The Project Gutenberg EBook of Fledermuse, by Gustav Meyrink

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Title: Fledermuse
       Sieben Geschichten

Author: Gustav Meyrink

Release Date: April 16, 2010 [EBook #32014]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FLEDERMUSE ***




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Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise
ansonsten aber wie im Original belassen.

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gesetzt. Textauszeichnungen
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     Sperrung:       _gesperrter Text_
     Antiquaschrift: #Antiqua#

Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Buchende vor das erste Kapitel verschoben.

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     Fledermuse

     Sieben Geschichten

     von

     Gustav Meyrink

     Das 21. bis 30. Tausend

     Kurt Wolff Verlag, Leipzig

     1916


     #Copyright 1916 by# Kurt Wolff Verlag, Leipzig

     Gedruckt in der L. C. Wittich'schen Hofbuchdruckerei
     in Darmstadt



     Meinem Freunde

     August Wrndorfer

     gewidmet




     Inhalt


     Meister Leonhard                                 7

     Das Grillenspiel                                86

     Wie #Dr.# Hiob Paupersum seiner Tochter
     rote Rosen brachte                             111

     Amadeus Kndlseder. Der unverbesserliche
     Lmmergeier                                    135

     J. H. Obereits Besuch bei den Zeit-egeln        156

     Der Kardinal Napellus                          175

     Die vier Mondbrder                            200




Meister Leonhard


Unbeweglich sitzt Meister Leonhard in seinem gotischen Lehnstuhl und
starrt mit weit offenen Augen gerade aus.

Der Flammenschein des lodernden Reisigfeuers in dem kleinen Herd flackert
ber sein hrenes Gewand, aber der Glanz kann nicht haften bleiben an der
Regungslosigkeit, die Meister Leonhard umgibt, gleitet ab von dem langen
weien Bart, dem gefurchten Gesicht und den Greisenhnden, die in ihrer
Totenstille mit dem Braun und Gold der geschnitzten Armlehnen wie
verwachsen sind.

Meister Leonhard hlt seinen Blick zum Fenster gekehrt, vor dem mannshohe
Schneehgel die ruinenhafte halbversunkene Schlokapelle umgeben, in der
er sitzt, aber im Geiste sieht er hinter sich die kahlen, engen,
schmucklosen Wnde, die rmliche Lagersttte und das Kruzifix ber der
wurmstichigen Tr -- sieht den Wasserkrug, den Laib selbergebackenen
Bucheckernbrotes und das Messer daneben mit dem gekerbten Beingriff in der
Ecknische.

Er hrt, wie drauen die Baumriesen krachen unter dem Frost und sieht die
Eiszapfen im grellen schneidenden Mondlicht herabfunkeln von den
weibeladenen sten. Er sieht seinen eigenen Schatten hinaus durch den
Spitzbogen des Fensters fallen und mit den Silhouetten der Tannen auf dem
glitzernden Schnee ein gespenstisches Spiel treiben, wenn das Feuer der
Kienspne im Ofen die Hlse reckt oder sich duckt, -- dann wieder sieht er
ihn pltzlich zusammengeschrumpft wie zu einer Bockgestalt auf
schwarzblauem Thron und die Knufe des Lehnstuhls als Teufelshrner ber
spitzigen Ohren.

Ein altes buckliges Weib aus dem Meiler, der stundenweit, jenseits der
Moorheide tief unten im Tale liegt, humpelt mhsam durch den Wald herauf
und zieht einen Handschlitten mit drrem Holz; erschreckt glotzt sie in
den blendenden Lichtschein und begreift nicht. Ihr Blick fllt auf den
Teufelsschatten im Schnee -- sie erfat nicht, wo sie ist und da sie vor
der Kapelle steht, von der die Sage geht, der letzte gegen den Tod
gefeite Sprosse eines fluchbeladenen Geschlechtes hause darin.

Voll Entsetzen schlgt sie das Kreuz und hastet mit wankenden Knien zurck
in den Wald.

Meister Leonhard folgt ihr eine Weile im Geiste auf dem Weg, den sie
nimmt. Er kommt an den brandschwarzen Trmmern des Schlosses vorber, in
dem seine Jugend verschttet liegt, aber es berhrt ihn nicht: alles ist
ihm Gegenwart, leidlos und klar wie ein Gebilde aus farbiger Luft. Er
sieht sich als Kind unter einer jungen Birke mit bunten Kieseln spielen
und sieht sich zu gleicher Zeit als Greis vor seinem Schatten sitzen.

Die Gestalt seiner Mutter taucht vor ihm auf mit den ewig zuckenden
Gesichtszgen; alles an ihr bebt in bestndiger Unruhe, nur die Haut ihrer
Stirn ist unbeweglich, glatt wie Pergament und straff ber den runden
Schdel gespannt, der gleich einer fugenlosen Elfenbeinkugel das Gefngnis
eines summenden Fliegenschwarms unsteter Gedanken zu sein scheint.

Er hrt das ununterbrochene, keine Sekunde pausierende Rascheln ihres
schwarzen seidenen Kleides, das wie das nervenaufpeitschende Schwirren von
Millionen Insektenflgeln die Rume des Schlosses erfllt, durch Boden-
und Mauerritzen dringt und Mensch und Tier den Frieden raubt. Selbst die
Dinge stehen unter dem Bann ihrer schmalen, immer befehlsbereiten Lippen,
sind bestndig wie auf dem Sprung und keines wagt sich heimisch zu fhlen.
Sie kennt das Leben der Welt nur vom Hrensagen, ber den Zweck des
Daseins nachzuforschen, hlt sie fr berflssig und fr eine Ausrede der
Faulheit; wenn nur von frh bis spt ein zweckloses ameisenhaftes
Umherrennen im Hause herrscht, ein sinnwidriges Da- und Dorthinstellen von
Gegenstnden, ein fiebriges Sichmdemachen bis in den Schlaf hinein und
ein Zermrben ihrer Umgebung, glaubt sie ihre Pflicht gegen das Leben zu
erfllen. Nie kommt ein Gedanke in ihrem Hirn zu Ende, kaum entsteht er,
wird er schon zu hastiger zweckloser Tat. Sie ist wie der
vorwrtshaspelnde Sekundenmesser einer Uhr, der in seiner
Zwergenhaftigkeit sich einbildet, da die Welt ins Stocken gert, wenn er
nicht dreitausendsechshundertmal zwlfmal des Tages im Kreise
herumzappelt, voll Ungeduld die Zeit in Staub zu zerfeilen, und es nicht
erwarten kann, da die gelassenen Stundenzeiger die langen Arme heben zum
Schlag auf die Glocke.

Oft mitten in der Nacht reit die Besessenheit sie aus dem Bette und sie
weckt die Dienerschaft: die Blumentpfe, die in unabsehbaren Reihen auf
den Fenstersimsen stehen, mssen sogleich begossen werden; sie ist sich
nicht klar ber das warum, es gengt: sie mssen begossen werden.
Niemand wagt ihr zu widersprechen, jeder wird stumm angesichts der
Erfolglosigkeit, mit dem Schwert des Verstandes gegen ein Irrlicht kmpfen
zu wollen.

Nie fngt eine Pflanze Wurzel, denn tglich setzt sie sie um, niemals
lassen sich die Vgel auf dem Dach des Schlosses nieder, in Scharen
durchkreuzen sie in dunklem Wandertrieb den Himmel, schwenken hierhin und
dorthin, aufwrts und abwrts, bald zu Punkten werdend, bald breit und
flach wie schwarze flatternde Hnde.

Selbst in den Sonnenstrahlen ist ein ewiges Zittern, denn immer herrscht
Wind und verweht ihr Licht mit jagenden Wolken; es geht ein Schwanken und
Zausen von frh bis abend, von abend bis frh durch die Bltter und Zweige
der Bume, und nie kommen Frchte zur Reife, -- schon der Mai blst alle
Blten davon. Die Natur ringsum ist krank von der Unrast im Schlosse.

Meister Leonhard sieht sich vor seiner Rechentafel sitzen, er ist zwlf
Jahre alt, drckt die Hnde fest an die Ohren, um das Schlagen der Tren
und das unablssige Treppauf Treppab der Mgde nicht zu hren und das
Schrillen der Stimme seiner Mutter, -- es ntzt nichts: die Ziffern werden
eine Herde wimmelnder boshafter winziger Kobolde, laufen ihm durchs Hirn,
durch Nase, Mund und Augen aus und ein und machen sein Blut rasen und
seine Haut brennen. Er versucht's mit dem Lesen, -- umsonst, die
Buchstaben tanzen vor seinen Blicken: ein nicht zu fassender
Mckenschwarm. -- Ob er seine Aufgabe denn immer noch nicht kann?
schrecken ihn die Lippen der Mutter auf; sie wartet die Antwort nicht ab,
ihre irren wasserblauen Augen suchen in allen Ecken, ob nicht irgendwo
Staub liegt; Spinnweben, die nicht da sind, mssen mit Besen abgekehrt,
Mbel umgestellt, hinaus und wieder hereingerckt, Schrnke zerlegt und
nachgesehen werden, damit sich keine Motten einnisten, man schraubt die
Tischbeine ab und wieder an, Schubladen fliegen auf und zu, man hngt die
Bilder um, reit Ngel aus den Wnden und schlgt sie daneben ein, die
Dinge geraten in Tobsucht, der Hammer fliegt vom Stiel, Leitersprossen
brechen, Kalk brckelt von der Decke, -- der Maurer soll sofort kommen!
--, Wischtcher klemmen sich ein, Nadeln fallen aus der Hand und
verstecken sich in Dielenritzen, der Wachhund im Hof reit sich los, kommt
mit klirrender Kette herein und rennt die Stehuhr ber den Haufen; der
kleine Leonhard bohrt sich von neuem in sein Buch und beit die Zhne
zusammen, um einen Sinn zu erhaschen aus den schwarzen krummen Haken, die
da drin hintereinander herlaufen, -- er soll sich anderswo hinsetzen, der
Sessel mu ausgeklopft werden; er lehnt sich, das Buch in der Hand, ans
Fensterbrett, -- das Fensterbrett mu gewaschen und wei gestrichen
werden; warum er denn berall im Weg ist? Und ob er seine Aufgabe jetzt
endlich kann? Dann fegt sie hinaus; die Mgde mssen alles liegen und
stehen lassen und rasch ihr nach und Schaufeln, xte und Stangen holen fr
den Fall, da im Keller Ratten sind.

Das Fensterbrett ist halb gestrichen, von den Sthlen fehlen die Sitze und
das Zimmer gleicht einem Trmmerhaufen; ein dumpfer grenzenloser Ha gegen
die Mutter frit sich in das Herz des Kindes. Jede Faser in ihm lechzt
nach Ruhe; es sehnt die Nacht herbei, aber selbst der Schlaf bringt ihm
die Stille nicht, wirre Trume halbieren seine Gedanken, so da aus einem
zwei werden, die einander jagend verfolgen und nie erreichen; die Muskeln
knnen sich nicht entspannen, der ganze Krper ist in bestndiger
Abwehrstellung gegen blitzartig hereinbrechende Befehle, das oder jenes
Sinnlose vollbringen zu sollen.

Die Spiele whrend des Tages im Garten entspringen nicht jugendlicher
Lust, die Mutter ordnet sie an ohne Verstndnis, wie alles, was sie tut,
um sie in der nchsten Minute zu unterbrechen; ein lngeres Beharren bei
einer Sache erscheint ihr als Stillstand, gegen den sie glaubt ankmpfen
zu mssen wie gegen den Tod. Das Kind traut sich nicht vom Schlosse weg,
bleibt immer in Hrweite, es fhlt: es gibt kein Entrinnen, ein Schritt zu
weit und schon fllt ein lautes Wort aus den offenen Fenstern herab und
hemmt den Fu.

Die kleine Sabine, ein Bauernmdchen, das unten beim Gesinde wohnt und ein
Jahr jnger ist als er, sieht Leonhard nur von weitem, und gelingt es
ihnen, einmal fr kurze Minuten zusammenzukommen, reden sie in hastigen
abgerissenen Stzen, so wie Leute, die von sich begegnenden Schiffen
einander eilige Worte zurufen.

Der alte Graf, Leonhards Vater, ist lahm auf beiden Fen, er sitzt den
ganzen Tag im Rollstuhl in seinem Bibliothekszimmer, stets im Begriffe zu
lesen; aber auch hier ist keine Ruhe, stndlich whlen die nervsen Hnde
der Mutter in den Bchern, stauben sie ab und schlagen sie mit den
Deckeln aneinander, Merkzeichen flattern auf den Boden, Bnde, die heute
hier stehen, stehen morgen hoch oben auf den Borden oder trmen sich zu
Bergen, wenn pltzlich die Tapeten hinter den Gestellen mit Brot oder
Brsten abgerieben werden sollen. Und ist die Grfin fr eine Zeit in den
andern Rumen des Schlosses, so steigert sich nur die Qual des geistigen
Wirrwarrs durch das nagende Gefhl der Erwartung, da sie jeden Augenblick
unversehens zurckkommen kann.

Abends, wenn die Kerzen brennen, schleicht sich der kleine Leonhard zu
seinem Vater, um ihm Gesellschaft zu leisten, aber es kommt zu keinem
Gesprch; wie eine Glaswand, durch die hindurch eine Verstndigung
unmglich ist, steht es zwischen ihnen; zuweilen ffnet der Alte, als
fasse er gewaltsam den Entschlu, seinem Kinde etwas Wichtiges,
Einschneidendes zu sagen, mit einem erregten Vorneigen des Gesichtes den
Mund, aber immer bleiben ihm die Worte in der Kehle stecken, er schliet
die Lippen wieder, fhrt nur stumm und zrtlich mit der Hand ber die
glhheie Stirne des Knaben, aber seine Blicke flackern dabei zur Tre
hin, die jeden Augenblick eine Strung bringen kann.

Dumpf ahnt das Kind, was in der alten Brust vorgeht: da es bervollsein
des Herzens und nicht Leere ist, die die Zunge seines Vaters stumm macht,
und wieder steigt ihm der Ha gegen die Mutter bitter zum Halse hinauf,
die es in Gedanken mit den tiefen Furchen und dem verstrten Ausdruck des
Greisengesichtes in den Kissen des Rollstuhls in unklare Verbindung
bringt; ein leiser Wunsch, man mge eines Morgens die Mutter tot im Bette
finden, wird in ihm wach, und zu der Folter bestndiger innerer Unruhe
treten die Qualen eines hllischen Wartens, -- es belauert im Spiegel ihre
Zge, ob sich keine Spur von Krankheit in ihnen zeigt, beobachtet ihren
Gang voll Hoffnung, die Zeichen beginnender Mdigkeit zu entdecken. Aber
eine unerschtterliche Gesundheit belebt die Frau, sie kennt kein
Schwachsein, scheint immer neue Kraft zu bekommen, je mehr die Menschen in
ihrer Nhe siech und schlaff werden.

Von Sabine und der Dienerschaft erfhrt Leonhard, da sein Vater ein
Philosoph ist, ein Weiser, und da in den vielen Bchern lauter Weisheit
steht, und er fat den kindlichen Entschlu, die Weisheit zu erringen, --
vielleicht fllt dann die unsichtbare Schranke, die ihn von seinem Vater
trennt, und die Furchen werden wieder glatt, das gramvolle Greisengesicht
wieder jung.

Aber niemand kann ihm sagen, was Weisheit ist, und die pathetischen Worte
des Geistlichen, an den er sich wendet: die Furcht des Herrn, das ist
Weisheit, machen ihn vollends verwirrt.

Da es die Mutter nicht wei, steht felsenfest bei ihm, und langsam
dmmert ihm daraus die Erkenntnis, da alles, was sie tut und denkt, das
Gegenteil von Weisheit sein mu.

Er fat sich ein Herz und fragt seinen Vater, als sie einen Augenblick
allein sind, was Weisheit ist, -- unvermittelt, abgerissen, wie ein
Mensch, der einen Hilferuf ausstt; er sieht, wie die Muskeln in dem
bartlosen Gesicht seines Vaters arbeiten vor Anstrengung die richtigen
Worte zu finden, die einem wibegierigen Kindesverstand angepat sind, --
ihm selbst zerspringt der Kopf fast vor krampfhaftem Bemhen, den Sinn der
Rede zu begreifen.

Er fhlt genau, warum die Stze so hastig und abgebrochen aus dem
zahnlosen Munde kommen, -- da es wieder die Angst vor Strung durch die
Mutter ist, die Scheu, da heilige Samenkrner entweiht werden knnten,
wenn sie der zersetzende nchterne Hauch trifft, den seine Mutter
ausstrmt, -- da sie zum Giftkraut werden knnen, falls er sie
miversteht.

All seine Mhe, zu erfassen, ist umsonst, schon hrt er laute eilige
Schritte drauen auf dem Gang, die schrillen abgehackten Befehle und das
entsetzliche Rascheln des schwarzen, seidenen Kleides. Die Worte seines
Vaters werden schneller und schneller, er will sie auffangen, um sie sich
zu merken und spter darber nachzudenken, hascht nach ihnen, wie nach
schwirrenden Messern, -- sie entgleiten ihm, lassen blutende Schnittwunden
zurck.

Die atemlosen Stze: schon die Sehnsucht nach Weisheit ist Weisheit, --
ringe nach einem festen Punkt in dir, dem die Auenwelt nichts anhaben
kann, mein Kind, -- sieh alles, was geschieht, wie ein gemaltes lebloses
Bild an und la dich davon nicht berhren -- bohren sich in sein Herz
ein, aber sie haben eine Maske vor dem Gesicht, die er nicht zu
durchdringen vermag.

Er will weiter fragen, die Tr springt auf, ein letztes Wort: la die
Zeit an dir ablaufen wie Wasser weht an seinem Ohr vorber, die Grfin
rast herein, ein Kbel fllt ber die Schwelle, schmutzige Flut ergiet
sich ber die Fliesen. Steh nicht im Weg! Mach' dich ntzlich! gellt
es ihm nach, wie er voll Verzweiflung die Treppen hinunterluft in sein
Zimmer. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --


Das Bild der Kindheit erlischt, und Meister Leonhard sieht wieder den
weien Forst im Mondschein vor seinem Kapellenfenster, -- nicht schrfer
und nicht schwcher als die Szenen aus seiner Jugend: Vor seinem starren
kristallenen Geist ist Wirklichkeit und Erinnerung gleich leblos und
gleich lebendig.

Ein Fuchs trabt vorber, langgestreckt, ohne Laut; der Schnee staubt
glitzrig auf, wo sein buschiger Schweif den Boden streift, die Augen
leuchten grn aus dem Dunkel der Stmme, verschwinden im Dickicht.

Hagere Gestalten in rmlicher Kleidung, Gesichter, ausdrucksarm und
nichtssagend, verschieden durch das Alter und doch einander so seltsam
hnlich, erstehen vor Meister Leonhard; er hrt ihre Namen flsternd im
Ohr, gleichgltige alltgliche Namen, die kaum ein Mittel sind, ihre
Trger zu unterscheiden. Er erkennt sie wieder als seine Hauslehrer, die
kommen und nach einem Monat gehen, -- nie ist seine Mutter mit ihnen
zufrieden, entlt einen nach dem andern, wei keinen Grund dafr und
sucht auch keinen; wenn sie nur da sind und gleich wieder fort wie
Blasen in brodelndem Wasser. Leonhard ist ein Jngling mit keimendem
Flaum auf der Lippe und bereits so gro wie seine Mutter. Wenn er ihr
gegenbersteht, sind seine Augen auf gleicher Hhe wie die ihrigen, aber
immer mu er wegschauen, wagt den Versuch nicht, zu dem es ihn bestndig
reizt und stachelt: ihren leeren fahrigen Blick zu bannen und den
tdlichen Ha hineinzusengen, den er gegen sie empfindet; jedesmal
wrgt er es herunter, fhlt, da der Speichel in seinem Munde bitter wie
Galle wird und sein Blut vergiftet.

Er sucht und scharrt in seinem Innern und kann doch die Ursache nicht
finden, die ihn so ohnmchtig macht gegen diese Frau mit ihrem unsteten
fledermaushaften Zickzackflug.

Ein Chaos von Begriffen dreht sich in seinem Kopf wie ein rasendes Rad,
jeder Herzschlag schwemmt neues Trmmerwerk halbfertiger Gedanken in sein
Hirn und schwemmt es wieder weg.

Plne, die keine sind, Ideen, die sich selbst widerlegen, Wnsche ohne
Ziel, blinde heihungrige Begierden, sich drngend und aneinander
zerschellend, tauchen empor aus den Wirbeln der Tiefe, die sie sofort
wieder einsaugt; Schreie ersticken in der Brust und knnen nicht an die
Oberflche.

Eine wilde heulende Verzweiflung ergreift Besitz von Leonhard, steigert
sich von Tag zu Tag; in jedem Winkel erscheint ihm gespenstig das verhate
Gesicht seiner Mutter; aus den Bchern, wenn er sie aufschlgt, springt es
ihm schreckhaft entgegen; er traut sich nicht umzublttern aus Angst, es
von neuem zu sehen, wagt nicht sich umzudrehen, da es nicht leibhaftig
hinter ihm stehe: jeder Schatten gerinnt in die gefrchteten Zge, der
eigene Atem rauscht wie das schwarze seidene Kleid.

Seine Sinne sind wund und empfindlich wie bloliegende Nerven; wenn er im
Bette liegt, wei er nicht, ob er trumt oder wacht, und bermannt ihn
endlich der Schlaf, wchst aus dem Boden ihre Gestalt im Hemde, weckt ihn
und schrillt ihn an: Leonhard, schlfst du schon?

Ein neues, seltsam heies Gefhl wirft ihn hin und her, beklemmt ihm die
Brust, verfolgt ihn und treibt ihn, die Nhe Sabines zu suchen, ohne da
er sich klar wird, was er von ihr will; sie ist erwachsen und trgt Rcke
bis zum Knchel, das Rascheln ihres Kleides erregt ihn noch mehr als das
seiner Mutter.

Mit seinem Vater ist keine Verstndigung mehr mglich: tiefe Nacht
umfngt seinen Geist; in regelmigen Zwischenrumen dringt das Sthnen
des Greises grauenhaft durch die Hetzjagd im Hause, Stunde fr Stunde
waschen sie sein Gesicht mit Essig, schieben seinen Sessel dahin und
dorthin, qulen den Sterbenden zu Tode. -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Leonhard whlt sich mit dem Kopf in die Kissen, um nicht zu hren, --
ein Diener zupft ihn am rmel: Um Gotteswillen schnell, schnell, mit
dem alten Herrn Grafen geht's zu Ende. Leonhard springt auf, begreift
nicht, wo er ist und da die Sonne scheint, und wieso es nicht finstere
Nacht wird, wenn sein Vater stirbt; er taumelt, sagt sich mit steifen
Lippen vor, da er das alles nur trumt, luft hinber ins
Krankenzimmer; nasse Handtcher hngen in Reihen zum Trocknen an
Wscheschnren quer durch den Raum, Krbe versperren den Weg, der Wind
blst durch die offenen Fenster herein und bauscht die weie Leinwand,
-- ein Rcheln irgendwoher aus der Ecke.

Leonhard reit die Stricke herab, da die Wsche na auf den Boden
klatscht, schleudert alles beiseite, kmpft sich hin zu den brechenden
Augen, die ihm aus dem Rollstuhl, als der letzte Vorhang fllt, blind
und glsern entgegenstarren, strzt auf die Knie, drckt die
teilnahmslose, vom Todesschwei feuchte Hand an seine Stirn; er will
das Wort Vater rufen und kann nicht, es fehlt pltzlich in seinem
Gedchtnis; es liegt ihm auf der Zunge, aber er vergit es voll
Entsetzen in der nchsten Sekunde, eine wahnsinnige Angst drosselt ihn,
da der Sterbende nicht mehr zu sich kommt, wenn er ihm das Wort nicht
zuruft, -- da nur dieses Wort allein die Macht hat, das erlschende
Bewutsein von der Schwelle des Lebens fr einen kurzen Augenblick noch
zurckzubringen; er rauft sich das Haar und schlgt sich ins Gesicht:
tausend Worte strmen zu gleicher Zeit auf ihn ein, nur das eine, das er
mit brennendem Herzen sucht, will nicht erscheinen, -- und das Rcheln
wird schwcher und schwcher.

Stockt.

Fngt wieder an.

Bricht ab.

Verstummt.

Der Mund klappt auf.

Bleibt offen stehen.

Vater! schreit Leonhard auf; endlich ist das Wort da, aber der, dem es
gilt, rhrt sich nicht mehr.

Tumult entsteht auf den Treppen; schreiende Stimmen, hallende laufende
Schritte auf den Gngen, der Hund schlgt an, heult dazwischen. Leonhard
achtet nicht darauf, er sieht und fhlt nur die furchtbare Ruhe auf dem
starren leblosen Gesicht; sie erfllt das Zimmer, strahlt auf ihn ber,
hllt ihn ein. Ein betubendes Gefhl von Glck, das er nicht kennt, legt
die Hand ber sein Herz, ein Empfinden einer unbeweglichen Gegenwart, die
jenseits von Vergangenheit und Zukunft steht, -- ein stummes Frohlocken,
da eine Kraft ringsum schwingt, in die man sich flchten kann vor der
wirbelnden Unruhe im Haus wie in eine Wolke, die unsichtbar macht.

Die Luft ist voll Glanz.

Leonhard strzen die Trnen aus den Augen.----

Ein prasselndes Gerusch, wie die Tre aufspringt, macht ihn
zusammenfahren, seine Mutter eilt herein, -- es ist keine Zeit zum
Weinen jetzt; siehst doch, 's gibt alle Hnde voll zu tun, trifft es
ihn mit Peitschenhieb; Befehle schwirren, einer hebt den andern auf, die
Mgde schluchzen, man jagt sie hinaus, in fliegender Hast schleppen die
Diener die Mbel auf den Gang, Glasscheiben klirren, Arzneiflaschen
zerbrechen, man soll den Doktor holen, nein: den Geistlichen, halt halt,
nicht den Geistlichen: den Totengrber, er soll die Schaufel nicht
vergessen, einen Sarg bringen, Ngel zum Zunageln, die Schlokapelle
aufsperren, die Gruft herrichten jetzt gleich, auf der Stelle, wo die
brennenden Kerzen bleiben und warum niemand die Leiche aufbahrt! -- mu
man denn alles zehnmal sagen!?

Mit Schaudern sieht Leonhard, wie der tolle Hexentanz des Lebens sogar
vor der Majestt des Todes nicht haltmacht und Schritt fr Schritt einen
scheulichen Sieg gewinnt, -- fhlt, da der Frieden in seiner Brust
zergeht wie ein Hauch.

Sklavisch gehorsame Hnde greifen schon nach dem Rollstuhl mit dem
Verstorbenen darin, um ihn fortzutragen; er will dazwischen springen, den
Toten schtzen, breitet die Arme aus, -- sie fallen ihm kraftlos herab. Er
beit die Zhne zusammen und zwingt sich, die Augen seiner Mutter zu
suchen, ob denn keine Spur von Leid oder Trauer in ihnen zu lesen ist:
keine Sekunde ist ihr unsteter, ruheloser Affenblick zu fassen, schweift
von Winkel zu Winkel, auf und nieder, von der Decke zur Wand, vom Fenster
zur Tr in wahnwitziger schmeifliegenhafter Eile und verrt ein Geschpf
ohne Seele, -- eine Besessene, an der Schmerz und Empfindung abprallen wie
Pfeile von einer wirbelnden Scheibe, ein scheuliches Rieseninsekt in
Weibsgestalt, das den Fluch ziel- und zweckloser Arbeit auf Erden
verkrpert. Lhmender Schrecken durchzuckt Leonhard, er starrt sie an wie
ein Wesen, das er zum erstenmal sieht, entsetzt sich vor ihr; sie hat
nichts Menschliches mehr fr ihn, ist ihm pltzlich ein urfremdes Geschpf
aus einer teuflischen Welt, halb Kobold, halb boshaftes Tier.

Das Gefhl, da sie seine Mutter ist, lt ihm das eigene Blut als etwas
Feindseliges, das ihm Leib und Seele zerfrit, empfinden, macht sein Haar
struben, jagt ihm Furcht ein vor sich selbst, hetzt ihn hinaus, -- nur
fort, fort aus ihrer Nhe; er flieht in den Park, wei nicht, was er will,
wohin er soll, rennt gegen einen Baum, fllt rcklings zu Boden, verliert
das Bewutsein. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Meister Leonhard starrt hinein in ein neues Bild, das vorberzieht wie ein
Fiebertraum: die Kapelle, in der er sitzt, ist hell von Kerzenschein, ein
Priester murmelt vor dem Altar, Geruch von welkenden Krnzen, ein offener
Sarg, der Tote im weien Rittermantel, die wachsgelben Hnde auf der Brust
gefaltet. Goldglanz blinkt um dunkle Heiligenbilder, schwarze Mnner
stehen im Halbkreis; betende Lippen, dumpfe kalte Erdluft dringt aus dem
Boden, eine eiserne Falltr mit blankem Kreuz steht halb offen, ein
ghnendes viereckiges Loch darunter fhrt in die Gruft hinab. Gedmpfter
Gesang in lateinischer Sprache, Sonnenlicht hinter farbigem Glasfenster
wirft grne, blaue, blutrote Flecken auf schwebende Weihrauchschwaden,
silbernes eindringliches Luten von der Decke, die Hand des Geistlichen in
spitzenbesetztem rmel schwingt den Weihwedel ber dem Gesicht des Toten.
-- Pltzlich Bewegung ringsum, zwlf weie Handschuhe werden flink, heben
die Bahre vom Katafalk, schlieen den Deckel, Seile straffen sich, der
Sarg sinkt in die Tiefe; die Mnner steigen die steinernen Stufen hinab,
dumpfes Hallen aus dem Gewlbe, Sand knirscht, feierliche Stille. Lautlos
tauchen ernste Gesichter empor aus der Gruft, die Falltr neigt sich,
klappt ins Schlo, Staub wirbelt aus den Fugen, das blanke Kreuz liegt
wagrecht. -- Die Kerzen erlschen, verglimmen; an ihrer Stelle flackern
wieder die Kienspne auf dem kleinen Herd, Altar und Heiligenbilder werden
zur kahlen Wand. Erde bedeckt die Quadern, die Krnze zerfallen zu Moder,
die Gestalt des Priesters zergeht in der Luft, Meister Leonhard ist wieder
allein mit sich selbst. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
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Seit der alte Graf nicht mehr lebt, grt es unter der Dienerschaft; die
Leute weigern sich, den sinnlosen Befehlen zu gehorchen, einer nach dem
andern schnrt sein Bndel und geht. Die wenigen, die brigbleiben, sind
trotzig und widerwillig, verrichten nur die ntigste Arbeit, kommen nicht,
wenn man sie ruft.

Mit zusammengekniffenen Lippen rast Leonhards Mutter nach wie vor durch
alle Stuben, aber der helfende Tro fehlt; wutfauchend rttelt sie an den
schweren Schrnken, die sich nicht von der Stelle rhren unter ihren
ungeschickten Griffen, die Kommoden sind wie angeschraubt, Schubladen
spreizen sich, gehen nicht auf, nicht zu; was sie anfat, fllt ihr aus
der Hand, niemand hebt es auf; tausend Dinge liegen umher, Germpel
sammelt sich an, wchst zu unbersteiglichen Hindernissen -- keiner, der
Ordnung schafft. Die Bcherbretter rutschen von den Leisten, eine Lawine
von Bnden verschttet das Zimmer, macht es unmglich zum Fenster zu
gelangen, der Wind rttelt daran, bis die Scheiben zerbrechen; der Regen
ergiet sich in Strmen herein und bald berzieht Schimmel alles mit einer
grauen Decke. Die Grfin tobt wie eine Irrsinnige, hmmert mit den Fusten
gegen die Wnde, schnappt nach Luft, kreischt, reit in Fetzen, was sich
zerreien lt. Der ohnmchtige Grimm, da ihr niemand mehr gehorcht, --
da sie sogar ihren Sohn, der seit seinem Sturz noch am Stocke geht und
nur mhselig humpelt, nicht als Diener verwenden kann, raubt ihr vollends
den letzten Rest von Besinnung: oft redet sie stundenlang halblaut mit
sich selbst, knirscht mit den Zhnen, schreit zornig auf, luft wie ein
wildes Tier durch die Gnge.

Aber allmhlich geht eine seltsame Vernderung in ihr vor, ihre Zge
werden hexenhaft, die Augen bekommen einen grnlichen Schimmer, sie
scheint Phantome zu sehen, horcht pltzlich mit offenem Mund in die Luft
wie auf Worte, die ihr jemand zuflstert, frgt: was, was, was, was soll
ich?

Der Dmon in ihr wirft nach und nach die Maske ab, ihr planloser
Ttigkeitsdrang macht einer bewuten berechnenden Bosheit Platz. Sie
lt die Gegenstnde in Ruhe, rhrt nichts an; Schmutz und Staub sammelt
sich berall an, die Spiegel erblinden, Unkraut wuchert im Garten, kein
Ding ist mehr am richtigen Ort, die notwendigsten Gerte sind
unauffindbar; das Gesinde macht sich erbtig, den rgsten Wirrwarr zu
beseitigen, sie verbietet es mit barschen Worten, -- es ist ihr recht,
da alles drunter und drber geht, die Ziegel vom Dache fallen, das
Holzwerk verfault, die Leinwand verstockt, -- mit hmischer
Schadenfreude sieht sie, da eine neue Art Qual an Stelle der alten
lebenvergllenden Ruhelosigkeit tritt, ein Verzweiflung erzeugendes
Unbehagen ihre Umgebung befllt; sie spricht mit niemand eine Silbe
mehr, gibt keine Befehle, aber alles, was sie tut, geschieht mit der
tckischen Absicht, die Dienerschaft bestndig in Schrecken und
Aufregung zu versetzen. Sie spielt die Wahnsinnige, schleicht sich
nachts in die Schlafkammern der Mgde, wirft Krge krachend zu Boden,
lacht schrill auf. Absperren ntzt nichts: sie zieht smtliche Schlssel
im Hause ab; -- es gibt keine einzige Tr mehr, die sie nicht mit einem
Ruck aufreien kann. Sie nimmt sich nicht die Zeit, sich zu kmmen, die
Haare hngen ihr wirr um die Schlfen, sie it im Gehen, legt sich nicht
mehr schlafen. Halb angezogen, damit das Rascheln der Kleider ihr Kommen
nicht verrt, huscht sie auf leisen Filzschuhen, um wie ein Gespenst da
und dort aufzutauchen, durchs Schlo.

Selbst in der Nhe der Kapelle geistert sie bei Mondschein umher. Niemand
traut sich mehr hin; das Gerede entsteht, da der Tote dort spukt.

Nie lt sie sich irgendwelche Hilfe leisten, was sie braucht, holt sie
sich selber; sie wei genau, da ihr stummes blitzartiges Erscheinen mehr
Furcht unter dem aberglubischen Gesinde erzeugt, als wenn sie herrisch
auftritt; die Leute verstndigen sich nur noch im Flsterton, keiner wagt
ein lautes Wort, alles ist vom bsen Gewissen befallen, trotzdem nicht der
geringste Grund dazu vorliegt.

Auf ihren Sohn hat sie es besonders abgesehen; heimtckisch bentzt sie
bei jeder Gelegenheit ihr natrliches bergewicht als Mutter, das Gefhl
der Abhngigkeit in ihm zu vertiefen, schrt seine nervse Angst, sich nie
unbeobachtet zu wissen, zur Wahnvorstellung bestndigen Ertapptwerdens,
bis es wie der Alpdruck ewigen Schuldbewutseins auf ihm lastet.

Wenn er es hie und da versucht, sie anzureden, schneidet sie nur hhnische
Grimassen, da ihm das Wort im Munde quillt und er sich vorkommt wie ein
Verbrecher, dem die Verworfenheit wie ein Brandmal auf der Stirne
geschrieben steht; die dumpfe Furcht, da sie seine geheimsten Gedanken
lesen knne und wie es mit ihm und Sabine bestellt sei, wird zur
schreckhaften Gewiheit, wenn ihr stechender Blick auf ihm ruht; beim
leisesten Gerusch, das er hrt, bemht er sich krampfhaft ein
unbefangenes Gesicht zu machen, -- immer weniger gelingt es ihm, je mehr
er sich dazu zwingt.

Heimliche Sehnsucht und Verliebtheit ineinander spinnen sich an zwischen
Sabine und ihm. Sie stecken sich Briefchen zu, empfinden es als Todsnde;
bald verdorren unter dem Pesthauch des immerwhrenden Sichverfolgtfhlens
alle zarteren Triebe, und eine unbndige tierische Brunst erfat sie. Sie
stellen sich auf an Ecken, wo zwei Gnge sich kreuzen, so da sie einander
zwar nicht sehen, aber eines der beiden das Kommen der Grfin bemerken mu
und den anderen Teil warnen kann, -- so sprechen sie mitsammen in der
Angst, die kostbaren Minuten zu verlieren, ohne jede Umschreibung, nennen
die Dinge unverblmt beim Namen, erhitzen gegenseitig ihr Blut immer mehr
und mehr.

Aber der Raum um sie wird enger und enger. Als ob die Alte ahnt, was
vorgeht, versperrt sie das zweite Stockwerk, dann das erste; nur das
Erdgescho, wo das Gesinde aus- und eingeht, steht noch zur Verfgung;
sich auf weitere Strecken vom Schlo zu entfernen, ist verboten, der Park
bietet keine Schlupfwinkel weder bei Tag noch bei Nacht; erhellt ihn das
Mondlicht; kann man ihre Gestalten von den Fenstern aus sehen, ist es
dunkel, droht jeden Augenblick die Gefahr beschlichen zu werden.

Ihre Begierden wachsen ins Unbezhmbare, je mehr sie sie unterdrcken
mssen; offen die Schranken zu durchbrechen, kommt ihnen nicht entfernt in
den Sinn: die Zwangsvorstellung, wehrlos wie Sklaven unter einer fremden
dmonischen Macht zu stehen, die ber Leben und Tod gebieten kann, ist
ihnen von Kindheit an zu tief eingeimpft, als da sie auch nur den Versuch
wagten, einander in Gegenwart seiner Mutter ins Gesicht zu sehen. -- --
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Ein glutheier Sommer dorrt die Wiesen, der Erdboden klafft vor
Trockenheit, abends flammt der Himmel im Wetterleuchten. Das Gras ist
gelb, betubt die Sinne mit schwlem Heugeruch, heie Luft zittert um die
Mauern; die Brunst der beiden erreicht ihren hchsten Grad, ihr ganzes
Sinnen und Trachten richtet sich auf einen Punkt; wenn sie sich erblicken,
knnen sie sich kaum halten, nicht bereinander herzufallen.

Eine schlaflose fiebrige Nacht mit wachen, wilden, begehrlichen Trumen.
So oft sie die Augen ffnen, sehen sie Leonhards Mutter hereinsphen,
hren ihr Schleichen an den Schwellen, -- sie nehmen es wahr halb als
Wirklichkeit, halb als ein Hirngespinst, kmmern sich kaum darum, knnen
den kommenden Tag nicht erwarten, um sich endlich, koste es was es wolle,
in der Kapelle zu treffen.

Den ganzen Morgen bleiben sie in ihren Zimmern und horchen mit stockendem
Atem und bebenden Knien an den Trspalten auf Anzeichen, da sich die Alte
in entlegeneren Teilen des Schlosses befindet.

Stunde um Stunde vergeht in markversengender Qual, es schlgt Mittag: da
-- ein Gerusch wie von klirrenden Schlsseln im Innern des Hauses, das
ihnen Sicherheit vortuscht; -- sie strzen hinaus in den Garten; die
Pforte der Kapelle ist angelehnt, sie stoen sie auf, schlagen sie hinter
sich zu, da sie knallend in den Riegel schnappt.---- ---- ---- --

Sie sehen nicht, da die eiserne Falltr, die hinab zur Gruft fhrt,
offensteht, nur von einer Holzspreize gesttzt, -- sehen das ghnende
viereckige Loch im Boden nicht, fhlen den eiskalten Hauch nicht, der aus
dem Totengewlbe dringt; sie verschlingen sich mit den Blicken wie
Raubtiere; Sabine will reden, -- bringt nur ein lechzendes Lallen hervor;
Leonhard reit ihr die Kleider vom Leib, wirft sich ber sie; keuchend
verbeien sie sich ineinander.

Im Sinnenrausch entschwindet ihnen das Verstndnis fr ihre Umgebung;
schlrfende Schritte tasten die steinernen Stufen aus der Gruft herauf,
sie hren es deutlich, aber es bleibt fr ihr Bewutsein dessen, was
vorgeht, belanglos wie Rascheln von Laub.

Hnde tauchen aus dem Schacht, suchen einen Halt an den Rndern der
Quadern, ziehen sich empor.

Langsam wchst eine Gestalt aus dem Boden; Sabine sieht es mit
halbgeschlossenen Lidern, wie hinter roten Schleiern; pltzlich
durchzuckt sie die jhe Erkenntnis der Lage, sie stt einen gellenden
Schrei aus: -- es ist die grauenhafte Alte, dieses furchtbare berall und
Nirgends, die da aus der Erde steigt.

Entsetzt springt Leonhard auf, starrt einen Moment wie gelhmt in das
hmisch verzerrte Gesicht seiner Mutter, dann bricht eine schumende
wahnwitzige Wut in ihm los; mit einem Futritt schleudert er die
Holzspreize fort: die Falltr saust hernieder, trifft krachend den Schdel
der Alten und schmettert sie in die Tiefe, da man hrt, wie ihr Krper
dumpf unten aufschlgt.--

Unfhig, ein Glied zu rhren, stehen die beiden mit aufgerissenen Augen
und stieren sich wortlos an. Die Beine schlottern ihnen unter dem Leib.

Langsam kauert sich Sabine nieder, um nicht umzufallen, verbirgt sthnend
das Gesicht in den Hnden; Leonhard schleppt sich zum Betstuhl. Laut
schlagen seine Zhne zusammen.

Minuten vergehen. Keines wagt sich zu bewegen, ihre Blicke weichen
einander aus; dann, von demselben Gedanken gepeitscht, strzen sie zur
Tr ins Freie, zurck ins Haus wie von Furien gehetzt. -- -- -- -- --
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Das Abendrot verwandelt das Wasser im Brunnen in eine Blutlache, die
Fenster des Schlosses glhen in lohenden Flammen, die Schatten der Bume
wachsen zu langen dnnen schwarzen Armen, die sich mit Zoll um Zoll
vorwrts schleichenden Fingern ber den Rasen tasten, das letzte Zirpen
der Grillen zu ersticken. Der Glanz der Luft wird stumpf unter dem Atem
der Dmmerung. Dunkelblaue Nacht zieht auf.

Kopfschttelnd tauscht die Dienerschaft Vermutungen, wo die Grfin bleibt;
man fragt den jungen Herrn, er zuckt die Achseln, wendet das Gesicht ab,
damit sie seine Leichenblsse nicht sehen.

Brennende Laternen schwanken durch den Park; man sucht die Ufer des
Teiches ab, leuchtet ins Wasser, es ist schwarz wie Asphalt und wirft den
Schein zurck; die Mondsichel schwimmt darauf, aufgescheucht flattern die
Sumpfvgel im Schilf.

Der alte Grtner bindet den Hund los, durchstreift den Forst ringsum,
seine rufende Stimme dringt zuweilen herber aus weiter Ferne; jedesmal
fhrt Leonhard auf, das Haar strubt sich ihm, sein Blut stockt, denn er
glaubt, es kann seine Mutter sein, die da aufschreit unter der Erde.

Die Uhr zeigt auf Mitternacht. Noch immer ist der Mann nicht zurck, das
unbestimmte Gefhl eines drohenden Unheils legt sich dem Gesinde auf die
Brust; sie sitzen zusammengedrngt in der Kche, erzhlen einander
schauerliche Geschichten von dem rtselhaften Verschwinden von Menschen,
die dann als Werwlfe die Grber aufscharren und sich von den Leibern der
Toten nhren.

Tage und Wochen schwinden dahin: keine Spur von der Grfin; man fordert
Leonhard auf, er soll eine Messe lesen lassen fr ihr Seelenheil, er
schlgt es heftig ab. Die Kapelle wird ausgerumt, nur ein geschnitzter
goldener Betstuhl bleibt darin, in dem er stundenlang zu sitzen pflegt und
vor sich hinbrtet; er duldet nicht, da irgend jemand den Raum betritt.
Das Gerede entsteht, da, wenn man durchs Schlsselloch hineinspht, man
ihn oft mit dem Ohr auf dem Boden liegen sieht, als horche er in die
Gruft hinunter.

Nachts schlft Sabine in seinem Bett, sie machen kein Hehl daraus, da sie
zusammenleben wie Mann und Weib.

Das Gercht von einem geheimnisvollen Mord dringt ins Dorf hinber, will
nicht verstummen, frit sich immer weiter und weiter ins Land; eines Tages
fhrt ein spindeldrrer Ratsschreiber mit Percke in einer gelben
Postkutsche vor, Leonhard sperrt sich mit ihm lange ein; der Mann reist
wieder ab, Monate vergehen und man hrt nichts mehr von ihm, dennoch will
das bsartige Geraune im Schlo kein Ende nehmen.

Niemand zweifelt, da die Grfin tot sein mu, aber sie lebt weiter als
unsichtbares Gespenst, jeder fhlt ihre boshafte Gegenwart.

Man begegnet Sabinen mit finsteren Blicken, mit ihr irgendwie die Schuld
bei an dem Geschehnis, bricht pltzlich das Gesprch ab, wenn der junge
Graf erscheint.

Leonhard sieht alles, was vorgeht, aber er tut als ob er es nicht merke,
trgt ein abstoendes herrisches Wesen zur Schau.

Im Hause bleibt alles beim alten; Schlingpflanzen klettern die Mauern
empor, Muse, Ratten und Eulen nisten in den Zimmern, das Dach ist
brchig, freiliegendes Geblk wird morsch und faul.

Nur in der Bibliothek herrscht einigermaen Ordnung, aber die Bcher sind
fast vermodert von der Nsse des Regens und kaum mehr leserlich.

Ganze Tage hockt Leonhard ber den alten Bnden, sucht mhsam die
halbverwischten Bltter zu entziffern, die die ruckweise hingeworfenen
Schriftzge seines Vaters tragen; und immer mu Sabine in seiner Nhe
sein.

Wenn sie sich entfernt, erfat ihn eine wilde Unruhe, selbst in die
Kapelle geht er nicht mehr ohne sie; aber sie sprechen nie mitsammen, nur
in der Nacht, wenn er bei ihr liegt, kommt es wie ein Delirium ber ihn
und seine Erinnerung speit in verworrenen endlosen hastigen Stzen wieder
aus, was er tagsber aus den Bchern in sich schlingt; er fhlt genau,
warum er es tun mu, -- da es nur der Verzweiflungskampf seines Hirns
ist, das sich mit jeder Faser wehrt, um das entsetzliche Bild der
ermordeten Mutter nicht im Dunkeln deutlich werden zu lassen, das
grliche schmetternde Krachen der Falltr, das sich wieder und wieder ins
Ohr drngen will, durch den Laut der eigenen Worte zu bertnen; Sabine
hrt ihm in starrer Regungslosigkeit zu, unterbricht ihn mit keiner Silbe,
aber er fhlt, da sie nichts erfat von dem, was er sagt, liest aus dem
leeren Blick ihrer Augen, die immerwhrend auf ein und denselben Punkt in
der Ferne schauen, woran sie ohne Unterla denken mu.

Dem Druck seiner Hand antworten ihre Finger erst nach langen Minuten, aus
ihrem Herzen kommt kein Echo; er sucht sich und sie in den Strudel der
Leidenschaft zu strzen, um zurckzufinden in die Tage, die vor dem
Geschehnis liegen, und sie zum Ausgangspunkt eines neuen Daseins zu
machen. Sabine erwidert seine Umarmung wie in tiefem Schlummer, und ihm
graut vor ihrem schwangeren Leib, in dem ein Kind als Zeuge einer Mordtat
dem Leben entgegenreift.

Sein Schlaf ist bleiern und ohne Traum, dennoch bringt er kein Vergessen;
es ist das Versinken in grenzenloses Alleinsein, in dem selbst die Bilder
des Schreckens dem Anblick entschwinden und nur das Gefhl einer wrgenden
Qual zurckbleibt, -- ein pltzliches Dunkelwerden der Sinne, wie es ein
Mensch empfindet, der mit geschlossenen Augen beim nchsten Pulsschlag den
Hieb des Henkerbeils erwartet.

Jeden Morgen, wenn Leonhard erwacht, will er sich aufraffen, den Kerker
der marternden Erinnerung zu durchbrechen, ruft sich die Worte seines
Vaters, nach einem festen Punkt in seinem Innern zu suchen, ins Gedchtnis
zurck -- da fllt sein Blick auf Sabine, er sieht, wie sie ein Lcheln zu
erzwingen versucht, ihre Lippen nur zu einem Krampf verzerren kann, und
wiederum beginnt die wilde Flucht vor sich selbst.

Er beschliet, sich eine andere Umgebung zu schaffen, schickt die
Dienerschaft fort, behlt blo den alten Grtner und dessen Weib: die
Einsamkeit mit ihrem Lauern wird nur um so tiefer, das Gespenst der
Vergangenheit lebendiger und lebendiger.

Es ist nicht bses Gewissen und das Schuldbewutsein der Bluttat, das
Leonhard elend macht, -- keine Sekunde beschleicht ihn Reue: der Ha gegen
die Mutter ist so riesengro wie am Sterbetag seines Vaters, aber da sie
jetzt als unsichtbare Kraft zugegen ist, zwischen ihm und Sabine steht als
gestaltloser Schemen, den er nicht bannen kann, da er die furchtbaren
Augen bestndig auf sich ruhen fhlt, die Szene in der Kapelle
immerwhrend in sich herumschleppen mu wie eine ewig eiternde Wunde, ist
es, was ihn bis zum Wahnsinn foltert.

Er glaubt nicht, da die Toten wieder auf Erden erscheinen knnen, aber
da sie weiterleben auf viel schrecklichere Art auch ohne Hlle, nur als
teuflischer Einflu, gegen den nicht Tr, noch Riegel, kein Fluch, kein
Gebet schtzen, erfhrt er als Gewiheit an sich selbst, sieht es tglich
an Sabine. Jeder Gegenstand im Haus ruft die Erinnerung an seine Mutter
wach, kein Ding, das nicht verseucht ist von ihrer Berhrung, nicht
stndlich ihr Bild neu in ihm gebrt; die Falten der Vorhnge, zerknllte
Wsche, die Maser der Tfelung, die Linien und Punkte in den Fliesen, --
alles, was er anblickt, formt sich zu ihrem Antlitz; die hnlichkeit mit
ihren Zgen springt ihm wie eine Viper aus dem Spiegel entgegen, macht
seinen Herzschlag kalt in dumpfem Bangen: das Unmgliche knne sich
begeben, da sich sein Gesicht pltzlich in das ihre verwandle, -- ihm
anhafte als grausige Erbschaft bis zum Lebensende.

Die Luft ist voll von ihrer erstickenden geisterhaften Anwesenheit; das
Knacken der Dielen klingt, als stamme es vom Tritt ihres Fues, weder
Klte noch Hitze vertreiben sie, ob Herbst ist, klarer eisiger Wintertag,
lauer schtiger Frhlingswind, sie wehen nur ber die Oberflche, -- keine
Jahreszeit, keine uere Vernderung kann ihr etwas anhaben,
ununterbrochen ringt sie nach Gestaltung, nach immer deutlicherem
Sichtbarwerden, nach bleibendem Zurformgerinnen.

Leonhard fhlt es wie einen unabwlzbaren Felsblock innerer berzeugung
auf sich lasten, da es ihr eines Tages gelingen mu, wenn er es sich auch
nicht ausdenken kann, auf welche Weise es geschehen mag.

Nur aus dem eigenen Herzen kann ihm noch Hilfe kommen, denn die Auenwelt
ist mit ihr im Bndnis, begreift er. Aber die einst von seinem Vater in
ihn gepflanzte Saat scheint verwelkt, der kurze Augenblick des Erlstseins
und des Friedens von damals will nicht wiederkehren; so sehr er sich auch
abmht, sie in sich zu erwecken, er kann nur die schalen Eindrcke
heraufbeschwren, die wie knstliche Blumen sind, ohne Duft, mit Stengeln
aus hlichem Draht.

Er sucht ihnen Leben einzuhauchen, indem er die Bcher liest, die das
geistige Band schlingen zwischen ihm und seinem Vater, doch sie rufen
keinen Widerhall hervor in ihm, bleiben ein Labyrinth von Begriffen.

Fremdartige Dinge geraten in seine Hnde, wie er mit dem steinalten
Grtner zusammen unter dem Wust von Folianten grbt: Pergamente in
Chifferschrift, Bilder, die einen Bock darstellen mit goldenem brtigen
Mnnergesicht Teufelshrner an den Schlfen, und Ritter in weien Mnteln,
die Hnde zum Gebet gefaltet, davor, mit Kreuzen auf der Brust, die nicht
aus Balken gefgt sind, sondern aus vier in den Knien rechtwinkelig
gebeugten, laufenden Menschenbeinen: -- das Satanskreuz der Templer, wie
ihm der Grtner widerstrebend sagt, -- dann ein kleines verblates Portrt
einer altmodisch gekleideten Matrone, nach dem in bunten Glasperlen
gestickten Namen, der darunter steht: seine Gromutter -- mit zwei Kindern
auf dem Scho, einem Knaben und einem Mdchen, deren Zge ihm seltsam
bekannt vorkamen, so da er lange den Blick von ihnen nicht wenden kann
und die dunkle Ahnung in ihm aufsteigt, es mssen seine Eltern sein,
trotzdem es offenbar Geschwister sind.

Die pltzliche Unruhe im Gesicht des Alten, die Scheu, mit der er seinen
Augen ausweicht, hartnckig alle Fragen, wer die beiden Kinder sein mgen,
berhrt, bestrken in ihm den Verdacht, da er einem Geheimnis auf der
Spur ist, das ihn betrifft.

Ein Bndel vergilbter Briefe scheint zu dem Bild zu gehren, denn es liegt
in derselben Schatulle; Leonhard nimmt es zu sich, beschliet, es noch
heute zu lesen. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Es ist die erste Nacht seit langem, die er allein und ohne Sabine
verbringt, -- sie fhlt sich zu schwach bei ihm zu sein, klagt ber
Schmerzen.

Er geht im Sterbezimmer seines Vaters auf und nieder, die Briefe liegen
auf dem Tisch, er will sie zu lesen beginnen, verschiebt es wie unter
einem Zwang immer wieder.

Eine neue unbestimmte Furcht, als stehe jemand Unsichtbarer hinter ihm und
halte einen Dolch gezckt, drosselt ihn; er wei: diesmal ist es nicht die
spukhafte Nhe seiner Mutter, die ihm den Angstschwei aus allen Poren
treibt, -- es sind die Schatten einer fernen Vergangenheit, die an die
Briefe gebunden sind und darauf lauern, ihn in ihr Reich hinabzuziehen.

Er tritt ans Fenster, sieht hinaus: ringsum atemlose Totenstille, zwei
groe Sterne stehen dicht beisammen am sdlichen Himmel, ihr Anblick ist
ihm sonderbar fremd, whlt ihn auf, er wei nicht warum, -- erweckt das
Vorgefhl, da etwas Riesenhaftes hereinbrechen will; wie zwei leuchtende
Fingerspitzen ist es auf ihn gerichtet.

Er wendet sich zurck ins Zimmer, die Flammen der beiden Kerzen auf dem
Tisch warten regungslos gleich drohenden Boten aus dem Jenseits; es ist,
als komme ihr Schein von weither -- von einem Ort, wohin keines
Sterblichen Hand sie stellen kann; unmerklich schleicht sich die Stunde
heran, leise, wie Asche fllt, wandern die Zeiger der Uhr.

Leonhard glaubt einen Schrei unten im Schlo zu hren; er horcht: alles
liegt stumm.

Er liest die Briefe: das Leben seines Vaters entrollt sich vor ihm, der
Kampf eines unbndigen Geistes, der sich bumt gegen alles, was Gesetz
heit; ein Titan reckt sich vor ihm auf, der keine hnlichkeit hat mit dem
gebrochenen Greis, den er als seinen Vater kennt, die Gestalt eines
Menschen, der ber Leichen geht, wenn es sein mu, und sich laut rhmt
gleich all seinen Ahnen ein geweihter Ritter der echten Templer zu sein,
die den Satan zum Schpfer der Welt erheben und schon das Wort Gnade als
unauslschlichen Schimpf empfinden. Tagebuchbltter sind dazwischen, die
die Qual einer verdurstenden Seele schildern und die Ohnmacht eines
Geistes mit von den Mottenschwrmen des Alltags zerfressenen Schwingen
andeuten: umzukehren auf einem Pfad, der hinabfhrt in Dunkelheit von
Abgrund zu Abgrund, in Wahnsinn enden mu und jegliches zurck
vereitelt.

Wie ein roter Faden zieht sich der stetig wiederkehrende Hinweis durch
alles, da es ein ganzes Geschlecht ist, das hier seit Jahrhunderten von
Verbrechen zu Verbrechen gepeitscht wird, -- vom Vater auf den Sohn das
finstere Vermchtnis vererbt, nicht zur innern Ruhe gelangen zu knnen, da
jedesmal ein Weib, sei es als Gattin, Mutter oder Tochter, bald als Opfer
einer Blutschuld, bald als Urheberin selbst, den Weg zum geistigen Frieden
durchkreuzt; -- aber immer wieder leuchtet nach Stellen tiefster
Verzweiflung wie ein unbesiegbarer Stern die Hoffnung auf: und doch und
doch kommt einer aus unserem Stamm, der aufrecht stehenbleibt, dem Fluch
ein Ende bereitet und die Krone des Meisters erringt.

Mit jagenden Pulsen berfliegt Leonhard Episoden voll glhender
Leidenschaft seines Vaters zur -- eigenen Schwester, die ihm enthllen,
da er selbst die Frucht jener Verbindung ist, und nicht nur er: -- auch
Sabine!

Jetzt wird ihm klar, warum Sabine nicht wei, wer ihre Eltern sind, -- da
kein Zeichen ihre wahre Herkunft verrt. Er sieht die Vergangenheit
lebendig werden und versteht: sein Vater selber ist es, der schtzend vor
ihn die Arme breitet, indem er Sabine als Bauernmdchen -- als Leibeigene
niedersten Ranges -- erziehen lt, damit sie beide, Sohn und Tochter, --
fr immer frei bleiben sollen vom Bewutsein der Schuld an einer
Blutschande selbst fr den Fall, da der Fluch der Eltern bei ihnen
wiederkehre und sie zusammenfhrt als Mann und Weib.

Wort fr Wort geht es aus einem angsterfllten Brief seines Vaters, der
fern in einer fremden Stadt daniederliegt, an die Mutter hervor, in dem er
sie beschwrt, nichts zu unterlassen, um knftiger Entdeckung vorzubeugen,
und auch den Brief sofort zu verbrennen.

Erschttert wendet Leonhard die Augen ab; wie ein Magnet zieht es ihn
weiter zu lesen, -- er ahnt, da da noch Dinge stehen, die dem Geschehnis
in der Kapelle auf ein Haar hnlich sehen, ihn an die uerste Grenze des
Entsetzens treiben mssen, wenn er sie erfhrt, -- mit einem Schlage,
schreckhaft deutlich, wie wenn der Blitz die Finsternis zerreit, wird ihm
die tckische Kampfesweise einer riesenhaften dmonischen Macht offenbar,
dahinter der Maske blinden unbarmherzigen Schicksals verborgen, sein Leben
planmig zerquetschen will: ein vergifteter Pfeil nach dem andern soll
aus unsichtbarem Versteck sein Inneres treffen, bis er unrettbar
dahinsiecht, die letzten Fasern von Selbstvertrauen seiner Seele verdorren
und er dem gleichen Schicksal wie seine Vorfahren anheimfllt: ohnmchtig
und wehrlos zusammenzubrechen; -- etwas Tigerhaftes schnellt pltzlich in
ihm auf, er hlt den Brief in die Flammen der Kerze, bis der letzte
glimmende Zunder seine Finger versengt, -- ein wilder unvershnlicher
Grimm gegen das satanische Ungeheuer, in dessen Hnde das Wohl und Wehe
der Wesen gelegt ist, verbrennt ihn bis ins Mark, er hrt den
tausendfachen Racheschrei vergangener, unter den Fngen des Schicksals
jammervoll verendeter Geschlechter in seinen Ohren gellen, jeder Nerv in
ihm wird zur geballten Faust -- seine Seele ist ein einziges
Waffengeklirr.

Er fhlt, da er etwas Unerhrtes, Himmel und Erde Erschtterndes
vollbringen mu, da das unabsehbare Heer der Toten hinter ihm steht, mit
Myriaden Augen auf ihn starrt, nur eines Winkes seiner Hand gewrtig:
hinter ihm, dem Lebenden, dem einzigen, der sie in die Schlacht fhren
kann -- drein sich auf den gemeinsamen Feind zu strzen.

Taumelnd unter dem Anprall eines Meeres von Kraft, das auf ihn einstrmt,
steht er auf, blickt um sich: was, was, was soll er zuerst tun: Feuer an
das Haus legen, sich selbst zerfleischen, mit einem Messer in der Hand
hinunterlaufen und alles niedermachen, was ihm zu Gesicht kommt?

Eines dnkt ihm zwergenhafter als das andere; das Bewutsein der eigenen
Winzigkeit rttelt an ihm, er bumt sich dagegen in jugendlichem Trotz,
fhlt ein spttisches Grinsen ringsum im Raum, das ihn wieder
aufstachelte.

Er versuchts mit Besonnenheit, lgt sich hinein in die Gebrde des alles
erwgenden Feldherrn, geht zu der Truhe neben dem Schlafzimmer, fllt
seine Taschen mit Gold und Juwelen, nimmt Mantel und Hut, schreitet stolz
ohne Abschied hinaus in den nchtlichen Nebel, die Brust voll verworrener
kindischer Plne: ohne Ziel durch die Welt zu wandern und dem Herrn des
Schicksals ins Antlitz zu schlagen.

Das Schlo verschwindet im weilich schillernden Dunst hinter ihm. Er will
der Kapelle ausweichen, mu dennoch an ihr vorbei, der Bannkreis seiner
Geschlechter lt ihn nicht entrinnen, -- -- er ahnt es, fhlt es, zwingt
sich, immerwhrend geradeaus zu gehen, stundenlang, aber die Schemen der
Erinnerung halten gleichen Schritt mit ihm. Schwarzes Gebsch reckt sich
hier und dort, gleicht der mrderischen aufklaffenden Falltr; die Unruhe
um Sabine qult ihn; er wei, es ist das erdwrtsziehende fluchbringende
Blut der Mutter in seinen Adern, das ihm die Flugkraft hemmen will, mehr
und mehr das junge Feuer seiner Begeisterung mit grauer nchterner Asche
verschttet, -- er wehrt sich dagegen mit aller Kraft, tappt sich
vorwrts von Baum zu Baum, bis er in der Ferne ein Licht erblickt, das in
Mannshhe ber dem Boden schwebt. Er eilt darauf zu, verliert es aus den
Augen, sieht es wieder aus dem Nebel blinken, nher und nher, ein
lockender irrlichternder Schein; ein Weg lenkt seine Fe, windet sich
nach links und rechts.

Ein leises kaum vernehmbares rtselhaftes Schreien zittert durch die
Dunkelheit.

Dann wuchten hohe schwarze Mauern mitten drin in der Nacht, ein hohes
offenes Tor und Leonhard erkennt -- das eigene Haus:

Eine Wanderung durch den Nebel im Kreis umher.

Willenlos und gebrochen tritt er ein, drckt auf die Klinke zu Sabines
Zimmer, da packt es ihn pltzlich eiskalt wie tdliche unbegreifliche
Gewiheit, da da drinnen seine Mutter steht, leibhaftig, von Fleisch und
Bein, ein lebendig gewordener Leichnam, und auf ihn wartet.

Er will umkehren, zurckfliehen in die Finsternis, er kann nicht: eine
unwiderstehliche Macht zwingt ihn die Tre aufzustoen.

Auf dem Bette liegt Sabine, verblutet, mit geschlossenen Lidern, wei wie
das Linnen, und vor ihr nackt ein neugeborenes Kind, ein Mdchen, mit
faltigem Gesicht, leerem, unruhigem Blick, auf der Stirne ein rotes Mal:
-- Zug um Zug das grauenhafte Ebenbild der Erschlagenen aus der Kapelle.
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Meister Leonhard sieht einen Mann hinjagen ber die Erde mit von Dornen
zerfetzten Kleidern: sich selbst, wie ihn grenzenloses Entsetzen, des
Schicksals ureigene Faust, fortpeitscht von Haus und Hof, -- nicht mehr
der selbstgefllige Wunsch, Groes zu vollbringen.--

Die Hand der Zeit baut Stadt hinter Stadt hinein in seinen Geist, dstere
und helle, groe, kleine, freche und furchtsame, ohne Wahl, zerbrckelt
sie wieder, malt Flsse hin wie gleiende silberne Schlangen, graue
Einden, ein Harlekinkleid aus ckern und Feldern gewrfelt braun, violett
und grn, Landstraen voll Staub, spitzige Pappeln, dunstige Wiesen,
weidendes Vieh und wedelnde Hunde, Heilande an Kreuzwegen, weie
Meilensteine, Menschen, junge und alte, Regenschauer, Tropfenglitzern,
goldene Froschaugen in Grabenpftzen, Hufeisen mit rostigen Ngeln,
einbeinige Strche, Zune aus splittriger Rinde, gelbe Blumen, Friedhfe
und wattige Wolken, Hhendampf und Essenlohe: sie kommen und gehen wie
Nacht und Tag, sinken hinab in Vergessenheit und sind wieder da wie
versteckenspielende Kinder, wenn ein Duft, ein Schall, ein leises Wort sie
ruft.

Lnder, Burgen und Schlsser wandern an Leonhard vorber, nehmen ihn auf,
man kennt den Namen seines Geschlechtes, kommt ihm mit Freundschaft und
Feindschaft entgegen.

Er spricht mit dem Volk in den Drfern, mit Landstreichern, Gelehrten,
Krmern, Soldaten und Priestern, das Blut seiner Mutter kmpft in ihm mit
dem Blut seines Vaters: -- was ihn heute mit staunendem Grbeln erfllt
und wie aus tausend Scherben zerbrochenen Glases einen Pfauenschweif von
bunten Farben spiegelt, scheint ihm morgen blind und grau, je nachdem
Mutter oder Vater den Sieg erringen, -- dann wieder brten die langen
furchtbaren Stunden, wo die beiden Lebensstrme sich vermischen und er
sein altes Ich wieder anhat, die Schrecknisse der Erinnerung aus, und er
setzt blind, stumm und taub Schritt vor Schritt, umhllt von den Schwaden
der Vergangenheit, -- sieht zwischen Augapfel und Lid das Greisengesicht
des kleinen Kindes, die leblosen lauernden Kerzenflammen, die beiden
Sterne, die dicht beisammen am Himmel stehen, den Brief, das mrrische
Schlo mit den zermrbenden Qualen, die tote Sabine und ihre schneeweien
Leichenhnde, hrt das Lallen seines sterbenden Vaters, das Rauschen des
seidenen Kleides, das Krachen des berstenden Schdels.

Dann fat es ihn zuweilen an wie Furcht, abermals im Kreis zu gehen, --
jeder Wald in der Ferne droht sich in den bekannten Park zu formen, jede
Mauer: das eigene Haus zu werden, die Gesichter, die ihm entgegenkommen,
wollen den Mgden und Dienern seiner Jugend hnlicher und hnlicher sein;
-- er flchtet sich in Kirchen, nchtet im Freien, zieht hinter plrrenden
Prozessionen her, betrinkt sich in Schenken mit Dirnen und Strolchen, um
sich vor den sphenden Augen des Schicksals zu verbergen, da es ihn nicht
wiederum fange. Er will Mnch werden: der Abt des Klosters entsetzt sich,
als er seine Beichte hrt und den Namen seines Stammes erfhrt, auf dem
der Bannfluch der alten Tempelritter lastet; er strzt sich kopfber ins
brausende Leben, es speit ihn wieder aus; er sucht den Teufel: das Bse
ist allgegenwrtig, dennoch kann er den Urheber nicht finden; er sucht ihn
im eigenen Selbst, und schon ist dieses Selbst nicht mehr vorhanden, -- er
wei: es _mu_ da sein, er fhlt es doch jede Sekunde, trotzdem ist es
augenblicklich fort, sowie er es sucht, ist jeden Tag ein anderes, ein
Regenbogen, der auf der Erde steht und bestndig zurckweicht, in der Luft
zerfliet, wenn er danach greifen will.

Wohin er blickt, hinter allem sieht er verborgen das Kreuz des Satans aus
vier laufenden Menschenbeinen gebildet: berall ein sinnloses Zeugen und
Gebren, ein sinnloses Wachsen, ein sinnloses Sterben; er fhlt, da der
Scho, aus dem das Leiden entspringt, dieses ewig sich drehende Windrad
ist, aber die Achse, um die es kreist, bleibt ihm unfabar wie ein
mathematischer Punkt.

Ein Bettelmnch zieht des Weges, er schliet sich ihm an, betet, fastet,
kasteit sich wie er, die Jahre fallen wie die Perlen eines Rosenkranzes:
nichts ndert sich, nicht innerlich, nicht uerlich, nur die Sonne
scheint trber.

Wie frher wird den Armen das Letzte genommen und den Reichen wird doppelt
gegeben; je inbrnstiger er fleht um Brot: um so hrter die Steine, die
der Tag ihm reicht, -- die Himmel bleiben hart wie blauer Stahl.

Der alte unbndige Ha gegen den heimlichen Feind der Menschen, der die
Geschicke verhngt, bricht wieder auf in ihm.

Er hrt den Mnch predigen von Gerechtigkeit und den Hllenqualen der ewig
Verdammten: es klingt ihm wie teuflischer Hahnenschrei, -- er hrt ihn
eifern gegen den verruchten Templerorden, der auf Scheiterhaufen
tausendmal verbrannt, immer wieder sein Haupt erhebe, nicht sterben knne
und im geheimen, ber die ganze Erde verbreitet, unvertilgbar weiter
bestehe.

Es ist das erstemal, da er Genaueres ber den Glauben der Templer
erfhrt: -- da sie zwei Gtter haben, einen obern, der fern von den
Wesen steht, und einen untern: den Satan, der stndlich die Welt neu
erschafft und sie mit Greueln erfllt, grlicher von Tag zu Tag, bis sie
endlich vllig im eigenen Blute erstickt, -- da ber diesen beiden
Gttern ein dritter stehe -- der Baphomet, -- ein Gtzenbild mit goldnem
Kopf und drei Gesichtern.

Die Worte sengen sich in ihn ein, als sei es der Mund des Feuers selbst,
der sie ausspricht.

Er kann nicht in die Tiefen dringen, ber denen sich ihr Sinn ausspannt
wie ein schwankender Teppich aus Sumpfmoos, aber er fhlt mit
unabweisbarer Gewiheit, da _dieser_ Weg fr ihn der einzige ist, auf dem
er sich selbst entrinnen kann: der Orden der Templer reckt den Arm nach
ihm -- die Erbschaft der Vorfahren, der kein Mensch entgehen kann.

Er verlt den Mnch.

Wieder sind die Scharen der Toten rings um ihn, rufen ihm einen Namen zu,
bis seine Lippen ihn wiederholen und er ihn allmhlich -- Silbe fr Silbe
-- versteht, wie sein Mund ihn ausspricht, -- es ist, als wachse er gleich
einem Baum Zweig um Zweig aus seinem Herzen hervor, -- ein Name, ihm
vollkommen fremd und doch mit seinem ganzen Dasein verwachsen, ein Name
mit Purpur und Krone, den er bestndig vor sich hinflstern mu, nicht
mehr loswerden kann, dessen Rhythmus Ja--cob--de--Vi--tri--a--co er im
Takt empfindet, wie seine Fe beim Gehen den Boden berhren.

Nach und nach wird ihm der Name ein gespenstischer Fhrer, der vor ihm
hergeht, heute als sagenhafter Hochmeister der Ritter vom Tempel, morgen
als gestaltlose innere Stimme.

Wie ein in die Luft geworfener Stein seine Bahn ndert und mit wachsender
Schnelle zur Erde strebt, bedeutet der Name fr Leonhard pltzlich einen
Wendepunkt in seinen Wnschen und ein bermchtiger unerklrlicher Trieb,
nichts mehr zu wollen, als den Trger dieses Namens zu finden, verschlingt
nach und nach sein ganzes Sinnen und Trachten.

Manchmal will er schwren, da der Name ihm vollkommen neu ist, dann
wieder erinnert er sich scharf, da er in einem Buch seines Vaters steht
an der und der Stelle als Oberhaupt des Ordens verzeichnet; vergeblich
sagt er sich vor, da es zwecklos ist, nach diesem Hochmeister Vitriaco
auf Erden zu forschen, da er einem vergangenen Jahrhundert angehrt und
seine Gebeine lngst im Grabe modern mssen; aber der Verstand hat keine
Macht mehr ber den Durst des Suchens: das Radkreuz mit den vier laufenden
Beinen rollt vor ihm her, unsichtbar, zieht ihn hinter sich drein.

Er forscht in den Adelsarchiven der Ratstuben, fragt Wappenkundige:
niemand, der den Namen kennt.

Er stt endlich in einer Klosterbibliothek auf das gleiche Buch wie das
seines Vaters, liest das Buch durch Seite fr Seite, Zeile fr Zeile: der
Name Vitriaco steht nicht darin.

Er zweifelt an seinem Gedchtnis, seine ganze Vergangenheit scheint zu
wanken; aber der Name Vitriaco bleibt als einziger fester Punkt,
unverrckbar wie ein Felsblock.

Er beschliet, sich ihn fr alle Zeiten aus dem Hirn zu reien, setzt sich
heute eine bestimmte Stadt als nchstes Ziel: schon morgen ist's ein
ferner undeutlicher Ruf irgendwoher, der wie Vi--tri--a--co klingt, und
eine andere Strae fhrt ihn weit ab vom Wege, -- ein Kirchturm am
Horizont, der Schatten eines Baumes, der deutende Arm eines Meilenzeigers:
alles wird, so sehr er sich auch zum Zweifel zwingt, zum weisenden Finger,
da er dem Orte nahe sei, wo der geheimnisvolle Hochmeister Vitriaco lebt
und seine Schritte lenkt.

In einer Herberge trifft er einen fahrenden Quacksalber und eine vage
Hoffnung narrt ihn, es knne vielleicht der sein, den er sucht, aber der
Quacksalber nennt sich -- Doktor Schrepfer. Er ist ein Mann mit kleinen
blanken Marderzhnen, dunkler Gesichtsfarbe und listigen Augen, und es
gibt nichts auf Erden, das er nicht wei, keinen Ort, den er nicht kennt,
keinen Gedanken, den er nicht errt, kein Herz, in dessen Abgrnde er
nicht schaut, keine Krankheit, die er nicht heilt, keine Zunge, die nicht
schwtzt, wenn er will, keinen Pfennig, der vor ihm sicher ist; -- die
Mdchen drngen sich, da er ihnen wahrsage aus Hand und Karten; die Leute
verstummen, als er ihnen ihre Vergangenheit zuraunt, schleichen scheu
davon.

Leonhard bleibt die ganze Nacht mit ihm beisammen und zecht; im Rausch
bermannt ihn bisweilen ein Grausen, da es kein Mensch ist, der da vor
ihm sitzt. Oft verschwinden seine Zge -- er sieht nur die weien Zhne
blitzen, hinter denen Worte hervorkommen, halb Echo dessen, was er selber
spricht, halb Antworten auf kaum gedachte Fragen.

Als lese der Mann in seinem Gehirn die innersten Wnsche: stets bringt er
auch das gleichgltigste Gesprch zum Schlu auf die Templer. Leonhard
will ihn aushorchen, ob ihm ein gewisser Vitriaco bekannt ist -- aber
jedesmal, im letzten Moment, wenn es fast schon zu spt ist, warnt ihn ein
tiefes Mitrauen und er beit den Namen entzwei.

Sie reisen zusammen weiter, wohin der Zufall sie fhrt, von einem
Jahrmarkt zum andern.

Der Doktor Schrepfer frit Feuer, schluckt Schwerter, verwandelt Wasser in
Wein, sticht sich Dolche durch Wange und Zunge, ohne da es blutet, heilt
Besessene, bespricht Wunden, zitiert Gespenster, verhext Mensch und Vieh.

Tglich hat Leonhard vor Augen, da der Mann ein Betrger ist, weder
lesen noch schreiben kann und dennoch Wunder vollbringt: Lahme werfen die
Krcken fort und tanzen, kreiende Weiber gebren, sobald er die Hnde auf
sie legt, die Krmpfe der Epileptischen hren auf, Ratten laufen in Rudeln
aus den Husern und strzen sich ins Wasser -- er kann sich nicht von ihm
losmachen, steht unter seinem Bann und dnkt sich frei.

Kaum will die Hoffnung sterben, da er durch ihn den Hochmeister Vitriaco
jemals finden wird, lodert sie in der nchsten Minute hell wieder auf,
durch irgendein doppelsinniges Wort geschrt, und schlgt ihn von neuem in
Fesseln.

Alles, was der Gaukler spricht und tut, hat ein zwiefltiges Gesicht: er
prellt die Menschen und hilft ihnen damit; er lgt, und seine Reden bergen
die hchste Wahrheit; er spricht die Wahrheit, und die Lge grinst hervor;
er phantasiert drauf los: seine Worte werden Prophezeiung; er weissagt aus
den Sternbildern: es trifft ein, trotzdem er keine Ahnung hat von
Astrologie; er braut Arzneien aus harmlosen Krutern: sie wirken wie
Zauber; er lacht ber die Leichtglubigen und ist selber aberglubisch
wie ein altes Weib; er verhhnt das Kruzifix und schlgt das Kreuz, wenn
eine Katze ber den Weg luft; stellt man ihm Fragen, erwidert er frech
mit den gleichen Worten, die die Wibegierigen noch im selben Atem
gebrauchen, und sie formen sich in seinem Munde zu Antworten, die den
Nagel auf den Kopf treffen.

Mit Staunen sieht Leonhard eine wundersame Kraft sich in diesem
wertlosesten irdischen Werkzeuge offenbaren; allmhlich ahnt er den
Schlssel zu dem Rtsel: erblickt er in ihm nur den Schwindler, so kraust
sich alles, was er von ihm erfhrt, zu Unsinn und Hirngespinst, wendet er
sich aber an die unsichtbare Macht, die sich in dem Doktor Schrepfer
spiegelt wie die Sonne in einer Pftze, sofort wird der Quacksalber zu
ihrem Sprachrohr und die Quellen lebendiger Wahrheit brechen auf.

Er wagt den Versuch, berwindet sein Mitrauen, frgt den Mann ohne ihn
anzusehen -- wie in die violetten und purpurnen Wolken des Abendhimmels
hinein, ob er den Namen kennt: Jacob de----.

-- Vitriaco, ergnzt der andere schnell, bleibt stehen wie in
Verzckung, verneigt sich tief gegen Westen, setzt eine feierliche Miene
auf und erzhlt im bebenden Flsterton, da endlich die Stunde der
Erweckung gekommen ist, da er selber ein Templer des dienenden Grades
sei, berufen, Suchende auf den geheimnisvoll verschlungenen Pfaden des
Lebens zum Meister zu fhren. Schildert in einem Schwall von Worten die
Herrlichkeit, die des Erwhlten wartet, den Glanz, der das Angesicht der
Brder umgibt und sie freimacht von Reue jeglicher Art, von Blutschuld,
Snde und Qual und zu Januskpfen, die in zwei Welten hineinblicken von
Ewigkeit zu Ewigkeit, unsterbliche Zeugen des Diesseits und Jenseits, --
dem Netze der Zeitlichkeit fr immer entronnene riesige Menschenfische im
Ozean des Daseins, unsterblich hier und dort.

Dann deutet er ekstatisch auf den dunkelblauen Saum einer Hgelkette am
Horizont: da dort drinnen tief in der Erde inmitten ragender Sulen das
Heiligtum des Ordens errichtet stehe aus Druidensteinen getrmt, wo
alljhrlich ein einziges Mal im Dunkel der Nacht sich die Jnger des
Baphometkreuzes versammeln -- die Auserkorenen des unteren Gottes, der die
Wesen regiert, die Schwachen zertritt und die Starken zur Sohnschaft
erhebt. Nur wer ein wahrhaftiger Ritter sei, ein Frevler vom Haupt bis zur
Ferse, getauft in den Flammen des geistigen Aufruhrs, und keiner der
Winsler, die stndlich zurckbeben vor dem Popanz der Todsnde und sich
ohne Unterla kastrieren am heiligen Geist, der doch auch ihr eigenstes
Ich sei, knne der Ausshnung mit dem Satan, dem einzigen Gegrteten unter
den Gttern, teilhaftig werden, ohne die es nimmermehr eine Heilung des
Zwiespaltes gebe zwischen Wunsch und Geschick.

Leonhard hrt der schwlstigen Rede zu mit fadem Geschmack auf der Zunge;
Ekelhaftes geht von der verlogenen Phantastik aus: da da mitten in einem
Walde deutschen Landes ein verborgener Tempel stehen soll, -- aber der
fanatische Ton, der in den Worten schwingt, drhnt wie Orgelbrausen sein
Denken nieder, er lt mit sich geschehen, was der Doktor Schrepfer
befiehlt, zieht die Schuhe aus, sie znden ein Feuer an, Funken spritzen
hinein in die Finsternis der Sommernacht, er trinkt aus einem Napf den
scheulichen Trank, den ihm jener aus Krutern braut, damit er -- rein
werde.

Lucifer, der du Unrecht leidest, ich gre dich! soll er sich einprgen
als Erkennungszeichen. Er hrt den Satz; die Silben stehen seltsam
getrennt wie steinerne Pfeiler umher, manche weit weg, wieder welche dicht
vor seinem Ohr, sind fr ihn nicht mehr Laute, schieen zu Sulen auf,
bilden Gnge, -- so selbstverstndlich, wie sich in Halbtrumen Dinge
ineinander verwandeln knnen und Groes in Kleines schlpft.

Der Quacksalber fat ihn an der Hand, sie wandern, lang lang, wie es
scheint; Leonhard brennen die nackten Sohlen. Er fhlt Ackerschollen unter
den Fen.

Bodenerhebungen quellen in der Dunkelheit zu lockern Gebilden.

Augenblicke nchternen Zweifels wechseln mit unerschtterlicher
Zuversicht, -- das feste Vertrauen, da irgend etwas Wahres, wie stets
bisher, hinter den Versprechungen seines Fhrers wartet, gewinnt die
Oberhand.

Dann kommen seltsam erregende Momente, wo er durch Stolpern ber Steine
ruckweise erwacht und erkennt, da sein Krper in tiefem Schlaf
dahinwandert; gleich darauf vergit er sein Aufschrecken wieder, leere
Zeitrume von unendlicher Dauer schieben sich dazwischen, drngen seinen
Argwohn aus der Gegenwart ab in scheinbar lngst vergangenen Epochen.

Der Weg senkt sich.

Breite, hallende Stufen eilen in die Tiefe.

Dann tastet sich Leonhard kalte glatte Marmorwnde entlang; -- er ist
allein, will sich umsehen nach seinem Begleiter -- -- da rauben ihm
Posaunenste drhnend wie der Ruf zur Auferstehung fast die Besinnung,
die Knochen vibrieren in seinem Leib, vor den Augen reit die Nacht
entzwei: der Sturm der Fanfaren wird grelles Licht -- er steht in einem
weien Kuppelbau.

Mitten im Raum dicht vor ihm schwebt frei -- ein goldner Kopf mit drei
Gesichtern; das eine gegenber, in das er flchtig blickt, deucht ihm sein
eigenes, nur jung, der Ausdruck des Todes ist darin und dennoch strahlt
aus dem Schein des Metalls, der die Zge halb verblendet, der Einflu
unzerstrbaren Lebens; es ist nicht die Larve seiner Jugend, die Leonhard
sucht, er will die beiden andern Gesichter sehen, die in die Dunkelheit
schauen und das Geheimnis ihrer Miene erkennen, aber immer wenden sie sich
von ihm ab: der goldene Kopf dreht sich, wenn er ihn zu umschreiten
versucht, hlt ihm stets dasselbe Antlitz entgegen.

Leonhard spht umher nach dem Zauber, der das Kopfwesen in Bewegung setzt,
da sieht er pltzlich die Wand im Hintergrund durchscheinend wie liges
Glas, und jenseits steht, die Arme ausgebreitet, in zerlumptem Gewand,
bucklig, einen Schlapphut tief ber die Augen, regungslos wie der Tod, auf
einem Hgel aus Leichengebein, daraus sprliche grne Halme sprieen, --
-- -- der Herr der Welt.

Die Posaunen verstummen.

Das Licht erstirbt.

Der goldene Kopf verschwindet.

Nur der fahle Schein der Verwesung, der die Gestalt umgibt, bleibt
bestehen.

Leonhard fhlt, wie Starrheit ber seinen Krper kriecht, ihm Glied fr
Glied lhmt, sein Blut stocken macht, wie sein Herz langsamer und
langsamer schlgt und endlich erlischt.

Das einzige, mit dem er noch ich sagen kann, ist ein winziger Funke
irgendwo in der Brust.

Stunden sickern wie zgernd sich lsende Tropfen -- dehnen sich zu
endlosen Jahren.

Kaum merkbar gewinnt der Umri der Gestalt Wirklichkeit: unter dem Anhauch
dmmernden Morgengrau's schrumpfen langsam ihre Hnde an den
ausgebreiteten Armen zu Stmpfen aus morschem Holz, die Totenschdel
rumen zaudernd runden staubigen Steinen den Platz.

Mhsam richtet Leonhard sich auf; vor ihm reckt sich in drohender Haltung,
mit Fetzen umhllt, das Gesicht zerbrochene Scherben, eine -- bucklige --
Vogelscheuche empor.

Die Lippen brennen ihm im Fieber, seine Zunge ist wie verdorrt; neben ihm
glimmt noch die Asche des Reisigfeuers unter dem Napf mit dem Rest des
giftigen Trankes. Der Quacksalber ist fort, -- mit ihm die letzte
Barschaft; Leonhard erfat es nur mit halbem Sinn: die Eindrcke des
nchtlichen Erlebnisses whlen zu tief durch ihre nagende Innerlichkeit;
wohl ist die Vogelscheuche da nicht lnger der Herr der Welt: aber der
Herr der Welt ist selber nur mehr eine jmmerliche Vogelscheuche,
schreckhaft blo fr die Furchtsamen, unerbittlich gegen die Flehenden,
mit Tyrannenmacht bekleidet fr die, die Sklaven sein wollen und sie mit
dem Nimbus der Macht behngen, -- ein erbrmliches Zerrbild allen, die
frei und stolz sind.

Das Geheimnis des Doktor Schrepfer liegt pltzlich offenbar: die
rtselhafte Kraft, die durch ihn wirkt, ist nicht sein eigen, steht auch
nicht hinter ihm mit der Tarnkappe. Sie ist die magische Gewalt der
Glubigen, die an sich selbst nicht zu glauben vermgen, sie selber nicht
zu gebrauchen wissen, sie auf einen Fetisch bertragen mssen, sei er
Mensch, ein Gott, Pflanze, Tier oder Teufel, damit sie wie aus einem
Brennspiegel wunderttig zurckstrahle, -- ist der Zauberstab des _wahren_
Herrn der Welt, des innersten allgegenwrtigen, alles in sich
verschlingenden Ichs, der Quelle, die nur geben und niemals nehmen kann
ohne ein machtloses Du zu werden, das Ich, auf dessen Gehei der Raum
zerbrechen mu und die Zeit zum goldenen Gesicht ewiger Gegenwart
erstarren, -- das knigliche Zepter des Geistes, gegen das zu sndigen der
einzige Frevel ist, der nicht vergeben werden kann -- ist die Macht, die
kund wird durch den Lichtkreis magischer unzerstrbarer Gegenwart, alles
in ihren Urgrund saugt.

Gtter und Wesen, Vergangenheit und Zukunft, Schatten und Dmonen
verhauchen ihr scheinbares Leben darin. Sie ist die Macht, die keine
Grenzen kennt und in dem am strksten wirkt, der selbst der Grte ist,
die immer innen ist und niemals auen -- alles, was auen bleibt, sofort
zur Vogelscheuche macht.

Die Verheiung des Quacksalbers von der Vergebung der Snden erfllt sich
an Leonhard: kein Wort, das nicht Wahrheit wird; der Meister ist gefunden:
Leonhard ist es selbst.

Wie ein groer Fisch ein Loch in das Netz reit und entrinnt, so ist er
erlst durch sich selbst von dem Vermchtnis des Fluches -- ein Erlser
denen, die ihm folgen wollen.

Alles ist Snde oder nichts ist Snde, alle Ichs sind ein gemeinsames Ich,
-- klar ist er sich dessen bewut.

Wo lebt die Frau, die nicht zugleich seine Schwester ist, welche irdische
Liebe ist nicht zugleich Blutschande, welches weibliche Tier, und sei es
das kleinste, darf er tten, ohne nicht Muttermord und Selbstmord zugleich
zu begehen? Ist sein eigener Leib etwas anderes als eine Erbschaft von
Myriaden von Tieren?

Niemand ist da, der das Schicksal verhngt, als das eine groe Ich, das
sich als zahllose Ichbilder spiegelt; als groe und kleine, klare und
trbe, bse und gute, frhliche, traurige und doch von Leid und Freude
nicht berhrt wird, in Vergangenheit und Zukunft als immerwhrende
Gegenwart bestehen bleibt -- gleich wie die Sonne nicht schmutzig und
nicht runzlig wird, wenn auch ihr Spiegelbild in Pftzen oder sich
kruselnden Wellen schwimmt, und nicht in Vergangenheit hinabsteigt, nicht
aus der Zukunft emportaucht, ob nun die Wasser versiegen oder neue aus
Regen sich bilden: niemand ist da, der das Schicksal verhngt, als das
groe gemeinsame Ich -- die Ursache: die Sache, die der Urgrund ist.

Wo bleibt da Raum fr die Snde? Der tckische unsichtbare Feind, der
vergiftete Pfeile aus der Finsternis schiet, ist dahin; Dmonen und
Gtzen sind tot, -- verreckt wie Fledermuse am Glanze des Lichts.

Leonhard sieht seine tote Mutter auferstehen mit den ruhelosen Zgen,
seinen Vater, seine Schwester und Gattin Sabine: sie sind nur mehr Bilder
wie seine eigenen vielen Krper in Kindesgestalt, als Jngling und Mann;
ihr wahres Leben ist unvergnglich und ohne Form, so wie sein eigenes Ich.

Er schleppt sich zu dem Weiher, den er in der Nhe erblickt, um seine
brennende Haut zu khlen; er empfindet die Schmerzen, die seine Eingeweide
zerreien, nicht mehr als die seinen, -- so, als seien sie die eines
andern.

Vor dem Morgenrot ewiger Gegenwart, die jedem Sterblichen so
selbstverstndlich dnkt wie das eigene Gesicht und doch so urfremd ist
wie das eigene -- Gesicht, verbleichen alle Schemen, auch die der
leiblichen Qual.

Und wie er die weiche Krmmung der Ufer sinnend betrachtet und die kleinen
mit Schilf bestandenen Inseln, berkommt ihn Erinnerung.

Er sieht, da er wieder daheim im Park seiner Jugend ist.

Eine Wanderung durch die Nebel des Lebens im groen Kreise umher!

Tiefe Zufriedenheit beruhigt sein Herz, Furcht und Grauen sind ausgetilgt,
er ist vershnt mit den Toten und den Lebenden und mit sich selbst.

Das Geschick birgt fortan keine Schrecken fr ihn, nicht in der
Vergangenheit und nicht in der Zukunft.

Der goldne Kopf der Zeit hat nur mehr ein einziges Gesicht: die Gegenwart
als Gefhl nie endender seliger Ruhe kehrt ihm ihr ewig junges Antlitz zu;
die beiden andern sind fr immer abgewandt wie die dunkle Hlfte des
Mondes von der Erde.

Der Gedanke, da alles, was sich bewegt, sich zum Kreise schlieen mu,
da auch er ein Teil des groen Gesetzes ist, das die Weltenkrper rund
macht und rund erhlt, bekommt etwas unendlich Trstliches fr ihn; klar
erfat er den Unterschied zwischen dem Satanszeichen mit den ruhelos
laufenden vier Menschenbeinen und dem stillstehenden aufrechten Kreuz.--

Ob seine Tochter wohl noch lebt? Sie mu eine alte Frau sein, kaum zwanzig
Jahre jnger als er.

Gelassen schreitet er dem Schlosse zu; der Kiesweg trgt ein buntes Fell
aus Fallobst und wilden Blumen, die jungen Birken sind knorrige Riesen in
hellen Mnteln, ein schwarzer Trmmerhaufen bedeckt, mit silbernen
Unkrautdolden durchwachsen, die Kuppe des Hgels.

Seltsam berhrt wandert er in den sonnenheien Schutthalden umher: eine
alte wohlbekannte Welt hebt sich neu in Glanz verklrt aus der
Vergangenheit, Bruchstcke, die er findet, da und dort unter verkohltem
Geblk, fgen sich zu einem Ganzen; ein verbogener bronzener Pendel
zaubert die braune Uhr der Kinderjahre hinein in wiedergeborene Gegenwart,
tausend Blutstropfen alter Qual werden leuchtende rote Sprenkel im
Phnixgefieder des Lebens.

Eine Schafherde, von lautlosen Hunden zu breitem grauen Viereck
gescheucht, zieht die Wiesen hinunter; er frgt den Hirten nach den
Bewohnern des Schlosses, der Mann murmelt etwas von verwunschener Gegend
und einem alten Weib, der letzten Bewohnerin der Brandsttte, -- einer
bsartigen Hexe mit einem Blutmal auf der Stirn wie Kain, die unten im
Meiler wohnt, -- zieht eilig und mrrisch seines Weges.

Leonhard betritt die Kapelle, die in einem Urwald versteckt liegt: die Tr
hngt in den Angeln, nur noch der vergoldete Betstuhl steht
schimmelumzogen darin, die Fenster trb, Altar und Bilder vermodert, das
Kreuz auf der erzenen Falltr von Grnspan zerfressen, braunes Moos quillt
durch die Fugen.

Er fhrt mit dem Fu darber hin, da kommt aus einem Glanzstreifen des
Metalls eine halberloschene Inschrift hervor: eine Jahreszahl und daneben
die Worte:

     Erbaut von
     Jakob de Vitriaco.

Die feinen Spinnenfden, die die Dinge der Erde mitsammen verbinden,
entwirren sich vor Leonhards Erkenntnis: der belanglose Name eines fremden
Baumeisters, kaum eingeritzt in sein Gedchtnis, so und so oftmal in der
Zeit der Jugend gelesen und so und so oftmal wieder vergessen -- sein
alter unsichtbarer im Kreis der Wanderung als rufender Meister
verkleideter Begleiter: er liegt vor seinen Fen, zum gleichgltigen Wort
geworden in derselben Stunde, wo seine Sendung zu Ende und die geheime
Sehnsucht der Seele, heimzukehren zum Ausgangspunkt, erfllt ist.
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Meister Leonhard sieht den Rest seines Lebens als Einsiedler inmitten der
Wildnis des Daseins, er trgt ein hrenes Kleid aus rauhen Decken, die er
unter den Trmmern der Brandsttte findet, baut einen Herd aus rohen
Ziegeln.

Die Gestalten der Menschen, die sich bisweilen in die Nhe der Kapelle
verirren, scheinen ihm wesenlos wie Schemen, werden erst lebendig, wenn er
ihr Bild hineinzieht in den Zauberkreis seines Ichs und sie darin
unsterblich macht.

Die Formen des Daseins sind ihm dasselbe wie die wechselnden Gesichter der
Wolken: mannigfaltig und doch im Grunde nichts als Wasserdampf. -- -- --
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Er hebt seinen Blick ber die beschneiten Baumgipfel.

Wieder wie damals in der Nacht der Geburt seiner Tochter stehen zwei groe
Sterne dicht beisammen am sdlichen Himmel, starren auf ihn herab.

Fackeln wimmeln durch den Wald.

Sensen klirren.

Wutverzerrte Gesichter schweben zwischen den Stmmen, halblaute Stimmen
murren, das alte bucklige Weib aus dem Meiler steht wieder vor der
Kapelle, fuchtelt mit hageren Armen, deutet auf die Teufelssilhouette im
Schnee, winkt den aberglubischen Bauern, glotzt mit irren Augen wie mit
zwei grnlichen Sternen unverwandt durch die Scheiben.

Auf ihrer Stirne glht ein rotes Muttermal.

Meister Leonhard rhrt sich nicht, er wei, da die da drauen ihn
erschlagen kommen, wei, da der Teufelsschatten, der aus ihm herausfllt
auf den Schnee und ein Nichts bedeutet und jeder Bewegung seiner Hand
folgen mu, die Ursache der Wut der aberglubischen Menge ist, aber er
wei auch, da der, den sie erschlagen wollen: sein Leib, nur ein
Schatten ist, so wie sie nur Schatten sind -- wesenloser Schein im
Scheinreich der rollenden Zeit, und da auch die Schatten dem Gesetze des
Kreises gehorchen.

Er wei, da die Alte mit dem Blutmal seine Tochter ist, die die Zge
seiner Mutter trgt, und von ihr das Ende kommt, damit sich der groe
Bogen schliee:

Die Wanderung der Seele im Kreis durch die Nebel der Geburten zurck zum
Tod.




Das Grillenspiel


Nun?, fragten die Herren wie aus einem Munde, als Professor Goclenius
rascher als es sonst seine Gewohnheit war und mit auffallend verstrtem
Gesicht eintrat, nun, hat man Ihnen die Briefe ausgefolgt? -- Ist
Johannes Skoper schon unterwegs nach Europa? -- Wie geht es ihm? Sind
Sammlungen mit angekommen? -- riefen alle durcheinander.

Nur das hier, sagte der Professor ernst und legte ein Bndel Schriften
und ein Flschchen, in dem sich ein totes, weiliches Insekt in der Gre
eines Hirschkfers befand, auf den Tisch, der chinesische Gesandte hat es
mir selbst mit dem Bemerken bergeben, es sei heute auf dem Umweg ber
Dnemark angekommen.

Ich frchte, er hat schlimme Nachrichten ber unsern Kollegen Skoper
erfahren, flsterte ein bartloser Herr hinter der Hand seinem
Tischnachbar zu, einem greisenhaften Gelehrten mit wallender Lwenmhne,
der, -- wie er selbst, Prparator am naturwissenschaftlichen Museum, --
die Brille auf die Stirn geschoben hatte und mit tiefstem Interesse das
Insekt in der Flasche betrachtete.

Es war ein seltsames Zimmer, in dem die Herren -- sechs an der Zahl und
smtlich Forscher auf dem Gebiet der Schmetterlings- und Kferkunde --
saen.

Ein stumpfer Geruch nach Kampfer und Sandelholz verstrkte aufdringlich
den Eindruck des fremdartig Totenhaften, das von den Igelfischen, die an
Schnren von der Decke herabhingen, -- glotzugig, wie abgeschnittene
Kpfe gespenstischer Zuschauer, -- von den wei und rot grellbemalten
Teufelsmasken wilder Insulanerstmme, von den Straueneiern, den
Hairachen, Narwalzhnen, verrenkten Affenkrpern und all den tausenderlei
grotesken Formen einer fernen Zone, ausging.

An den Wnden ber braunen, wurmstichigen Schrnken, die etwas
klsterliches hatten, wie das morsche Licht des Abendrots aus dem
verwilderten Museumsgarten herein durch das bauchige Gitterfenster
spielte, hingen, liebevoll in Gold gerahmt, gleich ehrwrdigen
Ahnenbildern verblate Portrts ins Riesenhafte vergrerter Baumwanzen
und Maulwurfsgrillen.

Verbindlich den Arm gekrmmt, verlegenes Lcheln um die Knopfnase und die
gelben, kreisrunden Glasaugen, den Zylinderhut des Herrn Prparators auf
dem Haupte, beugte sich in der Haltung eines vorsintflutlichen
Dorfschulzen, der sich zum erstenmal im Leben photographieren lt, ein
Faultier aus der Ecke, umwimpelt von baumelnden Schlangenhuten.

Den Schwanz in den dmmerigen Fernen des Ganges geborgen und die edleren
Teile laut Wunsch des Unterrichtsministers im Frischlackiertwerden
begriffen, starrte der Stolz des Institutes, ein zwlf Meter langes
Krokodil, mit treulosem Katzenblick durch die Verbindungstr herein ins
Gemach.--

Professor Goclenius hatte Platz genommen, die Schnur von dem Briefbndel
gelst und die einleitenden Zeilen unter Gemurmel durchgeflogen.

Datiert ist es aus Bhutan -- Sdosttibet, -- und zwar vom 1. Juli 1914,
-- also vier Wochen vor Kriegsausbruch; der Brief war demnach lnger als
ein Jahr unterwegs, setzte er dann laut hinzu. Kollege Johannes Skoper
schreibt hier unter anderem: ber die reiche Ausbeute, die ich auf meiner
langen Reise aus den chinesischen Grenzgebieten durch Assam in das bisher
unerforschte Land Bhutan machte, werde ich Ihnen nchstens ausfhrlich
berichten; heute nur kurz ber die seltsamen Umstnde, denen ich die
Entdeckung einer neuen weien Grille -- Professor Goclenius deutete auf
das Insekt in der Flasche -- verdanke, die von den Schamanen zu
aberglubischen Zwecken gebraucht und 'Phak' genannt wird, ein Wort, das
zugleich ein Schimpfname ist fr alles, was einem Europer oder
weirassigen Menschen hnlich sieht.

Also: Eines Morgens erfuhr ich von lamaistischen Pilgern, die nach Lhasa
zogen, es befinde sich unweit meines Lagerplatzes ein sehr hoher,
sogenannter Dugpa, -- einer jener in ganz Tibet gefrchteten
Teufelspriester, die, an ihren scharlachroten Kappen kenntlich,
behaupten, direkte Abkmmlinge des Dmons der Fliegenschwmme zu sein.
Jedenfalls sollen die Dugpas der uralten tibetischen Religion der Bhons
angehren, von der wir so gut wie nichts wissen, und Nachkommen einer
fremdartigen Rasse sein, deren Ursprung sich im Dunkel der Zeit verliert.
Jener Dugpa, erzhlten mir die Pilger und drehten dabei voll
aberglubischer Scheu ihre kleinen Gebetmhlen, sei ein Samtscheh
Mitschebat, das ist ein Wesen, das man nicht mehr mit dem Namen Mensch
bezeichnen drfe, das 'binden und lsen' knne, dem, kurz und gut, infolge
seiner Fhigkeit, Raum und Zeit als Wahnvorstellungen zu durchschauen,
nichts unmglich sei auf Erden zu vollbringen. Es gbe, sagte man mir,
zwei Wege, um jene Stufen zu erklimmen, die ber das Menschentum
hinausfhren: den einen, den des 'Lichtes' -- der Einswerdung mit Buddha
-- und einen zweiten, entgegengesetzten: den 'Pfad der linken Hand', zu
dem nur ein geborener Dugpa die Eingangspforte wte -- ein geistiger Weg
voll Grauen und Entsetzlichkeit. Solche 'geborene' Dugpas kmen -- wenn
auch sehr vereinzelt -- unter allen Himmelsstrichen vor und wren
merkwrdigerweise fast immer die Kinder besonders frommer Leute. 'Es ist,'
sagte der Pilger, der es mir erzhlte, 'wie wenn die Hand des Herrn der
Finsternis ein giftiges Reis aufpfropft auf den Baum der Heiligkeit', und
man wisse nur ein Mittel, an einem Kinde zu erkennen, ob es geistig zum
Bunde der Dugpas gehrt oder nicht, das ist -- wenn der Haarwirbel auf dem
Scheitel von links nach rechts, statt umgekehrt, luft.

Ich sprach sofort -- rein aus Neugierde -- den Wunsch aus, den erwhnten
hohen Dugpa zu Gesicht zu bekommen, aber mein Karawanenfhrer, selber ein
Osttibeter, widersetzte sich mit Hartnckigkeit. Das alles sei dummes
Zeug, Dugpas gbe es im Bhutangebiet berhaupt nicht, schrie er in einem
fort, auch wrde ein Dugpa -- schon gar ein Samtscheh Mitschebat -- nie
und nimmer einem Weien seine Knste zeigen.

Der allzu eifrige Widerstand des Mannes wurde mir immer verdchtiger, und
nach stundenlangem Kreuz- und Querfragen brachte ich denn auch aus ihm
heraus, da er selbst Anhnger der Bhonreligion sei und ganz genau wisse,
-- aus der rtlichen Frbung der Erddnste, wollte er mir vorlgen, -- da
ein 'eingeweihter' Dugpa in der Nhe weile.

'Aber er wird dir niemals seine Knste zeigen', schlo er jedesmal seine
Rede.

'Warum denn nicht?', fragte ich schlielich.

'Weil er die -- Verantwortung nicht bernimmt.'

'Was fr eine Verantwortung?', forschte ich weiter.

'Er wrde infolge der Strung, die er damit im Reiche der Ursachen
anrichtet, von neuem in den Strudel der Wiederverkrperung verstrickt
werden, wenn nicht etwas noch viel viel Schlimmeres.'

Es interessierte mich, Nheres ber die geheimnisvolle Bhonreligion zu
erfahren, und ich fragte daher: 'Hat ein Mensch nach deinem Glauben eine
Seele?'

'Ja und Nein.'

'Wieso?'

Als Antwort nahm der Tibeter einen Grashalm und machte einen Knoten
hinein: 'Hat das Gras jetzt einen Knoten?'

'Ja.'

Er lste den Knoten wieder auf: 'Und jetzt?'

'Jetzt hat es keinen mehr.'

'Genau so hat der Mensch eine Seele und hat keine', sagte er einfach.

Ich versuchte es auf andere Weise, mir ein Bild ber seine Ansicht zu
machen: 'Gut, nimm an, du wrest auf dem schrecklichen, kaum handbreiten
Gebirgspa, den wir neulich berschritten, in die Tiefe gestrzt, -- htte
deine Seele weitergelebt oder nicht?'

'Ich wre nicht abgestrzt!'

Ich wollte ihm anders beikommen, deutete auf meinen Revolver: 'Wenn ich
dich jetzt totschiee, lebst du dann weiter oder nicht?'

'Du kannst mich nicht erschieen.'

'Doch!'

'Also versuch's.'

Ich werde mich hten, dachte ich bei mir, das wre eine schne Geschichte,
ohne Karawanenfhrer in diesem grenzenlosen Hochland umherirren. Er schien
meine Gedanken erraten zu haben und lchelte hhnisch. Es war zum
Verzweifeln. Ich schwieg eine Weile.

'Du kannst eben nicht 'wollen'', fing er pltzlich wieder an. 'Hinter
deinem Willen stehen Wnsche, solche, die du kennst, und solche, die du
nicht kennst, und beide sind strker als du.'

'Was ist also die Seele nach deinem Glauben?', fragte ich rgerlich;
'habe zum Beispiel ich eine Seele?'

'Ja.'

'Und wenn ich sterbe, lebt meine Seele dann weiter?'

'Nein.'

'Aber deine, meinst du, lebt weiter, wenn du stirbst?'

'Ja. Weil ich einen -- Namen habe.'

'Wieso einen Namen? Ich habe doch auch einen Namen!'

'Ja, aber du kennst deinen wirklichen Namen nicht, besitzest ihn also
nicht. Das, was du fr deinen Namen hltst, ist nur ein leeres Wort, das
deine Eltern erfunden haben. Wenn du schlfst, vergit du ihn, ich
vergesse meinen Namen nicht, wenn ich schlafe.'

'Aber, wenn du tot bist, weit du ihn auch nicht mehr!' wendete ich ein.

'Nein. Aber der Meister kennt ihn und vergit ihn nicht, und wenn er ihn
ruft, so stehe ich wieder auf; aber nur ich und kein anderer, denn nur ich
habe meinen Namen. Kein anderer hat ihn. Das, was du deinen Namen nennst,
das haben viele andere mit dir gemeinsam -- so wie die Hunde', murmelte er
verchtlich vor sich hin. Ich verstand die Worte zwar, lie es mir aber
nicht anmerken.

'Was verstehst du unter dem 'Meister'?' warf ich scheinbar unbefangen hin.

'Den Samtscheh Mitschebat.'

'Den, der hier in der Nhe ist?'

'Ja, aber nur sein Spiegelbild ist in der Nhe; der, der er in
Wirklichkeit ist, ist berall. Er kann auch nirgends sein, wenn er will.'

'Er kann sich demnach unsichtbar machen?' -- wider Willen mute ich
lcheln, -- 'du meinst: einmal ist er innerhalb des Weltenraumes und dann
auerhalb; einmal ist er da -- und dann ist er wieder nicht da?'

'Ein Name ist doch auch nur da, wenn man ihn ausspricht, und nicht mehr
da, wenn man ihn nicht ausspricht', hielt mir der Tibeter vor.

'Und kannst zum Beispiel du auch einmal ein 'Meister' werden?'

'Ja.'

'Dann wird es also zwei Meister geben, was?'

Ich triumphierte innerlich, denn offen gestanden verdro mich der geistige
Hochmut des Kerls; jetzt hatte ich ihn in der Falle, glaubte ich (meine
nchste Frage htte gelautet: wenn der eine Meister die Sonne scheinen
lassen will und der andere regnen, welcher behlt recht?); um so mehr
verblffte mich die sonderbare Antwort, die er mir gab: 'Wenn ich ein
Meister sein werde, dann bin ich doch der Samtscheh Mitschebat. Oder
glaubst du, es knnte zwei Dinge geben, die einander vollkommen gleich
sind, ohne da sie ein und dasselbe wren?'

'Immerhin seid ihr dann zwei und nicht einer; wenn ich euch begegnete,
wret ihr zwei Menschen und nicht einer', widersprach ich.

Der Tibeter bckte sich, suchte unter den in Menge umherliegenden
Kalkspatkristallen einen besonders durchsichtigen aus und sagte
spttisch: 'Halte das ans Auge und schau den Baum dort an; du siehst ihn
nunmehr doppelt, nicht wahr? Aber sind es deshalb -- zwei Bume?'

Ich wute ihm nicht gleich etwas zu entgegnen, auch wre es mir schwer
gefallen in mongolischer Sprache, deren wir uns zur gegenseitigen
Verstndigung bedienen muten, ein so verwickeltes Thema logisch zu
errtern: ich lie ihm daher seinen Triumph. Innerlich konnte ich aber
nicht genug staunen ber die geistige Gelenkigkeit dieses Halbwilden mit
seinen schiefen Kalmckenaugen und dem schmutzstarrenden Schafspelz. Es
ist etwas Seltsames um diese Hochlandsasiaten, uerlich sehen sie aus wie
Tiere, aber rhrt man an ihre Seele, kommt der Philosoph zum Vorschein.

Ich griff wieder auf den Ausgangspunkt unseres Gesprches zurck: 'Du
glaubst also, der Dugpa wrde mir seine Knste nicht zeigen, weil er die
-- Verantwortung ablehnt?'

'Nein, gewi nicht.'

'Wenn aber ich die Verantwortung bernhme?!'

Das erstemal, seit ich den Tibeter kannte, geriet er auer Fassung. Eine
Unruhe, die er kaum bemeistern konnte, lief ber sein Gesicht. Der
Ausdruck wilder, mir unerklrlicher Grausamkeit wechselte mit dem eines
tckischen Frohlockens. Wir haben in den vielen Monaten unseres
Beisammenseins oft wochenlang Todesgefahren aller Art ins Auge geblickt,
haben schauerliche Abgrnde berschritten auf schwankenden, nur fubreiten
Bambusbrcken, da mir vor Entsetzen das Herz stillstand, haben Wsten
durchquert und sind fast verdurstet, aber niemals verlor er auch nur eine
Minute sein inneres Gleichgewicht. Und jetzt? Was konnte die Ursache sein,
da er mit einemmal so auer sich geriet? Ich sah ihm an, wie in seinem
Hirn die Gedanken sich jagten.

'Fhre mich zu dem Dugpa, ich werde dich reichlich belohnen', redete ich
ihm eifrig zu.

'Ich will es mir berlegen', antwortete er endlich.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Es war noch tiefe Nacht, da weckte er mich in meinem Zelt. Er sei bereit,
sagte er.

Er hatte zwei unserer zottigen Mongolenpferde, die nicht viel hher sind
als groe Hunde, gesattelt, und wir ritten hinein in die Finsternis.

Die Leute meiner Karawane lagen um die verglimmenden Reisigfeuer herum in
festem Schlaf. Stunden vergingen und wir wechselten kein Wort; der
eigentmliche Moschusgeruch, den die tibetischen Steppen in Julinchten
auszustrmen pflegen, und das eintnige Zischen des Ginsters, wie die
Beine unserer Pferde hindurchfegten, betubte mich fast, so da ich, um
wach zu bleiben, unverwandt emporblicken mute zu den Sternen, die hier in
diesem wilden Hochland etwas Loderndes, Flackerndes haben wie brennende
Papierfetzen. Ein erregender Einflu geht von ihnen aus, der das Herz mit
Unruhe erfllt.

Als die Morgendmmerung ber die Berggipfel kroch, bemerkte ich, da die
Augen des Tibeters weit offen standen und ohne zu zwinkern immerwhrend
auf einen Punkt am Himmel starrten. -- Ich sah, da er geistesabwesend
war.

Ob er denn den Aufenthalt des Dugpas so genau kenne, da er nicht auf den
Weg zu achten brauche, fragte ich ihn ein paarmal, ohne eine Antwort zu
bekommen.

'Er zieht mich, wie der Magnetstein das Eisen anzieht', lallte er
schlielich mit schwerer Zunge wie aus dem Schlaf.

Nicht einmal mittags machten wir Rast, immer wieder trieb er stumm sein
Pferd zu neuer Eile an. Ich mute im Sattel meine paar Stcke gedrrtes
Ziegenfleisch verzehren.

Gegen Abend hielten wir, um den Fu eines kahlen Hgels biegend, in der
Nhe eines jener fantastischen Zelte, wie man sie im Bhutan zuweilen zu
Gesicht bekommt. Sie sind schwarz, oben spitz, unten sechseckig mit
aufwrts gebauchten Rndern und stehen auf hohen Stelzen, soda sie einer
riesigen Spinne gleichen, die mit dem Bauch die Erde berhrt.

Ich hatte erwartet, einen schmutzigen Schamanen mit verfilztem Haar und
Bart zu treffen, eines der wahnsinnigen oder epileptischen Geschpfe, die
unter den Mongolen und Tungusen hufig sind, die sich mit dem Absud von
Fliegenschwmmen betuben und dann Geister zu sehen glauben oder
unverstndliche Prophezeiungen ausstoen; statt dessen stand da --
unbeweglich -- ein Mann vor mir, gut sechs Fu hoch, auffallend schmal im
Wuchs, bartlos, das Gesicht olivgrnlich schimmernd, von einer Farbe, wie
ich sie noch nie bei einem Lebenden gesehen, die Augen schrg und
unnatrlich weit auseinander. Der Typus einer mir vollkommen fremden
Menschenrasse.

Seine Lippen, gleich der Gesichtshaut faltenlos wie aus Porzellan, waren
scharfrot, messerdnn und so stark geschwungen -- besonders an den weit
empor gezogenen Mundwinkeln -- wie unter einem erbarmungslosen erstarrten
Lcheln, da sie aussahen, als seien sie aufgemalt.

Ich konnte den Blick nicht von dem Dugpa wenden -- lange nicht -- und wenn
ich jetzt daran zurckdenke, mchte ich fast sagen: ich kam mir vor wie
ein Kind, dem der Atem stehenbleibt vor Entsetzen beim Anblick einer
pltzlich aus dem Dunkel auftauchenden grauenhaften Maske.

Auf dem Kopf trug der Dugpa eine glattanliegende scharlachrote Kappe ohne
Rand; im brigen bis zu den Kncheln einen kostbaren Pelz aus orangegelb
gefrbtem Zobel.

Er und mein Fhrer sprachen kein Wort mitsammen, ich nehme jedoch an, da
sie sich durch heimliche Gesten verstndigt haben, denn ohne zu fragen,
was ich von ihm wolle, sagte der Dugpa pltzlich und unvermittelt, er sei
willens mir zu zeigen, was immer ich wnsche, doch msse ich ausdrcklich
alle Verantwortung, auch wenn ich sie nicht kennte, bernehmen.

Ich erklrte mich -- natrlich -- sofort bereit.

Ich solle zum Zeichen dafr mit der linken Hand die Erde berhren,
verlangte er.

Ich tat es.

Schweigend ging er sodann eine Strecke voraus und wir folgten ihm, bis er
uns niedersitzen hie.

Es war eine tischhnliche Bodenerhebung, an deren Rand wir uns lagerten.

Ob ich ein weies Tuch bei mir trge?

Ich suchte vergeblich in meinen Taschen, fand aber nur im Rockfutter eine
alte, verblate, zusammenlegbare Karte von Europa (ich hatte sie offenbar
die ganze lange Zeit meiner Asienreise bei mir getragen), breitete sie
zwischen uns aus und erklrte dem Dugpa, die Zeichnung sei ein Bild meinem
Heimat.

Er wechselte einen raschen Blick mit meinem Fhrer, und wieder sah ich auf
dem Gesicht des Tibeters jenen Ausdruck haerfllter Bosheit aufleuchten,
der mir schon am Abend vorher aufgefallen war.

Ob ich den Grillenzauber zu sehen wnschte?

Ich nickte und war mir im Augenblick klar, was kommen wrde: ein bekannter
Trick -- das Hervorlocken von Insekten aus der Erde durch Pfeifen oder
dergleichen.

Richtig, ich hatte mich nicht getuscht; der Dugpa lie ein leises,
metallenes Zirpen hren (mit einem kleinen, silbernen Glckchen, das sie
versteckt bei sich tragen, machen sie das), und sofort kamen aus ihren
Schlupfwinkeln im Boden eine Menge Grillen und krochen auf die helle
Landkarte.

Immer mehr und mehr.

Unzhlige.

Ich hatte mich schon gergert, wegen eines lppischen Kunststckes, das
ich bereits in China oft genug gesehen hatte, einen so mhvollen Ritt
unternommen zu haben, aber was sich mir jetzt darbot, entschdigte mich
reichlich: Die Grillen waren nicht nur eine wissenschaftlich ganz neue
Spezies -- daher an und fr sich schon interessant genug -- sie benahmen
sich auch hchst absonderlich. Kaum hatten sie nmlich die Landkarte
betreten, liefen sie zuerst planlos im Kreise herum, dann bildeten sie
Gruppen, die einander mitrauisch musterten. Pltzlich fiel auf die Mitte
der Karte ein regenbogenfarbener Lichtfleck (er stammte von einem
Glasprisma, das der Dugpa gegen die Sonne hielt, wie ich mich rasch
berzeugte), und ein paar Sekunden spter war aus den bisher friedlichen
Grillen ein Klumpen sich auf die schauderhafteste Weise gegenseitig
zerfleischender Insektenleiber geworden. Der Anblick war zu ekelhaft, als
da ich ihn schildern mchte. Das Schwirren der tausend und aber tausend
Flgel gab einen hohen, singenden Ton, der mir durch Mark und Bein ging,
ein Schrillen, gemischt aus so hllischem Ha und grauenvoller Todesqual,
da ich es nie werde vergessen knnen.

Ein dicker, grnlicher Saft quoll unter dem Haufen hervor.

Ich befahl dem Dugpa augenblicklich innezuhalten -- er hatte das Prisma
bereits eingesteckt und zuckte nur die Achseln.

Vergebens bemhte ich mich, die Grillen mit einem Stock auseinander zu
treiben: ihre wahnwitzige Mordlust kannte keine Grenzen mehr.

Immer neue Scharen liefen herbei und trmten den zappelnden, scheulichen
Klumpen hher und hher -- mannshoch.

Auf weite Strecken war der Erdboden lebendig von wimmelnden,
tollgewordenen Insekten. Eine weiliche, aneinandergequetschte Masse, die
sich der Mitte zudrngte, nur von dem einen Gedanken beseelt: morden,
morden, morden.

Einige der Grillen, die halbverstmmelt von dem Haufen herabfielen und
nicht mehr hinaufkriechen konnten, zerfetzten sich selbst mit ihren
Zangen.

Der schwirrende Ton wurde bisweilen so laut und grausig schrill, da ich
mir die Ohren zuhielt, weil ich es nicht mehr lnger glaubte ertragen zu
knnen.

Gott sei Dank, endlich wurden der Tiere weniger und weniger, die
hervorkriechenden Scharen schienen dnner zu werden und hrten schlielich
ganz auf.

'Was macht er denn noch immer?' fragte ich den Tibeter, als ich sah, da
der Dugpa keine Miene machte, aufzubrechen, vielmehr angestrengt seine
Gedanken auf irgend etwas zu konzentrieren schien. Er hatte die Oberlippe
hochgezogen, so da ich seine spitzgefeilten Zhne deutlich sehen konnte.
Sie waren pechschwarz, vermutlich von dem landesblichen Betelkauen.

'Er lst und bindet', hrte ich den Tibeter antworten.

Trotzdem ich mir bestndig vorsagte, da es ja nur Insekten gewesen waren,
die hier den Tod gefunden hatten, fhlte ich mich doch aufs uerste
angegriffen und einer Ohnmacht nahe, und die Stimme klang, als kme sie
aus weiter Ferne her: 'Er lst und bindet.'

Ich begriff nicht, was das bedeuten sollte, und begreife es auch heute
nicht; es geschah auch nichts weiter, was auffllig gewesen wre. Warum
ich trotzdem noch -- vielleicht stundenlang, ich wei es nicht mehr --
sitzen blieb? Der Wille, aufzustehen, war mir abhanden gekommen, ich kann
es nicht anders nennen.

Allmhlich sank die Sonne, und Landschaft und Wolken nahmen jene schreiend
rote und orangegelbe unwahrscheinliche Frbung an, die jeder kennt, der
einmal in Tibet war. Man kann den Eindruck des Bildes nur mit den
barbarisch bemalten Zeltwnden europischer Menageriebuden, wie man sie
auf Jahrmrkten sieht, vergleichen.--

Ich konnte die Worte nicht loswerden: 'Er lst und bindet'; nach
und nach bekamen sie etwas Schreckhaftes in meinem Hirn; -- in der
Phantasie verwandelte sich der zuckende Grillenhaufen in Millionen
sterbender Soldaten. Der Alp eines rtselhaften, ungeheuerlichen
Verantwortungsgefhls, das fr mich um so folternder war, als ich in
mir vergeblich nach seiner Wurzel suchte, wrgte mich.

Dann wieder schien es mir, als sei der Dugpa pltzlich verschwunden, und
statt seiner stnde da -- scharlachrot und olivgrn die widerwrtige
Statue des tibetischen Kriegsgottes.

Und ich kmpfte gegen den Anblick, bis ich die nackte Wirklichkeit wieder
vor Augen hatte, aber es war mir nicht genug Wirklichkeit: die Erddnste,
die aus dem Boden stiegen, die zackigen Gletschergipfel der Bergriesen am
fernen Horizont, der Dugpa mit der roten Kappe, ich selbst in meinen halb
europischen, halb mongolischen Kleidern, dann das schwarze Zelt mit den
Spinnenbeinen, -- alles konnte doch gar nicht wirklich sein! Wirklichkeit,
Phantasie, Vision, was war echt, was Schein? Und mein Denken dazwischen
immer von neuem auseinanderklaffend, wenn die drosselnde Angst vor dem
unfabaren, frchterlichen Verantwortungsgefhl wieder in mir aufstieg.

Spter, viel spter -- auf der Heimreise -- wuchs die Begebenheit in
meiner Erinnerung wie eine wuchernde Giftpflanze, die ich vergebens
ausreien will.

Nachts, wenn ich nicht schlafen kann, dmmert leise in mir eine
grauenhafte Ahnung auf, was der Satz bedeuten mag: 'Er lst und bindet',
und ich suche sie zu ersticken, da sie nicht zu Wort kommen kann, so wie
man ein ausbrechendes Feuer im Keim ersticken mchte. -- Aber es hilft
nichts, da ich mich wehre, -- im Geiste sehe ich, wie aus dem toten
Grillenhaufen ein rtlicher Dunst aufsteigt und zu Wolkengebilden wird,
die sich, den Himmel verfinsternd wie die Schreckgespenster des Monsuns,
nach Westen wlzen. --

Und auch jetzt wieder, wo ich dies schreibe, berfllt's mich, -- ich --
ich------

Hier scheint der Brief pltzlich abgebrochen worden zu sein, schlo
Professor Goclenius; leider mu ich Ihnen jetzt mitteilen, was ich auf
der chinesischen Gesandtschaft ber das unerwartete Ableben unseres lieben
Kollegen Johannes Skoper im fernen Asien -- -- -- der Professor kam nicht
weiter; ein lauter Schrei der Herren unterbrach ihn: Unglaublich, die
Grille lebt ja noch, jetzt nach einem Jahr! Unglaublich! Einfangen! Sie
fliegt davon! rief alles wild durcheinander. Der Forscher mit der
Lwenmhne hatte das Flschchen geffnet und das anscheinend tote Insekt
herausgeschttelt.

Einen Augenblick spter war die Grille zum Fenster hinausgeflogen in den
Garten und die Herren rannten in ihrem Eifer, sie einzufangen, an der Tr
den greisen Museumsdiener Demetrius, der ahnungslos hereinkam, um die
Lampe anzuznden, beinahe ber den Haufen.

Kopfschttelnd sah ihnen der Alte durch das Gitterfenster zu, wie sie
drauen mit Schmetterlingsnetzen umherjagten. Dann blickte er zum
dmmernden Abendhimmel empor und brummte: Was in der schrecklichen
Kriegszeit doch die Wolken fr merkwrdige Formen annehmen! Da sieht jetzt
eine wieder mal ganz so aus wie ein Mann mit einem dunkeln Gesicht und
roter Kappe; wenn er die Augen nicht so weit auseinanderstehen htte, wre
es fast wie ein Mensch. Wahrhaftig, man knnte noch aberglubisch werden
auf seine alten Tage.




Wie #Dr.# Hiob Paupersum seiner Tochter rote Rosen brachte


In vorgerckter Nachtstunde sa in dem bekannten Mnchener Prunkcaf
Stefanie, regungslos vor sich hinstarrend, ein Greis von hchst
bemerkenswertem Aussehen. Die zerschlissene, selbstndig gewordene
Krawatte, sowie die mchtige bis auf den Nacken herabwallende hohe Stirn
verrieten den bedeutenden Gelehrten.

Auer einem silbernen schtteren Knebelbarte, der, einem Siebengestirn von
Kinnwarzen entspringend, mit seinem unteren Ende gerade noch jene Stelle
inmitten der Weste verdeckte, wo bei weltabgewandten Denkern regelmig
ein Knopf zu fehlen pflegt, besa der alte Herr nur wenig Nennenswertes an
irdischen Gtern.

Genau genommen eigentlich gar nichts mehr.

Um so belebender wirkte es daher auf ihn, als pltzlich der bezwickerte
weltmnnisch gekleidete Gast mit dem gewichsten schwarzen Schnurrbart, der
bislang an dem Tisch in der Ecke schrg gegenber ein Stck kalten Lachs
bissenweise mit dem Messer zum Munde gefhrt (wobei ein kirschgroer
Brillant an dem elegant weggestreckten kleinen Finger jedesmal prchtig
aufblitzte) und zwischendurch forschend gestielte Blicke herbergeworfen
hatte, sich mundwischend erhob, das fast menschenleere Zimmer durchma,
sich vor ihm verbeugte und fragte:

Ist dem Herrn eine Partie Schach gefllig? -- Vielleicht um eine Mark die
Partie?

Farbenglhende Phantasmagorien von Schwelgerei und ppigkeit aller Art
taten sich vor dem geistigen Auge des Gelehrten auf, und noch whrend sein
Herz entzckt raunte: Dieses Rindvieh hat mir Gott geschickt, herrschten
bereits seine Lippen dem Kellner zu, der soeben angebraust kam, um
gewohnheitsmig an den elektrischen Glhbirnen eine Reihe umfassender
Beleuchtungsstrungen einzuleiten: Julius, ein Schachbrett. Wenn ich
nicht irre, habe ich die Ehre mit Herrn #Dr.# Paupersum? -- begann der
Weltmann mit dem gewichsten Schnurrbart das Gesprch.

Hiob,-- -- ja, hm, ja, -- Hiob Paupersum, besttigte der Gelehrte
zerstreut, denn er war wie gebannt von der Pracht des Mordssmaragden, der,
ein Automobillaternchen darstellend, als Schlipsnadel die Gurgel seines
Gegenbers verzierte.

Erst das Erscheinen des Schachbrettes lste seine Verzauberung; dann aber
waren im Nu die Figuren aufgestellt, die lockern Kpfe der Rssel mit
Spucke befestigt und der fehlende Turm durch ein geknicktes Streichholz
ersetzt.

Nach dem dritten Zuge entzwickerte sich der Weltmann, nahm eine
verkrampfte Stellung an und versank in dumpfes Brten.

Er scheint den dmmsten Zug auf dem Brett herausfinden zu wollen, -- ich
wte nicht, weshalb er sonst so lange nachdchte! murmelte der Gelehrte
und stierte dabei geistesabwesend die schweinfurtergrnseidene Dame -- das
einzige Lebewesen im Zimmer auer ihm und dem Weltmann -- an, die ruhevoll
wie die Gttin auf dem Titelkopf von ber Land und Meer auf dem
Wandsofa thronte, vor sich einen Teller Schaumrollen, und das khle
Frauenherz mit hundertpfndigem Speck umpanzert.

Ich geb's auf, meldete sich endlich der Herr mit der edelsteinernen
Automobillaterne, schob die Schachfiguren zusammen, entnahm seiner
Rippengegend ein gldenes Futteral, fischte eine Visitenkarte heraus und
reichte sie dem Gelehrten. #Dr.# Paupersum las:

     Zenon Sawaniewski
     Impresario fr Monstrositten.

Hm. Tja. Hm -- fr Monstrositten, hm, -- fr Monstrositten,
wiederholte er eine Weile verstndnislos. Aber gedenken Sie nicht noch
ein paar Partien zu spielen?, fragte er dann laut, den Sinn auf
Kapitalsvermehrung gerichtet.

Gewi. Natrlich. Soviel Sie wnschen, sagte der Weltmann hflich, aber
wollen wir nicht vorerst von etwas Eintrglicherem sprechen?

Von etwas noch -- noch Eintrglicherem?, fuhr es dem Gelehrten heraus,
und leise Falten des Mitrauens legten sich um seine Augenwinkel.

Ich habe zufllig gehrt, begann der Impresario und bestellte bei dem
Kellner durch plastische Handbewegungen eine Flasche Wein und ein Glas,
ganz zufllig, da Sie trotz Ihres groen Rufes als Leuchte der
Wissenschaft zur Zeit keine feste Anstellung haben?

Doch. Ich wickle tagsber Liebesgaben ein und versehe sie mit
Postwertzeichen.

Und das ernhrt Sie?

Nur insofern, als durch das damit verbundene Ablecken der Briefmarken
meinem Organismus eine gewisse Menge von Kohlehydraten zugefhrt wird.

Ja, warum verwerten Sie denn nicht lieber Ihre Sprachkenntnisse? Zum
Beispiel als Dolmetscher in einem Gefangenenlager?

Weil ich nur Altkoreanisch, dann die spanischen Mundarten, ferner Urdu,
drei Eskimosprachen und ein paar Dutzend Suahelinegerdialekte gelernt habe
und wir mit diesen Vlkerschaften vorlufig leider noch nicht verfeindet
sind.

Sie htten eben statt dessen Franzsisch, Russisch, Englisch und Serbisch
lernen sollen, brummte der Impresario.

Dann wre natrlich mit den Eskimos und nicht mit den Franzosen der Krieg
ausgebrochen, wendete der Gelehrte ein.

So? Hm.

Ja, ja, lieber Herr, da gibt's nichts zu hmen; es ist leider so.

Ich an Ihrer Stelle, Herr Doktor, htte es mit Abhandlungen ber den
Krieg bei irgendeiner Zeitung versucht. So ganz vom Schreibtisch aus.
Erfundenes Zeug selbstredend, nichts sonst.

Hab ich doch, klagte der Greis, Frontberichte, knapp sachlich,
erschtternd einfach gehalten in der Schilderung, aber----

Mensch, Sie sind toll, fuhr der Impresario auf. Frontberichte knapp
gehalten? Frontberichte schreibt man im Gemsjgerstil! Sie htten--

Der Gelehrte wehrte mde ab: Ich habe alles Menschenmgliche im Leben
versucht. Als ich fr mein Buch, eine vierbndige populre Erschpfung des
Stoffes: 'ber den vermutlichen Gebrauch des Streusandes im
vorgeschichtlichen China' keinen Verleger finden konnte, warf ich mich
auf Chemie, -- der Gelehrte wurde beim bloen Zusehen, wie der andere
Wein trank, redseliger, -- machte alsbald eine Erfindung, 'Stahl auf neue
Art zu hrten'----

Na, aber das htte doch Geld tragen mssen! rief der Impresario.

Nein. Ein Fabrikant, dem ich die Erfindung zeigte, riet mir ab, sie
patentieren zu lassen (er patentierte sie spter fr sich selbst) und
meinte, Geld knne man nur mit kleinen unscheinbaren Erfindungen
verdienen, die den Neid der Konkurrenz nicht erwecken. Ich befolgte den
Rat und erfand den berhmten zusammenlegbaren Konfirmationsbecher mit
selbstttig aufwrtssteigendem Boden, um den Methodistenmissionren das
Bekehren wilder Vlkerschaften zu erleichtern.

Nun und?

Ich bekam zwei Jahre Kerker wegen Gotteslsterung.

Fahren Sie fort, Herr Doktor, munterte der Weltmann den Gelehrten auf,
das ist alles ungemein amsant.

Ach, ich knnte Ihnen tagelang von fehlgeschlagenen Hoffnungen erzhlen.
-- So machte ich zum Beispiel, um ein gewisses Stipendium, das ein
bekannter Frderer der Wissenschaft ausgesetzt hatte, zu erlangen,
mehrjhrige Studien im Vlkermuseum und schrieb ein aufsehenerregendes
Buch: 'Wie, nach der Gaumenbildung bei peruanischen Mumien zu schlieen,
die alten Inkas mutmalich den Namen Huitzitopochtli ausgesprochen haben
wrden, wenn dieses Wort nicht in Mexiko, sondern in Peru bekannt gewesen
wre.'

Und haben Sie das Stipendium bekommen?

Nein. Der bekannte Frderer der Wissenschaft sagte mir, -- es war damals
vor dem Kriege, -- er habe zurzeit kein Geld, er sei nebenbei
Friedensfreund und msse sparen, da es vor allem gelte, die guten
Beziehungen Deutschlands zu Frankreich zum Zwecke der Erhaltung der
allgemeinen mhsam geschaffenen Menschheitswerte und -werke zu
befestigen.

Aber, als dann der Krieg ausbrach, hatten Sie doch Aussichten?!

Nein. Der Frderer sagte, jetzt msse er vor allem sparen, um auch
seinerseits ein Scherflein beizutragen, auf da der Erbfeind fr alle
Zeiten niedergeworfen werde.

Nun, nach dem Kriege blht sicher Ihr Weizen, Herr Doktor!

Nein. Dann wird der Frderer sagen, erst recht msse er sparen, damit die
zahllosen zerstrten Menschheitswerte und -werke wiederum aufgebaut und
die abgebrochenen guten Beziehungen der Vlker aufs neue hergestellt
werden knnen.--

Der Impresario dachte lange und ernst nach; dann fragte er mitleidig:
Wieso haben Sie sich eigentlich nie erschossen?

Erschossen? Um Geld zu verdienen?

No nein; ich meine -- nun, hm -- ich meine halt, es ist bewundernswert,
da Sie nicht den Mut verloren haben, immer wieder von vorn den Kampf mit
dem Leben zu beginnen?

Der Gelehrte wurde pltzlich unruhig; sein Gesicht, das bis dahin starr
gewesen wie aus Holz geschnitzt, bekam ein ngstliches, flackerndes Leben.

ber die Augen furchtsamer Tiere zieht, wenn sie zu Tode gehetzt vor dem
Abgrund stehen hinter sich den Verfolger -- bevor sie sich in die Tiefe
strzen, um ihrem Peiniger nicht in die Hnde zu fallen, ein hnlich irrer
Glanz von Qual und tiefster stummer Hoffnungslosigkeit, wie er jetzt in
den Blick des Alten trat. Seine mageren Finger tasteten wie unter dem
Zucken verhaltenen Weinens auf der Tischplatte umher, als wollten sie dort
einen Halt suchen. Die Falte, die vom Nasenflgel zum Munde luft, war mit
einem Male lang und straff bei ihm geworden und verzog seine Lippen, als
kmpfe er mit einer Lhmung. Er schluckte ein paarmal.

Ich wei jetzt alles, kam es dann mhsam heraus, wie bei einem, der sich
gegen das Lallen seiner Zunge wehrt, ich wei schon, Sie sind ein
Versicherungsagent. Ein halbes Leben lang habe ich mich gefrchtet, mit so
einem zusammenzutreffen. (Der Weltmann bemhte sich vergebens, zu Worte
zu kommen, und protestierte mit Hnden und Mienen.) Ich wei schon: Sie
wollen mir heimlich zu verstehen geben, ich solle mich versichern lassen
und dann irgendwie umbringen, damit -- nun ja, damit mein Kind wenigstens
leben kann und nicht mit mir verhungert! Reden Sie nicht! Glauben Sie
denn, ich wte nicht, da einem von Ihrer Sorte nichts, aber auch gar
nichts unbekannt ist?! Ihr kennt doch unser ganzes Leben und habt
unsichtbare Gnge gegraben von Haus zu Haus und schielt hinein mit euern
Wolfsaugen in die Stuben, wo etwas zu holen ist, -- ob ein Kind geboren
wird, wieviel Pfennige jeder in der Tasche hat, ob er heiraten wird oder
eine gefahrvolle Reise plant. Ihr fhrt Buch ber uns und verschachert
einander unsere Adressen. Und Sie, Sie schauen mir ins Herz hinein und
lesen da drinnen den Gedanken, der mich zerfrit jetzt schon ein Jahrzehnt
lang. -- Ja, glauben Sie denn, ich sei ein so niedertrchtiger Egoist, da
ich mich nicht schon lngst versichert und erschossen htte meiner Tochter
zuliebe, -- aus eigenem Antrieb und ohne es erst von euch, die ihr uns
betrgen wollt und eure eigene Anstalt betrgt, nach rechts betrgt und
nach links, untern Fu zu bekommen, wie man's machen soll, damit nichts
herauskommt?! Glauben Sie, ich wte nicht, da ihr dann, wenn's -- vorbei
ist, hinlauft und verratet -- wiederum gegen 'Provision': Hier liegt
Selbstmord vor, die Versicherungssumme braucht nicht ausgezahlt zu werden!
-- -- Glauben Sie, ich she nicht -- so, wie's jeder sieht --, wie die
Hnde meiner lieben Tochter immer weier und durchsichtiger werden von Tag
zu Tag, und verstnde nicht, was es bedeutet: trockene fieberige Lippen
und Hsteln in der Nacht!? Selbst wenn ich ein Halunke wre wie
euresgleichen, htte ich, um Arznei und krftige Nahrung zu schaffen,
schon lngst -- --, aber ich wei doch, wie's dann kme: das Geld wrde
nie ausbezahlt, und -- und dann -- --, nein, nein, es ist nicht
auszudenken!

Wieder wollte der Impresario unterbrechen, um den Verdacht, er sei
Versicherungsagent, zu entkrften, getraute sich aber nicht, denn der
Gelehrte ballte drohend die Faust.

Ich mu immerhin noch einen andern Weg zur Hilfe in Erwgung ziehen,
beendete halblaut nach lngerem unverstndlichem Gebrdenspiel
#Dr.# Paupersum irgendeinen offenbar nur gedachten Satz, das -- das mit
den -- Ambraser Riesen.

Ambraser Riesen! Donnerkeil, da sind Sie ja pltzlich bei meinem Thema.
Das ist's doch, was ich von Ihnen wissen mchte! Der Impresario lie sich
nicht mehr halten: Wie verhlt sich das mit den Ambraser Riesen? Ich
wei, Sie haben einmal einen Aufsatz darber geschrieben. Aber warum
trinken Sie denn nicht, Herr Doktor?! Julius, rasch noch ein Weinglas!

Sofort war #Dr.# Paupersum wieder ganz Gelehrter.

Die Ambraser Riesen, erzhlte er trocken, waren migestaltete Menschen
mit ungeheuern Hnden und Fen, und ihr Vorkommen beschrnkte sich
ausschlielich auf das Tiroler Dorf Ambras, was zu der Vermutung Anla
gab, es msse sich dabei um eine seltene Krankheitsform handeln, deren
Erreger an Ort und Stelle zu suchen sei, da er anderwrts offenbar keinen
Nhrboden finden knne. Ich aber war der allererste, der nachgewiesen hat,
da der gewisse Krankheitserreger im Wasser einer dortigen, inzwischen
nahezu versiegten Quelle zu suchen ist, und gewisse Versuche, die ich in
dieser Richtung machte, berechtigten mich, den Beweis an mir selbst in
der Weise anzubieten, da ich mich anheischig machen kann, ntigenfalls
bereits in wenigen Monaten -- trotz meines vorgeschrittenen Alters -- an
meinem eigenen Krper derartige und noch weit darber hinausgehende
Miwachserscheinungen herbeizufhren.

Welcher Art zum Beispiel? fragte der Impresario gespannt.

Meine Nase wrde sich fraglos um eine Spanne ins Rsselartige verlngern
-- etwa in der Form, die dem amerikanischen Wasserschwein eigentmlich
ist, die Ohren wrden sich zu Tellergre auswachsen, meine Hnde htten
sicherlich schon nach einem Vierteljahr das Ausma eines mittleren
Palmenblattes (#Lodoicea Sechellarum#) erreicht, wohingegen meine Fe
leider die Dimensionen eines 100-Liter-Fadeckels schwerlich bertreffen
wrden. Was ferner die immerhin zu erhoffende knollenartige Wucherung der
Knie nach Art des mitteleuropischen Baumschwammes anbelangt, sind meine
theoretischen Berechnungen noch nicht abgeschlossen, so da ich eine
wissenschaftliche Garantie nur mit Vorbehalt bernehmen----

Das gengt! Sie sind mein Mann! fiel der Impresario atemlos ein. Bitte,
unterbrechen Sie mich nicht. -- Kurz und gut: Sind Sie willens, das
Experiment an sich zu machen, wenn ich Ihnen ein jhrliches Einkommen von
einer halben Million garantiere und einen Vorschu von ein paar tausend
Mark -- sagen wir -- na, sagen wir: fnfhundert Mark erlege?

#Dr.# Paupersum war wie betubt. Er schlo die Augen. Fnfhundert Mark! --
Ja, gab's denn berhaupt so viel Geld auf der Welt!

Ein paar Minuten lang sah er sich bereits in ein vorsintflutliches Ungetm
mit langem Rssel verwandelt, hrte im Geiste einen Neger, grell als
Jahrmarktsbudenausrufer gekleidet, in eine bierschwitzende Menge
hinabkreischen: Nurr herreinspaziert, meine Herrschaften, -- das grte
Scheusal des Jahrhunderts fr lump'je zehn Fenn'je! -- -- Dann aber sah
er seine liebe, liebe Tochter voll blhender Gesundheit, in weie Seide
reich gekleidet, mit dem Myrtenkranz als Braut vor dem Altare selig knien
-- und die ganze Kirche war strahlend erhellt -- und von dem
Muttergottesbild ging ein Glanz aus -- und -- und -- einen Augenblick
krampfte sich ihm wohl das Herz zusammen: er selbst mute sich hinter
einem Pfeiler verborgen halten, er durfte seine Tochter ja nie mehr
kssen, sich nicht einmal von weitem sehen lassen, um ihr seinen Segen
zuzuwinken, -- er, er, das grauenhafteste Monstrum der Erde! Denn er htte
doch sonst den Brutigam verscheucht! Und er wrde fortan in der Dmmerung
leben mssen, wie ein lichtscheues Tier, sich bei Tag sorgfltig verborgen
halten, -- aber was lag an all dem! Plunder! Kleinigkeiten! Wenn nur seine
Tochter wieder gesund werden kann! Und glcklich! Und reich! -- Eine
stumme Verzckung kam ber ihn. -- Fnfhundert Mark! Fnf -- hundert --
Mark!----

Der Impresario, der das lange Schweigen des Gelehrten als
Unentschlossenheit deutete, fing an, seine ganze berredungskunst
aufzubieten: Herr Doktor! So hren Sie doch! Sie treten ja Ihr Glck mit
Fen, wenn Sie 'nein' sagen! Ihr ganzes Leben war bisher verfehlt. Und
warum? Sie haben Ihren Verstand vollgepfropft mit lauter Lernen. Lernen
ist doch Bldsinn. Schauen Sie mich an: hab' ich vielleicht was gelernt?
Das Lernen knnen sich Leute leisten, die wo von Haus aus schon reich sind
-- und die haben's dann eigentlich erst recht net ntig. -- Der Mensch mu
demtig sein und -- dumm, sozusagen, dann hat ihn die Natur gern. Die
Natur ist doch auch dumm. Haben Sie schon einmal g'sehn, da ein dummer
Mensch zugrund' 'gangen is? -- Sie htten von Anfang an die Talente
dankbar entwickeln sollen, die Ihnen das Schicksal als Geschenk in die
Wiege gelegt hat. Oder haben Sie sich 'leicht noch nie in den Spiegel
geschaut? Wer so aussieht wie Sie, selbst jetzt, wo Sie noch kein Ambraser
Trinkwasser eing'nommen haben, htt' sich schon lngst als Clown eine
solide Existenz grnden knnen, -- Gott, die Fingerzeige der gtigen
Mutter Natur sind doch so blitzeinfach zu verstehen. Oder frchten Sie
sich 'leicht, als Monstrositt keine Ansprache zu haben? Ich kann Ihnen
nur sagen, ich hab' schon ein stattliches Angsambel beisammen. Und lauter
Leute aus den besten Kreisen. -- Da hab' ich zum Beispiel einen alten
Herrn, der wo ohne Arme und Beine geboren worden ist. Den fhr' ich
demnchst Ihrer Majestt der Knigin von Italien als belgischen Sugling
vor, den die deutschen Generle verstmmelt haben.

#Dr.# Paupersum hatte nur die letzten Worte klar erfat. Was reden Sie
da fr Zeug zusammen? fuhr er unwirsch auf. Erst sagen Sie, der Krppel
sei ein alter Herr, und dann wollen Sie ihn als belgischen Sugling
vorstellen!

Das erhht doch gerade den Reiz! widersprach der Impresario; ich
behaupte ganz einfach, er sei so rapid gealtert -- aus Gram, weil er hat
zuschauen mssen, wie ein preuischer Ulan seine Mutter bei lebendigem
Leib aufgefressen hat.

Der Gelehrte wurde unsicher; die Schlagfertigkeit des andern war zu
verblffend. Na gut, meinetwegen. Aber sagen Sie mir vor allem: Wie
gedenken Sie mich zur Schau zu stellen, bis ich erst einen Rssel habe,
Fe wie ein Fadeckel und so weiter?

Blitzeinfach! -- Ich schmuggle Sie mit falschem Pa ber die Schweiz nach
Paris. Dort kommen Sie in einen Kfig, haben alle fnf Minuten zu brllen
wie ein Stier und dreimal tglich ein paar lebende Ringelnattern zu essen
(die Sache kriegen wir schon, es hrt sich nur ein bissel grausig an).
Abends ist dann Galavorstellung: ein Turko zeigt, wie er Sie in den
Urwldern Berlins mit dem Lasso eingefangen hat. Und drauen auf einem
Plakat steht: Dieses ist ein garantiert echter deutscher Professor (und
das ist doch die Wahrheit; zu einem Schwindel gebe ich meine Hand nicht
her), das erstemal lebend nach Frankreich gebracht! -- und so weiter.
brigens wird mein Freund d'Annunzio den Text gern verfassen, der findet
den richtigen poetischen Schwung schon.

Was aber, wenn inzwischen der Krieg beendet ist? gab der Gelegte zu
bedenken, wissen Sie, bei meinem Pech------

Der Impresario lchelte: Seien Sie unbesorgt, Herr Doktor; die Zeit, wo
ein Franzose nicht alles glaubt, was gegen die Deutschen spricht, kommt
nie. Auch in tausend Jahren nicht.---- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
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War das ein Erdbeben gewesen? Nein, -- nur der Pikkolo hatte seinen
Nachtdienst im Caf angetreten und als musikalisches Vorspiel ein
Kredenzblech mit Wasserglsern heruntergeschmissen.

#Dr.# Paupersum blickte verstrt umher. Die Gttin von ber Land und Meer
war verschwunden und statt ihrer hockte ein alter unverbesserter
Gewohnheits-Theaterkritiker auf dem Sofa, verri߫ im Geiste eine
Premiere, die nchste Woche stattfinden sollte, tupfte mit nassem
Zeigefinger ein paar Semmelbrsel vom Tisch, zernagte sie mit den
Vorderzhnen und schnitt Iltisgesichter dazu.

Allmhlich wurde sich #Dr.# Paupersum darber klar, da er selbst
sonderbarerweise mit dem Rcken gegen das Lokal sa -- vermutlich die
ganze Zeit ber so gesessen hatte -- und alles, was er mit dem Auge
erlebt, in dem groen Wandspiegel vor sich gesehen haben mute, denn sein
eigenes Gesicht starrte ihn jetzt nachdenklich an. -- Der Weltmann war
auch noch da, fra auch wirklich kalten Lachs -- mit dem Messer natrlich
--, aber er sa ganz drben im Winkel und nicht hier am Tisch.

Wie bin ich eigentlich ins Caf Stefanie gekommen? fragte sich der
Gelehrte.

Er konnte sich nicht entsinnen.

Dann legte er sich langsam zurecht: Es kommt von dem ewigen Hungern, und
wenn man andere Lachs essen sieht und Wein dazu trinken. Mein Ich hat sich
eine Weile gespalten. Alte Sache das und ganz natrlich; in solchen Fllen
sind wir mit einem Male wie Zuschauer im Theater und doch auch
gleichzeitig die Darsteller unten auf der Bhne. Und die Rollen, die wir
spielen, setzen sich zusammen aus dem, was wir einst gelesen und gehrt
und heimlich -- gehofft haben. Ja, ja, die Hoffnung ist ein grausamer
Dichter! Wir malen uns da Gesprche aus, die wir zu erleben glauben, sehen
uns Gebrden machen, bis die Auenwelt fadenscheinig wird und unsere
Umgebung zu anderen trgerischen Formen gerinnt. Selbst die Stze, die in
unserem Hirn geboren werden, denken wir nicht mehr wie sonst; sie sind mit
Phrasen und Begleitbemerkungen umhllt wie in einer Novelle. -- Ein
seltsames Ding, dieses Ich! Es fllt zuweilen auseinander wie ein Bndel
Ruten, von dem man die Schnur lst ... -- und wieder ertappte sich #Dr#.
Paupersum dabei, da seine Lippen murmelten: Wie bin ich eigentlich ins
Caf Stefanie gekommen?

Pltzlich zerri ein Jubelschrei in seinem Innern alles Grbeln: Ich habe
doch eine Mark gewonnen im Schachspiel. Eine ganze Mark! Jetzt ist ja
alles gut; mein Kind kann wieder gesund werden. Rasch eine Flasche roten
Wein, und Milch, und------.

In wilder Aufregung durchwhlte er seine Taschen, da fiel sein Blick auf
den Trauerflor, den er am rmel trug, und mit einem Schlage stand die
nackte entsetzliche Wirklichkeit vor ihm: seine Tochter war doch gestern
nacht gestorben!

Er griff mit beiden Hnden nach seinen Schlfen -- -- ja, ge--stor--ben.
Jetzt wute er auch, wieso er ins Caf gekommen war -- vom Friedhof, vom
Begrbnis. Am Nachmittag hatten sie sie doch bestattet. Eilig,
teilnahmslos, verdrossen. Weil es so geregnet hatte.

Und dann war er durch die Straen geirrt, stundenlang, hatte die Zhne
zusammengebissen und krampfhaft auf das Klappen seiner Abstze gehorcht
und dabei gezhlt, immer gezhlt und gezhlt von eins bis hundert und
wieder von vorn, um nicht wahnsinnig zu werden vor Furcht, seine Schritte
knnten ihn gegen seinen Willen nach Hause fhren in sein kahles Zimmer
mit dem rmlichen Bett, in dem sie gestorben, und das jetzt -- leer war.
Irgendwie mute er dann hier gelandet sein. Irgendwie.

Er hielt sich am Tischrand, um nicht zusammenzubrechen. Abgerissen und
unvermittelt zog es durch sein Gelehrtenhirn: Hm, ja, ich htte -- ich
htte ihr durch Transfusion Blut aus meinen Adern berleiten sollen; --
Blut berleiten sollen -- -- wiederholte er ein paarmal mechanisch; da
schreckte ihn ein Gedanke auf: Ich kann mein Kind doch nicht allein
lassen -- drauen in der nassen Nacht, wollte er aufschreien, aber es kam
nur ein leises Winseln aus seiner Brust. --------------

Rosen, ein Strau Rosen war ihr letzter Wunsch gewesen, scheuchte es ihn
nochmals auf -- -- -- so kann ich ihr doch wenigstens einen Strau Rosen
kaufen, ich habe ja eine Mark im Schachspiel gewonnen, -- er whlte
wieder in seinen Taschen und eilte hinaus, ohne Hut in die Dunkelheit,
einem letzten winzigen Irrlicht nach.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Am nchsten Morgen fanden sie ihn auf dem Grab seiner Tochter. Tot. Die
Hnde tief in die Erde gewhlt. Er hatte sich die Pulsadern
durchschnitten, und sein Blut war hinabgesickert zu der, die da unten
schlief.

Auf seinem weien Gesicht aber lag ein Glanz jenes stolzen Friedens, den
keine Hoffnung mehr stren kann.




Amadeus Kndlseder

Der unverbesserliche Lmmergeier


Kndlseder, schleich dich! hatte der bayerische Steinadler Andreas
Humplmeier gesagt und das Fleischstck, das des Wrters spendende Hand
durchs Gitter gesteckt, brsk an sich gerissen.

Sauviech, verfluachts, schimpfte, vor Wut auer sich, der hochbetagte,
in der langen Gefangenschaft bereits kurzsichtig gewordene Lmmergeier --
denn dies war der solchergestalt auf geringschtzige Weise Angeredete,
flog auf eine Stange und spuckte dnn nach seinem Widersacher.

Doch Humplmeier lie sich nicht beirren; den Kopf in die schtzende Ecke
gesteckt, verzehrte er das Fleisch, hob nur verchtlich die Schwanzfedern
und hhnte: Geh her! Kriagst a Watschn.

Es war nun schon das drittemal, da Amadeus Kndlseder um sein Abendessen
kam!

Das geht nicht lnger so weiter, brummte er und schlo die Augen, um
das unverschmte Grinsen des Marabus nebenan im Kfig nicht zu sehen, der
regungslos im Winkel sa und angeblich Gott dankte, -- eine
Beschftigung, der er als heiliger Vogel rastlos obliegen zu mssen
glaubte, das geht nicht lnger so weiter.

Kndlseder lie die Ereignisse der verflossenen Wochen im Geiste an sich
vorberziehen: anfangs, nun ja, da hatte er selbst oft ber des
Steinadlers urwchsige Art lcheln mssen; besonders bei einer
Gelegenheit: in den anstoenden Raum waren damals zwei engbrstige,
hochmtige Gesellen -- stelzbeinig wie Strche -- gebracht worden, und der
Steinadler hatte ausgerufen: Ja, was wr denn jetzt ds? Was seid's denn
s fr welche?

Wir sind Jungfernkraniche, war die Antwort gewesen.

Wer's glaubt, hatte der Steinadler zur allgemeinen Heiterkeit gesagt,
aber gar bald kehrte sich die Spottlust des rden Burschen auch gegen ihn:
So zum Beispiel besprach er sich heimlich einmal mit einem Raben, der bis
dahin ein sehr umgnglicher Kollege gewesen, und sie entwendeten einer
unvorsichtigerweise zu nahe am Gitter vorbeifahrenden Kindsfrau aus deren
Suglingswagen einen roten Gummischlauch. Dann legten sie den Schlauch in
die Fremulde, und der Steinadler hatte mit dem Daumen hingedeutet und
gesagt: Amatus, da hast du eine Wurscht. Und er -- er, der bislang
einstimmig als die Zierde des Zoologischen Gartens gegolten, der
hochgeehrte knigliche Lmmergeier Kndlseder! -- hatte es geglaubt, war
mit dem Schlauch auf die Stange geflogen, hatte ihn zwischen die Fnge
genommen und mit dem Schnabel daran gezogen und gezogen, bis er selbst
schon ganz lang und dnn geworden und dann war das elastische Zeug
pltzlich gerissen und er nach hinten heruntergefallen, wobei er sich den
Hals scheulich verrenkte. Unwillkrlich befhlte Kndlseder die noch
immer schmerzende Stelle. Wieder schttelte ihn ein Wutausbruch, aber er
bezwang sich rasch, um dem Marabu keinen Anla zur Schadenfreude zu geben.
Er warf einen raschen Blick hinunter: nein, zum Glck hatte der ekelhafte
Kerl nichts bemerkt -- er sa im Winkel und dankte Gott.--

Heute nacht wird entflohen, beschlo der Lmmergeier nach lngerem Hin-
und Hergrbeln endlich bei sich; besser die Freiheit mit ihren Sorgen ums
Dasein, als mit diesen Unwrdigen auch nur einen Tag noch beisammen sein!
-- Ein kurzer Versuch zeigte ihm, da die Klappe -- oben im Kfig am
Scharnier durchgerostet -- noch immer leicht zu ffnen war, ein Geheimnis,
um das er seit geraumer Zeit schon wute.

Er zog seine Taschenuhr zu Rate: Neun Uhr! Also mute es bald finster
werden!

Er wartete noch eine Stunde und packte dann geruschlos seinen Handkoffer.
Ein Nachthemd, drei Taschentcher (er hielt sie ans Auge: mit A. K.
gemerkt?, ja, es waren die seinigen), sein abgegriffenes Gesangbuch mit
dem vierblttrigen Kleeblatt drin und dann -- eine Trne der Wehmut
feuchtete seine Lider -- das alte liebe Bruchband, das, bunt als
Brillenschlange bemalt, ihm einst Mtterlein zum Osterfeste kurz bevor er
von Menschenhand aus dem Neste genommen worden, zum Spielen geschenkt
hatte. So, das war alles. Zugesperrt und den Kofferschlssel im Kropfe
geborgen.

Eigentlich sollte ich mir, berlegte Kndlseder, noch vom Herrn
Vorstand ein Leuschnabelzeugnis ausstellen lassen! Man kann nie wissen --
--; aber er verwarf den Gedanken; nicht mit Unrecht sagte er sich, die
Direktion des Zoologischen Gartens knnte trotz ihrer sprichwrtlichen
Harmlosigkeit seiner Abreise mibilligend gegenberstehen. Nein, lieber
noch ein Stndchen schlafen.

Schon wollte er den Kopf unter den Flgel stecken, da schreckte ihn ein
Klappern auf. Er horchte. Es war nichts weiter von Bedeutung: der Marabu,
der insgeheim dem Hazard frhnte, spielte bei Mondenschein unter dem
Schutze der Nacht, grad ungrad auf Ehrenwort mit sich selber. Und das
machte er so: er schluckte einen Haufen Kieselsteine und spuckte sie zum
Teil wieder aus; war die Zahl ungrad, hatte er gewonnen. Eine Weile sah
der Lmmergeier zu und freute sich mordsmig, da der Marabu unausgesetzt
verlor, bis wiederum ein Gerusch, -- diesmal aus dem knstlichen
Zementbaum, der das Innere des Kfigs verschnte, kommend -- seine
Aufmerksamkeit anderweitig in Anspruch nahm. Es war eine Flsterstimme,
die ihm zuraunte: Pst, pst, Herr Kndlseder!

Ja, was gibts? antwortete der Lmmergeier ebenso leise und flog lautlos
von seiner Stange herab.

Es war ein Igel, der ihn angeredet hatte, zwar auch ein gebrtiger Bayer,
aber im Gegensatz zu dem widerwrtigen Steinadler ein schlichter biederer
Charakter und rohen Spen von Grund aus abhold.

Sie wollen entfliehen, begann der Igel und wies mit dem Kopf nach dem
gepackten Handkoffer. Einen Augenblick berlegte der Lmmergeier, ob er
dem Sprecher sicherheitshalber nicht den Kragen umdrehen sollte, aber der
offene ehrliche Blick des Wackern entwaffnete ihn. Kennen S' Ihna denn
aber auch in der Gegend bei Mnchen aus, Herr Kndlseder?

Nein, gab der Lmmergeier betroffen zu.

No, so seg'n S'. Da kann i Ihna rat'n. Also zerscht, bal S' aua kemman:
links ums Eck umi; nacher halten S' Eahna rechterhand. Na seg'n S' scho
selber. Und nacher -- der Igel machte eine Pause, schttelte sich aus
seinem Schmalzlerglas eine Prise Tabak auf die Daumengrube und schnupfte
sie zischend auf -- und nacher pfeilgrad fri, bis S' zu aner Oasn kemman
-- Daglfing hoat mer's, na' mass'n S' weiterfrag'n. Und viel Glck auf
d' Reis', Herr Nachbar, schlo der Igel und verschwand.

                        *       *       *

Alles war gut gegangen. Noch vor Tagesgrauen hatte Amadeus Kndlseder
vorsichtig die Gitterklappe geffnet, schnell das Edelweihtlein und die
gestickten Hosentrger Humplmeiers, des Steinadlers, der auf seiner Stange
wie eine Brettsge schnarchte, mit seinen eignen abgetragenen vertauscht
und sich, das Kfferchen in der Linken, in die Lfte geschwungen. Wohl war
bei dem Gerusch der Marabu aus dem Schlummer erwacht, aber ohne etwas zu
bemerken, denn er hatte sich sofort, noch schlaftrunken, in den Winkel
gestellt und dankte Gott.

Eine Flachheit ist das! brummte der Lmmergeier beim Anblick der
trumenden Stadt, wie er durchs rosige Dmmerlicht nach Sden flog, und
so was nennt sich Kunstmetropole!

Bald war das liebliche Daglfing erreicht, und Amadeus Kndlseder lie sich
herab, um, von der ungewohnten Anstrengung erhitzt, eine Ma Bier kuflich
an sich zu bringen.

Gemchlich schlenderte er durch die ausgestorbenen Gassen. Doch weit und
breit kein Ausschank, der so frh schon offen gewesen wre. Ein einziger
Laden nur, der eine Ausnahme machte: die Handlung von Barbara
Mutschelknaus.

Eine Weile musterte der Lmmergeier die bunte Auslage, dann scho ihm ein
Gedanke durch den Kopf. Entschlossen drckte er auf die Klinke.

                        *       *       *

Schon in der Nacht hatte ihn die Sorge geqult, womit er wohl in der
Freiheit sein Dasein fristen sollte. Beute erjagen? Bei _meiner_
Kurzsichtigkeit? hatte er sich gefragt.

Hm. Oder eine kleine Guanofabrik errichten? Dazu gehrt in erster Linie
Essen, und zwar viel, sehr viel Essen; #ex nihilo nihil fit#; -- doch jetzt
mit einem Male erffnete sich ihm ein neuer Plan. Er betrat den Laden.

Teifi, was is denn jetzt ds fr a scheilichs Viech! kreischte die alte
Frau Mutschelknaus beim Anblick des sonderbaren frhen Kunden auf; doch
gar bald besnftigte sie sich, als Amadeus Kndlseder ihr freundlich die
Wangen ttschelte und in wohlgesetzter Rede zu verstehen gab, er gedenke
behufs Vervollstndigung seiner Reisetoilette umfangreiche Einkufe zu
machen, wofr hauptschlich farbige Krawatten aller Arten und Formen in
Betracht kmen.

Durch das joviale Benehmen des Lmmergeiers bestrickt, trmte die Alte
denn auch in Windeseile ganze Berge der prchtigsten Halsbinden auf den
Ladentisch.

Und alles nahm der gn Herr ohne zu feilschen und lie es in eine groe
Pappschachtel packen. Nur einen feuerroten Schlips whlte er selbst aus
mit dem Ersuchen, ihn an seinem langen kahlen Hals zu befestigen, dabei
mit sengendem Blick verfhrerisch das Liedchen trllernd:

     Ein heier Ku von deinem Rosenmund
     erinnert mich
     an jenes Morgenrot, hurra;
     hurra, hurra!

No, die steht Eahna, rief die Alte selig, als die Krawatte endlich
richtig sa, und ausschaugn tuan S' (wie ein Schnallentreiber, htte sie
beinahe gesagt) -- wie ein leibhaftiger Baron.

So, nun noch ein Glas Wasser, liebe Frau, wenn ich bitten darf, fltete
der Lmmergeier.

Dienstbeflissen eilte die Betrte in die rckwrtigen Gefilde des Hauses;
doch kaum war sie dem Blick entschwunden, ergriff Amadeus Kndlseder die
Pappschachtel, strmte ohne zu zahlen aus dem Laden und schwebte in der
nchsten Minute dem klaren Himmelszelt zu. Wohl gellte alsbald eine Flut
von Verwnschungen seitens der geschdigten Handelsfrau in die Luft, doch
ohne jeglichen Gewissensbi -- im linken Fang den Handkoffer, rechts die
gefllte Pappschachtel -- gaukelte der Ruchlose frba durch den blauen
ther.

Erst spt am Nachmittage -- die scheidenden Strahlen des zur Rste
gehenden Sonnenballes schickten sich bereits an, die roterglhenden
Alpengipfel zu kssen -- lenkte er seinen Flug erdwrts. Der balsamische
Duft der heimatlichen Bergwelt umfchelte kosend sein Antlitz und trunken
schwelgte das Auge in kstlichem Fernblick.

Melodisch klang aus grnenden Triften der schwermtige Gesang der
Hirtenknaben empor zum schwindelnden Firn, gar lieblich durchflochten von
dem Silberschall der heimziehenden Herden. Von dem richtigen Instinkt des
Sohnes der Lfte geleitet, erkannte Amadeus Kndlseder gar bald zu seiner
Freude, da ein gnstiges Schicksal wohlwollend seine Schwingen gelenkt
und ihn in die Nhe eines wohlhabenden Murmeltierstdtchens gefhrt hatte.

Wohl suchten die Bewohner sofort bei seinem Erscheinen den schtzenden
Herd auf und schlossen die Tren, aber rasch legte sich ihre Furcht, als
sie sahen, da Kndlseder einem greisen Hamster, der in der Ortschaft ein
Getreidegeschft leitete und nimmer schnell genug hatte fliehen knnen,
nicht nur kein Haar krmmte, vielmehr ehrerbietig vor ihm den Hut zog, um
Feuer bat und sich nach einer Herberge erkundigte.

Sie sind gewi kein Hiesiger, nach dem Dialekt zu schlieen?, fragte er,
leutselig ein lngeres Gesprch anknpfend, als ihm der Hamster, vor
Zittern kaum der Rede fhig, die gewnschte Auskunft erteilt hatte.

Nein, nein, stotterte der alte Herr.

Wohl aus dem Sden?

Nein. Aus -- aus Prag.

Demnach mosaischen Glaubensbekenntnisses, wie? forschte Amadeus
Kndlseder und drckte lchelnd ein Auge zu.

Ich? I -- ich? Was denken Sie von mir, Herr Lmmergeier! leugnete der
Hamster in seiner Angst, mglicherweise einen Russen vor sich zu haben,
drauflos. Ich mosaisch? Im Gegenteil, ich war doch zehn Jahr lang
Schabbesgoj bei einer zwar jdischen, aber armen Familie!

Nachdem der Lmmergeier sich noch eingehend ber alles Mgliche erkundigt
und insbesondere seiner hohen Freude Ausdruck verliehen, da es im
Stdtchen keinerlei wie immer geartete Nachtlokale gab, entlie er den
rmsten, der von bestndiger Furcht inzwischen beinahe den Veitstanz
bekommen htte, und begab sich auf die Suche nach einer Wohnung.

Das Glck lchelte ihm, und noch ehe die Nacht hereinbrach, war es ihm
gelungen, auf dem Marktplatz einen schmucken Laden mit anstoender Kammer
sowie Nebenrumen, die alle ihre eigenen Ausgnge hatten, zu mieten.

                        *       *       *

Friedlich flossen Tage und Wochen dahin, die Brgerschaft hatte ihre
Besorgnisse lngst fahren lassen, und frhliches Gemurmel belebte wiederum
von frh bis spt die Straen.

Fein suberlich mit Rundschrift auf ein Brett geschrieben stand ber dem
neuen Laden zu lesen:

     Krawattengeschft in allen Farben,
     ausgebt
     von
     Amadeus Kndlseder.
     (Braune Rabattmarken.)

und gaffend staute sich die Menge vor den ausgestellten Herrlichkeiten.

Frher, wenn die Wildenten -- protzig, da ihnen die Natur so schne
grnschillernde Halsbinden geschenkt -- in Schwrmen vorbergezogen kamen,
hatte jedesmal Verstimmung und Bitterkeit im Orte geherrscht -- wie anders
war das jetzt geworden! Wer halbwegs auf Rang und Ansehen hielt, besa
einen Schlips von primissima Qualitt, aber noch viel, viel greller. Da
gab's rote und blaue, dieser trug einen gelben, jener einen gewrfelten,
und gar der Herr Brgermeister, der hatte einen so langen, da er sich
beim Gehen bestndig mit den Vorderpfoten dreinverwickelte.

Die Firma Amadeus Kndlseder war in aller Munde, und der Inhaber galt als
Vorbild fr smtliche Untertanentugenden. Sparsam, fleiig, erwerbsfreudig
und mig (er trank blo Limonade).

Tagsber bediente er vorn im Laden die Kundschaft: nur zuweilen fhrte er
besonders whlerische Kufer in das rckwrtige Zimmer, wo er dann
auffallend lang zu verweilen pflegte, wahrscheinlich um Eintragungen im
Hauptbuch vorzunehmen; wenigstens hrte man ihn in solchen Fllen oft und
laut rlpsen -- bei Kaufleuten seiner Branche stets ein Zeichen
angestrengter, geistiger Ttigkeit.

Da der betreffende Kufer das Geschft niemals wieder durch das vordere
Lokal verlie, war nicht weiter befremdlich. Gab es doch so viele
rckwrtige Ausgnge!

In den Stunden nach Feierabend liebte es Amadeus Kndlseder, auf einem
steilen Schroffen zu sitzen und schwrmerische Weisen auf der Schalmei zu
blasen, bis er die heimlich Angebetete seines Herzens -- ein ltliches
Gemsenfrulein mit Hornbrille und schottischem Plaid -- auf dem schmalen
Felsenbande gegenber einhertrippeln sah. Dann grte er stumm und
ehrerbietig. Und sie dankte mit zchtigem Neigen des Kpfchens. Man
munkelte bereits, die beiden wrden ein Paar werden, und alle, die um die
zarten Beziehungen wuten, konnten sich nicht genugtun in Ausrufen der
Bewunderung, wie erfreulich es doch sei, die segensreiche Wirkung
gesitteten Lebenswandels selbst bei einem erblich so schwer belasteten
Individuum, wie es ein Lmmergeier naturgem sein mute, mit eigenen
Augen ansehen zu drfen.

Da trotzdem keine rechte Freude unter den Bewohnern des
Murmeltierstdtchens einziehen wollte, war lediglich dem ebenso
befremdenden wie betrblichen Umstande zuzuschreiben, da die Zahl der
Brgerschaft auf erschreckende Weise und ohne ersichtlichen Grund abnahm,
sozusagen von Woche zu Woche abnahm. Fast keine Stunde verging, ohne da
nicht irgendein Familienmitglied als vermit gemeldet wurde. Man riet
auf dies, man riet auf jenes, man wartete -- aber niemals kehrte eines der
Verschollenen jemals wieder.

Eines Tages fehlte sogar -- das Gemsenfrulein! Man fand ihr
Riechflschchen auf dem Felsenbande; sie selbst mute infolge eines
Schwindelanfalles verunglckt sein.

Amadeus Kndlseders Schmerz kannte keine Grenzen.

Immer wieder und wieder strzte er sich mit ausgebreiteten Schwingen hinab
in den Abgrund -- wie er sagte, um die Leiche der Teuern zu suchen. Oder
er sa in der Zwischenzeit, einen Zahnstocher im Schnabel, unverwandt in
die Tiefe starrend am Rande der Schlucht.

Sein Krawattengeschft vernachlssigte er ganz und gar.------

Da, eines Nachts, enthllte sich Schreckliches! Der Besitzer des Hauses,
in dem der Lmmergeier wohnte, -- ein alter mrrischer Murmler, --
erschien auf der Polizei und verlangte die sofortige zwangsweise ffnung
des Ladens, sowie die Beschlagnahme der darin befindlichen Waren seines
Mieters, da er nicht lnger gesonnen sei, auf Zahlung des schuldigen
Zinses zu warten.

Hm! Seltsam. Herr Kndlseder sollte die Miete nicht gezahlt haben? --
der Beamte mochte es gar nicht glauben -- und ob Herr Kndlseder denn
nicht zu Hause sei? Man brauche ihn doch nur zu wecken!

Der, und zu Hause? -- der alte Murmler lachte schrill auf -- der? Der
kommt doch nie vor fnf Uhr frh heim und dann jedesmal schwer besoffen!

So?! Besoffen?! -- der Beamte gab seine Befehle.

Der erste Morgenschein zog bereits herauf, und noch immer arbeiteten die
Schergen schweitriefend an dem schweren Vorhngschlo, das den
rckwrtigen Teil des Krawattenladens versperrte.

Eine aufgeregte Menge flutete auf dem Marktplatz hin und her.

Schuldbare Krida! -- Nein: Wechselreiterei, lief es von Schnauze zu
Schnauze.

Tj, schuldbare Krida! -- Ihnen gesaaagt! Tj. Ich versteh immer:
schuldbare Krida? hhnte gestikulierend der greise Hamster, der sich
ebenfalls eingefunden hatte, dazwischen; -- es war das erstemal seit jenem
schreckhaften Zusammentreffen mit Kndlsedern, da er sich wieder in der
ffentlichkeit zeigte.

Die allgemeine Unruhe wuchs und wuchs.

Selbst die feinen Murmeltierdmchen, die, in kostbare Pelze gehllt, nach
Hause fuhren von Lustbarkeit und Mummenschanz, lieen halten, reckten die
Hlschen und fragten, was es gbe.

Pltzlich ein Krachen: die Tre war dem Drucke gewichen. Grauenvoll, was
sich da den Blicken bot!

Ein bestialischer Gestank entstrmte der geffneten Kammer, und wohin sich
das Auge wandte: ausgespienes Gewll, fast bis zur Decke hinauf abgenagte
Knochen, Gebein auf den Tischen, Gebein auf den Regalen, selbst in den
Schubladen und im Geldschrank: Gebein und Gebein.

Entsetzen lhmte die Menge; jetzt war mit einem Schlage klar, wohin alle
die Vermiten gekommen waren. Kndlseder hatte sie gefressen und ihnen die
verkaufte Ware wieder abgenommen -- ein zweiter Juwelier Cardillac im
Roman des Fruleins von Scuderi!

Nu, was i i -- is mit der schuldbaren Krida? Waas? hhnte schon wieder
der Hamster. Man umringte ihn und staunte ihn an, da er so klug gewesen
und sich und seine Familie ferngehalten hatte von dem Verkehr mit dem
tckischen Mordbuben.

Wie konnte es nur sein, Herr Kommerzienrat, riefen alle durcheinander,
da Sie allein ihm mitrauten? Man _mute_ doch annehmen, er habe sich
gebessert und------

 Lmmergeier und sich bessern?! rief hhnisch der Hamster, drckte die
Fingerspitzen zusammen, als hielte er eine Prise Salz darin und bewegte
sie vor den Augen seiner Zuhrer ausdrucksvoll hin und her: was mol 
Lmmergeier is, is  Lmmergeier und bleibt  Lmmergeier und wird 
Lmmergeier bleiben, bis -- -- er kam nicht weiter: laute menschliche
Stimmen nherten sich. Touristen!

Im Nu waren smtliche Murmeltiere verschwunden.

Er auch.

Herrlich! Zckend! So'n Sonnenaufgang! Achch! schrillte die eine
Menschenstimme. Sie gehrte einer spitznasigen, idealgesinnten Jungfrau
an, die gleich darauf, an ihren Bergstock geschmiegt, das Hochplateau
betrat, den Busen wogend, so gut es gehen wollte, und die treuherzigen
Augen rund und offen wie Spiegeleier. Nur nicht so gelb! (Sondern
veilchenblau): achch! Nu, im Angesicht der 'zckenden Natua -- wo allens
so schn ist -- drfen Se auch nich mehr sagen, Herr Klempke, was Se unten
im Tale wah das italien'sche Volk gesacht haben. Sie werden sehen, wenn
der Kriech ma' vorwer ist, werden die Italienah die ersten sein, die
komm' und uns die Hand hinstrecken und sagen:

'Liewes Deutschland, verzeih uns, awa wir haben uns -- gebessert.'




J. H. Obereits Besuch bei den Zeit-egeln


Mein Grovater liegt auf dem Friedhof des weltvergessenen Stdtchens
Runkel zur ewigen Ruhe bestattet. Auf einem dicht mit grnem Moos
bewachsenen Grabstein stehen unter der verwitterten Jahreszahl, in ein
Kreuz gefat und so frisch im Golde glnzend, als seien sie erst gestern
gemeielt worden, die Buchstaben:

     V | I
     --+--
     V | O

#Vivo# das heit: ich lebe, bedeute das Wort, sagte man mir, als ich
noch ein Knabe war und das erstemal die Inschrift las, und es hat sich mir
so tief in die Seele geprgt, als htte es der Tote selbst aus der Erde zu
mir empor gerufen.

#Vivo# -- ich lebe, -- ein seltsamer Wahlspruch fr ein Grabmal!

Er klingt heute noch in mir wider, und wenn ich daran denke, wird mir wie
einst, als ich davor stand: ich sehe im Geist meinen Grovater, den ich
doch niemals im Leben gekannt, da unten liegen, unversehrt, die Hnde
gefaltet und die Augen, klar und durchsichtig wie Glas, weit offen und
unbeweglich. Wie einer, der mitten im Reiche des Moders unverweslich
zurckgeblieben ist und still und geduldig wartet auf die Auferstehung.

Ich habe die Friedhfe so mancher Stadt besucht: immer war es ein leiser,
mir unerklrlicher Wunsch, auf einem Grabstein wieder dasselbe Wort zu
lesen, der meine Schritte lenkte, aber nur zweimal fand ich dieses #vivo#
wieder, -- einmal in Danzig, und einmal in Nrnberg. In beiden Fllen
waren die Namen ausgetilgt vom Finger der Zeit; in beiden Fllen leuchtete
das #vivo# hell und frisch, als sei es selber voll des Lebens.

Von jeher nahm ich als erwiesen hin, da, wie man mir schon als Kind
gesagt, mein Grovater keine Zeile von seiner Hand hinterlassen habe, um
so mehr erregte es mich, als ich vor nicht langer Zeit in einem
versteckten Fache meines Schreibtisches, unseres alten Erbstckes, auf
ein ganzes Bndel Aufzeichnungen stie, die offenkundig von ihm
geschrieben waren.

Sie lagen in einer Mappe, auf der der sonderbare Satz zu lesen stand: Wie
will der Mensch dem Tod entrinnen, es sei denn, da er nicht warte noch
hoffe. Sofort flammte das Wort #Vivo# in mir auf, das mich mein ganzes
Leben hindurch wie ein lichter Schein begleitet hatte und nur weilenweis
schlafen gegangen war, um, bald in Trumen, bald in Wachen, ohne ueren
Anla, wieder und wieder neu in mir zu werden. Wenn ich zuzeiten geglaubt,
es knne Zufall gewesen sein, da jenes vivo auf den Grabstein kam, --
eine Inschrift, der Wahl des Pfarrers berlassen, -- so wurde mir, als ich
den Sinnspruch auf dem Buchdeckel gelesen, zu voller Gewiheit, es msse
sich dabei um eine tiefere Bedeutung handeln, um etwas, was vielleicht das
ganze Dasein meines Grovaters erfllt hatte.

Und was ich weiter las -- in seinem Nachla -- bestrkte mich in meiner
Ansicht von Seite zu Seite.

Es stand zu viel von privaten Beziehungen darin, als da ich es fremden
Ohren enthllen drfte, und so mag es gengen, da ich flchtig nur das
berhre, was zu meiner Bekanntschaft mit Johann Hermann Obereit fhrte und
mit dessen Besuch bei den Zeit-egeln im Zusammenhang steht.

Wie aus den Aufzeichnungen hervorging, gehrte mein Grovater der
Gesellschaft der Philadelphischen Brder an, ein Orden, der mit seinen
Wurzeln zurckreicht bis ins alte gypten und den sagenhaften Hermes
Trismegistos seinen Begrnder nennt. Auch die Griffe und Gesten, an
denen die Mitglieder einander erkannten, waren ausfhrlich erklrt. --
Sehr oft kam der Name Johann Hermann Obereit, eines Chemikers, der mit
meinem Grovater eng befreundet gewesen schien und in Runkel gelebt haben
mute, vor, und da es mich interessierte, Nheres ber das Leben meines
Vorfahren und die dunkle weltabgewandte Philosophie, die aus jeder Zeile
seiner Briefe sprach, zu erfahren, beschlo ich nach Runkel zu reisen, um
dort zu erkunden, ob nicht vielleicht Nachkommen des erwhnten Obereit
existierten und eine Familienchronik vorhanden sei.--------------

Man kann sich nichts Traumhafteres denken als jenes winzige Stdtchen, das
wie ein vergessenes Stck Mittelalter mit seinen krummen, totenstillen
Gassen und dem grasdurchwachsenen buckligen Pflaster zu Fen des
Bergschlosses Runkelstein, dem Stammsitz der Frsten von Wied, unbekmmert
den gellenden Schrei der Zeit verschlft.

Schon am frhen Morgen zog es mich hinaus zu dem kleinen Friedhof, und
meine ganze Jugend wachte wieder auf, wie ich in dem strahlenden
Sonnenschein von einem Blumenhgel zum andern schritt und mechanisch die
Namen derer von den Kreuzen ablas, die dort unten schlummerten in ihren
Srgen.

Von weitem erkannte ich an der funkelnden Inschrift den Grabstein meines
Grovaters.

Ein alter Mann mit weiem Haar, bartlos, die Zge scharf geschnitten, sa
davor, den Elfenbeingriff seines Spazierstocks ans Kinn gedrckt, und
blickte mich mit merkwrdig lebhaften Augen an, wie jemand, bei dem die
hnlichkeit eines Gesichtes allerlei Erinnerungen weckt.

Altmodisch gekleidet, fast in Biedermeiertracht, mit Vatermrdern und
schwarzseidner breiter Halsbinde, sah er aus wie ein Ahnenbild aus lngst
vergangener Zeit.

Ich war ber seinen Anblick, der ganz und gar nicht in die Gegenwart
pate, dermaen erstaunt und hatte mich berdies so vergrbelt in all das,
was ich dem Nachla meines Grovaters entnommen, da ich, mir kaum bewut,
was ich tat, halblaut den Namen Obereit aussprach.

Ja, mein Name ist Johann Hermann Obereit, sagte der alte Herr, ohne sich
im geringsten zu wundern.

Mir verschlug es fast den Atem, und was ich im Verlauf des sich
entwickelnden Gesprches noch weiter erfuhr, war ebenfalls nicht danach
angetan, meine berraschung zu vermindern.

Es ist an sich kein alltglicher Eindruck, einen Menschen vor sich zu
haben, der nicht viel lter scheint, als man selbst ist, und doch
anderthalb Jahrhunderte gesehen hat: -- ich kam mir vor wie ein Jngling
trotz meiner schon weien Haare, als wir nebeneinander hergingen und er
mir von Napoleon und andern geschichtlichen Persnlichkeiten, die er
gekannt, erzhlte, wie man von Leuten spricht, die erst vor kurzem
gestorben sind.

In der Stadt gelte ich als mein eigener Enkel, sagte er lchelnd und
deutete auf einen Grabstein, an dem wir vorberkamen und der die
Jahreszahl 1798 trug, von Rechts wegen sollte ich hier begraben liegen;
ich habe das Todesdatum draufschreiben lassen, denn ich wnsche nicht, von
der Menge als moderner Methusalem angestaunt zu werden. Das Wort '#Vivo#'
fgte er bei, als habe er meine Gedanken erraten, kommt erst hinzu, wenn
ich wirklich tot bin.--

Wir schlossen bald enge Freundschaft, und er bestand darauf, da ich bei
ihm wohnte.

Wohl ein Monat war verflossen und oft saen wir bis tief in die Nacht in
angeregter Unterhaltung beisammen, aber immer lenkte er ab, wenn ich die
Frage stellte, was wohl der Satz auf der Mappe meines Grovaters: Wie
will einer dem Tod entrinnen, es sei denn, da er nicht warte noch
hoffe, bedeuten mge: eines Abends jedoch, -- der letzte, den wir
zusammen verbrachten (das Gesprch kam auf die alten Hexenprozesse, und
ich vertrat die Ansicht, es msse sich in solchen Fllen wohl nur um
hysterische Frauenzimmer gehandelt haben), -- unterbrach er mich
pltzlich: Sie glauben also nicht, da der Mensch seinen Krper verlassen
kann und, sagen wir mal, nach dem Blocksberg reisen?

Ich schttelte den Kopf.

Soll ich es Ihnen vormachen?, fragte er kurz und sah mich scharf an.

Ich gebe gerne zu, erklrte ich, da die sogenannten Hexen durch den
Gebrauch gewisser narkotischer Mittel in einen Zustand der Entrckung
gerieten und felsenfest glaubten, auf einem Besen durch die Luft zu
fliegen.

Er dachte eine Weile nach. Freilich, Sie werden immer sagen, auch ich
bilde es mir nur ein -- erwog er halblaut und versank wieder in
Nachsinnen. Dann stand er auf und holte vom Bcherbord ein Heft. Aber
vielleicht interessiert es Sie, was ich hier niedergeschrieben habe, als
ich vor Jahren das Experiment machte? Ich mu vorausschicken, ich war
damals noch jung und voller Hoffnungen -- ich sah an seinem versinkenden
Blick, da sein Geist zurckwanderte in ferne Zeiten -- und glaubte an
das, was die Menschen das Leben nennen, bis es dann Schlag auf Schlag kam:
ich verlor, was einem auf Erden lieb sein kann, mein Weib, meine Kinder,
-- alles. Da fhrte mich das Schicksal mit Ihrem Grovater zusammen und er
lehrte mich verstehen, was Wnsche sind, was Warten ist, was Hoffen ist,
wie sie miteinander verflochten sind, und wie man diesen Gespenstern die
Maske vom Gesicht reit. Wir haben sie die 'Zeit-egel' genannt, weil sie,
wie die Blutegel das Blut, uns die Zeit, den wahren Saft des Lebens, aus
dem Herzen saugen. Hier in diesem Zimmer war's, da lehrte er mich den
ersten Schritt auf den Weg tun, auf dem man den Tod besiegt und die Vipern
der Hoffnung zertritt. -- -- -- Und dann -- er stockte einen Augenblick
-- ja -- und dann bin ich geworden wie Holz, das nicht fhlt, ob man es
streichelt oder zersgt, ins Feuer oder ins Wasser wirft. Mein Inneres ist
leer seitdem; ich habe keinen Trost mehr gesucht. Habe keinen mehr
gebraucht. Wofr htte ich ihn suchen sollen? Ich wei: ich bin, und jetzt
erst lebe ich. Es liegt ein feiner Unterschied zwischen: 'ich lebe' und
'ich lebe'.

Sie sagen das alles so einfach, und es ist doch furchtbar! fiel ich
erschttert ein.

Es scheint nur so, beruhigte er mich lchelnd; es strmt ein
Glcksgefhl aus der Unbeweglichkeit des Herzens, das Sie sich nicht
trumen lassen. Es ist wie eine ewige se Melodie, dieses 'ich bin', die
nie mehr erlschen kann, wenn sie einmal geboren ist, -- weder im Schlaf,
noch, wenn die Auenwelt wieder aufwacht in unsern Sinnen, noch auch im
Tod.------ -- -- -- -- Soll ich Ihnen sagen, warum die Menschen so frh
sterben und nicht 1000 Jahre leben, wie's in der Bibel steht ber die
Patriarchen? Sie sind gleich den grnen Wassertrieben eines Baumes, -- sie
haben vergessen, da sie zum Stamme gehren, darum verwelken sie im ersten
Herbst. Doch ich wollte Ihnen erzhlen, wie ich das erstemal meinen Krper
verlie.

Es gibt eine uralte verborgene Lehre, so alt wie das Menschengeschlecht;
sie hat sich vererbt von Mund zu Ohr bis heutigentags, aber nur wenige
kennen sie. Sie zeigt uns die Mittel, die Schwelle des Todes zu
berschreiten, ohne das Bewutsein zu verlieren, und wem es gelingt, der
ist von da an Herr ber sich selbst: -- er hat ein neues Ich erworben und
was ihm bis dahin als 'Ich' erschienen, ist nur mehr ein Werkzeug, so wie
jetzt Hand oder Fu unsere Werkzeuge sind.

Herz und Atem stehen still wie bei einer Leiche, wenn der neuentdeckte
Geist auszieht, -- wenn wir 'wegwandern, wie die Israeliten von den
Fleischtpfen gyptens, und zu beiden Seiten die Wasser des Roten Meeres
stehen wie Mauern.' Lange und vielemal mute ich es ben unter namenlosen,
zermrbenden Qualen, bis es mir endlich gelang, mich vom Leibe loszulsen.
Anfangs fhlte ich mich schweben, so wie wir wohl im Traume zuweilen
glauben fliegen zu knnen, -- mit angezogenen Knien und ganz leicht, --
aber pltzlich trieb ich in einem schwarzen Strom dahin, der von Sden
nach Norden flo, -- wir nennen es in unserer Sprache das Aufwrtsflieen
des Jordan, -- und sein Brausen klang wie das Rauschen des Blutes im Ohr.
Viele aufgeregte Stimmen, deren Urheber ich nicht sehen konnte, schrien
mich an, ich solle umkehren, bis mich ein Zittern befiel und ich in
dumpfer Angst einer Klippe zuschwamm, die vor mir auftauchte. Im Mondlicht
sah ich ein Geschpf dortstehen, so gro wie ein halbwchsiges Kind, nackt
und ohne die Merkmale mnnlichen oder weiblichen Geschlechtes; es hatte
ein drittes Auge auf der Stirn wie der Polyphem und deutete regungslos in
das Innere des Landes.

Dann schritt ich durch ein Dickicht dahin auf einem glatten, weien Wege,
doch ich sprte den Boden mit meinen Fen nicht, und auch, wenn ich die
Bume und Strucher ringsum berhren wollte, konnte ich ihre Oberflche
nicht greifen: immer lag eine dnne Schicht Luft dazwischen, die sich
nicht durchdringen lie. Ein fahler Glanz wie von faulem Holz bedeckte
alles und machte das Sehen deutlich. Die Umrisse der Dinge, die ich
wahrnahm, schienen locker, molluskenartig aufgeweicht und wunderlich
vergrert. Junge federlose Vgel mit runden frechen Augen hockten feist
und gedunsen gleich Mastgnsen in einem riesigen Nest und kreischten auf
mich herab; eine Rehkitz, kaum noch fhig zu laufen und doch schon so gro
wie ein vllig entwickeltes Tier, sa trge im Moos und drehte, fett wie
ein Mops, schwerfllig den Kopf nach mir.

Eine krtenhafte Faulheit in jedem Geschpf, das mir zu Gesichte kam.

Allmhlich ging mir die Erkenntnis auf, wo ich mich befand: In einem Land,
so wirklich und wahrhaftig wie unsere Welt und dennoch nur ein Widerschein
von ihr: in dem Reich der gespenstischen Doppelgnger, die sich von dem
Mark ihrer irdischen Urformen nhren, sie ausplndern und selber ins
Ungeheuere wachsen, je mehr sich jene verzehren in vergeblichem Hoffen und
Harren auf Glck und Freude. Wenn auf der Erde jungen Tieren die Mutter
weggeschossen wird, und sie voll Vertrauen und Glauben auf Nahrung warten
und warten, bis sie in Qualen verschmachten, entsteht ihr gespenstisches
Ebenbild auf dieser verfluchten Geisterinsel und saugt wie eine Spinne das
versickernde Leben der Geschpfe unserer Erde in sich: die im Hoffen
entschwindenden Krfte des Daseins der Wesen werden hier Form und
wucherndes Unkraut, und der Boden ist geschwngert von dem dngenden Hauch
einer verwarteten Zeit.

Und wie ich weiterwanderte, kam ich in eine Stadt, die voller Menschen
war. Viele von ihnen kannte ich auf Erden, und ich erinnerte mich ihrer
zahllosen fehlgeschlagenen Hoffnungen und wie sie von Jahr zu Jahr
gebeugter gingen und doch die Vampire, -- ihre eigenen dmonischen Iche,
-- die ihnen das Leben und die Zeit fraen, sich nicht aus dem Herzen
reien wollten. Hier sah ich sie zu schwammigen Scheusalen aufgeblht, mit
dickem Wanst, die Augen stier und glsern ber den speckverquollenen
Wangen, umherschwabbern.

Aus einem Bankladen mit dem Aushngeschild

     Wechselstube _Fortuna_
     Jedes Los gewinnt den Haupttreffer

drngte Kopf an Kopf eine grinsende Menge, Scke von Gold hinter sich
herschleifend, die wulstigen Lippen in sattem Schmatzen verzogen: die zu
Fett und Gallert gewordenen Phantome aller derer, die auf Erden
dahinsiechen in unstillbarem Durst nach Spielergewinn.

Ich trat in eine tempelartige Halle, deren Sulen bis zum Himmel ragten;
darin sa auf einem Thron aus geronnenem Blut ein Ungeheuer mit
Menschenleib und vier Armen, die grliche Hynenschnauze triefend vor
Geifer: der Kriegsgott wilder afrikanischer Stmme, die in ihrem
Aberglauben Opfer darbringen, um den Sieg ber die Feinde zu erflehen.

Voll Entsetzen floh ich aus dem Dunstkreis der Verwesung, der die Sttte
erfllte, zurck in die Straen und blieb voll Staunen vor einem Palast
stehen, der an Pracht alles bertraf, was ich jemals gesehen. Und doch kam
mir jeder Stein, jeder First, jede Treppe so seltsam bekannt vor, als
htte ich in Phantasien einst selber all das erbaut.

Als sei ich unumschrnkter Herr und Besitzer des Hauses, stieg ich die
breiten Marmorstufen empor, da las ich auf einem Trschild -- meinen
eigenen Namen:

     Johann Hermann Obereit.

Ich trat ein und sah mich selbst im Purpur an einer prunkvollen Tafel
sitzen, von tausend Sklavinnen bedient, und ich erkannte in ihnen alle
die Frauen wieder, die im Leben meine Sinne erfllt hatten, wenn auch
manche nur fr einen flchtigen Augenblick.

Ein Gefhl unbeschreiblichen Hasses befiel mich bei dem Bewutsein, da
jener -- mein eigener Doppelgnger -- hier schwelgte und prate, seit ich
lebte, und da ich selber es gewesen war, der ihn ins Dasein gerufen und
mit Reichtum beschenkt hatte, indem ich mir die magische Kraft meines Ichs
in Hoffen, Ersehnen und Warten aus der Seele entstrmen lie.

Mit Schrecken wurde ich mir klar, da mein ganzes Leben nur aus Warten in
jeglicher Form bestanden hatte und _nur_ aus Warten -- aus einer Art
unaufhrlichen Verblutens, -- und da die gesamte Zeit, die mir
briggeblieben war zum Empfinden von Gegenwart, kaum nach Stunden zhlte.
Wie eine Seifenblase zerplatzte vor mir, was ich bis dahin fr den Inhalt
meines Lebens gehalten. Ich sage Ihnen, was wir auch auf Erden
vollbringen, immer gebiert es ein neues Warten und ein neues Hoffen; das
ganze Weltall ist getrnkt von dem Pesthauch des Absterbens einer kaum
geborenen Gegenwart. Wer htte nie die entnervende Schwche gefhlt, die
uns befllt, wenn wir im Wartezimmer eines Arztes, eines Advokaten, einer
Amtsstube sitzen? Was wir Leben nennen: es ist der Wartesaal des Todes.
Pltzlich begriff ich -- damals -- was die Zeit ist: Wir selbst sind
Gebilde, aus Zeit gemacht, Leiber, die Stoff zu sein scheinen und nichts
anderes sind als geronnene Zeit.

Und unser tgliches Hinwelken dem Grabe entgegen, was ist es denn sonst
als Wiederum-zu-Zeit-Werden unter der Begleiterscheinung des Wartens und
Hoffens, -- so, wie Eis auf dem Ofen unter Zischen wiederum zu Wasser
wird!

Ich sah, da ein Beben die Gestalt meines Doppelgngers durchlief, als
diese Erkenntnis in mir wach wurde, und da Angst sein Gesicht verzerrte.
Da wute ich, was ich zu tun hatte: kmpfen bis aufs Messer mit jenen
Phantomen, die uns aussaugen wie Vampire.

Oh, sie wissen genau, warum sie den Menschen unsichtbar bleiben und sich
vor ihren Blicken verbergen, diese Schmarotzer an unserem Leben; auch des
Teufels grte Gemeinheit ist, da er so tut, als ob er nicht existiere.
Und seitdem habe ich die Begriffe 'Warten und Hoffen' fr immer
ausgerottet aus meinem Dasein.

Ich glaube, Herr Obereit, ich wrde zusammenbrechen schon beim ersten
Schritt, wenn ich den schrecklichen Weg gehen wollte, den Sie gegangen
sind, sagte ich, als der Alte schwieg; ich kann mir wohl denken, da man
durch unausgesetzte Arbeit das Gefhl des Wartens und Hoffens in sich
betuben kann; dennoch--------------------

Ja, aber nur betuben! _Innerlich_ bleibt das 'Warten' lebendig. Sie
mssen das Beil an die Wurzel legen! unterbrach mich Obereit. Werden
Sie wie ein Automat hier auf der Erde! Wie ein Scheintoter! Greifen Sie
nie nach einer Frucht, die Ihnen winkt, wenn auch nur das geringste
Warten damit verbunden ist, rhren Sie keine Hand, und alles wird Ihnen
reif in den Scho fallen. Anfangs ist's wohl wie ein Wandern durch
trostlose Wsten, oft lange Zeit, aber pltzlich wird rings um Sie her
eine Helle sein, und Sie werden alle Dinge, die schnen und die
hlichen, in einem neuen, ungeahnten Glanze sehen. Dann gibt's kein
'Wichtig' mehr fr Sie und kein 'Unwichtig', jedes Geschehnis wird gleich
'wichtig' sein und gleich 'unwichtig', und dann werden Sie im Drachenblut
gehrnt sein wie Siegfried und von sich sagen knnen: ich fahre hinaus
ins uferlose Meer eines ewigen Lebens mit schneeweiem Segel.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Es waren die letzten Worte, die Johann Hermann Obereit zu mir gesprochen;
-- ich habe ihn nicht mehr wiedergesehen.

Viele Jahre sind inzwischen verflossen; ich habe mich bemht, so gut ich
konnte, der Lehre zu folgen, die Obereit mir gab, aber das Warten und
Hoffen will nicht aus meinem Herzen weichen.

Ich bin zu schwach, das Unkraut auszureien, und wundere mich auch nicht
mehr, da unter den zahllosen Grabsteinen auf den Friedhfen so selten
einer die Inschrift trgt:


     V | I
     --+--
     V | O




Der Kardinal Napellus


Wir wuten nicht viel mehr von ihm auer seinen Namen: Hieronymus
Radspieller, als da er jahraus, jahrein in dem zerfallenen Schlosse lebte
und von dem Besitzer, einem weihaarigen, mrrischen Basken -- dem
hinterbliebenen Diener und Erben eines in Trbsinn und Einsamkeit
verwelkten Adelsgeschlechtes -- ein Stockwerk fr sich allein gemietet und
mit kostbarem, altertmlichem Hausrat wohnbar gemacht hatte.

Ein greller phantastischer Gegensatz, wenn man eintrat in diese Rume aus
der wegverwachsenen Wildnis drauen, in der nie ein Vogel sang und alles
vom Leben verlassen schien, wenn nicht hin und wieder die morschen,
wirrbrtigen Eiben schreckerfllt aufchzten unter der Wucht des Fhns,
oder der grnschwarze See wie ein in den Himmel starrendes Auge die
weien, ziehenden Wolken spiegelte.

Fast den ganzen Tag war Hieronymus Radspieller in seinem Boot und lie ein
funkelndes Metall-Ei an langen, feinen Seidenfden hinab in die stillen
Wasser -- ein Lot, um die Tiefen des Sees zu ergrnden.

Er wird wohl in Diensten einer geographischen Gesellschaft stehen,
mutmaten wir, wenn wir von unseren Angelfahrten heimgekehrt des Abends
noch ein paar Stunden in dem Bibliothekzimmer Radspiellers beisammen
saen, das er uns gastfreundlich zur Verfgung gestellt hatte.

Ich habe heute von der alten Botenfrau, die die Briefe ber den Bergpa
trgt, zufllig erfahren, da die Rede geht, er solle in seiner Jugend ein
Mnch gewesen sein und habe sich Nacht fr Nacht blutig gegeielt -- sein
Rcken und seine Arme seien ber und ber mit Narben bedeckt, mischte
sich Mr. Finch ins Gesprch, als sich wieder einmal der Austausch der
Gedanken um Hieronymus Radspieller drehte, -- brigens, wo er heute nur
so lange bleibt? Es mu lngst 11 Uhr vorbei sein.

Es ist Vollmond, sagte Giovanni Braccesco und deutete mit seiner welken
Hand durch das offene Fenster hinaus auf den flimmernden Lichtweg, der
quer ber dem See lag; wir werden sein Boot leicht sehen knnen, wenn wir
Ausschau halten.

Dann, nach einer Weile, hrten wir Schritte die Treppe heraufkommen; aber
es war nur der Botaniker Eshcuid, der da, so spt von seinen Streifzgen
heimgekommen, zu uns ins Zimmer trat.

Er trug eine mannshohe Pflanze in der Hand mit stahlblau glnzenden
Blten.

Es ist weitaus das grte Exemplar dieser Gattung, das jemals gefunden
wurde; ich htte nie geglaubt, da der giftige 'Sturmhut' noch in solchen
Hhen wchst, sagte er klanglos, nachdem er uns einen Gru zugenickt, und
legte die Pflanze mit umstndlicher Sorgfalt, damit ihr kein Blatt
geknickt werde, auf das Fensterbrett.

Es geht ihm wie uns, kroch es mir durch den Sinn, und ich hatte die
Empfindung, da Mr. Finch und Giovanni Braccesco in diesem Momente
dasselbe dachten, er wandert ruhelos als alter Mann ber die Erde, wie
einer, der sein Grab suchen mu und nicht finden kann, sammelt Pflanzen,
die morgen verdorrt sind; wozu? warum? Er denkt nicht nach darber. Er
wei, da sein Tun zwecklos ist, wie wir es von dem unsrigen wissen, aber
ihn wird wohl auch die traurige Erkenntnis zermrbt haben, das _alles_
zwecklos ist, was man beginnt, ob es gro scheint oder klein, -- so wie
sie uns andern zermrbt hat ein Menschenleben lang. Wir sind von Jugend an
wie die Sterbenden, fhlte ich, deren Finger unruhig ber die Bettdecke
tasten; die nicht wissen, wonach sie greifen sollen, wie Sterbende, die
einsehen: der Tod steht im Zimmer, was kmmert es ihn, ob wir die Hnde
falten oder die Fuste ballen.

Wohin reisen Sie, wenn die Zeit zum Fischen hier vorber ist?, fragte
der Botaniker, nachdem er abermals nach seiner Pflanze gesehen und sich
dann langsam zu uns an den Tisch gesetzt hatte.

Mr. Finch fuhr sich durch sein weies Haar, spielte, ohne aufzublicken,
mit einem Angelhaken und zuckte mde die Achseln.

Ich wei es nicht, antwortete nach einer Pause Giovanni Braccesco
zerstreut, als sei die Frage an ihn gerichtet gewesen.

Wohl eine Stunde verrann in bleierner, wortloser Stille, da ich das
Rauschen des Blutes in meinem Kopfe hren konnte.

Endlich tauchte das fahle, bartlose Gesicht Radspiellers im Trrahmen auf.

Seine Miene schien gelassen und greisenhaft wie immer und seine Hand
ruhig, als er sich ein Glas Wein einschenkte und uns zutrank, aber es war
eine ungewohnte Stimmung voll verhaltener Erregtheit mit ihm
hereingekommen, die sich bald auf uns bertrug.

Seine sonst mden und teilnahmslosen Augen, die die Eigentmlichkeit
hatten, da sich wie bei Rckenmarkskranken ihre Pupillen niemals
zusammenzogen oder ausdehnten und scheinbar auf Licht nicht reagierten, --
sie glichen grauen, mattseidenen Westenknpfen mit einem schwarzen Punkt
darin, wie Mr. Finch zu behaupten pflegte, -- suchten heute fiebrig
flackernd im Zimmer umher, glitten die Wnde entlang und ber die
Bcherreihen hin, unschlssig, woran sie haften bleiben sollten.

Giovanni Braccesco brach ein Gesprchsthema vom Zaun und erzhlte von
unsern seltsamen Methoden, die uralten, moosbewachsenen Riesenwelse zu
fangen, die in ewiger Nacht da unten leben in den unergrndlichen Tiefen
des Sees, nie mehr heraufkommen ans Tageslicht und jede Lockspeise, die
die Natur bietet, verschmhen, -- nur nach den bizarrsten Formen
schnappen, die der Angler ersinnen kann: nach gleiendem Silberblech,
geformt wie Menschenhnde, die an der Schnur taumelnde Bewegungen im
Wasser machen, oder nach Fledermusen aus rotem Glas mit tckisch
verborgenen Haken an den Flgeln.

Hieronymus Radspieller hrte nicht hin.

Ich sah ihm an, da sein Geist wanderte.

Pltzlich brach er los, wie jemand, der ein gefhrliches Geheimnis hinter
verbissenen Zhnen jahrelang gehtet hat und es dann in einer Sekunde
unvermittelt, mit einem Aufschrei, von sich wirft: Heute endlich -- ist
mein Senkblei auf Grund gestoen.

Wir starrten ihn verstndnislos an.

Ich war so gefangen genommen von dem fremdartig zitternden Ton, der aus
seinen Worten geklungen hatte, da ich eine Weile lang nur halb erfate,
wie er den Vorgang der Tiefseemessung erklrte: es gbe da unten in den
Abgrnden -- viele tausend Faden tief -- kreisende Wasserwirbel, die jedes
Lot verbliesen, es schwebend erhielten und den Boden nicht erreichen
lieen, wenn nicht ein gnstiger Zufall zu Hilfe kme.

Dann wieder stieg aus seiner Rede gleich einer Rakete triumphierend ein
Satz empor: Es ist die tiefste Stelle auf Erden, zu der je ein
menschliches Instrument gedrungen ist, und die Worte brannten sich
schreckhaft in mein Bewutsein ein, ohne da ich die Ursache dafr finden
konnte. Ein gespenstischer Doppelsinn lag in ihnen, so, als htte ein
Unsichtbarer hinter ihm gestanden und in verhllten Symbolen aus seinem
Munde zu mir gesprochen.

Ich konnte den Blick nicht wenden von Radspiellers Gesicht; wie war es mit
einemmal so schemenhaft und unwirklich geworden! Wenn ich eine Sekunde die
Augen schlo, sah ich es von blauen Flmmchen umzuckt; -- die Sankt
Elmsfeuer des Todes, drngte es sich mir auf die Zunge, und ich mute
gewaltsam die Lippen geschlossen halten, um es nicht laut
herauszuschreien.

Traumhaft zogen durch mein Hirn Stellen aus Bchern, die Radspieller
geschrieben und die ich gelesen in migen Stunden, voll Staunen ber
seine Gelehrsamkeit, Stellen sengenden Hasses gegen Religion, Glaube und
Hoffnung und alles, was in der Bibel von Verheiung spricht.

Es ist der Rckschlag, der seine Seele nach der heien Askese einer
inbrunstgequlten Jugend aus dem Reich der Sehnsucht herab auf die Erde
geschleudert hat -- begriff ich dumpf: der Pendelschwung des Schicksals,
der den Menschen vom Licht in den Schatten trgt.

Mit Gewalt ri ich mich aus dem lhmenden Halbschlaf, der meine Sinne
berfallen hatte, und zwang mich, der Erzhlung Radspiellers zuzuhren,
deren Beginn wie ein fernes, unverstndliches Murmeln noch in mir
nachhallte.

Er hielt das kupferne Senklot in der Hand, drehte es hin und her, da es
aufblitzte gleich einem Geschmeide im Lichtschein der Lampe, und sprach
dabei:

Sie als leidenschaftliche Angler nennen es schon ein erregendes Gefhl,
wenn Sie an dem pltzlichen Zucken Ihrer doch nur 200 Ellen langen Schnur
spren, da sich ein groer Fisch gefangen hat, da gleich darauf ein
grnes Ungetm emporsteigen wird an die Oberflche und das Wasser zu
Gischt zerpeitschen. Denken Sie sich dieses Gefhl vertausendfacht und Sie
werden vielleicht verstehen, was in mir vorging, als dieses Stck Metall
hier mir endlich meldete: ich bin auf Grund gestoen. Mir war, als htte
meine Hand an eine Pforte geklopft. -- Es ist das Ende einer Arbeit von
Jahrzehnten, setzte er leise fr sich hinzu, und es klang eine Bangigkeit
aus seiner Stimme: was -- was werde ich morgen tun?!

Es bedeutet nichts Geringes fr die Wissenschaft, den tiefsten Punkt
unserer Erdschichte ausgelotet zu haben, warf der Botaniker Eshcuid hin.

Wissenschaft -- fr die Wissenschaft! wiederholte Radspieller
geistesabwesend und blickte uns der Reihe nach fragend an. Was kmmert
mich die Wissenschaft! fuhr es ihm endlich heraus.

Dann stand er hastig auf.

Ging ein paarmal im Zimmer hin und her.

Ihnen ist die Wissenschaft ebenso Nebensache wie mir, Professor, wandte
er sich mit einem Ruck, fast schroff an Eshcuid. Nennen Sie es doch beim
Namen: die Wissenschaft ist uns nur ein Vorwand, um etwas zu tun, irgend
etwas, gleichgltig was; das Leben, das furchtbare, entsetzliche Leben hat
uns die Seele verdorrt, unser eigenstes innerstes Ich gestohlen, und, um
nicht immerwhrend aufschreien zu mssen in unserm Jammer, jagen wir
kindischen Marotten nach -- um zu vergessen, was wir verloren haben. Nur,
um zu vergessen. Belgen wir uns doch nicht selbst!

Wir schwiegen.

Aber es liegt noch ein anderer Sinn darin, -- eine wilde Unruhe kam
pltzlich ber ihn, -- in unseren Marotten, meine ich. Ich bin so ganz,
ganz allmhlich dahintergekommen: ein feiner geistiger Instinkt sagt
mir, jede Tat, die wir vollbringen, hat einen magischen doppelten Sinn.
Wir _knnen_ gar nichts tun, was _nicht_ magisch wre. -- Ich wei ganz
genau _weshalb_ ich gelotet habe fast ein halbes Leben lang. Ich wei
auch, was es zu bedeuten hat, da ich doch -- und doch -- und doch auf
Grund stie und mich durch eine lange, feine Schnur mitten durch alle
Wirbel hindurch mit einem Reich verbunden habe, wohin kein Strahl dieser
verhaten Sonne mehr dringen kann, deren Wonne darin besteht, ihre
Kinder verdursten zu lassen. Es ist nur ein _ueres_ belangloses
Geschehnis, das sich heute vollzog, aber jemand, der sehen und deuten
kann, der erkennt schon im formlosen Schatten an der Wand, wer vor die
Lampe getreten ist; -- er lchelte mich grimmig an, ich will's Ihnen
kurz sagen, was mir dieses uere Geschehnis _innerlich_ bedeutet: ich
habe erreicht, was ich gesucht habe, -- ich bin hinfort gefeit gegen die
Giftschlangen des Glaubens und der Hoffnung, die nur im Licht leben
knnen; ich hab's an dem Ruck gesprt, den es mir im Herzen gab, als ich
heute meinen Willen durchgesetzt und mit dem Senkblei den Grund des
Sees berhrt habe. Ein belangloses ueres Geschehen hat sein inneres
Gesicht gezeigt.

Ist Ihnen denn so Schweres zugestoen im Leben -- in der Zeit -- ich
meine, als Sie Geistlicher waren?, fragte Mr. Finch, da Ihre Seele so
wund ist? setzte er leise fr sich hinzu.

Radspieller gab keine Antwort und schien ein Bild zu sehen, das vor ihm
auftauchen mochte; dann setzte er sich wieder an den Tisch, blickte
unbeweglich in das Mondlicht zum Fenster hin und erzhlte wie ein
Somnambuler, fast ohne Atem zu holen:

Ich war niemals Geistlicher, aber schon in meiner Jugend hat mich ein
finsterer, bermchtiger Trieb von den Dingen dieser Erde weggezogen. Ich
habe Stunden erlebt, wo sich das Gesicht der Natur vor meinen Augen in
eine grinsende Teufelsfratze verwandelt hat und mir Berge, Landschaft,
Wasser und Himmel, sogar mein eigener Leib, als unerbittliche Kerkermauern
erschienen sind. Wohl kein Kind empfindet etwas dabei, wenn sich der
Schatten einer ber die Sonne ziehenden Wolke auf eine Wiese senkt, mich
hat schon damals ein lhmendes Entsetzen befallen und ich blickte, als
htte mir eine Hand mit einem Ruck eine Binde von den Augen gerissen, tief
hinein in die heimliche Welt voll Todesqual der Millionen winziger
Lebewesen, die sich, verborgen unter den Halmen und Wurzeln der Grser, im
stummen Ha zerfleischten.

Vielleicht war's erbliche Belastung -- mein Vater starb im
Religionswahnsinn --, da ich die Erde bald nur mehr wie eine einzige
bluterfllte Mrdergrube sah.

Allmhlich wurde mein ganzes Leben zur immerwhrenden Folter seelischen
Verdurstens. Ich konnte nicht mehr schlafen, nicht mehr denken, und Tag
und Nacht, ohne stillzustehen, zuckten und bebten meine Lippen und formten
mechanisch den Satz des Gebetes: 'Erlse uns von dem bel', bis ich vor
Schwche das Bewutsein verlor.

In den Tlern, wo ich zu Hause bin, gibt es eine religise Sekte, die man
die 'Blauen Brder' nennt, deren Anhnger, wenn sie ihr Ende nahen fhlen,
sich lebendig begraben lassen. Heute noch steht ihr Kloster dort, ber
dem Eingangstor das steinerne Wappenschild: eine Giftpflanze mit fnf
blauen Bltenblttern, deren oberstes einer Mnchskapuze gleicht: -- das
#Aconitum napellus#, der 'blaue Sturmhut'.

Ich war ein junger Mann, als ich mich in diesen Orden flchtete, und fast
ein Greis, als ich ihn verlie.

Hinter den Klostermauern liegt ein Garten, darin blht im Sommer ein Beet
voll von jenem blauen Todeskraut, und die Mnche begieen es mit dem Blut,
das aus ihren Geielwunden fliet. Jeder hat, wenn er Bruder der
Gemeinschaft wird, eine solche Blume zu pflanzen, die dann, wie in der
Taufe, seinen eigenen christlichen Namen erhlt.

Die meinige hie Hieronymus und hat mein _Blut_ getrunken, indes ich selbst
verschmachtete in jahrelangem vergeblichem Flehen um das Wunder, da der
'Unsichtbare Grtner' die Wurzeln meines Lebens auch nur mit einem Tropfen
_Wasser_ begsse.

Der symbolische Sinn dieser seltsamen Zeremonie der Bluttaufe ist, da der
Mensch seine Seele magisch einpflanzen soll in den Garten des Paradieses
und ihr Wachstum dngen mit dem Blut seiner Wnsche.

Auf dem Totenhgel des Grnders dieser asketischen Sekte, des sagenhaften
Kardinals Napellus, sagt die Legende, scho in einer einzigen
Vollmondnacht in Mannshhe ein solcher 'blauer Sturmhut' auf, -- ber und
ber mit Blten bedeckt, -- und als man das Grab ffnete, war die Leiche
darin verschwunden. Es heit, da sich der Heilige in die Pflanze
verwandelt hat, und von ihr, als der ersten, die damals auf Erden
erschien, sollen alle brigen stammen.

Wenn die Blumen im Herbst verdorrten, sammelten wir ihre giftigen
Samenkeime, die kleinen menschlichen Herzen gleichen und nach der geheimen
berlieferung der Blauen Brder das 'Senfkorn' des Glaubens vorstellen,
von dem geschrieben steht, da Berge versetzen knne, wer es hat, -- --
und aen davon.

So, wie ihr furchtbares Gift das Herz verndert und den Menschen in den
Zustand zwischen Leben und Sterben bringt, so sollte die Essenz des
Glaubens unser Blut verwandeln, -- zur wunderwirkenden Kraft werden in den
Stunden zwischen nagender Todespein und ekstatischer Verzckung.

Aber ich tastete mit dem Senkblei meiner Erkenntnis noch tiefer hinab in
diese wunderlichen Gleichnisse, ich tat noch einen Schritt weiter und sah
der Frage ins Gesicht: Was wird mit meinem Blut geschehen, wenn es endlich
geschwngert ist von dem Gift der blauen Blume? Und da wurden die Dinge
rings um mich lebendig, selbst die Steine am Wege schrien mir zu mit
tausend Stimmen: Wieder und wieder, wenn der Frhling kommt, wird es
ausgegossen werden, auf da ein neues Giftkraut sprossen kann, das deinen
eignen Namen trgt.

Und in jener Stunde hatte ich dem Vampir, den ich bis dahin gefttert, die
Maske abgerissen, und ein unauslschlicher Ha ergriff von mir Besitz. Ich
ging hinaus in den Garten und stampfte die Pflanze, die mir meinen Namen
Hieronymus gestohlen und sich an meinem Leben gemstet hatte, in die Erde,
bis keine Faser mehr sichtbar war.

Von da an schien mein Weg pltzlich wie best mit wunderbaren Ereignissen.

Noch in derselben Nacht trat eine Vision vor mich: der Kardinal Napellus,
in der Hand -- mit der Fingerstellung eines Menschen, der eine brennende
Kerze trgt -- das blaue Akonit mit den fnfblttrigen Blten. Seine Zge
waren die einer Leiche, nur aus seinen Augen strahlte ein unzerstrbares
Leben.

Ich glaubte mein eigenes Antlitz vor mir zu sehen, so glich er mir, und
ich fuhr in unwillkrlichem Schrecken nach meinem Gesicht, wie jemand, dem
eine Explosion den Arm abgerissen hat, mit der andern Hand nach der Wunde
fahren mag.

Dann schlich ich mich ins Refektorium und erbrach in wildem Ha den
Schrein, der die Reliquien des Heiligen enthalten sollte, um sie zu
zerstren.

Ich fand nur diesen Globus, den Sie dort in der Nische stehen sehen.

Radspieller erhob sich, holte ihn herab, stellte ihn vor uns auf den Tisch
und fuhr in seiner Erzhlung fort: Ich habe ihn mit mir genommen auf
meiner Flucht aus dem Kloster, um ihn zu zerschlagen und damit das
einzige, was greifbar zurckgeblieben ist von dem Grnder jener Sekte, zu
vernichten.

Spter berlegte ich mir, da ich der Reliquie mehr Verachtung antte,
wenn ich sie verkaufte und das Geld einer Dirne schenkte. Ich fhrte es
aus, als sich mir die erste Gelegenheit dazu bot.

Seitdem sind viele Jahre vorbergegangen, aber ich habe keine Minute
verstreichen lassen, den unsichtbaren Wurzeln jenes Krautes nachzuspren,
an denen die Menschheit krankt, und sie aus meinem Herzen zu tilgen. Ich
habe vorhin gesagt, da von der Stunde an, da ich zur Klarheit erwachte,
ein 'Wunder' nach dem andern meinen Pfad kreuzte, doch ich bin fest
geblieben: kein Irrlicht mehr hat mich in den Sumpf gelockt.

Als ich anfing, Altertmer zu sammeln, -- alles, was Sie hier im Zimmer
sehen, stammt aus jener Zeit, -- war so manches darunter, das mich an die
dunkeln Riten gnostischen Ursprungs gemahnte und an das Jahrhundert der
Kamisarden; selbst der Saphirring hier an meinem Finger -- er trgt
seltsamerweise als Wappen einen Sturmhut, das Emblem der blauen Mnche, --
kam zufllig, als ich den Vorrat eines Tabulettkrmers durchstberte, in
meine Hnde: es hat mich nicht einen Augenblick erschttern knnen. Und
als mir eines Tages ein Freund den Globus hier -- denselben Globus, den
ich aus dem Kloster geraubt und verkauft hatte, die Reliquie des Kardinals
Napellus --, als Geschenk ins Haus schickte, mute ich hell auflachen, als
ich ihn wiedererkannte, ber diese kindische Drohung eines albernen
Schicksals.

Nein, hier herauf zu mir in die klare, dnne Luft der Firnenwelt soll das
Gift des Glaubens und der Hoffnung nicht mehr dringen, in diesen Hhen
kann der blaue Sturmhut nicht gedeihen. An mir ist der Spruch in einem
neuen Sinn zur Wahrheit geworden: Wer in die Tiefe forschen will, mu auf
die Berge steigen.

Darum gehe ich nie wieder hinunter in die Niederungen. Ich bin genesen;
und wenn die Wunder aller Engelswelten mir in den Scho fielen, ich wrfe
sie von mir wie verchtlichen Tand. Soll das Akonit eine giftige Arznei
bleiben fr die Siechen am Herzen und die Schwachen in den Tlern, -- ich
will hier oben leben und sterben im Angesicht des starren diamantnen
Gesetzes unwandelbarer Naturnotwendigkeiten, das kein dmonischer Spuk
durchbrechen kann. Ich werde weiter loten und loten, ohne Ziel, ohne
Sehnsucht, froh wie ein Kind, das sich gengen lt am Spiel und noch
nicht verpestet ist an der Lge: das Leben htte einen tieferen Zweck, --
-- werde loten und loten, -- aber, so oft ich auf Grund stoe, wird's mir
wie ein Jubelruf klingen: es ist immer wieder nur die Erde, die ich
berhre, und nichts als die Erde, -- dieselbe stolze Erde, die das
heuchlerische Licht der Sonne kalt zurckwirft in den Weltraum, die Erde,
die sich auen und innen getreu bleibt, so wie dieser Globus, das letzte
jmmerliche Erbstck des groen Herrn Kardinals Napellus, dummes Holz ist
und bleibt, auen und innen.

Und jedesmal wird's mir der Rachen des Sees von neuem verknden: wohl
wachsen auf der Kruste der Erde, von der Sonne gezeugt, entsetzliche
Gifte, doch ihr Inneres, ihre Schluchten und Abgrnde, sind frei davon und
die Tiefe ist rein. -- Radspiellers Gesicht bekam hektische Flecken vor
Erregung und durch seine emphatische Rede ging ein Ri; sein verbissener
Ha brach los. Wenn ich einen Wunsch frei htte, -- er ballte die Fuste
--, ich mchte mit meinem Senkblei bis in den Mittelpunkt der Erde loten
drfen, um es hinausschreien zu knnen: Siehe hier, siehe da: Erde, nichts
als Erde!

Wir blickten erstaunt auf, da er pltzlich schwieg.

Er war ans Fenster getreten.

Der Botaniker Eshcuid zog seine Lupe hervor, beugte sich ber den Globus
und sagte laut, um den peinlichen Eindruck zu verwischen, den Radspiellers
letzte Worte in uns erweckt hatten:

Die Reliquie mu eine Flschung sein und noch aus unserm Jahrhundert
stammen; die fnf Erdteile -- er deutete auf Amerika -- sind auf dem
Globus vollzhlig verzeichnet.

So nchtern und alltglich auch der Satz klang, er konnte die geprete
Stimmung nicht durchbrechen, die sich unser zu bemchtigen begann ohne
fabaren Grund und von Sekunde zu Sekunde anwuchs bis zu drohendem
Angstgefhl.

Pltzlich schien ein ser, betubender Geruch wie von Faulbaum oder
Seidelbast das Zimmer zu erfllen.

Er weht aus dem Park herber, wollte ich sagen, aber Eshcuid kam meinem
krampfhaften Versuch, den Alp abzuschtteln, zuvor. Er stach mit einer
Nadel in den Globus und murmelte etwas, wie: es sei seltsam, da sogar
unser See, ein so winziger Punkt, auf der Karte stnde, -- da wachte
Radspiellers Stimme am Fenster wieder auf und fuhr mit schrillem Hohn
dazwischen:

Warum verfolgt's mich denn jetzt nicht mehr, -- wie frher im Trumen und
im Wachen, -- das Bild Seiner Eminenz des groen Herrn Kardinals Napellus?
Im Codex Nazarus -- dem Buch der gnostischen blauen Mnche, geschrieben
um 200 vor Christus -- steht doch prophezeit fr den Neophyten: 'Wer die
mystische Pflanze begieet bis zum Ende mit seinem Blute, den wird sie
geleiten treulich an die Pforte des ewigen Lebens; wer sie aber ausreit,
dem Frevler wird sie ins Angesicht schauen als der Tod, und sein Geist
wird hinaus in die Finsternis wandern, bis der neue Frhling kommt!' Wo
sind sie hin, die Worte? Sind sie gestorben? Ich sage: eine Verheiung von
Jahrtausenden ist an mir zerschellt. Warum kommt er denn nicht, da ich
ihm ins Antlitz speien kann, dem Kardinal Nap -- -- ein gapsendes Rcheln
ri Radspieller die letzte Silbe vom Munde, ich sah, da er die blaue
Pflanze erblickt hatte, die der Botaniker abends bei seinem Eintritt aufs
Fensterbrett gelegt, und sie anstarrte. Ich wollte aufspringen. Zu ihm
eilen.

Ein Ausruf Giovanni Braccescos hielt mich zurck:

Unter der Nadel Eshcuids hatte sich die vergilbte pergamentene Rinde des
Globus abgelst, so wie von einer berreifen Frucht die Schale springt,
und nackt vor uns lag eine groe gleiende Kugel aus Glas.

Und darinnen -- ein wundersames Kunstwerk, eingeschmolzen auf
unbegreifliche Weise, aufrechtstehend: die Gestalt eines Kardinals in
Mantel und Hut, und in der Hand, mit der Fingerstellung eines Menschen,
der eine brennende Kerze trgt: eine Staude mit stahlblauen fnfblttrigen
Blten. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Kaum vermochte ich, gelhmt von Entsetzen, meinen Kopf nach Radspieller zu
wenden.

Mit weien Lippen, die Zge leichenhaft, stand er dort an der Wand --
aufrecht, unbeweglich wie die Statuette in der glsernen Kugel, -- so wie
sie: in der Hand die blaue giftige Blume, und starrte auf den Tisch
herber in das Gesicht des Kardinals.

Nur der Glanz seiner Augen verriet, da er noch lebte; wir andern aber
begriffen, da sein Geist auf Nimmerwiederkehr versunken war in der Nacht
des Irrsinns.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Eshcuid, Mr. Finch, Giovanni Braccesco und ich schieden am nchsten Morgen
voneinander; wortlos, fast ohne Gru: die letzten bangen Stunden der Nacht
waren zu beredt fr jeden von uns gewesen, als da es unsere Zungen nicht
htte in Bann legen sollen.

Lange bin ich noch planlos und einsam ber die Erde gewandert, doch keinem
von ihnen bin ich je wieder begegnet.

Ein einziges Mal nach vielen Jahren hat mich mein Weg in jene Gegend
gefhrt: von dem Schlosse ragten nur mehr die Mauern, aber zwischen dem
verfallenen Gestein sprote mannshoch auf im sengenden, grellen
Sonnenbrand, Staude an Staude, ein unabsehbares stahlblaues Beet:
                       das #Aconitum napellus#.




Die vier Mondbrder

Eine Urkunde


Wer ich bin, ist bald gesagt. Vom 25. bis zum 60. Jahr war ich
Kammerdiener beim Herrn Grafen du Chazal. Bis dahin hatte ich als
Grtnergehilfe die Blumenzucht im Kloster zu Apanua besorgt, woselbst ich
auch einst meine einfrmigen dsteren Jugendtage verlebte und dank der
Gte des Abtes Unterricht im Lesen und Schreiben geno.

Da ich ein Findling war, nahm mich bei meiner Firmung mein Pate, der alte
Klostergrtner, an Kindes Statt an, und seitdem fhre ich rechtmig den
Namen Meyrink.

Soweit ich zurckdenken kann, immer ist mir, als trge ich um den Kopf
einen eisernen Reifen, der mein Gehirn einschnrt und dasjenige zu
entfalten verhindert, was man gemeinhin Phantasey nennen mag. Fast mchte
ich sagen, es fehlt mir ein innerer Sinn, doch dafr sind meine Augen und
Ohren scharf wie die eines Wilden. Wenn ich die Lider schliee, sehe ich
heute noch mit beklemmender Deutlichkeit die schwarzen starren Umrisse der
Zypressen vor mir, wie sie sich damals von den zerbrckelnden
Klostermauern abhoben, sehe die ausgetretenen Ziegelsteine auf dem Boden
der Kreuzgnge, Stck fr Stck, da ich sie zhlen knnte, und doch ist
das alles kalt und stumm -- spricht nicht zu mir, wo doch sonst die Dinge
zum Menschen reden sollen, wie ich schon oft gelesen habe.

Es geschieht aus Offenheit, da ich unumwunden sage, wie es mit mir steht,
denn ich will Anspruch haben auf Glaubwrdigkeit; bewegt mich doch die
Hoffnung, da, was ich hier niederschreibe, Menschen vor Augen kommen
mge, die mehr wissen als ich und mir Licht und Erkenntnis schenken
knnen, wenn sie drfen und wollen, ber all das, was einer Kette
unlsbarer Rtsel gleich meinen Lebenspfad begleitet hat.

Sollte nun gar wider jenes vernnftige Ermessen diese Druckschrift den
beiden Freunden meines verewigten zweiten Herrn: Magister Peter Wirtzigh
(gestorben und begraben zu Wernstein am Inn im Jahre des groen Krieges
1914), nmlich den beiden wohlgeborenen Herren Doktores Chrysophron
Zagrus und Sacrobosco Haselmayer, genannt der rote Tandschur, zu
Gesicht kommen, so mgen die Herren gerechterweise bedenken, da es nicht
Schwatzhaftigkeit oder eitel Neugier sein knnen, die mich bewogen haben,
etwas an den Tag zu geben, was die Herren selbst vielleicht ein
Menschenalter lang geheimhielten, zumal ein Greis von 70 Jahren, wie ich,
ber derlei kindischen Firlefanz wohl schon hinausgereift ist, -- da es
vielmehr Grnde geistiger Art sein drften, die mich hierzu zwangen,
worunter die Befrchtung meines Herzens: dereinst nach dem Ableben des
Leibes eine -- _Maschine_ zu werden (die Herren werden schon verstehen, was
ich meine), gewilich kein geringes ist.

Doch nun zu meiner Geschichte:

Die ersten Worte, die der Herr Graf du Chazal zu mir sprach, als er mich
in seine Dienste nahm, waren die Frage:

Hat je eine Frau in deinem Leben eine Rolle gespielt?

Als ich mit gutem Gewissen verneinte, schien er sichtlich zufrieden.

Die Worte brennen mich heute wie Feuer, ich wei nicht warum. Silbe fr
Silbe denselben Satz fragte mich 35 Jahre spter mein zweiter Brotgeber,
Herr Magister Peter Wirtzigh, als ich bei ihm als Diener eintrat:

Hat je eine Frau in deinem Leben eine Rolle gespielt?

Auch damals konnte ich ruhig verneinen -- htte es bis heutigen Tag knnen
--, aber ich kam mir voll Schrecken einen Augenblick lang vor wie eine
leblose Maschine, als ich es sagte, und nicht wie ein menschliches Wesen.

So oft ich jetzt darber grble, schleicht mir ein grausiger Verdacht ins
Hirn; ich kann es nicht in Worte fassen, was ich mir dann denke, aber --
-- gibt's denn nicht auch Pflanzen, die sich nie recht entwickeln knnen,
die trostlos verkmmern und wachsgelb bleiben (so als schiene die Sonne
nie auf sie), blo, weil der Giftsumach in ihrer Nhe wchst und heimlich
an ihren Wurzeln zehrt?

In den ersten Monaten fhlte ich mich in dem einsamen Schlo, das nur von
dem Herrn Grafen du Chazal, der alten Haushlterin Petronella und mir
bewohnt wurde und buchstblich angefllt war mit seltsamen altertmlichen
Gerten, Uhrwerken und Fernrohren, recht unbehaglich, zumal der gndige
Herr Graf allerlei Absonderlichkeiten an sich hatte. So durfte ich ihm zum
Beispiel wohl beim Anziehen helfen, nie aber beim Auskleiden, und wenn ich
mich dazu erbtig machte, gebrauchte er immer die Ausrede, er wolle noch
lesen; in Wirklichkeit aber -- mu ich annehmen -- streifte er in der
Dunkelheit umher, denn oft waren frhmorgens seine Stiefel dick mit
Schlamm und Moorerde bedeckt, auch wenn er tags vorher den Fu nicht aus
dem Hause gesetzt hatte.

Auch sein Aussehen war nicht sehr anheimelnd: klein und schmchtig, wollte
sein Krper nicht recht zum Kopf passen, und obschon wohlgewachsen, machte
der Herr Graf auf mich lange Zeit den Eindruck eines Buckligen, wiewohl
ich mir darber keine genaue Rechenschaft zu geben vermochte.

Sein Profil war scharf geschnitten und hatte durch das schmale,
hervorstehende Kinn und den spitzigen, grauen, nach vorn gebogenen Bart
darunter etwas merkwrdig Sichelartiges. Er mute brigens eine
unverwstliche Lebenskraft besitzen, denn er alterte whrend der langen
Jahre, die ich ihm diente, kaum merklich, hchstens, da die seinen
Gesichtszgen eigentmliche Halbmondform schrfer und schmler zu werden
schien.

Im Dorfe gingen allerlei kuriose Gerchte ber ihn: er wrde nicht na,
wenn es regne, und dergleichen, und so oft er nachtschlafender Zeit an den
Bauernhusern vorberginge, blieben jedesmal in den Stuben die Uhren
stehen.

Ich achtete nie auf solches Geschwtz, denn da hnlicherweise zuzeiten
die metallenen Gegenstnde im Schlosse, wie Messer, Scheren, Rechen und
dergleichen fr ein paar Tage magnetisch wurden, so da Stahlfedern, Ngel
und anderes daran haften blieb, ist wohl eine nicht weiter wunderbare
Naturerscheinung, denke ich; wenigstens klrte mich der Herr Graf, als ich
ihn einmal fragte, darber auf. Der Ort stnde auf vulkanischem Boden,
sagte er, auch hingen solche Vorgnge mit dem Vollmond zusammen.

berhaupt hatte der Herr Graf eine ungewhnlich hohe Meinung vom Mond, wie
ich aus folgenden Begebenheiten schliee:

Ich mu vorausschicken, da jeden Sommer, genau am 21. Juli, aber immer
nur fr vierundzwanzig Stunden, ein ber die Maen wunderlicher Gast zu
Besuch kam: derselbe Herr Doktor Haselmayer, von dem spter noch die Rede
sein wird.

Der Herr Graf sprach von ihm stets als vom roten Tandschur, warum, habe
ich nie begriffen, denn der Herr Doktor war nicht nur nicht rothaarig,
sondern hatte berhaupt kein einziges Haar auf dem Kopf und weder
Augenbrauen noch Wimpern. Schon damals machte er auf mich den Eindruck
eines Greises; -- mag sein, da es von der seltsamen uraltmodischen Tracht
kam, die er jahraus, jahrein trug: einem glanzlosen moosgrnen
Tuchzylinderhut, der nach oben zu ganz eng, fast spitzig wurde, einem
hollndischen Sammetwams, Schnallenschuhen und schwarzen Seidenkniehosen
an den bengstigend kurzen und dnnen Beinchen, -- wie gesagt: mag sein,
da er nur deshalb so, so -- verstorben aussah, denn seine hohe,
liebliche Kinderstimme und die wundersam feingeschwungenen Mdchenlippen
sprachen gegen ein hohes Alter.

Andererseits hat es wohl auf dem ganzen Erdenrund noch nie so erloschene
Augen gegeben, wie er sie besa.

Ohne den schuldigen Respekt verletzen zu wollen, mchte ich hinzufgen,
da er einen Wasserkopf hatte, der berdies zum Erschrecken weich zu sein
schien, -- so weich, wie ein gesottenes abgeschltes Ei, -- nicht nur, was
das kugelrunde, fahle Gesicht anbelangte, sondern auch in Hinblick auf den
Schdel selbst. Wenigstens quoll ihm immer, so oft er den Hut aufsetzte,
alsbald eine Art blutleerer Schlauch unter der Krempe ringsherum auf und,
wenn er den Hut abnahm, brauchte es stets eine bedenklich geraume Zeit,
bis sein Kopf glcklich die ursprngliche Form zurckgewonnen hatte.

Von der Minute der Ankunft des Herrn Doktor Haselmayer bis zu seiner
Abreise pflegten er und der gndige Herr Graf ununterbrochen, ohne auch
nur einen Bissen zu essen, ohne zu schlafen oder zu trinken, vom Monde zu
sprechen und dies mit einem rtselhaften Eifer, den ich nicht verstand.

Ihre Liebhaberei ging soweit, da sie, wenn gerade die Zeit des Vollmondes
mit dem 21. Juli zusammentraf, nachts hinaus an den kleinen, sumpfigen
Schloteich gingen und stundenlang das Spiegelbild der silbrigen
Himmelsscheibe im Wasser anstarrten.

Einmal, als ich zufllig vorbeiging, bemerkte ich sogar, da beide Herren
weiliche Brocken -- es werden wohl Semmelkrumen gewesen sein -- in den
Weiher warfen, und als Herr Doktor Haselmayer wahrnahm, da ich es gesehen
hatte, sagte er rasch: Wir fttern nur den Mond -- h, Pardon, soll
heien: den -- den Schwan. Nun gab es aber weit und breit keinen Schwan.
Auch Fische nicht.

Was ich noch in derselben Nacht mit anhren mute, schien mir in
geheimnisvollem Zusammenhang damit zu stehen, weshalb ich es denn auch
Wort fr Wort meinem Gedchtnis eingeprgt und alsbald umstndlich zu
Papier gebracht habe:

Ich lag in meiner Schlafkammer noch eine Weile wach, da hrte ich
pltzlich im Bibliothekzimmer nebenan, das sonst nie betreten wurde, die
Stimme des Herrn Grafen in wohlgesetzter Rede sagen:

Nachdem, was wir soeben im Wasser gesehen, mein liebwerter und
hochgeschtzter Doktor, mte ich sehr irren, wenn nicht unsere Sache
vortrefflich stnde und der alte Rosenkreuzerische Satz: '#post centum
viginti annos patebo#', das ist 'nach 120 Jahren werde ich offenbar'
ganz in unserem Sinne zu deuten wre. Wahrlich, das nenne ich mir eine
erfreuliche Jahrhundertsonnenwendfeier! Schon im letzten Viertel des
krzlich verflossenen 19. Jahrhunderts gewann das Mechanische schnell
und sicher die Oberhand, drfen wir getrost feststellen, aber wenn es so
weiter geht, wie wir hoffen wollen, wird im 20sten die Menschheit bald
kaum mehr Zeit finden, das Tageslicht zu sehen, vor lauter Arbeit, die
vielen und immer zahlreicher werdenden Maschinen zu putzen, zu polieren,
in Ttigkeit zu erhalten und sie auszubessern, wenn sie schadhaft
werden.

Schon heute kann man fglich sagen, ist die Maschine ein wrdiger Zwilling
des weiland goldenen Kalbes geworden, denn wer sein Kind zu Tode qult,
bekommt hchstens 14 Tage Arrest, wer aber irgendeine alte Straenwalze
beschdigt, mu drei Jahre ins Loch.

Die Herstellung von derlei Triebwerken ist aber auch wesentlich
kostspieliger, warf Herr Doktor Haselmayer ein.

Im allgemeinen, gewi, gab Herr Graf du Chazal hflich zu. Doch das ist
sicherlich nicht der einzige Grund. Das wesentliche dabei scheint mir zu
sein, da auch der Mensch genau genommen nichts anderes darstellt als ein
halbfertiges Ding, das dazu bestimmt ist, dereinst selbst ein Uhrwerk zu
werden, wofr deutlich spricht, da gewisse keineswegs nebenschliche
Instinkte, wie zum Beispiel: sich behufs Veredelung der Rasse die richtige
Gattin zu whlen, bei ihm bereits ins Automatenhafte versunken sind. Was
Wunder, da er in der Maschine seinen wahren Sprling und Erben sieht und
im leiblichen Nachkommen den Wechselbalg.

Wenn die Weiber Fahrrder oder Repetierpistolen gebren wrden statt
Kindern, sollten Sie mal sehen, wie flott da pltzlich drauflosgeheiratet
wrde. Ja, im gldenen Zeitalter, als die Menschen noch weniger entwickelt
waren, da glaubten sie nur das, was sie 'denken' konnten, dann kam
allmhlich die Epoche, wo sie nur das glaubten, was sie fressen konnten,
-- aber jetzt erklimmen sie den Gipfel der Vollkommenheit, das heit: sie
halten blo das fr wirklich, was sie -- verkaufen knnen.

Sie nehmen dabei, weil es im vierten Gebot heit: 'Du sollst Vater und
Mutter ehren' usw. als selbstverstndlich an, da die Maschinen, die sie
in die Welt setzen und mit dem feinsten Spindell schmieren, derweilen sie
selbst sich mit Margarine begngen, ihnen die Mhen der Erzeugung
tausendfach vergelten und Glck in jeder Form bringen werden; nur
vergessen sie ganz: auch aus Maschinen knnen undankbare Kinder werden.

In ihrem Vertrauensdusel finden sie sich mit dem Gedanken ab, die
Maschinen seien nur tote Dinge, die auf sie nicht rckwirken und die man
wegwerfen knne, wenn man sie satt hat; -- ja Schnecken!

Haben Sie schon mal eine Kanone beobachtet, Schtzbarster? Soll die
vielleicht auch 'tot' sein? Ich sage Ihnen, nicht einmal ein General wird
so liebevoll behandelt! Ein General kann einen Schnupfen bekommen und kein
Hahn krht danach, aber die Kanonen kriegen Schrzen um, damit sie sich
nicht erklten -- oder 'rosten', was dasselbe ist -- und Hte auf, da es
ihnen nicht hineinregne.

Gut, es liee sich einwenden: die Kanone brllt nur, wenn sie mit Pulver
vollgepfropft ist und das Zeichen zum Abfeuern gegeben wird, aber brllt
denn ein Tenorist nicht auch erst, wenn das Stichwort fllt, und selbst
dann nur, wenn er gengend mit Musiknoten angefllt ist? Ich sage Ihnen:
im ganzen Weltraum gibt es nicht ein einziges Ding, das wirklich tot
wre.

Aber unsere traute Heimat, der Mond, ist doch ein abgestorbener
Himmelskrper und ist doch tot? fltete Herr Doktor Haselmayer
schchtern.

Er ist nicht tot, belehrte ihn der Herr Graf, er ist nur das Gesicht
des Todes. Er ist -- wie soll ich es nennen -- die Sammellinse, die
gleich einer Zauberlaterne die lebenerzeugenden Strahlen dieser
vermaledeiten protzenhaften Sonne zur verkehrten Wirkung bringt,
allerlei magisches Bildwerk aus dem Hirn der Lebenden in die scheinbare
Wirklichkeit hineinhext und das giftige Fluidum des Sterbens und der
Verwesung in mannigfaltigster Form und uerung zum Keimen und Hauchen
bringt. -- ber die Maen kurios -- finden Sie nicht auch? --, da die
Menschen trotzdem gerade den Mond unter allen Gestirnen am meisten
lieben, -- besingen ihn sogar ihre Dichter, die doch im Geruch stehen,
Seher zu sein, mit schwrmerischem Geseufz und Augenverdrehen, und
keinem werden die Lippen bla vor Grauen bei dem Gedanken, da seit
Millionen Jahren Monat fr Monat eine blutlose kosmische Leiche die Erde
umkreist! Da sind wahrlich die Hunde gescheiter -- insonderheit die
schwarzen --, die ziehen den Schweif ein und heulen den Mond an.

Schrieben Sie mir nicht unlngst, werter Herr Graf, die Maschinen seien
direkt Geschpfe des Mondes? Wie soll ich das verstehen?, fragte Herr
Doktor Haselmayer.

Dann haben Sie mich falsch verstanden, unterbrach ihn der Herr Graf.
Der Mond hat nur das Hirn der Menschen mit Ideen _geschwngert_ durch
seinen giftigen Odem, und die Maschinen sind die sichtbarliche Geburt
daraus.

Die Sonne hat den Sterblichen den Wunsch in die Seele gepflanzt, reicher
an Freuden zu werden und schlielich den Fluch: im Schweie des
Angesichtes vergngliche Werke zu schaffen, zu zerbrechen, aber der Mond
-- die geheime Quelle der irdischen Formen -- hat es ihnen in einen
trgerischen Glast getrbet, also da sie sich in eine falsche
Imagination verliefen und nach auen -- ins Greifbare -- versetzten, was
sie innerlich htten anschauen sollen.

Folgedessen die Maschinen sichtbare Titanenleiber worden sind, aus den
Gehirnen entarteter Heroen geboren.

Und wie denn etwas 'begreifen' und 'schaffen' nichts anderes heit, als
die Seele die Form dessen annehmen lassen, was man 'siehet' oder
'schaffet'  und sich damit eins zu machen, so treiben von nun an die
Menschen hilflos auf dem Wege dahin, sich allmhlich selbst in
Maschinen zu verzaubern, bis da sie dereinst nackend dastehen als
nimmerruhendes stampfendes chzendes Uhrwerk, -- als das, was sie immer
erfinden wollten: als freudloses Perpetuum mobile.

Wir aber, wir Brder vom Monde, werden dann zu Erben des 'ewigen Seins' --
des einigen unwandelbaren Bewutseins, das da nicht saget: 'Ich lebe',
sondern 'Ich bin', das da wei: 'wenn auch das Universum zerbricht
-- ich bleibe.'

Wie knnte es denn auch sein, -- wenn nicht Formen nur Trume wren, --
da _wir_ nach freiem Willen jederzeit unseren Leib gegen einen anderen
zu tauschen, unter den Menschen in menschlicher Gestalt, unter den
Schemen als Schatten, unter den Gedanken als Idee zu erscheinen vermgen
und dies kraft des Geheimnisses, uns unserer Formen gleich eines im
Traum erwhlten Spielzeuges zu entuern? Sowie ein im Halbschlaf
Befangener sich pltzlich seines Trumens bewut werden kann, den Trug
des Zeitbegriffes in eine neue Gegenwart rcket und dem Verlauf des
Traumes hierdurch eine andere wnschenswertere Richtung gibt: quasi mit
beiden Fen in einen neuen Krper hineinspringet, sintemalen der
Krper im Grunde nichts ist, als ein mit der Tuschung der Dichtigkeit
behafteter Krampfzustand des alles durchdringenden thers.

Vortrefflich gesagt, jubelte Doktor Haselmayer mit seiner sen
Mdchenstimme auf, warum aber wollen wir eigentlich die Irdischen
dieses Glckes der Transfiguration nicht teilhaftig werden lassen? Wre
das so schlimm?

Schlimm? Unabsehbar! Entsetzlich! schrillte ihm der Herr Graf in die
Rede. Man denke: der Mensch mit der Kraft begabt, im Kosmos 'Kultur' zu
verzapfen!

Wie glauben Sie, Verehrtester, wrde da wohl nach 14 Tagen der Mond
aussehen? In smtlichen Kraterringen Velodrome und ringsherum ein
Rieselfeld fr Kloakenwsser.

Vorausgesetzt, da man nicht schon frher die dramatische Kunst
eingeschleppt und dadurch jeder Vegetationsmglichkeit ein fr allemal
den Boden versauert htte.

Oder sehnen Sie sich vielleicht danach, da die Planeten zur
Brsenstunde telephonisch miteinander verbunden wrden und die
Doppelsterne in der Milchstrae amtliche Verehelichungszeugnisse
beibringen mten?

Nein, nein, mein Lieber, vorlufig kommt das Universum noch eine
Zeitlang mit dem alten Schlendrian aus.

Doch, um auf ein erquicklicheres Thema zu kommen, lieber Doktor, --
berdies ist es hchste Zeit, da Sie abnehmen, wollte sagen: abreisen,
-- also auf Wiedersehen bei Magister Wirtzigh im August 1914; da ist der
Anfang vom groen Ende und wir wollen doch diese Katastrophe der
Menschheit wrdig begehen. Nicht?

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Schon vor den letzten Worten des Herrn Grafen hatte ich mich in meine
Kammerdienerlivree geworfen, um Herrn Doktor Haselmayer beim Einpacken
behilflich zu sein und ihn zum Wagenschlag zu begleiten.

Einen Augenblick spter stand ich auf dem Korridor.

Doch was mute ich sehen: der Herr Graf verlie _allein_ das
Bibliothekzimmer, auf den Armen das hollndische Wams, die Schnallenschuhe
und Seidenkniehosen sowie den grnen Zylinderhut des Herrn Doktor
Haselmayer -- whrend dieser selbst spurlos verschwunden war, und so
schritt der gndige Herr Graf, ohne mich eines Blickes zu wrdigen, in
sein Schlafgemach und schlo die Tre hinter sich ab.

Ich hielt es als wohlerzogener Diener fr meine Pflicht, mich ber nichts
zu wundern, was meine Herrschaft zu tun fr gut fand, konnte aber doch
nicht umhin, den Kopf zu schtteln, und es dauerte lngere Zeit, bis ich
zuwege brachte, einzuschlafen.-------- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
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Ich mu jetzt viele Jahre berspringen.

Sie sind eintnig dahingeflossen und stehen in meiner Erinnerung
aufgezeichnet so vergilbt und verstaubt wie Bruchstcke aus einem alten
Buch mit krausen verschnrkelten Begebenheiten darin, die man einst
irgendwann in dumpfem Fieber mit halbem, versiegendem Gedchtnis gelesen
und kaum begriffen hat.

Nur das eine wei ich klar: Im Frhjahr 1914 sagte der Herr Graf pltzlich
zu mir: Ich werde demnchst verreisen. Nach -- -- Mauritius (dabei sah er
mich lauernd an), und ich wnsche, da du bei meinem Freunde, einem
gewissen Magister Peter Wirtzigh in Wernstein am Inn, in Dienste trittst.
Hast du mich verstanden, Gustav? brigens dulde ich keine Widerrede.

Ich verbeugte mich stumm.

Eines schnen Morgens, ohne irgendwelche Vorbereitungen getroffen zu
haben, hatte der Herr Graf das Schlo verlassen, was ich daraus entnahm,
da ich ihn nicht mehr zu Gesicht bekam und statt seiner ein fremder
Mensch in dem Himmelbett lag, das der Herr Graf zum Schlafen zu bentzen
gepflegt.

Es war, wie man mir spter in Wernstein erffnete, der Herr Magister Peter
Wirtzigh.--

Auf des Herrn Magisters Besitztum, von dem man tief hinabsehen konnte auf
den schumenden Inn, angelangt, lie ich es mir sogleich angelegen sein,
den mitgebrachten Kisten und Koffern ihren Inhalt zu entnehmen, um ihn in
die Spinde und Truhen zu rumen.

Eben wollte ich eine hchst sonderbare alte Lampe, geformt wie ein
durchsichtiger japanischer Gtze mit unterschlagenen Beinen (den Kopf
bildete eine Kugel aus Milchglas), in deren Innern eine durch Uhrwerk
bewegliche Schlange den Docht mit dem Rachen emporhielt, in einen hohen
gotischen Schrank stellen und ffnete ihn zu diesem Behufe, da erblickte
ich darinnen zu meinem nicht gelinden Entsetzen, aufgehenkt, die baumelnde
Leiche des Herrn Doktor Haselmayer.

Fast htte ich vor Schrecken die Lampe fallen lassen, doch zum Glck
erkannte ich noch rechtzeitig, da es nur die Kleider und der Zylinderhut
des Herrn Doktors waren, die mir das Bild seiner Gestalt vorgetuscht
hatten.

Immerhin machte das Erlebnis tiefen Eindruck auf mich und hinterlie ein
Gefhl der Vorahnung wie von etwas Drohendem, Unheilvollem, das ich nicht
abschtteln konnte, trotzdem die folgenden Monate nichts Aufregendes
brachten.

Herr Magister Wirtzigh war wohl gleichmig gtig und freundlich zu mir,
aber er glich Herrn Doktor Haselmayer in vieler Beziehung zu sehr, als da
mir nicht immer die Begebenheit mit dem Schrank htte einfallen mssen, so
oft ich ihn ansah. Sein Gesicht war kreisrund, gleich dem des Herrn
Doktors, nur beraus dunkel, fast wie das eines Mohren, denn er litt seit
Jahren an dem unheilbaren berbleibsel eines langwierigen Gallenleidens:
an Schwarzsucht. Wenn man einige Schritte von ihm entfernt stand und es
war nicht sehr hell im Zimmer, konnte man oft seine Zge gar nicht
unterscheiden, und der schmale, kaum fingerbreite silberweie Bart, der
sich ihm unterm Kinn bis zu den Ohren hinzog, hob sich in solchen Fllen
von seinem Antlitz ab wie eine mattschimmernde unheimliche Ausstrahlung.

Der beklemmende Druck, der mich gefangen hielt, wich erst, als im August
die Nachricht von dem Ausbruch eines frchterlichen Weltkrieges berall
wie der Blitz einschlug.

Ich erinnerte mich sofort, was ich vor Jahren Herrn Grafen du Chazal ber
eine Katastrophe, die der Menschheit bevorstnde, hatte sagen hren, und
es wollte mir vielleicht deshalb nicht gelingen, mit voller berzeugung in
die Verwnschungen einzustimmen, die die Dorfbevlkerung gegen die
feindlichen Staaten ausstie; schien es mir doch, als stnde hinter all
dem als Urheber der dunkle Einflu gewisser haerfllter Naturkrfte, die
sich der Menschheit bedienen wie einer Marionette.

Vllig unbewegt verhielt sich Herr Magister Wirtzigh. So, wie jemand, der
lngst alles vorausgesehen hat.

Erst am 4. September kam eine leichte Unruhe ber ihn. Er ffnete eine
Tre, die mir bis dahin verschlossen gewesen, und fhrte mich in einen
blauen, gewlbten Saal, der nur ein einziges, rundes Fenster in der Decke
hatte. Genau darunter, so da das Licht unmittelbar darauf fiel, stand ein
runder Tisch aus schwarzem Quarz mit einer muldenfrmigen Vertiefung in
der Mitte. Ringsherum goldene, geschnitzte Sthle.

Hier diese Mulde, sagte der Herr Magister, fllst du heute abend, noch
ehe der Mond aufgeht, mit klarem, kaltem Brunnenwasser. Ich erwarte Besuch
aus Mauritius, und wenn du mich rufen hrst, nimmst du die japanische
Schlangenlampe, zndest sie an -- der Docht wird hoffentlich nur glimmen,
setzte er halb fr sich hinzu, -- und stellst dich mit ihr so, wie man
eine Fackel hlt, dort in die Nische.--------

Es war lngst Nacht geworden, schlug 11 Uhr, 12 Uhr, und ich wartete und
wartete noch immer.

Niemand konnte das Haus betreten haben -- ich wei es gewi, htte es
bemerken mssen, denn das Tor war verschlossen und kreischte stets laut,
wenn man es ffnete, aber kein Laut war vernehmbar bis jetzt.

Eine Totenstille ringsum, da sich mir das Brausen des Blutes im Ohr
allmhlich zur tosenden Brandung steigerte.

Endlich hrte ich die Stimme des Herrn Magisters meinen Namen rufen -- wie
aus weiter Ferne. So, als kme sie mir aus dem eigenen Herzen.

Mit der glimmenden Lampe in der Hand, fast betubt von einer
unerklrlichen Schlaftrunkenheit, die ich noch nie an mir wahrgenommen,
tappte ich mich durch die finsteren Rume in den Saal und stellte mich in
die Nische.

In der Lampe surrte leise das Uhrwerk, und ich sah durch den rtlichen
Bauch des Gtzen den glhenden Docht im Maul der Schlange funkeln, wie sie
langsam kreiste und kaum merklich in Ringen in die Hhe zu kriechen
schien.

Der Vollmond mute wohl senkrecht ber dem Loch in der Saaldecke stehen,
denn in der Wassermulde des steinernen Tisches schwamm sein Spiegelbild
als regungslose Scheibe aus fahlgrnglhendem Silber.

Eine lange Zeit glaubte ich, die goldenen Sthle seien leer, doch
allmhlich unterschied ich, da in dreien von ihnen Mnner saen, und
erkannte, als sich ihre Gesichter zgernd bewegten: im Norden den Herrn
Magister Wirtzigh, im Osten einen Fremden (Doktor Chrysophron Zagrus mit
Namen, wie ich aus einem Gesprch, das sie spter fhrten, entnahm), und
im Sden, einen Kranz Mohnblumen auf dem kahlen Schdel -- Doktor
Sacrobosco Haselmayer.

Nur der Stuhl im Westen war leer.

Nach und nach mute wohl auch mein Gehr wach geworden sein, denn Worte
wehten zu mir herber, zum Teil lateinische, die ich nicht verstand, teils
solche in deutscher Sprache.--

Ich sah den Fremden sich vorbeugen, Herrn Doktor Haselmayer auf die Stirn
kssen und hrte ihn sagen geliebte Braut. Es folgte noch ein langer
Satz, aber er war zu leise, als da er mir htte zu Bewutsein kommen
knnen.

Dann, pltzlich, war Herr Magister Wirtzigh mitten drin in einer
apokalyptischen Rede:

Und vor dem Stuhl war ein glsern Meer gleich dem Kristall, und mitten am
Stuhl und um den Stuhl vier Tiere, voll Augen vorne und hinten. -- -- --
Und es ging heraus ein ander Pferd, das war fahl, und der darauf sa, des
Name hie Tod und die Hlle folgte ihm nach. Ihm war gegeben, den Frieden
zu nehmen von der Erde, und da sie sich untereinander erwrgten; und ihm
ward ein gro Schwert gegeben.

Schwert gegeben, echoete der Herr Doktor Zagrus, da fiel sein Blick auf
mich, und er hielt inne und fragte flsternd die brigen, ob Verla auf
mich sei.

Er ist lngst ein lebloses Uhrwerk geworden in meiner Hand, beruhigte
ihn der Herr Magister. Unser Ritual fordert, da ein fr die Erde
Abgestorbener die Fackel hlt, wenn wir zusammen sind; er ist wie eine
Leiche, trgt -- seine Seele in der Hand und glaubt, es sei eine
schwelende Lampe.

Wilder Hohn klang aus den Worten, und pltzlicher Schreck lhmte mein
Blut, als ich fhlte, da ich in Wahrheit kein Glied rhren konnte und
starrgeworden war wie ein Toter.

Wieder nahm Herr Doktor Zagrus das Wort und fuhr fort: Ja, ja, das Hohe
Lied des Hasses braust durch die Welt. Ich hab ihn mit eigenen Augen
gesehen, der auf dem fahlen Pferde sitzt, und hinter ihm das
tausendgestaltige Heer der Maschinen -- unserer Freunde und
Bundesgenossen. Lngst haben sie Selbstmacht gewonnen, aber immer noch
bleiben die Menschen blind und dnken sich Herren ber sie.

Fhrerlose Lokomotiven, mit Felsblcken beladen, rasen einher in
wahnwitziger Wut, strzen sich auf sie und begraben Hunderte und aber
Hunderte unter der Last ihrer eisernen Leiber.

Der Stickstoff der Luft ballt sich zu neuen furchtbaren Sprengmitteln: die
Natur selbst drngt sich in atemloser Hast, freiwillig ihre besten Schtze
zu geben, um das weie Scheusal, das seit Jahrmilliarden Narben in ihr
Gesicht gegraben, auszurotten mit Haut und Haar.

Metallene Ranken mit spitzigen, grlichen Dornen wachsen aus dem Boden,
fangen die Beine und zerreien die Leiber, und mit stummem Jubel zwinkern
die Telegraphen einander zu: Wieder sind Hunderttausend der verhaten Brut
dahin.

Hinter Bumen und Hgeln verborgen lauern die Mrserriesen, die Hlse gen
Himmel gereckt, Erzklumpen zwischen den Zhnen, bis ihnen verrterische
Windmhlen mit den Armen tckische Zeichen winken, Tod und Vernichtung zu
speien.

Elektrische Vipern zucken unter dem Boden hin -- da!: ein winziger
grnlicher Funken und aufbrllt ein Erdbeben und verwandelt die Landschaft
in ein Massengrab!

Mit glhenden Raubtieraugen sphen die Scheinwerfer durch die Finsternis!
Mehr! Mehr! Mehr! Wo sind noch mehr! Und schon kommt's wankend gezogen in
grauen Sterbemnteln -- unabsehbare Scharen, -- die Fe blutig, die Augen
erloschen, taumelnd vor Mdigkeit, halb im Schlaf, mit keuchenden Lungen
und brechenden Knien, -- doch schnell klffen die Trommeln dazwischen mit
rhythmisch-fanatischem Fakirgebell und peitschen die Furien der
Berserkerwut hinein ins betubte Gehirn, da der Wahnwitz des Amoklaufs
heulend losbricht unaufhaltsam, bis der Schauer des Bleiregens nur mehr
auf Leichen trifft.

Aus Westen und Osten, aus Amerika und Asien strmen sie herbei zum
Kriegstanz, die erzenen Ungeheuer, voll Mordlust die runden Muler.

Haie aus Stahl umschleichen die Ksten, in ihrem Bauch erstickend, die
ihnen einst das Leben gegeben.

Aber selbst die daheim geblieben sind, die scheinbar Lauen, die so lange
weder kalt waren noch warm, -- die frher nur friedliches Werkzeug
gebaren, -- sind aufgewacht und tragen ihr Teil bei zum groen Sterben:
ruhelos fauchen sie ihren glhenden Atem zum Himmel empor Tag und Nacht,
und aus ihren Leibern quillt es, Schwertklingen und Pulverhlsen, Lanzen,
Geschosse. Keines mag da mehr hocken und schlafen.

Immer neue Riesengeier wollen flgge werden, um ber den letzten
Schlupfwinkeln der Menschen zu kreisen, und schon laufen unermdlich
Tausende Eisenspinnen hin und her, ihnen die silberglnzenden Schwingen zu
weben.

Die Rede stockte einen Augenblick, und ich sah, da Herr Graf du Chazal
pltzlich zugegen war; er stand hinter dem Stuhl im Westen, die Arme ber
der Lehne gekreuzt, sein Gesicht war bla und verfallen.

Dann fuhr Doktor Zagrus mit eindringlicher Gebrde fort: Und ist es
nicht eine gespenstische Auferstehung? Was lngst zu Petroleum verwest in
Erdenhhlen geruht hat: -- das Blut und Fett der vorsintflutlichen Drachen
-- regt sich und will wieder lebendig sein. In dickbuchigen Kesseln
gebrodelt und destilliert, fliet es jetzt als 'Benzin' in die Herzkammern
neuer phantastischer Luftungeheuer und bringt sie zum Stampfen. Benzin und
Drachenblut! -- wer sieht da noch einen Unterschied? Es ist wie das
dmonische Prludium zum Jngsten Tag.

Sprechen Sie nicht vom Jngsten Tag, Doktor, fiel der Herr Graf hastig
ein (ich fhlte, da eine unbestimmte Furcht in seiner Stimme lag) -- es
klingt wie ein Vorzeichen.

Die Herren standen erstaunt auf:

Ein Vorzeichen?

Wir wollten heute zusammenkommen als zu einem Feste, begann der Herr
Graf, nachdem er lang nach Worten gesucht, aber es hat meinen Fu bis zur
jetzigen Stunde festgehalten in -- Mauritius (ich begriff dumpf, da dem
Worte eine verborgene Bedeutung zugrunde lag und der Herr Graf nicht ein
Land damit meinen konnte); und ich habe lang gezweifelt, ob es richtig
ist, was ich an dem Widerschein sah, der von der Erde zum Monde
emporhaucht. Ich frchte, ich frchte, -- und mir wird die Haut kalt vor
Grauen, wenn ich daran denke, -- da ber kurz ein Unerwartetes geschehen
knnte und entrisse uns den Sieg. -- Was will's besagen, da ich errate:
noch ein geheimer Sinn mag in dem heutigen Krieg liegen: der Weltgeist
will die Vlker absondern voneinander, damit sie einzeln stehen wie die
Glieder eines zuknftigen Leibes; was ntzt es mir, da ich die letzte
Absicht nicht kenne?! Die Einflsse, die man nicht sehen kann, sind die
mchtigsten. -- Ich sage euch:

Ein Unsichtbares wchst und wchst; und ich kann seine Wurzel nicht
finden.

Ich habe die Zeichen am Himmel gedeutet, die nicht tuschen: ja, auch die
Dmonen der Tiefe rsten zum Kampf, und bald wird die Haut der Erde sich
schtteln wie das Fell eines Rosses, das von Bremsen geplagt wird; schon
haben die Groen der Finsternis, deren Namen eingeschrieben stehen im
Buche des Hasses, abermalen aus dem Abgrund des Weltraums einen
Kometenstein geschleudert, und dies nach der Erden, wie sie oft einen
solchen Wurf nach der Sonne gerichtet, er aber das Ziel verfehlt hat und
zurckgeflogen ist, wie der Bumerang der australischen Neger rckkehrt in
die Hand des Jgers, wenn er das Opfer nicht getroffen. -- Aber zu wes
Zweck, fragte ich mich, dies groe Aufgebot, wo doch der Untergang des
Menschengeschlechts durch das Heer der Maschinen besiegelt scheint?

Und da lsten sich mir Schuppen von den Augen; doch ich bin noch blind
und kann nur tasten.

Fhlt ihr nicht auch, wie das Unwgbare, das der Tod nicht greifen kann,
anschwillt zu einem Strom, dagegen die Meere sind wie ein Eimer
Splicht?

Was ist es fr eine rtselhafte Kraft, die ber Nacht alles wegschwemmt,
was klein ist, und das Herz des Bettlers weit macht gleich eines
Apostels! Ich habe gesehen, da eine arme Lehrerin eine Waise annahm an
Kindesstatt und hat nicht viel Redens davon gemacht -- -- und da kam die
Furcht zu mir.

Wo ist die Macht des Maschinenhaften in der Welt geblieben, wo Mtter
jubeln, wenn ihre Shne fallen, statt sich das Haar zu raufen? Und soll's
eine prophetische Rune sein, die zurzeit noch keiner lesen kann: in den
Kaufladen der Stdte hngt ein Bild, ein Kreuz in den Vogesen, daran das
Holz weggeschossen ist, und der Menschensohn -- _blieb stehen_?

Wir hren die Flgel des Todesengels ber die Lnder brausen, seid ihr
gewi, da es nicht die Schwingen eines -- Anderen sind und nicht die des
Todes? Eines von denen, die Ich sagen knnen in jedem Stein, jeder Blume
und jedem Tier, inner- und auerhalb des Raums und der Zeit?

Nichts kann verloren gehen, heit es. Wessen Hand sammelt dann diese
Begeisterung, die gleich einer neuen Naturkraft berall frei wird, und was
fr Geburt will daraus entstehen und wer wird der Erbe sein!

Soll wieder Einer kommen, des Schritte keiner hemmen kann -- wie es immer
wieder im Laufe der Jahrtausende geschah von Zeit zu Zeit? Der Gedanke
lt mich nicht mehr los.

Mag er doch kommen! -- Wenn er nur auch diesmal wiederkommt in Kleidern
von Fleisch und Blut, fuhr Herr Magister Wirtzigh hhnisch drein. Sie
werden ihn schon festnageln mit -- Witzen; ber grinsendes Lachen hat noch
keiner gesiegt.

Aber er kann kommen _ohne Gestalt_, murmelte Doktor Chrysophron Zagrus
vor sich hin, sowie vor kurzem ein Spuk ber Nacht die Tiere befiel, da
Pferde pltzlich rechnen konnten und Hunde -- lesen und schreiben. Was,
wenn er aus den Menschen selbst hervorbricht wie eine Flamme?

Dann mssen wir in den Menschen das Licht durch das Licht betrgen,
kreischte der Herr Graf du Chazal gellend dazwischen, wir mssen in ihren
Gehirnen von da an wohnen als neuer falscher Glanz eines trgerischen,
nchternen Verstandes, bis sie Sonne und Mond verwechseln, und mssen sie
mitrauen lehren allem, was Licht ist.------------ -- -- -- -- --
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Was der Herr Graf noch weiter sagte, ich erinnere mich nicht. Ich konnte
mich mit einemmal wieder bewegen und der glasartige erstarrte Zustand, der
mich bislang umfangen gehalten, wich langsam von mir. Eine Stimme in mir
schien zu flstern, ich solle mich frchten, aber ich brachte es nicht
zuwege.

Dennoch streckte ich wie zum Schutz den Arm mit der Lampe vor.

Mochte sie dabei ein Luftzug getroffen haben oder hatte die Schlange
darin den Raum im Kopfe des Gtzen erreicht, soda der glimmende Docht
zur Flamme auflodern konnte, -- ich wei es nicht. Ich wei nur, ein
blendendes Licht zersprengte mir pltzlich die Sinne, wiederum hrte ich
meinen Namen rufen und dann fiel ein schwerer Gegenstand dumpf krachend
hin.----

Es mu wohl mein eigener Krper gewesen sein, denn, als ich einen Moment
meine Augen aufschlug, bevor ich das Bewutsein verlor, sah ich: ich lag
auf dem Boden, und der Vollmond stand leuchtend ber mir; -- das Zimmer
aber schien leer und der Tisch und die Herren waren verschwunden.----
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Viele Wochen lag ich in tiefer Betubung danieder und, als ich langsam
genas, erfuhr ich, -- ich habe vergessen, von wem, -- da Herr Magister
Wirtzigh inzwischen gestorben war und mich zum Erben seines gesamten
Besitzes eingesetzt hatte.

Aber ich mu wohl noch lange das Bett hten, und so habe ich denn Zeit,
ber das Geschehene nachzudenken und alles niederzuschreiben.

Nur zuweilen des Nachts kommt es gar seltsam ber mich und mir ist, als
ghne in meiner Brust ein leerer Raum, unendlich nach Osten, Sden,
Westen und Norden, und mitten darin schwebt der Mond, wchst zur
glnzenden Scheibe, nimmt ab, wird schwarz, taucht wieder auf als
schmale Sichel, und jedesmal sind seine Phasen die Gesichter der vier
Herren, wie sie zuletzt um den runden steinernen Tisch saen. Dann
lausche ich gespannt, um mich zu zerstreuen, auf das unbndige Johlen,
das durch die Stille ringsum zu mir herber dringt aus dem in der
Nachbarschaft gelegenen Raubschlo des wilden Malers Kubin, der dort im
Kreise seiner sieben Shne wste Orgien feiert bis zum Morgengrauen.

Kommt der Tag, so tritt wohl zuweilen die alte Haushlterin Petronella
an mein Bett und sagt: Nun wie geht's denn, Herr -- _Herr Magister
Wirtzigh_? Sie will mir nmlich weismachen, einen Grafen du Chazal habe
es seit dem Jahre 1430, wo das Geschlecht erlosch, wie der Herr Pfarrer
genau wisse, nicht mehr gegeben, ich sei ein Schlafwandler gewesen, in
einem Anfall von Mondsucht vom Dach heruntergefallen und htte mir
jahrelang eingebildet, mein eigener Kammerdiener zu sein.
Selbstverstndlich gebe es auch weder einen Doktor Zagrus noch einen
gewissen Sacrobosco Haselmayer.

Den roten Tandschur, na ja, den gibt's, sagt sie zum Schlu jedesmal
drohend. Er liegt drben auf dem Ofen und is a chinesisch's Zauberbuch,
hr ich. Aber mer siecht ja, was dabei 'rauskommt, wenn a Christenmensch
so was liest.

Ich schweige dazu, denn ich wei, was ich wei, aber, wenn die Alte
hinausgegangen ist, stehe ich doch jedesmal heimlich auf, um mir
Gewiheit zu verschaffen, ffne den gotischen Schrank und berzeuge
mich:

Aber natrlich ja, da steht sie doch, die Schlangenlampe, und darunter
hngen -- der grne Zylinderhut, das Wams und die Seidenkniehosen des
Herrn Doktor Haselmayer.




     Kurt Wolff Verlag, Leipzig

     Der Golem

     Ein Roman

     von

     Gustav Meyrink

     Im Verlag von Albert Langen in Mnchen
     erschien von demselben Verfasser:

     Des Deutschen Spieers
     Wunderhorn

     Gesammelte Novellen

     in 3 Bnden. 5. Auflage




Auflistung aller gegenber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen:

     Inhaltsverzeichnis: Zeitegeln --> Zeit-egeln

     Seite 24: finstre --> finstere

     Seite 40: man fragt den den jungen Herrn,  --> 'den' entfernt

     Seite 74: Die Posaunen versummen. --> Die Posaunen
     verstummen. (Druckfehler)

     Seite 94: 'Du kannst eben nicht 'wollen'', fing er
     --> einfaches schlieendes Anfhrungszeichen ergnzt

     Seite 116: Eskismos --> Eskimos   (Druckfehler)

     Seite 128:  ein fach  --> einfach  (Druckfehler)

     Seite 170: prunktvollen  --> prunkvollen (Druckfehler)

     Seite 171: Ich sage Ihnen, 'was wir auch auf Erden vollbringen,
     --> Einfaches (berflssiges) Anfhrungszeichen vor 'was' entfernt.

     Seite 218: Punkt nach 'einzuschlafen' ergnzt

     Seite 231:  deren Namen eingeschrieben 'steht'
     --> 'stehen' im Buche des Hasses





End of the Project Gutenberg EBook of Fledermuse, by Gustav Meyrink

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FLEDERMUSE ***

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To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
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The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
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https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

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business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

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     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


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