aufgetauchten Ideen, als ob die Vereinigten
Staaten fr uns ein wirksames Gegengewicht gegen eine Bedrohung durch
Grobritannien und seine Mchtegruppe werden knnten, gehrten in
das Reich weltfremdester Phantasie. Fr jeden Kenner amerikanischer
Verhltnisse stand es fest, da im Falle einer Weltkonflagration
die Sympathien Amerikas, trotz des starken deutsch-amerikanischen
Einschlags, auf der Seite der Westmchte sein wrden, und da wir
fr uns gnstigstenfalls eine Neutralitt ohne besonderes Wohlwollen
erwarten drften.

                  *       *       *       *       *

So war die Mchtegruppierung um das Jahr 1908 beschaffen, zu der Zeit,
als sich das groe Verhngnis zusammenzuziehen begann. Die Ereignisse,
die nun folgten -- die bosnische Krisis von 1908/09, die Marokkokrisis
von 1911, der trkisch-italienische Krieg, die beiden Balkankriege--,
sind die unmittelbaren Vorlufer des Weltkriegs.

Whrend bei dem Abgang Bismarcks die Stellung Deutschlands unter
den Gromchten ber den Dreibund hinaus gesichert war durch den
allerdings prekr gewordenen Rckversicherungsvertrag mit Ruland
und das gute Verhltnis zu England, und whrend es dem auf Revanche
sinnenden Frankreich damals noch nicht gelungen war, einen sicheren
Bundesgenossen zu erlangen, war gegen Ausgang der Blowschen
Kanzlerschaft in der Triple-Entente eine starke Kombination mit
deutlicher Spitze gegen Deutschland und sterreich-Ungarn entstanden,
der berdies Japan durch das Bndnis mit England nahestand und die mit
Italien in wichtigen Punkten sich verstndigt hatte. Der Dreibund war
isoliert und, soweit Italien in Betracht kam, unterhhlt. Bismarcks
cauchemar des coalitions war zur Wirklichkeit geworden. Wir muten
von jetzt ab damit rechnen, da wir bei jedem ernsten Konflikt mit
einer einzelnen der Gromchte, mit denen ein ernster Konflikt
berhaupt denkbar war, uns einer starken Koalition gegenber sehen
wrden.


Die treibenden Krfte

Die Frage drngt sich auf: Wie hat es so kommen knnen? War es
lediglich die geschicktere Diplomatie auf der Seite unserer Gegner,
die es diesen ermglicht hat, uns wichtige Figuren aus unserm Spiel zu
nehmen und das eigne Spiel zu verstrken, oder haben elementare Krfte
des Vlkerlebens den Strom des Geschehens in jene Bahnen gelenkt?

Persnlich stehe ich nicht an, der Gegenseite, insbesondere den
Englndern, die grere diplomatische Geschicklichkeit, die berlegene
Fhrung der Politik zuzuerkennen. Ihre Staatsmnner haben insbesondere
die wesentliche Kunst verstanden, der groen Richtlinie ihrer Politik
entgegenstehende Interessen und Gefhle, auch solche von an sich
erheblichem Gewicht, unterzuordnen. Ich erinnere an Frankreichs Haltung
nach Faschoda, an Englands Preisgabe wichtiger eigener Interessen
in Marokko zur Gewinnung Frankreichs, in Mittelasien zur Gewinnung
Rulands. Unseren deutschen Staatsmnnern ist es nicht in gleichem
Mae geglckt, Reibungspunkte mit Staaten, die nicht notwendigerweise
unsere Gegner sein muten, rechtzeitig zu beseitigen. Angesichts
der auch nach meiner Ansicht nicht vermeidbaren Zuspitzung unseres
Verhltnisses zu Grobritannien und der Rckwirkung dieser Zuspitzung
auf unsere Verteidigungsgrundlage, den Dreibund, muten von langer Hand
Sicherungen, selbst unter groen Opfern, geschaffen werden. Unsere
Politik war jedoch eine _Politik der mangelnden Gegengewichte_. Ich
erinnere an Japan, das wir uns durch unser Eingreifen nach dem Frieden
von Shimonoseki zum Gegner gemacht haben und dem wir durch unsere
Festsetzung in Kiautschou einen unmittelbaren Anreiz fr den Fall einer
kriegerischen Konflagration geradezu vor die Haustr gesetzt haben.
Ich mchte behaupten, da ohne unsere territoriale Festsetzung in
Kiautschou -- unsere Hafen- und Eisenbahnunternehmungen in der Trkei
haben bewiesen, in welchem Mae weitgesteckte wirtschaftliche Ziele
auch ohne territoriale Festsetzung erreicht werden knnen -- Japan
niemals aktiv gegen uns eingegriffen htte; ebenso wie ich berzeugt
bin, da die Trkei, falls wir etwa in Haidar-Pascha oder Alexandrette
bei irgendeiner Gelegenheit eine territoriale Festsetzung versucht
htten, im Weltkrieg statt unser Verbndeter unser Feind geworden wre.
Das ist meine Ansicht nicht erst seit dem Weltkrieg. Ich erinnere
mich, die Auffassung, da insbesondere Kiautschou, aber auch andere
Teile unseres ber die Welt zersplitterten Kolonialbesitzes, fr den
Ernstfall nicht Sttzpunkte, sondern Reibungspunkte und Schwchepunkte
darstellten, schon im Jahre 1904 als junger Hilfsarbeiter in der
Kolonialabteilung des Auswrtigen Amtes dem Frsten Blow dargelegt zu
haben.

Dazu kamen bei uns gewisse Ungeschicklichkeiten und Schroffheiten
in der diplomatischen Taktik und in der Form unsrer Meinungs- und
Gefhlsuerungen, die im Ausland teils falsch verstanden, teils gegen
uns ausgenutzt wurden. Ich erwhne als Beispiel unsre Haltung auf der
Haager Friedenskonferenz von 1907. Die Leiter der deutschen Politik
und das deutsche Volk waren gewi mindestens von ebenso friedlichen
Absichten beseelt wie die Leiter der britischen Politik und das
britische Volk oder irgend jemand sonst. Aber England erschien Arm
in Arm mit Spanien und den Vereinigten Staaten im weien Gewand des
Friedensengels mit dem Antrag, die Frage der Rstungsbeschrnkungen
auf das Programm der Konferenz zu setzen, Deutschland dagegen erschien
mit seinem Einspruch gegen diesen Vorschlag im eisernen Gewand des
Kriegsgottes. Ich bin mit dem Frsten Blow einig in der Meinung,
da eine Diskussion der Abrstungsfrage mangels greifbarer Vorschlge
und angesichts der in der Sache liegenden Schwierigkeiten zu keinem
praktischen Ergebnis gefhrt htte. Ich halte es darber hinaus fr
wahrscheinlich, da fr England der Hintergedanke bestimmend war, das
bergewicht seiner maritimen Rstung ein fr allemal vlkerrechtlich
zu sichern und jede aufstrebende Seemacht, vor allem Deutschland, ohne
weitere Anstrengung und ohne weitern Kostenaufwand niederzuhalten.
Aber gerade deshalb wre es wohl die bessere Taktik gewesen, den
Englndern die Aufgabe des Formulierens von Vorschlgen, die nicht nur
fr Deutschland unannehmbar gewesen wren, zu berlassen, statt von
vornherein zu erklren: An einer nach unsrer berzeugung wenn nicht
bedenklichen so doch unpraktischen Diskussion knnen wir uns nicht
beteiligen.[4]

In dasselbe Kapitel gehren die oft lauten und weithin klingenden
Worte, mit denen wir es liebten, unsern Willen zum Frieden durch
ein allzu deutliches Betonen unsrer Bereitschaft zum Krieg zu
unterstreichen. Wir hatten den Wunsch, nicht wieder wie in vergangenen
Zeiten infolge unsrer geographischen Lage im Zentrum Europas zum
Schlachtfeld fremder Nationen zu werden, und wir hatten aus der
Geschichte durch die Schaffung einer starken Wehrmacht die Folgerung
gezogen. Das war berechtigt. Aber es war nicht klug, bestndig das
Schwert im Munde zu fhren und damit unsern Feinden im Ausland die
Mglichkeit zu geben, das friedlichste Volk und den friedlichsten
Monarchen der Welt ihrer ffentlichen Meinung als besessen vom
Kriegsteufel hinzustellen. Wir haben auf diese Weise den Mythus von
unsern kriegerischen Absichten gefrdert und damit eine internationale
Stimmung erzeugen helfen, die einer gegen uns gerichteten
Koalitionsbildung den massenpsychologischen Untergrund gegeben hat.

Aber eine die ganze Welt von Grund aus umkehrende Wandlung der
Beziehungen zwischen den Vlkern, wie sie in den zwei Jahrzehnten seit
Bismarcks Abgang eingetreten ist, wre auch als Werk der vollendetsten
Staatskunst und politischer Schulung nicht mglich gewesen, wenn nicht
starke Triebkrfte und Entwicklungstendenzen innerhalb der einzelnen
Vlker den Boden fr diese Wandlung geschaffen htten.

Eine Betrachtung der in den wichtigsten der am Weltkrieg beteiligten
Vlker wirksamen Triebkrfte und Entwicklungstendenzen ergibt in groen
Zgen folgendes Bild:

Das _Deutsche Reich_ und _sterreich-Ungarn_ waren im wesentlichen
politisch saturiert. In Europa hatten beide Reiche keinerlei Wnsche
auf Ausdehnung; ihr Ziel war die Erhaltung des status quo. Deutschlands
koloniale Bestrebungen haben sich auf friedlichem Wege bettigt.
Abgesehen von der Niederwerfung gelegentlicher Eingeborenenaufstnde
hat Deutschland um seine Kolonien keinen Krieg gefhrt. Reibungen mit
den auf dem kolonialen Felde konkurrierenden Mchten sind gelegentlich
aus den kolonialen Gebietserwerbungen Deutschlands hervorgegangen; sie
haben aber -- abgesehen von der besonders gelagerten marokkanischen
Angelegenheit -- niemals einen fr die groe Politik bedeutsamen
Charakter angenommen und niemals auch nur von weitem an die Gefahr
kriegerischer Verwicklungen herangefhrt.

Die intensive Anteilnahme sterreich-Ungarns an den Dingen auf dem
Balkan war frei von territorialen Aspirationen und lediglich auf die
Erhaltung und Befestigung des status quo gerichtet. Dasselbe gilt fr
die Stellung der beiden Reiche zur Trkei.

Das Bndnis der beiden Reiche hatte dementsprechend von Anfang an den
ausschlielichen Zweck der Erhaltung und Verteidigung; Abmachungen ber
Beutezge und Beuteverteilung hatten in ihm keinen Raum.

Anders bei den Mchten der gegnerischen Gruppe! _Frankreichs_
Politik seit dem Krieg von 1870/71 war in erster Reihe diktiert von
dem brennenden Wunsch nach Revanche fr 1870 und Wiedergewinnung
von Elsa-Lothringen. Alle andern Rcksichten und Interessen, so
wichtig sie an und fr sich sein mochten, wurden in den 43 Jahren
vom Frankfurter Frieden bis zum Ausbruch des Weltkriegs diesem einen
Streben untergeordnet. Zu verwirklichen war dieses Streben nur durch
Angriff und Eroberung. Fr sich allein war Frankreich gegenber dem
an Bevlkerungszahl berlegenen und zu immer strkerer berlegenheit
heranwachsenden Deutschland zu schwach. Es brauchte und suchte deshalb
eine Koalition und war fr jede denkbare, gegen Deutschland gerichtete
Koalition ein absolut sicherer Partner.

Auf kolonialem Gebiet hat Deutschland den starken
Ausdehnungsbestrebungen Frankreichs keine Schwierigkeiten in den Weg
gelegt. Es war im Gegenteil ein Zug der Bismarckschen Politik, die
franzsischen kolonialen Bestrebungen zu frdern, in der Absicht,
Frankreich von dem Revanchegedanken und dem Vogesenloch abzulenken und
seinen berschssigen Krften auerhalb Europas ein Ttigkeitsfeld zu
geben. So hat das in seiner Bevlkerung und seiner wirtschaftlichen
Entwicklung kaum fortschreitende Frankreich unter wohlwollender Duldung
Deutschlands sich seit dem Krieg von 1870/71 in Afrika und Ostasien ein
gewaltiges Kolonialreich schaffen knnen, whrend Deutschland, trotz
seines starken Bevlkerungsberschusses und seines wirtschaftlichen
Ausdehnungsbedrfnisses, sich mit einem beraus mageren Anteil an der
kolonialen Welt begngte.

Einzig und allein Marokko hat unter den berseeischen territorialen
Fragen Anla zu ernster Reibung zwischen Deutschland und Frankreich
gegeben. Aber auch hier entstand die Reibung und die Kriegsgefahr nicht
etwa daraus, da Deutschland territoriale Erwerbungen beabsichtigt
htte, sondern lediglich aus dem franzsischen Wunsch, Marokko -- ohne
Rcksicht auf die dort vorhandenen erheblichen deutschen Interessen
zu nehmen und ohne Deutschland berhaupt darum zu begren -- sich
einzuverleiben. Auch hier lag die aggressive und annexionistische
Politik bei Frankreich, whrend Deutschland lediglich den durch einen
internationalen Vertrag gewhrleisteten status quo vertrat. Im brigen
war es das Streben der deutschen Politik, die Marokkofrage ohne Krieg
zu erledigen, ein Streben, das durch den Vertrag vom November 1911 auch
zur Durchfhrung kam.

Die Haltung _Rulands_ zum Zweibund war weniger durch Fragen bedingt,
die unmittelbar zwischen Deutschland und Ruland gespielt htten,
sondern so gut wie ausschlielich durch das in der Hauptsache
durch die Balkanfragen beeinflute Verhltnis zwischen Ruland
und sterreich-Ungarn. Deutschland hat dem starken russischen
Ausdehnungsdrang nach Osten niemals irgend etwas in den Weg gelegt.
Es hat im Gegenteil die in erster Linie im russischen Interesse
liegende Intervention nach dem Frieden von Shimonoseki mitgemacht und
sich dadurch die Gegnerschaft Japans zugezogen; es hat spterhin sich
England gegenber geweigert, auf Grund des Abkommens von 1900 sich an
einem Vorgehen gegen die Bestrebungen Rulands in der Mandschurei zu
beteiligen, und hat damit zweifellos ein Erhebliches zu der endgltigen
Abkehr Englands von Deutschland und zum britisch-franzsischen
Zusammenschlu beigetragen; es hat schlielich im russisch-japanischen
Krieg Ruland gegenber eine wesentlich wohlwollendere Neutralitt
gezeigt als dessen franzsischer Bundesgenosse. Auch in Mittelasien hat
Deutschland den Russen niemals die geringsten Schwierigkeiten bereitet.
sterreich-Ungarn war an allen diesen Fragen berhaupt niemals
interessiert.

Dagegen schuf der Drang Rulands nach Konstantinopel und dem Balkan
einen uerst gefhrlichen Konfliktsstoff. Insbesondere seitdem der
Ausgang des japanischen Kriegs und die Verstndigung mit England ber
Mittelasien vom Jahre 1907 die russischen Expansionsbestrebungen
vom fernen und mittleren Osten abgelenkt hatten, warf sich der
panslawistische Geist mit verstrkter Gewalt auf den nheren Orient
und propagierte dort Umwlzungen, die nicht nur das Gleichgewicht auf
dem Balkan, sondern auch den Bestand der sterreichisch-ungarischen
Monarchie in ihren sdslawischen Landesteilen unmittelbar
gefhrdeten. Je mehr durch die fr Deutschland ungnstige Entwicklung
der Mchtegruppierung Deutschland sich auf das Bndnis mit
sterreich-Ungarn angewiesen sah, desto mehr mute die deutsche Politik
in der Erhaltung der Donaumonarchie ein Lebensinteresse fr Deutschland
selbst erblicken, desto grer wurde die Gefahr, da die russische
Balkanpolitik zu einer Konflagration unabsehbaren Umfanges fhren
knnte; wie denn schlielich der Weltkrieg auf balkanischem Boden sich
vorbereitet hat und zum Ausbruch gekommen ist.

Gegenber den unmittelbar sterreich-Ungarn berhrenden russischen
Balkanaspirationen traten Rulands Absichten auf Konstantinopel
und die brige Trkei in ihrer Bedeutung als Konfliktsstoff
zurck. Zwar hatte Deutschland seit dem Ausgang der achtziger
Jahre des vorigen Jahrhunderts an der Trkei durch die Begrndung
weitausschauender Unternehmungen ein strkeres Interesse genommen und
ein freundschaftliches Verhltnis zum Trkischen Reiche hergestellt;
aber da Ruland seit dem Berliner Kongre keine direkten Aspirationen
auf trkisches Gebiet hervorkehrte, blieben die aus den deutschen und
russischen Bestrebungen in der Trkei sich ergebenden Reibungen, soweit
sie sichtbar in Erscheinung traten, im wesentlichen auf Fragen zweiter
Ordnung beschrnkt, die niemals eine kritische Zuspitzung erfuhren.
Immerhin: je grer die deutschen Interessen in der Trkei wurden,
je mehr Deutschland als Schutzmacht der Trkei erschien, desto mehr
gewhnte man sich in Ruland daran, an Stelle Englands in Deutschland
das wesentliche Hindernis der Ausfhrung des Testaments Peters des
Groen zu erblicken, desto mehr kam die russische ffentliche Meinung
zu der berzeugung, da der Weg nach Konstantinopel nicht nur ber
Wien, sondern auch ber Berlin fhre.

_Italien_, unser Genosse im Dreibund, war gleichfalls nicht frei von
Ausdehnungswnschen, die Anla zu Konflikten geben konnten. ber
die gegen sterreich gerichteten irredentistischen Bestrebungen
brauche ich kein Wort zu sagen; sie wurden whrend der Dauer des
Dreibundverhltnisses lediglich um grerer Interessen willen
notdrftig niedergehalten, bedeuteten aber stets eine latente Gefahr.
Dann hatte Italien, seitdem Frankreich sich Tunis angeeignet hatte,
ein Auge auf das trkische Tripolis geworfen, eine Begehrlichkeit,
die geeignet war, zum mindesten das freundschaftliche Verhltnis des
deutschen Bundesgenossen zur Trkei erheblich zu belasten.

_England_ mit seinem riesigen Kolonialreich hat in all den Jahren
seit der Einleitung unserer Kolonialpolitik keine territoriale
Differenz mit uns gehabt, die htte kritisch werden knnen. Wir haben
England bei der Ausgestaltung seines Imperiums keine Schwierigkeiten
in den Weg gelegt, haben uns vielmehr ber die afrikanischen und
polynesischen Kolonialfragen mit ihm in einer keineswegs kleinlichen
Weise verstndigt. Auch in gypten, diesem fr das britische Weltreich
so wichtigen Lande, haben wir England freie Hand gelassen. Im
Burenkriege hat die Reichsregierung, trotz der starken Erregung der
deutschen ffentlichen Meinung gegen England, eine durchaus korrekte
Neutralitt beobachtet. Vielfach hat sich England mit Deutschland zur
Aufrechterhaltung des status quo und der offenen Tr zusammengefunden.
Jedenfalls war auch England in keinem Winkel der Welt durch deutsche
Angriffs- oder Eroberungsabsichten irgendwie bedroht.

Dagegen enthielt unser Verhltnis zu England einen andern
Zndstoff, der verhngnisvoll geworden ist: Deutschland zeigte auf
wirtschaftlichem Gebiet einen Ausdehnungsdrang, in dem England, je
lnger desto mehr, eine ernstliche Bedrohung seiner industriellen
und kommerziellen Suprematie, und damit eine Bedrohung seiner
Weltherrschaft berhaupt, erblickte.

Die politische Einigung Deutschlands und die Sicherung seiner Stellung
unter den Vlkern hatte den Druck gelst, der bisher die Entfaltung der
deutschen Wirtschaft gehemmt hatte. Das starke Wachstum der deutschen
Bevlkerung und die noch strkere Zunahme unserer Gtererzeugung hob
unsere wirtschaftliche Kraft und wies uns in steigendem Mae auf den
Gteraustausch mit dem Ausland und die Bettigung im Ausland. In der
Entwicklung der wichtigsten Industriezweige, unseres Auenhandels,
unserer Handelsflotte, hatten wir unter den Vlkern der Welt
Hchstleistungen aufzuweisen. In der Roheisenproduktion, in der wir
um die Mitte der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts noch um
die Hlfte hinter England zurckstanden, haben wir im Jahre 1903
England mit einer Erzeugung von mehr als zehn Millionen Tonnen zum
erstenmal berflgelt, und im letzten Jahre vor dem Krieg hatten
wir fast das Doppelte der englischen Produktion erreicht. In der
Steinkohlengewinnung hatten wir vor dem Krieg die stolzen Ziffern
Englands nahezu eingeholt. In der Warenausfuhr waren wir England
gleichfalls hart aufgerckt; unser Export nach den nicht zum britischen
Imperium gehrigen Gebieten hatte sogar denjenigen Englands nach
den gleichen Lndern erheblich bertroffen. Der Raumgehalt der
Dampfschiffe unserer Handelsflotte war seit der Mitte der achtziger
Jahre des vorigen Jahrhunderts auf mehr als das Sechsfache gestiegen.
Unter den Handelsflotten der Welt hatten wir -- in einem allerdings
noch gewaltigen Abstand nach England -- die zweite Stelle erreicht.
An Leistungsfhigkeit hielten unsere Schiffe jeden Vergleich. In
allen Teilen der Welt bettigte sich in zunehmendem Mae deutscher
Unternehmungsgeist; er wagte sich auch an Aufgaben von Weltrang,
wie groe Eisenbahn- und Hafenunternehmungen, die vordem als die
ausschlieliche Domne Englands und etwa noch Frankreichs gegolten
hatten.

Es war friedlicher Wettbewerb, die Ausbung des Naturrechts der Vlker
auf Arbeit und deren Frchte. Und doch war der Erfolg dieses unseres
friedlichen Wettbewerbs auf den Mrkten der Welt der ausschlaggebende
Faktor fr die Gestaltung unseres politischen Verhltnisses zu England
und damit fr den Zusammenschlu der uns feindlichen Weltkoalition.
Im Besitz von gewaltig berlegenen weltpolitischen Machtmitteln, des
weitaus grten Kolonialreichs der Welt, der weitaus strksten Flotte
und der die wichtigsten Meeresstraen beherrschenden Sttzpunkte, sah
England sich vor die Versuchung gestellt, seine durch unsern Wettbewerb
bedrohte wirtschaftliche Weltstellung mit den Gewaltmitteln zu
erhalten, die sie geschaffen hatten.

Insbesondere der wirtschaftliche Aufschwung Deutschlands von der Mitte
der 90er Jahre an alarmierte Englands kommerzielle und politische
Kreise in zunehmendem Mae. Das Stigma made in Germany verfehlte
offenkundig seinen Zweck, ja es wurde geradezu eine Enthllung der
wachsenden industriellen und kommerziellen Leistungsfhigkeit des
deutschen Wettbewerbs. Angesehene Staatsmnner, weit verbreitete und
einflureiche Zeitungen und Zeitschriften wiesen warnend und mahnend
auf die deutsche Gefahr hin. Schon frhzeitig bezeichnete Lord Rosebery
Deutschland als den gefhrlichsten Nebenbuhler Grobritanniens: Wir
sind bedroht durch einen furchtbaren Gegner, der uns benagt wie das
Meer die schwachen Teile eines Kstenlandes. Der Handel des vereinigten
Knigreichs verringert sich unaufhrlich, und was er verliert, das
gewinnt in der Hauptsache Deutschland. Und wenn Lord Rosebery noch in
erster Reihe daran dachte, seine Landsleute zu einer Bekmpfung des
deutschen Wettbewerbs durch eine Nachahmung der deutschen Rhrigkeit,
der deutschen technischen Schulung und Organisation anzufeuern, so
regten sich doch bald Stimmen, die unter Berufung auf die britische
Geschichte und Tradition unzweideutig dazu aufforderten, das Schwert in
die Wagschale des wirtschaftlichen Wettbewerbs zu werfen. Die Saturday
Review schrieb schon im August 1895:

Vor allem andern: Wir Englnder haben bisher immer unsre Nebenbuhler
im Handel mit Krieg berzogen; und unser Hauptnebenbuhler im Handel
ist heute nicht Frankreich, sondern Deutschland. Im Fall eines Krieges
mit Deutschland wrden wir sicher viel gewinnen und nichts verlieren,
whrend wir in einem Krieg mit Frankreich, einerlei wie sein Ausgang
wre, sicher schwere Verluste erleiden wrden.

Bewut oder unbewut, ausgesprochen oder unausgesprochen hat dieser
Gedanke seither die englische Politik beeinflut.

Im September 1897 schrieb die Saturday Review, anknpfend an eine von
der Times Bismarck zugeschriebene Bemerkung:

Bismarck hat lngst erkannt, was nun auch das britische Volk
einzusehen beginnt, da es in Europa zwei groe, unvershnlich sich
bekmpfende Krfte gibt, zwei groe Nationen, die den ganzen Erdkreis
zu ihrer Domne machen und von ihm Handelstribut einfordern mchten.
England, mit seiner langen Geschichte erfolgreicher Angriffskriege,
mit seinem wunderbaren Glauben, da es in der Verfolgung seiner
eigenen Interessen zugleich Licht unter den im Dunkel lebenden Vlkern
verbreitet, und Deutschland, Blut von dem gleichen Blut, Bein von dem
gleichen Bein, mit einer geringeren Willenskraft, aber vielleicht
einer schrferen Intelligenz ausgestattet, treten in jedem Winkel
des Erdballs in Wettbewerb. In Transvaal, am Kap, in Mittelafrika,
in Indien, in Ostasien, auf den Inseln der Sdsee und im fernen
Nordwesten, berall wo die Flagge der Bibel und der Handel der Flagge
gefolgt ist, steht der deutsche Handlungsreisende mit dem britischen
Kaufmann im Kampf. berall wo es gilt, ein Bergwerk auszubeuten oder
eine Eisenbahn zu bauen, einen Eingeborenen von der Brotfrucht zum
Bchsenfleisch, von der Enthaltsamkeit zum Branntwein zu bekehren,
da suchen Deutsche und Englnder sich gegenseitig auszustechen. Eine
Million kleiner Reibungen schafft den grten Kriegsfall, den die Welt
je gesehen hat. Wenn Deutschland morgen aus der Welt ausgelscht wre,
so gbe es bermorgen in der Welt keinen Englnder, der dadurch nicht
reicher geworden wre. Nationen haben jahrelang um eine Stadt oder um
eine Erbfolge gekmpft: mssen wir nicht fechten um einen jhrlichen
Handel von 200 Millionen Pfund? ... Was Bismarck sich vorstellt und
was auch wir bald einsehen werden, ist die Tatsache, da nicht nur der
greifbarste Interessenstreit zwischen England und Deutschland da ist,
sondern auch da England die einzige Gromacht ist, die Deutschland
ohne furchtbare Gefahr und ohne Zweifel am Erfolg bekmpfen kann ...
Die Vermehrung der deutschen Flotte hat nur die Wirkung, den Schlag
Englands um so schwerer auf sie niederfallen zu lassen. Ein paar Tage
nur, und die deutschen Schiffe werden auf dem Meeresgrund liegen
oder als Prisen nach den britischen Hfen gebracht werden. Hamburg
und Bremen, der Kieler Kanal und die Ostseehfen wrden unter den
britischen Kanonen liegen, bis die Kriegsentschdigung gezahlt wre.
Nach getaner Arbeit wrden wir Frankreich und Ruland nur zu sagen
brauchen: sucht euch Kompensationen, nehmt euch von Deutschland, was
ihr wollt -- ihr knnt es haben! Den Schlu bildete das ceterum
censeo Germaniam esse delendam.

Diese Stze, die den Geist der britischen Geschichte und Politik
besser enthllen, als irgendeiner der im feindlichen Ausland so oft
zitierten Aussprche von Treitschke, Nietzsche oder Bernhardi die
Gesinnung des deutschen Volkes, sind geschrieben siebzehn Jahre vor
Ausbruch des Weltkriegs, zu der Zeit, als die deutsche Regierung ihre
erste bescheidene Flottenvorlage an den Reichstag brachte. Als Frst
Bismarck, wenige Monate spter, von dem Englnder Sidney Whitman
befragt wurde, wie nach seiner Ansicht die Beziehungen zwischen den
beiden Lndern gebessert werden knnten, lie er antworten: Er
bedaure, da die Beziehungen zwischen Deutschland und England nicht
besser seien, als sie eben sind. Bedauerlicherweise wisse er kein
Mittel dagegen, da das einzige ihm bekannte, das darin bestehe, da
wir unserer Industrie einen Zaum anlegten, nicht gut verwendbar
sei. Der aus Deutschlands wirtschaftlichem Aufschwung erwachsende
deutsch-englische Gegensatz als eine unentrinnbare, durch kein Mittel
aus der Welt zu schaffende Fatalitt ist in diesen Worten Bismarcks
treffend gekennzeichnet.

Die Reibung zwischen der deutschen wirtschaftlichen Expansion und der
von England als wohlerworben prtendierten Stellung wurde besonders
erbittert und gefhrlich, wenn Deutschlands Bestrebungen in Gebieten,
die England als in seine Interessensphre fallend oder als fr den
Zugang zu seiner Interessensphre wichtig in Anspruch nahm, auch nur
von ferne den Charakter einer territorialen Festsetzung anzunehmen
drohten. Das wichtigste und bezeichnendste Beispiel hierfr ist
der langjhrige und hartnckige Widerstand Englands gegen das von
Deutschland in Angriff genommene Unternehmen der Bagdadbahn, ber den
spter noch zu sprechen sein wird. Der englische Kampf gegen dieses
Projekt erklrt sich in der Hauptsache daraus, da die britischen
Staatsmnner und die britische ffentliche Meinung in dieser Bahn einen
auerhalb der britischen Kontrolle stehenden Zugang zum Persischen Golf
und die Mglichkeit einer deutschen Festsetzung an dessen Ksten, darin
aber eine Bedrohung Indiens erblickten.

Da das Deutsche Reich angesichts seiner sich immer mehr ausdehnenden
berseeischen Interessen und des Wachstums seiner Handelsflotte das
Bedrfnis nach einer Verstrkung seines maritimen Schutzes empfand und
bettigte, liegt in der Natur der Dinge. Deutschlands Kriegsflotte
stand zur Zeit des Regierungsantritts WilhelmsII. an fnfter
Stelle. Mit groem Vorsprung nahm England den ersten Platz ein, es
folgten Frankreich, Italien, Ruland und dann erst Deutschland. Die
berlegenheit Englands auf diesem Gebiet war so gewaltig, da sie
auch durch die strksten Anstrengungen des im Gegensatz zu England
durch die Notwendigkeit eines starken Landheeres beschwerten Deutschen
Reiches unmglich ernsthaft in Frage gestellt werden konnte. Die dem
Ausbau der deutschen Kriegsflotte gestellten Aufgaben und gezogenen
Grenzen sind seinerzeit klar ausgesprochen worden in der Begrndung des
deutschen Flottengesetzes von 1900:

Um unter den bestehenden Verhltnissen Deutschlands Seehandel
und Kolonien zu schtzen, gibt es nur ein Mittel: Deutschland mu
eine so groe Schlachtflotte besitzen, da ein Krieg auch fr den
seemchtigsten Gegner mit derartigen Gefahren verbunden ist, da seine
eigene Machtstellung in Frage gestellt wird.

Gleichwohl erregten die deutschen Flottenplne in England von Anfang an
Unruhe und Besorgnis. Wenn man sich schon durch das weltwirtschaftliche
Wachstum Deutschlands beeintrchtigt und bedroht fhlte, so noch mehr
durch die Aussicht auf eine erhebliche Verstrkung der deutschen
Machtmittel zur See. Deutschlands berseeische und koloniale Bettigung
mochte in England manchem als noch ertrglich erscheinen, solange
diese Bettigung mangels einer ins Gewicht fallenden deutschen Flotte
gewissermaen auf der Gnade und dem guten Willen Englands stand; sie
wurde alarmierend von dem Augenblicke an, in dem Deutschland seiner
werdenden Wirtschaftsmacht in einer eigenen starken Flotte eine
entsprechende Machtgrundlage zu geben versuchte.

Je deutlicher man in England erkannte, da das Deutsche Reich sein
durch die Gesetze von 1898 und 1900 festgelegtes Flottenprogramm mit
einer unerwarteten Przision durchfhrte, desto grer wurde in England
die Unruhe, und desto mehr wurde die Flottenfrage zum Angelpunkt des
deutsch-englischen Verhltnisses. Mit dem Auge auf die englische
Politik mute unsere Flotte gebaut werden, so schreibt Frst Blow
in seinem Buch ber die deutsche Politik, --und so ist sie gebaut
worden. Der Erfllung dieser Aufgabe hatten meine Bemhungen auf dem
Felde der groen Politik in erster Linie zu gelten. Wie ein roter
Faden zieht sich durch des Frsten Blow Darstellung seiner auswrtigen
Politik die Notwendigkeit, eine ausreichend starke deutsche Flotte zu
schaffen, ohne es zum Kriege mit England kommen zu lassen.

Das Verhltnis der Kriegsflotte zu den zu schtzenden See- und
berseeinteressen war bei Deutschland auch nach den Flottengesetzen
von 1898 und 1900 ganz offenkundig ungnstiger als bei irgendeiner
andern groen Nation. Auch das Flottengesetz von 1905, das die
deutsche Kriegsflotte, entsprechend der Stellung Deutschlands in der
Weltwirtschaft, an den zweiten Platz brachte -- in weitem Abstand
nach England -- stellte das Gleichgewicht weltwirtschaftlicher
Interessen und maritimer Machtmittel noch nicht annhernd her. Wenn
trotzdem die deutschen Versuche, durch Schaffung eines Risikos fr
eine angreifende Flotte wenigstens einen mittelbaren Schutz fr unsere
weltwirtschaftlichen Interessen aufzubauen, in England in so hohem
Mae Unruhe, Verdacht und Erregung hervorriefen, so konnte man das
bedauern und gegen die Folgen Deckungen suchen, aber ebensowenig
ohne Selbstaufgabe vermeiden wie die aus unsern wirtschaftlichen
Fortschritten erzeugte Reibung.

Bis zu welchem Grade schon frhzeitig die Empfindlichkeit ber unsere
Flottenpolitik in England, namentlich in Marinekreisen, gestiegen war,
in welchem Mae sie das Verlangen nach einem gegen Deutschland zu
fhrenden Schlag auslste, enthllte sich anllich des Zwischenfalls
an der Doggerbank im Herbst 1904. Die auf der Fahrt von Libau nach den
ostasiatischen Gewssern begriffene baltische Flotte Rulands bescho
damals nchtlicherweile aus Versehen eine englische Fischerflotte,
die sie fr japanische Torpedoboote hielt. Die Erregung in England
war ungeheuer und richtete sich merkwrdigerweise auf Grund der
abenteuerlichsten Gerchte und Vermutungen nicht nur gegen Ruland,
sondern auch gegen Deutschland, das mit dem ganzen Vorfall nicht das
mindeste zu tun hatte. Damals schrieb die der britischen Admiralitt
nahestehende Army and Navy Gazette, der Augenblick scheine gekommen,
mit der deutschen Flotte ein Ende zu machen; die russische Flotte
sei, vielleicht fr immer, aus der Nordsee verschwunden, die deutsche
Kriegsflotte stehe dort vllig allein, jetzt oder nie sei fr England
die Gelegenheit, die mit jedem Jahr drohender anwachsende deutsche
Flotte ein fr allemal zu beseitigen. Mit der Vertretung dieser
Auffassung blieb die Army and Navy Gazette in der englischen Presse
nicht allein. Noch deutlicher war eine Rede, die der Zivillord der
britischen Admiralitt, Mr. Arthur Lee, im Februar 1905 ber die damals
eingeleitete Neuorganisation der britischen Flotte hielt. Er fhrte
aus, England msse mit grerer Besorgnis als nach andern Stellen nach
der Nordsee blicken. Der Gedanke, da England eher mit der Mglichkeit
einer Gefahr aus dieser Richtung als im Mittelmeer rechnen msse,
habe die neue Flottenverteilung und die Indienststellung der ganzen
Schiffsreserven ntig gemacht. Wir glauben, fgte er hinzu, an das
alte Wort: Dreimal gesegnet derjenige, welcher den ersten Schlag fhrt!
Und ich hoffe, da im Falle einer Gefahr die britische Flotte in der
Lage sein wird, den ersten Schlag, und einen recht wuchtigen dazu, zu
fhren, noch ehe die andere Macht gewahr wird, da der Krieg erklrt
ist.

Zu dieser Rede bemerkte Daily Chronicle: Der Preis fr Englands
Freundschaft mte das Aufgeben der Kriegsrstung auf seiten
Deutschlands sein. Wenn die deutsche Flotte im Oktober vorigen Jahres
(Doggerbank-Zwischenfall) zerstrt worden wre, wre der Friede Europas
fr 60 Jahre gesichert gewesen.

Die folgenden Jahre brachten Versuche zu einer Verstndigung ber
die beiderseitigen Flottenrstungen. Diese Versuche, ber die weiter
unten noch gesprochen werden wird, erreichten ihren Hhepunkt mit der
Haldaneschen Mission im Jahre 1912.

Die Flottenfrage ist nur der eine Teil des allgemeinen
Rstungsproblems. Ebenso wie der Ausbau der deutschen Flotte in England
als Zeichen deutscher kriegerischer Absichten ausgegeben wurde, ebenso
hat man in der Strke und in den periodischen Verstrkungen unseres
Landheeres den Ausdruck deutschen Kriegs- und Herrscherwillens sehen
wollen. Sir Edward Grey hat am 22. Mrz 1915 im Unterhaus diesen
Gedanken in die Worte gekleidet: Wir wissen jetzt, da die deutsche
Regierung fr den Krieg Vorbereitungen getroffen hat, wie sie nur ein
Volk, das den Krieg beabsichtigt, treffen kann.

Da Deutschlands Lage in der Mitte Europas, da seine geschichtlichen
Erfahrungen und da schlielich die Gestaltung der Mchtegruppierung in
den letzten Jahrzehnten ein starkes Heer als Verteidigungsinstrument
und Friedensschutz notwendig machten, da mithin die Schaffung und
der Ausbau eines starken deutschen Heeres an sich noch kein Beweis
kriegerischer Absichten Deutschlands sein kann, ist vor dem Kriege auch
von Staatsmnnern anerkannt worden, die spterhin kaum genug anklagende
Worte gegen den friedenstrenden deutschen Militarismus finden konnten.
Lloyd George hat in einer Rede in der Queens Hall am 28. Juli 1908
ausgefhrt:

Betrachten Sie Deutschlands Lage! Fr Deutschland ist sein Heer,
was fr uns die Flotte ist: seine einzige Verteidigung gegen eine
Invasion. Deutschland hat keinen Zwei-Mchte-Standard geschaffen.
Deutschland mag ein strkeres Heer haben als Frankreich, als Ruland,
als Italien, als sterreich; aber es steht zwischen zwei Gromchten,
die zusammen eine weit grere Truppenzahl aufstellen knnen, als
Deutschland sie hat. Vergessen Sie das nicht, wenn Sie sich wundern,
warum Deutschland Allianzen und Ententen frchtet und gewisse
geheimnisvolle Machenschaften, die in der Presse durchscheinen...
Denken Sie sich, wir stnden hier vor einer Kombination, die uns
der Invasion preisgbe, denken Sie sich, Deutschland und Frankreich
oder Deutschland und Ruland oder Deutschland und sterreich htten
Flotten, die kombiniert strker wren als die unsrige, wren wir nicht
erschreckt? Wrden wir nicht rsten? -- Selbstverstndlich wrden wir
rsten!

Und noch am 1. Januar 1914 schrieb Lloyd George im Daily Chronicle:

Die deutsche Armee ist lebenswichtig nicht nur fr die Existenz
des Deutschen Reiches, sondern auch fr das nackte Leben und die
Unabhngigkeit des deutschen Volkes selbst, da nun einmal Deutschland
umgeben ist von andern Nationen, deren jede ein Heer besitzt ungefhr
ebenso stark wie das deutsche selbst. Wir vergessen, da whrend wir
fr den Schutz unserer eignen Ksten auf einer sechzigprozentigen
berlegenheit unserer Seestreitkrfte gegenber Deutschland bestehen,
Deutschland nichts, was einer solchen berlegenheit nahekommt,
Frankreich gegenber besitzt und auerdem natrlich an seiner Ostgrenze
mit Ruland zu rechnen hat. Deutschland hat nichts, was einem
Zwei-Mchte-Standard hnlich sieht. Deutschland ist deshalb durch
gewisse neuere Ereignisse alarmiert worden und ist deshalb im Begriff,
hohe Summen fr die Verstrkung seiner militrischen Machtmittel
aufzuwenden.

Diese sachliche Beurteilung trug dem wirklichen Tatbestand insofern
noch nicht einmal ganz Rechnung, als die russische Armee der
deutschen an Zahl bedeutend berlegen war und als die Anstrengungen
Deutschlands, seine Volkskraft fr das Heer auszunutzen, weit
hinter den Anstrengungen Frankreichs zurckblieben. Nach einer im
britischen Unterhaus im Juni 1913 gegebenen Auskunft betrug damals
die Friedensprsenz des russischen Heeres 1284000 Mann, whrend die
Friedensprsenz des deutschen Heeres durch das neue Militrgesetz
auf 822000 Mann gebracht werden sollte. Die Friedensprsenz
des franzsischen Heeres wurde fr die Zukunft auf 742000 Mann
beziffert, diejenige des sterreichisch-ungarischen Heeres auf
474000 Mann. Das russische Heer war also dem deutschen um etwas mehr
als die Hlfte berlegen. Die gleiche zahlenmige berlegenheit
hatte das vereinigte russisch-franzsische Heer gegenber dem
deutsch-sterreichisch-ungarischen Heer. Die Friedensstrke des
franzsischen Heeres kam derjenigen des deutschen nahezu gleich,
obwohl Deutschland eine Bevlkerung von 68 Millionen, Frankreich
eine solche von rund 40 Millionen hatte. Unmittelbar vor dem Kriege
kam auf je eine Million Einwohner eine Friedensstrke der Armee von
rund 20000 Mann in Frankreich, von nur 12300 Mann in Deutschland.
Die Ausgaben fr Heer und Flotte waren vor dem Krieg, auf den Kopf
der Bevlkerung gerechnet, in Frankreich und England bedeutend grer
als in Deutschland. Dazu finanzierte Frankreich die gewaltigen Kosten
der russischen Heeresverstrkungen und der fr den Aufmarsch gegen
Deutschland bestimmten russischen strategischen Eisenbahnen. Und
schlielich steigerte Frankreich seine militrische Kraftanstrengung,
in der es ohnedies schon allen andern Vlkern weit voraus war, im Jahre
1913 durch die Rckkehr zur dreijhrigen Dienstzeit; es bernahm damit
-- wie heute als erwiesen gelten kann[5], auf russischen Druck -- eine
Last, die das franzsische Volk angesichts der Heranziehung des letzten
einigermaen tauglichen Mannes zum Militrdienst ohne die schwerste
wirtschaftliche Schdigung unmglich fr lange Zeit htte tragen knnen.

Trotzdem Deutschlands Rstungen so sehr hinter denjenigen der Lnder
des gegnerischen Verbandes, namentlich hinter den Kraftanstrengungen
Frankreichs, zurckblieben -- und das in der von Lloyd George noch
Anfang 1914 anerkannten, besonders schwierigen Lage--, wurde in
den Jahren vor dem Krieg jeder Schritt Deutschlands, der eine
den Rstungen der mglichen Gegner und der schwieriger gewordenen
politischen Konstellation angepate Verstrkung unseres militrischen
Schutzes anstrebte, als Bedrohung des Weltfriedens ausgeschrien. Ich
war selbst Zeuge der ungeheuren Erregung, die die Einbringung unserer
Militrvorlage von 1913 auf einflureiche Kreise Frankreichs machte.
Diese Vorlage war mehr als ausreichend durch die Machtverschiebung
begrndet, die der erste Balkankrieg herbeigefhrt hatte. In Frankreich
aber sah man in dem Willen Deutschlands, die gesetzlich bestehende,
aber bisher nicht vllig verwirklichte allgemeine Dienstpflicht
tatschlich durchzufhren, nur die sich daraus fr Frankreich ergebende
Unmglichkeit, die Friedensstrke des Heeres, trotz des gewaltigen
Abstandes der Bevlkerung gegenber Deutschland, auch weiterhin auf
annhernd derselben Hhe wie das deutsche Heer zu halten. Man sah es
geradezu als eine Herausforderung Frankreichs an, da Deutschland
unter dem steigenden Druck der politischen Bedrohung endlich dazu
berging, seine Bevlkerungsberlegenheit gegenber Frankreich --
nicht etwa voll auszunutzen, davon war keine Rede, sondern berhaupt
nur in bescheidenem Umfang ins Spiel zu setzen. Ruland durfte mit
franzsischem Geld ein Heer aufbauen und ausrsten, das eineinhalbmal
so stark war wie das deutsche allein und ungefhr ebenso stark, wie
das deutsche und sterreichisch-ungarische zusammengenommen. Wenn
aber das nicht nur von Frankreich, sondern auch von Ruland bedrohte
Deutschland Miene machte, seine Friedensprsenz auf Grund seiner
der franzsischen um mehr als 60 Prozent berlegenen Bevlkerung
auf einen Stand zu bringen, den Frankreich allein nicht mehr halten
konnte, so war das eine unmittelbare Bedrohung und ein brutaler
Erdrosselungsversuch. Und Sir Edward Grey darf sagen, da die
deutschen Rstungen solche waren, wie sie nur ein Volk, das den Krieg
beabsichtigt, treffen kann!

                  *       *       *       *       *

Der auf den vorstehenden Blttern gegebene berblick zeigt:

Die Koalition, der wir uns im Kriege gegenbersahen, hatte ihre
Gemeinsamkeit in Zielen, die nur durch eine Niederkmpfung Deutschlands
und sterreich-Ungarns zu erreichen waren: das Verlangen Frankreichs
nach Revanche und der Wiedergewinnung Elsa-Lothringens; der Drang
Rulands nach Konstantinopel und seine Frderung der allslawischen
Bestrebungen, die in letzter Linie auf eine Bedrohung des Bestandes
der sterreichisch-ungarischen Monarchie hinauskamen; der Wunsch
Italiens, die unerlsten Gebiete sterreichs sich anzugliedern;
die Sorge Englands um seine durch den deutschen Wettbewerb bedrohte
wirtschaftliche Weltstellung und sein Argwohn gegen die deutsche
Flotte. Demgegenber war auf unsrer Seite die Politik seit der
Verwirklichung unsrer nationalen Einheit in Verteidigungsstellung:
wir wnschten, ebenso wie sterreich-Ungarn, die Erhaltung unseres
eignen politischen und territorialen Bestandes, waren auf dem Balkan
und auch sonst in der Welt wesentlich an der Erhaltung des status quo
interessiert, wollten offene Tr, freies Feld und Schutz fr unsre
wirtschaftliche Bettigung. Frst Blow hat einmal vom Dreibund gesagt,
er sei eine Versicherungsgesellschaft, keine Erwerbsgesellschaft.
Von der Triple-Entente kann man sagen, da sie in erster Linie eine
Erwerbsgesellschaft war. Die britisch-franzsische Entente begann mit
einem Aufteilungsvertrag, ebenso die britisch-russische Entente. Die
Erwerbsgesellschaft zeigte eine wesentlich strkere Anziehungskraft
als die Versicherungsgesellschaft; denn ber das blo negative Ziel
der Sicherung des Bestehenden hinaus konnte sie Zuwachs an Land und
Macht als lockende Aussicht zeigen. Je mehr es der geschickten Politik
namentlich Englands gelungen war, die Reibungen zwischen sich und
seinen alten Gegnern Frankreich und Ruland teils durch gewaltsame
Aktionen, teils durch kluges Entgegenkommen zu beseitigen, desto
mehr trat die einigende Kraft der nur durch eine Niederzwingung der
Mittelmchte zu erreichenden Ziele und geheimen Wnsche in Wirksamkeit,
desto leichter wurde es der britischen Staatskunst, ihre gegen
Deutschland, die strkste Kontinentalmacht und den gefhrlichsten
Rivalen in der Weltwirtschaft und der Seegeltung, gerichtete
Einkreisungspolitik durchzufhren. Um so schwerer wurde es auf der
andern Seite fr die deutsche Politik, sich der drohenden Isolierung
zu erwehren. Die Durchbrechung des Ringes, der sich enger und enger
um uns zusammenzog, wre nur mglich gewesen durch die Preisgabe
gewaltiger eigner materieller und ideeller Interessen oder durch
eine Opferung sterreich-Ungarns und den Versuch der Bildung einer
ganz neuen Mchtegruppierung. Und auch dann wre der Erfolg unsicher
geblieben. Der aufrichtige Wille zum Frieden und die Bereitschaft, in
Fragen, die nicht direkt unsre oder unsres Verbndeten Lebensinteressen
berhrten, den Mchten der gegnerischen Koalition weitestes Verstndnis
und Entgegenkommen zu zeigen, haben nicht gengt, die politische
Einschnrung zu lockern und den Krieg zu vermeiden.




Die Etappen zum Weltkrieg


Im Sommer 1908 war der diplomatische Aufmarsch der gegnerischen
Koalition im wesentlichen beendigt. Alle wichtigeren Streitfragen
zwischen England, Frankreich und Ruland waren beglichen oder zum
mindesten zurckgestellt. Japan war durch das Bndnis mit England an
das System der Triple-Entente angeschlossen; Italien war, trotz des
Fortbestehens seiner formalen Zugehrigkeit zum Dreibund, durch die
mit ihm getroffenen Abmachungen materiell neutralisiert. Alle nicht
bereinigten groen Konflikte und alle ernsthaft ins Auge zu fassenden
Konfliktsmglichkeiten betrafen das Verhltnis von Lndern der
Triple-Entente zu Deutschland und sterreich-Ungarn. Das Schicksal der
Welt hing davon ab, ob bei dieser stark angespannten Lage die Krfte
und Strmungen die Oberhand gewinnen wrden, die auf ein vorsichtiges
Ausgleichen der Reibungen und Abbiegen der Reibungsmglichkeiten
hinwirkten, oder diejenigen Strmungen und Krfte, die den Zndstoff
zur Explosion bringen muten.


Die bosnische Krisis

Die Entwicklung der Dinge auf dem Untergrunde dieser Gesamtlage erfuhr
noch im Sommer des Jahres 1908 einen folgenschweren Antrieb in der
_trkischen Revolution_.

Der Sturz des absolutistischen Regimes Abdul Hamids und die Errichtung
der Herrschaft des jungtrkischen Komitees rollte pltzlich die
trkische Frage wieder auf, die fr den Weltfrieden stets besonders
gefhrlich gewesen war. Bedeutete die Revolution den Beginn der
endgltigen Zersetzung oder eine Konsolidierung des Trkischen Reiches?

Alte Wnsche und Befrchtungen wurden neu geweckt.

Zunchst konnte die Entente mit Befriedigung registrieren, da der
innere Umschwung die Stellung Deutschlands in der Trkei schwer
bedrohte. Deutschland als bisheriger Freund der Trkei galt als mit
dem bisherigen Regime auf Gedeih und Verderb verknpft. Die zur Macht
gekommenen jungtrkischen Fhrer hatten bisher zum groen Teil als
Verbannte in Paris und London gelebt und dort in ihren politischen
Bestrebungen Frderung erfahren. Die Straen Konstantinopels hallten
jetzt wider von lauten Ovationen fr den britischen, den franzsischen,
ja sogar den russischen Botschafter, whrend der bisher als allmchtig
geltende Vertreter Deutschlands, Freiherr von Marschall, pltzlich zur
Einflulosigkeit verdammt schien.

Die Lage wurde fr uns noch bedeutend erschwert durch einen Schritt,
den sterreich-Ungarn im Oktober 1908 unternahm. Der Leiter der
sterreichisch-ungarischen Politik, Baron Aehrenthal, glaubte sich
gentigt, angesichts der durch den inneren Umsturz in der Trkei
ins Ungewisse gestellten Verhltnisse und angesichts des mchtigen
Antriebes, den -- unter Frderung durch Ruland und England -- die
slawische Bewegung auf dem Balkan erhalten hatte, die Stellung
sterreich-Ungarns in _Bosnien und der Herzegowina_ zu klren. Im
Berliner Vertrag hatte sterreich-Ungarn auf Wunsch der Gromchte die
Besetzung und Verwaltung dieser Lnder fr unbestimmte Zeit bernommen
und in den seither verflossenen dreiig Jahren ein groes Stck
Kulturarbeit geleistet, das es jetzt durch den jungtrkischen Umsturz
und seine balkanischen Folgeerscheinungen nicht in Frage stellen
lassen wollte. Am 5. Oktober 1908 proklamierte sterreich-Ungarn die
Erstreckung seiner Souvernitt auf die beiden Lnder. Gleichzeitig
erklrte _Bulgarien_, das bisher formell trkischer Vasallenstaat
gewesen war, seine Unabhngigkeit, wie man in der Trkei annahm, auf
Grund einer Verstndigung mit sterreich-Ungarn.

Die Erregung in der Trkei war ungeheuer. Obwohl de facto Bosnien
und die Herzegowina seit dreiig Jahren von der Trkei losgetrennt
waren und die Trkei seither niemals irgendwelche Souvernittsrechte
in diesen Lndern ausgebt hatte, empfanden die Jungtrken die
sterreichisch-ungarische Proklamation als einen Faustschlag ins
Gesicht, und von seiten der den Mittelmchten nicht wohlgesinnten
Mchte geschah natrlich alles, um l ins Feuer zu gieen.

Deutschland als der Verbndete sterreich-Ungarns wurde fr den der
jungen Trkei zugefgten Affront mitverantwortlich gemacht. Der
deutsche Botschafter Freiherr von Marschall, der von dem Schritt
Aehrenthals genau so berrascht wurde wie die Trken, sah die durch
den inneren Umschwung ohnedies bedrohten Frchte seiner langjhrigen
und erfolgreichen Arbeit in der Trkei durch das Vorgehen des
Bundesgenossen, dessen Notwendigkeit er nicht anerkannte, ernstlich
in Frage gestellt. Ich war damals von der Deutschen Bank nach
Konstantinopel, meinem im Juli, kurz vor Ausbruch der Revolution,
verlassenen frheren Wirkungskreis, gesandt worden, um unter den
schwierig gewordenen Verhltnissen die Interessen des in der Trkei
investierten deutschen Kapitals und der dort arbeitenden deutschen
Unternehmungen wahrzunehmen. Herr von Marschall machte mir aus seinem
Unmut und seiner abflligen Beurteilung der Aehrenthalschen Politik
kein Hehl und beauftragte mich, nach meiner Rckkehr nach Berlin dem
Frsten Blow seine Befrchtungen eindringlich auseinanderzusetzen. Ich
entledigte mich dieses Auftrages. Der Frst hrte meine Darlegungen
aufmerksam an und antwortete mir dann: Sagen Sie dem Baron Marschall,
wenn Sie wieder nach Konstantinopel kommen, da es in der deutschen
Geschichte keinen zweiten Basler Frieden geben darf, und da ich
jedenfalls einen Basler Frieden nicht machen werde. Er setzte mir
dann auseinander, da sterreich-Ungarn die groserbische Bewegung
als eine vitale Gefahr fr die Monarchie ansehe und wohl auch ansehen
msse; da wir keine Mglichkeit htten, sterreich-Ungarn bei seinen
Abwehrmanahmen gegen diese Gefahr in den Arm zu fallen, da uns
vielmehr die politische Gesamtkonstellation ntige, uns ohne Wanken
und Schwanken hinter unseren Bundesgenossen bei der Wahrung seiner
Lebensinteressen zu stellen. Der Trkei gegenber msse sich unsere
Hilfe darauf beschrnken, da wir ihr zu einem fr sterreich-Ungarn
annehmbaren Ausgleich verhlfen und ihr im brigen auf andern Gebieten
ihre schwierige Lage soweit wie mglich erleichterten.

Nach diesem Programm wurde gehandelt. Unter Mitwirkung der deutschen
Diplomatie kam im Februar 1909 eine Verstndigung zwischen
sterreich-Ungarn und der Trkei zustande.

Aber die Einverleibung Bosniens und der Herzegowina in die
sterreichisch-ungarische Souvernitt war nicht nur gegenber der
Trkei durchzukmpfen, sondern in noch viel strkerem Mae gegenber
andern nicht unmittelbar beteiligten Mchten. Vor allem kam es
in _Serbien_ geradezu zu einem Wutausbruch; man betrachtete dort
Bosnien und die Herzegowina als groserbisches Gebiet und sah in
der von sterreich-Ungarn ausgesprochenen Annexion eine gegen die
groserbischen Aspirationen gerichtete Manahme. Die ganz offen zum
Kriege treibende groserbische Partei fand Rckendeckung bei Ruland,
obwohl Iswolski, damals Minister der Auswrtigen Angelegenheiten in
Petersburg, wenige Wochen vor der Verkndigung der Annexion von Baron
Aehrenthal, allerdings ohne Terminangabe, ber die sterreichische
Absicht verstndigt worden war und keinen Widerspruch erhoben
hatte. Bezeichnend war aber vor allem, da fast noch mehr als
Ruland die _britische Regierung_ sich entrstete und Stellung gegen
sterreich-Ungarn nahm. Die britische Regierung, die wenige Jahre
zuvor mit Frankreich ber die marokkanischen Angelegenheiten eine
Abmachung getroffen hatte, die nicht nur eine formale sondern auch
eine schwerwiegende materielle Verletzung der Madrider Konvention war,
stellte sich jetzt gegenber dem Vorgehen sterreich-Ungarns, das
allerdings einen formalen Versto gegen den Berliner Vertrag bedeutete,
materiell aber keine nderung in dem bisherigen Zustande schuf, mit
aller Strenge auf den an sich zweifellos berechtigten Standpunkt,
da internationale Vertrge nur im Einverstndnis der smtlichen
Unterzeichner abgendert werden drften. In Petersburg arbeitete die
britische Diplomatie, vertreten durch den Botschafter Sir Arthur
Nicolson, den Vater der britisch-russischen Entente, mit allen Mitteln
auf eine Verschrfung des sterreichisch-russischen Konflikts. Obwohl
keinerlei britische Interessen im Spiel waren, sagte die britische
Regierung der russischen die weitestgehende diplomatische Untersttzung
zu. Es liegen Anzeichen dafr vor, da auch ber die diplomatische
Untersttzung hinaus die britische Regierung der russischen jede
Aufmunterung zuteil werden lie, die fr eine kriegerische Zuspitzung
erforderlich war. Ebenso wie im Jahre 1905 der franzsischen
Regierung fr den Fall eines kriegerischen Austrages der Marokkofrage
militrische Untersttzung angeboten worden war, wurde jetzt der
russischen Regierung die Aussicht auf britische Waffenhilfe gezeigt.
Spterhin ist eine uerung Sir Edward Greys bekanntgeworden, die
dieser nach Rulands Einlenken zu dem russischen Geschftstrger getan
hat: Die Entscheidung ber Krieg und Frieden hnge in England nicht
von der Regierung, sondern von der ffentlichen Meinung ab; er habe
aber das Gefhl gehabt, da die ffentliche Meinung in England gengend
vorbereitet gewesen sei, um der Regierung ein Eingreifen Englands an
der Seite Rulands in den Krieg zu ermglichen.

Die deutsche Politik der Nibelungentreue erzielte damals einen
vollen Erfolg. Trotz der englischen Aufstachelung zog es die
russische Regierung vor, auf einen deutschen Vorschlag einzugehen,
der ihr ermglichte, bei der Aufgabe des Widerspruchs gegen den
sterreichisch-ungarischen Schritt einigermaen das Gesicht zu
wahren. Es ist kein Zweifel, da die klare Bekundung der unbedingten
Entschlossenheit des Deutschen Reichs, auf jede Gefahr hin zu dem
sterreichisch-ungarischen Verbndeten zu stehen, in erster Reihe
dazu beigetragen hat, den Krieg zu vermeiden. Ein von Deutschland
nicht unzweideutig gedecktes sterreich-Ungarn htte entweder sich den
lrmenden Forderungen der Serben und ihrer Hintermnner unterwerfen
mssen, oder es wre zum Krieg gekommen, den gegen sterreich-Ungarn
_und_ Deutschland zu fhren man sich an der Newa nach der Schwchung
durch den russisch-japanischen Krieg und die inneren Wirren nicht stark
genug fhlte.


Verstndigungsversuche mit Frankreich und Ruland

Frankreich zeigte, im Gegensatz zu England, in jener Krise eine
bemerkenswerte Zurckhaltung. Diese mag verursacht gewesen sein einmal
dadurch, da man in Paris die mangelhafte Bereitschaft des russischen
Bundesgenossen genau kannte; dann aber mag mitgewirkt haben, da gerade
in jener Zeit die deutsche Regierung Verhandlungen mit Frankreich
ber die Schaffung eines modus vivendi in Marokko einleitete, die am
9. Februar 1909 zu einem Abkommen fhrten, das man in Frankreich als
weitherziges deutsches Entgegenkommen mit Fug und Recht betrachten
konnte. Whrend die franzsische Regierung erneut die Unabhngigkeit
und Integritt des Sultanats Marokko zu respektieren versprach,
erkannte die deutsche Regierung die besonderen politischen Interessen
Frankreichs an der Festigung des Friedens und der Ordnung im Innern
Marokkos an und stellte ausdrcklich fest, da sie selbst in Marokko
lediglich wirtschaftliche Interessen verfolge. Dafr verpflichtete
sich die franzsische Regierung, die kaufmnnischen und industriellen
Interessen Deutschlands in Marokko nicht zu beeintrchtigen.
Schlielich kamen beide Regierungen dahin berein, keinerlei
wirtschaftliches Vorzugsrecht in Marokko zu schaffen und dahin zu
streben, ihre Staatsangehrigen in den Geschften, deren Ausfhrung
ihnen bertragen werden knnte, zu gemeinschaftlichem Vorgehen zu
verbinden.

Das Abkommen mit Frankreich war, ebenso wie die glckliche Beilegung
des sterreichisch-russischen Konflikts, im wesentlichen das Werk des
Gesandten von Kiderlen-Wchter, der damals in Vertretung des erkrankten
Herrn von Schoen das Auswrtige Amt leitete.

Kiderlens Absicht war, die marokkanische Streitfrage in einer
fr Deutschland ertrglichen Weise zu liquidieren, dadurch das
deutsch-franzsische Verhltnis von einer schweren Belastung zu
befreien und darber hinaus ein wirtschaftliches Zusammenarbeiten der
beiden Nationen herbeizufhren und so auf einem nicht unwichtigen
Gebiet, das bisher Reibungsflche war, eine Interessensolidaritt
zu begrnden. Es ist dies, in der Anwendung auf den marokkanischen
Einzelfall, der Grundgedanke der Politik, die Kiderlen in den folgenden
Jahren als Staatssekretr des Auswrtigen Amtes in bereinstimmung mit
dem Reichskanzler von Bethmann Hollweg verfolgt hat, um die gespannte
politische Atmosphre zu entlasten und den Ring der Einkreisung zu
lockern.

Ein nach dieser Richtung gehender Versuch wurde im Jahre 1910 mit
Ruland eingeleitet. Die Verhltnisse lagen hier besonders schwierig.
Die bosnische Angelegenheit hatte auch nach ihrer formalen Beilegung
eine tiefgehende Verstimmung _Rulands_ gegen sterreich-Ungarn
hinterlassen. Das kam symptomatisch zum Ausdruck, als der Zar im
Herbst 1909 den Knig von Italien in Racconigi besuchte und sowohl
auf der Hinreise wie auf der Rckreise einen groen Umweg machte,
um jede Berhrung sterreichisch-ungarischen Gebietes zu vermeiden.
Die Tatsache dieser Begegnung selbst, an der auch die beiderseitigen
Minister teilnahmen und bei der die Fragen des Balkans zweifellos
einen wichtigen Gegenstand der Unterhaltungen bildeten, war ein
weiteres Anzeichen der Annherung Italiens an den Dreiverband und
der Ausbildung des italienisch-sterreichischen Gegensatzes in den
Balkanangelegenheiten.

Die Bemhungen der deutschen Regierung, in den Beziehungen zu Ruland
eine Entspannung herbeizufhren, hatten schlielich den Erfolg, da
gegen Ende des Jahres 1910 eine Zusammenkunft des Zaren, der von
seinem neuen Minister des Auswrtigen, Herrn Ssasonoff, begleitet war,
mit Kaiser WilhelmII. in Potsdam zustande kam. Das Ergebnis der
Verhandlungen zwischen den beiderseitigen Staatsmnnern war einmal ein
solches allgemein-politischer Natur, dann ein Sonderabkommen, das sich
auf Persien und die Bagdadbahn bezog.

ber das allgemeine politische Ergebnis teilte Herr von Bethmann
Hollweg am 10. Dezember 1910 im Reichstag mit:

Als Resultat der letzten Entrevue mchte ich bezeichnen, da von neuem
festgestellt wurde, da sich beide Regierungen in keinerlei Kombination
einlassen, die eine aggressive Spitze gegen den andern Teil haben
knnte. In diesem Sinne haben wir insbesondere Gelegenheit gehabt zu
konstatieren, da Deutschland und Ruland ein gleichmiges Interesse
an der Aufrechterhaltung des status quo am Balkan und berhaupt im
nahen Orient haben und daher keinerlei Politik untersttzen werden --
von welcher Seite sie auch kommen knnte--, welche auf Strung jenes
status quo gerichtet wre.

Das in Potsdam vereinbarte Sonderabkommen enthielt von deutscher
Seite die Anerkennung der politischen Sonderstellung Rulands in
Nordpersien unter Vorbehalt der Gleichberechtigung des Handels
aller Nationen. Whrend Deutschland sich am Bau von Eisenbahnen und
sonstigen Verkehrsanlagen in Persien nrdlich einer gewissen Linie
desinteressierte, bernahm es Ruland, das persische Eisenbahnnetz
auszubauen. Ruland sagte ferner zu, dem Ausbau der Bagdadbahn, den
es bisher nach Krften zu hindern versucht hatte, nicht weiter
entgegen sein zu wollen und den auf persischen Boden fallenden Teil
einer Verbindungsbahn Bagdad-Teheran innerhalb einer bestimmten Zeit
herzustellen; wenn diese Verpflichtung nach Ablauf der Frist nicht
erfllt sei, sollte russischerseits der Ausfhrung auch des persischen
Teils der Verbindungsbahn durch Deutschland nicht widersprochen werden.

Wenn die allgemein-politische Vereinbarung von russischer Seite
ehrlich gemeint und im weiteren Verlauf der Dinge ehrlich durchgefhrt
worden wre, so wre sie eine fr die weitere Entwicklung der
Vlkergeschichte hochbedeutsame Entschrfung der gegen den Zweibund
Deutschland-sterreich-Ungarn gerichteten Tendenzen des Dreiverbandes
gewesen.

Das Sonderabkommen stellte fr Ruland eine Ergnzung zu dem Abkommen
mit England vom Jahre 1907 dar. Die deutsche Politik verfolgte mit
dem Abkommen das Ziel, durch Zugestndnisse an Ruland in Persien
die Streitfragen der Bagdadbahn zwischen Ruland und Deutschland zu
begleichen und in der in Aussicht genommenen Verbindung zwischen
dem russisch-persischen und dem deutsch-trkischen Eisenbahnnetz in
hnlicher Weise eine Grundlage fr solidarische Interessen zu schaffen,
wie es gegenber Frankreich in dem Marokko-Abkommen vom Februar 1909
versucht worden war.

In England und namentlich in Frankreich war die Erregung ber die
deutsch-russische Aussprache gro. Es setzte sofort der strkste
diplomatische und publizistische Druck auf Ruland ein, um die
Potsdamer Verstndigung abzuschwchen oder unwirksam zu machen. Die
Haltung der russischen Regierung zeigte bald, da dieser Druck nicht
ohne Einflu blieb. Die Mitteilungen des deutschen Reichskanzlers ber
den allgemein-politischen Teil der Potsdamer Verstndigung wurden von
russischer Seite niemals klar und przis besttigt, freilich auch nicht
abgestritten. Die von Deutschland gewnschte schriftliche Fixierung
des allgemein-politischen Ergebnisses der Potsdamer Aussprache wurde
von der russischen Regierung nicht beliebt. Auch die schriftliche
Festlegung des Sonderabkommens verzgerte sich, nicht zum wenigsten
unter der Einwirkung franzsischer Quertreibereien, um eine Anzahl von
Monaten; es wurde erst am 19. August 1911 in Petersburg unterzeichnet.


Die Marokkokrisis von 1911

Die von Deutschland versuchte Entspannung der politischen Lage stellte
sich nicht ein.

Die deutsch-franzsischen Beziehungen blieben auch nach dem Abkommen
vom Februar 1909 unter dem Einflu der Marokko-Angelegenheit. Es
zeigte sich bald, da das genannte Abkommen die Marokkofrage nicht
zur Liquidation gebracht hatte. Die Franzosen zeigten sich schwierig
in der Zulassung deutscher Unternehmungen zur Beteiligung an den
groen wirtschaftlichen Aufgaben, die in Marokko zu lsen waren,
insbesondere auf dem Gebiet des Bergbaus, der Eisenbahnen und des
Hafenbaus. Auf der andern Seite beobachtete man in Deutschland mit
steigendem Mitrauen, wie Frankreich die Anerkennung seiner politischen
Sonderstellung in Marokko dazu benutzte, um durch allerlei an sich
kleine und unscheinbare Expeditionen die von ihm gleichfalls anerkannte
Souvernitt und Integritt des Sultanats Marokko mehr und mehr zu
unterhhlen. Jeder Teil warf dem andern vor, da er mehr verlange,
als ihm zustehe, whrend er ihm das vorenthalte, was ihm das Abkommen
zugesprochen habe. Nur da Deutschlands Ansprche auf Beteiligung an
den wirtschaftlichen Unternehmungen des Landes dauernd platonisch
blieben, whrend Frankreichs fortschreitende militrische Durchdringung
des Sultanats und die im Frhjahr 1910 mit der Gewhrung einer groen
Anleihe herbeigefhrte franzsische Kontrolle ber die smtlichen
marokkanischen Einnahmen durchaus reale Tatsachen darstellten.

Die Lage wurde unertrglich, als Frankreich im Frhjahr 1911, eine
angebliche Bedrohung der Europer zum Vorwand nehmend, den Vormarsch
auf die Landeshauptstadt Fez aufnahm und diese am 21. Mai 1911 besetzte.

Die deutsche Regierung erhob zwar gegen diese Unternehmung, die den
letzten Rest von Unabhngigkeit des Sultanats vor aller Welt klar
zerstrte, keinen offiziellen Einspruch, lie jedoch durch halbamtliche
Kundgebungen und auch in Unterhaltungen mit dem franzsischen
Botschafter in Berlin keinen Zweifel daran, da durch das Vorgehen
Frankreichs die Algeciras-Akte tatschlich beseitigt und dadurch der
deutschen Regierung freie Hand gegeben sei. Die deutsche Politik
hatte nicht die Absicht, die von ihr als wiedergewonnen festgestellte
Handlungsfreiheit zu benutzen, um nun ihrerseits in Marokko zu
intervenieren; ihre Absicht war vielmehr, mit Frankreich ber Marokko
nunmehr zu einem direkten Abkommen zu gelangen, wie es Frankreich
vor Algeciras mit England, Spanien und Italien abgeschlossen hatte.
Allerdings war Kiderlen nicht gewillt, die Franzosen Marokko entgegen
der Algeciras-Akte und entgegen dem deutsch-franzsischen Abkommen
vom Februar 1909 einfach in die Tasche stecken zu lassen, ohne da
mit Deutschland darber auch nur ein Wort gesprochen wrde. Eine
solche Verwirklichung der alten Delcassschen Politik der Ignorierung
Deutschlands, ber die Algeciras-Akte und das Februar-Abkommen hinaus,
war Kiderlen entschlossen, unter allen Umstnden zu verhindern.

Das Gelbbuch, das die franzsische Regierung spter verffentlicht
hat, gibt Zeugnis davon, mit welcher Eindringlichkeit Kiderlen dem
franzsischen Botschafter in Berlin, Jules Cambon, schon vor der
Besetzung von Fez Vorschlge wegen einer Verstndigung nahelegte.
Schon am 14. Mrz 1911 sagte -- nach Ausweis des Gelbbuchs -- Sir
Edward Grey zu dem franzsischen Botschafter in London, Paul Cambon:
Les conversations de M. de Kiderlen avec M. Jules Cambon semblaient
indiquer chez le Gouvernement Allemand un dsir d'entente; und
am 7. April, zehn Tage vor der Entscheidung ber die Entsendung
des Expeditionskorps nach Fez, teilte Kiderlen dem franzsischen
Botschafter in Berlin schriftlich mit, da er, falls die Verhltnisse
in Marokko sich zuspitzen sollten, durchaus bereit sei, mit der
franzsischen Regierung in einen Meinungsaustausch ber die Manahmen
einzutreten, die diese dann glaube ergreifen zu sollen.

Die franzsische Regierung zog es vor, den Marsch auf Fez zu befehlen,
ohne in den von der deutschen Regierung fr diesen Fall nahegelegten
Meinungsaustausch einzutreten.

Nach der Besetzung von Fez wurden die Hinweise des Kanzlers und
Kiderlens auf die Unhaltbarkeit der dadurch geschaffenen Lage
hufiger und dringlicher. Am 21. und 22. Juni hatte Kiderlen in
Kissingen eine Aussprache mit Jules Cambon, der daraufhin nach Paris
reiste. Rapportez-nous quelque chose de Paris -- mit diesen Worten
verabschiedete sich Kiderlen von seinem Gast. Aber auch dieser
letzte Versuch, Frankreich zu einer gtlichen Auseinandersetzung
mit Deutschland ber Marokko zu bewegen, blieb in Paris ohne jeden
Widerhall.

Wenn Deutschland sich nicht gnzlich auf die Seite drcken und sich
die hartnckige Miachtung seiner durch die Algeciras-Akte verbrieften
Stellung in Marokko ohne Gegenwehr gefallen lassen wollte, mute jetzt
mit einer nicht mehr zu verkennenden und nicht mehr zu ignorierenden
Handlung eingegriffen werden. Die deutsche Regierung entschlo sich zur
Entsendung des Panther nach Agadir.

Der Zweck dieses Schrittes, der alsbald in Frankreich und England
die grte Aufregung hervorrief, ist nach dem oben Ausgefhrten
klar: Frankreich sollte gezwungen werden, endlich mit Deutschland
ber Marokko ernsthaft zu sprechen und fr das von ihm angestrebte
Protektorat die deutsche Zustimmung ebenso durch das Angebot von
Kompensationen zu sichern, wie es sich die Zustimmung Englands,
Spaniens und Italiens frher erworben hatte. An territoriale
Kompensationen in Marokko selbst dachte die deutsche Regierung
nicht; sie wollte im Gegenteil die Marokkofrage endgltig ausrumen,
Frankreich politisch ganz freie Hand lassen und sich nur einen
ausreichenden vertragsmigen Schutz fr die deutschen Unternehmungen
und die Freiheit des deutschen Handels sichern. Die eigentliche
Kompensation fr Marokko suchte die deutsche Politik auf kolonialem
Gebiet. Aber da es sich darum handelte, fr die Aufgabe des deutschen
Mitbestimmungsrechtes ber Marokko andere Kompensationen einzuhandeln,
konnte das deutsche Mitbestimmungsrecht, solange ausreichende
Kompensationen nicht gesichert waren, nicht aufgegeben, es mute
vielmehr nach Mglichkeit unterstrichen werden.

Im Ausland wie in Deutschland selbst entstand zunchst der Eindruck,
als ob mit dem Erscheinen des Panther auf der Reede von Agadir eine
deutsche Festsetzung in Marokko beabsichtigt sei. Als dann spter die
Grundzge des mit Frankreich verhandelten Abkommens bekannt wurden,
bildete sich die Meinung heraus, da die deutsche Regierung, gezwungen
durch das von ihr nicht vorausgesehene Eingreifen Englands, gegen ihre
ursprngliche Absicht auf einen Anteil an Marokko verzichtet habe.

Diese Auffassung ist falsch. Die deutsche Regierung hat von Anfang
an bekanntgegeben, da mit der Entsendung des Panther eine
Besitzergreifung nicht beabsichtigt sei. Sie hat mit dem franzsischen
Botschafter ber die Anerkennung des franzsischen Protektorats ber
Marokko gegen territoriale Kompensationen in Mittelafrika schon
verhandelt, ehe Lloyd George am 21. Juli seine berhmt gewordene
Rede im Mansion-House hielt. Wie wenig aber den sich fr Marokko
interessierenden deutschen Kreisen der Gedanke, aus Marokko ganz
herauszugehen, in den Kopf wollte, zeigt folgender kleine Vorfall:

Nachdem Kiderlen, der am 1. Juli, dem Tag des Erscheinens des
Panther vor Agadir, von Berlin abwesend war, zurckgekehrt war,
besuchte ich ihn im Auswrtigen Amt. Ich traf im Vorzimmer einen
bekannten alldeutschen Schriftsteller, der mir erzhlte, er habe sich
bei Kiderlen anmelden lassen, um ihm zu der Sicherung des deutschen
Anteils an Marokko zu gratulieren. Als mich Kiderlen nach dem kurzen
Besuch dieses Herrn empfing, fragte ich ihn nach dem Verlauf der
Unterhaltung. Kiderlen schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn
und sagte lachend: Ich habe ihm ganz deutlich gesagt, da wir in
Marokko gar nichts wollen; aber ich hatte gut reden: der dumme Kerl (in
Wirklichkeit war der Ausdruck noch etwas derber) hat es mir einfach
nicht geglaubt.

Der Verlauf der Angelegenheit ist bekannt. Nachdem die franzsische
Regierung begriffen hatte, da Deutschland nicht gewillt sei, sich
ausschalten zu lassen, begann sie durch ihren Berliner Botschafter
Verhandlungen auf der von der deutschen Regierung gewnschten Grundlage
einer Kompensation in Mittelafrika. Die ohnedies nicht leichten
Verhandlungen wurden durch die Einmischung Englands noch wesentlich
erschwert. Obwohl England sich in dem Abkommen von 1904 Frankreich
gegenber in Marokko vllig desinteressiert hatte, erklrte Sir Edward
Grey bereits drei Tage nach dem Erscheinen des Panther vor Agadir,
da England keine neue Abmachung anerkennen werde, die ohne seine
Mitwirkung zustandegekommen sei. Die englische Presse tat alles, um
die durch den coup d'Agadir gereizte franzsische Empfindlichkeit
noch weiter aufzustacheln. Die Absicht, es nicht zu einem friedlichen
Ausgleich zwischen Frankreich und Deutschland kommen zu lassen, war
unverkennbar. Den Hhepunkt erreichte dieses Treiben mit der Rede, die
Lloyd George, nach Feststellung ihres Wortlautes im Ministerrat, am
21. Juli 1911 im Mansion-Haus gehalten hat; deren Hauptstelle lautete:

Wenn uns eine Situation aufgezwungen wrde, in welcher der Friede
nur durch das Aufgeben der groen und wohlttigen Stellung erhalten
werden knnte, die England sich in Jahrhunderten des Heldentums und des
Erfolges errungen hat, und nur dadurch, da Grobritannien in Fragen,
die seine Lebensinteressen berhren, in einer Weise behandelt wrde,
als ob es im Rat der Nationen gar nicht mehr mitzhle, dann wrde ein
Friede um jeden Preis eine Erniedrigung sein, die ein groes Land, wie
das unsrige, nicht ertragen knnte.

Whrend also Frankreich unter Fhrung des einer Verstndigung geneigten
Ministerprsidenten Caillaux verhandelte, hielt es die britische
Regierung fr angemessen, eine weithinschallende Kriegsdrohung in
die Welt zu schleudern. Warum? -- Die von Lloyd George gegebenen
Grnde waren Scheingrnde. Niemand in Deutschland dachte daran,
Englands Weltstellung in einer Frage zu beeintrchtigen, an der
sich England sieben Jahre zuvor selbst desinteressiert hatte.
Britische Lebensinteressen kamen um so weniger in Frage, als die
britische Regierung darber, da Deutschland keine Festsetzung an
der atlantischen Kste Marokkos beabsichtigte -- wre das berhaupt
eine Bedrohung britischer Lebensinteressen gewesen?--, vielmehr
Kompensationen in andern Gebieten suchte, genau unterrichtet war
und als noch am 21. Juli selbst, vor der Rede Lloyd Georges, der
deutsche Botschafter in einer von Sir Edward Grey herbeigefhrten
Unterhaltung die Deutschland von diesem zugeschriebenen Absichten
mit Entschiedenheit in Abrede gestellt hatte. Fr das Verhalten der
britischen Regierung blieb also nur das eine Motiv, das der deutsche
Botschafter nach der Rede Lloyd Georges gegenber Sir Edward Grey klipp
und klar mit folgenden Worten bezeichnete:

Sollte die englische Regierung die Absicht haben, die politische
Lage zu verwickeln und zu verwirren und einer gewaltsamen Entladung
zuzufhren, so htte sie allerdings kein besseres Mittel whlen knnen
als die Rede des Schatzkanzlers.

Aber die britische Regierung begngte sich damals nicht nur mit Worten.
Ebenso wie sie im Jahre 1905 Herrn Delcass die Untersttzung durch
ein britisches Expeditionskorps angeboten hatte, setzte sie jetzt ihre
Flotte in Bereitschaft und traf alle Vorkehrungen fr die berfhrung
eines Landheeres nach -- Flandern. Aus den Enthllungen des britischen
Hauptmanns Faber und aus den Brsseler Akten wissen wir heute, da die
britische Regierung damals entschlossen war, en tout tat de cause,
und zwar auch ohne Zustimmung der belgischen Regierung, in Flandern zu
landen oder einzumarschieren.

Die ebenso ruhige wie feste Haltung der deutschen Regierung hat damals
die Kriegsgefahr abgewendet.

Nach langen und schwierigen Verhandlungen kam der deutsch-franzsische
Vertrag vom 4. November 1911 zustande, der uns gegen die Anerkennung
des franzsischen Protektorats ber Marokko Teile des franzsischen
Kongo brachte. Eine grozgigere Abrundung unsres afrikanischen
Kolonialbesitzes, wie sie ursprnglich Kiderlen vorgeschwebt hatte,
scheiterte teils an dem durch England aufgemunterten franzsischen
Widerstand, teils aber auch an der vom Kolonialamt untersttzten
Auflehnung der deutschen Kolonialkreise gegen einen Austausch bisher
deutscher Kolonialgebiete.

Die Marokkofrage war nun zwar liquidiert; aber statt da durch diese
Beseitigung eines alten und gefhrlichen Reibungspunktes zwischen den
beiden Lndern eine Entspannung herbeigefhrt worden wre, trat --
von England aus eifrig gefrdert -- das Gegenteil ein. In Deutschland
wurde der diplomatische Erfolg, da Frankreich gegen seinen Willen
gezwungen worden war, sich mit uns ber Marokko zu verstndigen
und uns aus seinem Eigenen Kompensationen zu gewhren, durch den
Eindruck beeintrchtigt, ja aufgehoben, da England durch eine brutale
Kriegsdrohung uns zu einem Rckzug gezwungen habe. In Frankreich
empfand man es als eine bittere Demtigung, da man durch einen
deutschen Gewaltstreich gezwungen worden sei, um des lieben Friedens
willen franzsische Gebiete herauszugeben. Gedeckt und angestachelt
durch britische Ermunterung und in der Hoffnung auf die fortschreitende
Verstrkung und Reorganisation des russischen Heeres erhob der
franzsische Chauvinismus in neuer Kraft und in neuen Hoffnungen sein
Haupt.

Auch dieser Versuch der deutschen Politik, die europische Lage
durch Beseitigung von Reibungspunkten zu erleichtern, hat also sein
Ziel nicht erreicht. Die Spannung zwischen Deutschland und Frankreich
bestand vielmehr in unverminderter Schrfe fort.


Lord Haldanes Mission

Dagegen schien es, als ob die Krisis des Jahres 1911 und die endgltige
Erledigung der Marokkofrage eine entspannende Wirkung auf das
deutsch-englische Verhltnis ausben sollte.

Die Verpflichtung Englands auf Grund des Vertrages von 1904, der
franzsischen Regierung in der Marokkofrage Hilfe zu leisten, hatte
die Mglichkeit eines deutsch-englischen Konflikts enthalten,
der jederzeit akut werden konnte und in den Jahren 1905 und 1911
tatschlich akut geworden war. Diese Verpflichtung und damit die in ihr
enthaltene Kriegsmglichkeit war durch die Liquidation der Marokkofrage
gegenstandslos geworden, und damit war das deutsch-britische Verhltnis
in der Tat erheblich entlastet. Dazu hatten die Vorgnge des Jahres
1911 in England selbst eine gewisse Reaktion gegen die Politik
ausgelst, die infolge von dem Parlament und einem groen Teil des
Kabinetts selbst vorenthaltenen Verpflichtungen unmittelbar an den Rand
des Krieges gefhrt hatte.

Wie weit diese Verhltnisse auf die Haltung der britischen Regierung
einwirkten, wie weit andere Gesichtspunkte magebend waren --
jedenfalls zeigte sich das britische Kabinett bereit, auf einen vom
deutschen Reichskanzler angeregten Versuch zu einer Verstndigung
einzugehen. Lord Haldane, der britische Kriegsminister und Organisator
des britischen Heeres, wurde in besonderer Mission nach Berlin entsandt
(Februar 1912), um die Mglichkeiten einer Verstndigung mit der
deutschen Regierung durchzusprechen.

Lord Haldane stellte bei diesen Verhandlungen eine Verstndigung
ber eine Einschrnkung der weiteren Verstrkung der beiderseitigen
Kriegsflotten in den Vordergrund. Das von deutscher Seite damals
vorbereitete neue Flottengesetz, das eine Verstrkung unsrer
Kriegsflotte und eine organisatorische Erhhung ihrer Schlagfertigkeit
bringen sollte, hatte in England die Besorgnisse vor einem allzu
starken Anwachsen der deutschen Flotte aufs neue geweckt. Man griff auf
den schon im Jahre 1904 eingeleiteten Versuch zurck, das unbedingte
bergewicht der britischen Flotte auf dem billigeren Wege einer
Verstndigung ber das Ausma neuer Kriegsschiffbauten zu erhalten.
Auf deutscher Seite lehnte man eine solche Verstndigung nicht a
limine ab, stellte jedoch eine allgemein-politische Verstndigung
in den Vordergrund. Ich fragte den englischen Minister, so sagte
Herr von Bethmann Hollweg spter im Reichstag, ob ihm nicht eine
offene Verstndigung mit uns, eine Verstndigung, die nicht nur
einen deutsch-englischen Krieg, sondern berhaupt jeden Weltkrieg
ausschlieen wrde, mehr wert sei als ein paar deutsche Dreadnoughts
mehr oder weniger. Es entspann sich dann der Meinungsaustausch ber
eine Formel, die das Verhltnis zwischen Deutschland und England fr
den Fall eines Krieges einer dieser Mchte mit einer dritten Macht
regeln sollte. Es ist bekannt, da dieser Meinungsaustausch, der nach
der Rckreise Lord Haldanes in London fortgesetzt wurde, schlielich
ergebnislos abgebrochen werden mute. Der Vorschlag, den Lord Haldane
nach London mitnahm und dem er persnlich zugestimmt hatte, enthielt
eine bedingte Neutralittsverpflichtung: falls eines der beiden
Lnder in einen Krieg verwickelt werde, in dem es nicht der Angreifer
sei, so werde das andere Land wohlwollende Neutralitt beobachten
und das uerste tun, um den Kampf rumlich einzuschrnken. Wie mir
der Groadmiral von Tirpitz spter mitgeteilt hat, sei er bereit
gewesen, auf Grundlage einer solchen Abmachung genau das zu tun, was
Haldane fr eine Flottenverstndigung vorgeschlagen habe. Trotzdem
wurde Haldane von seiner Regierung desavouiert. Sir Edward Grey
erklrte nach Berichten des deutschen Botschafters, ein unbedingtes
Neutralittsabkommen -- was die deutsche Formel nicht war -- wrde die
franzsische Empfindlichkeit reizen, und er wolle das freundschaftliche
Verhltnis zu Frankreich und Ruland nicht in Frage stellen. Sein
Gegenvorschlag war lediglich eine Erklrung, da England keinen
unprovozierten Angriff auf Deutschland machen und keiner Abmachung
angehren oder beitreten werde, die einen solchen Angriff bezwecke.
Den vom Reichskanzler gewnschten Zusatz, der aus dieser Erklrung die
Folgerung zog, auf die es ankam: England wird daher selbstverstndlich
wohlwollende Neutralitt bewahren, sollte Deutschland ein Krieg
aufgezwungen werden, lehnte die britische Regierung ab, da jede ber
ihren Vorschlag hinausgehende Verstndigungsformel die Beziehungen zu
Ruland und Frankreich gefhrden wrde.

England wollte sich also fr den Fall eines Krieges, in den Deutschland
verwickelt werden wrde, auch wenn dieser Krieg nicht von Deutschland
herbeigefhrt, sondern ihm aufgezwungen werden wrde, freie Hand
vorbehalten -- genau die Haltung, die es Ende Juli 1914, als der
Weltkrieg in Sicht kam, tatschlich eingenommen hat.

Eine Formel, die England lediglich darauf festlegte, da es keinen
unprovozierten Angriff auf Deutschland machen werde, England aber freie
Hand im Falle eines Deutschland aufgezwungenen Kriegs vorbehielt,
erschien der deutschen Regierung nicht als gengend. Es hatte sich
im Verlauf der Verhandlungen klar gezeigt, da der von der deutschen
Regierung erstrebte Zweck, durch ein Neutralittsabkommen mit England
eine hnliche Versicherung gegen einen Weltkrieg zu erreichen, wie sie
seinerzeit im Rckversicherungsvertrag mit Ruland bestanden hatte, bei
der britischen Regierung nicht durchzusetzen war. Das lag offenkundig
an dem bei den Verhandlungen deutlich gezeigten britischen Mitrauen in
die deutschen Absichten und an dem zielbewuten Willen der britischen
Politik, gegen Deutschland als die strkste Kontinentalmacht und den
gefhrlichsten Rivalen zur See und in der Weltwirtschaft unter allen
Umstnden eine starke Koalition zusammenzuhalten, um sich dieser
Koalition bei gnstiger Gelegenheit zur Niederkmpfung Deutschlands zu
bedienen.

Die deutsche Politik suchte in der Folgezeit das englische Mitrauen in
ihre Absichten zu berwinden, einmal dadurch, da sie den Ausbau der
Flotte ohne formelle Abmachung dem von Lord Haldane vorgeschlagenen
Verhltnis zwischen der britischen und deutschen Flottenstrke anpate,
dann indem sie auf wichtigen Sondergebieten -- Kolonialfragen,
Bagdadbahn, Mesopotamien und Persischer Golf -- mit England zu einer
Verstndigung zu gelangen suchte.


Der Tripoliskrieg

Inzwischen hatten die deutsch-franzsischen Verhandlungen ber Marokko
eine neue Komplikation ausgelst:

Italien, das schon seit Jahren durch franzsische und englische
Zusagen ber Tripolis abgefunden worden war, glaubte jetzt, wo sich
das franzsische Protektorat ber Marokko verwirklichte, nicht lnger
zuwarten zu knnen. Noch ehe die deutsch-franzsischen Verhandlungen
ber Marokko formell zum Abschlu gekommen waren, Ende September
1911, kndigte der italienische Botschafter der Pforte an, Italien
werde angesichts der fortdauernden Nichtachtung seiner Interessen
in Tripolis und der Cyrenaika die Wahrung seiner Interessen in die
eigne Hand nehmen und zu diesem Zweck diese beiden afrikanischen
Provinzen der Trkei besetzen; die trkische Regierung mge Vorkehrung
treffen, da dieser Besetzung kein Widerstand geleistet werde. Auf die
Ablehnung dieser Zumutung durch die Trkei folgte die italienische
Kriegserklrung.

Noch mehr als sterreich-Ungarns Vorgehen bei der Annexion von Bosnien
und der Herzegowina war dieser Gewaltstreich des italienischen
Bundesgenossen eine Belastung des deutschen Verhltnisses zur Trkei
und darber hinaus eine Belastung des Dreibundes. Die deutsche
Diplomatie hat diese Belastungsprobe bestanden. Das Verhltnis
zur neuen Trkei war inzwischen -- nicht zum wenigsten durch die
finanzielle Hilfe, die Deutschland im Jahre zuvor in einer kritischen
Lage der Trkei gewhrt hatte -- so weit gekrftigt, da es sich
der neuen Belastung gewachsen zeigte, zumal da Deutschland und
sterreich-Ungarn bei Italien die Abstandnahme von Angriffen auf die
Ksten der europischen Trkei durchzusetzen vermochten. In Italien
erkannte die Regierung die loyale Haltung, die ihre Verbndeten in
einer heiklen Lage bettigten, dankbar an.

Dagegen rief der Tripoliskrieg vorbergehend eine scharfe Spannung
zwischen Italien und Frankreich hervor, als Frankreich heftig und in
verletzenden Formen gegen die Aufbringung franzsischer Schiffe, die
Kriegsgert fr die in Tripolis kmpfenden trkischen Truppen an Bord
hatten, protestierte. Auch gegen England kam es in Italien zu einer
Verstimmung, als jenes bald nach Ausbruch des Tripoliskrieges den
bisher zu Tripolitanien gehrigen Hafen von Solum, nahe der gyptischen
Grenze, kurzerhand besetzte. Dazu kam, da auch zwischen Ruland
und England aus Anla des Tripoliskrieges eine nicht unerhebliche
Schwierigkeit entstand, ber die bisher meines Wissens in der
ffentlichkeit nichts bekanntgeworden ist. Die trkische Regierung
hatte aus Besorgnis vor italienischen Angriffen die Dardanellen
gesperrt. Die sich daraus ergebende Behinderung der russischen
Handelsschiffahrt wurde von der russischen Regierung benutzt, um die
Dardanellenfrage aufzuwerfen. Der russische Botschafter Tscharikoff
stellte bei der Pforte weitgehende Forderungen. Die englische
Diplomatie hielt sich demgegenber vorsichtig zurck, offenbar in der
Hoffnung, da Deutschland und sterreich-Ungarn gegen die russischen
Forderungen, dem ihr bekannten Wunsch der Trkei entsprechend,
Einspruch erheben wrden. In der Tat wurde ein solcher die Trkei gegen
Ruland deckender Einspruch von den Botschaftern sterreich-Ungarns und
Deutschlands bei ihren Regierungen dringend befrwortet. Freiherr von
Marschall ging sogar so weit, die Kabinettsfrage zu stellen. Kiderlen,
der keine Neigung hatte, den Englndern das Odium des Einspruchs bei
Ruland abzunehmen, setzte seinen Standpunkt durch, und Deutschland
und sterreich-Ungarn blieben Gewehr bei Fu. Die Wirkung war, wie
Kiderlen mir erzhlte, da der russische Botschafter in London, Graf
Benckendorff, den russischen Minister des Auswrtigen, Ssasonoff,
kniefllig bat, im Interesse der Erhaltung der britisch-russischen
Entente die in Konstantinopel gestellten Forderungen zurckzuziehen.
Dies geschah, und Tscharikoff, der lediglich die ihm gegebenen
Weisungen ausgefhrt hatte, wurde geopfert.

So hat der Tripoliskrieg die Wirkung gehabt, einerseits in einem
wichtigen Punkte ein gegenstzliches Interesse zwischen England und
Ruland zutagetreten zu lassen, andrerseits die Freundschaft zwischen
Italien und Frankreich-England wenigstens vorbergehend zu trben
und Italien seinen Verbndeten wieder nherzubringen. Die Erneuerung
des Dreibundvertrags, die erst im Jahre 1914 erforderlich gewesen
wre, wurde unter diesen Verhltnissen schon im Frhjahr 1912 in
Verhandlung genommen und im Dezember 1912 unterzeichnet. Es schien
einen Augenblick, als ob die von Knig EduardVII. eingeleitete
Einkreisungspolitik nach dem Tode dieses Monarchen (Mai 1910) nun doch
allmhlich ihre Kraft verlieren sollte.

Aber das Unheil war im Rollen.

Noch ehe es, unter wirksamer Frderung seitens der deutschen Regierung,
zwischen Italien und der Trkei zum Frieden kam, zog sich auf dem
Balkan ein neues Gewitter zusammen.


Die beiden Balkankriege

Schon im Februar 1912 war zwischen Serbien und Bulgarien
unter nachdrcklicher Frderung Rulands ein geheimer Vertrag
zustandegekommen, der im Laufe der nchsten Monate inhaltlich
erweitert und durch einen bulgarisch-griechischen Vertrag, durch
Militrkonventionen zwischen diesen Staaten, sowie durch Abmachungen
mit Montenegro ergnzt wurde. Diese Vertrge, die den sogenannten
Balkanbund schufen, richteten sich in erster Linie gegen die Trkei,
deren albanische und mazedonische Provinzen das Kriegsziel waren.
Daneben aber enthielten die bulgarisch-serbischen Abmachungen die
Verpflichtung zum gegenseitigen Beistand im Falle eines Angriffs
sterreich-Ungarns; darber hinaus verpflichtete sich Bulgarien zur
Waffenhilfe fr Serbien, falls dieses durch sterreich-Ungarn an einer
Erweiterung seines Gebiets bis zum Adriatischen Meer durch Besetzung
albanischer und mazedonischer Landesteile verhindert werden sollte. Der
russische Zar war in den serbisch-bulgarischen Vertrgen fr den Fall
von Meinungsverschiedenheiten als Schiedsrichter ausersehen.

Im August 1912 begann Bulgarien, seine Forderungen nach Reformen in
Mazedonien bei der trkischen Regierung zu stellen. Ende September
folgte ein einheitliches Vorgehen der smtlichen Balkanmchte, und am
8. Oktober erffnete Montenegro mit dem Einmarsch in trkisches Gebiet
die Feindseligkeiten.

Kiderlen hatte sich nach Krften bemht, eine Einigung zwischen
sterreich-Ungarn und Ruland zum Zwecke der Verhinderung des Kriegs
oder -- wenn sich das als unmglich erweisen sollte -- zum Zwecke der
Lokalisierung des Kriegs herbeizufhren. Das Petersburger Kabinett
war scheinbar auf diese Bemhungen eingegangen, aber seine Vertreter
in Belgrad, Herr Hartwig, und in Paris, Herr Iswolski, arbeiteten mit
Erfolg im entgegengesetzten Sinn. Das Verhalten der franzsischen
Regierung war undurchsichtig. Angesichts der groen franzsischen
Interessen, die sowohl in der Trkei wie in den Balkanstaaten auf dem
Spiel standen, schien sie Neigung zu haben, im Sinne der Erhaltung
des Friedens zu wirken; andrerseits war der Einflu Iswolskis
unverkennbar. London hllte sich in den kritischen Tagen in vllige
Zurckhaltung; Sir Edward Grey blieb trotz der Zuspitzung der Lage
in seinem Landaufenthalt, und Sir Arthur Nicolson, der ihn vertrat,
gab auf die Sondierungen ber das Verhalten der britischen Regierung
keine Antwort. Am 8. Oktober meldete das Reutersche Telegraphenbureau
die Kriegserklrung Montenegros an die Trkei. Das Wiener amtliche
Telegraphenbureau brachte zunchst ein Dementi, meldete aber dann noch
an demselben Tage die Abberufung des montenegrinischen Gesandten in
Konstantinopel und die Zustellung der Psse an den trkischen Gesandten
in Cetinje.

Am gleichen Tage passierte der russische Minister des uern auf der
Durchreise von Paris nach Petersburg Berlin. Ich sah Kiderlen am
Abend, nachdem er vorher eine lange Unterredung mit Ssasonoff gehabt
hatte. Kiderlen hat Ssasonoff auf den Kopf zugesagt, da Ruland
die Balkanstaaten zum Krieg gegen die Trkei zusammengebracht habe.
Ssasonoff leugnete die russische Vaterschaft am Balkanbund nicht,
behauptete aber, Ruland habe den Bund lediglich zu defensiven
Zwecken ins Leben gerufen. Kiderlen antwortete: Il y a quelqu'un
 Paris qui pourrait vous renseigner l-dessus. Gemeint war
der Botschafter Iswolski. Kiderlen brachte auerdem bei dieser
Gelegenheit die Inspektion der franzsischen Grenzfestungen durch den
Grofrsten Nicolai Nicolajewitsch zur Sprache, ferner die zwischen
Ruland und Frankreich damals abgeschlossene Marinekonvention,
den von der russischen Flotte gleichzeitig mit der britischen in
Kopenhagen geplanten Besuch, die von Ruland damals vorbereitete
Probemobilmachung. Das sei etwas viel auf einmal und knne von uns
nicht unbeachtet bleiben.

Auch in den folgenden Tagen geschah weder von Ruland noch von England
oder Frankreich ein wirksamer Schritt, der den Krieg htte verhindern
knnen.

In rascher Folge erlitt die trkische Armee in Mazedonien und Thrazien
schwere Niederlagen. Das ganze Gebiet der europischen Trkei bis
auf das unmittelbare Vorgelnde von Konstantinopel ging im Verlauf
weniger Wochen verloren. Erst an der Konstantinopel schtzenden
Tschataldjalinie vermochte die Trkei einen wirksamen Widerstand zu
organisieren.

Die Gromchte, deren Vertreter auf Anregung Kiderlens beim Ausbruch
des Krieges in London zu einer stndigen Konferenz zusammengetreten
waren, hatten zunchst die Aufrechterhaltung des status quo auf dem
Balkan ohne Rcksicht auf den Gang, den die militrischen Operationen
nehmen sollten, proklamiert. Dieser Standpunkt wurde angesichts der
groen und raschen Erfolge der Balkanstaaten unhaltbar. Die Balkanfrage
war jetzt in vollem Umfang und in ihrer ganzen Gefhrlichkeit
aufgerollt.

Das Bestreben der deutschen Politik war, einmal zu verhindern, da
sterreich-Ungarn in den Konflikt hineingezogen wrde, ferner die
sterreichisch-ungarischen und die italienischen Interessen in Einklang
zu bringen; schlielich England und womglich auch Frankreich gegenber
dem russischen Ungestm fr eine Politik des kalten Blutes zu gewinnen.

Unmittelbar vor Ausbruch des Krieges hatte die trkische Regierung
das sofortige Eingreifen sterreich-Ungarns durch das Angebot des
Sandschaks Novibazar herbeizufhren versucht. Kiderlen setzte sich
in Wien fr die Ablehnung dieses verlockenden Angebotes ein, dessen
Annahme wohl den sofortigen Krieg mit Ruland zur Folge gehabt htte.
Nachdem der status quo unwiederbringlich verloren schien, nahm
sterreich-Ungarn das lebhafteste Interesse daran, da Albanien nicht
unter serbische Herrschaft komme und da Serbien sich nicht bis zur
Adria ausdehne. Gegenber den teilweise rmisch-katholischen Albanesen
hatte sterreich sich schon seit lngerer Zeit als Schutzmacht gefhlt
und war in diesem Sinne fr dieses Bergvolk bei der Pforte eingetreten.
In einem Vordringen der Serben ber albanesisches Gebiet bis zum Meer
sah die sterreichisch-ungarische Politik eine nicht ertrgliche
Steigerung der groserbischen Bedrohung vom Sdosten her.

ber ihren Standpunkt in dieser Frage hatte die Wiener Regierung
von Anfang an keinen Zweifel gelassen. Als Anfang November der
franzsische Ministerprsident Poincar den Vorschlag machte, die
smtlichen Gromchte mchten ihr vollstndiges Desinteressement an den
balkanischen Dingen erklren, konnte man deshalb in diesem Vorschlag
nur einen bewuten und gewollten Vorsto gegen sterreich-Ungarn
erblicken.

Der Vorsto wurde abgeschlagen. Ebenso wie die
sterreichisch-ungarische Regierung war die italienische Regierung
entschlossen, sich bei Vernderungen des territorialen Status auf der
Balkanhalbinsel nicht beiseiteschieben zu lassen. In Unterhaltungen
mit San Giuliano, dem italienischen Minister des Auswrtigen, der
in jenen Novembertagen zur Besprechung ber die Erneuerung des
Dreibundes in Berlin weilte, gelang es, eine einheitliche Politik
der Dreibundmchte in der Balkanfrage festzulegen. Vor allem einigte
man sich ber die Schaffung eines autonomen Albaniens, das unter
sterreichisch-ungarischem und italienischem Schutze stehen sollte.

Das geschlossene Auftreten der Dreibundmchte tat seine Wirkung. Vor
allem rckte die britische Regierung von dem Vorsto Poincars ab.
Kiderlen erzhlte mir am 9. November, England zeige uns gegenber eine
auffallende Beflissenheit. Der britische Botschafter sei in seiner
ganzen Amtszeit noch nie so hufig unaufgefordert zu ihm gekommen
und habe sich noch nie so eingehend mit ihm ausgesprochen wie in den
letzten acht Tagen; und ebenso lasse Sir Edward Grey fortgesetzt
den deutschen Geschftstrger zu sich bitten. Das Ergebnis dieser
deutsch-englischen Konversationen kam zum Ausdruck in einer Rede des
britischen Premierministers Asquith beim Lordmayorsbankett am 9.
November, in der er sagte: England sei an den Vernderungen auf dem
Balkan nicht unmittelbar interessiert; es seien aber andere Mchte
vorhanden, von denen nicht erwartet werden knne, sie wrden nicht
verlangen, da ihre Stimme gehrt werden msse, wenn die Zeit fr die
endgltige Regelung gekommen sei. Solange der Kriegszustand andauere,
lehne es die britische Regierung ab, einzelne Fragen zu behandeln,
die getrennt und sogleich aufgeworfen wahrscheinlich nicht wieder
gutzumachende Differenzen hervorrufen wrden, die aber wohl ein
besseres Aussehen annehmen wrden, wenn man sie zurckstellte, um sie
dann unter dem weiteren Gesichtspunkt des allgemeinen Ausgleichs zu
behandeln.

Also im Gegensatz zu dem Vorschlag Poincars eine glatte Anerkennung
der Berechtigung des sterreichisch-ungarischen und italienischen
Verlangens, bei der Neuregelung der territorialen Verhltnisse auf
dem Balkan mitzureden; aber im Einverstndnis mit der deutschen
Politik Zurckstellung der Einzelfragen bis zu dem Zeitpunkt, der eine
Gesamtregelung gestatten wrde.

Auffallend, aber bezeichnend fr die englische Politik, ist die
Tatsache, da jenes Abrcken der britischen Regierung von dem von der
franzsischen Regierung unklugerweise eingenommenen Standpunkt und ihre
Zusammenarbeit mit der deutschen Diplomatie zeitlich fast zusammenfiel
mit einer starken formellen Bekrftigung der diplomatischen und
militrischen Entente mit Frankreich. Am 22. und 23. November 1912,
also vierzehn Tage nach der Guildhall-Rede des Herrn Asquith, wurde
der Schriftwechsel zwischen Sir Edward Grey und M. Paul Cambon
ausgetauscht, der zum erstenmal die seit 1906 getroffenen mndlichen
Abreden ber eine englisch-franzsische Kooperation im Falle eines
nicht herausgeforderten Angriffs schriftlich niederlegte. Die
Vermutung eines urschlichen Zusammenhangs liegt nahe. Die franzsische
Regierung fhlte sich durch das englisch-deutsche Zusammengehen in
den Balkanfragen zweifellos beunruhigt, und die leitenden britischen
Staatsmnner hielten es fr angezeigt, diese Beunruhigung dadurch
zu beheben, da sie dem franzsischen Ententegenossen ein strkeres
formelles Pfand, als es bisher gegeben worden war, in die Hand drckten
und ihm dadurch die Gewiheit gaben, da durch eine gelegentliche
Meinungsverschiedenheit in Fragen der diplomatischen Taktik an dem
britisch-franzsischen Bundesverhltnis nichts gendert werde.

Whrend England auf diese Weise Wasser auf beiden Schultern trug, kam
die deutsche Regierung in die Lage, einen ernstlichen Druck auf die
verbndete Donaumonarchie auszuben.

Der Vormarsch der Serben durch albanisches Gebiet nach der Adria und
die Nachrichten ber entsetzliche Greuel, die von der serbischen Armee
in Albanien begangen wurden, weckten in Wien starke Erregung und die
Neigung zu einem sofortigen Eingreifen. Rulands Haltung, das unter
dem Titel der Probemobilmachung starke Streitkrfte an der galizischen
Grenze zusammenzog, war nicht geeignet, diese Erregung zu mildern.

Fr die Haltung des Deutschen Kaisers in dieser fr die deutsche
Politik schwierigen Lage, die eine groe hnlichkeit mit der Lage vom
Juli 1914 hat, ist ein Telegramm bezeichnend, das WilhelmII. damals
an den Reichskanzler richtete, des Inhalts: Der Bndnisvertrag mit
sterreich-Ungarn zwinge uns, zu marschieren, wenn sterreich-Ungarn
von Ruland angegriffen werde. Dann werde auch Frankreich hineingezogen
werden, und England werde unter solchen Umstnden wohl auch nicht ruhig
bleiben. Die jetzt schwebenden Streitfragen stnden zu dieser Gefahr in
keinem Verhltnis. Es knne nicht der Sinn des Bndnisvertrages sein,
da wir, ohne da Lebensinteressen des Verbndeten bedroht seien,
fr eine Laune des Verbndeten in einen Kampf auf Leben und Tod gehen
mten. Wenn sich allerdings zeigen sollte, da die andere Seite einen
Angriff beabsichtige, dann werde man jede Gefahr auf sich nehmen mssen.

Dieser ruhige und feste Standpunkt, der allein den Frieden erhalten
konnte, war fr die deutsche Politik auch in der weiteren Entwicklung
magebend. Er wurde durchgehalten sowohl gegenber einem starken
russischen Druck wie auch gegenber anders gerichteten Tendenzen und
vorbergehenden Verstimmungen in Wien.

Ruland suchte in Berlin mit Drohungen zu wirken. So sagte mir am 18.
November der erste Sekretr der russischen Botschaft, Herr Botkin,
den Serben knne der Zugang zur Adria unmglich verweigert werden;
wenn sterreich-Ungarn sich dagegenstelle, werde Ruland in Rcksicht
auf seine ffentliche Meinung gezwungen sein, einzugreifen, und das
bedeute den Weltkrieg. Zwei Tage spter hatte ich den Besuch des
Herrn Davydoff, frher Chef der russischen Reichsrentei und rechte
Hand des Herrn Kokowzoff, jetzt Prsident der Russischen Bank fr
auswrtigen Handel. Er kam aus Paris, wo er eine Anleihe zugunsten
von Bulgarien durchgesetzt hatte. Er erzhlte mir viel von dem groen
wirtschaftlichen und finanziellen Aufschwung Rulands; allein in
Deutschland habe Ruland jetzt Guthaben in Hhe von 700 Millionen
Mark. Dann sprach er ber die politische Lage und fragte mich, ob ich
glaube, da es wegen der serbischen Aspirationen zum europischen
Krieg kommen werde. Ich antwortete, das msse er besser wissen als ich,
denn die Entscheidung liege bei Ruland. Er entgegnete, Deutschland
msse sterreich zur Vernunft bringen; wenn die Lage sich weiter
zuspitze, msse er sich als Finanzmann mit seiner Verantwortlichkeit
abfinden und sich fragen, ob es richtig sei, so viel Geld im Ausland
stehenzulassen. -- Also ein deutlicher Wink, da uns im Falle einer
weiteren Komplikation die russischen Millionen abgezogen werden wrden,
deren Hhe Davydoff brigens betrchtlich bertrieben hat. Ich stellte
damals fest, da die Deutsche Bank an Ruland weit grere Forderungen
hatte, als umgekehrt Ruland bei ihr an Guthaben verfgte. Die Summe
der russischen Guthaben bei smtlichen deutschen Banken war zweifellos
erheblich geringer als die von Davydoff genannte Ziffer, und von dieser
geringeren Summe waren die sehr erheblichen kurzfristigen deutschen
Forderungen an Ruland abzusetzen. Die deutsche Politik lie sich durch
solche Bluffversuche nicht beirren.

In Wien war man mit der deutschen Untersttzung keineswegs ganz
zufrieden. Gegenber den beunruhigenden Gerchten ber ein
sterreichisch-ungarisches Ultimatum an Serbien, bevorstehende
sterreichisch-ungarische Mobilmachung usw., die von Wien
aufflatterten, brachte die Norddeutsche Allgemeine Zeitung am 26.
November ein energisches Dementi, dem ein Zusatz beigefgt war, die
Mchte seien sich einig, die albanische und adriatische Frage erst
im Verein mit den andern aus den Vorgngen am Balkan entstandenen
Fragen zu diskutieren und zu regeln. Das war die gleiche Richtlinie,
wie sie Asquith in seiner Guildhall-Rede verkndigt hatte. In Wien
war man ber die ausdrckliche Festlegung dieses Standpunktes in dem
offizisen Organ der deutschen Regierung nicht sehr erfreut. Das Echo
in den Wiener offizisen Blttern war, die k.u.k. Regierung behalte
vllige Freiheit in der Wahl des Zeitpunktes, der ihr zur Regelung der
albanischen und adriatischen Frage gut scheine. Kiderlen sagte mir am
nchsten Abend: Graf Berchtold wisse nie, was er wolle. Die Wiener
Regierung knne sich nicht entschlieen, die Besetzung Albaniens und
der adriatischen Hfen durch Serbien zu verhindern; sie knne sich
aber auch nicht dazu entschlieen, klar zu sagen, da die Regelung
dieser Fragen fr spter vorbehalten bleiben solle. Wir seien bereit,
uns hinter sterreich-Ungarn zu stellen; aber gerade deshalb htten
wir ein Recht, zu hren, was die Wiener eigentlich wollten. Er frchte
sich nicht vor dem Krieg; aber gerade fr diesen Fall sei es ein
enormer Vorteil, England drauen zu halten. Diese Mglichkeit sei nicht
ausgeschlossen; er wisse darber mehr als die Wiener und mehr, als
er diesen sagen knne. Ein Vergngen sei es nicht, an seiner Stelle
zu stehen. Gott sei Dank habe er die ntigen Nerven, um die Partie
durchzuhalten.

Wenige Wochen spter, am 30. Dezember 1912, erlag Kiderlen einem
Schlaganfall. Die deutsche Diplomatie verlor mit ihm ihre strkste
Kraft.

Im Januar wurde zwischen den Balkanstaaten und der Trkei ein
Waffenstillstand abgeschlossen. In London wurde unter Mitwirkung der
Botschafter der Gromchte ber den Frieden verhandelt, sehr zum rger
Poincars, der die Friedenskonferenz gern unter seinem Vorsitz in Paris
gehabt htte und nun darauf bestand, da die mit dem Balkanfrieden
zusammenhngenden finanziellen und wirtschaftlichen Fragen in einer
Sonderkonferenz in Paris behandelt wrden. Diese Sonderkonferenz,
zu der ich wegen meiner Vertrautheit mit den trkischen Finanz-
und Eisenbahnfragen von der deutschen Regierung neben dem Pariser
Botschaftsrat Freiherrn von der Lancken und den Herren Dr.Schwabach
und Generalkonsul a.D. Pritsch, dem deutschen Delegierten bei der
trkischen Staatsschuldenverwaltung, als Vertreter entsandt wurde, ist
im Frhjahr 1913 zusammengetreten.

Inzwischen spitzte sich der Gegensatz zwischen sterreich-Ungarn
einerseits, Serbien und Ruland andrerseits in der albanesischen Frage
weiter zu. Serbien verlangte groe Teile rein albanesischen Gebiets;
sterreich-Ungarn setzte diesen Forderungen den strksten Widerstand
entgegen. Ich war mit meinem Kollegen von Gwinner am 31. Januar und 1.
Februar 1913 zu wichtigen Verhandlungen ber die Orientbahnen, fr die
sich die sterreichisch-ungarische Regierung interessierte, in Wien.
Der Staatssekretr von Jagow, den wir vor der Abreise besuchten, hatte
uns auf den Weg gegeben: Sagen Sie den Herren am Ballplatz, da uns
hier die albanesische Sache einige Sorge macht. Ich hatte zunchst
Gelegenheit, mit dem Sektionschef im Auswrtigen Ministerium, Grafen
Wyckenburg, ber diese Dinge zu sprechen. Er sagte mir, die groe
Gefahr halte er eigentlich fr berwunden, aber sterreich-Ungarn
msse jetzt in den sehr wichtigen Einzelheiten durchhalten. Man
brauche Albanien als Damm gegen die wachsende sdslawische Hochflut.
Der Damm msse so ausgestattet werden, da er stehen knne. Das
gelte namentlich auch fr die Abgrenzungsfrage; aber gerade hier
mache Ruland die rgerlichsten Schwierigkeiten und lasse sich jeden
Fubreit albanesischen Bodens abntigen und abringen. Das msse eben
durchgefochten werden. Ich uerte meine Zweifel an dem Wert des
albanesischen Damms. Die Albanesen unterschieden sich nach meiner
Kenntnis von den andern Vlkern dadurch, da das Wort des Aristoteles,
der Mensch sei ein zoon politikon, auf sie nicht zutreffe; sie htten
niemals staatsbildende Kraft bewiesen, und ich knne die Besorgnis
nicht loswerden, da ein albanesischer Staat fr seine Vter keine
Sicherung, sondern eine Quelle von Unruhen und Sorgen sein werde.

Mit dem Grafen Berchtold hatte ich am 31. Januar nach einem Frhstck
bei dem Gouverneur der k.u.k. Bodenkreditanstalt, Herrn Sieghard,
eine Unterhaltung, die folgendermaen verlief: Graf Berchtold fragte
mich ziemlich unvermittelt, was man in Deutschland eigentlich ber
die Situation denke, und ob man, wie es den Anschein habe, wirklich
unter allen Umstnden den Frieden durchhalten wolle. Ich antwortete,
nach meiner berzeugung wollten in Deutschland alle verantwortlichen
Leute ernsthaft den Frieden. Graf Berchtold entgegnete, mit einem
sehr ernsten Hinweis auf die immer strkere Zuspitzung der Gefahr,
die der Monarchie und damit dem Deutschtum vom Sdosten her drohe:
er besorge, da auf die Dauer die groe Auseinandersetzung zwischen
Germanen und Slawen sich nicht werde vermeiden lassen. Ich erinnerte an
Bismarcks Wort, da man der Vorsehung nicht in die Karten sehen knne;
aber auch wenn eine solche Auseinandersetzung sich als unvermeidlich
erweisen sollte, so sei nach meiner Ansicht jedes Jahr, in dem der
Friede erhalten bleibe, fr Deutschland gewonnen, das fortgesetzt an
Bevlkerung, wie an wirtschaftlicher und finanzieller Kraft zunehme.

Es ist mir bei dieser Unterhaltung vllig klargeworden, wie sehr die
groserbischen Bestrebungen in der Auffassung der Staatsmnner unseres
sterreichisch-ungarischen Verbndeten sich zu einer Lebensgefahr fr
die Monarchie zugespitzt hatten. Zwar ist bald darauf, im Mrz 1913,
der akute Konflikt zwischen sterreich-Ungarn und Ruland beigelegt
worden. Aber ich konnte in dieser Beilegung nur eine Atempause
sehen. Ich habe seit jener Zeit die Vorgnge auf dem Balkan mit
verdoppelter Sorge beobachtet, in der berzeugung, da die Beziehungen
zwischen sterreich-Ungarn und Serbien einer neuen starken Belastung
nicht gewachsen seien und da bei der Haltung Rulands jeder
sterreichisch-serbische Konflikt die eminente Gefahr des Weltkriegs
unmittelbar heraufbeschwren wrde.

Meine Wahrnehmungen bei der Pariser Konferenz zur Regelung der aus
dem Balkankrieg erwachsenen finanziellen Fragen bestrkten diese
berzeugung. Die Konferenz bertrug mir den Vorsitz der Kommission,
die ber die bernahme eines Teiles der trkischen Staatsschuld
durch die Balkanstaaten, denen im Londoner Prliminarfrieden der
grte Teil der europischen Trkei zugesprochen worden war, beraten
sollte. Ich hatte Gelegenheit, zu beobachten, bis zu welchem Grade
der berhebung und Herausforderung die kriegerischen Erfolge gegen
die Trkei die serbischen Gemter erhitzt hatten, wie der russische
Botschafter Iswolski nicht nur die Vertreter der Balkanstaaten
dirigierte und aufreizte, sondern auch die franzsischen Vertreter
an der Leine hielt. An einer gerechten Lsung gerade der in meiner
Kommission zu entscheidenden Fragen war Frankreich, als weitaus
grter Glubiger der Trkei, weitaus am strksten interessiert. Aber
die franzsische Regierung und ihre Vertreter stellten selbst diese
groen Interessen zurck, um nicht mit Ruland in Differenzen zu
kommen. Der englische Vertreter, Sir Paul Harvey, der Berichterstatter
in meiner Kommission war, verhielt sich sachlich und loyal. Dagegen
erwies sich die italienische Vertretung, die hauptschlich durch Herrn
Volpi, den Unterhndler des Friedens von Lausanne, geleitet wurde, als
unzuverlssig und hinterhltig und als stets geneigt, mit Serbien,
Montenegro und Ruland gemeinschaftliche Sache zu machen. Alles in
allem wuchs bei mir in jenen Monaten die Gewiheit, da Ruland die
Balkanstaaten in ihrer Begehrlichkeit nicht nur untersttzte, sondern
anstachelte und damit den Herd der Weltkriegsgefahr fortgesetzt
anheizte; da Frankreich gelegentlich mit ins Feuer blies und
jedenfalls sich von Ruland unter keinen Umstnden trennen wollte,
auch wenn groe eigne Interessen auf dem Spiele standen; da England
in uerlich korrekter, aber undurchsichtiger Haltung abwartete; da
auf Italien trotz der mit sterreich-Ungarn ber Albanien erzielten
Einigung, die brigens sofort Sprnge und Risse zeigte, keinerlei
Verla war.

Ein positives Ergebnis hatte die Pariser Konferenz nicht. Ehe
sie ihre Beratungen dem Abschlu nahebringen konnte, fhrten die
Streitigkeiten zwischen Bulgarien einerseits, Serbien und Griechenland
andererseits ber die Verteilung des von der Trkei nach dem Londoner
Prliminarfrieden abzutretenden Gebiets zu dem zweiten Balkankrieg.
Rumnien griff gegen Bulgarien ein. Die Trkei stie unter Fhrung
Envers nach Adrianopel vor. In kurzer Zeit sah sich Bulgarien gentigt,
die Waffen zu strecken. Der Bukarester Friede lie Bulgarien nur
einen geringen Teil des ihm ursprnglich zugedachten Landgewinnes und
nahm ihm zugunsten Rumniens einen Teil der Sd-Dobrudscha, whrend
Griechenland und vor allem Serbien eine gewaltige Vergrerung erfuhren.

Die sterreichisch-ungarische Diplomatie, die Serbien nicht zu
gro werden lassen und sich in dem allerdings stark geschwchten
Bulgarien ein Gegengewicht gegen Serbien sichern wollte, verlangte
zugunsten Bulgariens eine Revision des Bukarester Friedens. Sie setzte
sich dabei ber die Tatsache hinaus, da Bulgarien ein Jahr zuvor
-- trotz der Untersttzung, die es an sterreich-Ungarn bei seiner
Unabhngigkeitserklrung erfahren hatte -- jenen Vertrag mit Serbien
abgeschlossen hatte, der letzterem auch gegenber sterreich-Ungarn
Waffenhilfe zusagte. Sie stellte ferner nicht gengend in Rechnung, da
angesichts der hervorragenden Beteiligung Rumniens an dem Bukarester
Frieden ein solcher Einspruch Rumnien vor den Kopf stoen und die
ohnedies starken entente-freundlichen Bestrebungen in Rumnien noch
frdern und begnstigen mute. Die deutsche Politik trat in sichtbarem
Gegensatz zur sterreichisch-ungarischen fr die Aufrechterhaltung des
Bukarester Friedens ein, in der Absicht, die beiden nichtslawischen
Balkanstaaten, Rumnien und Griechenland, fr die Mittelmchte gnstig
zu stimmen. sterreich-Ungarn zog angesichts der Haltung Deutschlands
verstimmt und grollend sein Verlangen nach Revision des Bukarester
Friedens zurck.

Die groserbische Gefahr blieb fr sterreich-Ungarn nach dem zweiten
Balkankrieg nicht nur in vollem Umfang bestehen, sie war vielmehr
grer geworden als je zuvor. Das auf nahezu das Doppelte seines
bisherigen Umfangs vergrerte Serbien war weit entfernt, gesttigt zu
sein; im Gegenteil, mit dem durch seine kriegerischen Leistungen und
Erfolge gesteigerten Selbstbewutsein wandte es seine Augen nun erst
recht gegen Westen, und lauter denn je verkndigte die groserbische
Propaganda als ihr der Verwirklichung nahes Ziel die Angliederung der
sdslawischen Gebiete sterreich-Ungarns.

Dazu kam, da die vorbergehende Besserung des Verhltnisses zwischen
sterreich-Ungarn und Italien nicht standhielt. Das autonome Albanien
wurde ein neuer Zankapfel. Zwar einigte man sich auf die Person des
Prinzen zu Wied als Frsten des neugeschaffenen Staatswesens. Aber
schon bei den Verhandlungen ber die Beschaffung eines ersten Kredits
fr das neue Frstentum, die ich auf Wunsch des Frsten unmittelbar
vor dessen Abreise nach Durazzo mit einer sterreichisch-ungarischen
und einer italienischen Bankengruppe fhrte, mute ich mich von der
Eifersucht und dem Mitrauen berzeugen, das beide Teile gegeneinander
hegten. Der weitere, sich immer unglcklicher gestaltende Verlauf der
albanischen Angelegenheit machte die whrend des Tripoliskriegs und des
ersten Balkankriegs so mhsam erreichte Wiederannherung Italiens an
die beiden Zentralmchte zunichte.

So hinterlieen die Balkankriege eine beklemmende, gewitterschwangere
Atmosphre.




Die letzten Verstndigungsversuche


Um die Gefahren, die dem Weltfrieden drohten, nach Mglichkeit zu
beschwren, setzte die deutsche Politik mit verdoppeltem Nachdruck
ihre Bemhungen fort, das Verhltnis Deutschlands mit den Westmchten
durch die Verstndigung in wichtigen Einzelfragen und die Liquidation
alter Streitpunkte zu verbessern. Man hoffte, auf diese Weise gegenber
der fortdauernden Drohung im Sdosten eine Friedenssicherung schaffen
zu knnen. Insbesondere schpfte man aus Englands Verhalten whrend
des Balkankriegs die Hoffnung, da es auf dem Wege der Verstndigung
ber Einzelfragen gelingen knne, das britische Mitrauen gegen
Deutschland zu beseitigen und -- unbeschadet allen wirtschaftlichen
Wettbewerbs -- eine Interessengemeinschaft zwischen England und
Deutschland an der Erhaltung des Weltfriedens zu schaffen. Man konnte
ber die Mglichkeit, ein solches Ziel zu erreichen, zuversichtlich
oder skeptisch denken -- ich bin auch heute noch der Ansicht, da der
ehrliche Versuch unter allen Umstnden gemacht werden mute, durch
eine Verstndigung ber konkrete Fragen mit derjenigen Macht, die
das Schicksal des Weltfriedens mehr denn irgendeine andere in ihren
Hnden hielt, der drohenden Weltkatastrophe entgegenzuwirken. Schon um
denjenigen Elementen in England, die getreu den Traditionen der alten
Gewaltpolitik auf die Zerschmetterung der strksten Kontinentalmacht
und des strksten Rivalen in der Weltwirtschaft und in der Seegeltung
ausgingen, nach jeder Mglichkeit die Arbeit zu erschweren und ihr
Kriegsvorwnde, die der britischen und internationalen Meinung
einleuchten konnten, zu nehmen.

Es sind zwei groe Fragenkomplexe, in denen mit England damals eine
Verstndigung versucht und bis zum Ausbruch des Weltkriegs auch
materiell erreicht wurde: die afrikanischen Kolonialfragen und die
vorderasiatischen Wirtschafts- und Eisenbahnfragen.


Die Verstndigung mit England ber die afrikanischen Kolonialfragen

Die Abmachungen ber die afrikanischen Kolonialfragen sind mir,
da ich bei den Verhandlungen selbst nicht beteiligt war, nur in
groen Umrissen bekanntgeworden. Es handelte sich namentlich
um eine Verstndigung ber die Liquidation des portugiesischen
Kolonialbesitzes, die angesichts des politischen, militrischen,
wirtschaftlichen und finanziellen Unvermgens des portugiesischen
Stammlandes, einen groen Kolonialbesitz zu halten und zu entwickeln,
in naher Zeit sich als notwendig herausstellen mute, sobald England
davon Abstand nahm, die portugiesische Kolonialherrlichkeit knstlich
zu sttzen. In Wirklichkeit war die portugiesische Kolonialherrschaft
kaum mehr als eine Scheinherrschaft. Weite Gebiete waren nur auf der
Karte portugiesisch, in Wirklichkeit aber weder unterworfen noch
erschlossen. Wo eine wirkliche Herrschaft ausgebt wurde, da war es
zumeist das britische Kapital, das unter dem durchsichtigen Deckmantel
der portugiesischen Flagge die Macht in der Hand hatte.

Schon im Jahre 1898, in jener frheren Zeit der deutsch-englischen
Annherungsversuche, war zwischen den beiderseitigen Regierungen ein
Geheimabkommen ber die portugiesischen Kolonien fr den infolge der
portugiesischen Finanznot als nahe bevorstehend erachteten Fall der
Liquidation des portugiesischen Kolonialreichs abgeschlossen worden.
Dieses Abkommen war niemals wirksam geworden, weil England, das in der
Lage war, Portugal bei der Erhaltung seines Kolonialreichs wirksam
zu helfen, den Eintritt der Eventualitt, fr die es abgeschlossen
war, verhinderte. England hatte sogar im Jahre 1899 mit Portugal
einen Geheimvertrag, den sogenannten Windsor-Vertrag, abgeschlossen,
in dem sich die beiden Mchte gegenseitig die Erhaltung ihres
Besitzstandes zusagten. Der Windsor-Vertrag wurde der deutschen
Regierung erst dreizehn Jahre nach seinem Abschlu mitgeteilt, als
nach den Haldaneschen Besprechungen die kolonialen Verhandlungen
wiederaufgenommen wurden. Knig EdwardVII. hat gleich nach seiner
Thronbesteigung einen sichtbaren Strich durch jenes vor seiner Zeit
abgeschlossene Abkommen von 1898 gemacht. Seinen ersten Besuch nach
seiner Thronbesteigung stattete er dem portugiesischen Hofe ab,
und bei dieser Gelegenheit hielt er eine Ansprache, in der er die
unangetastete Aufrechterhaltung der beiderseitigen Kolonien als den
Gegenstand seiner teuersten Wnsche und Bestrebungen bezeichnete.

Inzwischen war Knig EdwardVII. gestorben, und Portugal war Republik
geworden. Durch die Vertreibung des portugiesischen Knigshauses
waren fr die englische Politik gewisse Rcksichten persnlicher
Natur in Wegfall gekommen. Die revolutionren Wirren hatten die
Fhigkeit Portugals, auch nur eine Scheinherrschaft ber seine Kolonien
zu erhalten, noch strker in Frage gestellt. Es schien also die
Mglichkeit gegeben, jetzt zu einer wirksamen Verstndigung zu kommen.

Die britische Regierung erkannte das Bedrfnis nach kolonialer
Ausdehnung und Bettigung fr Deutschland an. Sie zeigte sich
bereit, im wesentlichen das portugiesische Ostafrika von der Grenze
des deutsch-ostafrikanischen Schutzgebiets bis zum Sambesi und in
Westafrika den greren Teil des portugiesischen Angola als deutsches
Interessengebiet anzuerkennen. Eine wirtschaftliche Bettigung
Deutschlands in jenen Gebieten sollte deren spteren frmlichen
bergang in deutschen Besitz vorbereiten. Die britische Regierung
wollte also einer solchen wirtschaftlichen Durchdringung durch deutsche
Unternehmungen nicht entgegen sein, sondern sie in freundschaftlicher
Weise frdern.

Auf Grund dieses Einverstndnisses haben in den Jahren 1913/14
Verhandlungen stattgefunden, die wichtige Unternehmungen in den
Deutschland zugedachten Gebieten in deutsche Hand berfhren sollten.
So habe ich fr ein Konsortium deutscher Banken und berseehuser
mit einer englischen Gruppe Abmachungen getroffen, durch die wir
eine kontrollierende Beteiligung an der Nyassa-Kompagnie, einer
mit wichtigen Hoheitsrechten ber das sdlich an Deutsch-Ostafrika
angrenzende Gebiet ausgestatteten Gesellschaft, erwarben. Die
Verhandlungen haben mit Wissen und unter Frderung der britischen
Regierung stattgefunden. hnliche Verhandlungen waren, als der
Weltkrieg ausbrach, im Zug hinsichtlich der Benguella-Eisenbahn, der
krzesten Verbindung zwischen der afrikanischen Westkste und dem
wichtigen Minengebiet von Katanga im belgischen Kongostaat; desgleichen
hinsichtlich der Eisenbahnen, die von den portugiesischen Hfen von
Port Alexander und der Tigerbai aus den nrdlichen Teil unseres
sdwestafrikanischen Schutzgebiets zu erschlieen geeignet sind. Auch
diese Verhandlungen, die beim Ausbruch des Weltkriegs noch nicht zum
Abschlu gekommen waren, wurden von der britischen Regierung auf Grund
des mit der deutschen Regierung erzielten kolonialen Einverstndnisses
untersttzt. Mr. Robert Williams, der von englischer Seite die
Verhandlungen ber die deutsche Beteiligung an der Benguellabahn
fhrte, sagte darber am 2. Februar 1915 in einer Generalversammlung
der Tanganyika Concessions Ltd., die bis dahin die Kontrolle ber
die Benguella-Eisenbahn besa: Sir Edward Grey, der im Jahre 1912
hierber befragt wurde, antwortete, da die Frage der Heranziehung
fremden Kapitals eine solche sei, in der die Gesellschaft die Freiheit
der Entscheidung habe; aber falls sie sich zur Heranziehung fremden
Kapitals entscheiden sollte, dann gebe er den Rat, da sie sich an
deutsches Kapital wenden mchte.


Die vorderasiatischen Fragen, insbesondere die Bagdadbahn

War in den afrikanischen Kolonialfragen das Ziel, sich gegenseitig
guten Willen zu zeigen und knftigen Reibungen vorzubeugen, so hatten
die Verhandlungen ber die vorderasiatischen Fragen die Aufgabe, einen
alten Reibungspunkt zu beseitigen und die Formen fr ein friedliches
Nebeneinanderarbeiten zu finden.

Die Angelegenheit der Bagdadbahn, die im Mittelpunkt jener
vorderasiatischen Fragen stand, hatte seit lnger als einem Jahrzehnt
in den deutsch-englischen Beziehungen eine wichtige Rolle gespielt,
wichtiger allerdings in der Vorstellung der Englnder als in derjenigen
der Deutschen. Die in der Frage der Bagdadbahn zutagegetretenen
Meinungsverschiedenheiten sind von der britischen Regierung stets mit
einem Ernst und einem Nachdruck behandelt worden, wie kaum ein anderer
zwischen England und Deutschland streitiger Gegenstand auer der
Flottenfrage. Da sich an der Frage der Bagdadbahn von Anfang an auch
Frankreich und Ruland erheblich interessierten, machte diese Frage
zu einem besonders verwickelten Problem der internationalen Politik.
Nachdem Ruland durch die Potsdamer Abmachungen von 1910 sich an der
Bagdadbahn desinteressiert und Deutschland freie Hand gegeben hatte,
erschien der Versuch, auch mit Frankreich und namentlich mit England
zu einer Verstndigung zu kommen, nicht nur zur Frderung des Ausbaus
dieses wichtigen Unternehmens geboten, sondern auch zur Entlastung der
Beziehungen Deutschlands zu den Westmchten und damit zur Sicherung des
Weltfriedens.

Der Verstndigungsversuch hatte eine lange und wechselvolle
Vorgeschichte.

Als gegen Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts deutscher
Unternehmungsgeist und deutsches Kapital sich fr die Trkei zu
interessieren begann, fanden die deutschen Bestrebungen bei England
Ermunterung, whrend sie bei Frankreich und Ruland auf Mitrauen
und Gegnerschaft stieen. Frankreich betrachtete damals die Trkei
finanziell und wirtschaftlich als seine Domne; das Auftauchen
eines neuen Wettbewerbers, und gerade Deutschlands als des neuen
Wettbewerbers, wurde deshalb nicht gern gesehen. Ruland, das auf
den Zerfall der Trkei wartete und fr sich den Lwenanteil an der
Erbschaft des kranken Mannes erhoffte, war von vornherein jeder
Entwicklung abhold, die neue Interessen an der Erhaltung der Trkei zu
schaffen und das Osmanische Reich innerlich zu krftigen geeignet war.
England dagegen, das im Jahre 1878 die Trkei vor der Zertrmmerung
gerettet hatte, betrachtete auch damals noch die Trkei als ein
wichtiges Bollwerk gegen die russischen Ausdehnungsbestrebungen,
das weder von Ruland zerstrt, noch von Frankreich unter seine
ausschlieliche finanzielle und wirtschaftliche Kontrolle gebracht
werden drfe. Da der britische Unternehmungsgeist und das britische
Kapital durch die groen Aufgaben innerhalb des britischen Weltreichs
selbst in jenen Jahren vollauf in Anspruch genommen waren und wenig
Neigung zu einer verstrkten Bettigung in der Trkei zeigten, ja
sogar an das franzsische Kapital sichtlich Boden verloren, war der
britischen Regierung das neue deutsche Interesse fr die Trkei
durchaus erwnscht. Seine Frderung pate angesichts des damaligen
freundschaftlichen Verhltnisses Englands zum Dreibund in den Rahmen
der britischen Gesamtpolitik.

Nachdem im Jahre 1888 eine unter Fhrung der Deutschen Bank stehende
deutsche Finanzgruppe die Konzession fr den Bau und Betrieb einer
Eisenbahn von Haidar-Pascha (Vorstadt von Konstantinopel auf dem
asiatischen Ufer) nach Angora erhalten hatte, beteiligte sich an
der zur Durchfhrung der Konzession errichteten Gesellschaft, der
Anatolischen Eisenbahngesellschaft, neben deutschem, sterreichischem
und italienischem Kapital auch englisches Kapital, allerdings nur mit
einer bescheidenen Quote, die auch bald wieder abgestoen wurde.

Die Bahn nach Angora wurde in wenigen Jahren vollendet und alsbald
durch eine Linie von Eskischehir nach Konia ergnzt. Im Jahre 1896
wurde auch diese Linie in Betrieb genommen. Das neue Eisenbahnnetz,
eine Streckenlnge von mehr als 1000km umfassend, erschlo, im
Gegensatz zu den unter franzsischer und englischer Fhrung bisher
erbauten kurzen Stichbahnen im westlichen Kleinasien und in Syrien,
das Innere des anatolischen Hochlandes, das im Altertum durch seine
Fruchtbarkeit und seinen Erzreichtum berhmt war und jetzt seiner
Erweckung aus vielhundertjhrigem tiefem Verfall wartete.

Als Frankreich sah, da Deutschland sich in der Verfolgung des
neugesteckten Zieles nicht irremachen lie und da Deutschland, das
immer noch als armes Land galt, auch die fr die Durchfhrung seiner
Plne erforderlichen Mittel aufzubringen in der Lage war, fand es
sich mit den vollendeten Tatsachen ab. Es bildete sich zwischen den
deutschen und den franzsischen Interessenten in der Trkei allmhlich
ein modus vivendi heraus, der zwar nicht ausschlo, da man sich in
einzelnen Geschften gelegentlich scharf befehdete, der aber auf
der andern Seite in wichtigen Fllen zu einem gemeinschaftlichen
Vorgehen und einer Zusammenarbeit fhrte. Die einsichtigsten Vertreter
Frankreichs, vor allem M. Constans, der seit 1899 lange Jahre hindurch
als franzsischer Botschafter in Konstantinopel ttig war, rangen
sich durch das Gestrpp nationaler Vorurteile zu der von deutscher
Seite stets vertretenen berzeugung hindurch, da Frankreichs
und Deutschlands Interessen in der Trkei in den wesentlichsten
Punkten -- Erhaltung der trkischen Unabhngigkeit, finanzielle und
wirtschaftliche Krftigung der Trkei -- bereinstimmten und eine
loyale Zusammenarbeit notwendig machten. Dagegen wurde im Laufe der
neunziger Jahre Englands anfangs so warmes Interesse fr die deutsche
Bettigung in der Trkei -- im Einklang mit dem gesamtpolitischen
Verhltnis -- immer khler. Nur einmal noch, unter der Einwirkung
der Zuspitzung des britisch-franzsischen Verhltnisses im Jahre
1898 (Faschoda) und in der von Ruland in seiner vorderasiatischen
Politik ausgenutzten Bedrngnis der ersten Periode des Burenkriegs,
also zu der Zeit der Chamberlainschen Bestrebungen zur Schaffung
einer deutsch-englisch-amerikanischen Entente, schien sich ein neues
deutsch-englisches Zusammengehen auch in den vorderasiatischen
Eisenbahnfragen ermglichen zu lassen.

In jener Zeit gewann das Projekt der Bagdadbahn zum erstenmal
greifbare Gestalt. Jene groe Transversallinie, die Konstantinopel
quer durch Kleinasien und Mesopotamien mit dem Persischen Golf
verbinden sollte, ist nicht nur der gegebene Hauptstrang des gesamten
Eisenbahnnetzes der asiatischen Trkei und damit fr das Osmanische
Reich die strategisch und wirtschaftlich wichtigste Eisenbahn, sondern
sie hat auch als die krzeste Verbindung zwischen Europa und Indien
alle Aussicht, eine Weltlinie ersten Ranges zu werden. Es ist daher
begreiflich, da der Plan der Bagdadbahn schon seit Jahrzehnten
fortgesetzt errtert und von den verschiedensten Finanzgruppen
mit der trkischen Regierung verhandelt worden war. Wenn bisher
alle diese Errterungen und Verhandlungen ohne Ergebnis geblieben
waren, so lag das einmal an den finanziellen Schwierigkeiten des
Projekts: seine Durchfhrung erforderte Hunderte von Millionen, eine
privatwirtschaftliche Rentabilitt war fr lange Jahre nicht zu
erwarten, fr eine staatliche Garantie fehlten der Trkei die Mittel;
ferner an einer politischen Schwierigkeit: der uerst mitrauische
Sultan Abdul Hamid wollte, so brennend er sich fr den Plan der
Bagdadbahn interessierte, den Bau und Betrieb dieser wichtigsten aller
trkischen Eisenbahnen nicht in Hnde legen, von deren Loyalitt und
Zuverlssigkeit gegenber der Trkei er nicht unbedingt berzeugt war.

Gegen Ende der neunziger Jahre schien sich die Mglichkeit zur
berwindung jener Schwierigkeiten zu bieten.

Die anatolische Linie stellte einen vielversprechenden Anfang dar. Die
wirtschaftliche und finanzielle Entwicklung der Trkei ermglichte die
Schaffung neuer Einnahmequellen, die als Grundlage der Finanzierung der
Bagdadbahn verwendet werden konnten. Und in Deutschland, das keinerlei
territoriale Ziele in der Trkei verfolgte, das vielmehr durch seine
eigensten Interessen gentigt war, fr die Aufrechterhaltung der
Unabhngigkeit und der Integritt der Trkei einzutreten, hatte der
Sultan hinreichendes Vertrauen gewonnen, um das groe Werk in deutsche
Hnde zu legen.

Die deutsche Regierung, an die sich der Sultan mit dem immer
wiederholten und dringenden Ersuchen um Frderung des Planes wandte,
sah hier die Mglichkeit zu einer bedeutungsvollen Ausweitung der
wirtschaftlichen Weltstellung Deutschlands und zeigte sich deshalb
gern bereit, den trkischen Wnschen zu entsprechen. Die deutsche
Finanzgruppe, die das anatolische Netz geschaffen hatte, stellte sich
fr das groe Unternehmen zur Verfgung.

Man war sich bei uns von Anfang an darber klar, da eine rasche
Durchfhrung des groen Unternehmens nur auf internationaler Grundlage
mglich sei. Der Umfang der fr den Bau einer Streckenlnge von etwa
2500km erforderlichen Kapitalien, die Notwendigkeit der Zustimmung
der europischen Gromchte zur Schaffung der fr die Finanzierung
des Unternehmens erforderlichen neuen trkischen Staatseinnahmen,
die internationale Bedeutung der neuen Weltlinie, namentlich
fr den Verkehr mit Britisch-Indien, schlielich die weitgehende
Abhngigkeit des Schicksals des Unternehmens von der politischen
Haltung der einzelnen Gromchte -- das alles mute den Versuch
nahelegen, nicht nur die Zustimmung, sondern auch die Mitwirkung
der nchstinteressierten Gromchte und ihrer Finanzkreise an dem
Unternehmen zu gewinnen.

Die Bemhungen nach dieser Richtung hin fhrten zunchst hinsichtlich
Frankreichs zu einem Erfolg. Zwischen der Gruppe der Deutschen Bank und
der franzsischen Gruppe der Ottomanischen Bank kam im Mai 1899 unter
Mitwirkung der beiderseitigen Botschafter in Konstantinopel, des Baron
Marschall und des Herrn Constans, ein grundstzliches Einvernehmen ber
ein Zusammengehen in Sachen der Bagdadbahn zustande.

Auch mit England lieen sich die Verhandlungen zunchst gnstig an.
Als im November 1899 der Kaiser WilhelmII. mit dem Reichskanzler zum
Besuch bei der Knigin von England in Windsor weilte, uerte sich
Chamberlain in dem Sinne, da ihm eine englische Beteiligung an den
deutschen Eisenbahnunternehmungen in Vorderasien erwnscht sei; es sei
ihm lieber, die Deutschen in Kleinasien zu sehen, als die Russen und
Franzosen. Aber es blieb bei dieser Bekundung eines politischen guten
Willens; die Versuche, eine englische Finanzgruppe fr eine positive
Mitwirkung zu gewinnen, verliefen ergebnislos. Als nach Erteilung
einer Vorkonzession fr die Bagdadbahn (Dezember 1899) die Versuche,
eine finanzielle Mitwirkung Englands zu sichern, wiederaufgenommen
wurden, zeigte sich in England eine verstrkte Zurckhaltung. Im
Februar 1901 hatte der Leiter des Bagdadunternehmens, der Direktor
der Deutschen Bank Dr.Georg von Siemens, im Londoner Foreign Office
eine Besprechung, an der von englischer Seite der Unterstaatssekretr
im Foreign Office, Mr. Sanderson, und der britische Botschafter in
Konstantinopel, Sir Nicolas O'Conor, teilnahmen. Es handelte sich
damals vor allem darum, festzustellen, ob mit Englands Zustimmung zu
der fr die Finanzierung des Bagdadprojekts erforderlichen Erhhung
der trkischen Eingangszlle gerechnet werden knne. Die englischen
Herren uerten nur unter Vorbehalten ihre persnliche Meinung, die
darauf hinauskam, da England eine Zustimmung zu der ins Auge gefaten
trkischen Zollerhhung nur in Erwgung ziehen knne, wenn vorher ein
ausreichendes britisches Interesse an dem geplanten Unternehmen der
Bagdadbahn geschaffen worden sei. Ein solches britisches Interesse
zu schaffen, berlieen sie der deutschen Gruppe, ohne diese auch
nur durch eine Andeutung zu untersttzen, nach welcher Richtung
sie sich zweckmigerweise zu bemhen habe. Dr.von Siemens reiste
unverrichtetersache nach Berlin zurck.

Die Folgezeit brachte, im Einklang mit der britischen Gesamtpolitik,
eine immer deutlicher betonte Feindseligkeit Englands gegenber
dem Bagdadprojekt. England legte den trkischen Zollerhhungen
Schwierigkeiten in den Weg und warf die Streitfrage von Koweit auf.
Koweit ist eine kleine Stadt am Nordufer des Persischen Golfs; sein
Hafen galt als der weitaus beste in jener Gegend und als der natrliche
Endpunkt einer von Bagdad her an den Golf heranfhrenden Eisenbahn. Die
britisch-indische Regierung hatte vor lngerer Zeit mit dem Scheich
von Koweit Vertrge abgeschlossen, deren Inhalt niemals genauer
bekanntgeworden ist. Auf Grund dieser Vertrge beanspruchte England
fr sich zwar nicht ein Protektorat ber Koweit, aber immerhin eine
nicht genauer definierte Sonderstellung, whrend die Pforte an ihrer
Souvernitt ber Koweit festhielt. Als im Herbst 1901 die Trken
aus Anla eines Aufstandes Truppen in Koweit landen wollten, wurden
sie durch britische Kriegsschiffe daran verhindert. Im Anschlu an
diesen Vorgang teilte die britische Regierung der trkischen mit, da
sie unter Voraussetzung der Respektierung des -- immer nicht genauer
definierten -- status quo durch die Trken ihrerseits davon Abstand
nehmen wolle, Koweit zu besetzen und ein Protektorat zu erklren. Dabei
ist es geblieben. Von deutscher Seite suchte man den Schwierigkeiten
der Koweitfrage Rechnung zu tragen, indem man sich damit abfand, da in
der Anfang Mrz 1903 erteilten endgltigen Bau- und Betriebskonzession
fr die Bagdadbahn der Endpunkt der Bahn am Persischen Golf nicht
festgesetzt, sondern fr eine sptere Verstndigung offengehalten
wurde.

Trotz dieses Entgegenkommens und trotz der Geneigtheit Deutschlands,
sich auch in den andern fr England wichtigen Punkten mit der
britischen Regierung zu verstndigen, lehnte die britische Regierung
endgltig jede englische Mitwirkung ab. Balfour, der am 8. April
1903 im Unterhaus die neuen deutschen Vorschlge mitgeteilt und eine
sorgsame Erwgung in Aussicht gestellt hatte, verkndigte am 23. April
1903, da die angebotenen Garantien fr eine gleichberechtigte Stellung
Englands in dem Unternehmen nicht ausreichten und da deshalb England
die gewnschten Zusagen nicht geben knne.

In derselben Zeit erklrte Delcass in der franzsischen Kammer, fr
die franzsische Mitwirkung an dem Bagdadunternehmen sei Vorbedingung
die volle Gleichberechtigung Frankreichs im Kapital und in der Leitung.

Die englische und die franzsische Politik hatten sich also
zusammengeschlossen, um Deutschland die Fhrung des von ihm
vorbereiteten und gegrndeten Unternehmens durch den Anspruch auf volle
Gleichberechtigung, die in Wirklichkeit auf eine glatte Majorisierung
Deutschlands hinausgekommen wre, aus der Hand zu winden oder die
Durchfhrung des Unternehmens zu verhindern.

Bei der unbedingten Gegnerschaft der englischen und franzsischen
Politik -- Ruland hatte aus den bereits angedeuteten Grnden von
Anfang an dem Bagdadunternehmen Schwierigkeiten bereitet -- ist
es geblieben. Trotzdem hielt die franzsische Finanzgruppe der
Ottomanischen Bank den Wunsch und die Zusage ihrer Beteiligung --
wahrscheinlich im geheimen Einverstndnis mit der franzsischen
Regierung -- aufrecht. Da jedoch der franzsische Markt den
Bagdadwerten verschlossen blieb, hat die franzsische Beteiligung fr
die deutsche Gruppe nur insofern Wert gehabt, als sie den Faden nicht
ganz abreien lie und fr spter gewisse Mglichkeiten offenhielt.

Die im Mrz 1903 erteilte Konzession umfate die Hauptlinie von Konia,
dem Endpunkt der Anatolischen Bahn, bis zum Persischen Golf sowie
eine Anzahl wichtiger Zweiglinien. Die finanziellen Vereinbarungen
erstreckten sich jedoch nur auf die ersten 200 Kilometer vorwrts
Konia, da nur fr diese hinreichende Garantien verfgbar zu machen
waren. Die Stellung von Garantien fr das Gesamtnetz blieb vorbehalten.

Die erste Strecke von 200 Kilometer (Konia-Bulgurlu) konnte bereits
im Herbst 1904 dem Betrieb bergeben werden. Dann aber geriet die
Durchfhrung des Unternehmens angesichts der Unfhigkeit der trkischen
Regierung, gegen den Widerstand Englands und Frankreichs weitere
Garantien verfgbar zu machen, fr eine Anzahl von Jahren ins Stocken.

Im Frhjahr 1906 wurde ich von der Deutschen Bank als ihr
Vertreter und als Delegierter des Verwaltungsrats der Anatolischen
Eisenbahngesellschaft und der Bagdad-Eisenbahn-Gesellschaft nach
Konstantinopel gesandt. Meine Hauptaufgabe war, an der berwindung
der Finanzierungsschwierigkeiten mitzuhelfen und mit der trkischen
Regierung Vertrge ber den Weiterbau der Bagdadbahn, jedenfalls ber
das Taurusgebirge hinaus, tunlichst aber bis nach Aleppo, wo die
Verbindung mit dem franzsischen Eisenbahnnetz in Syrien zu gewinnen
war, zum Abschlu zu bringen.

Auch mir war klar, da die besonderen Lebensbedingungen des
Bagdadbahn-Unternehmens eine internationale Verstndigung
geradezu erforderten. Vor allem war, um die Bagdadbahn als groen
internationalen Verkehrsstrang zwischen Europa und Indien voll nutzbar
zu machen, eine Einigung mit England notwendig. Aber auf der andern
Seite erschien mir jeder neue Einigungsversuch aussichtslos, solange
die Gegenseite der berzeugung war, da wir ohne ihre Zustimmung keinen
Schritt vorwrtskommen knnten und da sie deshalb in der Lage sei,
uns jede Bedingung aufzuerlegen und uns die Frchte unserer Arbeit zu
entwinden. Der Boden fr eine fr uns annehmbare Verstndigung mute
erst durch Tatsachen geschaffen werden, die aller Welt zeigten, da wir
entschlossen und stark genug waren, die Hindernisse, die man uns in den
Weg legte, zu berwinden und ntigenfalls das Unternehmen auf eigne
Faust der Vollendung zuzufhren.

In zher Arbeit und hartem Kampf gelang es, die finanziellen Grundlagen
fr den Weiterbau zu sichern. Zwar setzten die Englnder durch, da
der Ertrag der dreiprozentigen Zollerhhung, die endlich im Jahre 1907
fr den Zeitraum von sieben Jahren den Trken zugestanden wurde, fr
die mazedonischen Reformen festgelegt wurde, so da diese wichtige
Einnahmequelle fr die Finanzierung der Bagdadbahn gesperrt war.
Aber gleichzeitig gelang es unsern Bemhungen, andere Einnahmen,
die teilweise durch die im Jahre 1903 durchgefhrte Unifikation der
alten trkischen Staatsschuld, teilweise durch die wirtschaftliche
Entwicklung der Trkei verfgbar geworden waren und fr die Zukunft
eine weitere gnstige Entwicklung versprachen, fr die Finanzierung des
Weiterbaus der Bagdadbahn zu sichern. Am 2. Juni 1908 konnte ich meinen
Namen unter Vertrge mit der trkischen Regierung setzen, in denen der
Ausbau von weiteren 840 Kilometern vereinbart wurde. Die neuen Strecken
brachten die Durchquerung des Taurus und Amanus, die Verbindung mit
dem Golf von Alexandrette durch den Anschlu an die von der deutschen
Gruppe kurz zuvor erworbene Stichbahn Mersina-Adana, die Verbindung mit
dem syrischen Eisenbahnnetz in Aleppo, schlielich die berschreitung
des Euphrat; vorlufiger Endpunkt war Tel Helif, ein Ort sdlich von
Mardin, der Ausgangspunkt der in der Konzession von 1903 vorgesehenen
wichtigen Zweiglinie nach Diarbekir.

Mit diesen Vertrgen war nach vierjhriger Stockung ein entscheidender
Schritt vorwrts getan.

Wenige Wochen nach ihrer Unterzeichnung brach die jungtrkische
Revolution aus. Die zunchst stark unter franzsischem und englischem
Einflu stehende neue Richtung war dem deutschen Bagdadunternehmen
gegenber stark voreingenommen. Aber die Bagdadvertrge hielten
Stich gegenber aller Prfung und Kritik; auch die Jungtrken muten
sich berzeugen, da die Durchfhrung des begonnenen Werkes ein
lebenswichtiges Interesse fr die Trkei darstellte.

Von deutscher Seite aus wurde unter den neuen Verhltnissen ein neuer
Versuch gemacht, in den trkischen Angelegenheiten mit Frankreich
und England zusammenzugehen. Auf deutsche Anregung hin fand sich
im Herbst 1908 die Gruppe der Deutschen Bank, die franzsische
Gruppe der Ottomanischen Bank und eine englische, Sir Ernest Cassel
nahestehende Gruppe zusammen, um der neuen Trkei durch einen Vorschu
und im Anschlu daran durch eine Anleihe ber ihre finanziellen
Schwierigkeiten hinauszuhelfen. Auch in der Frage der Bagdadbahn
wurde die Fhlung mit England vorsichtig wiederaufgenommen. Im
Herbst 1909 traf ich mit Sir Ernest Cassel, der inzwischen durch die
Grndung der Banque Nationale de Turquie ein greres Interesse an
den trkischen Geschften genommen hatte, in Konstantinopel zusammen;
die Mglichkeiten einer Zusammenarbeit in den trkischen Geschften,
insbesondere im Bagdadbahn-Unternehmen, wurden dabei errtert. Gegen
Schlu des Jahres kam Sir Ernest nach Berlin. Er stellte zur Erwgung,
ob wir uns entschlieen knnten, das sdliche Stck der Bagdadbahn,
von der Stadt Bagdad bis zum Persischen Golf, an eine unter englischer
Fhrung stehende Gesellschaft zu berlassen, wogegen England seinen
bisherigen Widerstand gegen das Unternehmen aufgeben und uns nrdlich
von Bagdad freie Hand lassen sollte. An sich wre eine solche Lsung
vom Standpunkt der deutschen Interessen aus ertrglich gewesen,
vorausgesetzt, da die trkische Regierung ihr Mitrauen gegen eine
Verstrkung der englischen Stellung in Sdmesopotamien berwinden
konnte und da zwischen den beiden Finanzgruppen Abmachungen ber das
Ineinandergreifen des Betriebs der beiderseitigen Linien getroffen
worden wren, die einen reibungslosen Durchgangsverkehr fr Personen
und Gter in derselben Weise wie auf einem einheitlichen Netze
gesichert htten.

Die Aussprache hatte aber zunchst keine weitere Folge. Im Gegenteil,
im Laufe des Jahres 1910 kam es zu einem abermaligen, von Frankreich
ausgehenden und von England untersttzten Vorsto gegen Deutschlands
finanzielle und wirtschaftliche Stellung in der Trkei. Eine
franzsische Gruppe, die Fhlung mit englischen Kreisen suchte und
fand, betrieb mit Hochdruck das Projekt einer Eisenbahn von Nordsyrien
durch das Euphrattal nach Bagdad, um durch diese etwas krzere,
wirtschaftlich und strategisch jedoch fr die Trkei weniger wertvolle
Konkurrenzlinie der durch das Tigristal fhrenden deutschen Bagdadbahn
den Todessto zu versetzen. Gleichzeitig wurde das starke Geldbedrfnis
der Trkei von der franzsischen Regierung ausgenutzt, um der Trkei
Bedingungen aufzuerlegen, die der Errichtung einer Finanzkontrolle
gleichkamen und die Trkei in allen wirtschaftlichen Angelegenheiten,
namentlich auch in der Ausgestaltung ihres Eisenbahnnetzes, dem
Machtspruch der Westmchte unterworfen htten. Der bedrngte trkische
Finanzminister, der sich in Paris vor so unannehmbare Bedingungen
gestellt sah, fand in London verschlossene Tren. In Paris und London
war man berzeugt, da Deutschland nicht stark genug sei, um der Trkei
eine wirksame finanzielle Hilfe zu gewhren: Londres ne veut pas,
Berlin ne peut pas! triumphierten damals die franzsischen Zeitungen.

Die Rechnung war falsch. In der Erkenntnis, da es gelte, die
Unabhngigkeit der Trkei und damit die gleichberechtigte Stellung
Deutschlands in diesem wichtigen und zukunftsreichen Lande zu erhalten,
schlo sich die gesamte deutsche und sterreichisch-ungarische Bankwelt
zu einem groen Konsortium zusammen, um der Trkei aus der Bedrngnis
zu helfen. Im November 1910 reiste ich im Auftrag dieses Konsortiums
nach Konstantinopel, um mit dem trkischen Finanzminister ber die
Anleihebedingungen zu verhandeln. Nach wenigen Tagen konnten die
Vertrge unterzeichnet werden, die der Trkei ausreichende Mittel
sicherten, um fr zwei Jahre den Fehlbetrag ihres Staatshaushalts zu
decken.

Die Trkei machte von der hierdurch gewonnenen Bewegungsfreiheit
Gebrauch, um den weiteren Ausbau der Bagdadbahn, deren volle Bedeutung
inzwischen auch von den jungtrkischen Machthabern erkannt worden
war, sicherzustellen. Im Mrz 1911 kamen Vertrge zustande, in denen
der sofortige Ausbau der Hauptlinie bis Bagdad vereinbart und der
Gesellschaft die Konzession fr eine Zweiglinie nach Alexandrette
und fr den Bau und Betrieb eines Hafens an diesem wichtigen Platze
verliehen wurde. Um der trkischen Regierung die Mglichkeit zu
geben, doch noch mit England zu einer Verstndigung ber die
Bagdadbahn zu kommen, wurde im Einverstndnis mit dem Auswrtigen
Amt dem Growesir auf dessen Wunsch eine von meinem Kollegen von
Gwinner und mir unterzeichnete Erklrung ausgestellt, da wir bei
der Bagdad-Eisenbahn-Gesellschaft dafr eintreten wollten, da diese
sich bereitfinde, unter noch nher zu vereinbarenden Bedingungen
und Entschdigungen ihre Rechte auf die Strecke von Bagdad bis zum
Golf, sei es ganz, sei es teilweise, an eine neuzugrndende trkische
Gesellschaft zu bertragen, vorausgesetzt, da der deutsche Anteil
an dieser Gesellschaft nicht geringer bemessen werde als derjenige
einer jeden andern nichttrkischen Gruppe. Auerdem verzichtete die
Bagdad-Eisenbahn-Gesellschaft auf alle ihre Rechte auf den Ertrag
knftiger Zollerhhungen, um dadurch dem Widerstand Englands gegen
eine solche im Interesse der trkischen Finanzen unerlliche
Erschlieung neuer Einnahmen ein fr allemal den Boden zu entziehen.


Die Verstndigung mit Frankreich ber die trkischen Eisenbahnfragen

Die neuen Vertrge, in Verbindung mit der vorausgegangenen Gewhrung
der Anleihe, hatten in der Tat die Wirkung, die Lage zu klren. In
England wurde es fr einige Zeit ganz still ber die Bagdadbahn.
Ruland hatte sich durch die Potsdamer Abmachung desinteressiert.
Frankreich, dessen Vorsto gegen das Bagdadunternehmen nun endgltig
abgewiesen war, suchte jetzt Kompensationen fr die von uns
erzielten Erfolge auf andern Gebieten; es begann Verhandlungen ber
Eisenbahnkonzessionen erheblichen Umfanges in der europischen Trkei
und in Nordost-Anatolien und stellte der Trkei fr den Fall eines
gnstigen Ergebnisses eine groe Anleihe in Aussicht. Auch diese
neuen franzsischen Wnsche kollidierten in wichtigen Punkten mit
lteren Rechten der Anatolischen und der Bagdadbahn; aber dieses Mal
versuchte die franzsische Gruppe sich in Gte mit der deutschen
Gruppe zu verstndigen. Es kam zu Besprechungen, die -- ber die
einzelnen strittigen Punkte hinaus -- sich auf die Gesamtheit
der beiderseitigen Wirksamkeit in der Trkei erstreckten und die
Mglichkeit der Aufstellung eines Programms fr eine vernnftige, die
wirtschaftlichen Bedrfnisse und die finanzielle Leistungsfhigkeit der
Trkei bercksichtigende Arbeitsverteilung im Ausbau des trkischen
Eisenbahnnetzes errterten. Mit die grte Schwierigkeit bildete die
unklare und unbefriedigende Stellung der franzsischen Gruppe im
Bagdadunternehmen. Die franzsische Gruppe war nach wie vor mit 30
Prozent an dem Unternehmen beteiligt, whrend die noch kurz zuvor von
Herrn Pichon als Minister des Auswrtigen neu verkndete Sperre des
franzsischen Marktes fr die Bagdadwerte ihr die aktive Mitwirkung
an der Finanzierung des Geschftes unmglich machte. Ich hatte im
Juni 1911 in Konstantinopel mit dem neuernannten Generaldirektor der
Ottomanischen Bank, Herrn Revoil, frher franzsischer Gesandter
in Tanger und Botschafter in Madrid, bekannt durch seine scharfe
Vertretung des franzsischen Standpunktes in der Marokkofrage,
mehrfache Unterredungen ber diesen Gegenstand. Ich drang dabei auf
eine Klarstellung der franzsischen Politik im Bagdadgeschft: entweder
wolle man die franzsische Beteiligung aufrechterhalten, dann mten
die Hindernisse einer effektiven franzsischen Mitwirkung an der
Aufbringung der finanziellen Mittel und die offizielle Gegnerschaft
der franzsischen Regierung gegen das Bagdadunternehmen beseitigt
werden. Oder aber letzteres sei nicht mglich; dann seien wir bereit,
die franzsische Beteiligung zurckzunehmen. Herr Revoil erklrte
sich damals noch mit groer Entschiedenheit gegen ein Ausscheiden der
franzsischen Gruppe aus dem Bagdadunternehmen, mit dem Hinzufgen,
da auch seine Regierung das Verbleiben der franzsischen Gruppe im
Bagdadgeschft wnsche. Es msse auf andere Weise versucht werden,
unsern Wnschen, deren Berechtigung er nicht bestritt, gerecht zu
werden.

Diese kaum begonnenen Besprechungen wurden durch das Erscheinen des
Panther vor Agadir und die sich daran anschlieende kritische
Zuspitzung des deutsch-franzsischen Verhltnisses unterbrochen. Dann
lieen der trkisch-italienische Krieg und der Balkankrieg ein weiteres
Zuwarten als geboten erscheinen. Erst im Frhjahr 1913 konnten die
Fden mit Nutzen wiederaufgenommen werden.

Meine Anwesenheit in Paris gab Gelegenheit, die deutsch-franzsische
Verstndigung ber die trkischen Geschfte wieder in Flu zu bringen.
Die Vorfrage der franzsischen Stellung im Bagdadgeschft wurde dieses
Mal zu einer klaren Entscheidung gebracht. Nachdem ich Herrn Revoil
erneut die Alternative: ou collaboration loyale, ou sparation nette
gestellt hatte, erklrte dieser, mir nach Befragung des Ministers des
Auswrtigen eine klare Antwort geben zu wollen. Nach einigen Tagen
brachte er mir den Bescheid des Quai d'Orsay; er lautete -- wie mir
Herr Revoil versicherte, zu seinem groen persnlichen Bedauern -- auf
sparation nette.

Auf Grund der damit gegebenen Entscheidung wurden dann die
Verhandlungen ber den ganzen Fragenkomplex in Berlin unter Mitwirkung
des franzsischen Botschafters, eines Vertreters des franzsischen
Ministeriums des Auswrtigen und des Vizegouverneurs der Bank von
Frankreich fortgesetzt. Am 15. Februar 1914 konnten die Vertrge
paraphiert werden. Sie trafen Vereinbarungen ber das Ausscheiden der
franzsischen Gruppe aus dem Bagdadunternehmen und ber den Ausbau der
von beiden Gruppen in der asiatischen Trkei betriebenen und geplanten
Eisenbahnsysteme, ferner Bestimmungen ber die Anschlupunkte, ber die
das gemeinschaftliche Interesse beider Eisenbahnsysteme berhrenden
Tariffragen, ber eine den finanziellen Krften der Trkei angepate
zeitliche Staffelung der Ausfhrung neuer Eisenbahnbauten und
schlielich ber ein Zusammenwirken bei der Sicherung der infolge des
Balkankriegs gefhrdeten trkischen Anleihen und bei der Konsolidierung
der trkischen Finanzen. Das Inkrafttreten des Abkommens war abhngig
gemacht von dem Zustandekommen der Abmachungen, ber die damals sowohl
von der deutschen wie auch von der franzsischen Gruppe mit der
trkischen Regierung verhandelt wurde. Ferner bestand natrlich ein
enger Zusammenhang zwischen den deutsch-franzsischen Abmachungen und
den Vereinbarungen, die damals zwischen Deutschland und England in
Sachen der beiderseitigen Unternehmungen in Kleinasien und Mesopotamien
zur Diskussion standen.


Die Verstndigung mit England ber die vorderasiatischen Fragen

Zwischen Deutschland, England und der Trkei hatte die Bagdadfrage seit
dem Abschlu der Vertrge ber den Ausbau der Bahn bis Bagdad (Mrz
1911) zunchst geruht. Die durch das Eingreifen Lloyd Georges so scharf
zugespitzte Marokkokrisis lie auf englischer Seite die Neuaufnahme von
Verhandlungen wohl nicht als zeitgem erscheinen, whrend man auf der
deutschen Seite sich sagen konnte, da jeder Kilometer Bahnstrecke,
der neu in Betrieb kam -- und es wurde trotz aller Erschwernisse der
ungnstigen Zeit mit aller Energie gebaut--, die eigne Position fr
jede knftige Auseinandersetzung verbessere. Die Besprechungen zwischen
Lord Haldane und der deutschen Regierung im Frhjahr 1912 schienen den
Boden fr eine Verstndigung, wie in den afrikanischen Kolonialfragen,
so auch in den vorderasiatischen Fragen, zu ebnen. Freiherr von
Marschall, der im Frhjahr 1912 als Botschafter von Konstantinopel
nach London geschickt wurde, brachte fr Verhandlungen ber trkische
Angelegenheiten eine ganz besondere Eignung mit. Leider ist es zwischen
Baron Marschall und Sir Edward Grey nur zu einleitenden Unterhaltungen
gekommen; denn wenige Monate nach seiner Ernennung erlag Marschall
einer schweren Krankheit. Sein Nachfolger wurde der Frst Lichnowsky,
dem die trkischen Angelegenheiten fernlagen und der ihre Bearbeitung
im wesentlichen seinem Botschaftsrat, Herrn von Khlmann, dem spteren
Staatssekretr des Auswrtigen Amtes, berlie.

Die Verhandlungen ber den Prliminarfrieden, der dem ersten
Balkankrieg ein Ziel setzte, fhrten den frheren Growesir Hakki
Pascha als Bevollmchtigten der Trkei nach London. Hakki Pascha,
einer der intelligentesten und jedenfalls der kenntnisreichsten der
trkischen Staatsmnner, war bestrebt, seinen Londoner Aufenthalt
zu einer vlligen Bereinigung der zwischen der Trkei und England
schwebenden Fragen zu benutzen, und er war entschlossen, fr eine
Klrung des trkisch-britischen Verhltnisses ntigenfalls auch
Opfer zu bringen. Insbesondere in der Bagdadfrage hatte Hakki Pascha
von langer Hand eine solche Politik vorbereitet. Er war es, der als
Growesir gelegentlich des Abschlusses der Vertrge vom Mrz 1911
sich von uns die Erklrung der Bereitwilligkeit zur bertragung der
Konzessionsrechte an der Sdstrecke der Bagdadbahn an eine neu zu
errichtende Gesellschaft hatte ausstellen lassen.

Aus den Besprechungen zwischen Sir Edward Grey und Hakki Pascha, ber
deren Verlauf die deutsche Botschaft von beiden Seiten unterrichtet
wurde, ergab sich, da die britische Regierung im wesentlichen folgende
Ziele im Auge hatte:

Erstens die Regelung der das Nordufer des Persischen Golfes, namentlich
das Gebiet von Koweit, betreffenden Fragen im Sinne der alten
englischen Ansprche.

Zweitens die Erlangung eines Schiffahrtsmonopols auf dem Euphrat und
Tigris fr eine neuzugrndende trkische Gesellschaft, in der das
englische Kapital und der englische Einflu vorherrschend sein sollten.

Drittens die Zusage, da auf der Bagdadeisenbahn jede Differenzierung
in den Bedingungen des Gterverkehrs zugunsten oder ungunsten der Waren
irgendeiner Nationalitt, Herkunft oder Bestimmung ausgeschlossen sein
solle.

Der erste Punkt dieser Forderung umschlo die Herbeifhrung des
Verzichts der Bagdad-Eisenbahn-Gesellschaft auf die Heranfhrung
ihres Stranges bis unmittelbar an den Persischen Golf und auf die
Errichtung und den Betrieb eines Hafens am Persischen Golf. Dagegen
zeigte sich die britische Regierung, die frher stets die Kontrolle
ber die ganze Bahnstrecke sdlich von Bagdad als ihre Mindestforderung
aufgestellt hatte, jetzt fr den Fall des erwhnten Verzichtes bereit,
der Bagdad-Eisenbahn-Gesellschaft fr den Ausbau ihrer Hauptlinie bis
zu der am Shatt el Arab, dem Zusammenflu des Euphrat und Tigris,
gelegenen Stadt Basra keine weiteren Schwierigkeiten zu machen.

Auf dieser Grundlage erschien eine fr die deutschen Interessen an
der Bagdadbahn ertrgliche Einigung mglich. Der Shatt el Arab wurde
damals schon von den Schiffen der Hamburg-Amerika-Linie, die einen
regelmigen Dienst nach Basra eingerichtet hatte, ebenso von den
Schiffen der British India Steamship Navigation Company und andern
Schiffahrtsgesellschaften bis Basra befahren. Das Haupthindernis, die
dem Shatt vorgelagerte Barre, konnte von diesen Schiffen zur Flutzeit
passiert werden. Nach dem Urteil der Sachverstndigen ist ohne allzu
groe Schwierigkeiten und Kosten eine Ausbaggerung mglich, die auch
fr Schiffe mit groem Tiefgang eine jederzeit benutzbare Fahrrinne
schafft. Unter der Voraussetzung, da die ntigen Vorkehrungen fr
die Schiffbarmachung und die dauernde Schiffbarerhaltung des Shatt
el Arab vom Golf bis Basra getroffen, sowie ferner, da ausreichende
Sicherheiten fr die dauernde Freiheit der Schiffahrt auf dem
Shatt geschaffen wrden, konnte man sich auf deutscher Seite vom
verkehrstechnischen Standpunkt aus mit einem Verzicht auf die in der
Bagdadkonzession vorgesehene Linie von Basra bis zum Golf abfinden.

Politische Voraussetzung war die Zustimmung der trkischen Regierung.
Diese hatte zu Abdul Hamids Zeiten, aber auch noch spterhin, jedes
deutsche Zurckweichen vor England in der Frage der Endstrecke der
Bagdadbahn als ein Imstichlassen der Trkei in der Verteidigung ihrer
Souvernitt ber das trkische Kstengebiet des Persischen Golfs
und ber Sdmesopotamien angesehen. Wenn nunmehr die Trkei bereit
war, die das Kstengebiet des Golfes betreffenden Streitfragen durch
Zugestndnisse an England zu liquidieren, die der Lebensfhigkeit der
Bagdadbahn und ihrem Wert als groer Weltverkehrslinie keinen Eintrag
taten, so war es nicht Sache Deutschlands, die Trkei hieran zu hindern.

Vom deutschen Standpunkt aus konnte man im Gegenteil die
trkisch-britische Verstndigung ber die Golffrage nur willkommen
heien, wenn sich aus dieser die Mglichkeit einer deutsch-britischen
Verstndigung ber die Streitfrage der Bagdadbahn ergab, zumal da
eine solche Verstndigung nicht nur die von der deutschen Regierung
gewnschte Entlastung der allgemein-politischen Spannung herbeizufhren
geeignet war, sondern auch zur endgltigen Sicherstellung des Ausbaus
der Bagdadbahn und ihrer wichtigsten Zweiglinien benutzt werden konnte.

Eine solche Sicherstellung des Ausbaus der Bagdadbahn wurde von
deutscher Seite zur Voraussetzung der Zustimmung zu dem Verzicht auf
die Linie Basra-Golf und auf den Hafen am Persischen Golf gemacht,
ebenso wie in den Verhandlungen mit den Franzosen diese Sicherung die
Voraussetzung fr die verschiedenen deutschen Zugestndnisse bildete.
Die erforderlichen Sicherungen waren nicht etwa nur negativer Natur;
sie bestanden nicht nur darin, da England und Frankreich, wie vorher
schon Ruland, sich verpflichteten, ihren bisherigen Widerstand
gegen den Ausbau der Bagdadbahn aufzugeben. Vielmehr war die aktive
Mitwirkung dieser Mchte erforderlich, um die durch das Ergebnis des
Balkankriegs bedrohten finanziellen Grundlagen des Bagdadunternehmens
wiederherzustellen. Die Abtrennung fast des ganzen europischen
Territoriums von dem trkischen Reiche hatte zur notwendigen
Folge eine entsprechende Minderung der fr die Bagdadobligationen
verpfndeten trkischen Staatseinnahmen. Die Frage, in welcher Weise
die trkischen Staatsglubiger vor der sich aus der territorialen
Vernderung des trkischen Reichsbestandes ergebenden Schdigung
geschtzt werden sollten, gehrte mit zu den Verhandlungsgegenstnden
der Pariser Finanzkonferenz. Der gute Wille und die Mitwirkung der
Westmchte bei der Lsung dieser Frage war gerade fr die Sicherung des
Bagdadunternehmens von besonderer Wichtigkeit.

In der Hauptsache allerdings war die finanzielle Sicherstellung der
Bagdadbahn und ihres Ausbaus in Verhandlungen mit der trkischen
Regierung durchzusetzen. Es handelte sich dabei nicht nur um
Kompensationen fr den durch den Verlust der europischen Trkei
drohenden Ausfall an den fr die Bagdadobligationen verpfndeten
Einnahmen, sondern auch um die Bereitstellung von ausreichenden
Garantien fr den Ausbau der Hauptlinie bis Basra und der wichtigsten
Zweiglinien, namentlich der Linie Bagdad-Hanekin (persische Grenze),
die nach dem Potsdamer Abkommen mit Ruland dort Anschlu an das
nordpersische Eisenbahnnetz finden sollte. Auerdem gehrte zu der
Sicherung des Ausbaus des Bagdadeisenbahnnetzes eine Anpassung der
finanziellen Konstruktion des Bagdadunternehmens an die durch den
Tripolis- und Balkankrieg wesentlich verschlechterten Verhltnisse des
trkischen Staatskredits. ber alle diese Dinge wurde gleichlaufend mit
den deutsch-englischen und deutsch-franzsischen Verhandlungen mit der
trkischen Regierung verhandelt, in dem allseitigen Einverstndnis,
da unsere Abmachungen mit der Trkei einerseits, mit England und
Frankreich andrerseits sich gegenseitig bedingten.

Mute die unbedingte Sicherung fr einen in absehbarer Zeit
durchzufhrenden Ausbau der Bagdadbahn die Voraussetzung sein allein
schon fr unsern Verzicht auf die Golfstrecke und den Hafen am Golf
gegenber den Englndern sowie fr unser weitherziges Entgegenkommen
gegenber den Franzosen bei der Abgrenzung der beiderseitigen
Eisenbahnnetze, so wurde diese Notwendigkeit verstrkt durch eine Reihe
weiterer Forderungen, die England in die Verhandlungen hineinwarf.
Ich habe oben bereits Englands Anspruch auf die Fluschiffahrt in
Mesopotamien erwhnt. Das von der britischen Regierung fr eine unter
englischer Kontrolle stehende Gesellschaft trkischen Rechts erstrebte
Monopol bildete fr die deutsche Regierung einen schweren Stein des
Anstoes. Hakki Pascha hatte sich in London von dem Foreign Office
eine Zusage abringen lassen. Die britische Regierung machte es
gegenber der deutschen zur Voraussetzung fr jede Abmachung ber die
vorderasiatischen Angelegenheiten, da die deutsche Regierung sich mit
der von der trkischen Regierung zugestandenen Schiffahrtskonzession
auf den mesopotamischen Flssen abfinde. Gegenber allen Vorstellungen
hielt sie mit der grten Hartnckigkeit an diesem Standpunkte
fest. Wenn die deutsche Regierung die Verhandlungen nicht scheitern
lassen wollte, mute sie sich darauf beschrnken, die deutschen
Interessen an der mesopotamischen Schiffahrt durch Sicherstellung
der vlligen Gleichberechtigung deutscher Frachten und durch
eine deutsche Beteiligung am Kapital und in der Verwaltung der
Schiffahrtsgesellschaft nach Mglichkeit zu wahren. Wenn aber die
deutsche Regierung sich mit dem unter britischer Kontrolle stehenden
Schiffahrtsmonopol abfand, so mute sie -- sollte nicht England in dem
Verkehrsgebiet der Bagdadbahn einen kaum mehr einzuholenden Vorsprung
gewinnen -- auf der Sicherung des sofortigen Ausbaues der Bagdadbahn
mit verdoppeltem Nachdruck bestehen.

In der gleichen Richtung wirkten die britischen Ansprche hinsichtlich
der mesopotamischen Bewsserungsanlagen und der Ausbeutung der
mesopotamischen Petroleumvorkommen.

Schlielich erstreckte die britische Regierung die Verhandlungen
auch noch auf eine der deutsch-franzsischen Abmachung analoge
Verstndigung zwischen der von britischem Kapital kontrollierten
Smyrna-Aidin-Bahn im westlichen Kleinasien einerseits, der Anatolischen
Eisenbahn und Bagdadeisenbahn andrerseits.

Die Verhandlungen waren auerordentlich schwierig. Sie wurden von der
englischen Seite mit einer nicht zu bertreffenden Zhigkeit gefhrt,
auch im Festhalten an Einzelheiten, die im Verhltnis zu der Gesamtheit
der auf dem Spiel stehenden Interessen fr England nur geringfgige
Bedeutung haben konnten. Immer wieder wurde die deutsche Seite vor die
Frage gestellt, ob sie an der oder jener mehr oder weniger wichtigen
Frage das Verstndigungswerk scheitern lassen wollte. Es gehrte fr
uns ein ungewhnliches Ma von Geduld und gutem Willen dazu, um alle
die kleinen und groen Klippen zu berwinden.

Schlielich kam nach mehr als einjhrigen Verhandlungen eine Einigung
zustande, die in groen Zgen folgendermaen aussah:

Als sdlicher Endpunkt der Bagdadeisenbahn wurde Basra festgesetzt.
Auf eine Weiterfhrung der Bagdadeisenbahn bis zum Golf und auf
den Hafen am Golf leistete die Bagdad-Eisenbahn-Gesellschaft
Verzicht. Dafr verpflichtete sich die englische Regierung, dem
Ausbau der Bagdadbahn bis Basra keinerlei Schwierigkeiten zu machen
und keinerlei Bestrebungen, Konkurrenzbahnen zur Bagdadbahn in den
Vilajets Bagdad und Mossul zu bauen, irgendwie zu untersttzen. Die
Bagdad-Eisenbahn-Gesellschaft bernahm die Verpflichtung, keinerlei
differentielle Behandlung in den Bedingungen des Transports nach
Nationalitt, Herkunft oder Bestimmung der Waren eintreten zu lassen.
Sie hielt fr eine noch zu konstituierende englische Finanzgruppe eine
Beteiligung an ihrem Gesellschaftskapital offen und verpflichtete sich,
zwei Verwaltungsratssitze mit britischen Mitgliedern zu besetzen.

In Bagdad und Basra sollten von einer von der
Bagdad-Eisenbahn-Gesellschaft zu grndenden Untergesellschaft
Hafeneinrichtungen gebaut und betrieben werden. Diese Hafengesellschaft
sollte unter der Kontrolle der deutschen Gruppe stehen; fr britische
Interessenten sollte eine Beteiligung von 40 Prozent offengehalten
werden.

England traf mit der Trkei Vereinbarungen ber die Schiffbarmachung
des Shatt el Arab fr Schiffe greren Tiefgangs, denen Deutschland
beitrat. Gleichzeitig wurde die volle Freiheit der Schiffahrt fr
Fahrzeuge aller Nationen auf dem Shatt und der Ausschlu einer
jeglichen differentiellen Behandlung dieser Schiffahrt in bezug auf
Abgaben und sonstige Bedingungen festgelegt. Fr die von der Schiffahrt
auf dem Shatt el Arab als Beitrag zu den Kosten der Regulierung zu
erhebenden Abgaben wurde ein mig gegriffener Hchstsatz vereinbart.

Die deutsche Regierung bernahm die Verpflichtung, der Erteilung
der Konzession fr die mesopotamische Fluschiffahrt an eine unter
englischer Kontrolle stehende Gesellschaft keine Schwierigkeiten zu
machen. Von dem Kapital der Gesellschaft sollte ursprnglich die
Hlfte auf England, die andere Hlfte auf die Trkei entfallen. Man
einigte sich jedoch schlielich dahin, da 40 Prozent des trkischen
Anteils, also 20 Prozent des Gesamtkapitals, fr deutsche Interessenten
offengehalten werden sollten. Damit war natrlich auch eine
entsprechende Vertretung im Verwaltungsrat der Schiffahrtsgesellschaft
verbunden. Der Ausschlu einer jeden differentiellen Behandlung in den
Transportbedingungen wurde in hnlicher Weise festgelegt wie bei der
Bagdadeisenbahn. In den Abmachungen zwischen England und der Trkei
und in den Statuten der Schiffahrtsgesellschaft war die peinlichste
Frsorge dafr getroffen, da in allen wichtigen Angelegenheiten im
Falle von Stimmengleichheit der Vorsitzende des Verwaltungsrats, der
von der englischen Gruppe gestellt wurde, den Ausschlag geben sollte.

Das Inkrafttreten der Abmachungen war gebunden an die Ergnzung der
durch die Abtretung der europischen Provinzen veminderten Pfnder
fr die Bagdadobligationen und an das Zustandekommen der Abmachungen
mit der Trkei ber die Bereitstellung der fr den sofortigen Ausbau
des Bagdadeisenbahnnetzes erforderlichen Garantien. Die britische
Regierung war ihrerseits bereit, die Stellung dieser Garantien
dadurch zu untersttzen, da sie ihre Einwendungen gegen die von der
Trkei geplante und fr die Konsolidierung der trkischen Finanzen
unbedingt notwendige Zollerhhung endlich fallen lie. Wenn auch
die Bagdad-Eisenbahn-Gesellschaft schon im Jahre 1911 endgltig auf
ihre frheren Ansprche auf den Ertrag der Zollerhhung verzichtet
hatte und auch jetzt nicht daran dachte, auf die Zollerhhung fr die
Finanzierung des Ausbaus ihres Netzes zurckzugreifen, so wurde der
trkischen Regierung durch das Zugestndnis der Zollerhhung wenigstens
indirekt die Zuweisung der fr den Ausbau der Bagdadbahn erforderlichen
Pfnder erleichtert.

Gleichzeitig mit diesen Abmachungen wurde auch eine bereinstimmung
ber die in Mesopotamien auszufhrenden Bewsserungsarbeiten und ber
die gemeinschaftliche Ausbeutung der mesopotamischen Petroleumvorkommen
erzielt; desgleichen ber die recht weitgehenden Wnsche der
Smyrna-Aidin-Eisenbahn-Gesellschaft. Hinsichtlich der mesopotamischen
Bewsserungsarbeiten verpflichtete sich die deutsche Regierung,
keine Konkurrenz gegen die von den Englndern schon in Bearbeitung
genommenen Projekte zu untersttzen; angesichts der groen Ausdehnung
der von Sir William Willcox schon seit Jahren bearbeiteten Plne war
das ein sehr weitgehendes Zugestndnis. In der fr die Ausbeutung
der mesopotamischen Petroleumquellen errichteten Gesellschaft
begngte sich die deutsche Gruppe, die immerhin nicht unwesentliche
Rechte einbrachte, mit einer Beteiligung von 25 Prozent, whrend
die englische Gruppe 50 Prozent und die niederlndische Gruppe der
Kniglichen Petroleum-Gesellschaft die restlichen 25 Prozent erhielt.
Gegenber der Smyrna-Aidin-Eisenbahn verzichtete die Anatolische
Eisenbahn-Gesellschaft auf ihr Einspruchsrecht gegen gewisse von jener
Gesellschaft seit langer Zeit begehrte Zweig- und Verbindungslinien,
die von der Anatolischen Eisenbahn bisher als unerwnschte Konkurrenz
mit Erfolg bekmpft worden waren.

Um die Mitte des Jahres 1914 war dieses weitschichtige Vertragswerk,
das alle wesentlichen Berhrungspunkte der deutschen und englischen
Interessen in der asiatischen Trkei regelte und den neben der
Flottenfrage wichtigsten Reibungspunkt zwischen Deutschland und England
aus der Welt schaffte, in allen seinen Einzelheiten festgestellt.
Nachdem bereits im Februar 1914 die Abmachungen zwischen Deutschland
und Frankreich paraphiert worden waren, stand jetzt nur noch die
Einigung zwischen Deutschland und der Trkei aus, die fr das
Inkrafttreten der andern Abmachungen die Voraussetzung war. Auch
diese war in mhevollen Verhandlungen so weit vorgeschritten, da ein
befriedigender Abschlu innerhalb kurzer Zeit erwartet werden konnte.

Ein wichtiges Stck Arbeit an der Befestigung des Weltfriedens stand
unmittelbar vor der Vollendung. Da machte der Ausbruch des Weltkriegs
dieses Werk und alle darauf gesetzten Hoffnungen zunichte.


Die deutsch-englische Verstndigung und die englisch-russische
Marinekonvention

Angesichts des furchtbaren Abschlusses der mit so heiem Bemhen
gefhrten Verstndigungsverhandlungen drngt sich unausweichlich die
Frage auf, ob diese Versuche, dem Weltfrieden durch die Ausschaltung
vermeidbarer Reibungen und durch die Einleitung friedlicher
Zusammenarbeit eine strkere Grundlage zu geben, nicht schlielich
nur Scheinmanver gewesen sind, mit denen der eine Teil den andern
hinhalten und ber seine wahren Absichten tuschen wollte. Die
Folgerung liegt zu nahe, da der Ausbruch des Weltkriegs sich htte
verhindern lassen mssen, wenn der Wille zum Frieden, der doch
schlielich allein den Verhandlungen ber die Ausrumung wichtiger
Reibungspunkte einen Sinn und eine Berechtigung geben konnte, auf
beiden Seiten echt war.

Nach meinen persnlichen Wahrnehmungen kann ich nur bekunden, da auf
der deutschen Seite alle magebenden Stellen und Personen durchdrungen
waren von dem ehrlichsten Willen, durch eine planmige Entlastung
der politischen Beziehungen zwischen den europischen Vlkern die
Kriegsgefahr einzudmmen und die Aussichten der Erhaltung des Friedens
zu verbessern. Und ich glaube hinzufgen zu knnen, die leitenden
politischen Persnlichkeiten waren erfllt von der guten Hoffnung, da
ihr Bestreben von Erfolg gekrnt sein werde. Die Unterhaltung zwischen
dem deutschen Reichskanzler und dem grobritannischen Botschafter in
Berlin am Tage des Eintritts Englands in den Krieg ist dafr ein Beleg.

Weniger klar und durchsichtig ist das Verhalten der Mchte des
dreifachen Einvernehmens, insbesondere Englands.

Halten wir uns an die Tatsachen!

Ich habe weiter oben darauf aufmerksam gemacht, da Sir Edward
Grey whrend der ersten Monate des Balkankriegs sich Deutschland
gegenber in einer geradezu auffallenden Weise freundlich und zu einer
Zusammenarbeit im Interesse der Aufrechterhaltung des Friedens bereit
zeigte, da ihn diese sichtliche Annherung an Deutschland jedoch nicht
hinderte, gerade damals mit dem franzsischen Botschafter in London den
Briefwechsel auszutauschen, der spter in der entscheidenden Stunde von
Sir Edward Grey selbst als moralische Verpflichtung zur Waffenhilfe an
Frankreich anerkannt wurde. Jetzt, whrend die mhevollen Verhandlungen
ber die vorderasiatischen Fragen zum Abschlu gebracht wurden, trat
nicht etwa eine Entspannung des gegen Deutschland gerichteten Systems
ein, vielmehr kam es auch jetzt -- genau wie im November 1912 -- zu
einem strafferen Anziehen der Fden des um Deutschland geschlungenen
Netzes.

Am 21. April 1914 besuchte Knig Georg den Prsidenten Poincar in
Paris. Er war begleitet von dem Staatssekretr des Auswrtigen Sir
Edward Grey. Diese Tatsache unterstrich die politische Bedeutung des
Besuchs um so strker, als Sir Edward bisher das Gebiet der britischen
Inseln berhaupt niemals verlassen hatte. Schon vor dem Eintreffen
des Knigs Georg in Paris hatte der russische Botschafter Iswolski
angeregt, den Besuch des Knigs zu benutzen, um das lose Gefge des
dreifachen Einvernehmens in ein Bndnis nach Analogie des Dreibundes
umzuwandeln. Sein Vorschlag wurde von dem franzsischen Minister des
Auswrtigen, Herrn Doumergue, beifllig aufgenommen. Sir Edward Grey
lehnte zwar den Abschlu eines frmlichen Bndnisses ab; ein solches
bestand ja auch gegenber Frankreich nicht, und den Briefwechsel mit
Paul Cambon ber das Zusammenwirken der beiderseitigen Land- und
Seestreitkrfte hatte Sir Edward vor dem britischen Parlament, dem er
immer versicherte, England habe vllig freie Hand, geheimgehalten.
Aber er zeigte sich geneigt, die bestehenden militrischen Abmachungen
zwischen Frankreich und England durch gleichartige Abmachungen zwischen
England und Ruland zu ergnzen. In Frage kam der Natur der Sache
nach in erster Linie ein Marineabkommen. Sir Edward erlangte hierfr
die Zustimmung des britischen Kabinetts, und es wurde vereinbart, da
die auf dieser Grundlage erforderlichen militrischen Verhandlungen
unmittelbar zwischen der britischen Admiralitt und dem russischen
Marineattach in London stattfinden sollten.

Jeder Zweifel an der Bedeutung dieses engeren Zusammenschlusses der
Triple-Entente wird beseitigt durch die vor kurzem von der russischen
Regierung verffentlichten Berichte des russischen Botschafters in
London, Grafen Benckendorff. Dieser war whrend des Besuchs des
Knigs Georg gleichfalls in Paris anwesend und berichtete von dort
am 21. April 1914 an Herrn Ssasonoff nach Petersburg, er hoffe, die
_Hauptsache_ erreicht zu haben, nmlich _die bisher allzu theoretischen
und friedlichen Grundgedanken der Entente durch etwas Greifbares
zu ersetzen_. Er sei sich zweifelhaft, ob sich eine strkere
Garantie fr eine gemeinsame militrische Operation im Kriegsfalle
finden liee, als der Geist dieser Entente, wie er sich offenbart
hat, verstrkt durch die bestehenden militrischen Vorkehrungen.
Von dem von Sir Edward Grey abgelehnten frmlichen und ffentlichen
Bndnis riet auch Graf Benckendorff ab, da ein solches ein sehr viel
gnstigeres Feld fr eine _Agitation zugunsten Deutschlands_ bieten
wrde.-- Agitation zugunsten Deutschlands -- das war das Bestreben
der englischen Friedensfreunde, zu einem besseren, die Gefahr eines
bewaffneten Konfliktes ausschlieenden Verhltnis zu Deutschland zu
kommen!

Die Tatsache, da gerade in der Zeit, als die deutsch-englische
Verstndigung ber die kolonialen und vorderasiatischen Fragen sich
dem Abschlu nherten, die britische Regierung es fr angezeigt hielt,
das System der Entente durch militrische Abmachungen mit Ruland, die
sich ganz unzweideutig gegen Deutschland richteten, zu verstrken,
zeigt zum mindesten, da die britische Politik nicht gewillt war,
sich durch eine Verstndigung mit Deutschland ber noch so wichtige
Einzelfragen davon abhalten zu lassen, in ihren seit einem Jahrzehnt
betriebenen politischen und militrischen Vorbereitungen fr den
Krieg mit Deutschland in verstrktem Mae fortzufahren. Der Geist,
der in den von Lord Haldane Anfang 1912 eingeleiteten Besprechungen
zum Ausdruck gekommen war, beherrschte nach wie vor die britische
Politik: England wollte die Kampfstellung gegenber Deutschland nicht
aufgeben. Die Verstndigung in Einzelfragen, mochten sie fr sich noch
so bedeutungsvoll sein, mute unter diesen Umstnden ihren eigentlichen
Zweck -- die Schaffung einer Atmosphre des Vertrauens zwischen
den beiden groen Lndern und damit die Schaffung der wichtigsten
Voraussetzung fr die Entspannung der internationalen Lage -- von
vornherein verfehlen. Die Verhandlungen ber die britisch-russische
Marinekonvention, die natrlich der deutschen Regierung und der
ffentlichkeit trotz aller Ableugnungs- und Beschwichtigungsversuche
bekanntgeworden waren, hatten vielmehr das Gegenteil der Wirkung, die
man mit der Verstndigung ber die kolonialen und vorderasiatischen
Fragen erreichen wollte. Warnend hoben die offizisen deutschen
Zeitungen hervor, da durch die britisch-russische Marinekonvention
alle bisher erzielten Fortschritte in der deutsch-englischen Annherung
in Frage gestellt und eine Verschrfung des Mitrauens zwischen den
beiden Lndern herbeigefhrt werden mte.

Diese Wirkung mute um so notwendiger eintreten, als durch den engeren
Zusammenschlu der Triple-Entente die in Ruland und Frankreich
ohnedies im Wachsen begriffenen kriegerischen Strmungen ermuntert und
verstrkt wurden. Fr die russische Kriegspartei war die Entsendung
einer deutschen Militrmission nach Konstantinopel im Herbst 1913
Wasser auf ihre Mhlen. Insbesondere die Neuerung, da dem Fhrer der
Militrmission, dem General Liman von Sanders, das Kommando ber das
Konstantinopeler Armeekorps bertragen werden sollte, whrend die
bisherigen Fhrer der deutschen Militrmissionen in der Trkei, zuletzt
der Generalfeldmarschall von der Goltz, keine Kommandogewalt gehabt
hatten, wurde von den deutschfeindlichen Treibern zur Erregung der
ffentlichen Meinung ausgenutzt. Dem scharfen Protest in Konstantinopel
und Berlin, zu dem sich die russische Regierung veranlat sah, schlo
sich die franzsische und auch die englische Regierung an, obwohl
schon seit einiger Zeit eine britische Marinemission, deren Fhrer
gleichfalls mit Kommandobefugnissen ausgestattet waren, in der Trkei
ttig war. Deutschland gab schlielich, um einem Konflikt mit Ruland
auszuweichen, nach und erklrte sich damit einverstanden, da die
Befugnisse des Generals Liman auf die Generalinspektion der trkischen
Militrschulen beschrnkt wurden. Aber auch diese Nachgiebigkeit
fhrte kein Nachlassen in den Treibereien gegen Deutschland herbei.
Die Sprache der russischen und franzsischen Presse gegen Deutschland
wurde immer maloser. Auf russischer Seite wurde das Anrecht Rulands
auf die asiatische Trkei und das Anrecht des Slawentums auf die
von Slawen bevlkerten Teile der vor dem Zusammenbruch stehenden
sterreichisch-ungarischen Monarchie, auf franzsischer Seite
Frankreichs unverjhrbarer Anspruch auf Elsa-Lothringen mit erneutem
Nachdruck proklamiert. Ganz offen besprach die Presse beider Lnder
die infolge der ihrer Vollendung zugehenden russischen Rstungen immer
besser werdenden Aussichten eines Krieges gegen die Mittelmchte.
Bltter, deren enge Beziehungen zu den offiziellen Kreisen in
Petersburg und Paris weltkundig waren, beteiligten sich an diesem
Feldzug. Der russische Kriegsminister, Herr Ssuchomlinoff, uerte sich
in dem ihm nahestehenden Blatte wiederholt in kaum mehr verhllten
Kriegsdrohungen: Frankreich und Ruland wollen den Krieg nicht, aber
Ruland ist bereit und erwartet, da Frankreich es gleichfalls sein
wird. Und am 24. April 1914, also unmittelbar nach dem Besuch des
Knigs Georg in Paris, berichtete der belgische Gesandte in Berlin,
Baron Beyens, an seine Regierung: Herr Cambon (der franzsische
Botschafter in Berlin) sieht wieder die Hand des Herrn Iswolski in
dieser zwecklosen Kampagne der russischen und franzsischen Zeitungen.
Ich fand, als ich im Mai 1914 zum letztenmal zu geschftlichen
Besprechungen in Paris war, dort unter aufrichtigen Freunden der
Erhaltung des Friedens eine sehr nervse und besorgte Stimmung. Die
Presse und ffentliche Meinung waren in einer durch konkrete Tatsachen
allein nicht zu erklrenden Erregung, die auf die leitenden Kreise
teils bergriff, teils von ihnen gefrdert wurde. Gerade damals
entrstete man sich in Paris, da in einer Theatervorfhrung -- ich
glaube im Berliner Eispalast -- franzsische Fremdenlegionre in
Uniform auf die Bhne gebracht worden waren. Ernsthafte Leute fragten
mich aus diesem Anla, ob denn Deutschland durchaus den Krieg wolle!
Ich lie mir die letzte Ausgabe des Temps geben und zeigte den
Aufgeregten im Theateranzeiger drei oder vier Stcke, in denen deutsche
Offiziere auf Pariser Bhnen Abend fr Abend unter tosendem Beifall
des Publikums in den klglichsten Rollen vorgefhrt und beschimpft
wurden. Der Eindruck, den ich damals von Paris mitnahm, da wir trotz
aller Verstndigungsbemhungen Frankreich und Ruland gegenber weiter
denn je von einer friedlichen Entspannung entfernt seien und da die
Beziehungen der Mittelmchte zum Zweibund keinerlei nennenswerte
Belastung vertragen knnten, wurde auch von andern Beobachtern geteilt.
Wir kennen heute einen Bericht des belgischen Gesandten in Paris, Baron
Guillaume, aus jener Zeit -- er ist vom 8. Mai 1914 datiert--, in dem
es heit:

Unstreitig ist die franzsische Nation in diesen letzten Monaten
chauvinistischer und selbstbewuter geworden. Dieselben berufenen und
sachverstndigen Persnlichkeiten, die vor zwei Jahren sehr lebhafte
Befrchtungen bei der bloen Erwhnung von mglichen Schwierigkeiten
zwischen Frankreich und Deutschland uerten, stimmen jetzt einen
andern Ton an; sie behaupten, des Sieges gewi zu sein, machen viel
Aufhebens von den brigens wirklich vorhandenen Fortschritten, die
die franzsische Armee gemacht hat, und behaupten sicher zu sein, das
deutsche Heer zum mindesten lange genug in Schach halten zu knnen, um
Ruland Zeit zu lassen, mobilzumachen, Truppen zusammenzuziehen und
sich auf seine westlichen Nachbarn zu strzen... Ein erfahrener und
hochgestellter Diplomat sagte neulich: >Wenn sich jetzt pltzlich eines
Tages ein ernster Zwischenfall zwischen Frankreich und Deutschland
ereignet, so werden die Staatsmnner beider Lnder sich bemhen mssen,
ihm innerhalb der nchsten drei Tage eine friedliche Lsung zu geben,
oder es gibt Krieg.<

Es ist ausgeschlossen, da die britische Regierung ber diese
Stimmungen und Strmungen in Frankreich und Ruland nicht unterrichtet
war. Es ist ausgeschlossen, da sich Sir Edward Grey und seine Leute
keine Rechenschaft darber gegeben haben, da die von Iswolski
angeregte engere Knpfung der Triple-Entente in dem Gedanken seines
Urhebers dazu dienen sollte und in ihrer tatschlichen Wirkung dazu
dienen mute, den berhitzten Kessel noch weiter anzuheizen. Man mag
zugunsten der bona fides der britischen Politik unterstellen, da Sir
Edward sich damals auf den Vorschlag Iswolskis nur eingelassen habe,
um den durch die britisch-deutsche Verstndigung ber so wichtige
Einzelfragen beunruhigten Ententegenossen eine Sicherheit ber Englands
loyales Festhalten an der Entente zu geben, da es ihm nur darauf
angekommen sei, fr den Fall des Nichtzustandekommens der Verstndigung
mit Deutschland oder des Nichteintretens der von dieser Verstndigung
erwarteten Entspannung des deutsch-britischen Verhltnisses sich eine
starke Koalition gegen Deutschland zu erhalten -- es wre eine durch
nichts gerechtfertigte Aberkennung jeder politischen Urteilsfhigkeit
der britischen Staatsmnner, wenn man annehmen wollte, diese seien
sich nicht klar darber gewesen, da ihr grundstzliches Eingehen auf
die Iswolskische Anregung und ihr Eintritt in Besprechungen ber die
zwischen England und Ruland abzuschlieende Marinekonvention die
strkste Aufmunterung des kriegerischen Geistes in Frankreich und
Ruland bedeuten mute, da damit die deutsch-englischen Abmachungen,
noch ehe sie zu Ende verhandelt waren, um ihre Frucht gebracht wurden.

Nimmt man zu der damals vor dem Abschlu stehenden britisch-deutschen
Verstndigung die Tatsache hinzu, da Deutschland in dem Ausbau seiner
Flotte ohne vertragsmige Festlegung sich nach dem von Lord Haldane
im Februar 1912 vorgeschlagenen Schlssel gerichtet hatte, so kann
man aus all dem nur den Schlu ziehen, da die britischen Staatsmnner
die diplomatische und militrische Vorbereitung einer kriegerischen
Auseinandersetzung mit Deutschland unter allen Umstnden und ganz
unabhngig von der Bereinigung noch so wichtiger Einzelfragen als
oberstes Ziel ihrer Politik festzuhalten entschlossen waren.

Die Erklrung liegt wohl weniger in dem Willen der britischen
Staatsmnner, die zufllig in jener entscheidenden Epoche der
Weltgeschichte die Geschfte Englands leiteten, als vielmehr in den
alten Traditionen der britischen Politik, durch die England gro
geworden war und durch die es seine Gre zu erhalten suchte. Englands
Politik war stets gegen die politisch und wirtschaftlich strkste
Kontinentalmacht gerichtet; seitdem Deutschland die politisch und
wirtschaftlich strkste Kontinentalmacht geworden war, seitdem England
durch Deutschland mehr als durch ein anderes Land sich in seiner
weltwirtschaftlichen Stellung und in seiner Seegeltung bedroht fhlte,
war der englisch-deutsche Gegensatz unberbrckbar und durch keine
Verstndigung ber irgendwelche Einzelfragen aus der Welt zu schaffen;
es sei denn, da England mit allen seinen berlieferungen gebrochen
und ehrlich darauf verzichtet htte, von seinen Machtmitteln zur
Erhaltung seiner wirtschaftlichen Vorherrschaft Gebrauch zu machen.
Zu einem solchen Bruch mit der treibenden Kraft seiner Geschichte war
England nicht bereit, trotz aller pazifistischen Strmungen, die sich
auch in der britischen ffentlichkeit einstellten. Das Wort Bismarcks
vom Jahre 1897 blieb wahr: das einzige Mittel zur Besserung der
deutsch-englischen Beziehungen sei, da wir unserer wirtschaftlichen
Entwicklung einen Zaum anlegten, und dieses Mittel sei nicht anwendbar.

Die Verstrkung der fr eine kriegerische Auseinandersetzung mit
Deutschland geschmiedeten Koalition durch England in der Zeit des
Abschlusses der deutsch-englischen Verstndigungsverhandlungen -- das
ist der Schlssel zur politischen Weltlage, aus der heraus der groe
Krieg entstanden ist. Der deutschen Politik war es weder gelungen, die
franzsische Revancheidee aus der Welt zu schaffen oder auch nur ihr
neues Aufflammen zu verhindern, noch die durch den panslawistischen
Druck nach Sdosten erzeugte Spannung zwischen Ruland und den
Zentralmchten einzudmmen. Wenn nun England am Ende langwieriger
Verstndigungsverhandlungen mit Deutschland die Aussichtslosigkeit
jeder wirklichen Verstndigung durch eine Verstrkung seines
Ententesystems bekundete und damit den kriegerischen Strmungen bei
seinen Ententegenossen eine neue Ermutigung gab, so war damit in der
Sache das Urteil ber Krieg und Frieden gesprochen. Jeder Anla, in
dem es einer der Ententegenossen auf den Krieg ankommen lassen wollte,
mute bei dieser Lage der Dinge zum Weltkrieg fhren.




Der Ausbruch des Weltkrieges


Am letzten Junisonntag 1914, dem Jahrestag der Schlacht auf dem
Amselfelde, die den Serben als hchste nationale Erinnerung gilt, wurde
zu Serajewo der Erzherzog Franz Ferdinand, der Erbe der Kronen von
sterreich und Ungarn, von bosnischen Verschwrern serbischer Herkunft
ermordet. Die Fden der Verschwrung wiesen nach Belgrad, und schon die
erste Untersuchung ergab die Mitwisserschaft und Mitwirkung serbischer
Offiziere und Beamten.

Als ich am Abend des 28. Juni die Nachricht von der Mordtat erhielt,
war ich mir sofort darber klar, da dieses Ereignis die unmittelbare
Bedrohung des Weltfriedens bedeute. Die gegen den Bestand der
Monarchie gerichtete, von den amtlichen Belgrader Kreisen in einer
kaum verhllten Weise untersttzte groserbische Agitation war in
Wien seit langem Gegenstand wachsender Beunruhigung. Ich wute
aus dem persnlichen Verkehr mit einflureichen und magebenden
Persnlichkeiten der Donaumonarchie, wie ernst man dort die
groserbische Bewegung nahm und wie sehr man davon durchdrungen war,
da die serbische Regierung -- trotz einer von ihr im Mrz 1909 aus
Anla der Beilegung der bosnischen Krisis abgegebenen feierlichen
Loyalittserklrung -- hinter der groserbischen Propaganda des
Wortes und der Tat als treibende Kraft stehe. Ich wute, wie schwer
es gewesen war, bei frheren Gelegenheiten sterreich-Ungarn davon
abzuhalten, sich durch einen entscheidenden Streich gegen das
Nest der groserbischen Zettelungen endlich strkere Garantien zu
verschaffen als niemals eingehaltene Versprechungen. Die Ermordung
des Erzherzog-Thronfolgers und seiner Gemahlin war nach allem, was
vorausgegangen war, eine Herausforderung, die kaum mehr irgendeine
Hoffnung auf einen gtlichen Ausgleich lassen konnte.

Das Verhalten Serbiens unmittelbar nach der Tat war geeignet, die
schlimmsten Befrchtungen zu besttigen. Die serbische Presse hielt es
nicht fr der Mhe wert, die Freude und den Jubel ber das Attentat zu
unterdrcken; auch Bltter, die der Regierung nahestanden, bezeichneten
als Ursache der Mordtat die inneren Verhltnisse sterreich-Ungarns.
Der nahe Zerfall der Monarchie und der Serbien zufallende Anteil des
Nachlasses wurden lauter denn je besprochen. Die serbische Regierung
selbst tat, whrend das Fortschreiten der Untersuchung immer neue
Beweise fr den serbischen Ursprung des Verbrechens ergab, von sich
aus keinen Schritt zur Aufklrung des Sachverhalts, sondern spielte in
herausfordernder Weise den gnzlich Unbeteiligten.

Wer dagegen die Sprache der sterreichisch-ungarischen Bltter
verfolgte, konnte nicht zweifeln, da die Wiener Regierung entschlossen
war, auf ausreichende Shne fr die Ermordung des Thronfolgerpaares
und auf starke Sicherheiten gegen die Fortsetzung der groserbischen
Treibereien auf jede Konsequenz hin zu bestehen.

Es war mir damals schon ein Rtsel und wird mir immer ein Rtsel
bleiben, wie leicht die ffentliche Meinung bei uns in Deutschland --
und nicht nur die ffentliche Meinung, sondern auch Persnlichkeiten
in Stellungen, die ihnen ein zutreffendes Urteil ermglichen muten
-- damals die Lage nahmen. Die bosnische Krisis von 1908/09, die
Marokkokrisis von 1911, die Krisis des Balkankriegs von 1912/13 hatten
unsere ffentliche Meinung nicht etwa aufgerttelt und aufmerksam
gemacht; ihre schlielich immer wieder friedliche Beilegung hatte im
Gegenteil abstumpfend und einschlfernd gewirkt. Die berzeugung Es
kommt ja doch nicht zum Krieg war bei uns in den weitesten Kreisen
geradezu ein Dogma geworden, nicht zum wenigsten deshalb, weil wir von
der eigenen friedfertigen Gesinnung bis ins Innerste durchdrungen waren.

Der Deutsche Kaiser erhielt die Nachricht von dem Attentat in Kiel,
whrend er an einer Regatta teilnahm. Die Regatta wurde sofort
abgebrochen, und der Kaiser reiste alsbald nach Berlin. Damit fand auch
der Besuch eines britischen Geschwaders in Kiel ein vorzeitiges Ende.

Die Stellungnahme der deutschen Regierung zu den Ereignissen war durch
die bisherige Politik vorgezeichnet. Wir hatten uns auf die Gefahr,
in einen Krieg hineingezogen zu werden, in der bosnischen Krisis und
whrend des Balkankriegs aus Anla der sdslawischen Bedrohung fr
alle Welt sichtbar auf die Seite der Donaumonarchie gestellt und
wohl gerade durch diese unsere unzweideutige Haltung am meisten zur
Vermeidung des Krieges beigetragen. Niemand konnte erwarten, da
dieses Mal unsere Haltung eine andere sein wrde. Wohl war gerade in
den vorausgegangenen Monaten von Ruland her auf privatem Wege die
Andeutung gemacht worden: Si vous pouviez vous dcider  lcher les
Autrichiens, nous pourrions lcher la France;-- aber, ganz abgesehen
von der Ungeheuerlichkeit des uns damit angesonnenen Treubruchs:
die berzeugung von der Lebenswichtigkeit des Bndnisses mit der
Donaumonarchie und von der Notwendigkeit der Erhaltung eines starken
sterreich-Ungarn war bei uns in den magebenden Kreisen wie in dem
gesamten Volksbewutsein so unbedingt fest, da es ein Schwanken ber
den jetzt einzuschlagenden Weg berhaupt nicht gab. Die Antwort, die
sterreich-Ungarn auf seine Anfrage von Deutschland erhielt, ergibt
sich aus folgenden Worten des spter von der deutschen Regierung ber
den Kriegsausbruch verffentlichten Weibuchs: Aus vollem Herzen
konnten wir unserm Bundesgenossen unser Einverstndnis mit seiner
Einschtzung der Sachlage geben und ihm versichern, da eine Aktion,
die er fr notwendig hielte, um der gegen den Bestand der Monarchie
gerichteten Bewegung in Serbien ein Ende zu machen, unsere Billigung
finden wrde.

Aus dieser Haltung hat die deutsche Regierung niemandem gegenber ein
Hehl gemacht, weder gegenber der eigenen ffentlichkeit, noch auch
gegenber den an der weiteren Entwicklung der Dinge interessierten
fremden Regierungen. Ich habe in jener Zeit aus Unterhaltungen
mit meinen Freunden im Auswrtigen Amt den bestimmtesten Eindruck
gewonnen, da man dort fest davon berzeugt war, in Fortsetzung der
bisherigen Politik durch die offene Gewhrung voller Rckendeckung an
sterreich-Ungarn die erstrebte Lokalisierung des drohenden Konfliktes
zwischen der Donaumonarchie und Serbien am sichersten erreichen zu
knnen.

Auf der andern Seite wollte man jede berflssige Beunruhigung
vermeiden. Man sagte sich wohl, da in solchen Zeiten kritischer
Hochspannung Beunruhigung und Mitrauen sich wechselseitig steigern
und schlielich zu positiven Manahmen fhren knnen, die gerade jene
Entwicklung, die man zu vermeiden wnscht, unvermeidlich machen.

Aus solchen Erwgungen heraus erklrt es sich, da der Kaiser trotz der
noch gnzlich ungeklrten Lage am 6. Juli die Nordlandsreise antrat.
Man frchtete, da ein Aufgeben der jhrlichen Nordlandsreise, fr die
alle Dispositionen von langer Hand getroffen und bekannt waren, ein
Aufsehen erregt haben wrde, das die friedliche Entwirrung der Lage
htte erschweren mssen; man nahm ferner an, da die von der Wiener
Regierung eingeleitete Untersuchung der mit dem Attentat von Serajewo
zusammenhngenden Vorgnge, auf deren Ergebnis sterreich-Ungarn
seine Forderungen an Serbien aufzubauen gedachte, und ebenso die
Vorbereitungen, die sterreich-Ungarn treffen mute, um seinen
Forderungen Nachdruck zu geben, einige Zeit erfordern wrden; und
schlielich rechnete man bei uns mit einer Zuversicht, die ich nach
meiner Einschtzung der fr die weitere Entwicklung bestimmenden
Faktoren nicht ganz zu teilen vermochte, mit einem guten Ausgang, wie
er durch unser klares und festes Eintreten fr den Bundesgenossen in
den frheren hnlichen Lagen herbeigefhrt worden war.

Meine eigne, weniger zuversichtliche Auffassung der Dinge erfuhr
in der weiteren Entwicklung durch allerlei Anzeichen, die in der
ffentlichkeit merkwrdig wenig Beachtung fanden, immer mehr ihre
Besttigung. Das groe Publikum verharrte noch in einer fr mich
von Tag zu Tag unbegreiflicheren Sorglosigkeit, als unsere offizis
bediente Presse bereits deutliche Warnungssignale gab, als z.B.
die Norddeutsche Allgemeine Zeitung am 19. Juli in einem sehr
ernsten Artikel ber Deutschlands Haltung ausfhrte, nur durch ein
rechtzeitiges Einlenken Serbiens knne eine Krisis vermieden werden,
deren Lokalisierung im Interesse der europischen Solidaritt
erwnscht und geboten sei.

In meinem Wirkungsbereich, in der Direktion der Deutschen Bank, habe
ich schon von den ersten Tagen des Juli an aus meiner Auffassung der
Lage die Folgerungen gezogen. Ich habe auf Zurckhaltung im Eingehen
neuer Verpflichtungen und auf eine tunlichste Strkung der flssigen
Mittel der Bank hingewirkt.

Am 23. Juli berreichte der sterreichisch-ungarische Gesandte in
Belgrad der serbischen Regierung die Forderungen seiner Regierung mit
einer ausfhrlichen Begrndung. Zur Beantwortung wurde Serbien eine
Frist von achtundvierzig Stunden gelassen.

Das Ultimatum, in Form und Inhalt berraschend schroff, zerri fr
die ganze Welt mit einem Schlag alle Nebel, die bisher den Ernst
der Lage noch verhllt hatten. Jetzt war es fr jedermann klar, da
sterreich-Ungarn fest entschlossen war, auf jede Eventualitt hin
Serbien gegenber durchzugreifen, und da der Friede Europas davon
abhnge, ob Ruland, das Serbiens Treiben bisher so offensichtlich
ermutigt hatte, beiseitestehen werde oder nicht. Mit einemmal stand
Europa im Zeichen der unmittelbaren Kriegsgefahr.

Es ist spter die Frage aufgeworfen und lebhaft errtert worden,
welche Rolle die deutsche Regierung und der Deutsche Kaiser bei jenen
Vorgngen gespielt haben.

Die deutsche Regierung hat alsbald nach der Bekanntgabe des
sterreichisch-ungarischen Ultimatums an Serbien -- bei aller
Betonung ihrer Bundestreue gegenber der Donaumonarchie und ihres
Wunsches, den Konflikt zu lokalisieren -- Wert darauf gelegt,
gegenber der eigenen ffentlichkeit und gegenber den Regierungen
der Gromchte festzustellen, da sie an der Abfassung des Ultimatums
nicht beteiligt gewesen sei und von seinen Einzelheiten vorher keine
Kenntnis gehabt habe. Das bedeutet, da die deutsche Billigung der
von sterreich-Ungarn fr notwendig gehaltenen Aktion, zu der sich
die Reichsregierung in ihrem Weibuch ausdrcklich bekennt, nur die
grundstzliche Bereitschaft enthielt, sich hinter sterreich-Ungarn
bei seiner Abwehr der gegen den Bestand der Monarchie gerichteten
groserbischen Bewegung zu stellen; da aber eine Vereinbarung ber die
Einzelheiten des von sterreich-Ungarn zu verfolgenden Aktionsprogramms
nicht stattgefunden hat.

Im Gegensatz zu dieser Bekundung der deutschen Regierung ist von
feindlicher Seite, in der Absicht, Deutschland als den Urheber des
Krieges hinzustellen, und spter auch von gewissen deutschen Seiten
die Behauptung aufgestellt worden, die deutsche Regierung habe von
Anfang an bei der Abfassung des Ultimatums mitgewirkt und trage die
eigentliche Verantwortung fr dessen eine friedliche Lsung kaum
mehr gestattende Schroffheit. Das Ultimatum wurde in Zusammenhang
gebracht mit einem Kronrat, der unter Vorsitz des Deutschen Kaisers
und unter Beteiligung sterreichisch-ungarischer hoher Militrs --
genannt wurden der Erzherzog Friedrich und der Feldmarschall Conrad
von Htzendorff -- am 5. Juli 1914 in Potsdam stattgefunden und die
Rollen in dem zum Kriege fhrenden Spiel verteilt haben soll. Auch
die bekannte Denkschrift des Frsten Lichnowsky nimmt auf diesen
angeblichen Kronrat Bezug; desgleichen eine spter von den Unabhngigen
Sozialdemokraten verbreitete und auch im Hauptausschu des Reichstags
zur Sprache gekommene Aufzeichnung des Herrn Dr.Mhlon, der zu jener
Zeit stellvertretender Direktor bei Krupp war und der sich fr seine
Darstellung auf uerungen bezieht, die ich ihm gegenber damals in
einer vertraulichen Unterhaltung geschftlichen Charakters gemacht
haben soll. Auch ein Bericht des bayrischen Legationsrates Dr.von
Schn, den der sozialistische bayrische Ministerprsident Eisner im
November 1918 verffentlicht hat, ist benutzt worden, um den Kaiser und
die deutsche Regierung als Anstifter des sterreichisch-ungarischen
Ultimatums hinzustellen und die Bekundung, da die deutsche Regierung
an der Abfassung des Ultimatums nicht beteiligt gewesen sei und von
seinen Einzelheiten vorher keine Kenntnis gehabt habe, Lgen zu strafen.

Mir ist ber den tatschlichen Hergang folgendes bekannt:

Nach dem Attentat von Serajewo hat die deutsche Regierung
sich rckhaltlos auf den von der sterreichisch-ungarischen
Regierung vertretenen Standpunkt gestellt, da der Bestand der
Donaumonarchie durch die groserbische Bewegung bedroht und die
sterreichisch-ungarische Regierung berechtigt sei, wirksame Manahmen
gegen diese Bedrohung zu ergreifen. Die deutsche Regierung hat
ferner, an dem ersten Grundsatze der Reichspolitik festhaltend,
die Erhaltung sterreich-Ungarns als ein eigenes Lebensinteresse
angesehen und deshalb auch jetzt wieder der Wiener Regierung die
Zusicherung gegeben, da Deutschland sterreich-Ungarn bei der Wahrung
seiner Lebensinteressen zur Seite stehen werde. Der Kaiser hat diese
Stellungnahme in den Besprechungen, die zwischen dem Attentat und
dem Antritt der Nordlandsreise stattfanden, gutgeheien. Man war
sich klar darber, da diese Haltung das Deutsche Reich in einen
sterreichisch-russischen Konflikt hineinziehen und damit den Weltkrieg
heraufbeschwren knne. Aber wie in den Jahren 1908/09 und 1912/13
hoffte man, der Gefahr eines sterreichisch-russischen Konflikts
durch eine klare und entschiedene Stellungnahme am besten vorbeugen
zu knnen. Das alles konnte damals jedermann hren, der sich im
Auswrtigen Amt ber den Stand der Dinge unterrichten wollte.

Die Legende von dem Potsdamer Kronrat ist schon im Juli 1914 in Berlin
in Umlauf gebracht worden, wie es scheint, durch Erzhlungen des
Oberkellners eines bekannten Berliner Cafs, der seine Wissenschaft aus
einem von ihm bruchstckweise mitangehrten Gesprch hochgestellter
Gste bezogen haben wollte. Die Legende ist offenbar daraus entstanden,
da am 5. Juli der sterreichisch-ungarische Botschafter Graf
Szgieny dem Deutschen Kaiser ein Handschreiben des Kaisers Franz
Joseph berreichte. In diesem Schreiben und einer ihm beigefgten
Denkschrift des Wiener Auswrtigen Ministeriums wurden die Gefahren
der Lage hervorgehoben und die Aufnahme Bulgariens an Stelle des
wankenden Rumnien in den Bund der Mittelmchte angeregt. In der vom
Auswrtigen Amt entworfenen Antwort wurde der Heranziehung Bulgariens
unter gewissen Vorbehalten zugestimmt; es wurden ferner Bemhungen
in Aussicht gestellt, um Rumnien beim Bndnis zu erhalten; zu dem
Konflikt mit Serbien wurde eine Stellungnahme abgelehnt, es wurde aber
betont, da Deutschland gem dem Bndnis und der alten Freundschaft
treu zu sterreich-Ungarn stehen wrde[6].

Ich habe spter festzustellen Gelegenheit gehabt, da weder der
Erzherzog Friedrich noch der Feldmarschall Conrad von Htzendorff
damals in Berlin geweilt, geschweige denn an einem Kronrat in Potsdam
teilgenommen haben; da der Kaiser an jenen Tagen berhaupt keine
sterreichisch-ungarischen Militrpersonen empfangen hat; da auch
ein Kronrat oder eine kronrathnliche Veranstaltung in ausschlielich
deutschen Kreisen damals nicht stattgefunden hat, vielmehr der Kaiser
sich vor dem Antritt der Nordlandsreise auf die Entgegennahme von
Einzelvortrgen, darunter auch des Vortrages des Reichskanzlers ber
die politische Lage und ber die Unzweckmigkeit einer Aufgabe der
Nordlandsreise, beschrnkt hat.

Auch abgesehen von jenem nicht stattgefundenen Kronrat sind nhere
_Vereinbarungen_ mit der Wiener Regierung ber die von dieser
zu unternehmende Aktion, wie mir spterhin von den beteiligten
Staatsmnnern auf das bestimmteste erklrt worden ist, nicht getroffen
worden. Was die Wiener Regierung ber ihre Absichten mitteilte,
hat sich auf allgemeine Richtlinien beschrnkt: Untersuchung gegen
die der Beteiligung an dem Attentat Verdchtigen unter Mitwirkung
sterreichisch-ungarischer Organe; Bestrafung der Schuldigen;
Sicherheiten fr die Zukunft, insbesondere Unterdrckung der gegen
den Bestand der sterreichisch-ungarischen Monarchie gerichteten
Propaganda. Fr die Ausgestaltung dieser Forderungen im einzelnen
und fr die Form, in der sie an Serbien gestellt werden sollten,
hat weder Wien die Berliner Zustimmung erbeten, noch Berlin
sterreichische Mitteilungen verlangt. Man hat ein solches Vorgehen
angesichts des fr das Deutsche Reich ungeheuren Einsatzes als
unbegreiflich bezeichnet; es scheint mir jedoch, da bei einer
solchen Kritik nicht gengend gewrdigt wird, da die deutsche
Regierung, indem sie von einer Vereinbarung der Einzelheiten und
der Form des sterreichisch-ungarischen Vorgehens absah, nicht etwa
der Wiener Regierung eine Blankovollmacht ausstellte, sondern im
Gegenteil eine Festlegung der deutschen Politik auf die Einzelheiten
der sterreichisch-ungarischen Aktion vermied und sich damit freie
Hand vorbehielt fr die Beurteilung dessen, was bei der weiteren
Entwicklung der Dinge als notwendig fr die Erhaltung des Bestandes
der sterreichisch-ungarischen Monarchie anzusehen und von Deutschland
mitzuvertreten sei. Ich erinnere an die Lage im November 1912, in
der der Deutsche Kaiser in seinem oben angefhrten Telegramm an
den Reichskanzler sich zwar nach wie vor bereit erklrte, fr das
sterreichisch-ungarische Lebensinteresse zu marschieren, nicht aber um
einer Laune des Verbndeten willen einen Weltkrieg heraufzubeschwren.
Und auch in der Krisis von 1914 hat, wie wir noch sehen werden, die
freie Hand, die sich die deutsche Regierung durch die Vermeidung des
Festlegens der Einzelheiten der sterreichisch-ungarischen Aktion
gewahrt hat, dem Kaiser und dem Reichskanzler Gelegenheit gegeben, bei
sterreich-Ungarn ein Einlenken in Sachen des Ultimatums durchzusetzen,
ein Erfolg, der allerdings in seiner Wirkung durch den entschlossenen
Kriegswillen der russischen Kriegspartei vereitelt worden ist.

Noch bis zum Tag der berreichung des Ultimatums in Belgrad waren meine
Freunde im Berliner Auswrtigen Amt im ungewissen, wie das Ultimatum
ausfallen werde. Als sein Text unmittelbar vor der bergabe in Belgrad
in Berlin eintraf, war man im Auswrtigen Amt von seiner Schrfe
sichtlich berrascht.

Der Kaiser hat mir spterhin, lngst ehe die Frage seiner angeblichen
Schuld am Kriege in Deutschland eine Rolle spielte, wiederholt von den
damaligen Vorgngen erzhlt. Er habe sich, um nicht durch unntige
Beunruhigung die Lage zu erschweren, auf den Rat des Kanzlers und des
Auswrtigen Amtes entschlossen, die Nordlandsreise anzutreten. Das
Auswrtige Amt habe ihm ber den weiteren Verlauf der Dinge sprliche
und durchaus zuversichtliche Berichte geschickt, auf Grund deren er die
Hoffnung gehegt habe, da sich alles friedlich erledigen werde. Der
Wortlaut des sterreichisch-ungarischen Ultimatums habe ihn aus dieser
Hoffnung herausgerissen. Er habe, alsbald nachdem er Kenntnis von
dem Wortlaut erhalten habe, ohne weitere Nachrichten des Auswrtigen
Amts abzuwarten, die sofortige Rckkehr nach der Heimat befohlen. In
Berlin eingetroffen, fgte er hinzu, habe ich mich sofort an die
Telegraphenstrippe gehngt und beim Zaren, beim Knig von England und
beim Kaiser Franz Joseph alles versucht, um das Verhngnis aufzuhalten.
Das wre mir auch gelungen, wenn nicht der unselige Zar sich die
Mobilmachungsorder htte abpressen lassen.

Ich habe aus meinen eignen Wahrnehmungen in der kritischen Zeit
den Eindruck gewonnen, da den leitenden Kreisen in Deutschland
nichts ferner lag, als einen Krieg herbeifhren zu wollen. Wenn der
deutschen Politik in jener Zeit ein Vorwurf zu machen ist, so ist es
vielmehr der, da sie die Gefahr des Krieges nicht ernst genug ins
Auge fate, sondern zu sehr von der friedlichen Lsung des Konfliktes
berzeugt war, und da deshalb weder militrisch, noch diplomatisch,
noch wirtschaftlich die in Hinblick auf die Mglichkeit des Kriegs
erforderlichen Vorbereitungen getroffen worden sind.

In militrischer Beziehung liegt mir hierfr ein merkwrdiges Dokument
vor. In einer Sitzung des Hauptausschusses des Reichstages im Jahre
1917 hatte der Unabhngige Sozialdemokrat Dr.Cohn-Nordhausen die
Behauptung aufgestellt, im Anschlu an den angeblichen Kronrat vom 5.
Juli 1914 seien alsbald militrische Vorkehrungen getroffen, u.a.
die sofortige kriegsmige Verproviantierung der elsa-lothringischen
Festungen angeordnet worden. Das gab mir Veranlassung, das
Kriegsministerium um Feststellung des Tatbestandes zu bitten. Es
stellte sich heraus, da in der Tat wenige Tage nach dem 5. Juli
1914 ein Erla ber die Verproviantierung der elsssischen Festungen
hinausgegangen war. Dieser Erla lautete wie folgt:

  Armee-Verwaltungs-Departement
        237/14 geh. B 2.                        Berlin, 9. Juli 1914.
          _Geheim!_
      Zu Nr. 476/14. M. II.
  Versorgungsfrist fr die Festungen
      Straburg und Neubreisach.

Dem Antrage auf Hinausschiebung des krzesten Verproviantierungstermins
fr die Festung Straburg vom 12. auf den 20. und fr die Festung
Neubreisach vom 8. auf den 15. Mobilmachungstag wird unter den dargelegten
Umstnden, jedoch nur notgedrungen, vorlufig zugestimmt. Auf Verkrzung
dieser Fristen ist daher unausgesetzt und mit allen zu Gebote stehenden
Mitteln hinzuwirken. Zum 1. April 1915 ist zu berichten, ob und unter
welchen inzwischen eingetretenen Umstnden eine Verkrzung der Fristen
zulssig ist.

                                                  I. V.
                                             (Unterschrift.)

  An die Knigl. Intendantur
     des XV. Armeekorps.

Das Armee-Verwaltungs-Departement des Preuischen Kriegsministeriums
hat also noch elf Tage nach dem Attentat von Serajewo und vier Tage
nach dem angeblichen Kronrat, der den Krieg beschlossen haben soll, die
Verproviantierungsfristen der elsssischen Festungen, vorlufig und
auf Widerruf um eine Woche verlngert! Ein strkerer Beweis dafr ist
kaum mglich, da unsern leitenden Kreisen der Gedanke, einen Krieg
heraufzubeschwren, gnzlich fernlag, ja da sie im Vertrauen auf die
Erhaltung des Friedens Manahmen guthieen, die das Gegenteil der an
sich durch die Lage gebotenen Vorbereitungen fr die Mglichkeit des
Krieges waren.

Auf diplomatischem Gebiet mu es jedem tiefer in die Dinge eintretenden
Beobachter auffallen, da bei unserm italienischen Verbndeten vor der
berreichung des Ultimatums in Belgrad offenbar keinerlei Versuche
gemacht worden sind, ihn auf eine Mitwirkung oder wenigstens eine
wohlwollende Neutralitt durch bindende Abmachungen festzulegen.
Wenigstens ergibt sich aus den italienischen Verffentlichungen zur
Vorgeschichte des Kriegs dafr nicht nur kein positiver Anhalt;
vielmehr lt sich aus der Beschwerde darber, da Italien von den
sterreichisch-ungarischen Absichten entgegen frheren Zusagen nicht
rechtzeitig unterrichtet worden sei, nur der Schlu ziehen, da die
beiden Mittelmchte in der Tat an Italien nicht herangetreten sind.
Bei den bekannten Empfindlichkeiten und Aspirationen Italiens wre,
falls die Mittelmchte einen Krieg htten heraufbeschwren wollen
oder falls sie auch nur ernstlich die Mglichkeit des Krieges aus der
serbischen Veranlassung heraus ins Auge gefat htten, der Versuch der
grundstzlichen Verstndigung mit Italien ber das geplante Vorgehen
eine elementare Notwendigkeit gewesen. An Kompensationsobjekten fehlte
es nicht; man braucht nur an die albanische Frage zu denken. Und der
Vorteil eines von vornherein sich klar und unzweideutig auf die Seite
der Mittelmchte stellenden Italien wre, wenn man den Kriegsfall
ernstlich ins Auge fate oder gar den Kriegsfall herbeifhren
wollte, eine Kompensation wert gewesen. Es scheint mir hier in der
diplomatischen Vorbereitung des Krieges eine Unterlassung vorzuliegen,
die nur erklrlich ist aus dem festen Vertrauen der deutschen
Staatsmnner in die Erhaltung des Friedens.

Auch wirtschaftlich ist in jener Zeit nichts geschehen, was nach
Vorbereitung fr einen Krieg ausgesehen htte. Man hat nichts getan, um
unsere Bestnde an Nahrungsmitteln und kriegsnotwendigen Rohstoffen,
wie Stickstoff, Wolle und Baumwolle, Kupfer, Nickel, Kautschuk usw.
aufzufllen; man hat keinen Finger gerhrt, um auch nur die Einfuhr der
in Antwerpen und Rotterdam mit Bestimmung fr Deutschland lagernden
Waren einigermaen zu beschleunigen. Man hat im Gegenteil geduldet,
da noch kurz vor Kriegsausbruch Nahrungsmittel und kriegswichtige
Stoffe unsern Gegnern zugefhrt worden sind, insbesondere da noch im
Monat Juli groe Quantitten von Brotgetreide aus dem Reichsgebiet nach
Frankreich ausgefhrt wurden.

Ist ein solches Verhalten denkbar bei einer Regierung, die einen Krieg
herbeifhren will? -- Die Frage beantwortet sich von selbst. Nur die
felsenfeste berzeugung, da es gelingen werde, den Frieden zu erhalten
-- eine berzeugung, die jede Absicht, auf den Krieg loszusteuern,
unbedingt ausschliet--, lt das Unterlassen aller militrischen,
diplomatischen und wirtschaftlichen Kriegsvorbereitungen berhaupt
erklrlich erscheinen.--

Die Aufnahme, die das sterreichisch-ungarische Ultimatum an Serbien
bei Ruland fand, mute sofort erkennen lassen, da die Hoffnung auf
Erhaltung des Friedens an einem schwachen Faden hing. Die Lokalisierung
des sterreichisch-serbischen Konflikts war die Voraussetzung aller
Friedenshoffnungen. Die russische Regierung lie jedoch bereits
am Tage nach der berreichung des Ultimatums, am 24. Juli 1914,
bekanntgeben, da der sterreichisch-serbische Konflikt Ruland nicht
indifferent lassen knne. Durch sptere Verffentlichungen[7] wissen
wir, da an demselben 24. Juli der russische Minister des Auswrtigen
dem serbischen Gesandten in Petersburg erklrte, da Ruland in
keinem Fall aggressive Handlungen sterreich-Ungarns gegen Serbien
zulassen werde. Das war eine Ermunterung Serbiens zum Widerstand
gegen die sterreichisch-ungarischen Forderungen, die ihre Wirkung
nicht verfehlte. Gedeckt durch Ruland gab Serbien auf das Ultimatum
am 25. Juli eine Antwort, die bei scheinbar weitem Entgegenkommen
in wesentlichen Punkten die sterreichisch-ungarischen Forderungen
umging oder ablehnte. Der sterreichisch-ungarische Gesandte
forderte daraufhin alsbald seine Psse und verlie Belgrad. Schon
vor der bergabe ihrer Antwortnote hatte die serbische Regierung die
Mobilmachung verfgt.

Damit war der bewaffnete Zusammensto zwischen sterreich-Ungarn
und Serbien so gut wie unabwendbar geworden, der Konflikt zwischen
sterreich-Ungarn und Ruland war vor aller Welt erklrt.

Es kann hier nicht meine Aufgabe sein, alle die Phasen darzustellen,
die der russisch-sterreichische Konflikt in den acht Tagen bis
zum Kriegsausbruch durchlaufen hat. Die Vorgnge sind von den
verschiedensten Seiten eingehend geschildert worden, auch von mir
in meiner Arbeit ber Die Entstehung des Weltkriegs im Lichte der
Verffentlichungen der Dreiverbandsmchte. An dieser Stelle steht im
Vordergrund, was ich aus persnlichen Wahrnehmungen zur Besttigung und
Aufhellung der Vorgnge beitragen kann.

Es fgte sich, da ich Gelegenheit hatte, am Abend des 26. Juli,
also am Abend nach der berreichung der von sterreich-Ungarn
als Ablehnung behandelten serbischen Antwortnote, mich mit einer
russischen Persnlichkeit, die enge Beziehungen zu den magebenden
Regierungskreisen hatte, ber die politische Lage eingehend unterhalten
zu knnen.

Der frher bereits erwhnte Prsident des Direktoriums der Russischen
Bank fr auswrtigen Handel, Herr Davydoff, teilte telegraphisch mit,
da er am Sonntag, 26. Juli, abends 11 Uhr, fr ganz kurzen Aufenthalt
in Berlin eintreffen werde und groen Wert darauf lege, meinen Kollegen
Mankiewitz, zu dessen Geschftskreis in der Direktion der Deutschen
Bank die russischen Geschfte gehrten, und mich mglichst bald nach
seiner Ankunft zu sprechen. Herr Mankiewitz und ich suchten Herrn
Davydoff alsbald nach seiner Ankunft im Hotel Adlon auf. Die Fenster
seines Salons gingen nach den Linden. Von der Strae herauf brauste das
Gewoge der Volksmenge, die sich, wie schon am Abend vorher, in groer
Erregung und vaterlndische Lieder singend durch die Hauptstraen der
inneren Stadt bewegte.

Herr Davydoff empfing uns sichtlich beeindruckt durch die Kundgebungen,
deren Zeuge er auf der Fahrt vom Bahnhof nach dem Hotel gewesen
war. Schon aus seinen ersten Worten ergab sich, da er nicht in
geschftlichen Angelegenheiten nach Berlin gereist war, sondern zu
Zwecken der politischen Orientierung, und zwar mit Wissen und im
Auftrag magebender russischer Kreise.

Er berief sich auf seine langjhrigen Bemhungen um die Herstellung
eines guten Verhltnisses zwischen Deutschland und Ruland und bekannte
seine groen Besorgnisse wegen der Weiterentwicklung der serbischen
Angelegenheit. Die grte Gefahr liege darin, da in Petersburg nahezu
an allen Stellen die berzeugung bestehe, da die deutsche Regierung
sterreich-Ungarn zu seinem Vorgehen gegen Serbien aufgestachelt habe
und der eigentliche Verfasser des Ultimatums sei; da die Aktion
gegen Serbien nur ein Glied in der Kette unfreundlicher Handlungen
Deutschlands gegen Ruland bedeute, und da, wenn Ruland sich jetzt
fge, in kurzer Zeit neue Demtigungen folgen wrden. Diese gefhrliche
Auffassung werde mit Nachdruck und Erfolg von Iswolski vertreten,
der mit ihm von Petersburg hierher gereist sei und direkt nach Paris
weiterfahre. Er fgte hinzu, da er von dem Wiedereintreffen Iswolskis
in Paris Schlimmes befrchte.

Ich trat der Auffassung, als ob Deutschland Rulands Demtigung
suche, mit Entschiedenheit entgegen. Davydoff, der sich selbst
mit dieser Auffassung nicht identifizierte, konnte an Fllen, in
denen Deutschland die russischen Wege gekreuzt habe, auer unserem
Eintreten fr unsern sterreichisch-ungarischen Bundesgenossen in
den verschiedenen serbischen Konfliktsfllen nur die Angelegenheit
der deutschen Militrmission fr Konstantinopel nennen, in der doch
Deutschland sich schlielich dem bei uns als unberechtigt empfundenen
russischen Einspruch gefgt hatte. Auch der Auffassung, als ob die
deutsche Regierung sterreich-Ungarn vorgeschoben htte und der
eigentliche Verantwortliche fr das Belgrader Ultimatum sei, konnte
ich nach meiner eigenen Kenntnis der Vorgnge widersprechen und
dabei auf die von den deutschen Botschaftern bei den verschiedenen
Regierungen abgegebenen Erklrungen, die Davydoff noch nicht kannte,
hinweisen. Davydoff erwartete eine gute Wirkung davon, wenn er die
offiziellen Erklrungen durch Berufung auf Mitteilungen von seiner
Regierung bekannten Privatpersonen bekrftigen knne. Ich erklrte
mich gern damit einverstanden, da er meine uerung in diesem Sinne
verwerte. Ich bat ihn jedoch, zur Vermeidung einer jeden Zweideutigkeit
hinzuzufgen, da man in Deutschland, wenn unsre Regierung auch an
dem sterreichisch-ungarischen Ultimatum nicht mitgewirkt habe,
unverrckbar auf dem Standpunkt stehe, da sterreich-Ungarn in seinem
Rechte sei und da niemand sterreich-Ungarn hindern drfe, sein
Verhltnis zu Serbien nach seinen Lebensinteressen zu ordnen.

Im weiteren Verlauf der Unterhaltung suchte Davydoff meine Ansicht
darber zu erfahren, ob sterreich-Ungarn durch Deutschland nicht zu
einer Milderung seiner Note veranlat werden knnte. Als ich dies
nach dem Stand der Dinge als unwahrscheinlich bezeichnete, lie er
durchblicken, es komme in dieser Sache weniger darauf an, den Serben
entgegenzukommen, als darauf, Ruland einen Ausweg aus der furchtbaren
Situation zu zeigen, die sonst unvermeidlich zum Weltkrieg fhren
msse. Es gebe, wie mir bekannt sei, in Ruland eine sehr starke und
einflureiche Kriegspartei; wir Deutschen htten das Interesse, der
Friedenspartei und allen denjenigen, die ein dauernd gutes Verhltnis
zu Deutschland wnschen, zu helfen und ein Auskunftsmittel zu suchen,
das es Ruland mglich mache, ohne Krieg das Gesicht zu wahren.

Ich versprach, mein Bestes zu tun, und behielt mir vor, am nchsten
Morgen auf diese Anregung zurckzukommen und vielleicht einen Vorschlag
zu machen.

Es war inzwischen fast halb zwei Uhr geworden. Im Begriff, mich zu
verabschieden, fragte ich Davydoff nach seinen weiteren Dispositionen.
Davydoff antwortete, er wolle Dienstag abend abreisen, also Donnerstag
in Petersburg zurck sein. Auf meine Bemerkung: Und Sie glauben,
da bis dahin nichts Entscheidendes und Unwiderrufliches passiert?
antwortete er: Ich glaube, es wird nichts Entscheidendes geschehen;
wir werden wohl einen Teil unserer Armee mobil machen, aber--

Ich fiel ihm ins Wort: Sie meinen also, eine russische Mobilmachung
sei nichts Entscheidendes? -- Da bin ich allerdings anderer Ansicht.
Ich bin auf das bestimmteste berzeugt, da eine russische Mobilmachung
die deutsche Mobilmachung zur sofortigen Folge hat.

Davydoff: Nun und--? Dann demobilisiert man wieder! Das kostet zwar
Geld, braucht aber doch noch kein Blut zu kosten.

Mir war bekannt, da unsere Regierung aus zwingenden militrischen
Grnden die russische Mobilmachung als gleichbedeutend mit dem
Kriegsfall ansah. An demselben 26. Juli, an dessen Abend ich diese
Unterredung mit Herrn Davydoff hatte, war unser Botschafter in
Petersburg angewiesen worden, der russischen Regierung eine Erklrung
abzugeben, in der es hie:

Vorbereitende militrische Manahmen Rulands werden uns zu
Gegenmanahmen zwingen, die in der Mobilisierung der Armee bestehen
mssen. Die Mobilisierung aber bedeutet den Krieg. Da uns Frankreichs
Verpflichtungen gegenber Ruland bekannt sind, wrde die Mobilmachung
gegen Ruland und Frankreich gerichtet sein. Wir knnen nicht annehmen,
da Ruland einen solchen europischen Krieg entznden will.

Da diese deutsche Auffassung auch von den Verbndeten Rulands
als ganz selbstverstndlich anerkannt wurde, zeigt der Bericht des
britischen Gesandten in Petersburg vom 25. Juli (Blaubuch Nr.17), in
dem es heit:

I said all I could to impress prudence on the Minister for foreign
Affairs, and warned him that, if Russia mobilised, Germany would not
be content with mere mobilisation, or give Russia time to carry out
hers, but would probably declare war at once. (Ich sagte alles, was
ich konnte, um dem Minister des Auswrtigen Vorsicht nahezulegen, und
warnte ihn, da im Falle einer russischen Mobilisation Deutschland
sich nicht auf eine bloe Mobilisation beschrnken oder Ruland Zeit
zur Durchfhrung der seinigen geben, sondern wahrscheinlich sofort den
Krieg erklren werde.)

Da die leitenden militrischen Kreise in Ruland selbst die
eigne Mobilmachung als gleichbedeutend mit der Kriegserklrung
an Deutschland ansahen, ist spter auer Zweifel gestellt worden
durch eine von uns in Polen aufgefundene Anweisung des russischen
Kriegsministers vom September 1912, lautend: Allerhchst ist befohlen,
da die Verkndigung der Mobilmachung zugleich die Verkndigung des
Krieges gegen Deutschland ist.

Die russische Mobilmachung war also -- das war damals auch meine
innerste berzeugung -- von allen fr den weiteren Verlauf der Dinge
zu befrchtenden Komplikationen die verhngnisvollste; sie mute allen
Versuchen, den Frieden zu erhalten, ein kurzes Ende bereiten. Es gab
mir damals einen frmlichen Ruck, Herrn Davydoff so leichthin ber
diese Mglichkeit sprechen zu hren.

Sie knnen berzeugt sein, antwortete ich ihm, da die Mobilmachung
den sofortigen Krieg bedeutet.

Davydoff war stark betroffen.

Nach einer kurzen Pause des Schweigens uerte er Zweifel. Ich
verwies ihn darauf, da unsere raschere Mobilmachung uns gegenber
der russischen berzahl einen Vorsprung gebe, der durch kein
Zaudern verloren werden drfe; davon sei Zivil und Militr bei uns
durchdrungen. Deshalb sei Mobilisieren und Losschlagen fr uns
gleichbedeutend.

Davydoff berzeugte sich von dem Ernst der Sache. Er erklrte diesen
Punkt fr so auerordentlich wichtig, da er noch in der Nacht darber
nach Petersburg telegraphieren msse.

Am nchsten Vormittag, Montag, 27. Juli, machte ich dem
Unterstaatssekretr Zimmermann von der nchtlichen Unterhaltung mit
Herrn Davydoff Mitteilung und fragte ihn, welche Andeutungen ich
eventuell Herrn Davydoff ber einen Ausweg machen knne, der nach
seinem Wunsch Ruland ermglichen solle, das Gesicht zu wahren. Das
Ergebnis der Besprechung mit Zimmermann war, da ich Herrn Davydoff als
meine persnliche Anregung nachstehenden Gedanken mitteilte:

sterreich-Ungarn hat in seiner Zirkularnote an die Mchte gesagt, da
es das Beweismaterial fr den der Note an Serbien zugrundeliegenden
Tatbestand zur Verfgung der Regierungen halte. Da die russische
Regierung Zweifel in die Richtigkeit der von sterreich-Ungarn
behaupteten Tatsachen setze, bleibe vielleicht die Mglichkeit,
der Wiener Regierung zu suggerieren: Die sterreichisch-ungarische
Regierung teilt sua sponte und ohne eine Anfrage der russischen
Regierung abzuwarten, dieser ihr Beweismaterial mit. Die russische
Regierung knne, wenn es ihr auf einen Ausweg aus der Sackgasse
ankomme, diesen freundschaftlichen Schritt benutzen, um sich fr
berzeugt zu erklren und sterreich-Ungarn freie Hand fr ein Vorgehen
gegen Serbien zu lassen.

Davydoff griff den Gedanken auf und meinte, Ruland msse wohl auerdem
darber vergewissert werden, da die sterreichisch-ungarische Aktion
keine Verschiebung des Gleichgewichts auf dem Balkan zur Folge haben
werde. Auf meinen Hinweis, da sterreich-Ungarn bereits feierlich
erklrt habe, da es keine territorialen Ziele verfolge, antwortete er,
da es vielleicht mglich wre, noch zu przisieren und zu ergnzen, um
dadurch Ruland den Rckzug zu erleichtern.

Im Einverstndnis mit Zimmermann setzte ich mich dann mit dem
sterreichisch-ungarischen Botschaftsrat Baron Haimerle in Verbindung.
Baron Haimerle sagte mir, da die Beweise fr die in der Note an
Serbien aufgefhrten Tatsachen in Form eines Mmoires von der Wiener
Regierung den smtlichen Gromchten in den nchsten Tagen zugestellt
werden sollten. Damit werde meiner Anregung in der Sache entsprochen.
Darber hinaus seiner Regierung einen besonderen Schritt gegenber
Ruland zu empfehlen, lehnte er ab, da in der augenblicklichen Lage
jeder besondere Schritt sterreich-Ungarns gegenber Ruland als
Schwche ausgelegt werde und damit die Entwirrung der Lage erschwere.

Ich legte nun -- immer im Einverstndnis mit dem Unterstaatssekretr
Zimmermann -- Herrn Davydoff, der mich um eine Formulierung gebeten
hatte, die er nach Petersburg telegraphieren knne, folgende Fassung
vor:

Dr.Helfferich glaubt Grund zu der Annahme zu haben, da die
sterreichisch-ungarische Regierung spontan der russischen Regierung,
und ebenso den Regierungen der brigen Gromchte, das Material
betreffend die Verschwrung gegen das Leben des Erzherzogs Franz
Ferdinand und deren Zusammenhang mit der groserbischen Agitation
vorlegen wird, um auf diese Weise den Regierungen Gelegenheit zu geben,
sich von der Richtigkeit der in der Note an Serbien aufgefhrten
Tatsachen und von der Berechtigung der Forderungen sterreich-Ungarns
zu berzeugen.

Ich war mir ganz klar darber, da dieser Strohhalm uerst dnn
war. Trotzdem uerte Davydoff, nachdem er die Fassung aufmerksam
durchgelesen hatte: Das ist immerhin schon recht viel.

Auch am folgenden Tag bezeichnete Davydoff den von mir suggerierten
Weg als gangbar und erklrte, da er in Petersburg dafr eintreten
werde, da man diesen Weg benutze. Er uerte ferner bei dieser letzten
Unterredung, da er sich ganz besonders viel von einer Initiative
des Kaisers gegenber dem Zaren, der hierfr sehr zugnglich sei,
verspreche.

Unmittelbar vor seiner Abreise am Abend des 28. Juli lie mir Davydoff
noch bestellen, er habe in der russischen Botschaft eine hoffnungsvolle
Mitteilung ber die letzte Unterhaltung zwischen Ssasonoff und dem
Grafen Pourtals gesehen. Beide Staatsmnner htten sich gegenseitig
zugesagt, da beiderseits zunchst keine weiteren militrischen
Vorbereitungen getroffen werden sollten.

Zimmermann war von einem solchen Austausch von Zusagen ber ein
beiderseitiges Unterlassen militrischer Vorbereitungen nichts
bekannt. Vom Grafen Pourtals liege kein Bericht vor, der auf etwas
Derartiges schlieen lasse; im Gegenteil, es huften sich die
Nachrichten, da die Russen auch an unserer Grenze mobil machten.
Auf meine Mitteilung der Anregung Davydoffs, ob der Kaiser dem Zaren
gegenber nicht eine Initiative ergreifen wolle, sagte mir Zimmermann,
da der Kaiser aus eigenem Antrieb bereits einen sehr herzlichen
Friedensappell an den Zaren gerichtet habe.

In der Tat war die russische Friedenspartei, die sich wohl
hauptschlich um Kokowzoff gruppierte und in deren Auftrag Davydoff --
wie ich ohne weiteres annehme, guten Glaubens und mit dem besten Willen
-- sich bettigte, zu schwach, um die Partie gegen die bermchtig
gewordene russische Kriegspartei durchzuhalten. Der Minister des
Auswrtigen, Herr Ssasonoff, besorgte, wie spter aus den verschiedenen
amtlichen Verffentlichungen und vor allem auch aus den Aussagen im
Ssuchomlinoff-Proze einwandfrei bekannt geworden ist, zusammen mit dem
Kriegsminister Ssuchomlinoff und dem Generalstabschef Januschkewitsch
unbeirrbar die Geschfte der Kriegspartei. Schon am 24. Juli, dem Tag
nach der bergabe des Ultimatums, hatte er den Botschaftern Englands
und Frankreichs erklrt, da Ruland die Mobilmachung, ber die ein
Kronrat am nchsten Tage beschlieen werde, unter allen Umstnden
durchfhren werde. Ein solcher Beschlu ist in der Tat am 25. Juli
gefat worden, und zwar mindestens fr die sdlichen und sdstlichen
Gouvernements. Der Beschlu wurde vor Deutschland und sterreich-Ungarn
zunchst geheimgehalten. Ebenso wie Davydoff mir am 28. Juli abends
Mitteilung von einer angeblich in Petersburg erfolgten Verstndigung
darber machen lie, da weitere militrische Vorbereitungen
unterbleiben sollten, hatte schon am 27. Juli der russische
Kriegsminister dem deutschen Militrattach beruhigende Versicherungen
gegeben. In Wirklichkeit wurde am 29. Juli der Welt die Mobilisierung
der Korps von Odessa, Kiew, Moskau und Kasan als vollzogene Tatsache
mitgeteilt, und die Nachrichten, da die Mobilisierung in den an
Deutschland angrenzenden Gouvernements in vollem Gange sei, wurden
immer zahlreicher und bestimmter.

Die Hoffnung auf ein Dazwischentreten des Zaren konnte bei der
bekannten Willensschwche dieses Herrschers nicht allzu hoch
veranschlagt werden. Sein erstes Antworttelegramm an unsern Kaiser
besttigte diese Auffassung.

So gab es nur noch eines, was die russische Kriegspartei von der
Entfesselung des Krieges abhalten konnte: ein starker Druck Frankreichs
und Englands zugunsten des Friedens.

sterreich-Ungarn hatte einer solchen Einflunahme Frankreichs und
Englands die Wege geebnet durch seine alsbald nach berreichung des
Ultimatums abgegebene Erklrung, da es weder eine territoriale
Vergrerung noch eine Beeintrchtigung der Integritt Serbiens,
sondern nur seine eigene Sicherheit erstrebe. Als aber der deutsche
Botschafter unter Hinweis auf diese Erklrung an die franzsische
Regierung herantrat, um dieser anheimzustellen, bei der russischen
Regierung im Interesse des Friedens zu intervenieren (26.Juli), da
lehnte die franzsische Regierung diese Anregung mit der Begrndung
ab, Ruland habe keinen Anla zu Zweifeln an seiner Migung gegeben;
aber Deutschland mge bei seinem Bundesgenossen intervenieren, um
ihn von militrischen Operationen gegen Serbien abzuhalten. Aus
keinem der zahlreichen von den Ententeregierungen ber den Ursprung
des Krieges verffentlichten Dokumenten ergibt sich ein Anhalt
dafr, da die franzsische Regierung in irgendeinem Stadium der
Krisis auch nur den kleinen Finger gerhrt habe, um auf Ruland in
vershnlichem Geiste einzuwirken und es von den mit ihrer Kenntnis
eingeleiteten militrischen Manahmen, die den Krieg bringen muten,
zurckzuhalten. Das ganze Bestreben der franzsischen Regierung in
jener Zeit war darauf gerichtet, von der britischen Regierung formelle
und bindende Zusicherungen darber zu erhalten, da England im Falle
des Kriegsausbruchs sofort auf der Seite Frankreichs und Rulands
eingreifen werde.

Bei dieser Sachlage hielt England die Entscheidung in den Hnden. Die
britische Regierung hatte die Wahl, entweder durch eine Aufmunterung
an Frankreich und Ruland, vielleicht auch schon durch ein passives
Gewhrenlassen, den Krieg zu entznden, oder durch eine nachdrckliche
Bekundung, da sie wegen der sterreichisch-serbischen Angelegenheit
nicht in den Krieg gehen werde, den Brand im Keime zu ersticken.

Die Nachrichten, die in jenen Tagen aus London herberkamen, amtliche
und private, lieen zunchst einige Hoffnung, da die britische
Regierung, insbesondere Sir Edward Grey, sich ernstlich im Interesse
des Friedens bemhen werde. Es sickerte durch, da England dem Drngen
Rulands und Frankreichs nach einer sofortigen Solidarittserklrung
einigen Widerstand entgegengesetzt hatte. In der Tat billigte Sir
Edward Grey ausdrcklich die am 24. Juli von Sir George Buchanan
in Petersburg gegenber Ssasonoff gemachten Ausfhrungen, da die
britische ffentliche Meinung einen Krieg wegen der serbischen
Streitfrage nicht sanktionieren werde. Allerdings sprach er sich auf
der andern Seite scharf mibilligend ber das sterreichisch-ungarische
Ultimatum an Serbien aus und betonte, da die serbische Antwort der
Wiener Regierung htte gengen mssen; desgleichen legte er dem
deutschen Botschafter nahe, da die deutsche Regierung im Sinne des
Friedens auf Wien Einflu nehmen msse.

Letzteres ist von deutscher Seite geschehen, nachdem die deutsche
Regierung den Vorschlag Greys, die sterreichisch-serbische
Angelegenheit einer Konferenz, bestehend aus Grey als Vorsitzendem
und den Botschaftern Frankreichs, Deutschlands und Italiens,
zu unterbreiten, mit dem Hinweis darauf abgelehnt hatte, da
nach Petersburger Nachrichten Herr Ssasonoff einen direkten
Meinungsaustausch mit dem Grafen Berchtold beabsichtige, dessen
Ergebnis zweckmigerweise zunchst abgewartet werden msse. Sir Edward
Grey hat diesen Hinweis als berechtigt anerkannt; er telegraphierte am
28. Juli an den britischen Botschafter in Berlin, da er jeden andern
Vorschlag suspendieren wolle, da der direkte Meinungsaustausch den
Vorzug vor allen andern Methoden verdiene.

Aber ehe noch dieser direkte Meinungsaustausch in Flu kam und ehe
eine deutsche Einwirkung auf Wien sich zeigen konnte, hatte die
englische Regierung Schritte getan, die nur als direkte Aufmunterung
Rulands und Frankreichs wirken konnten. Ich erwhne die am 28. Juli
erfolgte Bekanntgabe der Aufrechterhaltung des mobilen Zustandes der
zu Manverzwecken in Portland konzentrierten Nordseeflotte, ferner die
Unterhaltung Sir Edward Greys mit dem franzsischen Botschafter am
Vormittag des 29. Juli, in der Sir Edward Grey Herrn Cambon erffnete:
er habe die Absicht, dem deutschen Botschafter zu sagen, da er sich
durch den freundschaftlichen Ton der bisherigen Unterhaltung nicht
irrefhren lassen drfe zu irgendeinem Gefhl falscher Sicherheit, da
England beiseite stehen werde, wenn alle Anstrengungen, den Frieden
zu erhalten, die England jetzt in Gemeinschaft mit Deutschland mache,
scheitern sollten.

Mit dieser Erffnung Greys an Paul Cambon waren die Wrfel zugunsten
des Krieges gefallen. Jetzt glaubte der franzsische Botschafter
ber das sofortige Eingreifen Englands in den Krieg an der Seite
Frankreichs und Rulands vergewissert zu sein. Noch am Abend desselben
Tages konnte die russische Regierung Herrn Iswolski beauftragen, der
franzsischen Regierung die aufrichtige Erkenntlichkeit der russischen
Regierung fr die Erklrung der unbedingten Waffenhilfe auszudrcken
(russ. Orangebuch Nr.58). Schon am 25. Juli hatte Ssasonoff dem
englischen Botschafter erklrt: Wenn Ruland der Hilfe Frankreichs
sicher ist, wird es alle Risiken des Krieges auf sich nehmen (engl.
Blaubuch Nr.17). Jetzt hatte Herr Ssasonoff diese Sicherheit von der
franzsischen Regierung erhalten, nachdem diese am Morgen des gleichen
Tags durch die Erffnung Greys an Paul Cambon ber die englische Hilfe
vergewissert war.

In Berlin traf der Bericht ber die Unterhaltung zwischen Sir Edward
Grey und dem Frsten Lichnowsky in der Nacht auf den 30. Juli ein.
Der Inhalt deckte sich mit der Ankndung Greys an Cambon. Ich gewann,
als ich am Vormittag des 30. Juli das Auswrtige Amt besuchte, den
Eindruck, da auch die Optimisten, die bisher immer noch an russischen
Bluff geglaubt hatten, jetzt zur Erkenntnis des ganzen Ernstes
der Lage gekommen waren. Man setzte jetzt den schwachen Rest von
Hoffnungen, die man noch fr die Erhaltung des Friedens hatte, auf die
im Einvernehmen mit Sir Edward Grey in Wien eingeleitete Aktion.

Schon am 28. Juli hatte der Deutsche Kaiser an den Zaren telegraphiert,
er setze seinen ganzen Einflu ein, um sterreich-Ungarn dazu zu
bestimmen, eine offene und befriedigende Verstndigung mit Ruland
anzustreben. Die deutsche Regierung beschrnkte sich gegenber der
sterreichisch-ungarischen nicht auf allgemeine Ratschlge zur
Migung; sie bestand vielmehr nachdrcklich auf der Einleitung
direkter Besprechungen mit Ruland, zu denen Herr Ssasonoff sich bereit
erklrt hatte, und sie gab als Grundlage fr diese Besprechungen
einen Vermittlungsvorschlag nach Wien weiter, den Sir Edward
Grey gemacht hatte. Graf Berchtold erklrte sich zur sofortigen
Aufnahme der direkten Besprechungen mit der russischen Regierung
bereit. Als der Reichskanzler am Abend des 29. Juli aus Petersburg
die Nachricht erhielt, da die Aufnahme der Besprechungen von dem
sterreichisch-ungarischen Botschafter abgelehnt worden sei, lie er
eine Instruktion an den Botschafter nach Wien telegraphieren, in der es
hie:

... Wir knnen sterreich-Ungarn nicht zumuten, mit Serbien
zu verhandeln, mit dem es in Kriegszustand begriffen ist. Die
Verweigerung jedes Meinungsaustauschs mit St.Petersburg aber wrde
ein schwerer Fehler sein. Wir sind zwar bereit, unsre Bundespflicht zu
erfllen, mssen es aber ablehnen, uns von sterreich-Ungarn durch
Nichtbeachtung unsrer Ratschlge in einen Weltbrand hineinziehen zu
lassen. Euer Exzellenz wollen sich gegen Grafen Berchtold sofort mit
allem Nachdruck und groem Ernst in diesem Sinne aussprechen.

Der Reichskanzler hat seinem Schritt bei der Wiener Regierung durch ein
zweites Telegramm folgenden Inhalts noch einen besonderen Nachdruck
gegeben:

Falls die sterreichisch-ungarische Regierung jede Vermittlung
ablehnt, stehen wir vor einer Konflagration, bei der England gegen uns,
Italien und Rumnien allen Anzeichen nach nicht mit uns gehen wrden,
so da wir mit sterreich-Ungarn drei Gromchten gegenberstnden.
Deutschland wrde infolge der Gegnerschaft Englands das Hauptgewicht
des Kampfes zufallen. Das politische Prestige sterreich-Ungarns,
die Waffenehre seiner Armee sowie seine berechtigten Ansprche gegen
Serbien knnten durch die Besetzung Belgrads oder anderer Pltze
hinreichend gewahrt werden (das entsprach dem Vorschlag Greys). Wir
mssen daher dem Wiener Kabinett dringend und nachdrcklich zur
Erwgung stellen, die Vermittlung zu den angebotenen Bedingungen
anzunehmen. Die Verantwortung fr die sonst eintretenden Folgen wre
fr sterreich-Ungarn und uns eine ungemein schwere.

Die deutsche Regierung hat also von der Bewegungsfreiheit, die sie
sich durch ihre Nichtbeteiligung an der Festlegung der Einzelheiten
der sterreichisch-ungarischen Aktion gewahrt hatte, im entscheidenden
Augenblick Gebrauch gemacht, um im Sinne des Friedens auf die Wiener
Regierung einen Druck auszuben, und zwar -- wie der Reichskanzler von
Bethmann Hollweg spter mit Recht sagte -- in Formen, welche bis an
das uerste dessen gehen, was mit unserm Bundesverhltnis vertrglich
ist. Jedenfalls haben die franzsischen und englischen Staatsmnner
diesem deutschen Druck auf sterreich-Ungarn keinerlei auch nur
entfernt hnlich geartete Aktion bei der russischen Regierung zur Seite
zu stellen.

Der Erfolg des deutschen Druckes auf Wien war, da der
sterreichisch-ungarische Botschafter in Petersburg alsbald Weisung
bekam, die infolge eines russischen Miverstndnisses bisher
unterbliebene Konversation mit Herrn Ssasonoff sofort aufzunehmen,
und zwar auch, was die Wiener Regierung bisher hartnckig verweigert
hatte, ber den materiellen Inhalt des Ultimatums; da ferner Graf
Berchtold die deutsche Regierung wissen lie, er sei bereit, dem
Vermittlungsvorschlag Greys nherzutreten; da schlielich noch am
Nachmittag des 30. Juli eine Unterredung zwischen dem Grafen Berchtold
und dem russischen Botschafter in Wien, Herrn Schebeko, stattfand,
die alle einer direkten Aussprache zwischen Wien und Petersburg noch
entgegenstehenden Schwierigkeiten aus dem Wege rumte. Der franzsische
Botschafter in Wien, der ebenso wie sein englischer Kollege von Herrn
Schebeko alsbald ber den Verlauf dieser Unterredung unterrichtet
wurde, telegraphierte nach Paris, da er nun wieder eine Hoffnung auf
Lokalisierung des Konfliktes sehe. Sir Edward Grey telegraphierte am
folgenden Tag an den britischen Botschafter in Petersburg, da er mit
groer Genugtuung von dieser Wiederaufnahme der direkten Aussprache
zwischen sterreich-Ungarn und Ruland Kenntnis genommen habe.

Es war also der Bemhung Deutschlands am Nachmittag des 30. Juli
gelungen, die Wiener Regierung zu einem Schritt des Entgegenkommens zu
veranlassen, der den bereits verschlossen scheinenden Weg zum Frieden
wieder ffnete.

In Berlin sah man mit der grten Spannung der Wirkung der
sterreichisch-ungarischen Nachgiebigkeit auf Ruland und die
Westmchte entgegen. Die Meinungen ber den Erfolg gingen am
Freitag (31.Juli) im Auswrtigen Amt auseinander. Whrend die
einen neue Hoffnung zeigten, sagte mir Herr von Stumm am Freitag
(31.Juli) vormittag, er sehe keine Hoffnung mehr, England vom Krieg
zurckzuhalten. Churchill und die City wollten den Krieg, und sie
seien die Strkeren. Whrend ich mit Herrn von Stumm sprach, kam
die Nachricht, da die Bank von England ihren Diskontsatz auf acht
Prozent erhht habe. Sturmsignal! Ferner die Nachricht, da Asquith im
Unterhaus die Vertagung der Diskussion ber Homerule verlangt habe, da
England eine geschlossene Front zeigen msse. Aus Petersburg keine
Nachricht ber die Aufnahme des Wiener Nachgebens; dagegen Berichte,
da trotz des von dem russischen Generalstabschef dem deutschen
Militrbevollmchtigten gegebenen Ehrenwortes die Mobilisation der
russischen Truppen auch gegen Deutschland unentwegt ihren Fortgang
nehme. Unsere leitenden Militrs, die sich den fr das Schicksal
Deutschlands wesentlichen Vorteil unserer rascheren Mobilisation durch
die russischen Vorbereitungen entgleiten sahen, wurden ungeduldig
und drngten auf eine Entscheidung. Die Erregung der Berliner
Bevlkerung war ungeheuer; sie war tags zuvor schon auf das uerste
gesteigert worden durch eine sofort dementierte Falschmeldung des
Lokalanzeigers, der Mobilmachungsbefehl sei ergangen.

Da kam um die Mittagszeit des 31. Juli aus Petersburg die Meldung,
da der Zar die Mobilmachung der gesamten russischen Armee und Flotte
befohlen habe.

Die Generalmobilmachung war also Rulands Antwort auf die
durch den Druck Deutschlands herbeigefhrte Nachgiebigkeit der
sterreichisch-ungarischen Regierung! Die Generalmobilmachung, die nach
dem russischen Erla vom September 1912 fr das russische Heer als
Kriegserklrung an Deutschland zu gelten hatte und die nach Kenntnis
der Regierungen Rulands und aller Gromchte auch fr Deutschland den
sofortigen Krieg mit Ruland bedeutete.

Schon vor der Aufhellung der inneren russischen Vorgnge durch den
Ssuchomlinow-Proze lie dieser Schritt Rulands, der ber alle
Friedensbemhungen hinweg den Krieg entfesselte, nur eine Erklrung zu:
Die in jenem Augenblick in Ruland entscheidenden Persnlichkeiten
wollten angesichts der auf deutsches Betreiben zutagetretenden
Nachgiebigkeit der sterreichisch-ungarischen Regierung alle Brcken
zum Frieden abbrechen und den Krieg unvermeidlich machen.[8]

Die Aussagen im Ssuchomlinow-Proze haben diese Erklrung besttigt.

Wir wissen heute, da der Zar am 30. Juli den Mobilmachungsbefehl
bereits unterzeichnet hatte und da am Nachmittag des 30. Juli die
Generalmobilmachung in vollen Gang gesetzt wurde; da am Abend des 30.
Juli der Zar, stark beeindruckt durch die inzwischen eingegangenen
Nachrichten, insbesondere das Telegramm des Deutschen Kaisers von 1Uhr
nachmittags, in dem dieser den Zaren nochmals eindringlich auf die
Gefahren und schweren Konsequenzen einer Mobilisation hinwies, seinem
Generalstabschef Januschkewitsch und seinem Kriegsminister Ssuchomlinow
telephonisch den Befehl zur Einstellung der Mobilisation gab; da
Ssuchomlinow dem General Januschkewitsch auf dessen Frage, was er auf
diesen Befehl des Zaren veranlassen solle, die klassische Antwort
gab: Tun Sie nichts!; da der Mobilmachungsbefehl noch in der Nacht
amtlich verffentlicht wurde, und da dem Zaren am nchsten Tag, wie
Ssuchomlinow sagte, eine andere berzeugung beigebracht wurde.

Wir wissen ferner, da diesen Verbrechern der Rcken gestrkt war
durch die am 29. Juli abends erlangte Sicherheit der franzsischen und
britischen Waffenhilfe. Am 29. Juli vormittags hatte, wie ich oben
dargestellt habe, Grey an Cambon jene Mitteilung ber seine geplante
Erffnung an den Frsten Lichnowsky gemacht, die Cambon nicht anders
denn als Zusage des sofortigen britischen Eingreifens an der Seite
Frankreichs und Rulands auffassen konnte; und am Abend desselben Tags
hatte Herr Ssasonoff Herrn Iswolski beauftragt, der franzsischen
Regierung fr die Zusage der unbedingten Waffenhilfe zu danken. Tags
darauf wurde dem Zaren der Mobilmachungsbefehl entlockt und dann die
Mobilmachung ohne Rcksicht auf den Gegenbefehl des Zaren durchgefhrt.

Wer diesen Zusammenhang bezweifelt, lese nach, was der belgische
Geschftstrger in Petersburg, Herr de l'Escaille, am 30. Juli 1914 an
seinen Minister in Brssel berichtet hat:

Unbestreitbar bleibt nur, da Deutschland sich hier, ebenso sehr wie
in Wien, bemht hat, irgendeinen Weg zu finden, um einen allgemeinen
Konflikt zu vermeiden... England hat zuerst zu verstehen gegeben,
da es sich nicht in einen Konflikt hineinziehen lassen wolle. Sir
George Buchanan sagte das offen. Heute (30.Juli) hat man in Petersburg
die feste berzeugung, ja man hat die Zusicherung empfangen, da
England an der Seite Frankreichs mitgehen wird. Dieser Beistand ist
hier von entscheidender Wichtigkeit; er hat nicht wenig zum Sieg der
Kriegspartei beigetragen.

So liegen die Verantwortlichkeiten!

Aber auch jetzt noch machte die deutsche Politik einen letzten Versuch,
das unabwendbar Gewordene abzuwenden.

Bisher schon hatte Deutschland gegenber den russischen militrischen
Manahmen eine nur durch den aufrichtigsten Friedenswillen erklrbare
Langmut gezeigt. Vorbereitende militrische Manahmen Rulands
werden uns zu Gegenmanahmen zwingen, die in der Mobilisierung
der Armee bestehen mssen. Die Mobilisierung aber bedeutet den
Krieg -- so hatte es in der am 26. Juli an den Grafen Pourtals
telegraphierten Instruktion geheien. Trotzdem hatte man davon
abgesehen, die von der russischen Regierung plump abgeleugneten, aber
durch zahlreiche zuverlssige Berichte und Einzelheiten besttigten
vorbereitenden militrischen Manahmen Rulands durch Gegenmanahmen
zu beantworten; ja man hatte davon abgesehen, auf die am 28. Juli
verfgte Mobilmachung in den Gouvernements Moskau, Kiew, Kasan und
Odessa mit Mobilmachungsmanahmen zu reagieren. Und sogar jetzt noch,
wo der Befehl des Zaren zur Mobilisierung der gesamten russischen
Streitkrfte zu Land und zu Wasser amtlich bekanntgemacht worden war,
zgerte man in Berlin mit der Mobilmachungsorder. Man begngte sich
damit, den Zustand der drohenden Kriegsgefahr zu verkndigen und mit
der Bekanntgabe dieser Verkndigung an die russische Regierung die
Mitteilung zu richten, da dem Zustand der drohenden Kriegsgefahr,
die noch nicht Mobilmachung sei, die Mobilmachung folgen msse, wenn
Ruland nicht binnen 24 Stunden seine militrischen Manahmen gegen die
beiden Mittelmchte einstelle und Deutschland davon in Kenntnis setze.
Gleichzeitig erhielt der deutsche Botschafter in Paris die Weisung,
an die franzsische Regierung die binnen 18 Stunden zu beantwortende
Anfrage zu richten, ob sie im Falle eines Krieges mit Ruland neutral
bleiben wolle.

Deutschland sah also noch immer, trotz der unmittelbaren Bedrohung
durch die russische Generalmobilmachung, von dem uersten Schritt
ab, auf die Gefahr hin, dadurch kostbare und uneinbringliche Zeit zu
verlieren, lediglich um noch einen letzten Spielraum fr Anstrengungen
zur Erhaltung des Friedens zu lassen.

Wenn berhaupt noch eine letzte Mglichkeit bestand, das Verhngnis
abzuwenden, so lag sie in den Hnden der britischen Regierung.
Deutschland hatte sterreich-Ungarn auf den von Sir Edward Grey
gewnschten Weg gebracht. Sir Edward Grey hielt mit dem Ausdruck seiner
Genugtuung ber diesen Erfolg nicht zurck. Wie wrde er sich zu der
russischen Generalmobilmachung stellen, die diesen Erfolg und jede
Aussicht auf die Erhaltung des Friedens brutal zunichte machte?

Die deutsche Regierung konzentrierte alle ihre Anstrengungen darauf,
das britische Kabinett zu einer Haltung zu bestimmen, die im letzten
Augenblick die Katastrophe noch htte verhindern oder wenigstens
einschrnken knnen, und setzte, um diesem letzten Versuch noch Raum zu
geben, gegen das Drngen der verantwortlichen militrischen Instanzen
beim Kaiser noch einen letzten Aufschub durch.

Aber ihre Bemhungen in London schlugen fehl.

Die von der britischen Regierung verffentlichten Dokumente enthalten
auch nicht die Spur einer Andeutung irgendeines Versuchs der Einwirkung
auf Ruland, um eine Aufschiebung der Mobilmachung oder eine
befriedigende Aufklrung an Deutschland zu erlangen. Sir Edward Grey
beschrnkte sich vielmehr darauf, durch den Berliner Botschafter an die
deutsche Regierung die von vornherein aussichtslose und auch alsbald
zurckgewiesene Zumutung zu stellen, Deutschland mge im mobilen
Zustand stillhalten und weiterverhandeln. Ferner warf Sir Edward Grey
jetzt, am 31. Juli, in der durchsichtigen Absicht, einen fr die
britische ffentliche Meinung plausibeln Kriegsgrund zu gewinnen, die
Frage der belgischen Neutralitt auf.

Der deutsche Botschafter in London stellte zunchst die Gegenfrage, ob
im Falle einer Verpflichtung Deutschlands zur Achtung der belgischen
Neutralitt England sich seinerseits zur Neutralitt verpflichten
wolle. Grey antwortete gewunden, aber doch mit dem Schluergebnis,
da England allein auf Grund dieser Bedingung seine Neutralitt nicht
zusagen knne. Darauf stellte Frst Lichnowsky die dringende Frage, ob
Grey nicht die Bedingungen formulieren knne, unter denen England zur
Neutralitt bereit sei; seinerseits bot er die Garantie der Integritt
Frankreichs und seiner Kolonien an. Ja, die deutsche Regierung ging
noch weiter: sie erklrte, da die deutsche Flotte, solange England
sich neutral verhalte, die Nordkste Frankreichs nicht angreifen und
im Falle der Gegenseitigkeit keine feindlichen Operationen gegen
die franzsische Handelsschiffahrt vornehmen werde. Aber Sir Edward
Grey hatte auf alles nur die Antwort: er msse endgltig jedes
Neutralittsversprechen auf Grund solcher Bedingungen ablehnen und
knne nur sagen, da England seine Hnde frei zu halten wnsche
(englisches Blaubuch Nr.123).--

Deutschland hat also fr die Neutralitt Englands, die nicht nur die
Lokalisierung, sondern wahrscheinlich in letzter Stunde noch die
Verhinderung des Krieges bedeutet htte, die Integritt Belgiens und
Frankreichs einschlielich seiner Kolonien, auerdem den Verzicht auf
jede Flottenaktion gegen die franzsische Kste und die franzsische
Handelsschiffahrt angeboten; aber nicht einmal um diesen Preis, und
auch nicht um irgendeinen andern, war die britische Neutralitt
zu haben. Das Wort Sir Edward Greys vom 1. August: England will
seine Hnde frei halten, das so genau mit dem Ausklang der
Haldane-Verhandlungen vom Frhjahr 1912 bereinstimmt, hie nichts
anderes als: England ist entschlossen, den Krieg nicht zu verhindern
und im Krieg gegen Deutschland einzugreifen.

Die Nachrichten ber diesen Verlauf des letzten Versuchs trafen im
Laufe des 1. August in Berlin ein, whrend dort der Kaiser mit seinen
ersten Ratgebern ber die letzte Entscheidung beriet. Die Ruland
und Frankreich gestellten Fristen nherten sich ihrem Ablauf, ohne
da Antworten vorlagen. Da schien sich noch einmal ein Lichtblick zu
zeigen: ein Telegramm des Frsten Lichnowsky, Sir Edward Grey habe
telephonisch bei ihm anfragen lassen, ob Deutschland, wenn Frankreich
neutral bliebe, es nicht angreifen werde. Der Frst hatte sich fr
ermchtigt gehalten, zu antworten, er glaube das zusichern zu knnen,
falls England mit Heer und Flotte diese Neutralitt garantiere. In
Berlin wirkte diese neue Friedensaussicht wie eine Befreiung vom
strksten Druck. Aber alsbald folgte ein weiteres Telegramm des Frsten
Lichnowsky, das die neue Aussicht zunichte machte: Sir Edward Grey
erklrte, seine telephonische Anfrage sei miverstanden worden[9].

Deutschland hatte alle Mittel erschpft, um die Weltkatastrophe des
Kriegs zu verhindern. Die russischen Heeresmassen rollten unaufhaltsam
nach den deutschen Grenzen. Die Antworten auf die befristeten
deutschen Anfragen in Petersburg und Paris blieben immer noch aus.
Vor dem Berliner Schlo, in dem jetzt die Entscheidung fallen mute,
wartete das Volk in atemloser Spannung. Am Nachmittag verbreitete sich
pltzlich das Gercht, Ruland habe seine Mobilmachung eingestellt.
Aber ebenso rasch war festgestellt, da immer noch keine Nachricht
vorliege. Um halb sechs Uhr riefen Generalstabsoffiziere, vom Schlosse
ber die Linden fahrend, aus ihren Autos: Mobilmachung!

Schon vorher, um 3 Uhr 40 Minuten nachmittags, hatte die franzsische
Regierung die allgemeine Mobilmachung verfgt.

Das Rad des Schicksals war jetzt im unaufhaltbaren Rollen. Ein Zurck
gab es nicht mehr. In allen beteiligten Lndern standen die Entschlsse
fest. Alles, was jetzt noch geschah, war Taktik und Formalitt.

So sehr ich auch heute noch, nach dem unglcklichen Verlauf des
Krieges, berzeugt bin, da uns in der Sache keine andere Wahl blieb,
da unsere Feinde den Krieg gewollt und uns den Weg des Krieges
vorgeschrieben haben, ebenso sehr war ich damals schon als nicht
unmittelbar beteiligter Zuschauer und Beobachter der Meinung, da in
den Fragen der Taktik und der Formalitten unsere Gegner uns berlegen
waren. Ich habe z.B. damals schon die frmlichen Kriegserklrungen an
Ruland und Frankreich als einen berflssigen und schdlichen Ausflu
bertriebener formalistischer Gewissenhaftigkeit angesehen. Wir wuten,
da Ruland den Krieg unter allen Umstnden wollte und durch nichts --
auer durch den nicht einsetzenden englischen Gegendruck -- zu halten
war. In der Tat haben russische Truppen und Banden die ostpreuische
Grenze bereits vor Ablauf der von uns am 31. Juli gestellten Frist und
vor der berreichung unserer Kriegserklrung berschritten und damit
den Kriegszustand herbeigefhrt. Wozu hatten wir es ntig, durch eine
frmliche Kriegserklrung uns auch nur rein formell in die schlechtere
Position des Angreifers zu bringen? -- Wir wuten, da Frankreich
Ruland gegenber zur Waffenhilfe verpflichtet und entschlossen war.
Wozu muten wir durch eine formelle Kriegserklrung der franzsischen
Regierung den Nachteil der Vorhand abnehmen? -- Nach meinem Gefhl
wre es richtiger gewesen, nach dem Wort eines klugen Franzosen zu
verfahren: Il ne faut jamais mettre les points sur les I's! Durch
unsern formalistischen Eifer haben wir das Spiel der Gegner gespielt
und den ueren Anschein der tatschlichen Vorgnge zu unsern Ungunsten
verschoben. -- Dasselbe gilt nach meiner Ansicht fr unsre Behandlung
der belgischen Neutralittsfrage. Auch hier haben wir uns formal ins
Unrecht gesetzt, wie mir spter erklrt worden ist, um der belgischen
Regierung eine goldne Brcke zur Nichtbeteiligung am Krieg zu bauen.
Belgien hat diese Brcke nicht betreten, whrend das von uns selbst
anerkannte Unrecht an uns haften blieb.

Dagegen hat der Hauptspieler in unserm diplomatischen Gegenspiel, das
britische Foreign Office, gerade die belgische Neutralittsfrage, in
der es selbst so schwer durch die seit dem Jahre 1906 eingeleitete
militrische Zusammenarbeit mit Belgien belastet war, in virtuoser
Technik zum Angelpunkt seiner diplomatischen Aufmachung des Krieges
ausgestaltet.

Die serbische Sache war in sich zu schlecht, um gegenber der
englischen ffentlichen Meinung und gegenber der Welt als
Ausgangspunkt fr Englands Eintritt in den Krieg dienen zu knnen. Die
pazifistische Bewegung war auch in England zu stark geworden und zhlte
gerade in der herrschenden liberalen Partei zu viele Anhnger, ja sie
hatte selbst im britischen Kabinett einen zu starken Einflu, als
da sich die serbische Angelegenheit zu einer wirksamen Kriegsparole
htte machen lassen. Ich erinnere daran, da Sir George Buchanan am
24. Juli 1914 Herrn Ssasonoff gegenber die von diesem verlangte
Solidarittserklrung abgelehnt hatte mit der tags darauf von Sir
Edward Grey ausdrcklich gebilligten Begrndung, nicht etwa: es sei ein
Verbrechen an der Menschheit, wegen der schlechten serbischen Sache
einen Weltkrieg heraufzubeschwren -- solche Sentimentalitt lag der
britischen Politik fern--, sondern mit der Begrndung: die direkten
britischen Interessen in Serbien seien gleich Null und ein Krieg wegen
dieses Landes werde niemals durch die englische ffentliche Meinung
gebilligt werden.

Noch in jener verhngnisvollen Unterhaltung, die Sir Edward Grey am
Vormittag des 29. Juli mit Paul Cambon hatte, wies der britische
Staatsmann, so sehr er die britische Bereitschaft zur Waffenhilfe
durchblicken lie, darauf hin, da die serbisch-sterreichische
Frage und selbst ein russisch-deutscher Konflikt fr England kein
geeigneter Ausgangspunkt zum Eintreten in den Krieg sei. Herr Cambon
antwortete auf diese Bemerkung nach Sir Edwards eigener Mitteilung an
den grobritannischen Botschafter in Paris: Er verstehe, da England
keinen Beruf fhle, in einen Balkanstreit oder auch in einen Kampf um
die Vorherrschaft zwischen Deutschen und Slawen einzugreifen; wenn
aber andere Ausgangspunkte entstehen und Deutschland und Frankreich
hineinverwickelt werden sollten, so da der Fall zur Frage der
Hegemonie ber Europa werde, so werde England zu entscheiden haben, was
es zu tun habe. -- Mit andern Worten, Herr Cambon verstand, und Sir
Edward widersprach nicht nur nicht, sondern gab selbst das Stichwort
an seinen Pariser Botschafter weiter: die serbisch-sterreichische und
auch eine deutsch-russische Frage gengen fr uns nicht, um England in
den Krieg zu fhren; wenn ihr aber aus der serbisch-sterreichischen
oder deutsch-russischen Frage etwa eine deutsch-franzsische und
damit eine Frage der Vorherrschaft in Europa macht, dann habe ich den
Ausgangspunkt, den ich brauche.

Diesen Ausgangspunkt zu schaffen, lag in Frankreichs Hand: Frankreich
brauchte nur seine unbedingte Solidaritt mit Ruland zu erklren, was,
wie ich oben gezeigt habe, noch an demselben 29. Juli geschah.

Da Sir Edward Grey hier eine starkklingende Saite anschlug, zeigt
der Brief, den die Fhrer der konservativen Opposition in den
beiden Kammern, Mr. Bonar Law und Lord Lansdowne, am 2. August an
den Premierminister richteten; sie betonten in diesem Brief, es
wrde verhngnisvoll fr die Ehre und Sicherheit des Vereinigten
Knigreichs sein, mit der Untersttzung Frankreichs und Rulands in der
gegenwrtigen Krisis zu zgern; falls das Kabinett diese Untersttzung
gewhre, bten sie ihm die rckhaltlose Untersttzung der Opposition an.

Aber im liberalen Kabinett selbst gab es Leute, und erst recht in der
liberalen Partei und der Arbeiterpartei, sowohl im Parlament wie im
Lande, die auch mit dieser Parole sich nicht blindlings in den Krieg
fhren lassen wollten. Darunter, wenn unwidersprochen gebliebene
Mitteilungen englischer Bltter[10] stimmen, sogar Lloyd George.
Noch am 30. Juli mute Grey dem franzsischen Botschafter mitteilen,
das Kabinett sei zu dem Schlu gekommen, es knne im gegenwrtigen
Moment keine Verpflichtung bernehmen. Diese Mitteilung war nicht nur
Herrn Cambon, sondern sichtlich auch Sir Edward, dessen Erffnungen
vom Tage vorher an Herrn Cambon durch das Kabinett gewissermaen
desavouiert waren, sehr unangenehm. Sir Edward beeilte sich,
trstend hinzuzufgen, weitere Entwicklungen knnten die Lage ndern
und Regierung und Parlament von der Berechtigung einer britischen
Intervention berzeugen; die Neutralitt Belgiens knne, wenn nicht
ein entscheidender, so doch mindestens ein wichtiger Faktor fr die
Bestimmung der Haltung Englands sein. Und Sir Arthur Nicolson, der
Vater der britisch-russischen Entente, der wohl von allen britischen
Staatsmnnern mit dem grten Zielbewutsein auf den Koalitionskrieg
gegen Deutschland hinarbeitete, gab Herrn Cambon, als dieser ihm beim
Verlassen des Kabinetts des Staatssekretrs begegnete, vertraulich
zu verstehen -- so berichtete Herr Cambon nach Paris--, da der
Staatssekretr nicht verfehlen werde, die Diskussion im Kabinett
wiederaufzunehmen.

In all dem kann niemand auch nur die Spur eines Bemhens nach
Verhinderung des Krieges finden; was klar und unverhllt zutagetritt,
ist das Suchen nach einem fr das britische Kabinett und die britische
ffentliche Meinung gengend zugkrftigen Kriegsgrund. Man stelle das
Verhalten Sir Edward Greys gegenber dem franzsischen Botschafter
und gegenber dem deutschen Botschafter in Vergleich: In seinen
Unterhaltungen mit dem Frsten Lichnowsky lehnte er jede Andeutung ber
die Bedingungen ab, unter denen es fr England mglich sei, dem Kriege
fernzubleiben. Dagegen errterten seine Gesprche mit Herrn Cambon
fast ausschlielich die Frage nach einem geeigneten Ausgangspunkt fr
ein sofortiges Eingreifen Englands in den Krieg. Dieser Unterschied
zeigt das wahre Gesicht der jedenfalls in jenem Stadium auf den Krieg
gerichteten britischen Politik.

Nachdem auch der Kampf um die Hegemonie in Europa als Kriegsparole
keinen unbedingten Erfolg versprach, griff Sir Edward Grey die
Frage der belgischen Neutralitt auf. Er operierte gegenber den
Zgernden mit der ungengenden, weil ausweichenden Antwort, die
der Staatssekretr von Jagow auf die erste Anfrage des britischen
Botschafters in Berlin am 31. Juli gegeben hatte. Als ihm dann der
Frst Lichnowsky am 1. August die Gegenfrage stellte, ob England
bereit sei, im Fall der Respektierung der belgischen Neutralitt
durch Deutschland selbst neutral zu bleiben, enthielt Grey seinem
Kabinett das in dieser Gegenfrage liegende, von ihm alsbald abgelehnte
Angebot vor, das der britischen Regierung die Sicherung der belgischen
Neutralitt um den Preis der eignen Neutralitt ermglicht htte;
ebenso wie er dem Kabinett das deutsche Angebot vorenthielt, gegen
Zusicherung der Neutralitt Englands von jedem Angriff auf die
atlantische Kste und Schiffahrt Frankreichs abzusehen und die
Integritt Frankreichs und seiner Kolonien zu gewhrleisten[11].

Am Abend des 4. August stellte der britische Botschafter in Berlin dem
Reichskanzler jene bis Mitternacht befristete Anfrage, ob Deutschland
sich verpflichte, die belgische Neutralitt zu respektieren. Damals
hatten deutsche Truppen die belgische Grenze schon berschritten. Das
britische Kabinett hatte seinen Kriegsvorwand und seine Kriegsparole.

Wie stark die militrische Notwendigkeit war, selbst auf die Gefahr
hin, England einen wirksamen Kriegsvorwand und eine zugkrftige
Kriegsparole zu liefern, die belgische Neutralitt auer acht
zu lassen, vermag ich nicht zu beurteilen. Unsere moralische
Berechtigung, durch Belgien zu marschieren, steht fr mich nach
allem, was vorausgegangen war, auer Zweifel. Ebenso auer Zweifel
steht fr mich, da auch die peinlichste Respektierung der belgischen
Neutralitt England nicht vermocht htte, dem Kriege als unser Gegner
fernzubleiben[12].

Letzteres ergibt sich aus der ganzen langen Vorgeschichte des Krieges,
in der England die treibende Kraft war; aus den Besprechungen zwischen
dem Foreign Office und Herrn Cambon, die sich schlielich nur noch um
die Frage des Ausgangspunktes fr das britische Eingreifen drehten; und
schlielich aus folgendem wichtigen Umstand:

Am 2. August, ehe ein deutscher Soldat auf belgischem Boden stand
und ehe die erst am Abend dieses Tages in Brssel gestellte deutsche
Anfrage wegen des Durchmarsches vorlag, besttigte Sir Edward Grey auf
Grund eines Kabinettsbeschlusses dem franzsischen Botschafter eine
Erffnung, die er ihm tags zuvor schon auf eigne Verantwortung gemacht
hatte. Nach dem von Herrn Cambon nach Paris erstatteten Bericht lautete
diese Erffnung:

Falls das deutsche Geschwader in den Kanal einfahren oder die Nordsee
passieren sollte, um die britischen Inseln zu umschiffen, in der
Absicht, die franzsischen Ksten oder die franzsische Kriegsflotte
anzugreifen und die franzsische Handelsflotte zu beunruhigen(!),
wrde die britische Flotte eingreifen, um der franzsischen Marine
ihren Schutz zu gewhren, in der Art, da von diesem Augenblick an
England und Deutschland sich im Kriegszustand befinden wrden. (Franz.
Gelbbuch Nr.143.)

Das war die Entschlossenheit zum Krieg, unabhngig von der Verletzung
der belgischen Neutralitt, fr einen bestimmten Fall, der bei einem
Krieg zwischen Deutschland und Frankreich der Natur der Dinge nach
sich einstellen mute. Das britische Kabinett hatte sich gegen den
Widerstand seiner friedensfreundlichen Mitglieder zu dieser Erklrung
entschlieen mssen, weil auf Grund der dem Kabinett seit 1911
bekannten militrischen und maritimen Abmachungen mit Frankreich die
franzsische Flotte im Mittelmeer konzentriert war und infolgedessen
fr England die moralische Verpflichtung bestand, die atlantische Kste
und Schiffahrt Frankreichs zu schtzen.

Aber dieser casus belli wurde nicht praktisch. Die britische Politik
behielt den Vorteil der in der deutschen Verletzung der belgischen
Neutralitt enthaltenen Kriegsparole.

                  *       *       *       *       *

Am Abend des 4. August stand fest, da Deutschland durch einen
unerbittlichen Kampf auf Leben und Tod mit einer berlegenen Koalition
werde gehen mssen. Durch das ganze deutsche Volk ging eine grimmige
Entschlossenheit, den uns aufgezwungenen Krieg aufzunehmen und
durchzufhren. Vor dem Schlo in Berlin staute sich die Menge und
huldigte dem Kaiser, der seinem Volke sechsundzwanzig Jahre lang den
Frieden erhalten hatte und der es jetzt in Worten, die jedem zu Herzen
gingen, aufrief zum Kampf um Hof und Herd, um das Recht auf Leben und
Arbeit.

Wenige Wochen spter, am 28. August, sah ich den Kaiser im Schlo
zu Koblenz. Der Aufmarsch unsrer Heere war in glnzender Weise
durchgefhrt; die franzsischen Armeen und das britische Hilfskorps
waren geschlagen; unsere Truppen waren berall im Westen in siegreichem
Vormarsch; aus dem Osten kamen die ersten Nachrichten von Hindenburgs
gewaltigem Sieg bei Tannenberg. Es schien alles ber Erwarten gut
zu gehen, und die Hoffnungsfreudigen glaubten an ein rasches und
glckliches Ende des Krieges.

Der Kaiser ging nach dem Frhstck lnger als eine Stunde mit mir
im Park auf und ab und sprach sich ber die gewaltigen Ereignisse
der letzten Wochen in der rckhaltlosesten Weise aus. Ich hatte
von ihm den Eindruck eines Mannes, der, trotzdem das Glck seiner
Sache gnstig zu sein schien, innerlich auf das tiefste erschttert
war und schwer an der Verantwortung fr seine Entschlsse trug. Er
schilderte mir in der ihm eigenen Lebhaftigkeit die Vorgnge, die zum
Krieg gefhrt hatten, und seine persnlichen Bemhungen, den Krieg
abzuwenden. Er rief Gott zum Zeugen dafr an, da er in seiner ganzen
Regierungszeit keinen hheren und heiligeren Wunsch gekannt habe,
als seinem Volke den Frieden zu erhalten und es durch friedliche
Arbeit zu besseren und glcklicheren Lebensbedingungen zu fhren. Er
erinnerte an sein letztes Zusammensein mit seinen Vettern, dem Zaren
und dem Knig von England, im Schlosse von Berlin bei Gelegenheit
der Hochzeit seiner Tochter mit dem Herzog von Braunschweig im Jahre
1913, an die Beruhigung, die er damals ber die friedlichen Absichten
Rulands und Englands gewonnen zu haben glaubte. Er habe sich gar
nicht an den Gedanken gewhnen knnen, da alle die Freundschafts- und
Friedensversicherungen nur Lug und Trug gewesen seien; und doch habe
er sich aus dem Gang der Dinge berzeugen mssen, da damals unter
seinem eignen Dach seine Gste die Verschwrung gegen Deutschland
bereits im Herzen trugen. Er habe von dem Augenblick an, in dem ihm
der Ernst der Lage zum Bewutsein gekommen sei, den Knig von England
und den Zaren beschworen und gebeten, ihm zu helfen, das Unheil des
Krieges von der Welt abzuwenden, er habe seinerseits bis zur Grenze
des Mglichen auf den Kaiser Franz Joseph gedrckt, so schwer es ihm
geworden sei, dem Verbndeten beim Durchfechten seiner gerechten Sache
in den Weg zu treten; aber er habe vom Knig Georg und dem Zaren nur
kaltes Achselzucken und leere Ausflchte zur Antwort bekommen. Er
habe den Zaren noch in der letzten Stunde geradezu angefleht, die
Mobilmachung zu unterlassen, die uns in unsrer geographischen und
politischen Lage zum sofortigen Losschlagen zwingen msse. Er habe nach
der russischen Mobilmachung gegen alle Beschwrungen seiner eignen
Militrs noch einmal den Russen eine Frist gegeben. Alles sei umsonst
gewesen. Dreimal habe er die Feder wieder aus der Hand gelegt, ehe er
die Mobilmachungsorder unterschrieben habe. Die Verantwortung fr das
eigene Volk habe ihm schlielich keine andere Wahl gelassen. Jetzt
stehe unser Schicksal in Gottes Hand.

In derselben Unterhaltung sprach sich der Kaiser darber aus, wie
er sich die knftige Gestaltung der Dinge denke, wenn uns der Sieg
beschieden sei. Das Wichtigste sei fr ihn, da aus dem Krieg der
durch die gesunde Vernunft und die Natur der Dinge gebotene friedliche
Zusammenschlu der Vlker des europischen Kontinents hervorgehe.
Das sei bisher infolge des deutsch-franzsischen Gegensatzes nicht
mglich gewesen. Der Friede msse so geschlossen werden, da dieses
Ziel erreichbar werde. Die Franzosen seien stets eine ritterliche
Nation mit einem hohen Ehrbegriff gewesen, vor der er stets Achtung
gehabt und deren Vershnung mit Deutschland er stets gewnscht habe.
Er verstehe, da es dieser Nation schwer geworden sei, sich der
Entscheidung von 1870 ohne den Versuch eines neuen Appells an das Glck
der Waffen zu fgen. Er hoffe, da nach diesem Krieg auch der Franzose
das Gefhl haben werde, da der Ehre Genge geschehen sei und da
sich beim Friedensschlu die Grundlagen fr ein freies und ehrliches
Zusammenwirken der beiden groen europischen Kulturvlker in Politik
und Wirtschaft werden schaffen lassen.

Das ist der Mann, den heute unsre Feinde und -- was schlimmer ist
-- Leute unsres eignen Blutes zum Urheber des Krieges, zu einem
blutdrstigen Eroberer und Unterdrcker stempeln mchten. Ich bin im
Innersten berzeugt -- und das Bekenntnis glaube ich dem Kaiser zu
schulden--, da WilhelmII. kein hheres Ziel gekannt hat, als dem
deutschen Volk und der Welt den Frieden zu erhalten, da er seinen
Ruhm nur darin gesucht hat, Deutschland in den Werken friedlicher
Arbeit fortschreiten zu sehen. Niemand, der ihn nher kannte, wird
sich durch seine im Hohenzollernblut steckende Freude an soldatischem
Wesen oder durch den berschwang des ihm leicht zur Verfgung stehenden
Wortes ber den Kern seines Wesens tuschen lassen. Ebensowenig,
wie Kenner des deutschen Volkscharakters sich durch Unebenheiten
und Schroffheiten, die schlielich ihre Begrndung in unsrer
vielhundertjhrigen Leidensgeschichte haben, dazu verleiten lassen, das
deutsche Volk fr kriegslustig, gewaltttig und eroberungsschtig zu
halten.

Der Deutsche Kaiser und das deutsche Volk wollten den Frieden und sahen
in der friedlichen Arbeit ihre Zukunft. Wo die Krfte, die den grten
Krieg der Weltgeschichte heraufbeschworen haben, ihren Sitz hatten,
glaube ich in den vorstehenden Blttern gezeigt zu haben.

Grobritannien hat wieder einmal sein Ziel erreicht. Die strkste
Kontinentalmacht, sein strkster Wettbewerber auf den Mrkten der Welt
liegt am Boden, wie vordem Spanien, die Niederlande und Frankreich.
Unsere Kraft ist gebrochen in einem Krieg, den England so wenig
unmittelbar entzndet hat wie etwa den Spanischen Erbfolgekrieg, den
Siebenjhrigen Krieg und die Napoleonischen Kriege; den es aber, genau
wie jene groen Koalitionskriege, mit unbertrefflicher diplomatischer
Kunst aus dritter Ursache duldend und frdernd hat entstehen lassen,
um dann einzugreifen und seinen strksten Rivalen zur Mehrung seiner
eigenen Macht und Herrlichkeit niederzuwerfen.

So werden die unbestechlichen und unbeirrbaren Augen der Geschichte die
Entstehung des Krieges sehen.




  Der Weltkrieg
  von
  Karl Helfferich

  Der zweite Teil des Werkes,
  der den Anteil des Verfassers
  an den politischen Vorgngen
  der Kriegszeit selbst
  zum Gegenstand hat,
  erscheint in
  Krze

[Illustration: Ullstein & Co Berlin]




Funoten:


[1] Der belgische Gesandte in London, van Grootven, berichtete damals
an seine Regierung, Sir Edw. Grey habe bei verschiedenen Gelegenheiten
den in London beglaubigten Botschaftern wiederholt, England sei in der
Marokkofrage an Frankreich gebunden und werde seine Verpflichtungen
bis zum Letzten erfllen, selbst im Falle eines deutsch-franzsischen
Krieges und auf jede Gefahr hin.

[2] Da diese einseitigen Beratungen mit einer bestimmten Mchtegruppe
ein schwerer Versto gegen die belgische Neutralitt waren, kann nicht
wohl bestritten werden. Der Einwand, da die in diesen Beratungen
getroffenen Abmachungen nur im Falle einer Verletzung der belgischen
Neutralitt durch Deutschland in Kraft treten sollten, schlgt nicht
durch. Die Beratungen selbst muten der einen Partei einen tiefen
und wertvollen Einblick in die belgischen Kriegsmittel geben, der
der andern Partei nicht zuteil ward. berdies hat spter, am 23.
April 1912, der damalige britische Militrattach dem belgischen
Generalstabschef rundheraus erklrt, da die englische Regierung
whrend der letzten Krisis (Marokkokrisis von 1911) eine Landung in
Belgien auf jeden Fall vorgenommen haben wrde, auch wenn Belgien keine
Hilfe verlangt htte.

[3] Bericht vom 22. Juni 1907.

[4] Worte des Frsten Blow in seiner Reichstagsrede vom 30. April 1907.

[5] Siehe E. D. Morel, Truth and the War, London 1916, S. 148ff.

[6] Staatssekretr a.D. Zimmermann in der Deutschen Allgemeinen
Zeitung vom 28. November 1918.

[7] Siehe Norddeutsche Allgemeine Zeitung vom 3. Januar 1915.

[8] Siehe meine Entstehung des Weltkriegs, S.25.

[9] Die aus Anla dieses Miverstndnisses von der deutschen
Regierung eingenommene Haltung zeigt, wie fern der deutschen Regierung
Angriffsabsichten auf Frankreich lagen. Der franzsische Minister
des Auswrtigen hat das Gegenteil zu beweisen versucht durch die
Verffentlichung eines Chiffretelegramms, enthaltend eine Instruktion
des Reichskanzlers an den deutschen Botschafter in Paris, Baron von
Schoen, nach der dieser von Frankreich als Sicherheit fr den Fall der
franzsischen Neutralittserklrung die Auslieferung der Festungen
Toul und Verdun verlangen sollte. Die Instruktion ist nicht praktisch
geworden, da Frankreich die Erklrung seiner Neutralitt verweigerte.
Hervorgegangen war sie aus der militrischen Notwendigkeit einer
unbedingten Rckendeckung nach Westen fr den Fall des Aufmarsches
unseres Gesamtheeres gegen Osten. Das Miverstndnis vom 1.
August hat bewiesen, da die deutsche Regierung, falls Frankreich
berhaupt zur Neutralitt bereit gewesen wre, sich statt der
militrischen Sicherung durch Auslieferung der Grenzfestungen sich
mit der diplomatischen Sicherung durch die Garantie Englands fr die
franzsische Neutralitt begngt htte.

[10] Z. B. Labour Leader vom 18. Mrz 1915.

[11] Vgl. die Anfrage Keir Hardies im Unterhaus am 27. August 1914.

[12] Dies wird gelegentlich von englischer Seite selbst offen
zugegeben. Schon im Dezember 1914 schrieb der Spectator:

Wenn Deutschland beschlossen htte, zu versuchen, auf dem direkten Weg
statt auf dem Weg ber Belgien in Frankreich einzudringen, so htten
wir trotzdem unter einer tiefen Verpflichtung gestanden, Frankreich
und Ruland zu helfen... Alle unsere Abmachungen mit Frankreich
-- unsere Sanktion der Linie seiner Politik, unsere militrischen
Konversationen mit seinem Stab, unsere endgltige Assoziation mit
seinen Handlungen drauen -- hatten uns seine Sache anvertraut, so klar
wie wenn wir eine bindende Allianz mit Frankreich abgeschlossen htten.
Und was wahr ist fr unser Einvernehmen mit Frankreich, ist kaum
weniger wahr fr unser Einvernehmen mit Ruland.

Und ein Leitartikel der Times vom 19. Mrz 1915 bekannte, da
England durch seine Ehre und sein Interesse gezwungen worden wre,
an Frankreichs und Rulands Seite zu treten, auch wenn Deutschland
die Rechte seines kleinen Nachbars gewissenhaft geachtet und sich
den Weg nach Frankreich hinein durch die franzsischen Ostfestungen
gebahnt htte.-- Der Artikel fhrt fort: Weshalb verbrgten wir
uns fr die Neutralitt Belgiens? Wegen eines gebieterischen Grundes
des Selbstinteresses, aus dem wir von jeher verhinderten, da eine
Gromacht sich unserer Ostkste gegenber festsetzte, wegen des
Grundes, der uns bewog, die Niederlande gegen Spanien und gegen
das Frankreich der Bourbonen und Napoleons zu verteidigen... Wir
spielen nicht den internationalen Don Quichotte, der zu jeder Zeit
jedes Unrecht bekmpft, auch wenn es ihm keinen Schaden zufgt.
Herr von Bethmann hat ganz recht, selbst wenn Deutschland nicht in
Belgien eingefallen wre, htten Ehre und Interesse uns an Frankreich
gebunden... Wir kehrten zu unserer traditionellen Politik des
Gleichgewichts zurck, aus demselben Grund, aus dem unsere Ahnen sie
angenommen hatten. Gefhlsgrnde gab es weder fr unsere Vter, noch
gibt es sie fr uns. Es handelt sich um in sich selbst begrndete, um
selbstische Grnde... fr England und seinen Herrschaftskreis kmpfen
und bluten seine Shne.




      *      *      *      *      *      *




Anmerkungen zur Transkription:

Der Originaltext wurde beibehalten, offensichtliche Druckfehler wurden
berichtigt. Parallele Schreibweisen von Eigennamen (Eduard und Edward,
Ssuchomlinoff und Ssuchomlinow) wurden beibehalten. Folgende nderungen
wurden vorgenommen:

  Seite 94: nach ihre Kraft verlieren sollte wurde ein Punkt ergnzt
  Seite 106: Freiherrrn wurde gendert in Freiherrn
  Seite 109: Iswolksi wurde gendert in Iswolski



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1.F.

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without further opportunities to fix the problem.

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in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
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LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

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violates the law of the state applicable to this agreement, the
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the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org 

Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary 
Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

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facility: www.gutenberg.org

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