Project Gutenberg's Aurelia oder der Traum und das Leben, by Grard de Nerval

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Title: Aurelia oder der Traum und das Leben

Author: Grard de Nerval

Illustrator: Alfred Kubin

Translator: Hedwig Kubin

Release Date: April 29, 2012 [EBook #39575]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AURELIA ODER DER TRAUM ***




Produced by Jens Sadowski






Grard de Nerval

Aurelia

oder

Der Traum und das Leben


Deutsch von
Hedwig Kubin


Mit siebenundfnfzig Zeichnungen von
Alfred Kubin



MCMX

Mnchen und Leipzig / bei Georg Mller






Seit seiner letzten Reise nach Deutschland verga Grard,
der mehr wie je von einem rtselhaften Sehnen nach der Unendlichkeit
geplagt wurde, oft, da er auf der Erde war. Er
fhlte, da er den Boden verlor und ins Leere trat; er wand
sich der Vergangenheit zu, um das Leben wieder zu erfassen
und sich noch lebendig zu glauben. Seine letzten Seiten zeugen
von dieser Vorliebe fr die Vergangenheit; er hatte alle Bcher
geschlossen, ausgenommen das Buch seiner Seele; er las keine
Gedichte mehr auer denen auf seine eigenen Liebeserlebnisse.
Er ahnte, da derTod ihn holen wrde; und wie ein Wanderer,
der die Nacht hereinbrechen sieht, kehrte er um und
warf noch einen Blick auf die zurckgelegten Strecken. Von
allen zertrmmerten Denkmlern seines Herzens pflckte er
ehrfurchtsvoll das Mauerkraut.

Arsne Houssaye.










Vorwort


Grard de Nerval wurde am 22. Mai 1809 als Sohn eines Militrarztes in
Paris geboren. Er wurde nicht ganz 46 Jahre alt, -- er starb am 25. Januar
1855. Sein eigentlicher Name war Grard Labrunie.

Da seine Mutter ihrem Gatten zum Heere folgte und sehr frh starb, was der
Dichter in der hier bersetzten Novelle Aurelia auch erwhnt, wurde der
Knabe im Valois bei einem seiner Oheime erzogen. Er besuchte das Gymnasium
und obwohl er hie und da lieber in Wald und Feld herumstreifte, als auf der
Schulbank zu sitzen, war er doch der Stolz der Schule und der Gegenstand
der Bewunderung seiner Kameraden, denn er dichtete kaum achtzehn Jahre alt
seine Elgies nationales. Auch seine Faust-bersetzung, die heute noch zu
den besten gezhlt wird, erschien schon zu dieser Zeit, und Goethe hat dem
jungen Nerval in einem eigenhndigen Schreiben dafr gedankt. Nerval hat
diesen Brief aufbewahrt, und obwohl er sonst wegen seiner Bescheidenheit
bekannt war, zeigte er ihn gern seinen Freunden und versicherte, da die
Anerkennung des groen deutschen Dichters ihn mit Stolz erflle.

Zu diesen Freunden gehrten in erster Linie Thophile Gautier, Arsne
Houssaye und viele andere. Nerval hatte das Glck, schon von seinen
Zeitgenossen gewrdigt zu werden. Die Freunde ertrugen seine bizarren
Launen geduldig und bemhten sich, ihm alle Hindernisse aus dem Weg zu
rumen. Wie oft hielt er seine Verabredungen nicht! Wie hufig kam es vor,
da sein Vater, bei dem er regelmig Donnerstags und Sonntags speiste, ihn
vergeblich erwartete! Erst nach lngerer Zeit erfuhr man in solchen Fllen,
da der Dichter eine seiner groen Reisen angetreten hatte!

Nerval hat viel von der Welt gesehen. Er bereiste Deutschland, gypten,
Syrien, die Trkei. Diese Reisen regten ihn zu seinen Hauptwerken an, vor
allem zu dem groen Drama: Die Knigin von Saba, das schon wegen seiner
ungeheuren Dimensionen nicht auf das Theater gebracht werden konnte. Am
meisten Interesse zeigte der Dichter fr die Sitten und Gebruche der
Vlkerschaften, die er auf seinen Reisen kennen lernte. Er neigte stark zur
Mystik und als von seinem dreiigsten Lebensjahr an sein Geist anfing,
gewissen krankhaften Anfllen zu unterliegen, verstrkte sich dieser Hang.

Das Werk, welches wir hier verffentlichen, steht wohl in der Literatur
einzigartig da, denn in Aurelia erzhlt und beschreibt der Kranke selbst
seine Zustnde und Visionen. Er berichtet, da er in der Irrenanstalt
angefangen habe, die Geschichte seiner Krankheit zu schreiben, die ihn bis
zu seinem Lebensende nur vorbergehend verlie. Die letzten, hier
verffentlichten Seiten fanden die Freunde in der Tasche des Toten; er hat
sich noch bis in die letzten Tage, vielleicht Stunden, mit diesem
Manuskript beschftigt. Viele glauben, da sein Tod kein natrlicher
gewesen ist, sondern da er seinem Leben gewaltsam ein Ende gemacht hat.
Bei seinem Geisteszustand ist es nicht unwahrscheinlich, aber Gewiheit hat
man darber nicht.

Grard de Nerval hat auch schon in seinen gesunden Tagen ein sonderbares
Leben gefhrt. Nirgends blieb er lange und vor allem war es ihm zuwider in
seiner Wohnung zu schlafen. Er streifte Tage und Nchte lang rastlos in den
Straen von Paris umher, machte sich Notizen ber seine Beobachtungen und
besuchte seine Freunde, wenn er gerade an ihren Haustren vorberkam. Er
konnte es nicht ertragen, durch ein Versprechen an einen Besuch zu
bestimmter Stunde gebunden zu sein.

Er war von Haus aus nicht unvermgend, auch fiel ihm einmal eine kleine
Erbschaft zu. Da auerdem die Zeitungen und Zeitschriften ber jede Zeile
von seiner Hand froh waren, htte er leicht ein behagliches Leben im
Wohlstand fhren knnen. Aber das widerstrebte seiner Natur. Hatte er Geld,
so kaufte er oft auf Auktionen Kunstgegenstnde, die er dann bisweilen bei
irgendeinem Freund einstellte, um sie nach kurzer Zeit zu vergessen. Nur
wenn er eine Auslandreise vorhatte, vermochte er zu sparen.

Grard de Nerval war als Schriftsteller nicht gerade fleiig. Er hat sich
oft wiederholt und unter seinen dramatischen Versuchen ist nicht viel
Wertvolles zu finden. Die Gestalt des Faust, dessen Einfhrung in
Frankreich ihm so frhen Ruhm verschaffte, soll seinen Geist so ausgefllt
haben, da eigene Gestaltungsversuche stets Zge des groen Vorbildes
annahmen.

Lesenswert sind noch einige seiner Novellen, besonders aber die anschaulich
geschriebene, sehr eigenartige Erlebnisse schildernde Orientreise.

HEDWIG KUBIN.




Erster Teil




I.


DER Traum ist ein zweites Leben. Ich habe nie ohne zu schaudern durch die
Elfenbein- oder Horntore dringen knnen, die uns von der unsichtbaren Welt
scheiden. Die ersten Augenblicke des Schlafes sind das Bild des Todes. Eine
nebelhafte Erstarrung ergreift unsern Gedanken, und wir knnen den genauen
Augenblick nicht feststellen, wo das Ich in einer andern Form die Ttigkeit
des Daseins fortsetzt. Ein ungewisses unterirdisches Gewlbe erhellt sich
allmhlich und aus dem Schatten der Nacht lsen sich in ernster
Unbeweglichkeit die bleichen Figuren, welche den Vorhof der Ewigkeit
bewohnen. Dann nimmt das Bild Form an, eine neue Helligkeit erleuchtet
diese Erscheinungen in wunderlichem Spiel: -- es ffnet sich uns die Welt
der Geister.

Swedenborg nannte diese Visionen Memorabilia; er verdankte sie fter der
Trumerei als dem Schlaf; der goldene Esel des Apulejus, die gttliche
Komdie Dantes, sind die dichterischen Vorbilder dieser Studien ber die
menschliche Seele. Ich will nach ihrem Beispiel versuchen, die Eindrcke
einer langen Krankheit niederzuschreiben, die sich ganz in den Mysterien
meines Geistes abgespielt hat; -- und ich wei nicht, warum ich mich des
Ausdrucks Krankheit bediene, denn niemals habe ich mich, was mich selbst
betrifft, wohler gefhlt. Mitunter hielt ich meine Kraft und meine
Fhigkeit fr verdoppelt. Es schien mir, als wte und verstnde ich alles,
die Einbildungskraft brachte mir unendliche Wonnen. Soll man bedauern sie
verloren zu haben, wenn man das, was die Menschen Vernunft nennen,
wiedererlangt hat?

Jene vita nuova hat fr mich zwei Phasen gehabt. Diese Aufzeichnungen
beziehen sich auf die erste. -- Eine Dame, die ich lange geliebt hatte, und
die ich Aurelia nennen werde, war fr mich verloren. Die Umstnde dieses
Ereignisses, das einen so groen Einflu auf mein Leben haben sollte, sind
unwichtig. Jeder kann aus seinen Erinnerungen die herzzerreiendste
Gemtsbewegung, den frchterlichsten Schicksalsschlag der Seele
hervorsuchen; man mu sich da entschlieen zu sterben oder zu leben; -- ich
werde spter sagen, warum ich nicht den Tod gewhlt habe. Die ich liebte,
hatte mich verurteilt, ich war eines Vergehens schuldig, fr das ich keine
Verzeihung mehr erhoffen konnte; so blieb mir nichts brig, als mich den
niedrigen Betubungen zu ergeben; ich heuchelte Freude und Sorglosigkeit,
ich durchkreuzte die Welt und jagte unsinnig hinter Wechsel und Laune her;
vor allem gefielen mir die Trachten und absonderlichen Sitten entfernter
Vlkerschaften. Es war mir, als ob ich so die Vorbedingungen von Gut und
Bse verschob, die Ausdrcke sozusagen fr das was wir Franzosen Gefhl
nennen.

Welche Verrcktheit, sagte ich mir, eine Frau, die dich nicht mehr
liebt, so platonisch zu lieben! Daran ist meine Lektre schuld; ich habe
die Erfindungen der Dichter ernst genommen, und ich habe mir aus einer
gewhnlichen Persnlichkeit unseres Jahrhunderts eine Laura oder Beatrice
gemacht . . . . . . Auf zu andern Abenteuern und dieses wird bald vergessen
sein! -- Der Taumel eines frhlichen Karnevals in einer Stadt Italiens
verjagte all meine melancholischen Gedanken. Ich war so glcklich ber die
Erleichterung, die ich empfand, da ich all meinen Freunden meine Freude
mitteilte, und in meinen Briefen gab ich das als bestndigen Geisteszustand
aus, was nur fieberhafte berreizung war.

Eines Tages kam in die Stadt eine Frau von groem Ruf, die mit mir
Freundschaft schlo, und da sie gewohnt war zu gefallen und zu blenden, zog
sie mich mhelos in den Kreis ihrer Bewunderer. Nach einer
Abendgesellschaft, wo sie gleichzeitig natrlich und von einem Reiz erfllt
gewesen war, dessen Einwirkung alle sprten, fhlte ich mich in einer Weise
in sie verliebt, da ich keinen Augenblick zgern wollte an sie zu
schreiben. Ich war so glcklich, mein Herz einer neuen Liebe fhig zu
fhlen! . . . . . . Ich borgte in dieser knstlichen Begeisterung dieselben
Ausdrcke, die so kurze Zeit vorher mir gedient hatten, um eine wahrhafte
und lang empfundene Liebe zu schildern. Als der Brief abgesandt war, htte
ich ihn zurckhalten mgen, und ich begann in der Einsamkeit von dem zu
trumen, was ich eine Entweihung meiner Erinnerungen nannte. --

Der Abend gab meiner neuen Liebe den ganzen Zauber des vorhergehenden Tages
wieder. Die Dame zeigte sich empfnglich fr das, was ich ihr geschrieben
hatte, wobei sie einiges Erstaunen ber meine pltzliche Glut erkennen
lie. Ich hatte an einem Tage mehrere Grade der Gefhle bersprungen, die
man fr eine Frau mit dem Schein der Aufrichtigkeit fassen kann. Sie
gestand mir, da es sie erstaune und zugleich mit Stolz erflle. Ich
versuchte sie zu berzeugen; aber was ich ihr auch immer sagen wollte, ich
konnte in der Folge in unsern Unterhaltungen den rechten Ton meines
Briefstils nicht mehr wiederfinden, so da ich gezwungen war ihr mit Trnen
zu gestehen, da ich mich geirrt htte, indem ich sie tuschte. Meine
rhrenden Gestndnisse hatten immerhin einigen Reiz, und eine in ihrer
Milde viel strkere Freundschaft folgte auf vergebliche
Zrtlichkeitsversicherungen.



II.


SPTER begegnete ich ihr in einer anderen Stadt, wo sich die Dame befand,
die ich immer noch ohne Hoffnung liebte. Ein Zufall machte sie miteinander
bekannt, und die erste hatte zweifellos Gelegenheit, die, welche mich aus
ihrem Herzen verbannt hatte, in Hinsicht auf mich zu rhren, so da ich sie
eines Tages, als ich mich in einer Gesellschaft befand, an der auch sie
teilnahm, auf mich zukommen und mir die Hand entgegenstrecken sah. Wie soll
ich diesen Schritt und den tiefen traurigen Blick beschreiben, mit dem sie
ihren Gru begleitete? Ich glaubte darin die Verzeihung fr die
Vergangenheit zu lesen. Der gttliche Ausdruck des Mitleids gab den
einfachen Worten, die sie an mich richtete, einen unaussprechlichen Wert,
wie wenn sich etwas Religises in die Sigkeiten einer bis dahin profanen
Liebe gemischt htte und ihr den Stempel der Ewigkeit aufdrckte.

Eine gebieterische Pflicht zwang mich nach Paris zurckzukehren, aber ich
fate sogleich den Entschlu, nur wenige Tage dort zu bleiben und zu meinen
beiden Freundinnen zurckzueilen. Die Freude und die Ungeduld versetzten
mich in eine Art Betubung, die sich mit der Sorge fr die Geschfte
verwickelte, die ich zu beenden hatte. Eines Abends, gegen Mitternacht,
ging ich wieder die Vorstadtstrae entlang, wo sich meine Wohnung befand.
Als ich zufllig die Augen aufhob, erkannte ich die Nummer des Hauses, die
durch einen Gasarm erleuchtet war. Diese Zahl war die meines Alters. Gleich
darauf sah ich, als ich den Blick wieder senkte, vor mir eine Frau von
fahler Gesichtsfarbe mit hohlen Augen, die mir die Zge von Aurelia zu
haben schien. Ich sagte mir: Ihr, oder mein Tod wird mir angekndigt!
Aber ich wei nicht, warum ich bei der letzten Annahme stehen blieb und ich
erschreckte mich mit der Idee, da es am folgenden Tag um dieselbe Stunde
sein wrde.

In dieser Nacht hatte ich einen Traum, der diesen Gedanken in mir
befestigte. Ich irrte in einem weitlufigen Gebude, das aus mehreren Slen
bestand, von denen die einen dem Studium gewidmet waren, whrend die andern
der Unterhaltung oder philosophischen Diskussionen dienten. Ich blieb voll
Interesse in einem der ersten stehen, wo ich meine alten Lehrer und
Mitschler zu erkennen glaubte. Die Stunden ber die lateinischen und
griechischen Schriftsteller nahmen ihren Fortgang mit diesem eintnigen
Gemurmel, das ein Gebet zur Gttin Mnemosyne zu sein scheint. -- Ich ging
in einen andern Saal, wo philosophische Vortrge stattfanden. Ich nahm
einige Zeit teil daran, dann ging ich hinaus, um mein Zimmer in einer Art
Gasthaus mit ungeheuren Treppen zu suchen, das voll war von geschftigen
Reisenden.

Ich verirrte mich mehrere Male in den langen Gngen und als ich eine der
Mittelgalerien kreuzte, wurde ich von einem seltsamen Schauspiel
berrascht. Ein Wesen von unermelicher Gre -- ob Mann oder Frau wei ich
nicht -- hielt sich mhsam ber dem Raum in der Schwebe und schien sich
zwischen dem dichten Gewlk zu berschlagen. Da es ihm an Atem und Kraft
gebrach, fiel es endlich mitten in den dunkeln Hof, wobei es mit seinen
Flgeln am Dach und an den Balustraden bald hngen blieb und bald sich
stie.

Ich konnte es einen Augenblick betrachten. Es war in hochroten Tnen
gefrbt und seine Flgel schillerten in tausendfach wechselndem
Widerschein. In seinem langen Kleid mit antikem Faltenwurf glich es dem
Engel der Melancholie von Albrecht Drer. Ich konnte mich nicht enthalten,
Schreie des Entsetzens auszustoen, die mich pltzlich aufweckten.

Am folgenden Tag beeilte ich mich, alle meine Freunde aufzusuchen. Ich
sagte ihnen in Gedanken Lebewohl und ohne ihnen etwas von dem zu verraten,
was meinen Geist beschftigte, errterte ich mit Wrme mystische
Gegenstnde; ich erstaunte sie durch eine besondere Beredsamkeit; es kam
mir vor, als wte ich alles und als enthllten sich mir die Geheimnisse
der Welt in diesen erhabenen Stunden.

Am Abend als die verhngnisvolle Stunde sich zu nhern schien, sprach ich
mit zwei Freunden am Tisch eines Klubs ber Malerei und Musik und erklrte
von meinem Standpunkt aus die Entstehung der Farben und den Sinn der
Zahlen. Einer von ihnen, namens Paul ***, wollte mich nach Hause begleiten,
aber ich sagte ihm, da ich nicht heim ginge. Wo gehst du hin? frug er
mich. NACH DEM ORIENT. Und whrend er mich begleitete, suchte ich am
Himmel nach einem Stern, den ich zu kennen glaubte, wie wenn er einigen
Einflu auf mein Geschick htte. Nachdem ich ihn gefunden, setzte ich
meinen Weg fort und folgte den Straen, in deren Richtung er sichtbar war.
Ich ging sozusagen meinem Geschick entgegen und wollte den Stern beobachten
bis zu dem Augenblick, wo der Tod mich treffen wrde. Als ich indessen an
eine Kreuzung von drei Straen gelangt war, wollte ich nicht mehr weiter
gehen. Es schien mir, als wenn mein Freund eine bermenschliche Kraft
entfalte, um mich zu veranlassen, den Platz zu wechseln; er wuchs vor
meinen Augen und bekam die Zge eines Apostels. Ich glaubte zu sehen, wie
der Ort, wo wir uns befanden, sich erhob und die Form seines stdtischen
Aussehens verlor. Die Szene verwandelte sich in einen Hgel, den ungeheure
Einsamkeit umgab; sie zeigte den Kampf zweier Geister wie eine biblische
Versuchung.

Nein! sagte ich, ich gehre nicht deinem Himmel an. Auf diesem Stern
sind die, welche mich erwarten. Sie waren schon vor der Offenbarung, die du
angekndigt hast. La mich zu ihnen, denn die ich liebe weilt an jenem Ort
und dort sollen wir uns wiederfinden.



III.


HIER hat fr mich das begonnen, was ich das Hineinwachsen des Traums in das
wirkliche Leben nennen will. Von diesem Moment gewann alles mitunter ein
doppeltes Aussehen -- und zwar ohne da das Denken jeder Logik entbehrt und
das Gedchtnis die geringsten Einzelheiten dessen, was mir widerfuhr,
verloren htte. Nur meine scheinbar sinnlosen Handlungen waren dem
unterworfen, was man nach der menschlichen Vernunft Illusion nennt.

Der Gedanke ist mir sehr hufig gekommen, da sich in gewissen ernsten
Augenblicken des Lebens ein solcher Geist der uern Welt pltzlich in der
Gestalt einer alltglichen Person verkrperte und auf uns wirkte oder zu
wirken versuchte, ohne da diese Person Kenntnis davon hatte oder eine
Erinnerung daran bewahrte.

Mein Freund hatte mich verlassen als er sah, da seine Anstrengungen
nutzlos waren und hielt mich zweifellos fr die Beute irgendeiner fixen
Idee, die das Gehen beruhigen wrde. Als ich allein war, erhob ich mich mit
Anstrengung und machte mich wieder auf den Weg, wobei ich der Richtung des
Sternes folgte, auf den ich den Blick unaufhrlich heftete. Ich sang im
Gehen eine geheimnisvolle Hymne, deren ich mich aus einem frheren Leben zu
entsinnen glaubte und die mich mit unsglicher Freude erfllte.
Gleichzeitig legte ich meine irdischen Kleider ab und streute sie um mich
aus. Der Weg schien stets anzusteigen und der Stern grer zu werden. Dann
blieb ich mit ausgebreiteten Armen stehen und erwartete den Augenblick, wo
die magnetisch in den Strahl des Sterns gezogene Seele sich vom Krper
trennen wrde. Da fhlte ich einen Schauer; die Sehnsucht nach der Erde und
denen, die ich dort liebte, griff mir ans Herz; ich beschwor innerlich den
GEIST, der mich anzog, so inbrnstig, da es mir schien als snke ich
wieder zu den Menschen zurck; -- ich geriet unter Soldaten, die die
Nachtrunde machten. Da hatte ich die Idee, da ich sehr gro geworden sei,
und da ich durch eine Flut von elektrischen Krften alles niederwerfen
wrde, was sich mir nherte. Es war etwas Komisches in der Sorgfalt, mit
der ich meine Krfte im Zaum hielt und das Leben der Soldaten, die mich
aufgehoben hatten, verschonte.

Wenn ich nicht berzeugt wre, da es die Aufgabe eines Schriftstellers
ist, aufrichtig zu schildern, was er in den ernsten Lebensumstnden
empfindet, und wenn ich mir nicht ein Ziel steckte, das ich fr ntzlich
halte, wrde ich hier aufhren und nicht versuchen das zu beschreiben, was
ich dann in einer Reihe von vielleicht sinnlosen oder gewhnlichen,
krankhaften Visionen empfand.

Ich lag ausgestreckt auf einem Feldbett und glaubte zu sehen, wie der
Himmel sich entschleierte und sich in tausend Ausblicken von unerhrten
Herrlichkeiten ffnete. Das Schicksal der befreiten Seele schien sich mir
zu enthllen, wie um mir Bedauern darber einzuflen, da ich wieder mit
allen Krften meines Geistes auf der Erde Fu fassen wollte, die ich zu
verlassen im Begriff war. Ungeheure Kreise zeichneten sich in die
Unendlichkeit ab wie die Ringe auf dem Wasser, das der Fall eines Krpers
beunruhigt; jede Region war von strahlenden Gestalten bevlkert und frbte,
bewegte und lste sich abwechselnd auf, und eine sich immer gleiche
Gottheit warf lchelnd die heimlichen Masken ihrer verschiedenen
Inkarnationen von sich ab und floh endlich unergreifbar in die mystische
Helle des Himmels Asiens.

Dieses himmlische Gesicht machte mich durch eines jener Phnomene, die
jedermann in gewissen Trumen gefhlt hat, nicht gleichgltig gegen das,
was um mich herum vorging. Ich lag auf einem Feldbett und hrte, wie die
Soldaten sich um mich herum von einem Unbekannten unterhielten, den man wie
mich aufgegriffen hatte, und dessen Stimme in dem gleichen Saal
widerhallte. Durch eine sonderbare Vibrationswirkung schien es mir, als ob
diese Stimme in meiner Brust mitklnge, und da meine Seele sich sozusagen
verdoppelte, wobei sie sich deutlich zwischen der Vision und der
Wirklichkeit teilte. Einen Augenblick hatte ich den Gedanken mich mit
Anstrengung nach dem herumzudrehen, von dem die Rede war; dann zitterte ich
bei der Erinnerung an eine in Deutschland wohlbekannte berlieferung,
wonach jeder Mensch einen DOPPELGNGER hat, und da, wenn er ihn sieht,
sein Tod nahe sei. -- Ich schlo die Augen und kam in einen verwirrten
Geisteszustand, wo die eingebildeten oder wirklichen Gestalten, die mich
umgaben, in tausend flchtige Erscheinungen zerbarsten. Einen Augenblick
sah ich nahe bei mir zwei meiner Freunde, die nach mir fragten. Die
Soldaten wiesen auf mich; dann ffnete sich die Tr und jemand von meiner
Gestalt, dessen Gesicht ich nicht sah, ging mit meinen Freunden hinaus, die
ich vergeblich zurckrief: Aber man irrt sich! schrie ich, sie sind
gekommen, um mich zu holen und ein anderer geht mit ihnen fort! -- Ich
lrmte so, da man mich in Arrest brachte. Dort blieb ich mehrere Stunden
in einer Art Stumpfheit; endlich kamen die beiden Freunde, die ich schon ZU
SEHEN GEGLAUBT HATTE und holten mich mit einem Wagen ab. Ich erzhlte ihnen
alles, was sich ereignet hatte, aber sie leugneten, in der Nacht gekommen
zu sein. Ich a ziemlich ruhig mit ihnen zu Abend, aber je nher die Nacht
herankam, desto deutlicher schien es mir, da ich dieselbe Stunde zu
frchten htte, die mir am Abend vorher fast verhngnisvoll geworden wre.
Ich verlangte von einem von ihnen einen orientalischen Ring, den er am
Finger trug und den ich fr einen alten Talisman hielt. Ich knpfte ihn mit
einem seidenen Tuch um den Hals und bemhte mich den Stein, einen Trkisen,
auf den Punkt meines Nackens zu drehen, wo ich Schmerzen fhlte. Meiner
Ansicht nach war es dieser Punkt, bei dem die Seele zu entfliehen in Gefahr
war und zwar in dem Augenblick, wo ein gewisser Strahl des Sterns, den ich
am Vorabend gesehen hatte, in Beziehung zu mir mit dem Zenith
zusammentreffen wrde. Sei es Zufall, sei es die Wirkung meiner starken
Voreingenommenheit, ich strzte zur selben Stunde wie am Vorabend wie vom
Blitz getroffen nieder. Man legte mich auf ein Bett und whrend langer Zeit
verlor ich den Sinn und den Zusammenhang der Bilder, die sich vor mir
abrollten. Dieser Zustand dauerte mehrere Tage. Ich wurde in eine
Heilanstalt verbracht. Viele Verwandte und Freunde besuchten mich, ohne da
ich Kenntnis davon gehabt htte. Der einzige Unterschied, der fr mich
zwischen Wachen und Schlafen bestand, war, da sich whrend des Wachens
alles vor meinen Augen umformte; jede Person, die sich mir nherte, schien
verndert, die materiellen Dinge hatten etwas wie einen Halbschatten, der
ihre Form umgestaltete, und die Spiele des Lichts, die Verbindungen der
Farben lsten sich auf, so da sie mich in einer beharrlichen Folge von
miteinander verbundenen Eindrcken hielten. Dadurch, da ich trumte, waren
sie mehr von den ueren Elementen befreit und verloren nicht an
Wahrscheinlichkeit.



IV.


EINES Abends glaubte ich ganz bestimmt, an die Ufer des Rheins versetzt zu
sein. Gegenber von mir befanden sich finstere Felsen, deren Perspektive
sich im Schatten andeutete. Ich trat in ein freundliches Haus, durch dessen
weinumwachsene grne Lden ein Strahl der untergehenden Sonne fiel. Es
schien mir, als kehrte ich in eine bekannte Wohnung zurck, nmlich in die
eines Onkels mtterlicherseits, eines flmischen Malers, der seit mehr als
einem Jahrhundert tot war. Entwrfe zu Bildern waren hie und da aufgehngt,
einer davon stellte die berhmte Fee dieses Gestades dar. Eine alte Magd,
die ich Margarete nannte und die ich seit der Kindheit zu kennen whnte,
sagte zu mir: Wollen Sie sich nicht auf das Bett legen? Denn Sie kommen
von weit her, und Ihr Onkel wird spt zurckkommen; man wird Sie zum
Abendessen wecken. Ich streckte mich auf einem Bett mit Sulen aus, das
mit blauem, gro und rotgeblumtem Tuch drapiert war. Gegenber von mir hing
an der Wand eine burische Uhr und darauf sa ein Vogel, der mit mir wie
ein Mensch zu reden anhub. Und ich hatte den Gedanken, da die Seele meines
Ahnen in diesem Vogel sei; aber ich war ebensowenig erstaunt ber seine
Sprache und seine Gestalt als darber, da ich mich ein Jahrhundert
zurckversetzt sah. Der Vogel sprach zu mir von lebenden oder zu
verschiedenen Zeiten verstorbenen Familienmitgliedern, wie wenn sie
gleichzeitig existierten und sagte zu mir: Sie sehen, Ihr Onkel hat Sorge
getragen, SEIN Bildnis im voraus zu machen . . . jetzt lebt SIE mit uns.
Ich richtete die Augen auf eine Leinwand, die eine Frau in altdeutscher
Tracht darstellte, die sich ber das Fluufer beugte und den Blick auf
einen Busch Vergimeinnicht heftete.

-- Indessen wurde die Nacht immer dichter, und das Aussehen, die Laute und
die Stimmung der Orte verwischten sich in meinem schlfrigen Geist; ich
glaubte in einen Abgrund zu strzen, der die Erdkugel durchschnitt. Ich
fhlte mich schmerzlos von einem Strom geschmolzenen Metalls fortgetrieben
und tausend hnliche Flsse, deren Frbungen die chemischen
Verschiedenheiten anzeigten, durchfurchten den Scho der Erde wie die
Gefe und Adern, die sich zwischen den Gehirnlappen schlngeln. Alle
strmten, kreisten und zitterten so, und ich hatte das Gefhl, da diese
Flsse aus lebenden Seelen im Molekularzustand bestnden, und da die
Geschwindigkeit dieser Reise allein mich verhinderte ihn zu erkennen. Eine
bleiche Helligkeit zog allmhlich in diese Kanle ein und ich sah endlich
einen neuen Horizont sich wie eine gewaltige Kuppel erweitern, wo sich
Inseln abzeichneten, die von leuchtenden Fluten umgeben waren. Ich befand
mich auf einer von diesem sonnelosen Tag erleuchteten Kste, und sah einen
Greis, der das Land bestellte. Ich erkannte in ihm denselben, der mit der
Stimme des Vogels zu mir geredet hatte, und sei es, da er mit mir sprach,
sei es, da ich ihn in meinem Innern verstand, es wurde mir klar, da die
Vorfahren die Gestalt gewisser Tiere annehmen, um uns auf der Erde zu
besuchen, und da sie so als stumme Beobachter den Phasen unserer Existenz
beiwohnen.

Der Greis verlie seine Arbeit und begleitete mich bis zu seinem Haus, das
sich in der Nhe erhob. Die Landschaft, die uns umgab, erinnerte mich an
einen Teil von Franzsisch-Flandern, wo meine Eltern gelebt haben und wo
sich ihre Grber befinden; das von Gebschen umgebene Feld am Waldrand, der
benachbarte See, der Flu und der Waschplatz, das Dorf mit seiner
ansteigenden Strae, der Hgel aus dunkelm Sandstein und die Bschel aus
Ginster und Heidekraut, -- alles das war ein verjngtes Bild der Orte, die
ich geliebt habe. Nur das Haus, in das ich trat, war mir unbekannt. Ich
begriff, da es in ich wei nicht welcher Zeit bestanden hat und da in der
Welt, die ich eben besuchte, das Gespenst der Dinge das des Krpers
begleitete.

Ich trat in einen gerumigen Saal, wo viele Menschen versammelt waren.
berall entdeckte ich bekannte Gesichter. Die Zge der toten Verwandten,
die ich beweint hatte, fanden sich in anderen wieder, die mir, in
altmodischen Kleidern, denselben vterlichen Empfang bereiteten. Sie
schienen zu einer Familientafel vereinigt zu sein. Einer dieser Verwandten
kam auf mich zu und umarmte mich zrtlich. Er trug ein altertmliches
Gewand, dessen Farben verblichen schienen, und sein lchelndes Antlitz
unter den gepuderten Haaren hatte einige hnlichkeit mit dem meinen. Er
schien mir ausgesprochener lebendig zu sein als die andern und sozusagen in
freiwilligerem Rapport mit meinem Geist. -- Es war mein Onkel. Er hie mich
neben sich sitzen, und eine Art Verbindung stellte sich zwischen uns her;
denn ich kann nicht sagen, da ich seine Stimme gehrt htte; nur in dem
Mae, als ich meine Gedanken auf einen Punkt richtete, wurde mir sogleich
seine Bedeutung klar, und die Bilder wurden vor meinen Augen so bestimmt
wie belebte Gemlde.

Es ist also wahr, sagte ich mit Entzcken, wir sind unsterblich und
behalten hier die Bilder der Welt, die wir bewohnt haben. Welch ein Glck
zu denken, da alles was wir geliebt haben, immer um uns herum bestehen
wird! Ich war des Lebens recht mde! . . .

Freue dich nicht zu frh, sagte er, denn du gehrst noch der oberen Welt
an, und du hast noch rauhe Prfungsjahre zu bestehen. Der Aufenthalt, der
dich entzckt, hat selbst seine Schmerzen, Kmpfe und Gefahren! Die Erde,
die wir bewohnt haben, ist stets der Schauplatz, wo sich unsere Geschicke
knpfen und lsen; wir sind die Strahlen des zentralen Feuers, das sie
belebt und das sich schon abgeschwcht hat . . . . -- Ach was! sagte
ich, die Erde knnte sterben und wir wrden von dem Nichts verschlungen?
-- Das Nichts, sagte er, besteht nicht in dem Sinn wie man es meint;
aber die Erde ist selbst ein materieller Krper, dessen geistiger Extrakt
die Seele ist. Die Materie kann nicht mehr zugrund gehen als der Geist,
aber sie kann sich verndern nach dem Guten und nach dem Bsen. Unsre
Vergangenheit und unsre Zukunft sind eins. Wir leben in unsrer Rasse und
unsre Rasse lebt in uns.

Dieser Gedanke leuchtete mir sogleich ein, und wie wenn sich die Mauern des
Saales auf unendliche Perspektiven geffnet htten, schien es mir als she
ich eine ununterbrochene Kette von Mnnern und Frauen, in denen ich
enthalten war und die ich selbst waren. Die Trachten aller Vlker, die
Bilder aller Lnder erschienen gleichzeitig deutlich, wie wenn sich meine
Beobachtungsfhigkeiten vervielfacht htten, ohne sich zu verwirren; dies
geschah durch ein Wunder des Raums gleich dem der Zeit, das ein Jahrhundert
voll Taten in eine Traumminute zusammenpret. Mein Befremden wuchs als ich
sah, da diese ungeheure Menge nur aus Personen bestand, die sich im Saal
befanden und deren Bilder sich vor meinen Augen in tausend flchtigen
Erscheinungen getrennt und verbunden hatten.

Wir sind sieben, sagte ich zu meinem Onkel.

Das ist tatschlich, sagte er, die typische Zahl jeder menschlichen
Familie und im Falle der Ausdehnung sieben mal sieben oder mehr.

Ich kann nicht hoffen, diese Antwort verstndlich zu machen, die fr mich
selbst sehr dunkel geblieben ist. Die Metaphysik versorgte mich nicht mit
Ausdrcken fr die Beobachtung, die von den Beziehungen dieser Personenzahl
zur allgemeinen Harmonie herrhrte. Man begreift wohl im Vater und der
Mutter die Analogie der elektrischen Naturkrfte, aber wie soll man die
individuellen Zentren feststellen, die sie ausstrmen, wovon sie ausstrmen
wie eine animische Gesamtfigur, deren Zusammensetzung gleichzeitig
mannigfaltig und begrenzt wre? Geradesogut knnte man von der Blume
Rechenschaft fordern fr die Zahl ihrer Bltenbltter oder fr die
Einteilung ihrer Krone, . . . . von der Erde fr die Formen, die sie
bildet, von der Sonne fr die Farben, die sie schafft.



V.


ALLES um mich herum wechselte seine Gestalt. Der Geist, mit dem ich mich
unterhielt, hatte nicht mehr dasselbe Aussehen. Es war ein junger Mann, der
von nun an mehr von mir die Gedanken erhielt, als da er sie mir mitteilte
. . . War ich zu weit in jene Hhen gestiegen, wo einen der Schwindel
erfat? Ich glaubte zu verstehen, da solche Fragen dunkel oder gefhrlich
seien selbst fr die Geister der Welt, die ich damals wahrnahm. Vielleicht
untersagte mir auch eine hhere Macht die Nachforschungen. Ich sah mich in
den Straen einer stark bevlkerten, unbekannten Stadt umherirren. Ich
bemerkte, da sie von hgeligen Rcken durchzogen und von einem ganz mit
Wohnsttten bedeckten Berg beherrscht war. Zwischen dem Volk dieser
Hauptstadt unterschied ich gewisse Menschen, die einer besonderen Nation
anzugehren schienen; ihre lebhaften, entschlossenen Mienen, der energische
Ausdruck ihrer Zge veranlaten mich, an die unabhngigen und kriegerischen
Gebirgs- oder Inselvlker zu denken, die wenig von Fremden besucht werden;
indessen war es mitten in einer groen Stadt, mit einer gemischten und
gewhnlichen Bevlkerung, wo sie ihre wilde Eigenart aufrecht zu erhalten
wuten. Wer waren denn diese Menschen? Mein Fhrer lie mich abschssige
und lrmvolle Straen erklimmen, die von den verschiedenartigen Geruschen
der Ttigkeit widerhallten. Wir stiegen noch lange Reihen von Treppen
empor, hinter welchen sich die Aussicht erschlo.

Hie und da sah man mit Gitterwerk bekleidete Terrassen, kleine, in
geebneten Zwischenrumen angelegte Grtchen, Dcher, leicht gebaute
Pavillons, die mit launiger Geduld bemalt und ausgehauen waren;
Fernsichten, die durch lange Streifen von kletterndem Grn miteinander
verbunden waren, verfhrten das Auge und erfreuten den Geist wie der
Anblick einer kstlichen Oase einer unbekannten Einsamkeit oberhalb der
Wirrnis jener von unten kommenden Gerusche, die hier nur mehr ein Gemurmel
waren. Man hat oft von gechteten Vlkern gesprochen, die im Schatten der
Totenstdte und der Grfte leben. Hier war zweifellos das Gegenteil der
Fall. Ein glckliches Geschlecht hatte sich diesen Zufluchtsort geschaffen,
den Vgel, Blumen, reine Luft und Helle liebten. Das sind, sagte mir mein
Fhrer, die alten Bewohner dieser Berge, die die Stadt beherrschen, in der
wir eben weilen. Lange haben sie hier gelebt, hatten einfache Sitten,
liebten sich und waren gerecht und behielten die natrlichen Tugenden der
ersten Erdentage. Das benachbarte Volk ehrte sie und richtete sich nach
ihnen.

Von dem Punkt, wo ich mich eben befand, stieg ich meinem Fhrer folgend
hinunter und gelangte in eine dieser hohen Behausungen, deren vereinte
Dcher einen so sonderbaren Anblick boten. Es schien mir, als ob meine Fe
sich in die aufeinanderfolgenden Schichten der Gebude verschiedener
Zeitalter eingrben. Diese Gespenster der Bauten deckten immer wieder
andere auf, wo sich der eigentmliche Geschmack jedes Jahrhunderts zeigte
und das war wie der Anblick von Nachgrabungen, die man in den antiken
Stdten vornimmt, auer da alles luftig, lebendig und von tausend Lichtern
durchspielt war.

Endlich befand ich mich in einem gerumigen Zimmer, wo ich einen Greis vor
einem Tisch mit ich wei nicht was fr einem Handwerk beschftigt sah. Im
Augenblick, als ich die Tr durchschritt, bedrohte mich ein weigekleideter
Mann, dessen Gesicht ich schlecht unterschied, mit einer Waffe, die er in
der Hand hielt; aber der, welcher mich geleitete, machte ihm ein Zeichen
sich zu entfernen. Es schien, als wolle man mich verhindern, das Geheimnis
dieser Abgeschiedenheit zu durchdringen. Ohne meinen Fhrer zu fragen,
begriff ich intuitiv, da diese Hhen und gleichzeitig diese Tiefen der
Zufluchtsort der primitiven Bergbewohner waren. Sie trotzten stets der
berschwemmenden Flut der Rassenanhufung und lebten hier einfach von
Sitten, liebend und gerecht, geschickt, stark und erfinderisch, -- und als
friedfertige Besieger der blinden Massen, die so oft ihr Erbteil berfallen
hatten.

Wie? weder verderbt, noch vernichtet, noch Sklaven, rein, obwohl sie die
Unwissenheit besiegt haben, im Wohlstand von den Tugenden der Armut
erfllt! -- Ein Kind ergtzte sich am Boden mit Kristallen, Muscheln und
gravierten Steinen und machte zweifellos aus dem Studium ein Spiel. Eine
bejahrte aber noch schne Frau beschftigte sich mit den Sorgen des
Haushalts. In diesem Augenblick traten mehrere junge Leute lrmend ein, als
ob sie von ihren Arbeiten heimkehrten. Ich war erstaunt, sie alle in Wei
gekleidet zu sehen; aber das war, wie es scheint, nur eine Tuschung meiner
Augen. Um mir das klar zu machen, begann mein Fhrer ihre Kleidung als
lebhaft farbig zu beschreiben, wobei er mir zu verstehen gab, da sie in
Wirklichkeit so wre. Das Wei, das mich befremdete, kam vielleicht von
einem besonderen Glanz, von einem Lichterspiel, wobei sich die gewhnlichen
Farben des Prismas vermischten.

Ich ging aus dem Zimmer und befand mich auf einer in einen Ziergarten
verwandelten Terrasse. Hier gingen junge Mdchen und Kinder spazieren und
spielten. Ihre Kleider erschienen mir wei wie die andern, aber sie waren
mit rosa Stickereien verziert. Diese Geschpfe waren so schn, ihre Zge so
lieblich und der Glanz ihrer Seele leuchtete so lebhaft durch ihre zarten
Formen, da sie alle eine Art Liebe ohne Bevorzugung und ohne Begierde
einflten, die den ganzen Taumel der grenzenlosen Jugendleidenschaften
zusammenfate.

Ich kann das Gefhl nicht wiedergeben, das ich inmitten dieser entzckenden
Wesen empfand, die mir teuer waren, ohne da ich sie kannte. Es war wie
eine primitive und himmlische Familie, deren lchelnde Augen die meinen mit
sanfter Teilnahme suchten; ich fing an heie Trnen zu weinen, wie in
Erinnerung an ein verlorenes Paradies. Da fhlte ich bitter, da ich nur
Reisender in dieser zugleich fremden und geliebten Welt war, und ich
zitterte bei dem Gedanken, da ich ins Leben zurckkehren msse. Umsonst
drngten sich die Frauen und Kinder um mich wie um mich zurckzuhalten.
Schon verschmolzen ihre hinreienden Formen in wirren Nebeln; diese schnen
Gesichter erbleichten, diese bestimmten Zge, diese schimmernden Augen
verloren sich in einem Schatten, wo noch der letzte Strahl des Lchelns
leuchtete . . . . . .

So war diese Vision oder so waren wenigstens die Haupteinzelheiten, die ich
in Erinnerung behalten habe. Der kataleptische Zustand, in dem ich mich
mehrere Tage lang befunden hatte, wurde mir wissenschaftlich erklrt und
die Berichte derer, die mich so gesehen hatten, versetzten mich in eine Art
Gereiztheit als ich sah, da man der Geistesverirrung die Bewegungen und
Worte zuschrieb, die fr mich mit den verschiedenen Phasen einer logischen
Kette von Ereignissen zusammenfielen. Ich liebte mehr die meiner Freunde,
die aus geduldiger Geflligkeit oder in Folge hnlicher Gedanken mich zu
langen Erzhlungen der Dinge veranlaten, die ich im Geist gesehen hatte.
Einer von ihnen sagte weinend zu mir: Nicht wahr, es gibt einen Gott? --
Ja, sagte ich voll Begeisterung zu ihm. Und wir umarmten uns wie zwei
Brder dieses mystischen Vaterlandes, das ich geschaut hatte. -- Welches
Glck fand ich zuerst in dieser berzeugung! So war der ewige Zweifel an
der Unsterblichkeit der Seele, der die besten Geister angreift, fr mich
entschieden. Kein Tod mehr, keine Traurigkeit, keine Unruhe! Die, welche
ich liebte, Eltern, Freunde gaben mir sichere Zeichen ihres ewigen Lebens,
und ich war von ihnen nur noch durch die Stunden des Tages getrennt. Die
der Nacht erwartete ich in einer sanften Schwermut.



VI.


EIN Traum, den ich auerdem hatte, bestrkte mich in diesem Gedanken. Ich
befand mich pltzlich in einem Saal, der zu der Wohnung meines Ahnen
gehrte. Der Raum schien sich nur vergrert zu haben. Die alten Mbel
strahlten in wunderbarem Glanz, die Teppiche und die Vorhnge waren wie neu
hergestellt, ein Tageslicht, dreimal leuchtender als der natrliche Tag,
drang durch Fenster und Tr und in der Luft lag eine Frische und ein Duft
wie an einem ersten lauen Frhlingsmorgen. Drei Frauen arbeiteten in diesem
Zimmer und stellten ohne ihnen genau zu gleichen Verwandte und Freundinnen
meiner Jugend vor. Es schien mir, als wenn jede von ihnen die Zge von
mehreren dieser Personen in sich vereinte. Die Umrisse ihrer Gestalten
wechselten wie die Flamme einer Lampe und jeden Augenblick ging etwas von
der einen in die andere ber; das Lcheln, die Stimme, die Farbe der Augen,
des Haars, die Gestalt, die vertrauten Bewegungen vertauschten sich wie
wenn sie dasselbe Leben gelebt htten, und jede war so eine Zusammensetzung
von allen, gleich jenen Typen, die die Maler nach mehreren Modellen bilden,
um eine vollendete Schnheit darzustellen.

Die lteste sprach zu mir mit zitternder, melodischer Stimme, die mir aus
meiner Jugend bekannt vorkam, und ich wei nicht, was sie zu mir sagte, was
mich durch seine tiefe Richtigkeit verblffte. Aber sie lenkte meine
Gedanken auf mich selbst, und ich sah mich in einen kleinen, braunen Anzug
von altertmlichem Schnitt gekleidet, der ganz mit der Nadel gewirkt war
und dessen Fden so fein waren wie Spinneweben. Er war gefllig, zierlich
und mit sen Dften getrnkt. Ich fhlte mich ganz verjngt und ganz
geputzt in diesem Kleidungsstck, das aus ihren Feenhnden hervorging und
ich dankte ihnen errtend, wie wenn ich noch ein kleines Kind gewesen wre,
das vor groen, schnen Damen steht. Da stand eine von ihnen auf und wand
sich nach dem Garten.

Jeder wei, da man in Trumen nie die Sonne sieht, obwohl man oft die
berzeugung einer viel intensiveren Helligkeit hat. Die Gegenstnde und die
Krper leuchten aus sich selbst. Ich sah mich in einem kleinen Park, wo
sich die Spaliere zu Bogenlauben formten, die mit schweren schwarzen und
weien Weintrauben behngt waren; in dem Mae, als die Dame, welche mich
fhrte, unter diesem Laubengang vorwrts ging, vernderte der Schatten der
gekreuzten Gitter fr meine Augen seine Formen und seine Umhllung. Sie kam
endlich darunter hervor und wir befanden uns in einem offenen Raum. Darin
bemerkte man kaum noch die Spur alter Wandelgnge, die ihn frher
kreuzweise durchschnitten hatten. Die Pflege war seit langen Jahren
vernachlssigt und verstreute Setzlinge von Klematis, Hopfen, Geiblatt,
Jasmin, Efeu und Osterluzei verbreiteten zwischen den krftig gewachsenen
Bumen ihre langen lianenartigen Schlingen. Zweige neigten sich mit
Frchten beladen bis zur Erde und zwischen schmarotzerhaft wuchernden
Grasbndeln waren einige Gartenblumen aufgeblht, die in den Zustand der
Verwilderung zurckgefallen waren. Hie und da erhoben sich dichte Gruppen
von Pappeln, Akazien und Fichten, aus deren Innern man altersgeschwrzte
Statuen hervorschauen sah. Ich bemerkte vor mir eine Anhufung von Felsen,
die mit Efeu bewachsen waren, aus denen ein lebhafter Quell entsprang,
dessen harmonisches Gepltscher in einem Bassin von stehendem Wasser
widerhallte, das mit breiten Seerosenblttern halb verschleiert war.

Die Dame, der ich folgte, enthllte ihre schlanke Gestalt mit einer
Bewegung, welche die Falten ihres schillernden Taftkleides schimmern lie,
und umfate grazis mit ihrem nackten Arm den langen Stengel einer
Stockrose; dann fing sie unter einem klaren Lichtschein zu wachsen an, so
da nach und nach der Garten ihre Gestalt annahm, und die Blumenbeete und
Bume, die Rosetten und Girlanden ihre Kleider wurden, whrend ihre Gestalt
und ihre Arme ihre Umrisse den purpurnen Himmelswolken ausprgten. So
verlor ich sie in dem Ma, wie sie sich verwandelte, aus den Augen, denn
sie schien sich in ihrer eigenen Gre zu verflchtigen. O, fliehe nicht,
rief ich aus, denn die Natur stirbt mit dir!

Als ich diese Worte sprach, schritt ich mhselig zwischen den Dornen, wie
um den vergrerten Schatten, der mir entschlpft war, zu ergreifen; aber
ich stie an eine beschdigte Mauerecke, an deren Fu die Bste einer Frau
lag; als ich sie aufhob, hatte ich die berzeugung, da es die ihre sei
. . . Ich erkannte die geliebten Zge wieder und als ich die Augen
herumschweifen lie, merkte ich, da der Garten jetzt wie ein Friedhof
aussah. Stimmen sagten: Das Weltall ist in der Nacht!



VII.


NACH diesem Traum, der anfangs so glcklich war, bemchtigte sich meiner
eine groe Bestrzung. Was bedeutete er? Ich wute es erst spter, Aurelia
war tot.

Zuerst bekam ich nur die Nachricht von ihrer Krankheit. Als Folge meines
Geisteszustands empfand ich nur einen unbestimmten, mit Hoffnung gemischten
Kummer. Ich glaubte, da ich selbst nur noch kurze Zeit zu leben htte und
war von nun an des Vorhandenseins einer Welt sicher, wo die liebenden
Herzen sich wiederfinden. brigens gehrte sie mir im Tode viel mehr als im
Leben . . . ein selbstschtiger Gedanke, den mein Verstand spter mit
bitterer Reue bezahlen mute.

Ich mchte nicht zu sehr auf Ahnungen bauen; der Zufall macht sonderbare
Sachen; aber ich war damals stark von einer Erinnerung an unsre so rasche
Vereinigung beschftigt. Ich hatte ihr einen Ring von alter Arbeit gegeben,
dessen Stein ein herzfrmig geschnittener Opal bildete. Da dieser Ring fr
ihren Finger zu gro war, hatte ich die verhngnisvolle Idee gehabt, ihn
durchschneiden zu lassen, um den Reif zu verkleinern. Ich verstand meinen
Fehler erst, als ich das Gerusch der Sge hrte. Es schien mir, als she
ich Blut flieen . . . . .

Sorgfalt und Kunst hatten mir die Gesundheit wiedergegeben, ohne noch in
meinen Geist den regelmigen Gang der menschlichen Vernunft zurckgefhrt
zu haben. Das Haus, in dem ich mich befand, lag auf einer Anhhe und hatte
einen weitlufigen mit kostbaren Bumen bepflanzten Garten. Die reine Luft
des Hgels, auf dem es lag, der erste Hauch des Frhlings, die
Annehmlichkeit einer durchaus sympathischen Gesellschaft verschafften mir
lange Tage der Ruhe.

Die ersten Bltter der Sykomoren entzckten mich durch die Lebhaftigkeit
ihrer Farben, die dem Federbusch eines Pharaohahns glichen. Die Aussicht,
die sich ber die Ebene erstreckte, zeigte vom Morgen bis zum Abend
entzckende Horizonte, deren abgestufte Farbentne meine Einbildungskraft
erfreuten. Ich bevlkerte die Abhnge und die Wolken mit gttlichen
Gestalten, deren Umrisse ich deutlich zu sehen meinte. -- Ich wollte meine
Lieblingsgedanken besser festhalten und bedeckte bald mit Hilfe von Kohle-
und Ziegelstckchen, die ich auflas, die Mauern mit einer Serie von
Fresken, wo sich meine Eindrcke verwirklichten. Eine Gestalt herrschte
immer vor: die Aurelias, die mit den Zgen einer Gttlichkeit gemalt war,
so wie sie mir im Traum erschienen war. Unter ihren Fen drehte sich ein
Rad und die Gtter bildeten ihren Zug. Es gelang mir, diese Gruppe zu
kolorieren, indem ich den Saft der Grser und Blumen ausprete. -- Wie oft
habe ich vor diesem geliebten Idol getrumt. Ich tat noch mehr; ich
versuchte den Krper derer, die ich liebte, aus Erde nachzubilden; jeden
Morgen mute ich meine Arbeit wieder machen, denn die Verrckten, die
eiferschtig auf mein Glck waren, gefielen sich darin, sein Bild zu
zerstren.

Man gab mir Papier und lange Zeit hindurch befleiigte ich mich durch
tausend Figuren, die von Erzhlungen, von Versen und Inschriften in allen
bekannten Sprachen begleitet waren, eine Art Weltgeschichte darzustellen,
die mit Erinnerungen an Studien und mit Bruchstcken von Trumen vermischt
war, die durch meinen Geisteszustand intensiver oder verlngert erschienen.
Ich blieb nicht bei den modernen berlieferungen der Schpfung stehen. Mein
Gedanke stieg darber hinaus. Ich sah wie in einer Erinnerung den ersten
Bund, der von Genien mit Hilfe von Talismanen geschlossen wurde. Ich hatte
versucht, die Steine der heiligen Tafelrunde zusammenzustellen, und um sie
herum die sieben ersten Elohim darzustellen, die sich in die Welt geteilt
haben.

Dieses System der Geschichte, die ich den orientalischen berlieferungen
entnahm, fing mit der glcklichen Einigung der Naturmchte an, die das
Weltall gestalteten und organisierten. -- Whrend der Nacht, die meiner
Arbeit voranging, glaubte ich mich auf einen dunkeln Planeten versetzt, wo
die ersten Keime der Schpfung umherschwirrten. Aus dem Scho des noch
weichen Tons erhoben sich riesenhafte Palmbume, giftige Euphorbien und um
Kakteen gewundene Akanthusstauden; die ausgetrockneten Formen der Felsen
strzten hervor wie Skelette dieses Schpfungsentwurfs und scheuliche
Reptilien schlngelten sich, machten sich breit oder rundeten sich mitten
in diesem unentwirrbaren Netz einer wilden Vegetation. Das bleiche
Sternenlicht erhellte allein die blulichen Perspektiven dieses seltsamen
Horizonts; in dem Ma jedoch, als diese Schpfungen Form gewannen, zog ein
hellerer Stern aus ihnen die Keime des Lichts.



VIII.


DANN vernderten die Ungeheuer ihre Gestalt, streiften ihre erste Haut ab
und richteten sich mit ihren riesenhaften Tatzen mchtiger auf; die
ungeheure Masse ihrer Krper zerbrach die Zweige und zerstrte das Gras und
in der Unordnung der Natur lieferten sie Schlachten, an denen ich selbst
teilnahm, denn ich hatte einen ebenso sonderbaren Krper wie sie selbst.
Pltzlich tnte eine seltsame Harmonie in unsere Einsamkeit und es schien
als ob das verwirrte Schreien, Heulen und Pfeifen der primitiven Wesen
hinfort in diese gttliche Weise berginge. Die Variationen folgten
einander ins Unendliche, der Planet erhellte sich allmhlich, gttliche
Formen zeichneten sich auf dem Grn und in den Tiefen der Gebsche ab, und
die nun zahmen Ungeheuer, die ich gesehen hatte, warfen ihre sonderbaren
Formen von sich und wurden Mnner und Frauen; andere bekleideten sich in
ihren Verwandlungen wieder mit den Gestalten von wilden Tieren, Fischen und
Vgeln.

Wer hatte wohl dieses Wunder vollbracht? Eine strahlende Gttin fhrte in
diese neuen Avatars die rasche Entwicklung der Menschheit. Es wurde jetzt
eine Unterscheidung der Rassen eingefhrt, die von der Ordnung der Vgel
ausging und auch die Vierfler, die Fische und die Reptilien mitinbegriff:
das waren die Devas, die Peris, die Undinen und die Salamander; jedesmal
wenn eines dieser Wesen starb erstand es sogleich wieder unter schnerer
Form und sang den Ruhm der Gtter. -- Indessen hatte einer der Elohim den
Gedanken, ein fnftes Geschlecht zu grnden, das sich aus den Elementen der
Erde zusammensetzen sollte, das man Afriten nannte. -- Das war das Zeichen
zu einer vollstndigen Umwlzung unter den Geistern, die die neuen
Weltbesitzer nicht anerkennen wollten. Ich wei nicht, wieviel tausend
Jahre diese Kmpfe dauerten, die den Erdball mit Blut berschwemmten. Drei
der Elohim wurden schlielich mit den Geistern ihrer Geschlechter nach dem
Sden der Erde verbannt, wo sie ungeheure Reiche grndeten. Sie hatten die
Geheimnisse der gttlichen Kabbala, die die Welten verbindet, mit sich
genommen und nahmen ihre Kraft aus der Anbetung gewisser Gestirne, mit
denen sie stets in Verbindung stehen. Diese Nekromanten, die an die
uersten Grenzen der Erde verbannt wurden, hatten sich verstndigt, um
einander die Macht zu bertragen. Jeder ihrer Herrscher war von Frauen und
Sklaven umgeben und hatte sich der Macht versichert, unter der Gestalt
seiner Kinder wiedergeboren zu werden. Ihr Leben whrte tausend Jahre.
Mchtige Kabbalisten schlossen sie beim Herannahen ihres Todes in
wohlbewachte Grabsttten ein, wo sie mit Elixieren und lebenerhaltenden
Stoffen ernhrt wurden. Lange noch behielten sie den Anschein des Lebens,
dann schliefen sie vierzig Tage wie die Schmetterlingspuppe, die ihren
Kokon spinnt, und dann erstanden sie wieder unter der Gestalt eines kleinen
Kindes, das spter in das Reich berufen wurde. Indessen erschpften sich
die lebenspendenden Krfte der Erde beim Ernhren dieser Familien, deren
immer gleiches Blut neue Nachkommen gebar. In weiten unterirdischen
Gewlben, die unter Totengrften und Pyramiden ausgehhlt waren, hatten sie
alle Schtze der vergangenen Geschlechter aufgehuft und gewisse Talismane,
die sie gegen den Zorn der Gtter schtzten, versteckt.

Im Innern Afrikas, jenseits des Mondgebirges und des alten thiopien fanden
diese seltsamen Mysterien statt. Lange hatte ich mit einem Teil des
Menschengeschlechts in der Gefangenschaft geseufzt. Die Gestruche, die ich
so grn gesehen, trugen nur mehr bleiche Blten und welke Bltter. Eine
unerbittliche Sonne fra diese Gegenden, und die schwchlichen Kinder
dieser ewigen Dynastien schienen von der Brde des Lebens niedergedrckt zu
sein. Diese erhabene und einfrmige Gre, die durch die Etikette und
hieratische Gebruche geregelt war, drckte alle, ohne da jemand gewagt
htte, sich ihr zu entziehen. Die Greise schmachteten unter dem Gewicht
ihrer Kronen und ihrer kaiserlichen Schmuckstcke zwischen rzten und
Priestern, deren Willen ihnen die Unsterblichkeit sicherte. Was das Volk
betrifft, das fr immer in Kasten eingezwngt war, so konnte es weder auf
das Leben noch auf die Freiheit zhlen. Am Fue der vom Tod getroffenen,
unfruchtbaren Bume, an den versiegten Quellen, sah man auf dem verbrannten
Gras Kinder und junge, entnervte und farblose Frauen dahinsiechen. Die
Pracht der kniglichen Gemcher, die Majestt der Sulenhallen, der Glanz
der Kleider und des Schmucks waren nur ein schwacher Trost fr die ewige
Langweile dieser Einsamkeit. Bald wurden die Vlker durch Krankheiten
dezimiert, die Tiere und Pflanzen starben, und die Unsterblichen selbst
verfielen unter ihren prchtigen Gewndern. Eine Geiel, die grer war als
alle andern, kam pltzlich und verjngte und rettete die Welt. Das
Sternbild des Orion erffnete am Himmel die Katarakte der Gewsser; die
Erde, die vom Eise des entgegengesetzten Pols zu stark belastet war, machte
eine halbe Drehung um sich selbst, und die Meere, die die Gestade
berstiegen, berfluteten die Hochebenen Afrikas und Asiens; die
berschwemmung durchdrang den Sand, erfllte die Grber und die Pyramiden
und vierzig Tage lang schwamm eine geheimnisvolle Arche auf den Meeren und
trug die Hoffnung einer neuen Schpfung.

Drei der Elohim hatten sich auf den hchsten Gipfel der afrikanischen Berge
geflchtet. Unter ihnen wurde ein Kampf ausgefochten. Hier verwirrt sich
mein Gedchtnis und ich wei nicht, was das Ergebnis dieses erhabenen
Streites war. Nur sehe ich noch aufrecht auf einem von Wasser umsplten
Gipfel ein von ihnen verlassenes Weib, das mit aufgelstem Haar schreit und
sich gegen den Tod wehrt. Ihre Klagerufe bertnten den Lrm der Wasser
. . . . Wurde sie gerettet? Ich wei es nicht. Die Gtter, ihre Brder,
hatten sie verdammt, aber ber ihrem Haupt glnzte der Abendstern, der
seine Flammenstrahlen ber ihre Stirn ergo.

Die unterbrochene Hymne der Erde und der Himmel hallte harmonisch wieder,
um die Eintracht der neuen Geschlechter zu weihen. Und whrend die Shne
Noahs mhsam unter den Strahlen einer neuen Sonne arbeiteten, bewachten die
in ihren unterirdischen Gewlben kauernden Nekromanten immer noch ihre
Schtze und gefielen sich in dem Schweigen der Nacht. Hie und da kamen sie
schchtern aus ihren Zufluchtssttten und erschreckten die Lebenden oder
verbreiteten unter den Bsen die verderblichen Lehren ihres Wissens.

Das sind die Erinnerungen, die ich in einer Art unklarer Intuition der
Vergangenheit schilderte: ich schauderte, indem ich die scheulichen Zge
dieser verfluchten Geschlechter darstellte. berall starb, weinte oder
seufzte das Leidensbild der Ewigen Mutter. Quer durch die wirren
Zivilisationen Asiens und Afrikas sah man eine blutige Szene von Orgien und
Gemetzel sich stets wiederholen, die von denselben Geistern in immer neuen
Formen hervorgebracht wurden.

Die letzte fand in Granada statt, wo der geheiligte Talisman unter den
feindlichen Krpern der Christen und der Mauren zertrmmert wurde. Wieviel
Jahre wird die Welt noch zu leiden haben, denn die Rache dieser ewigen
Feinde mu sich unter andern Himmeln erneuern! Das sind die abgeteilten
Stcke der Schlange, die den Erdkreis umgibt . . . . . Das Eisen hat sie
getrennt und sie vereinigen sich in einem scheulichen, mit Menschenblut
verklebten Ku. --



IX.


SO waren die Bilder, die sich der Reihe nach vor meinen Augen zeigten. Nach
und nach war wieder Ruhe ber meinen Geist gekommen und ich verlie diese
Wohnsttte, die fr mich ein Paradies war; verhngnisvolle Umstnde
bereiteten lange nachher einen Rckfall vor, der an die unterbrochene
Reihenfolge dieser seltsamen Trume wieder anknpfte. --

Ich ging auf dem Land spazieren mit einer Arbeit beschftigt, die sich auf
religise Gedanken bezog. Als ich an einem Haus vorberging, hrte ich
einen Vogel, der einige Worte nachsprach, die man ihn gelehrt hatte, aber
sein verwirrtes Geschwtz schien mir einen Sinn zu haben; er erinnerte mich
an den Vogel der Vision, die ich weiter oben erzhlt habe, und ich fhlte
einen Schauder von bler Vorbedeutung. Einige Schritte weiter begegnete ich
einem Freund, den ich lange nicht gesehen hatte, und der in einem
Nachbarhause wohnte. Er wollte mich sein Besitztum sehen lassen und bei
diesem Besuch fhrte er mich auf eine erhhte Terrasse, von wo aus sich ein
weiter Ausblick erffnete. Es war bei Sonnenuntergang. Als ich eine
lndliche Treppe hinunterstieg, machte ich einen Fehltritt und stie mit
der Brust an die Kante eines Mbels. Ich hatte Kraft genug aufzustehen und
bis in die Mitte des Gartens zu strzen; ich glaubte ich sei zu Tode
getroffen und wollte vor dem Sterben einen letzten Blick auf die
untergehende Sonne werfen. Mitten in dem Bedauern, das ein solcher
Augenblick mit sich bringt, fhlte ich mich glcklich so zu sterben, zu
dieser Stunde, inmitten der Bume, der Traubengelnder und der
Herbstblumen. Es war indessen nur eine Ohnmacht, nach welcher ich noch die
Kraft fand meine Wohnung zu erreichen und zu Bett zu gehen. Fieber ergriff
mich; als ich mich besonnen hatte, von welcher Stelle ich gefallen war,
erinnerte ich mich, da die Aussicht, die ich bewundert hatte, auf einen
Friedhof ging und zwar auf denselben, auf dem sich das Grab Aurelias
befand. Ich dachte wirklich erst jetzt daran, sonst knnte ich meinen Fall
dem Eindruck zuschreiben, den dieser Anblick in mir htte hervorrufen
knnen. Gerade das brachte mich auf den Gedanken an ein bestimmteres
Verhngnis. Um so mehr bedauerte ich, da der Tod mich nicht mit ihr
vereint hatte. Dann, als ich darber nachdachte, sagte ich mir, da ich
dessen nicht wrdig sei. Ich stellte mir verbittert das Leben vor, das ich
seit ihrem Tod gefhrt hatte, und warf mir vor, nicht etwa sie vergessen zu
haben, was nicht geschehen war, sondern da ich durch leichte Liebschaften
ihr Andenken geschndet hatte. Mir kam der Gedanke, den Schlaf zu befragen.
Aber IHR Bild, das mir oft erschienen war, kehrte in meinen Trumen nicht
wieder. Ich hatte zuerst nur verwirrte, mit blutigen Szenen vermischte
Trume. Es schien als ob ein ganzes unglckseliges Geschlecht inmitten der
idealen Welt entfesselt wre, die ich frher erblickt hatte und deren
Knigin sie war.

Derselbe Geist, der mich bedroht hatte, als ich in die Wohnung dieser
reinen Familie trat, die die Hhen der geheimnisvollen Stadt bewohnten,
-- glitt vor mir her und zwar nicht mehr in dem weien Gewand, das er
ehemals so wie die andern seiner Rasse trug, sondern gekleidet wie ein
orientalischer Prinz. Ich strzte auf ihn zu und bedrohte ihn, aber er wand
sich ruhig zu mir. Welches Entsetzen! Welche Wut! es war MEIN Gesicht, es
war meine ganze idealisierte und vergrerte Gestalt . . . Da erinnerte ich
mich des Menschen, der in derselben Nacht wie ich arretiert worden war und
den man wie ich dachte unter meinem Namen von der Wache fortgefhrt hatte,
als meine zwei Freunde gekommen waren, um mich zu holen. Er trug in der
Hand eine Waffe, deren Form ich schlecht unterschied, und einer von denen,
die ihn begleiteten, sagte: Damit hat er ihn getroffen!

Ich wei nicht, wie ich auseinandersetzen soll, da in meinen Gedanken die
irdischen Ereignisse mit denen der bernatrlichen Welt zusammenfallen
konnten; das ist leichter zu fhlen als klar auszudrcken.[*] Aber wer war
wohl dieser Geist, der ICH war und der auch AUSSER MIR war? War er der
Doppelgnger der Legenden oder der mystische Bruder, den die Orientalen
Ferwer nennen?

War ich nicht berrascht gewesen von der Geschichte jenes Ritters, der eine
ganze Nacht in einem Wald gegen einen Unbekannten kmpfte, der er selbst
war? Wie dem auch sei, ich glaube, da die menschliche Einbildungskraft
nichts erfunden hat, was nicht in dieser oder einer andern Welt wahr ist,
und ich konnte nicht an dem zweifeln, was ich deutlich GESEHEN hatte.

Ein schrecklicher Gedanke berkam mich: der Mensch ist doppelt, sagte ich
mir. Ich fhle zwei Menschen in mir, hat ein Kirchenvater geschrieben.
Das Zusammentreffen zweier Seelen hat diesen gemischten Keim in einen
Krper gelegt, der selbst dem Blick zwei hnliche Teile darbietet, die in
allen Organen seines Aufbaues wiederkehren. In jedem Menschen steckt ein
Beobachter und ein Handelnder, der, welcher spricht und der, welcher
antwortet. Die Orientalen haben darin zwei Feinde gesehen: den guten und
den bsen Geist. Bin ich der gute, bin ich der bse? sagte ich mir. Auf
jeden Fall ist der ANDERE mir feindlich . . . Wer wei, ob es nicht
Umstnde oder irgendein Alter gibt, wo diese beiden Geister sich trennen.
Beide sind durch eine mtterliche Verwandtschaft an denselben Krper
gefesselt, vielleicht ist einer zu Ruhm und Glck, der andere zu
Vernichtung und ewigem Leiden bestimmt? -- Ein verhngnisvoller Blitz
durchschnitt pltzlich diese Dunkelheit . . . Aurelia gehrte mir nicht
mehr! . . . Ich glaubte von einer Zeremonie, die sich irgendwo anders
vollzog, sprechen zu hren und von den Zurstungen zu einer mystischen
Hochzeit, welche die MEINE war, und wo der ANDERE im Begriff war, den
Irrtum meiner Freunde und Aurelias selbst zu benutzen. Die teuersten
Personen, die mich besuchten und trsteten, schienen mir eine Beute der
Ungewiheit, das heit, die beiden Teile ihrer Seele trennten sich auch in
bezug auf mich; die eine war liebevoll und vertrauend, die andere wie zu
Tod erschrocken ber mich. In dem, was diese Leute zu mir sagten, lebte ein
doppelter Sinn, wenn sie sich auch oft davon keine Rechenschaft ablegten,
da sie ja nicht so im Geist waren wie ich. Einen Augenblick kam mir
dieser Gedanke sogar komisch vor, wenn ich an Amphitrion und an Sofias
dachte. Wenn aber dieses groteske Symbol auch etwas anderes war, -- wenn es
wie in andern Sagen des Altertums die unglckselige Wahrheit unter der
Maske der Tollheit war? Wohlan, sagte ich mir, kmpfen wir gegen den
verhngnisvollen Geist, kmpfen wir gegen den Gott selbst mit den Waffen
der berlieferung und der Wissenschaft. Was er auch im Schatten der Nacht
tun mag, ich existiere -- und ich habe um ihn zu besiegen die ganze Zeit,
die mir zum Leben auf der Erde noch gegeben ist.

[Funote *: Fr mich war das eine Anspielung auf den Sto, den ich beim
Fallen erhalten habe.]



X.


WIE soll ich die seltsame Verzweiflung ausmalen, in die solche Ideen mich
nach und nach brachten? Ein bser Geist hatte meinen Platz in der Welt der
Seelen eingenommen, -- fr Aurelia war ich es selbst, und der trostlose
Geist, der meinen Krper belebte, und der geschwcht, verkannt und von ihr
verachtet war, sah sich fr immer der Verzweiflung oder dem Nichts
verfallen. Ich entfaltete meine ganze Willenskraft, um das Rtsel, von dem
ich einige Schleier gehoben hatte, besser zu durchdringen. Der Traum machte
sich manchmal lustig ber meine Anstrengungen und fhrte mir nur verzerrte
und flchtige Gestalten zu. Ich kann hier nur eine ziemlich bizarre Idee
wiedergeben von dem, was sich aus dieser Anspannung des Geistes ergab. Ich
fhlte mich gleiten wie auf einem ausgespannten Faden, dessen Lnge
unendlich war. Die Erde, die von farbigen Adern geschmolzenen Metalls
durchzogen war, wie ich es schon gesehen hatte, erhellte sich nach und nach
durch das Aufglhen des zentralen Feuers, dessen Weie mit den kirschroten
Tnen verschmolz, die die Seiten des innern Kreises frbten. Ich wunderte
mich, zeitweilig groen Wasserpftzen zu begegnen, die wie Wolken in der
Luft hingen und die dennoch eine solche Dichtigkeit aufwiesen, da man
Flocken davon loslsen konnte; aber es ist klar, da es sich da um eine von
dem irdischen Wasser verschiedene Flssigkeit handelte, die ohne Zweifel
die Verdunstung dessen war, was fr die Welt der Geister das Meer und die
Flsse darstellte.

Mein Auge entdeckte eine weite, bergige Kste; sie war ganz mit einer Art
grnlichen Schilfrohres bedeckt, das an der Spitze gelblich war, wie wenn
der Brand der Sonne es teilweise ausgetrocknet htte; aber ich habe nicht
mehr von der Sonne gesehen als die andern Male. -- Ein Schlo beherrschte
den Abhang, den ich zu erklimmen begann. Auf der andern Abdachung sah ich
eine ungeheure Stadt sich ausbreiten. Whrend ich das Gebirg berschritten
hatte, war die Nacht gekommen und ich beobachtete die Lichter der
Behausungen und der Straen. Als ich hinunterstieg, befand ich mich auf
einem Markt, wo man Frchte und Gemse verkaufte, hnlich denen im Sden.

Ich stieg auf einer dunkeln Treppe hinunter und befand mich in den Straen.
Man verkndete durch Zettelanschlag die Erffnung eines Kasinos und die
Einzelheiten seiner Einteilung wurden in Artikeln beschrieben. Die
typographische Umrahmung war aus Blumenkrnzen gebildet, die so gut
dargestellt und gefrbt waren, da sie natrlich zu sein schienen. -- Ein
Teil des Gebudes war noch im Entstehen. Ich trat in eine Werkstatt, wo ich
Arbeiter sah, die aus Ton ein ungeheures Tier in der Gestalt eines Lamas
modellierten, das aber offenbar mit groen Flgeln versehen werden sollte.
Dieses Ungetm war wie durchzogen von einem Feuerstrahl, der es allmhlich
belebte, so da es sich wand; es war von tausend purpurnen Fasern
durchzogen. Diese bildeten Venen und Arterien und befruchteten sozusagen
die trge Materie, die sich mit einer augenblicklichen Vegetation von
faserigen Anhngseln, Flgelchen und wolligen Bscheln bedeckte. Ich blieb
stehen, um dieses Meisterwerk zu betrachten, wo man der gttlichen
Schpfung ihre Geheimnisse abgesehen zu haben schien. Das kommt daher, da
wir hier das Urfeuer haben, das die ersten Wesen belebte, -- sagte man
mir. -- Ehemals ist es bis zur Erdoberflche gedrungen, aber die Quellen
sind versiegt. Ich sah auch die Goldschmiedearbeiten, bei denen man zwei
auf der Erde unbekannte Metalle benutzte: ein rotes, das dem Zinnober zu
entsprechen schien und ein anderes azurblaues. Die Ornamente waren weder
getrieben noch ziseliert, aber sie formten, frbten und erschlossen sich
wie metallische Pflanzen, die man aus gewissen chemischen Mischungen
entstehen lt. Knnte man nicht auch Menschen schaffen? sagte ich zu
einem der Arbeiter, aber er versetzte: Die Menschen kommen aus der Hhe
und nicht aus der Tiefe. Knnen wir uns selbst schaffen? Hier formt man nur
mit Hilfe der allmhlichen Fortschritte unsrer Fhigkeit eine Materie, die
feiner ist als die, aus welcher die Erdrinde besteht. Diese Blumen, die
euch natrlich vorkommen, dieses Tier, das scheinbar leben wird, werden nur
Produkte unsrer bis zum hchsten Punkt unsrer Kenntnisse entwickelten Kunst
sein und jeder wird sie so beurteilen.

Dies sind ungefhr die Worte, die mir entweder gesagt wurden oder deren
Bedeutung ich zu erfassen glaubte. Ich begann die Sle des Kasinos zu
durcheilen, und ich sah eine groe Menge, in welcher ich einige mir
bekannte Personen unterschied: die einen lebten, die andern waren zu
verschiedenen Zeiten gestorben. Die ersten schienen mich nicht zu sehen,
whrend die andern mir antworteten, ohne mich anscheinend zu erkennen. Ich
war im grten Saal angekommen, der ganz mit mohnrotem Samt bespannt war,
in den goldene Bnder eingewebt waren, die reiche Muster bildeten. In der
Mitte befand sich ein Ruhebett in der Form eines Throns. Einige
Vorbergehende setzten sich nieder um seine Elastizitt zu prfen; aber da
die Vorbereitungen noch nicht beendet waren, wandten sie sich andern Slen
zu. Man sprach von einer Hochzeit und von dem Gatten, der, wie man sagte,
kommen msse um den Augenblick des Festes zu verknden. Sogleich
bemchtigte sich meiner eine unsinnige Wahnvorstellung. Ich bildete mir
ein, da der, welchen man erwartete, mein Doppelgnger sei, der Aurelia
heiraten msse und ich machte einen Lrm, der die Versammlung zu verblffen
schien. Ich fing mit Heftigkeit zu sprechen an, schilderte meinen Kummer
und rief die Hilfe derer an, die mich kannten. Ein Greis sagte zu mir:
Aber so fhrt man sich nicht auf, Sie erschrecken ja jedermann! Da rief
ich aus: Ich wei wohl, da er mich schon mit seinen Waffen getroffen hat,
aber ich erwarte ihn furchtlos und ich kenne das Zeichen, das ihn besiegen
mu.

In diesem Augenblick erschien ein Arbeiter aus der Werkstatt, die ich beim
Hereinkommen besucht hatte; er trug eine lange Stange, deren Ende aus einer
im Feuer gerteten Kugel bestand. Ich wollte mich auf ihn strzen, aber die
Kugel, die er in die Hhe hielt, bedrohte stets meinen Kopf. Man schien
sich um mich herum ber meine Ohnmacht lustig zu machen . . . Da zog ich
mich bis zum Thron zurck, die Seele voll namenlosen Stolzes, und ich hob
den Arm auf, um ein Zeichen zu machen, das mir eine Zauberkraft zu haben
schien. Der deutliche und zitternde Schrei einer Frau, der nach
herzzerreiendem Schmerz klang, weckte mich pltzlich auf! Die Silben eines
unbekannten Wortes, das ich im Begriff stand auszusprechen, erstarben auf
meinen Lippen . . . Ich strzte mich zur Erde und fing inbrnstig und unter
heien Trnen zu beten an. -- Aber was war das nur fr eine Stimme, die
soeben so schmerzlich durch die Nacht gehallt war?!

Sie gehrte nicht dem Traum an; es war die Stimme einer lebendigen Person,
und doch war es fr mich die Stimme und der Tonfall Aurelias . . . .

Ich ffnete mein Fenster; alles war ruhig und der Schrei wiederholte sich
nicht. -- Ich erkundigte mich drauen -- niemand hatte etwas gehrt. -- Und
trotzdem bin ich noch sicher, da der Schrei wirklich war und da der Ton
Lebender darin erklungen war. Ohne Zweifel wird man mir sagen, da der
Zufall veranlassen konnte, da eine leidende Frau in der Umgebung meiner
Wohnung geschrieen habe. -- Aber meinem Gedanken nach waren die irdischen
Ereignisse mit denen der unsichtbaren Welt verbunden. Das ist eine jener
seltsamen Beziehungen, ber die ich mir selbst keine Rechenschaft ablege,
und die man leichter andeuten als erklren kann . . . .

Was hatte ich getan? Ich hatte die Harmonie des magischen Weltalls gestrt,
aus der meine Seele die Sicherheit einer unsterblichen Existenz schpfte.
Ich war vielleicht verflucht, weil ich in ein schauerliches Mysterium
dringen wollte, indem ich das gttliche Gesetz beleidigte; ich hatte nur
noch Zorn und Verachtung zu erwarten! Die aufgebrachten Schatten entflohen
schreiend und zogen in der Luft verhngnisvolle Kreise wie die Vgel beim
Herannahen eines Gewitters.





Zweiter Teil


Eurydice! Eurydice!



I.


ZUM zweitenmal verloren! Alles ist zu Ende, alles ist vorbei! Jetzt bin ich
es, der sterben, ohne Hoffnung sterben mu! -- Was ist denn der Tod? --
Wenn er das Nichts wre! -- Wollte es Gott! Aber Gott selbst kann es nicht
machen, da der Tod das Nichts sei.

Warum ist es denn seit so langer Zeit das erstemal, da ich an ihn denke?
Das unglckliche System, das in meinem Geist entstanden war, lie dieses
einsame Knigtum nicht zu . . . . oder vielmehr es verlor sich in die Flle
der Wesen; das war der Gott des Lucretius, machtlos und in seine
Unendlichkeit verloren.

Sie indessen glaubte an Gott und ich habe eines Tages den Namen Jesus auf
ihren Lippen gefunden. Er flo so sanft dahin, da ich darber geweint
habe. O mein Gott, diese Trne, diese Trne . . . . sie ist schon lange
getrocknet! Diese Trne, o mein Gott, gib sie mir wieder!

Wenn die Seele unsicher zwischen Traum und Leben schwebt, zwischen
Geistesverwirrung und der Rckkehr zur kalten berlegung, so mu man seine
Hilfe im religisen Gedanken suchen, -- niemals habe ich Trost finden
knnen in dieser Philosophie, die nur Lebensregeln des Egoismus oder
bestenfalls der Gegenseitigkeit, eitle Erfahrung, bittere Zweifel bietet;
-- sie bekmpft die moralischen Schmerzen, indem sie die Empfindlichkeit
vernichtet; wie die Chirurgie kann sie nur das schmerzende Organ
wegschneiden. Aber fr uns, die wir in den Tagen der Umwlzungen und der
Gewitter geboren sind, wo alle Bekenntnisse zerbrochen sind; -- die wir
bestenfalls in diesem unbestimmten Glauben erzogen sind, der sich mit
einigen uerlichen bungen begngt und die gleichgltige Zugehrigkeit
zudem vielleicht schuldiger ist als die Gottlosigkeit und die Ketzerei; fr
uns ist es sehr schwierig, sobald wie wir das Bedrfnis dazu fhlen das
mystische Gebude wieder aufzubauen, dessen wohl vorgezeichnete Form die
Unschuldigen und die Einfltigen in ihren Herzen anerkennen.

Der Baum der Erkenntnis ist nicht der Baum des Lebens. Knnen wir
indessen aus unserm Geist verbannen, was so viele intelligente Generationen
Gutes oder Unheilvolles hineingegossen haben? Die Unwissenheit ist nicht
erlernbar. Ich habe bessere Hoffnung auf Gottes Gte: vielleicht rhren wir
schon an die prophezeite Epoche, wo die Wissenschaft, nachdem sie ihren
ganzen Kreislauf von Synthese und Analyse, von Glaube und Verneinung
erfllt hat, sich selbst lutern kann und aus der Unordnung und den
Trmmern die wunderbare Stadt der Zukunft hervorsteigen wird . . . Man darf
die menschliche Vernunft nicht so billig einschtzen um zu glauben, da sie
etwas gewinnt, indem sie sich ganz erniedrigte, denn das hiee ihren
himmlischen Ursprung anklagen . . . Gott wird ohne Zweifel die Reinheit der
Absicht wrdigen; und wo ist der Vater, der Wohlgefallen daran fnde zu
sehen, wie sein Sohn vor ihm alle Urteilskraft und allen Stolz aufgibt? Der
Apostel, der selbst fhlen wollte um zu glauben, ist um des willen nicht
verdammt worden.

Was habe ich da geschrieben? Das sind Gotteslsterungen. Die christliche
Demut kann so nicht sprechen. Solche Gedanken sind weit davon entfernt die
Seele zu rhren. Sie tragen auf der Stirn die Hochmutsblitze der Krone
Satans . . . Ein Vertrag mit Gott selbst? . . . O Wissenschaft! O
Eitelkeit!

Ich hatte einige Bcher der Kabbala gesammelt. Ich vertiefte mich in dieses
Studium und gelangte dahin mich zu berzeugen, da alles wahr sei, was der
menschliche Geist whrend Jahrhunderten darber angehuft hatte. Die
berzeugung, die ich mir vom Sein geformt hatte, stimmte zu gut mit meiner
Lektre berein, als da ich frder noch an den Offenbarungen der
Vergangenheit htte zweifeln knnen. Die Dogmen und die Riten der
verschiedenen Religionen schienen mir sich darauf zu beziehen in der Weise,
da jede einen gewissen Teil jener Geheimnisse besa, die ihre Mittel zur
Ausdehnung und zur Verteidigung ausmachten. Diese Krfte konnten sich
abschwchen, sich verringern und verschwinden, was die Eroberung gewisser
Rassen ber andere mit sich brachte, die alle nur durch den Geist
siegreich sein oder erobert werden konnten.

Immerhin, sagte ich mir, ist es sicher, da diese Erkenntnisse mit
menschlichen Irrtmern vermischt sind. Das magische Alphabet, der
rtselhafte Hieroglyph berkommen uns nur unvollstndig und geflscht, sei
es durch die Zeit, sei es durch diejenigen selbst, die ein Interesse haben
an unserer Unwissenheit. Lat uns den verlorenen Buchstaben, das
ausgelschte Zeichen wiederfinden und die miklingende Tonleiter wieder
abstimmen, dann werden wir Kraft in der Welt der Geister gewinnen.

So glaubte ich in die Beziehungen der wirklichen Welt zur Welt der Geister
zu dringen. Die Erde, ihre Bewohner und ihre Geschichte waren der
Schauplatz, wo die physischen Handlungen sich vollziehen sollten, welche
die Existenz und die Lage der Unsterblichen, die an ihr Geschick geknpft
sind, vorbereiteten. Ohne das undurchdringliche Mysterium von der Ewigkeit
der Welten zu berhren, stieg mein Gedanke zu der Epoche hinauf, wo die
Sonne auf die Erde die fruchtbaren Keime der Pflanzen und Tiere ste,
hnlich der Pflanze, die sie darstellt, die mit ihrem hngenden Kopf die
Umdrehung ihres himmlischen Wandels verfolgt. Es war nichts anderes als das
Feuer selbst, das, da es aus Seelen bestand, instinktiv die gemeinsame
Wohnung formte. Der Geist des Gott-Wesens, das sich auf der Erde wieder
erzeugt und sozusagen zurckgeworfen wird, ward der gewhnliche Typus der
menschlichen Seelen, deren jede demzufolge gleichzeitig Mensch und Gott
war. So waren die Elohim!

Wenn man sich unglcklich fhlt denkt man ber das Unglck der andern nach.
Ich war etwas nachlssig gewesen im besuchen eines meiner liebsten Freunde,
von dem man mir gesagt hatte, da er krank sei: Als ich mich zu dem Haus
begab, wo er behandelt wurde, warf ich mir diesen Fehler lebhaft vor. Ich
war noch trostloser, als mir mein Freund erzhlte, da es ihm am Vorabend
recht schlecht gegangen sei. Ich trat in ein Hospitalzimmer mit
kalkgetnchten Wnden. Die Sonne zeichnete lustige Winkel auf die Mauern
und spielte auf einem Gef mit Blumen, das eine Nonne eben auf den Tisch
des Kranken gestellt hatte. Es war fast wie die Zelle eines italienischen
Anachoreten. Sein abgemagertes Gesicht, sein Teint, der vergilbtem
Elfenbein glich, was durch seine schwarze Haar- und Bartfarbe noch mehr
hervorgehoben wurde, seine Augen, die in einem Rest von Fieber glnzten;
vielleicht auch das Arrangement eines Kapuzenmantels, den er ber die
Schultern geworfen hatte, machten fr mich aus ihm ein Wesen, das halb
verschieden war von dem, was ich gekannt hatte.

Das war nicht mehr der frhliche Gefhrte meiner Arbeiten und meines
Vergngens; es war ein Apostel in ihm. Er erzhlte mir, wie er sich in den
schlimmsten Leiden seiner Krankheit als Beute eines letzten Anfalles
gesehen hatte, der ihm der letzte Augenblick zu sein schien. Wie durch ein
Wunder hatte der Schmerz in demselben Augenblick aufgehrt. -- Was er mir
dann erzhlte ist unmglich wiederzugeben: Ein erhabener Traum in den
weitesten Rumen der Unendlichkeit, ein Gesprch mit einem Wesen, das
gleichzeitig von ihm verschieden war und einen Teil von ihm selbst bildete,
das er, da er sich tot glaubte, frug, wo Gott sei. -- Aber Gott ist
berall antwortete ihm sein Geist; er ist in dir selbst und in allen. Er
richtet dich, er hrt dich an, er rt dir; du und ich wir denken und
trumen zusammen -- und wir haben uns nie verlassen und sind ewig.

Ich kann sonst nichts aus diesem Gesprch anfhren, das ich vielleicht
schlecht gehrt oder schlecht verstanden habe. Ich wei nur, da sein
Eindruck ein sehr lebhafter war. Ich wage nicht meinem Freund die Folgerung
zuzuschreiben, die ich selbst vielleicht flschlich aus seinen Worten
gezogen habe. Ich wei nicht einmal, ob das Gefhl, das daraus entsteht
nicht mit der christlichen Idee bereinstimmend ist.

Gott ist mit ihm, rief ich aus, . . . . aber er ist nicht mehr mit mir!
O Unglck! Ich habe ihn von mir gejagt, ich habe ihn bedroht, ich habe ihm
geflucht! Er war es gewi, dieser mystische Bruder, der sich immer mehr und
mehr von meiner Seele entfernte und der mich vergeblich benachrichtigte!
Dieser bevorzugte Gemahl, dieser Knig des Ruhms, er richtet und verdammt
mich und nimmt auf ewig die mit in seinen Himmel, die er mir gegeben htte
und deren ich hinfort unwrdig bin!



II.


ICH vermag die Niedergeschlagenheit nicht zu schildern, in welche diese
Ideen mich versetzten. Ich verstehe, sagte ich mir, ich habe das
Geschpf dem Schpfer vorgezogen; ich habe meine Liebe vergttert und habe
nach heidnischen Gebruchen die angebetet, deren letzter Seufzer Christus
geweiht war. Aber wenn diese Religion die Wahrheit sagt, so kann mir Gott
noch verzeihen. Er kann sie mir zurckgeben, wenn ich mich vor ihm
demtige. Vielleicht kommt ihr Geist wieder in mich zurck!

-- Ich irrte erfllt von diesem Gedanken aufs Geratewohl in den Gassen
umher. Ein Leichenzug kreuzte meinen Weg; er richtete sich nach dem
Friedhof, wo sie bestattet worden war; ich hatte die Idee, mich dahin zu
begeben, indem ich mich dem Zug anschlo. Ich wei nicht, sagte ich zu
mir, wer der Tote ist, den man hier zur Grube geleitet, aber ich wei
jetzt, da die Toten uns sehen und hren, -- vielleicht wird er zufrieden
sein wenn er sieht, da ein Leidensbruder ihm folgt, der trauriger ist als
irgendeiner von denen, die ihn geleiten. Dieser Gedanke lie mich Trnen
vergieen und ohne Zweifel glaubte man, da ich einer der besten Freunde
des Verstorbenen sei. O ihr gesegneten Trnen! Lange Zeit war mir eure
Sigkeit versagt!

Mein Kopf richtete sich auf und ein Hoffnungsstrahl leitete mich noch
immer. Ich fhlte in mir die Kraft zu beten und geno sie mit Entzcken.

Ich erkundigte mich nicht einmal nach dem Namen des Toten, dessen Sarg ich
gefolgt war. Der Friedhof den ich betreten hatte, war mir in vieler
Hinsicht heilig. Drei Verwandte meiner mtterlichen Familie waren hier
begraben; aber ich konnte nicht zum Beten auf ihre Grber gehen, denn sie
waren vor mehreren Jahren in ein entferntes Land an den Ort ihrer Herkunft
geschafft worden. -- Lange suchte ich das Grab Aurelias und konnte es nicht
wiederfinden. Die Einteilung des Friedhofs hatte sich verndert, --
vielleicht hatte sich auch mein Gedchtnis verirrt . . . . Es kam mir vor,
als ob dieser Zufall, dieses Vergessen, meine Verdammnis noch vergrerten.
-- Ich wagte nicht, den Wchtern den Namen einer Toten zu nennen, auf die
ich religis kein Recht hatte . . . . Aber ich erinnerte mich, da ich zu
Hause die genaue Angabe des Grabes aufbewahrte und ich lief mit klopfendem
Herzen hin; ich hatte den Kopf verloren; ich sagte es schon; ich hatte
meine Liebe mit wunderlichem Aberglauben umgeben. -- In einer kleinen
Schatulle, die IHR gehrt hatte, bewahrte ich ihren letzten Brief auf. Soll
ich noch gestehen, da ich aus dieser Schatulle eine Art Reliquienschrein
gemacht hatte, der mich an lange Reisen erinnerte, wo der Gedanke an SIE
mich begleitet hatte: eine in den Grten von Schubrah gepflckte Rose, ein
aus gypten mitgebrachtes Stckchen Band, im Flu von Beirut gepflckte
Lorbeerbltter, zwei kleine, vergoldete Kristalle, Mosaiken aus der Hagia
Sophia, eine Perle aus einem Rosenkranz und was wei ich noch? . . .
endlich das Papier, welches man mir am Tag wo man ihr Grab ausschaufelte,
gegeben hatte, damit ich es wiederfinden knne. Ich errtete, ich zitterte,
als ich diese tolle Ansammlung zerstreute. Ich steckte die zwei Papiere
ein, und im Augenblick, wo ich mich aufs neue nach dem Friedhof begeben
wollte, nderte ich meinen Entschlu. -- Nein, sagte ich mir, ich bin
nicht wert, auf dem Grab einer Christin zu knien; fgen wir nicht eine
Entweihung zu so vielen andern. Und um den Sturm, der in meinem Kopf
tobte, zu besnftigen, begab ich mich einige Meilen auerhalb von Paris in
eine kleine Stadt, wo ich in meiner Jugendzeit einige glckliche Tage bei
alten Verwandten, die inzwischen verstorben waren, verbracht hatte. Ich
wre oft gern dahin zurckgekommen, um die Sonne bei ihrem Hause untergehen
zu sehen. Es war dort eine von Linden beschattete Terrasse, die in mir auch
die Erinnerung an verwandte junge Mdchen wachrief, zwischen denen ich
aufgewachsen war. Eine von ihnen . . .

Aber wie hatte ich nur daran denken knnen, diese unbestimmte
Kindheitsliebe der gegenber zu stellen, die meine Jugend verschlungen hat?
Ich sah die Sonne sich ber das Tal neigen, das sich mit Nebeln und
Schatten erfllte; sie verschwand und badete die Gipfel der Wlder, die die
hohen Hgel krnten, in rtlichen Feuern.

Die dsterste Traurigkeit zog in mein Herz. Ich ging zum Schlafen in eine
Herberge, wo ich bekannt war. Der Wirt sprach mir von einem meiner alten
Freunde, der in der Stadt wohnte und der sich infolge von unglcklichen
Spekulationen mit einem Pistolenschu gettet hatte . . . . Der Schlaf
brachte mir furchtbare Trume. Ich habe mir ein verworrenes Andenken daran
bewahrt. -- Ich befand mich in einem unbekannten Saal und sprach mit jemand
aus der Auenwelt, -- vielleicht mit dem Freund, von dem ich eben
gesprochen habe. Ein sehr hoher Spiegel befand sich hinter uns. Als ich
ganz zufllig einen Blick hineinwarf, glaubte ich A*** zu erkennen. Sie
schien traurig und nachdenklich zu sein und pltzlich, sei es, da sie aus
dem Spiegel heraustrat, sei es, da sie, als sie einen Augenblick vorher
durch den Saal ging, reflektiert wurde, diese sanfte und geliebte Gestalt
befand sich neben mir. Sie reichte mir die Hand, lie einen schmerzlichen
Blick ber mich gleiten und sagte: Wir sehen uns spter wieder . . . . .
im Hause deines Freundes.

Und einen Augenblick lang stellte ich mir ihre Heirat vor, die
Verwnschung, die uns trennte, und ich sagte mir: Ist es mglich? Kme sie
zu mir zurck? Hast du mir vergeben? frug ich mit Trnen. Aber alles war
verschwunden. Ich befand mich an einem den Ort, auf einer rauhen, von
Felsen besten Anhhe mitten im Wald. Ein Haus, das ich zu erkennen meinte,
beherrschte dieses trostlose Land. Ich ging und kam auf unentwirrbaren
Umwegen zurck. Vom Gehen zwischen Steinen und Dornengebschen ermdet,
suchte ich mitunter einen sanfteren Weg auf den Fusteigen des Waldes. --
Man erwartet mich da unten! dachte ich; eine bestimmte Stunde schlug. Ich
sagte mir: ES IST ZU SPT und Stimmen antworteten: SIE IST VERLOREN!
Vollkommene Nacht umgab mich, das entfernte Haus glnzte, wie wenn es fr
ein Fest beleuchtet und voll rechtzeitig angekommener Gste wre. -- Sie
ist verloren! rief ich aus, und warum? . . . . . Ich verstehe, sie hat eine
letzte Anstrengung gemacht um mich zu retten -- ich habe den uersten
Augenblick verpat, wo die Vergebung noch mglich war. Aus Himmelshhen
konnte sie den gttlichen Gatten fr mich erbitten . . . . . Doch was liegt
an meinem Heil? Der Abgrund hat seine Beute empfangen! Sie ist fr mich und
fr alle verloren! Ich glaubte sie wie unter einem Blitzschein zu sehen,
bleich und sterbend von finstern Reitern fortgezogen . . . . Der Schrei
schmerzlicher Wut, den ich in diesem Augenblick ausstie, lie mich ganz
atemlos erwachen.

-- Mein Gott, mein Gott! Um ihretwillen, um ihretwillen allein! Mein Gott!
Vergib! schrie ich und warf mich auf die Knie.

Es war Tag. Durch eine Bewegung, von der ich schwer Rechenschaft ablegen
kann, beschlo ich die beiden Papiere sogleich zu vernichten, die ich am
Vorabend der Schatulle entnommen hatte. Der Brief, den ich beim Durchlesen
wieder mit Trnen benetzte und der Begrbnisschein, der das Siegel des
Friedhofes trug. -- Jetzt ihr Grab wiederfinden, sagte ich mir; aber ich
htte gestern umkehren sollen; -- und mein unglcklicher Traum ist nur der
Widerschein meines unglcklichen Tages!



III.


DIE Flamme hat diese Reliquien der Liebe und des Todes verschlungen, die
mit den schmerzhaftesten Fibern meines Herzens verknpft waren. Ich habe
meine Schmerzen und verspteten Gewissensbisse mit hinaus auf das Land
genommen und suchte durch die Ermdung des Gehens die Betubung der
Gedanken, vielleicht auch die Gewiheit eines weniger unheilvollen
Schlummers fr die kommende Nacht.

Mit diesem Gedanken, den ich mir vom Traume gebildet hatte, der dem
Menschen eine Verbindung mit der Geisterwelt ffnet, hoffte ich, hoffte ich
immer noch! Vielleicht wrde Gott sich mit diesem Opfer begngen. -- Hier
halte ich ein; es ist zu hochmtig zu behaupten, da der geistige Zustand,
in dem ich mich befand, nur durch eine Liebeserinnerung verursacht worden
sei. Sagen wir lieber, da ich mich damit unwillkrlich gegen die ernstere
Reue eines toll vergeudeten Lebens schtzte, in dem das Bse recht oft
triumphiert hatte und dessen Fehler ich nur erkannte, wenn ich die Schlge
des Unglcks sprte. Ich fhlte mich nicht mehr wrdig an die auch nur zu
denken, die ich im Tode qulte, nachdem ich sie im Leben betrbt hatte, und
deren sanftem, heiligem Mitleid ich allein einen letzten Blick der
Verzeihung verdankt habe.

In der folgenden Nacht konnte ich nur wenige Augenblicke schlafen. Eine
Frau, die sich meiner Jugend angenommen hatte, erschien mir im Traum und
warf mir einen sehr ernsten Fehler vor, den ich frher begangen hatte. Ich
erkannte sie wieder, obgleich sie mir viel lter erschien als in den
letzten Zeiten, wo ich sie gesehen hatte. Gerade das erinnerte mich bitter
daran, da ich versumt hatte, sie in ihren letzten Augenblicken zu
besuchen. Es schien mir, als ob sie zu mir sagte: Du hast deine alten
Verwandten nicht so lebhaft beweint, wie du diese Frau beweint hast. Wie
kannst du dann auf Verzeihung hoffen? Der Traum wurde verwirrt. Gestalten
von Personen, die ich zu verschiedenen Zeiten gekannt hatte, gingen
geschwind vor meinen Augen vorber. Sie gingen vorbei, erstrahlten,
verblichen und fielen in die Nacht zurck wie die Perlen eines
Rosenkranzes, dessen Band zerrissen ist. Ich sah dann wie sich unbestimmt
plastische Bilder aus dem Altertum formten, die -- erst flchtig
hingeworfen -- deutlich wurden und Symbole darzustellen schienen, deren
Gedanken ich nur schwer erfate. Nur glaubte ich, da es bedeuten solle:
Alles das war geschaffen, um dich das Geheimnis des Lebens zu lehren und du
hast es nicht verstanden. Die Religionen und die Sagen, die Heiligen und
die Dichter vereinigten sich, um das verhngnisvolle Rtsel zu erklren,
und du hast schlecht begriffen . . . Jetzt ist es zu spt!

Ich erhob mich voll Entsetzen und sagte mir: das ist mein letzter Tag! Mit
zehnjhrigem Zwischenraum kam mir dieselbe Idee, die ich im ersten Teil
dieser Erzhlung geschildert habe, positiver und noch drohender wieder.
Gott hatte mir zur Reue Zeit gelassen und ich hatte sie nicht ausgenutzt.
Nach dem Besuch des steinernen Gastes hatte ich mich wieder zum Festmahl
hingesetzt!




IV.


MEIN Gefhl aus diesen Visionen und Grbeleien, das whrend meiner einsamen
Stunden aus ihnen entsprang, war so traurig, da ich mir wie verloren
vorkam. Alle Handlungen meines Lebens erschienen mir von ihrer
ungnstigsten Seite und in der Art von Gewissensprfung, der ich mich
hingab, fhrte mir das Gedchtnis die ltesten Tatsachen mit einer
seltsamen Klarheit vor; ich wei nicht was fr eine falsche Scham mich
verhinderte, den Beichtstuhl zu betreten; vielleicht die Angst mich in
Dogmen und in die Gebruche einer furchteinflenden Religion einzulassen,
da ich gegen gewisse Punkte darin philosophische Vorurteile bewahrt hatte.
Meine ersten Jahre sind zu sehr mit den Ideen der Revolution durchsetzt
gewesen, meine Erziehung war zu frei, mein Leben zu rastlos, als da ich
leicht ein Joch auf mich nehmen knnte, das in vielen Punkten immer noch
meine Vernunft beleidigen wrde. Ich bebte, wenn ich bedachte, was fr
einen Christen ich abgeben wrde, wenn gewisse Prinzipien, die der freien
Forschung der zwei letzten Jahrhunderte entlehnt sind, wenn endlich das
Studium der verschiedenen Religionen mich nicht auf diesem Abhang aufhalten
wrde. Ich habe meine Mutter nie gekannt, die meinem Vater zum Heere folgen
wollte wie die Frauen der alten Germanen. Sie starb am Fieber und vor
Mdigkeit in einer kalten Gegend Deutschlands, und mein Vater selbst konnte
meine ersten Gedanken nicht darauf lenken. Das Land, in dem ich erzogen
wurde, war voll von seltsamen Legenden und fremdartigem Aberglauben. Einer
meiner Oheime, der den grten Einflu auf meine erste Erziehung hatte,
beschftigte sich zum Zeitvertreib mit rmischen und keltischen
Altertmern. Es fanden sich manchmal in seinem Feld oder in der Umgebung
Bilder von Gttern oder Kaisern, die seine Gelehrtenbewunderung mich
verehren hie, und deren Geschichte mich seine Bcher lehrten. Ein gewisser
Mars aus vergoldeter Bronze, eine bewaffnete Pallas oder Venus, ein Neptun
oder eine Amphytrite, die ausgehauen ber dem Brunnen des Dorfes standen
und vor allem das gute, dicke, brtige Antlitz eines Pan, der am Eingang
einer Grotte zwischen Girlanden von Osterluzei und Efeu lchelte, waren die
Haus- und Schutzgtter dieses Ruhesitzes. Ich gestehe, da sie mir damals
mehr Ehrfurcht einflten als die rmlichen christlichen Kirchenbilder und
die beiden unfrmigen Heiligen des Portals, von denen manche Gelehrten
behaupten, sie seien der Esus und der Cernunnas der Gallier. Ich war
verlegen zwischen diesen verschiedenen Symbolen und fragte eines Tages
meinen Onkel, was Gott sei? Gott ist die Sonne! sagte er mir. Das war
der innerste Gedanke eines Ehrenmannes, der sein ganzes Leben als Christ
gelebt, aber die Revolution durchgemacht hatte und aus einer Gegend war, wo
viele dieselbe Vorstellung von der Gottheit besaen. Das hinderte nicht,
da die Frauen und die Kinder in die Kirche gingen und ich verdankte einer
meiner Tanten einige Belehrungen, die mich die Schnheit und die Gre des
Christentums verstehen lieen. Nach 1815 lie mich ein Englnder, der sich
in unserm Lande aufhielt, die Bergpredigt lernen und gab mir ein Neues
Testament . . . . Ich fhre diese Einzelheiten nur an, um die Ursachen
einer gewissen Unentschlossenheit anzugeben, die sich in meinem Geist oft
mit der ausgesprochensten Religiositt verbunden hat.

Ich will erklren, wie ich, nachdem ich lange Zeit vom rechten Weg entfernt
war, mich zu ihm durch die geliebte Erinnerung an ein totes Wesen
zurckgefhrt fhlte, und wie das Bedrfnis zu glauben, da es fortlebe,
das bestimmte Gefhl fr die verschiedenen Wahrheiten, die ich nicht fest
genug in meiner Seele aufgenommen hatte, in meinem Geist aufleben lie. Die
Verzweiflung und der Selbstmord sind das Resultat gewisser unglcklicher
Situationen fr den, der nicht an die Unsterblichkeit mit ihren Leiden und
Freuden glaubt: ich werde glauben, etwas Gutes und Ntzliches getan zu
haben, wenn ich ganz naiv die Folgen der Ideen aufzeichne, durch die ich
Ruhe und neue Kraft wiedergefunden habe, die ich den zuknftigen
Unglcksfllen des Lebens gegenberstellen werde.

Die Visionen, die einander whrend meines Schlummers gefolgt waren, hatten
mich einer solchen Verzweiflung preisgegeben, da ich kaum reden konnte;
die Gesellschaft meiner Freunde verhalf mir nur zu einer ungewissen
Zerstreuung; mein Geist, der vollauf mit seinen Einbildungen beschftigt
war, versagte bei der geringsten abweichenden Vorstellung; ich konnte keine
zehn Zeilen hintereinander lesen und verstehen. Ich sagte mir die schnsten
Dinge: was liegt daran, das gibt es nicht fr mich. Einer meiner Freunde
namens Georg unternahm es, diese Entmutigung zu besiegen. Er fhrte mich in
verschiedene Gegenden der Umgebung von Paris und nahm es auf sich, allein
zu sprechen, whrend ich mit einigen unzusammenhngenden Phrasen
antwortete. Sein ausdrucksvolles und fast mnchisches Gesicht machte eines
Tages seine sehr beredten Einwnde besonders wirkungsvoll, die er gegen
jene Jahre des Zweifels und der politischen und sozialen Entmutigung fand,
die der Juli-Revolution folgten. Ich war einer der Jungen dieser Epoche
gewesen und ich hatte ihre Glut und ihre Bitterkeiten geschmeckt. Eine
Bewegung vollzog sich in mir: ich sagte mir, da solche Lehren von der
Vorsehung nicht ohne Absicht gegeben werden konnten, und da ein Geist ohne
Zweifel aus ihm sprach. Eines Tages aen wir unter einer Laube in einem
kleinen Dorf in der Umgebung von Paris zu Abend; eine Frau kam und sang an
unserm Tisch und ich wei nicht was in ihrer abgenutzten aber sympathischen
Stimme mich an die Aureliens erinnerte. Ich betrachtete sie: selbst ihre
Zge waren nicht ohne hnlichkeit mit denen, die ich geliebt hatte; man
schickte sie weg und ich wagte nicht sie zurckzuhalten, aber ich sagte
mir: Wer wei ob ihr Geist nicht in dieser Frau ist! Und ich fhlte mich
glcklich, da ich ihr ein Almosen gegeben hatte.

Ich sagte mir: Ich habe das Leben recht schlecht ausgenutzt, aber wenn die
Toten vergeben, so geschieht es sicher unter der Bedingung, da man fr
immer dem Bsen entsagt, und da man alles, was man getan hat, wieder gut
macht. Ist das mglich? . . . . Von diesem Augenblick an wollen wir
versuchen, nichts Bses mehr zu tun und Ersatz zu geben fr alles, was wir
schuldig sein knnten. -- Ich hatte ein frisches Unrecht gegen eine Person;
es war nur eine Nachlssigkeit, aber ich fing damit an, da ich mich
entschuldigen ging. Die Freude, die ich empfand, als ich dies wieder gut
gemacht hatte, tat mir ungemein wohl. Ich hatte von jetzt an einen Grund
zum Leben und zum Handeln und gewann wieder Interesse an der Welt.

Schwierigkeiten tauchten auf; fr mich unaussprechliche Ereignisse schienen
sich zu vereinigen, um meinen guten Entschlu zu durchkreuzen. Der Zustand
meines Geistes machte mir die Ausfhrung ausgemachter Arbeiten unmglich.
Da man mich seither gesund glaubte, verlangte man mehr, und da ich auf die
Lge verzichtet hatte, wurde ich von Leuten eines Vergehens geziehen, die
sich nicht scheuten, es auszunutzen. Die Masse von Entschuldigungen, die
ich zu machen hatte, erdrckte mich im Hinblick auf meine Ohnmacht.
Politische Ereignisse wirkten indirekt, sowohl um mich zu betrben wie um
mich zu hindern, Ordnung in meine Angelegenheit zu bringen. Der Tod eines
meiner Freunde vervollstndigte diese Grnde zur Mutlosigkeit. Ich sah mit
Schmerzen seine Wohnung, seine Bilder wieder, die er mir einen Monat vorher
mit Freuden gezeigt hatte; ich ging an seinem Sarg vorber im Augenblick,
wo man ihn vernagelte. Da er von meinem Alter und aus meiner Zeit war,
sagte ich mir: Was wrde geschehen, wenn ICH so pltzlich strbe?

Am folgenden Sonntag erhob ich mich mit einem dumpfen Schmerz. Ich ging
meinen Vater besuchen, dessen Magd krank war, und der Launen zu haben
schien. Er wollte allein Holz von seinem Speicher holen und ich konnte ihm
nur den Dienst leisten, ihm ein Holzscheit, das er brauchte, zu reichen.
Ich ging niedergeschlagen weg. Auf der Strae begegnete ich einem Freund,
der mich zum Essen mit sich nach Hause nehmen wollte, um mich ein bichen
zu zerstreuen. Ich lehnte ab und richtete meine Schritte ohne gegessen zu
haben nach Montmartre. Der Friedhof war geschlossen, was ich als ble
Vorbedeutung auffate. Ein deutscher Dichter hatte mir einige Seiten zu
bersetzen gegeben und mir auf diese Arbeit eine Summe vorgestreckt. Ich
nahm den Weg zu seinem Haus, um ihm das Geld zurckzugeben.

Als ich um das Clichytor bog, war ich Zeuge eines Streites. Ich versuchte
die Streitenden zu trennen, aber es wollte mir nicht gelingen. In diesem
Augenblick ging ein Arbeiter von groem Wuchs ber denselben Platz, wo der
Kampf sich abgespielt hatte. Er trug auf der linken Schulter ein Kind in
hyazinthfarbenem Kleid. Ich stellte mir vor, es wre der heilige
Christophorus, der den Heiland trgt, und ich wre verdammt, weil es mir
bei der eben stattgehabten Szene an Kraft gefehlt hatte. Von diesem
Augenblicke an irrte ich als Beute der Verzweiflung in dem unbegrenzten
Gelnde umher, das die Vorstadt von dem Tor trennt. Es war zu spt, um den
Besuch zu machen, den ich vorgehabt hatte. Ich ging also kreuz und quer
durch die Straen nach dem Zentrum von Paris zurck. In der Nhe der Rue de
la Victoire begegnete ich einem Priester und wollte ihm in der Verwirrung,
in der ich mich befand, beichten. Er sagte mir, da er nicht zu der Pfarre
gehre, und da er zu irgendjemand in eine Abendgesellschaft ginge, aber
da ich, wenn ich ihn am folgenden Tage in Notre-Dame um Rat fragen wolle,
nur nach dem Abb Dubois fragen solle.

Verzweifelt und weinend lenkte ich meine Schritte nach der Kirche
Notre-Dame de Lorette, wo ich mich zu Fen des Altars der heiligen
Jungfrau niederwarf und um Vergebung fr meine Fehler bat. Etwas in mir
sagte sich: Die Jungfrau ist tot und deine Gebete sind unntz. Ich ging
nach den hintersten Pltzen des Chors, um mich dort auf die Knie zu werfen,
und streifte einen silbernen Ring vom Finger, in dessen Stein die drei
arabischen Worte graviert waren: Allah! Mohammed! Ali! Sofort entzndeten
sich mehrere Kerzen im Chor, und es begann ein Gottesdienst, mit dem ich
mich im Geist zu vereinigen versuchte. Als man beim Ave Maria angelangt
war, unterbrach sich der Priester mitten beim Gebet und fing siebenmal von
vorne an, ohne da ich in meinem Gedchtnis die folgenden Worte htte
wiederfinden knnen. Dann beschlo man das Gebet und der Priester hielt
eine Rede, die auf mich allein anzuspielen schien. Als alles ausgelscht
war, erhob ich mich und ging hinaus, wobei ich die Richtung nach den
Champs-Elyses einschlug.

Als ich bei der Place de la Concorde angelangt war, hatte ich den Gedanken
mich zu vernichten. Verschiedene Male ging ich zur Seine, aber etwas
hinderte mich meinen Entschlu auszufhren. Die Sterne leuchteten am
Firmament. Pltzlich schien es mir, wie wenn sie mit einemmal verlschten
wie die Kerzen, die ich in der Kirche gesehen hatte. Ich glaubte, da die
Zeiten erfllt seien und da wir dem Ende der Welt nahe seien, die der
heilige Johannes in der Apokalypse verkndigt hat. Ich glaubte, eine
schwarze Sonne an dem verdeten Himmel und eine blutrote Kugel ber den
Tuilerien zu erblicken. Ich sagte mir: Die ewige Nacht beginnt und sie wird
frchterlich sein. Was wird geschehen, wenn die Menschen gewahren werden,
da es keine Sonne mehr gibt? Ich ging durch die Rue St. Honor zurck und
beklagte die verspteten Bauern, denen ich begegnete. Am Louvre angekommen
ging ich bis zum Platz und da wartete meiner ein seltsames Schauspiel.
Zwischen den rasch vom Wind gejagten Wolken sah ich mehrere Monde, die mit
groer Schnelligkeit vorberglitten. Ich dachte, die Erde sei aus ihrer
Bahn getreten und irre am Firmament wie ein entmastetes Schiff umher, wobei
sie sich den Sternen, die abwechselnd wuchsen und wieder abnahmen, nherte
und wieder von ihnen entfernte. Zwei oder drei Stunden lang betrachtete ich
diese Unordnung und ging schlielich nach der Gegend der Hallen. Die Bauern
brachten ihre Waren und ich sagte mir: Wie werden sie erstaunt sein, wenn
sie merken, da die Nacht sich verlngert? Indessen bellten hie und da
Hunde und die Hhne krhten. Von Mdigkeit zerschlagen ging ich nach Hause
und warf mich auf mein Bett. Als ich aufwachte war ich erstaunt das Licht
wiederzusehen. Eine Art geheimnisvollen Chors drang an mein Ohr: CHRISTUS,
CHRISTUS! CHRISTUS! Ich dachte, da man in einer benachbarten Kirche,
Notre-Dame-des-Victories, eine groe Zahl Kinder vereint habe, um den
Heiland anzurufen. -- Aber Christus ist nicht mehr! sagte ich mir, sie
wissen es noch nicht! Die Anrufung dauerte ungefhr eine Stunde. Ich stand
endlich auf und ging unter die Galerien des Palais Royal. Ich sagte mir,
da die Sonne wahrscheinlich noch gengend Licht aufgespeichert htte, aber
da sie dazu ihre eigene Substanz abntzen msse, und ich fand sie wirklich
kalt und farblos. Ich beschwichtigte meinen Hunger mit einem kleinen
Kuchen, um die Kraft zu gewinnen, das Haus des deutschen Dichters zu
erreichen. Als ich eintrat sagte ich zu ihm, da alles aus sei, und da wir
uns zum Sterben vorbereiten mten. Er rief seiner Frau, die zu mir sagte:
Was fehlt Ihnen! -- Ich wei es nicht, sagte ich zu ihr, ich bin
verloren! Sie schickte nach einer Droschke und ein junges Mdchen fhrte
mich nach der Maison Dubois.



V.


MEIN bel begann wieder mit wechselnden Anfllen. Nach einem Monat war ich
wieder hergestellt. Whrend der zwei Monate, die nun folgten, nahm ich
meine Pilgerfahrten rund um Paris wieder auf. Die lngste Reise, die ich
gemacht habe, war der Besuch des Doms von Reims. Nach und nach fing ich
wieder an zu schreiben und verfate eine meiner besten Novellen. Ich
schrieb sie allerdings mhsam fast immer mit Bleistift auf lose Bltter,
geleitet von dem Zufall meiner Trumereien und Spaziergnge. Die
Korrekturen regten mich sehr auf. Wenige Tage nach Verffentlichung der
Novelle fhlte ich mich von hartnckiger Schlaflosigkeit befallen. Die
ganze Nacht ging ich auf dem Hgel von Montmartre spazieren und sah von
dort den Sonnenaufgang. Ich plauderte lange mit Bauern und Arbeitern. In
andern Augenblicken wand ich mich den Hallen zu. Eine Nacht ging ich zum
Essen in ein Caf am Boulevard und vergngte mich damit, Gold- und
Silberstcke in die Luft zu werfen. Dann ging ich zu den Hallen und stritt
mit einem Unbekannten, dem ich eine grobe Ohrfeige gab. Ich wei nicht,
wieso das gar keine Folgen hatte. Zu einer gewissen Stunde, als ich die
Turmuhr von St. Eustache schlagen hrte, begann ich an die Kmpfe der
Herzge von Burgund und der Armagnacs zu denken, und ich glaubte, da sich
die Schatten der Kmpfenden jener Epoche um mich herum erhoben. Ich kam in
Streit mit einem Dienstmann, der auf seiner Brust ein silbernes Tfelchen
trug und zu dem ich sagte, da er der Herzog Johann von Burgund sei. Ich
wollte ihn verhindern, in eine Schenke zu treten. Durch eine
Eigentmlichkeit, die ich mir nicht erklre, bedeckte sich sein Gesicht mit
Trnen als er sah, da ich ihm mit Tod drohte. Das rhrte mich, und ich
hie ihn vorbeigehen.

Ich wendete mich gegen die Tuilerien, die geschlossen waren, und ging den
Quais entlang; dann begab ich mich zum Luxembourg und ging dann mit einem
Freund frhstcken. Dann betrat ich St. Eustache, wo ich fromm am Altar der
heiligen Jungfrau niederkniete und an meine Mutter dachte. Die Trnen, die
ich vergo, erleichterten meine Seele und als ich aus der Kirche kam,
kaufte ich einen silbernen Ring. Darauf stattete ich meinem Vater einen
Besuch ab, bei dem ich einen Strau Margueriten zurcklie, da er abwesend
war. Von da ging ich zum Jardin des Plantes. Es waren viele Menschen dort
und ich verweilte einige Zeit und sah mir das Nilpferd an, das gerade in
einem Bassin badete. -- Darauf begab ich mich in die osteologischen
Sammlungen. Der Anblick der Ungetme, die sie enthalten, lie mich an die
Sintflut denken und als ich hinausging, fiel ein schrecklicher Platzregen
im Garten nieder. Ich sagte mir: Was fr ein Unglck! All diese Frauen, all
diese Kinder werden durchnt! . . . Dann sagte ich mir: Aber es ist noch
mehr! Die wirkliche Sintflut beginnt! Das Wasser stieg in den
Nachbarstraen an; ich lief die Strae Saint-Victor hinunter und im
Gedanken das aufzuhalten, was ich fr die Weltberschwemmung hielt, warf
ich an der tiefsten Stelle den Ring, den ich bei Saint-Eustache gekauft
hatte, ins Wasser. Ungefhr in demselben Augenblick beruhigte sich das
Gewitter und ein Sonnenstrahl begann zu glitzern.

Hoffnung kehrte in meine Seele zurck. Um vier Uhr hatte ich eine
Verabredung bei meinem Freunde Georg; ich ging nach seiner Wohnung. Als ich
bei einem Kuriosittenhndler vorberging, kaufte ich zwei Ofenschirme aus
Samt, die mit hieroglyphischen Figuren bedeckt waren. Das schien mir die
Weihe fr die himmlische Verzeihung zu sein. Ich kam zur bestimmten Zeit zu
Georg und vertraute ihm meine Hoffnung an. Ich war durchnt und mde. Ich
wechselte meine Kleider und legte mich auf sein Bett. Whrend meines
Schlummers hatte ich eine wunderbare Vision. Es kam mir vor, als ob die
Gttin mir erschiene und zu mir sagte: Ich bin dieselbe wie Maria,
dieselbe wie deine Mutter, dieselbe auch, die du stets unter allen Formen
geliebt hast. Bei jeder deiner Prfungen habe ich eine meiner Masken
aufgegeben, mit denen ich meine Zge verschleiere und bald wirst du mich
sehen so wie ich bin . . . Ein kstlicher Weinberg wuchs aus dem Gewlk
hinter ihr hervor, ein sanftes und durchdringendes Licht erhellte dieses
Paradies; indessen hrte ich nur ihre Stimme, aber ich fhlte mich in eine
entzckende Trunkenheit getaucht. -- Kurze Zeit darauf erwachte ich und
sagte zu Georg: La uns ausgehen! Whrend wir den Pont des Arts
berschritten, erklrte ich ihm die Seelenwanderung und sagte zu ihm: Es
kommt mir vor, als htte ich heute abend die Seele Napoleons in mir, die
mich begeistert und mir groe Dinge befiehlt. --In der Rue du Coq kaufte
ich einen Hut und whrend Georg das Kleingeld erhielt auf das Goldstck,
das ich auf den Ladentisch geworfen hatte, setzte ich meinen Weg fort und
gelangte nach den Galerien des Palais Royal.

Da schien es mir, als ob jedermann mich anshe. Eine beharrliche Idee hatte
sich in meinem Geiste festgesetzt, nmlich, da es keine Toten mehr gebe;
ich durchlief die Galerie de Foy und sagte: Ich habe einen Fehler
begangen; und als ich mein Gedchtnis, welches ich fr das Napoleons
hielt, frug, konnte ich nicht dahinter kommen, was fr einen. Irgend etwas
habe ich hier nicht bezahlt! in diesem Gedanken betrat ich das Caf de Foy
und glaubte in einem der Stammgste den Vater Bertin von den Dbats zu
erkennen. Dann durchschritt ich den Garten, wobei ich den Rundtnzen der
kleinen Mdchen einiges Interesse schenkte. Von da verlie ich die Galerien
und richtete meine Schritte nach der Rue St. Honor. Ich trat in einen
Laden, um eine Zigarre zu kaufen, und als ich hinaustrat, war die Menge so
dicht, da ich fast erdrckt worden wre. Zwei meiner Freunde befreiten
mich, indem sie fr mich brgten, und lieen mich in ein Kaffeehaus
eintreten, whrend einer von ihnen eine Droschke holte. Man brachte mich
zum Charithospital.

Whrend der Nacht nahm das Delirium zu, besonders am Morgen, als ich
bemerkte, da ich angebunden war. Es gelang mir, mich von der Zwangsjacke
zu befreien, und gegen Morgen ging ich in den Slen herum. Der Gedanke, da
ich einem Gott gleich geworden sei, und die Kraft zu heilen bese, lie
mich einigen Kranken die Hnde auflegen; dann trat ich auf ein Standbild
der heiligen Jungfrau zu, der ich den Kranz von knstlichen Blumen abnahm,
um die Macht, die ich zu besitzen glaubte, noch zu untersttzen. Ich ging
mit groen Schritten, wobei ich mit Lebhaftigkeit ber die Unwissenheit der
Menschen sprach, die glaubten, mit der Wissenschaft allein heilen zu
knnen, und als ich auf dem Tische ein Flschchen mit ther sah, verschlang
ich seinen Inhalt mit einem Schluck. Ein Assistenzarzt, dessen Gesicht ich
mit dem der Engel verglich, wollte mich aufhalten, aber die nervse Kraft
untersttzte mich und bereit ihn niederzuwerfen blieb ich stehen und sagte
ihm, er verstehe nicht was meine Mission sei. Dann kamen rzte und ich
setzte meine Rede ber die Ohnmacht ihrer Kunst fort. Hierauf ging ich die
Treppe hinunter, obwohl ich keine Fubekleidung hatte. Als ich an einem
Blumengarten angelangt war, ging ich hinein und pflckte Blumen, wobei ich
auf dem Rasen herumging.

Einer meiner Freunde war zurckgekommen, um mich zu holen. Da verlie ich
den Blumengarten und whrend ich mit ihm sprach, warf man mir eine
Zwangsjacke ber die Schultern, dann lie man mich in eine Droschke steigen
und brachte mich in eine Irrenanstalt auerhalb von Paris. Ich verstand als
ich mich unter den Irrsinnigen sah, da alles bisher fr mich nur
Einbildung gewesen war. brigens schien es mir, da die Versprechungen, die
ich der Gttin Isis zuschrieb, sich durch eine Reihe von Prfungen
verwirklichten, die ich zu ertragen bestimmt war. Ich nahm sie also mit
Ergebung hin.

Der Teil des Gebudes, in dem ich mich befand, ging auf eine weite, von
Nubumen beschattete Wandelbahn. In einer Ecke befand sich ein kleiner
Erdhgel, wo einer der Gefangenen den ganzen Tag im Kreis herumging. Andere
beschrnkten sich wie ich, auf dem Erdwall oder der Terrasse auf und ab zu
gehen, die von einer Rasenbschung begrenzt wurde. Auf einer Mauer, die
nach Sonnenuntergang lag, waren Figuren gezeichnet, deren eine die Form des
Mondes mit geometrisch gezeichneten Augen und Mund darstellte; ber dieses
Gesicht hatte man eine Art Maske gemalt; die Mauer zur Linken stellte
verschiedene Profilzeichnungen vor, worunter eine einer Art japanischer
Gottheit glich. Etwas weiter war ein Totenkopf in den Gips modelliert. An
der gegenberliegenden Seite waren zwei Quadersteine von einem der Gste
des Gartens behauen worden und stellten kleine, ganz gut getroffene Fratzen
dar. Zwei Tren fhrten in die Keller und ich bildete mir ein, da das
unterirdische Gnge seien, die denen gleichen, die ich am Eingang der
Pyramiden gesehen hatte.



VI.


ZUERST stellte ich mir vor, da die in diesem Garten versammelten Personen
alle irgend einen Einflu auf die Gestirne htten, und da der, welcher
sich unaufhrlich in demselben Kreise drehte, dadurch den Gang der Sonne
regulierte. Ein Greis, den man zu gewissen Tageszeiten herfhrte und der
Knoten machte, wenn er seine Taschenuhr konsultierte, schien mir damit
betraut zu sein, den Gang der Stunden festzustellen. Mir selbst schrieb ich
einen Einflu auf den Lauf des Mondes zu und ich glaubte, dieses Gestirn
habe einen Blitzstrahl des Allmchtigen empfangen, der auf sein Antlitz die
Maske geprgt habe, die ich bemerkt hatte.

Ich legte den Unterhaltungen der Wrter und denen meiner Genossen einen
mystischen Sinn unter. Sie schienen mir die Reprsentanten aller Rassen der
Erde zu sein und ich glaubte, da wir dazu da seien, die Bahnen der
Gestirne aufs neue festzusetzen und dem System eine grere Entwicklung zu
geben. Meiner Meinung nach hatte sich ein Irrtum bei der
Hauptzusammenstellung der Zahlen eingeschlichen, und davon leitete ich alle
bel der Menschheit ab. Ich glaubte noch, da die himmlischen Geister
menschliche Formen angenommen htten und dieser Generalversammlung
beiwohnten, obwohl sie von gemeinen Sorgen eingenommen schienen. Meine
Rolle schien mir zu sein, die Harmonie des Weltalls durch kabbalistische
Kunst wiederherzustellen und eine Lsung zu suchen, indem ich die okkulten
Krfte der verschiedenen Religionen heraufbeschwor. Auer der Wandelbahn
hatten wir noch einen Saal, dessen senkrecht vergitterte Fenster ins Grne
hinausgingen. Wenn ich hinter diesen Scheiben die Linie der uern
Baulichkeiten ansah, gewahrte ich, wie sich die Fassade und die Fenster in
tausend mit Arabesken geschmckte Pavillons zerteilten; darber erhoben
sich Ausschnitte und Spitzen, die mir die kaiserlichen Kioske, die den
Bosporus umgeben, ins Gedchtnis riefen. Das fhrte natrlich meinen Geist
zur Beschftigung mit dem Orient. Gegen zwei Uhr brachte man mich ins Bad
und ich glaubte mich von den Walkren, den Tchtern Odins bedient, die mich
zur Unsterblichkeit erheben wollten, indem sie nach und nach meinen Krper
von allem Unreinen befreiten.

Abends ging ich heiter im Mondschein spazieren, und wenn ich meine Augen zu
den Bumen erhob, schienen sich die Bltter eigenartig zu rollen, so da
sie Bilder von Kavalieren und Damen bildeten, die von aufgeputzten Pferden
getragen wurden. Das waren fr mich die triumphierenden Gestalten der
Ahnen. Dieser Gedanke leitete mich zu dem andern, da eine ausgedehnte
Verschwrung unter allen Lebewesen bestand, um die Welt in ihrer ersten
Harmonie wieder herzustellen, da die Verbindungen durch den Magnetismus
der Gestirne stattfanden, da eine ununterbrochene Kette die mit jener
allgemeinen Verbindung beschftigten Intelligenzen rings um die Erde
verband und da die magnetisierten Gesnge, Tnze und Blicke nach und nach
dasselbe Streben bertrugen. Der Mond war fr mich der Zufluchtsort der
verbrderten Seelen, die von ihren sterblichen Krpern befreit freier an
der Wieederherstellung des Weltalls arbeiteten.

Fr mich schien die Zeit eines jeden Tages schon um zwei Stunden zugenommen
zu haben, so da ich, wenn ich zu den durch die Uhren des Hauses
festgesetzten Stunden aufstand, mich nur im Reich der Schatten bewegte. Die
Genossen, die mich umgaben, schienen mir eingeschlafen und dem Anblick des
Tartarus zu gleichen bis zur Stunde, wo fr mich die Sonne aufging. Dann
begrte ich dieses Gestirn durch ein Gebet und mein wirkliches Leben
begann.

Von dem Augenblick an, wo ich mich soweit vergewissert hatte, da ich den
Prfungen der heiligen Einweihung unterworfen war, empfing mein Geist eine
unbezwingliche Kraft. Ich hielt mich fr einen Helden, der unter dem Blick
der Gtter lebt; alles in der Natur gewann ein neues Ansehen und geheime
Stimmen kamen aus der Pflanze, dem Baum, den Tieren, den geringsten
Insekten, um mich zu benachrichtigen und zu ermutigen. Die Sprache meiner
Gefhrten hatte geheimnisvolle Wendungen, deren Sinn ich verstand,
Gegenstnde ohne Form und ohne Leben fgten sich von selbst den
Berechnungen meines Geistes ein; -- aus der Zusammenstellung von
Kieselsteinen, den Figuren von Winkeln, Spalten und ffnungen, den
Schnittlinien von Blttern, aus Farben, Dften und Tnen sah ich bis dahin
unbekannte Harmonien hervorgehen. Wie, sagte ich mir, habe ich nur so
lange auerhalb der Natur bestehen knnen und ohne mich mit ihr zu
identifizieren? Alles lebt, alles handelt, alles steht in Beziehung; die
magnetischen Strahlen, die von mir oder von andern ausgehen, berschreiten
ohne Hindernis die unendliche Kette der geschaffenen Dinge; ein
durchsichtiges Netz bedeckt die Welt, dessen gelockerte Fden sich von Ort
zu Ort den Planeten und den Sternen mitteilen. Ich bin fr den Augenblick
an die Erde gefesselt und unterhalte mich mit dem Chor der Gestirne, die an
meinen Freuden und Schmerzen teilnehmen!

Sofort zitterte ich, wenn ich bedachte, da selbst dieses Mysterium
belauert werden knnte. -- Wenn die Elektrizitt, sagte ich mir, die der
Magnetismus der physischen Krper ist, einer Leitung unterworfen sein kann,
die ihr Gesetze auferlegt, so knnen noch viel mehr die feindlichen und
tyrannischen Geister die Intelligenzen unterjochen und sich ihrer geteilten
Krfte zum Zweck der Herrschaft bedienen. So sind die alten Gtter besiegt
und durch die neuen Gtter geknechtet worden. So, sagte ich mir weiter
indem ich meine Erinnerungen an die alte Welt zu Rate zog, haben die
Nekromanten ganze Vlker beherrscht, deren unter ihrem ewigen Zepter
gefesselte Geschlechter einander folgten. O Unglck! Selbst der Tod kann
sie nicht befreien, denn wir leben wieder in unsern Shnen, wie wir in
unsern Vtern gelebt haben, -- und die unerbittliche Wissenschaft unsrer
Feinde wei uns berall zu erkennen. Die Stunde unsrer Geburt, der Punkt
der Erde an dem wir erscheinen, die erste Bewegung, der Name, das Zimmer,
-- und all jene Weihen und all jene Gebruche, die man uns auferlegt, alles
das stellt eine glckliche oder verhngnisvolle Reihenfolge dar, von der
die ganze Zukunft abhngt. Aber wenn das schon nach menschlicher Berechnung
frchterlich ist, verstehe man was das sein mu, wenn es an die
geheimnisvollen Formeln anknpft, auf denen die Ordnung der Welten beruht!
Man hat richtig gesagt: Nichts ist gleichgltig, nichts ist ohnmchtig im
Weltall; ein Atom kann alles auflsen, ein Atom kann alles retten!

O Entsetzen! Das ist der ewige Unterschied zwischen Gut und Bse! Ist meine
Seele das unzerstrbare Molekl, die Blase, die ein bichen Luft aufblht,
aber die ihren Platz in der Natur wiederfindet, oder die Leere selbst, ein
Bild des Nichts, das in der Unendlichkeit verschwindet? Wre sie ferner das
unglckselige Teilchen, das bestimmt ist unter all seinen Verwandlungen der
Rache der mchtigen Wesen zu unterliegen? So sah ich mich dahin gebracht,
von mir Rechenschaft fr mein Leben und selbst fr meine frheren
Existenzen zu fordern. Indem ich mir bewies, da ich gut sei, bewies ich
mir, da ich es stets gewesen sein msse. Und wenn ich schlecht gewesen
bin, sollte da nicht mein gegenwrtiges Leben eine gengende Shne sein?
Dieser Gedanke beruhigte mich, aber nahm mir nicht die Angst, fr immer
unter die Unglcklichen eingereiht zu werden. Ich fhlte mich in kaltes
Wasser getaucht, und ein noch klteres Wasser rieselte ber meine Stirn.
Ich lenkte meinen Gedanken wieder zur ewigen Isis, zur Mutter und heiligen
Gattin. All mein Streben, all meine Gebete vereinigten sich in diesem
zauberhaften Namen, ich fhlte mich in ihr wieder aufleben und bisweilen
erschien sie mir unter der Gestalt der antiken Venus, bald auch unter den
Zgen der christlichen Jungfrau. Die Nacht brachte mir diese geliebte
Erscheinung deutlicher und trotzdem sagte ich mir: Was kann sie, die
besiegt und vielleicht unterdrckt ist, fr ihre armen Kinder tun? Die
bleiche und zerrissene Mondsichel wurde jeden Abend schmler und wrde bald
verschwinden; vielleicht sollten wir sie nicht am Himmel wiedersehen!
Indessen schien es mir, als sei dieses Gestirn die Zuflucht aller meiner
Schwesterseelen und ich sah es von klagenden Schatten bewohnt, die bestimmt
waren, dereinst auf der Erde wiedergeboren zu werden . . . . Mein Zimmer
ist am uersten Ende eines Ganges, der auf der einen Seite von den
Verrckten bewohnt ist, auf der andern von den Bediensteten des Hauses. Es
hat allein den Vorteil eines Fensters, das auf der Hofseite durchgebrochen
ist; der Hof ist mit Bumen bepflanzt und dient tagsber als Spazierplatz.
Meine Blicke heften sich mit Vergngen auf einen buschigen Nubaum und auf
zwei chinesische Maulbeerbume. Darber gewahrt man undeutlich zwischen den
grn bemalten Gittern eine ziemlich belebte Strae. Gegen Sonnenuntergang
erweitert sich der Horizont; es ist wie ein Dorf mit Fenstern, die mit Grn
bekleidet oder mit Vogelkfigen oder Lumpen zum Trocknen behngt sind, und
wo man von Zeit zu Zeit das Profil einer jungen oder alten Hausfrau oder
irgendeinen rosigen Kinderkopf hervorlugen sieht. Man schreit, singt,
bricht in Lachen aus; es ist froh oder traurig zum Anhren, je nach den
Stunden und den Eindrcken.

Ich habe hier alle Trmmer meiner verschiedenen Vermgen gefunden, die
verworrenen Reste mehrerer verstreuten oder seit zwanzig Jahren
wiederverkauften Mobiliare. Es ist eine Trdlerstube wie die des Doktor
Faust. Ein antiker dreifiger Tisch mit Adlerkpfen, eine von einer
geflgelten Sphynx gehaltene Konsole, eine Kommode aus dem siebzehnten
Jahrhundert, eine Bibliothek des achtzehnten, ein Bett aus derselben Zeit,
dessen ovaler Himmel, den man aber nicht aufrichten kann, mit blauen und
roten Stoffen bekleidet ist; ein burisches Gestell, auf dem meist ziemlich
stark beschdigte Fayencen und Gegenstnde aus Svresporzellan stehen; eine
aus Konstantinopel mitgebrachte Wasserpfeife, einen groen Becher aus
Alabaster, ein Kristallgef; Wandfllungen aus Holz, die vom Abbruch eines
alten Hauses herrhrten, das ich auf dem Louvreplatz bewohnt hatte und die
mit mythologischen Malereien von der Hand heute berhmter Freunde bedeckt
waren; zwei groe Gemlde im Geschmacke Prudhons, die die Musen der
Geschichte und der Schauspielkunst darstellten. Mehrere Tage lang hat es
mir Spa gemacht, all das zu ordnen und in der engen Mansarde eine bizarre
Zusammenstellung zu schaffen, die etwas vom Palast und etwas von der Htte
hat und einen ziemlich guten Auszug meines unsteten Lebens gibt. ber
meinem Bett habe ich meine arabischen Kleider aufgehngt, meine zwei
sorgsam ausgebesserten Kaschmirschals, eine Pilgerflasche, einen ungeheuren
Plan von Kairo; eine Konsole aus Bambus steht zu Kopfende meines Bettes und
trgt eine indische Lackplatte, auf der ich meine Toilettegegenstnde
ordnen kann. Ich habe mit Freude diese bescheidenen Reste meiner
abwechselnd im Wohlleben und im Elend verbrachten Jahre wiedergefunden, an
die sich alle Erinnerungen meines Lebens knpften. Man hatte nur ein
kleines Gemlde auf Kupfer im Geschmack Correggios auf die Seite gelegt,
das Venus und Amor darstellte, Wandspiegel mit Jgerinnen und Satyrn und
einen Pfeil, den ich zum Andenken an die Gesellschaften beim Valoisbogen
aufbewahrt hatte; die Waffen waren nach den neuen Gesetzen verkauft worden.
Im ganzen fand ich alles wieder, was ich zuletzt besessen hatte. Meine
Bcher bildeten eine bizarre Anhufung der Wissenschaft aller Zeiten,
Geschichte, Reisen, Religion, Kabbala, Astrologie; sie htten den Schatten
Picos de la Mirandola, des weisen Meursius und Nikolas' de Cusa Freude
gemacht, -- der Turm zu Babel in zweihundert Bnden; -- alles das hatte man
mir gelassen! Es war genug, um einen Weisen nrrisch zu machen; hoffentlich
auch genug, um einen Narren weise zu machen!

Mit welchem Entzcken habe ich in meinen Schubladen den Haufen meiner
Aufzeichnungen und intimen und ffentlichen, alltglichen und glnzenden
Briefwechsel ordnen knnen; sie waren gewhnlich oder bedeutend, wie es der
Zufall der Begegnungen oder der entfernten Lnder, die ich bereist habe,
mit sich brachte. In Rollen, die besser verwahrt sind als die andern, finde
ich arabische Briefe, Reliquien aus Kairo und Stambul wieder.

O Glck! O tdliche Traurigkeit! Diese vergilbten Buchstaben, diese
verwischten Entwrfe, diese halbzerknitterten Briefe, das ist der Schatz
meiner einzigen Liebe. Lesen wir sie wieder! Viele Briefe fehlen, viele
andere sind zerrissen oder unleserlich gemacht! -- -- --



VII.


EINES Nachts sprach und sang ich in einer Art Ekstase. Einer der
Bediensteten des Hauses holte mich in meiner Zelle und lie mich in ein
Parterrezimmer hinuntergehen, wo er mich einschlo. Ich setzte meinen Traum
fort und obwohl ich aufrecht stand, glaubte ich mich in einer Art
orientalischen Kiosks eingeschlossen. Ich untersuchte alle Winkel und
erkannte, da er achteckig war. Ein Diwan beherrschte die ganzen Wnde;
diese schienen mir aus dickem Spiegelglas geformt, jenseits deren ich
Schtze, Schals und Stickereien glnzen sah. Eine vom Mond erhellte
Landschaft erschien mir durch das Trgitter und ich glaubte die Formen von
Baumstmpfen und Felsen zu erkennen. Ich hatte dort schon in irgendeiner
andern Existenz geweilt und glaubte die tiefen Grotten von Ellorah zu
erkennen. Nach und nach drang bluliches Tageslicht in den Kiosk und lie
bizarre Bilder zutage treten. Ich glaubte mich nun mitten in einem
ungeheuren Fleischhaufen zu befinden, wo die Weltgeschichte in blutigen
Zgen niedergeschrieben war. Der Krper einer riesenhaften Frau war mir
gegenber gemalt, nur waren ihre verschiedenen Teile wie von einem Sbel
zerschnitten. Andre Frauen verschiedener Rassen, deren Krper nacheinander
vorherrschten, stellten auf den andern Mauern eine blutigen Wirrwarr von
Gliedern und Kpfen dar, von den Kaiserinnen und Kniginnen bis herab zur
bescheidenen Buerin. Das war die Geschichte aller Verbrechen und es
gengte, die Augen auf diesen oder jenen Punkt zu heften, um dort einen
tragischen Vorgang sich abspielen zu sehen. -- Das ist es nun, sagte ich
mir, was die den Menschen verliehene Gewalt hervorgebracht hat. Sie haben
den ewigen Typus der Schnheit nach und nach so gut zerstrt und in tausend
Stcke geschnitten, da die Rassen immer mehr an Kraft und Vollkommenheit
verlieren. Und ich sah wirklich auf einer Schattenlinie, die sich durch
eine der Spalten der Tr einschlich, die absteigenden Generationen der
Zukunftsrassen.


Endlich wurde ich dieser dstern Betrachtung entrissen. Das gute und
mitfhlende Gesicht meines vortrefflichen Arztes gab mich der Welt des
Lebendigen zurck. Er lie mich einem Schauspiel beiwohnen, das mich
lebhaft interessierte. Unter den Kranken befand sich ein junger Mann, ein
alter Soldat aus Afrika, der sich seit sechs Wochen weigerte Nahrung
aufzunehmen. Vermittels eines langen Kautschukschlauchs, den man in ein
Nasenloch einfhrte, lie man ihm eine gengende Menge Gries und Schokolade
in den Magen rinnen.

Dieses Schauspiel machte mir lebhaften Eindruck. Bis dahin war ich dem
einfrmigen Kreislauf meiner Erregungen und meiner moralischen Leiden
berlassen gewesen, da begegnete mir ein unbeschreibliches, schweigsames
und geduldiges Wesen, das wie eine Sphynx an den uersten Toren des Lebens
sa. Ich fing an, es wegen seines Unglcks und seiner Verlassenheit zu
lieben, und ich fhlte mich durch diese Zuneigung und dieses Mitleid
gehoben. Es schien mir so zwischen das Leben und den Tod gestellt wie ein
erhabener Dolmetscher, wie ein Beichtvater, der dazu bestimmt ist jene
Geheimnisse der Seele zu hren, die das Wort nicht zu bermitteln wagte
noch vermchte. Es war das Ohr Gottes ohne die Beimischung des Gedankens
eines andern. Ich verbrachte ganze Stunden damit, mich im Geist zu prfen,
wobei ich mein Haupt auf das seine neigte und ihn bei der Hand hielt. Es
kam mir vor als vereinte ein gewisser Magnetismus unsre beiden Geister und
ich war entzckt, als zum erstenmal ein Wort aus seinem Mund kam. Man
wollte nichts davon glauben und ich schrieb meinem glhenden Wunsch diesen
Beginn der Heilung zu. In dieser Nacht hatte ich einen kstlichen Traum,
den ersten seit recht langer Zeit.

Ich war in einem Turm, der so tief in der Erde steckte und so hoch in den
Himmel ragte, da mein ganzes Leben mit Hinauf- und Hinabsteigen ausgefllt
schien. Schon waren meine Krfte erschpft und der Mut begann mich zu
verlassen, als sich eine Seitentr ffnet. Ein Geist tritt hervor und sagt
zu mir: Komm, Bruder! . . . . Ich wei nicht, wie es mir in den Sinn kam,
da er Saturnin hie. Er hatte die Zge des armen Kranken, aber verklrt
und wissend. Wir waren auf einem sternerhellten Felde; wir blieben stehen
und betrachteten das himmlische Schauspiel und der Geist legte seine Hand
auf meine Stirn, wie ich es am Abend vorher gemacht hatte, als ich meinen
Gefhrten zu magnetisieren versuchte; sogleich fing einer der Sterne des
Himmels zu wachsen an, und die Gottheit meiner Trume erschien mir lchelnd
in einem fast indischen Gewand, so wie ich sie frher gesehen hatte. Sie
schritt zwischen uns beiden und die Wiesen ergrnten, die Blten und
Bltter erhoben sich von der Erde auf der Spur ihrer Schritte . . . . Sie
sprach zu mir: Die Prfung, der du unterworfen warst, ist zu Ende; diese
zahllosen Stufen, bei deren Erklimmen und Hinabsteigen du dich ermdetest,
waren die Bande der alten Einbildungen selbst, die deine Gedanken
verwirrten und jetzt erinnere dich des Tags, wo du die heilige Jungfrau
angefleht hast und da du sie tot glaubtest, sich das Delirium deines
Geistes bemchtigt hat. Es war ntig, da ihr dein Wunsch von einer
einfachen von der Erde losgelsten Seele berbracht wurde. Diese hat sich
in deiner Nhe gefunden und darum ist es mir selbst erlaubt zu kommen und
dir Mut zuzusprechen. Die Freude, die dieser Traum in meinem Geist
verbreitete, verschaffte mir ein kstliches Erwachen. Der Tag begann
anzubrechen. Ich wollte ein greifbares Zeichen der Erscheinung haben, die
mich getrstet hatte und ich schrieb diese Worte auf die Mauer: Du hast
mich in dieser Nacht besucht. Ich verzeichne hier unter dem Titel

DENKWRDIGKEITEN

die Eindrcke mehrerer Trume, die dem folgten, den ich eben mitgeteilt
habe. -- -- --

Auf einer schlanken Bergspitze der Auvergne ist der Hirtengesang
verklungen: ARME MARIA! Knigin der Himmel! An dich wendet sich ihre
Frmmigkeit. Diese lndliche Melodie ist zum Ohr der Korybanten gedrungen.
Sie treten selbst singend aus den geheimen Grotten, wo die Liebe ihnen
Obdach gewhrte. -- Hosianna! Friede auf Erden und Ruhm in den Himmeln! --
Auf den Bergen des Hymalaia ist eine kleine Blume erblht. -- Vergi mein
nicht! -- Der kosende Blick eines Sternes hat einen Augenblick auf ihr
geruht und eine Stimme lie sich in einer sen, fremden Sprache vernehmen:
MYOSOTIS! --

Eine silberne Perle leuchtete im Sand; eine goldene Perle strahlte am
Himmel . . . . Die Welt war geschaffen. Keusche Liebe, gttliche Seufzer!
Entflammt den heiligen Berg! . . . Denn ihr habt Brder in den Tlern und
schchterne Schwestern, die sich im Scho der Wlder verbergen!

Duftende Gebsche von Paphos! Was seid ihr gegen diese Zufluchtsorte, wo
man mit vollen Lungen die belebende Luft des Vaterlandes atmet? -- Da oben
auf den Bergen lebt die Welt zufrieden; die wilde Nachtigall verbreitet
Zufriedenheit.

O wie schn ist doch meine groe Freundin! Sie ist so gro, da sie der
Welt verzeiht und so gut, da sie mir verziehen hat. Neulich nachts schlief
sie in irgendeinem Palast und ich konnte sie nicht erreichen. Mein
Schweifuchs entwand sich meinem Befehl. Die zerrissenen Zgel hingen ber
der in Schwei gebadeten Kruppe und es bedurfte groer Anstrengungen, um
ihn zu verhindern, da er sich zu Boden legte.

Heute nacht ist mir der gute Saturnin zu Hilfe gekommen und meine groe
Freundin hat an meiner Seite auf ihrer weien, silbern aufgezumten Stute
Platz genommen. Sie sagte zu mir: Mut, Bruder, denn das ist die letzte
Stufe! Und ihre groen Augen verschlangen den Raum und sie lie in der
Luft ihr langes Haar wehen, das mit den Dften Jemens getrnkt war.

Ich erkannte die gttlichen Zge von ***. Wir flogen im Triumph und die
Feinde waren zu unsern Fen. Der Wiedehopf geleitete uns als Bote bis in
den hchsten Himmel und der Bogen des Lichts barst in den gttlichen Hnden
Apolls. Adonis Zauberhorn klang durch die Wlder.

O Tod, wo ist dein Sieg? Da doch der triumphierende Messias zwischen uns
beiden ritt? Ihr Kleid war aus schwefligem Hyazinth und ihre Handgelenke
sowie die Knchel ihrer Fe blitzten von Diamanten und Rubinen. Wenn ihre
leichte Reitgerte das Perlmuttertor des Neuen Jerusalem berhrte, waren wir
alle drei in Licht getaucht. Dann bin ich unter die Menschen gegangen, um
ihnen die frohe Botschaft zu verknden.

Ich erwache aus einem sen Traum. Ich habe die gesehen, die ich verklrt
und strahlend geliebt habe. Der Himmel hat sich in all seiner Pracht
geffnet und ich habe darin das Wort VERGEBUNG gelesen, das mit dem Blute
Jesu Christi geschrieben war.

Ein Stern erglnzte pltzlich und enthllte mir das Geheimnis der Welt der
Welten. Hosianna! Friede auf Erden und Ehre den Himmeln!

Aus dem Scho der stummen Finsternis sind zwei Tne erklungen, ein
getragener und ein schriller, und sogleich begann der ewige Kreislauf. Sei
gesegnet, o erste Oktave, mit der die gttliche Hymne anhub. Von Sonntag zu
Sonntag flichst du alle Tage in dein Zaubernetz! Die Berge lobpreisen dich
den Tlern, die Quellen den Bchen, die Bche den Strmen; die Strme dem
Ozean. Die Luft zittert und das Licht kt wohlklingend die sprieenden
Blumen.

Ein Seufzer, ein Liebesschauer steigt aus dem geschwellten Scho der Erde
und der Chor der Gestirne entfaltet sich in die Unendlichkeit; er entfernt
sich und kommt wiederum zurck, verdichtet sich und entfaltet sich wieder
und st die Keime zu neuen Schpfungen ins Weite.

Auf dem Gipfel eines blulichen Berges ist eine kleine Blume erblht. --
Vergi mein nicht! -- Der kosende Blick eines Sternes hat sich einen
Augenblick darauf geheftet und eine Antwort lie sich in einer sen,
fremden Sprache vernehmen: MYOSOTIS!

Unheil ber dich, Gott des Nordens! Der du mit einem Hammerschlag die aus
den sieben kstlichsten Metallen gefgte heilige Tafel zertrmmertest! Denn
du hast die ROSENFARBENE PERLE, die in ihrer Mitte ruhte, nicht
zerbrechen knnen. Sie ist unter dem Eisen wieder aufgesprungen, -- und wir
haben uns fr sie bewaffnet . . . . Hosianna!

Der Makrokosmos, oder die groe Welt, ist durch kabbalistische Kunst erbaut
worden; der Mikrokosmos, oder die kleine Welt, ist sein in aller Welt
zurckgestrahltes Bild. Die ROSENFARBENE PERLE ist mit dem kniglichen
Blut der Walkren gefrbt worden. Unheil ber dich, schmiedender Gott, der
eine Welt zertrmmern wollte! Indessen ist die Vergebung Christi auch fr
dich verkndet worden!

Sei also selbst du gesegnet, o Thor, du Riese -- du mchtigster unter Odins
Shnen! Sei gesegnet in Hela, deiner Mutter, denn oft ist der Tod s, --
und in deinem Bruder Loki und in deinem Hund Garnur.

Selbst die Schlange, welche die Welt umgibt, ist gesegnet, denn ihre Ringe
erschlaffen und ihr ghnender Rachen atmet die Blume Anxoka, die
Schwefelblume, die strahlende Blume der Sonne!

Gott schtze den gttlichen Baldur, den Sohn Odins und Freya, die schne!



VIII.


ICH befand mich IM GEIST in Saardam, das ich im vergangenen Jahr besucht
habe. Schnee bedeckt die Erde. Ein ganz kleines Mdchen ging schleifend
ber die harte Erde und richtete seine Schritte glaube ich nach dem Haus
Peters des Groen. Ihr majesttisches Profil hatte etwas Bourbonisches. Ihr
Hals von strahlender Weie ragte zur Hlfte aus einem Schwanenpelzkragen.
Mit ihrer kleinen rosigen Hand schtzte sie eine angezndete Lampe vor dem
Wind und wollte an der grnen Haustr klopfen, als eine magere Katze daraus
hervorkam, sich in ihre Beine verwickelte und sie zum Fallen brachte. --
Schau, es ist nur eine Katze! sagte das kleine Mdchen und stand wieder
auf. -- Eine Katze, das ist auch etwas! antwortete eine sanfte Stimme.
Ich wohnte dieser Szene bei und trug auf meinem Arm eine kleine graue
Katze, die zu miauen anfing. Sie ist das Kind dieser alten Fee! sagte das
kleine Mdchen. Und sie trat in das Haus.

In dieser Nacht flog mein Traum zuerst nach Wien. Bekanntlich erheben sich
auf jedem Platz dieser Stadt groe Sulen, die man Gnadensulen nennt.
Wolken aus Marmor sammeln sich, die die salomonische Ordnung darstellen und
tragen Erdkugeln, auf denen sitzende Gottheiten thronen. Pltzlich mute
ich, o Wunder, an diese berhmte Schwester des Kaisers von Ruland denken,
deren kaiserliches Palais ich in Weimar gesehen habe. -- Eine von Sigkeit
erfllte Melancholie lie mich die farbigen Nebel einer norwegischen
Landschaft in grauem, sanftem Licht sehen. Die Wolken wurden durchsichtig
und ich sah, wie sich vor mir ein tiefer Abgrund auftat, in den sich tobend
die Fluten der eisigen Ostsee strzten. Es schien, da sich die ganze Newa
mit ihren blauen Wassern in diese Erdspalte ergieen msse. Die Schiffe von
Kronstadt und St. Petersburg zerrten an ihren Ankern und schienen bereit zu
sein, sich loszureien und in diesem Schlund zu verschwinden, als ein
gttliches Licht von oben diesen trostlosen Vorgang erhellte.

Unter dem lebhaften Strahl, der durch den Nebel drang, sah ich sogleich den
Felsen erscheinen, der das Standbild Peters des Groen trgt. ber diesem
festen Sockel gruppierten sich die bis zum Zenith reichenden Wolken. Sie
waren beladen mit strahlenden und gttlichen Gestalten, unter denen man die
beiden Katharinen und die heilige Kaiserin Helene unterschied, die von den
schnsten Frstinnen Rulands und Polens begleitet waren. Ihre sanften
Blicke waren nach Frankreich gerichtet und berwanden den Raum mit Hilfe
von langen Fernglsern aus Kristall. Ich sah dadurch, da unser Vaterland
der Schiedsrichter im orientalischen Streit sein wrde, und da sie seine
Lsung erwarteten. Mein Traum schlo mit der sen Hoffnung, da uns
endlich Friede gegeben wrde.

So ermutigte ich mich zu einem khnen Versuch; ich beschlo, den Traum
festzuhalten und sein Geheimnis zu erfahren. Warum, so sagte ich mir, soll
ich nicht mit meinem ganzen Willen gewappnet endlich diese mystischen Tore
bezwingen und meine Sensationen beherrschen, anstatt ihnen zu unterliegen?
Ist es nicht mglich, diese anziehende und furchtbare Chimre zu bndigen,
diesen Geistern der Nchte, die mit unsrer Vernunft spielen, eine Regel
aufzuerlegen? Der Schlaf nimmt ein Drittel unseres Lebens ein. Er ist der
Trost fr die Mhen unsrer Tage oder die Bue fr ihr Vergngen; aber ich
habe nie empfunden, da der Schlaf Ruhe sei. Nach einer Betubung von
einigen Minuten beginnt ein neues Leben, losgelst von Zeit und Raum und
zweifellos dem hnlich, das uns nach dem Tod erwartet. Wer wei, ob
zwischen diesen beiden Existenzen nicht ein Band besteht, und ob es fr die
Seele nicht mglich ist, es schon hier unten zu knpfen?

Von diesem Augenblick an bemhte ich mich, den Sinn meiner Trume zu
suchen, und diese Unruhe beeinflute meine Gedanken im wachen Zustand. Ich
glaubte zu verstehen, da zwischen der innern und der uern Welt ein Band
besteht; da die Unaufmerksamkeit oder die Unordnung des Geistes allein die
augenscheinlichen Beziehungen flschen -- und da sich so die Bizarrerie
gewisser Gemlde erklrt, die dem fratzenhaften Widerschein wirklicher
Gegenstnde auf bewegter Wasserflche gleichen. --

So waren die Eingebungen meiner Nchte. Meine Tage vergingen ruhig in
Gesellschaft der armen Kranken, die ich mir zu Freunden gewonnen hatte. Das
Gewissen, das ich nun von den Fehlern meines vergangenen Lebens gereinigt
hatte, gab mir unendliche moralische Freuden. Die Sicherheit der
Unsterblichkeit und der gleichzeitigen Existenz aller Personen, die ich
geliebt hatte, war mir sozusagen zur greifbaren Klarheit geworden, und ich
segnete die Bruderseele, die mich aus dem Scho der Verzweiflung in die
leuchtenden Bahnen der Religion zurckgefhrt hatte.

Der arme Junge, den sein geistiges Leben auf so sonderbare Art verlassen
hatte, empfing eine Pflege, die nach und nach seine Empfindungslosigkeit
besiegte. Als ich erfuhr, da er auf dem Land geboren sei, verbrachte ich
ganze Stunden damit, ihm alte Dorflieder vorzusingen, denen ich den
rhrendsten Ausdruck zu geben versuchte. Ich hatte das Glck zu sehen, da
er sie hrte und da er einzelne Teile dieser Lieder wiederholte. Eines
Tages endlich ffnete er eine einzige Sekunde die Augen und ich sah, da
sie blau waren wie die des Geistes, der mir im Traum erschienen war. Eines
Morgens -- einige Tage danach -- hielt er seine Augen offen und schlo sie
nicht mehr. Er fing gleich zu sprechen an, aber nur mit Zwischenpausen,
erkannte mich, duzte mich und nannte mich Bruder. Indessen wollte er sich
noch immer nicht entschlieen zu essen. Als er eines Tages aus dem Garten
hereinkam, sagte er zu mir: Ich habe Durst!

Ich holte ihm zu trinken; das Glas berhrte seine Lippen, ohne da er
schlucken konnte.

Warum, fragte ich ihn, willst du nicht essen und trinken wie die
andern?

Weil ich tot bin, sagte er, ich bin auf jenem Friedhof begraben, an
jenem Platz . . . . .

Und wo glaubst du jetzt zu sein?

Im Fegefeuer, ich erflle meine Reinigung.

Das sind die wunderlichen Ideen, die aus dieser Art Krankheiten
entspringen; ich erkannte in mir selbst, da ich nicht weit von einer so
absonderlichen berzeugung entfernt gewesen war. Die Pflege, die ich
empfangen, hatte mich schon der Liebe meiner Familie und meiner Freunde
zurckgegeben, und ich konnte gesnder ber die Welt der Einbildungen
urteilen, in der ich einige Zeit gelebt hatte. Jedenfalls fhle ich mich
glcklich durch die berzeugungen, die ich erlangt habe und ich vergleiche
diese Reihe von Prfungen, die ich durchgemacht habe, dem, was fr die
Alten der Gedanke eines Hinuntersteigens zur Hlle vorstellte.[*]

[Funote *: Dieses sind die letzten Worte, die Grard de Nerval geschrieben
hat.]







End of the Project Gutenberg EBook of Aurelia oder der Traum und das Leben, by 
Grard de Nerval

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AURELIA ODER DER TRAUM ***

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and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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