The Project Gutenberg eBook, Die natuerliche Tochter, by Johann Wolfgang
von Goethe


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Title: Die natuerliche Tochter

Author: Johann Wolfgang von Goethe

Release Date: December 9, 2003  [eBook #10426]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NATUERLICHE TOCHTER***


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Die natrliche Tochter

Trauerspiel

Johann Wolfgang von Goethe







Personen

Knig.
Herzog.
Graf.
Eugenie.
Hofmeisterin.
Sekretr.
Weltgeistlicher.
Gerichtsrat.
Gouverneur.
btissin.
Mnch.




Erster Aufzug
(Dichter Wald.)



Erster Auftritt
Knig. Herzog.

Knig.
Das flcht'ge Ziel, das Hunde, Ross und Mann,
Auf seine Fhrte bannend, nach sich reit,
Der edle Hirsch, hat ber Berg und Tal
So weit uns irr' gefhrt, dass ich mich selbst,
Obgleich so landeskundig, hier nicht finde.
Wo sind wir, Oheim? Herzog, sage mir,
Zu welchen Hgeln schweiften wir heran?

Herzog.
Der Bach, der uns umrauscht, mein Knig, fliet
Durch deines Dieners Fluren, die er deiner
Und einer Ahnherrn kniglicher Gnade,
Als erster Lehnsmann deines Reiches, dankt.
An jenes Felsens andrer Seite liegt
Am grnen Hang ein artig Haus versteckt,
Dich zu bewirten keineswegs gebaut;
Allein bereit, dich huld'gend zu empfangen.

Knig.
Lass dieser Bume hochgewlbtes Dach
Zum Augenblick des Rastens freundlich schatten.
Lass dieser Lfte liebliches Geweb'
Uns leis umstricken, dass an Sturm und Streben
Der Jagdlust auch der Ruhe Zeit sich fge.

Herzog.
Wie du auf einmal vllig abgeschieden
Hier hinter diesem Bollwerk der Natur,
Mein Knig, dich empfindest, fhl' ich mit.
Hier drnget sich der Unzufriednen Stimme,
Der Unverschmten offne Hand nicht nach.
Freiwillig einsam merkest du nicht auf,
Ob Undankbare schleichend sich entfernen.
Die ungestme Welt reicht nicht hierher,
Die immer fordert, nimmer leisten will.

Knig.
Soll ich vergessen, was mich sonst bedrngt,
So muss kein Wort erinnernd mich berhren.
Entfernten Weltgetses Widerhall
Verklinge nach und nach aus meinem Ohr.
Ja, lieber Oheim, wende dein Gesprch
Auf Gegenstnde diesem Ort gemer.
Hier sollen Gatten aneinander wandeln,
Ihr Stufenglck in wohlgeratnen Kindern
Entzckt betrachten; hier ein Freund dem Freunde,
Verschlossnen Busen traulich ffnend, nahn.
Und gabst du nicht erst neulich stille Winke,
Du hofftest mir in ruh'gen Augenblicken
Verborgenes Verhltnis zu bekennen,
Drangvoller Wnsche holden Inbegriff,
Erfllung hoffend, heiter zu gestehn?

Herzog.
Mit grrer Gnade konntest du mich nicht,
O Herr, beglcken, als indem du mir
In diesem Augenblick die Zunge lsest.
Was ich zu sagen habe, knnt' es wohl
Ein andrer besser hren als mein Knig,
Dem unter allen Schtzen seine Kinder
Am herrlichsten entgegenleuchten, der
Vollkommner Vaterfreuden Hochgenuss
Mit seinem Knechte herzlich teilen wird?

Knig.
Du sprichst von Vaterfreuden! Hast du je
Sie denn gefhlt? Verkmmerte dir nicht
Dein einz'ger Sohn durch rohes, wildes Wesen,
Verworrenheit, Verschwendung, starren Trutz
Dein reiches Leben, dein erwnschtes Alter?
Verndert er auf einmal die Natur?

Herzog.
Von ihm erwart' ich keine frohen Tage!
Sein trber Sinn erzeugt nur Wolken, die,
Ach, meinen Horizont so oft verfinstern.
Ein anderes Gestirn, ein andres Licht
Erheitert mich. Und wie in dunklen Grften,
Das Mrchen sagt's, Karfunkelsteine leuchten,
Mit herrlich mildem Schein der den Nacht
Geheimnisvolle Schauer hold beleben,
So ward auch mir ein Wundergut beschert,
Mir Glcklichem! Das ich mit Sorgfalt, mehr
Als den Besitz ererbt errungner Gter,
Als meiner Augen, meines Lebens Licht,
Mit Freud' und Furcht, mit Lust und Sorge pflege.

Knig.
Sprich vom Geheimnis nicht geheimnisvoll.

Herzog.
Wer sprche vor der Majestt getrost
Von seinen Fehlern, wenn sie nicht allein
Den Fehl in Recht und Glck verwandeln knnte.

Knig.
Der wonnevoll geheim verwahrte Schatz?

Herzog.
Ist eine Tochter.

Knig.
            Eine Tochter? Wie?
Und suchte, Fabelgttern gleich, mein Oheim,
Zum niedern Kreis verstohlen hingewandt,
Sich Liebesglck und vterlich Entzcken?

Herzog.
Das Groe wie das Niedre ntigt uns,
Geheimnisvoll zu handeln und zu wirken.
Nur allzu hoch stand jene heimlich mir
Durch wundersam Geschick verbundne Frau,
Um welche noch dien Hof in Trauer wandelt
Und meiner Brust geheime Schmerzen teilt.

Knig.
Die Frstin? Die verehrte, nah verwandte,
Nur erst verstorbne?

Herzog.
                War die Mutter! Lass,
O lass mich nur von diesem Kinde reden,
Das, seiner Eltern wert und immer werter,
Mit edlem Sinne sich des Lebens freut.
Begraben sei das brige mit ihr,
Der hoch begabten, hoch gesinnten Frauen.
Ihr Tod erffnet mir den Mund, ich darf
vor meinem Knig meine Tochter nennen,
Ich darf ihn bitten, sie zu mir herauf,
Zu sich herauf zu heben, ihr das Recht
Der frstlichen Geburt vor seinem Hofe,
Vor seinem Reiche, vor der ganzen Welt
Aus seiner Gnadenflle zu bewhren.

Knig.
Vereint in sich die Nichte, die du mir,
So ganz erwachsen, zuzufhren denkst,
Des Vaters und der Mutter Tugenden:
So muss der Hof, das knigliche Haus,
Indem uns ein Gestirn entzogen wird,
Den Aufgang eines neuen Sterns bewundern.

Herzog.
O kenne sie, eh' du zu ihrem Vorteil
Dich ganz entscheidest. Lass ein Vaterwort
Dich nicht bestechen! Manches hat Natur
Fr sie getan, das ich entzckt betrachte,
Und alles, was in meinem Kreise webt,
Hab' ich um ihre Kindheit hergelagert.
Schon ihren ersten Weg geleiteten
Ein ausgebildet Weib, ein weiser Mann.
Mit welcher Leichtigkeit, mit welchem Sinn
Erfreut sie sich des Gegenwrtigen,
Indes ihr Phantasie das knft'ge Glck
Mit schmeichelhaften Dichterfarben malt.
An ihrem Vater hngt ihr frommes Herz,
Und wenn ihr Geist den Lehren edler Mnner,
Sich stufenweis entwickelnd, friedlich horcht:
So mangelt bung ritterlicher Tugend
Dem wohl gebauten, festen Krper nicht.
Du selbst, mein Knig, hast sie unbekannt
Im wilden drang der Jagd um dich gesehn.
Ja, heute noch! Die Amazonentochter,
Die in den Fluss dem Hirsche sich zuerst
Auf raschem Pferde flchtig nachgestrzt.

Knig.
Wir sorgten alle fr das edle Kind!
Ich freue mich, sie mir verwandt zu hren.

Herzog.
Und nicht zum ersten Mal empfand ich heute,
Wie Stolz und Sorge, Vaterglck und Angst
Zu bermenschlichem Gefhl sich mischen.

Knig.
Gewaltsam und behnde riss das Pferd
Sich und die Reiterin auf jenes Ufer,
In dicht bewachsner Hgel Dunkelheit.
Und so verschwand sie mir.

Herzog.
                        Noch einmal hat
Mein Auge sie gesehen, eh' ich sie
Im Labyrinth der hast'gen Jagd verlor.
Wer wei, welch ferne Gegend sie durchstreift,
Verdrossnen Muts, am Ziel sich nicht zu finden,
Wo, ihrem angebeteten Monarchen sich
In ehrerbietiger Entfernung anzunhern,
Allein ihr jetzt erlaubt ist, bis er sie
Als Blte seines hoch bejahrten Stammes
Mit kniglicher Huld zu gren wrdigt.

Knig.
Welch ein Getmmel seh' ich dort entstehn?
Welch einen Zulauf nach den Felsenwnden?

(Er winkt nach der Szene.)



Zweiter Auftritt
Die Vorigen. Graf.

Knig.
Warum versammelt sich die Menge dort?

Graf.
Die khne Reiterin ist eben jetzt
Von jener Felsenwand herabgestrzt.

Herzog.
Gott!

Knig.
        Ist sie sehr beschdigt?

Graf.
                        Eilig hat
Man deinen Wundarzt, Herr, dahin gerufen.

Herzog.
Was zaudr' ich? Ist sie tot, so bleibt mir nichts,
Was mich im Leben lnger halten kann.



Dritter Auftritt
Knig. Graf.

Knig.
Kennst du den Anlass der Begebenheit?

Graf.
Vor meinen Augen hat sie sich ereignet.
Ein starker Trupp von Reitern, welcher sich
Durch Zufall von der Jagd getrennt gesehn,
Gefhrt von dieser Schnen, zeigte sich
Auf jener Klippen Wald bewachsner Hhe.
Sie hren, sehen unten in dem Tal
Den Jagdgebrauch vollendet, sehn den Hirsch
Als Beute liegen seiner klffenden
Verfolger. Schnell zerstreuet sich die Schar,
Und jeder sucht sich einzeln seinen Pfad,
Hier oder dort, mehr oder weniger
Durch einen Umweg. Sie allein besinnt
Sich keinen Augenblick und ntiget
Ihr Pferd von Klipp' zu Klippe grad' herein.
Des Frevels Glck betrachten wir erstaunt;
Denn ihr gelingt es eine Weile, doch
Am untern stielen Abhang gehen dem Pferde
Die letzten, schmalen Klippenstufen aus,
Es strzt herunter, sie mit ihm. So viel
Konnt' ich bemerken, eh' der Menge Drang
Sie mir verdeckte. Doch ich hrte bald
Nach deinem Arzte rufen. So erschein' ich nun
Auf deinen Wink, den Vorfall zu berichten.

Knig.
O mge sie ihm bleiben! Frchterlich
Ist einer, der nichts zu verlieren hat.

Graf.
So hat ihm dieser Schrecken das Geheimnis
Auf einmal abgezwungen, das er sonst
Mit so viel Klugheit zu verbergen strebte?

Knig.
Er hatte schon sich vllig mir vertraut.

Graf.
Die Lippen ffnet ihm der Frstin Tod,
Nun zu bekennen, was fr Hof und Stadt
Ein offenbar Geheimnis lange war.
Es ist ein eigner, grillenhafter Zug,
Dass wir durch Schweigen das Geschehene
Fr uns und andre zu vernichten glauben.

Knig.
O lass dem Menschen diesen edlen Stolz!
Gar vieles kann, gar vieles muss geschehn,
Was man mit Worten nicht bekennen darf.

Graf.
Man bringt sie, frcht' ich, ohne Leben her!

Knig.
Welch unerwartet schreckliches Ereignis!



Vierter Auftritt
Die Vorigen. Eugenie, auf zusammen geflochtenen sten fr tot
herein getragen. Herzog. Wundarzt. Gefolge.

Herzog (zum Wundarzt).
Wenn deine Kunst nur irgend was vermag,
Erfahrner Mann, dem unsres Knigs Leben,
Das unschtzbare Gut, vertraut ist, lass
Ihr helles Auge sich noch einmal ffnen,
Dass Hoffnung mir in diesem Blick erscheine!
Dass aus der Tiefe meines Jammers ich
Nur Augenblicke noch gerettet werde!
Vermagst du dann nichts weiter, kannst du sie
Nur wenige Minuten mir erhalten:
So lasst mich eilen, vor ihr hinzusterben,
Dass ich im Augenblick des Todes noch
Getrstet rufe: Meine Tochter lebt!

Knig.
Entferne dich, mein Oheim! Dass ich hier
Die Vaterpflichten treulich bernehme.
Nichts unversucht lsst dieser wackre Mann.
Gewissenhaft, als lg' ich selber hier,
Wird er um deine Tochter sich bemhen.

Herzog.
Sie regt sich!

Knig.
            Ist es wahr?

Graf.
                        Sie regt sich!

Herzog.
                                Starr
Blickt sie zum Himmel, blickt verirrt umher.
Sie lebt! Sie lebt!

Knig (ein wenig zurcktretend).
                Verdoppelt eure Sorge!

Herzog.
Sie lebt! Sie lebt! Sie hat dem Tage wieder
Ihr Aug' erffnet. Ja! Sie wird nun bald
Auch ihren Vater, ihre Freunde kennen.
Nicht so umher, mein liebes Kind, verschwende
Die Blicke staunend, ungewiss; auf mich,
Auf deinen Vater wende sie zuerst.
Erkenne mich, lass meine Stimme dir
Zuerst das Ohr berhren, da du uns
Aus jener stummen Nacht zurckekehrst.

Eugenie (die indes nach und nach zu sich gekommen ist und sich
aufgerichtet hat).
Was ist aus uns geworden?

Herzog.
                        Kenne mich
Nur erst!--Erkennst du mich?

Eugenie.
                            Mein Vater!

Herzog.
                                    Ja!
Dein Vater, den mit diesen holden Tnen
Du aus den Armen der Verzweiflung rettest.

Eugenie.
Wer bracht' uns unter diese Bume?

Herzog (dem der Wundarzt ein weies Tuch gegeben).
                                Bleib
Gelassen, meine Tochter! Diese Strkung,
Nimm sie mit Ruhe, mit Vertrauen an!

Eugenie (Sie nimmt dem Vater das Tuch ab, das er ihr vorgehalten,
und verbirgt ihr Gesicht darin. Dann steht sie schnell auf, indem
sie das Tuch vom Gesicht nimmt).
Da bin ich wieder!--Ja, nun wei ich alles.
Dort oben hielt ich, dort verma ich mich
Herab zu reiten, grad' herab. Verzeih!
Nicht wahr, ich bin gestrzt? Vergibst du mir's?
Fr tot hob man mich auf? Mein guter Vater!
Und wirst du die Verwegne lieben knnen,
Die solche bittre Schmerzen dir gebracht?

Herzog.
Zu wissen glaubt' ich, welch ein edler Schatz
In dir, o Tochter, mir beschieden ist;
Nun steigert mir gefrchteter Verlust
Des Glcks Empfindung ins Unendliche.

Knig (der sich bisher im Grunde mit dem Wundarzt und dem Grafen
unterhalten, zu dem letzten).
Entferne jedermann! Ich will sie sprechen.



Fnfter Auftritt
Knig. Herzog. Eugenie.

Knig (nher tretend).
Hat sich die wackre Reiterin erholt?
Hast sie sich nicht beschdigt?

Herzog.
                        Nein, mein Knig!
Und was noch brig ist von Schreck und Weh,
Nimmst du, o Herr, durch deinen milden Blick,
Durch deiner Worte sanften Ton hinweg.

Knig.
Und wem gehrt es an, das liebe Kind?

Herzog (nach einer Pause).
Da du mich fragst, so darf ich dir bekennen;
Da du gebietest, darf ich sie vor dich
Als meine Tochter stellen.

Knig.
                        Deine Tochter?
So hat fr dich das Glck, mein lieber Oheim,
Unendlich mehr als das Gesetz getan.

Eugenie.
Wohl muss ich fragen, ob ich wirklich denn
Aus jener tdlichen Betubung mich
Ins Leben wieder aufgerafft? Und ob,
Was mir begegnet, nicht ein Traumbild sei?
Mein Vater nennt vor seinem Knige
Mich seine Tochter. O, so bin ich's auch!
Der Oheim eines Kniges bekennt
Mich fr sein Kind, so bin ich denn die Nichte
Des groen Knigs. O verzeihe mir
Die Majestt! Wenn aus geheimnisvollem,
Verborgnem Zustand ich, ans Licht auf einmal
Hervor gerissen und geblendet, mich,
Unsicher, schwankend, nicht zu fassen wei.

(Sie wirft sich vor dem Knig nieder.)

Knig.
Mag diese Stellung die Ergebenheit
In dein Geschick von Jugend auf bezeichnen,
Die Demut, deren unbequeme Pflicht
Du, deiner hheren Geburt bewusst,
So manches Jahr im Stillen ausgebt!
Doch sei auch nun, wenn ich von meinen Fen
Zu meinem Herzen dich herauf gehoben,

(Er hebt sie auf und drckt sie sanft an sich.)

Wenn ich des Oheims heil'gen Vaterkuss
Auf dieser Stirne schnen Raum gedrckt,
So sei dies auch ein Zeichen, sei ein Siegel,
Dich, die Verwandte, hab' ich anerkannt
Und werde bald, was hier geheim geschah,
Vor meines Hofes Augen wiederholen.

Herzog.
So groe Gabe fordert ungeteilten
Und unbegrenzten Dank des ganzen Lebens.

Eugenie.
Von edlen Mnnern hab' ich viel gelernt,
Auch manches lehrte mich mein eigen Herz;
Doch meinen Knig anzureden, bin
Ich nicht entfernterweise vorbereitet.
Doch wenn ich schon das ganz Gehrige
Dir nicht zu sagen wei, so mcht' ich doch
Vor dir, o Herr, nicht ungeschickt verstummen.
Was fehlte dir? Was wre dir zu bringen?
Die Flle selber, die zu dir sich drngt,
Fliet nur fr andere strmend wieder fort.
Hier stehen Tausende, dich zu beschtzen,
Hier wirken Tausende nach deinem Wink;
Und wenn der einzelne dir Herz und Geist
Und Arm und Leben frhlich opfern wollte;
In solcher groen Menge zhlt er nicht,
Er muss vor dir und vor sich selbst verschwinden.

Knig.
Wenn dir die Menge, gutes, edles Kind,
Bedeutend scheinen mag, so tadl' ich's nicht;
Sie ist bedeutend, mehr noch aber sind's
Die wenigen, geschaffen, dieser Menge
Durch Wirken, Bilden, Herrschen vorzustehn.
Berief hierzu den Knig die Geburt,
So sind ihm seine nchsten Anverwandten
Geborne Rte, die, mit ihm vereint,
Das Reich beschtzen und beglcken sollten.
O trte doch in diese Regionen,
Zum Rate dieser hohen Wchter nie
Vermummte Zwietracht, leise wirkend, ein!
Dir, edle Nichte, geb' ich einen Vater
Durch allgewalt'gen kniglichen Spruch;
Erhalte mir nun auch, gewinne mir
Des nah verwandten Mannes Herz und Stimme!
Gar viele Widersacher hat ein Frst,
O lass ihn jene Seite nicht verstrken!

Herzog.
Mit welchem Vorwurf krnkest du mein Herz!

Eugenie.
Wie unverstndlich sind mir diese Worte!

Knig.
O lerne sie nicht allzu frh verstehn!
Dir Pforten unsres kniglichen Hauses
Erffn' ich dir mit eigner Hand; ich fhre
Auf glatten Marmorboden dich hinein.
Noch staunst du dich, noch staunst du alles an,
Und in den innern Tiefen ahnest du
Nur sichre Wrde mit Zufriedenheit.
Du wirst es anders finden! Ja, du bist
In eine Zeit gekommen, wo dein Knig
Dich nicht zum heitren, frohen Feste ruft,
Wenn er den Tag, der ihm das Leben gab,
In kurzem feiern wird; doch soll der Tag
Um deinetwillen mir willkommen sein;
Dort werd' ich dich im offnen Kreise sehn,
Und aller Augen werden auf dir haften.
Die schnste Zierde gab dir die Natur;
Und dass der Schmuck der Frstin wrdig sei,
Die Sorge lass dem Vater, lass dem Knig.

Eugenie.
Der freud'gen berraschung lauter Schrei,
Bedeutender Gebrde dringend Streben,
Vermchten sie die Wonne zu bezeugen,
Die du dem Herzen schaffend aufgeregt?
Zu deinen Fen, Herr, lass mich verstummen.

(Sie will knien.)

Knig (hlt sie ab).
Du sollst nicht knien.

Eugenie.
Lass, o lass mich hier
Der vlligsten Ergebung Glck genieen.
Wenn wir in raschen, mutigen Momenten
Auf unsern Fen stehen, strack und khn,
Als eigner Sttze froh uns selbst vertraun,
Dann scheint uns Welt und Himmel zu gehren.
Doch was in Augenblicken der Entzckung
Die Knie beugt, ist auch ein s Gefhl.
Und was wir unserm Vater, Knig, Gott
Von Wonnedank, von ungemessner Liebe
Zum reinsten Opfer bringen mchten, drckt
In dieser Stellung sich am besten aus.

(Sie fllt vor ihm nieder.)

Herzog (kniet).
Erneute Huldigung gestatte mir.

Eugenie.
Zu ewigen Vasallen nimm uns an.

Knig.
Erhebt euch denn und stellt euch neben mich,
Ins Chor der Treuen, die an meiner Seite
Das Rechte, das Bestndige beschtzen.
O diese Zeit hat frchterliche Zeichen:
Das Niedre schwillt, das Hohe senkt sich nieder,
Als knnte jeder nur am Platz des andern
Befriedigung verworrner Wnsche finden,
Nur dann sich glcklich fhlen, wenn nichts mehr
Zu unterscheiden wre, wenn wir alle,
Von einem Strom vermischt dahin gerissen,
Im Ozean uns unbemerkt verlren.
O lasst uns widerstehen, lasst uns tapfer,
Was uns und unser Volk erhalten kann,
Mit doppelt neu vereinter Kraft erhalten!
Lasst endlich uns den alten Zwist vergessen,
Der Groe gegen Groe reizt, von innen
Das Schiff durchbohrt, das, gegen ure Wellen
Geschlossen kmpfend, nur sich halten kann.

Eugenie.
Welch frisch wohltt'ger Glanz umleuchtet mich
Und regt mich auf, anstatt mich zu verblenden!
Wie! Unser Knig achtet uns so sehr,
Um zu gestehen, dass er uns bedarf;
Wir sind ihm nicht Verwandte nur, wir sind
Durch sein Vertraun zum hchsten Platz erhoben.
Und wenn die Edlen seines Knigreichs
Um ihn sich drngen, seine Brust zu schtzen,
So fordert er uns auf zu grerem Dienst.
Die Herzen dem Regenten zu erhalten,
Ist jedes Wohlgesinnten hchste Pflicht;
Denn, wo er wankt, wankt das gemeine Wesen,
Und wenn er fllt, mit ihm strzt alles hin.
Die Jugend, sagt man, bilde sich zu viel
Auf ihre Kraft, auf ihren Willen ein;
Doch dieser Wille, diese Kraft, auf ewig,
Was sie vermgen, dir gehrt es an.

Herzog.
Des Kindes Zuversicht, erhabner Frst,
Weit du zu schtzen, weit du zu verzeihen.
Und wenn der Vater, der erfahrne Mann,
Die Gabe dieses Tags, die nchste Hoffnung
In ihrem ganzen Werte fhlt und wgt,
So bist du seines vollen Danks gewiss.

Knig.
Wir wollen bald einander wieder sehn,
An jenem Fest, wo sich die treuen Meinen
Der Stunde freun, die mir das Licht gegeben.
Dich geb' ich, edles Kind, an diesem Tage
Der groen Welt, dem Hofe, deinem Vater
Und mir. Am Throne glnze dein Geschick.
Doch bis dahin verlang' ich von euch beiden
Verschwiegenheit. Was unter uns geschehn,
Erfahre niemand. Missgunst lauert auf,
Schnell regt sie Wog' auf Woge, Sturm auf Sturm;
Das Fahrzeug treibt an jhe Klippen hin,
Wo selbst der Steurer nicht zu retten wei.
Geheimnis nur verbrget unsre Taten;
Ein Vorsatz, mitgeteilt, ist nicht mehr dein;
Der Zufall spielt mit deinem Willen schon;
Selbst wer gebieten kann, muss berraschen.
Ja, mit dem besten Willen leisten wir
So wenig, weil uns tausend Willen kreuzen.
O wre mir zu meinen reinen Wnschen
Auch volle Kraft auf kurze Zeit gegeben;
Bis an den letzten Herd im Knigreich
Empfnde man des Vaters warme Sorge.
Begngte sollten unter niedrem Dach,
Begngte sollten im Palaste wohnen.
Und htt' ich einmal ihres Glcks genossen,
Entsagt' ich gern dem Throne, gern der Welt.



Sechster Auftritt
Herzog. Eugenie.

Eugenie.
O welch ein selig jubelvoller Tag!

Herzog.
O mcht' ich Tag' auf Tage so erleben!

Eugenie.
Wie gttlich hat der Knig uns beglckt.

Herzog.
Geniee rein so ungehoffte Gaben.

Eugenie.
Er scheint nicht glcklich, ach! Und ist so gut.

Herzog.
Die Gte selbst erregt oft Widerstand.

Eugenie.
Wer ist so hart, sich ihm zu widersetzen?

Herzog.
Der Heil des Ganzen von der Strenge hofft.

Eugenie.
Des Knigs Milde sollte Milde zeugen.

Herzog.
Des Knigs Milde zeugt Verwegenheit.

Eugenie.
Wie edel hat ihn die Natur gebildet.

Herzog.
Doch auf zu hohen Platz hinaufgestellt.

Eugenie.
Und ihn mit so viel Tugend ausgestattet.

Herzog.
Zur Huslichkeit, zum Regimente nicht.

Eugenie.
Von altem Heldenstamme grnt er auf.

Herzog.
Die Kraft entgeht vielleicht dem spten Zweige.

Eugenie.
Die Schwche zu vertreten, sind wir da.

Herzog.
Sobald er unsre Strke nicht verkennt.

Eugenie (nachdenklich).
Mich leiten seine Reden zum Verdacht.

Herzog.
Was sinnest du? Enthlle mir dein Herz.

Eugenie (nach einer Pause).
Auch du bist unter denen, die er frchtet.

Herzog.
Er frchte jene, die zu frchten sind.

Eugenie.
Und sollten ihm geheime Feinde drohen?

Herzog.
Wer die Gefahr verheimlicht, ist ein Feind.
Wo sind wir hingeraten! Meine Tochter!
Wie hat der sonderbarste Zufall uns
Auf einmal weggerissen nach dem Ziel.
Unvorbereitet red' ich, bereilt
Verwirr' ich dich, anstatt dich aufzuklren.
So musste dir der Jugend heitres Glck
Beim ersten Eintritt in die Welt verschwinden.
Du konntest nicht in ser Trunkenheit
Der blendenden Befriedigung genieen.
Das Ziel erreichst du; doch des falschen Kranzes
Verborgne Dornen ritzen deine Hand.
Geliebtes Kind! So sollt' es nicht geschehn!
Erst nach und nach, so hofft' ich, wrdest du
Dich aus Beschrnkung an die Welt gewhnen,
Erst nach und nach den liebsten Hoffnungen
Entsagen lernen, manchem holden Wunsch.
Und nun auf einmal, wie der jhe Sturz
Dir vorbedeutet, bist du in den Kreis
Der Sorgen, der Gefahr herabgestrzt.
Misstrauen atmet man in dieser Luft,
Der Neid verhetzt ein fieberhaftes Blut
Und bergibt dem Kummer seine Kranken.
Ach, soll ich nun nicht mehr ins Paradies,
Das dich umgab, am Abend wieder kehren,
Zu deiner Unschuld heil'gen Vorgefhl
Mich von der Welt gedrngter Posse retten!
Du wirst fortan, mit mir ins Netz verstrickt,
Gelhmt, verworren, dich und mich betrauern.

Eugenie.
Nicht so, mein Vater! Konnt' ich schon bisher,
Unttig, abgesondert, eingeschlossen,
Ein kindlich Nichts, die reinste Wonne dir,
Schon in des Daseins Unbedeutenheit
Erholung, Trost und Lebenslust gewhren:
Wie soll die Tochter erst, in dein Geschick
Verflochten, im Gewebe deines Lebens
Als heitrer bunter Faden knftig glnzen!
Ich nehme teil an jeder edlen Tat,
An jeder groen Handlung, die den Vater
Dem Knig und dem Reiche werter macht.
Mein frischer Sinn, die jugendliche Lust,
Die mich belebt, sie teilen dir sich mit,
Verscheuchen jene Trume, die der Welt
Unberwindlich ungeheure Last
Auf eine Menschenbrust zerknirschend wlzen.
Wenn ich dir sonst in trben Augenblicken
Ohnmcht'gen guten Willen, arme Liebe,
Dir leere Tndeleien kindlich bot;
Nun hoff' ich, eingeweiht in deine Plne,
Bekannt mit deinen Wnschen, mir das Recht
Vollbrt'ger Kindschaft rhmlich zu erwerben.

Herzog.
Was du bei diesem wicht'gen Schritt verlierst,
Erscheint dir ohne Wert und ohne Wrde;
Was du erwartest, schtzest du zu sehr.

Eugenie.
Mit hoch erhabnen, hoch beglckten Mnnern
Gewalt'ges Ansehn, wrd'gen Einfluss teilen,
Fr edle Seelen reizender Gewinn!

Herzog.
Gewiss! Vergib, wenn du in dieser Stunde
Mich schwcher findest, als dem Manne ziemt.
Wir tauschten sonderbar die Pflichten um:
Ich soll dich leiten, und du leitest mich.

Eugenie.
Wohl denn, mein Vater, tritt mit mir herauf
In diese Regionen, wo mir eben
Die neue, heitre Sonne sich erhebt!
In diesen muntren Stunden lchle nur,
Wenn ich den Inbegriff von meinen Sorgen
Dir auch erffne.

Herzog.
                Sage, was es ist.

Eugenie.
Der wichtigen Momente gibt's im Leben
Gar manche, die mit Freude, die mit Trauer
Des Menschen Herz bestrmen. Wenn der Mann
Sein ueres in solchem Fall vergisst,
Nachlssig oft sich vor die Menge stellt,
So wnscht ein Weib noch, jedem zu gefallen,
Durch ausgesuchte Tracht, vollkommnen Schmuck
Beneidenswert vor andern zu erscheinen.
Das hab' ich oft gehrt und oft bemerkt,
Und nun empfind' ich im bedeutendsten
Momente meines Lebens, dass auch ich
Der mdchenhaften Schwachheit schuldig bin.

Herzog.
Was kannst du wnschen, das du nicht erlangst?

Eugenie.
Du bist geneigt, mir alles zu gewhren,
Ich wei es. Doch der groe Tag ist nah,
Zu nah, um alles wrdig zu bereiten;
Und was von Stoffen, Stickerei und Spitzen,
Was von Juwelen mich umgeben soll,
Wie kann's geschafft, wie kann's vollendet werden?

Herzog.
Uns berrascht lngst gewnschtes Glck;
Doch vorbereitet knnen wir's empfangen.
Was du bedarfst, ist alles angeschafft,
Und heute noch, verwahrt im edlen Schrein,
Erhltst du Gaben, die du nicht erwartet.
Doch leichte Prfung leg' ich dir dabei
Zum Vorbild mancher knftig schweren auf.
Hier ist der Schlssel! Den verwahre wohl!
Bezhme deine Neugier! ffne nicht,
Eh' ich dich wieder sehe, jenen Schatz.
Vertraue niemand, sei es, wer es sei.
Die Klugheit rt's, der Knig selbst gebeut's.

Eugenie.
Dem Mdchen sinnst du harte Prfung aus;
Doch will ich sie bestehn, ich schwr' es dir!

Herzog.
Mein eigner wster Sohn umlauert ja
Die stillen Wege, die ich dich gefhrt.
Der Gter kleinen Teil, den ich bisher
Dir schuldig zugewandt, missgnnt er schon.
Erfhr' er, dass du, hher nun empor
Durch unsres Knigs Gunst gehoben, bald
In manchem Recht ihm gleich dich stellen knntest,
Wie msst' er wten! Wrd' er tckisch nicht,
Den schnen Schritt zu hindern, alles tun?

Eugenie.
Lass uns im Stillen jenen Tag erharren.
Und wenn geschehn ist, was mich seine Schwester
Zu nennen mich berechtigt, soll's an mir,
Soll's an geflligem Betragen, guten Worten,
Nachgiebigkeit und Neigung nicht gebrechen.
Er ist dein Sohn; und sollt' er nicht nach dir
Zur Liebe, zur Vernunft gebildet sein?

Herzog.
Ich traue dir ein jedes Wunder zu,
Verrichte sie zu meines Hauses Bestem
Und lebe wohl. Doch ach! Indem ich scheide,
Befllt mich grausend jher Furcht Gewalt.
Hier lagst du tot in meinen Armen! Hier
Bezwang mich der Verzweiflung Tigerklaue.
Wer nimmt das Bild vor meinen Augen weg!
Dich hab' ich tot gesehn! So wirst du mir
An manchem Tag, in mancher Nacht erscheinen.
War ich entfernt von dir nicht stets besorgt?
Nun ist's nicht mehr ein kranker Grillentraum,
Es ist ein wahres, unauslschlichs Bild:
Eugenie, das Leben meines Lebens,
Bleich, hingesunken, atemlos, entseelt.

Eugenie.
Erneue nicht, was du entfernen solltest,
Lass diesen Sturz, lass diese Rettung dir
Als wertes Pfand erscheinen meines Glcks.
Lebendig siehst du sie vor deinen Augen

(Indem sie ihn umarmt.)

Und fhlst lebendig sie an deiner Brust.
So lass mich immer, immer wieder kehren!
Und vor dem glhnden, liebevollen Leben
Entweiche des verhassten Todes Bild.

Herzog.
Kann wohl ein Kind empfinden, wie den Vater
Die Sorge mglichen Verlustes qult?
Gesteh' ich's nur! Wie fters hat mich schon
Dein berkhner Mut, mit dem du dich,
Als wie ans Pferd gewachsen, voll Gefhl
Der doppelten, zentaurischen Gewalt,
Durch Tal und Berg, durch Fluss und Graben schleuderst,
Wie sich ein Vogel durch die Lfte wirft,
Ach! fters mehr gengstigt als entzckt.
Dass doch gemigter dein Trieb fortan
Der ritterlichen bung sich erfreue!

Eugenie.
Dem Ungemessnen beugt sich die Gefahr,
Beschlichen wird das Mige von ihr.
O fhle jetzt wie damals, da du mich,
Ein kleines Kind, in ritterliche Weise
Mit heitrer Khnheit frhlich eingeweiht.

Herzog.
Ich hatte damals unrecht; soll mich nun
Ein langes Leben sorgenvoll bestrafen?
Und locket bung des Gefhrlichen
Nicht die Gefahr an uns heran?

Eugenie.
                        Das Glck,
Und nicht die Sorge bndigt die Gefahr.
Leb' wohl, mein Vater, folge deinem Knig,
Und sei nun auch um deiner Tochter willen
Sein redlicher Vasall, sein treuer Freund.
Leb' wohl!

Herzog.
            O bleib! Und steh an diesem Platz
Lebendig, aufrecht, noch einmal, wie du
Ins Leben wieder aufsprangst, wo mit Wonne
Du mein zerrissen Herz erfllend heiltest.
Unfruchtbar bleibe diese Freude nicht!
Zum ew'gen Denkmal weih' ich diesen Ort.
Hier soll ein Tempel aufstehn, der Genesung,
Der glcklichsten, gewidmet. Rings umher
Soll deine Hand ein Feenreich erschaffen.
Den wilden Wald, das struppige Gebsch
Soll sanfter Gnge Labyrinth verknpfen.
Der steile Fels wird gangbar, dieser Bach,
In reinen Spiegeln fllt er hier und dort.
Der berraschte Wandrer fhlt sich hier
Ins Paradies versetzt. Hier soll kein Schuss,
Solang ich lebe, fallen, hier kein Vogel
Von seinem Zweig, kein Wild in seinem Busch
Geschreckt, verwundet, hingeschmettert werden.
Hier will ich her, wenn mir der Augen Licht,
Wenn mir der Fe Kraft zuletzt versagt,
Auf dich gelehnt, wallfahrten; immer soll
Des gleichen Danks Empfindung mich beleben.
Nun aber lebe wohl! Und wie?--Du weinst?

Eugenie.
O! Wenn mein Vater ngstlich frchten darf,
Die Tochter zu verlieren, soll in mir
Sich keine Sorge regen, ihn vielleicht--
Wie kann ich's denken, sagen--ihn zu missen?
Verwaiste Vter sind beklagenswert;
Allein verwaiste Kinder sind es mehr.
Und ich, die rmste, stnde ganz allein
Auf dieser weiten, fremden, wilden Welt,
Msst' ich von ihm, dem Einzigen, mich trennen.

Herzog.
Wie du mich strktest, geb' ich dir's zurck.
Lass uns getrost, wie immer, vorwrts gehen!
Das Leben ist des Lebens Pfand; es ruht
Nur auf sich selbst und muss sich selbst verbrgen.
Drum lass uns eilige auseinander scheiden!
Von diesem allzu weichen Lebewohl
Soll ein erfreulich wieder Sehn uns heilen!

(Sie trennen sich schnell; aus der Entfernung werfen sie sich
mit ausgebreiteten Armen ein Lebewohl zu und gehen eilig ab.)




Zweiter Aufzug
(Zimmer Eugenies, im gotischen Stil.)



Erster Auftritt
Hofmeisterin. Sekretr.

Sekretr.
Verdien' ich, dass du mich, im Augenblick,
Da ich erwnschte Nachricht bringe, fliehst?
Vernimm nur erst, was ich zu sagen habe!

Hofmeisterin.
Wohin es deutet, fhl' ich nur zu sehr.
O lass mein Auge vom bekannten Blick,
Mein Ohr sich von bekannter Stimme wenden!
Entfliehen lass mich der Gewalt, die, sonst
Durch Lieb' und Freundschaft wirksam, frchterlich
Wie ein Gespenst mir nun zur Seite steht.

Sekretr.
Wenn ich des Glckes Fllhorn dir auf einmal
Nach langem Hoffen vor die Fe schtte,
Wenn sich die Morgenrte jenes Tags,
Der unsern Bund auf ewig grnden soll,
Am Horizonte feierlich erhebt,
So scheinst du nun verlegen, widerwillig
Den Antrag eines Brutigams zu fliehn.

Hofmeisterin.
Du zeigst mir nur die eine Seite dar,
Sie glnzt und leuchtet, wie im Sonnenschein
Die Welt erfreulich daliegt; aber hinten
Droht schwarzer Nchte Graus, ich ahn' ihn schon.

Sekretr.
So lass uns erst die schne Seite sehn!
Verlangst du Wohnung, mitten in der Stadt,
Gerumig, heiter, trefflich ausgestattet,
Wie man's fr sich, so wie fr Gste wnscht?
Sie ist bereit, der nchste Winter findet
Uns festlich dort umgeben, wenn du willst.
Sehnst du im Frhling dich aufs Land, auch dort
Ist uns ein Haus, ein Garten uns bestimmt,
Ein reiches Feld. Und was Erfreuliches
An Waldung, Busch, an Wiesen, Bach und Seen
Sich Phantasie zusammendrngen mag,
Genieen wir, zum Teil als unser eignes,
Zum Teil als allgemeines Gut. Wobei
Noch manche Rente gar bequem vergnnt,
Durch Sparsamkeit ein sichres Glck zu steigern.

Hofmeisterin.
In trbe Wolken hllt sich jenes Bild,
So heiter du es malst, vor meinen Augen.
Nicht wnschenswert, abscheulich naht sich mir
Der Gott der Welt im berfluss heran.
Was fr ein Opfer fordert er? Das Glck
Des holden Zglings msst' ich morden helfen!
Und was ein solch Verbrechen mir erwarb,
Ich sollt' es je mit freier Brust genieen?
Eugenie! Du, deren holdes Wesen
In meiner Nhe sich von Jugend auf
Aus reicher Flle rein entwickeln sollte,
Kann ich noch unterscheiden, was an dir
Dein eigen ist, und was du mir verdankst?
Dich, die ich als mein selbst gebildet Werk
Im Herzen trage, sollt' ich nun zerstren?
Von welchem Stoffe seid ihr denn geformt,
Ihr Grausamen, dass eine solche Tat
Ihr fordern drft und zu belohnen glaubt?

Sekretr.
Gar manchen Schatz bewahrt von Jugend auf
Ein edles, gutes Herz und bildet ihn
Nur immer schner, liebenswrd'ger aus
Zur holden Gottheit des geheimen Tempels;
Doch wenn das Mchtige, das uns regiert,
Ein groes Opfer heischt, wir bringen's doch
Mit blutendem Gefhl der Not zuletzt.
Zwei Welten sind es, meine Liebe, die,
Gewaltsam sich bekmpfend, uns bedrngen,

Hofmeisterin.
In vllig fremder Welt fr mein Gefhl
Scheinst du zu wandeln, da du deinem Herrn,
Dem edlen Herzog, solche Jammertage
Verrterisch bereitest, zur Partei
Des Sohns dich fgest--Wenn das Waltende
Verbrechen zu begnst'gen scheinen mag,
So nennen wir es Zufall; doch der Mensch,
Der ganz besonnen solche Tat erwhlt,
Er ist ein Rtsel.--Doch--und bin ich nicht
Mir auch ein Rtsel, dass ich noch an dir
Mit solcher Neigung hnge, da du mich
Zum jhen Abgrund hinzureien strebst?
Warum o! Schuf dich die Natur von auen
Gefllig, liebenswert, unwiderstehlich,
Wenn sie ein kaltes Herz in deinen Busen,
Ein Glck zerstrendes, zu pflanzen dachte?

Sekretr.
An meiner Neigung Wrme zweifelst du?

Hofmeisterin.
Ich wrde mich vernichten, wenn ich's knnte.
Doch ach! Warum, und mit verhasstem Plan,
Aufs Neue mich bestrmen? Schwurst du nicht,
In ew'ge Nacht das Schrecknis zu begraben?

Sekretr.
Ach leider drngt sich's mchtiger hervor.
Den jungen Frsten zwingt man zum Entschluss.
Erst blieb Eugenie so manches Jahr
Ein unbedeutend unbekanntes Kind.
Du hast sie selbst von ihren ersten Tagen
In diesen alten Slen auferzogen,
Von wenigen besucht und heimlich nur.
Doch wie verheimlichte sich Vaterliebe!
Der Herzog, stolz auf seiner Tochter Wert,
Lsst nach und nach sie ffentlich erscheinen;
Sie zeigt sich reitend, fahrend. Jeder fragt
Und jeder wei zuletzt, woher sie sei.
Nun ist die Mutter tot. Der stolzen Frau
War dieses Kind ein Gruel, das ihr nur
Der Neigung Schwche vorzuwerfen schien.
Nie hat sie's anerkannt und kaum gesehn.
Durch ihren Tod fhlt sich der Herzog frei,
Entwirft geheime Plne, nhert sich
Dem Hofe wieder und entsagt zuletzt
Dem alten Groll, vershnt sich mit dem Knig
Und macht sich's zur Bedingung, dieses Kind
Als Frstin seines Stamms erklrt zu sehn.

Hofmeisterin.
Und gnnt ihr dieser kstlichen Natur
Vom Frstenblute nicht das Glck des Rechts?

Sekretr.
Geliebte, Teure! Sprichst du doch so leicht,
Durch diese Mauern von der Welt geschieden,
In klsterlichem sinne von dem Wert
Der Erdengter. Blicke nur hinaus!
Dort wgt man besser solchen edlen Schatz.
Der Vater neidet ihn dem Sohn, der Sohn
Berechnet seines Vaters Jahre, Brder
Entzweit ein ungewisses Recht auf Tod
Und Leben. Selbst der Geistliche vergisst,
Wohin er streben soll, und strebt nach Gold.
Verdchte man's dem Prinzen, der sich stets
Als einz'gen Sohn gefhlt, wenn er sich nun
Die Schwester nicht gefallen lassen will,
Die, eingedrungen, ihm das Erbteil schmlert?
Man stelle sich an seinen Platz und richte.

Hofmeisterin.
Und ist er nicht schon jetzt ein reicher Frst?
Und wird er's nicht durch seines Vaters Tod
Zum berma? Wie wr' ein Teil der Gter
So kstlich angelegt, wenn er dafr
Die holde Schwester zu gewinnen wsste!

Sekretr.
Willkrlich handeln ist des Reichen Glck!
Er widerspricht der Fordrung der Natur,
Der Stimme des Gesetzes, der Vernunft,
Und spendet an den Zufall seine Gaben.
Genug besitzen hiee darben. Alles
Bedrfte man! Unendlicher Verschwendung
Sind ungemessne Gter wnschenswert.
Hier denke nicht zu raten, nicht zu mildern;
Kannst du mit uns nicht wirken, gib uns auf!

Hofmeisterin.
Und was denn wirken? Lange droht ihr schon
Von fern dem Glck des liebenswrd'gen Kindes.
Was habt ihr denn in eurem furchtbarn Rat
Beschlossen ber sie? Verlangt ihr etwa,
Dass ich mich blind zu eurer Tat geselle?

Sekretr.
Mitnichten! Hren kannst und sollst du gleich,
Was zu beginnen, was von dir zu fordern
Wir selbst gentigt sind. Eugenien
Sollst du entfhren! Sie muss dergestalt
Auf einmal aus der Welt verschwinden, dass
Wir sie getrost als tot beweinen knnen;
Verborgen muss ihr knftiges Geschick,
Wie das Geschick der Toten, ewig bleiben.

Hofmeisterin.
Lebendig weiht ihr sie dem Grabe, mich
Bestimmt ihr tckisch zur Begleiterin.
Mich stot ihr mit hinab. Ich soll mit ihr,
Mit der Verratnen die Verrterin,
Der Toten Schicksal vor dem Tode teilen.

Sekretr.
Du fhrst sie hin und kehrest gleich zurck.

Hofmeisterin.
Soll sie im Kloster ihre Tage schlieen?

Sekretr.
Im Kloster nicht; wir mgen solch ein Pfand
Der Geistlichkeit nicht anvertrauen, die
Es leicht als Werkzeug gegen uns gebrauchte.

Hofmeisterin.
So soll sie nach den Inseln? Sprich es aus.

Sekretr.
Du wirst's vernehmen! Jetzt beruh'ge dich.

Hofmeisterin.
Wie kann ich ruhen bei Gefahr und Not,
Die meinen Liebling, die mich selbst bedrut?

Sekretr.
Dein Liebling kann auch drben glcklich sein,
Und dich erwarten hier Genuss und Wonne.

Hofmeisterin.
O schmeichelt euch mit solcher Hoffnung nicht.
Was hilft's, in mich zu strmen? Zum Verbrechen
Mich anzulocken, mich zu drngen? Sie,
Das hohe Kind, wird euren Plan vereiteln.
Gedenkt nur nicht, sie als geduld'ges Opfer
Gefahrlos wegzuschleppen. Dieser Geist,
Der mutvoll sie beseelt, ererbte Kraft
Begleiten sie, wohin sie geht, zerreien
Das falsche Netz, womit ihr sie umgabt.

Sekretr.
Sie festzuhalten, das gelinge dir!
Willst du mich berreden, dass ein Kind,
Bisher im sanften Arm des Glcks gewiegt,
Im unverhofften Fall Besonnenheit
Und Kraft, Geschick und Klugheit zeigen werde?
Gebildet ist ihr Geist, doch nicht zur Tat,
Und wenn sie richtig fhlt und weise spricht,
So fehlt noch viel, dass sie gemessen handle.
Des Unerfahrnen hoher, freier Mut
Verliert sich leicht in Feigheit und Verzweiflung,
Wenn sich die Not ihm gegenberstellt.
Was wir gesonnen, fhre du es aus!
Klein wird das bel werden, gro das Glck.

Hofmeisterin.
So gebt mir Zeit, zu prfen und zu whlen!

Sekretr.
Der Augenblick des Handelns drngt uns schon.
Der Herzog scheint gewiss, dass ihm der Knig
Am nchsten Fest die hohe Gunst gewhren
Und seine Tochter anerkennen wolle;
Denn Kleider und Juwelen stehn bereit,
Im prcht'gen Kasten smtlich eingeschlossen,
Wozu er selbst die Schlssel wohl verwahrt
Und ein Geheimnis zu verwahren glaubt;
Wir aber wissen's wohl und sind gerstet;
Geschehen muss nun schnell das berlegte.
Heut Abend hrst du mehr. Nun lebe wohl!

Hofmeisterin.
Auf dstern Wegen wirkt ihr tckisch fort
Und whnet, euren Vorteil klar zu sehen.
Habt ihr denn jeder Ahnung euch verschlossen,
Dass ber Schuld und Unschuld, Licht verbreitend,
Ein rettend, rchend Wesen gttlich schwebt?

Sekretr.
Wer wagt, ein Herrschendes zu leugnen, das
Sich vorbehlt, den Ausgang unsrer Taten
Nach seinem einz'gen Willen zu bestimmen?
Doch wer hat sich zu seinem hohen Rat
Gesellen drfen? Wer Gesetz und Regel,
Wonach es ordnend spricht, erkennen mgen?
Verstand empfingen wir, uns mndig selbst
Im ird'schen Element zurecht zu finden,
Und was uns ntzt, ist unser hchstes Recht.

Hofmeisterin.
Und so verleugnet ihr das Gttlichste,
Wenn euch des Herzens Winke nichts bedeuten.
Mich ruft es auf, die schreckliche Gefahr
Vom holden Zgling krftig abzuwenden,
Mich gegen dich und gegen Macht und List
Beherzt zu waffnen. Kein Versprechen soll,
Kein Drohn mich von der Stelle drngen. Hier,
Zu ihrem Heil gewidmet, steh' ich fest.

Sekretr.
O meine Gute! Dies ihr Heil vermagst
Du ganz allein zu schaffen, die Gefahr
Von ihr zu wenden, magst du ganz allein,
Und zwar, indem du uns gehorchst. Ergreife
Sie schnell, die holde Tochter, fhre sie,
So weit du kannst, hinweg, verbirg sie fern
Von aller Menschen Anblick, denn--du schauderst,
Du fhlst, was ich zu sagen habe. Sei's,
Weil du mich drngest, endlich auch gesagt:
Sie zu entfernen ist das Mildeste.
Willst du zu diesem Plan nicht ttig wirken,
Denkst du, dich ihm geheim zu widersetzen,
Und wagtest du, was ich dir anvertraut,
Aus guter Ansicht irgend zu verraten,
So liegt sie tot in deinen Armen! Was
Ich selbst beweinen werde, muss geschehn.



Zweiter Auftritt
Hofmeisterin.

Die khne Drohung berrascht mich nicht!
Schon lange seh' ich dieses Feuer glimmen,
Nun schlgt es blad in lichte Flammen aus.
Um dich zu retten, muss ich, liebes Kind,
Dich deinem holden Morgentraum entreien.
Nur eine Hoffnung lindert meinen Schmerz;
Allein sie schwindet, wie ich sie ergreife.
Eugenie! Wenn du entsagen knntest
Dem hohen Glck, das unermesslich scheint,
An dessen Schwelle dir Gefahr und Tod,
Verbannung als ein Milderes begegnet.
O drft' ich dich erleuchten! Drft' ich dir
Verborgne Winkel ffnen, wo die Schar
Verschworener Verfolger tckisch lauscht!
Ach schweigen soll ich! Leise kann ich nur
Dich ahnungsvoll ermahnen; wirst du wohl
Im Taumel deiner Freude mich verstehen?



Dritter Auftritt
Eugenie. Hofmeisterin.

Eugenie.
Sei mir gegrt! Du Freundin meines Herzens,
An Mutter Statt Geliebte, sei gegrt!

Hofmeisterin.
Mit Wonne drck' ich dich an dieses Herz,
Geliebtes Kind, und freue mich der Freude,
Die reich aus Lebensflle dir entquillt.
Wie heiter glnzt dein Auge! Welch Entzcken
Umschwebet Mund und Wange! Welches Glck
Drngt aus bewegtem Busen sich hervor!

Eugenie.
Ein groes Unheil hatte mich ergriffen,
Vom Felsen strzte Ross und Reiterin.

Hofmeistern.
O Gott!

Eugenie.
Sei ruhig! Siehst du doch mich wieder,
Gesund und hoch beglckt, nach diesem Fall.

Hofmeisterin.
Und wie?

Eugenie.
Du sollst es hren, wie so schn
Aus diesem bel sich das Glck entwickelt.

Hofmeisterin.
Ach! Aus dem Glck entwickelt oft sich Schmerz.

Eugenie.
Sprich bser Vorbedeutung Wort nicht aus!
Und schrecke mich der Sorge nicht entgegen.

Hofmeisterin.
O mchtest du mir alles gleich vertrauen!

Eugenie.
Von allen Menschen dir zuerst. Nur jetzt,
Geliebte, lass mich mir. Ich muss allein
Ins eigene Gefhl mich finden lernen.
Du weit, wie hoch mein Vater sich erfreut,
Wenn unerwartet ihm ein klein Gedicht
Entgegenkommt, wie mir's der Muse Gunst
Bei manchem Anlass willig schenken mag.
Verlass mich! Eben schwebt mir's heiter vor,
Ich muss es haschen, sonst entschwindet's mir.

Hofmeisterin.
Wann soll wie sonst vertrauter Stunden Reihe
Mit reichlichen Gesprchen uns erquicken?
Wann ffnen wir, zufriednen Mdchen gleich,
Die ihren Schmuck einander wiederholt
Zu zeigen kaum ermden, unsres Herzens
Geheimste Fcher, uns bequem und herzlich
Des wechselseit'gen Reichtums zu erfreuen?

Eugenie.
Auch jene Stunden werden wieder kehren,
Von deren stillem Glck man mit Vertrauen,
Sich des Vertrauns erinnernd, gerne spricht.
Doch heute lass in voller Einsamkeit
Mich das Bedrfnis jener Tage finden.



Vierter Auftritt
Eugenie, nachher Hofmeisterin auen.

Eugenie (eine Brieftasche hervorziehend).
Und nun geschwind zum Pergament, zum Griffel!
Ich hab' es ganz und eilig fass' ich's auf,
Was ich dem Knige zu jener Feier,
Bei der ich, neu geboren durch sein Wort,
Ins Leben trete, herzlich widmen soll.

(Sie rezitiert langsam und schreibt.)

   Welch Wonneleben wird hier ausgespendet!
      Willst du, o Herr der obern Regionen,
      Des Neulings Unvermgen nicht verschonen?
      Ich sinke hin, von Majestt geblendet.
   Doch bald getrost zu dir hinauf gewendet
      Erfreut's mich, an dem Fu der festen Thronen,
      Ein Sprssling deines Stamms, beglckt zu wohnen,
      Und all mein frhes Hoffen ist vollendet.
   So fliee denn der holde Born der Gnaden!
      Hier will die treue Brust so gern verweilen
      Und an der Liebe Majestt sich fassen.
   Mein Ganzes hngt an einem zarten Faden,
      Mir ist, als msst' ich unaufhaltsam eilen,
      Das Leben, das du gabst, fr dich zu lassen.

(Das Geschriebene mit Geflligkeit betrachtend.)

So hast du lange nicht, bewegtes Herz,
Dich in gemessnen Worten ausgesprochen!
Wie glcklich, den Gefhlen unsrer Brust
Fr ew'ge Zeit den Stempel aufzudrcken!
Doch ist es wohl genug? Hier quillt es fort,
Hier quillt es auf!--Du nahest, groer Tag,
Der uns den Knig gab und der nun mich
Dem Knige, dem Vater, mich mir selbst
Zu ungemessner Wonne geben soll.
Dies hohe Fest verherrliche meine Lied!
Beflgelt drngt sich Phantasie voraus,
Sie trgt mich vor den Thron und stellt mich vor,
Sie gibt im Kreise mir--

Hofmeisterin (auen).
                        Eugenie!

Eugenie.
Was soll das?

Hofmeisterin.
            Hre mich und ffne gleich!

Eugenie.
Verhasste Strung! ffnen kann ich nicht.

Hofmeisterin.
Vom Vater Botschaft!

Eugenie.
                        Wie? Vom Vater? Gleich!
Da muss ich ffnen.

Hofmeisterin.
                Groe Gaben scheint
Er dir zu schicken.

Eugenie.
                Warte!

Hofmeisterin.
                        Hrst du?

Eugenie.
                                    Warte!
Doch wo verberg' ich dieses Blatt? Zu klar
Spricht's jene Hoffnung aus, die mich beglckt.
Hier ist nichts zum Verschlieen! Und bei mir
Ist's nirgend sicher, diese Tasche kaum;
Denn meine Leute sind nicht alle treu.
Gar manches hat man schon mir, als ich schlief,
Durchblttert und entwendet. Das Geheimnis,
Das grte, das ich je gehegt, wohin,
Wohin verberg' ich's?

(Indem sie sich der Seitenwand nhert.)

                Wohl! Hier war es ja,
Wo du, geheimer Wandschrank, meiner Kindheit
Unschuldige Geheimnisse verbargst!
Du, den mir kindisch allaussphende,
Von Neugier und von Miggang erzeugte,
Rastlose Ttigkeit entdecken half,
Du, jedem ein Geheimnis, ffne dich!

(Sie drckt an einer unbemerkbaren Feder, und eine kleine Tre
springt auf.)

So wie ich sonst verbotnes Zuckerwerk
Zu listigem Genuss in dir versteckte,
Vertrau' ich heute meines Lebens Glck
Entzckt und sorglich dir auf kurze Zeit.

(Sie legt das Pergament in den Schrank und drckt ihn zu.)

Die Tage schreiten vor, und ahnungsvoller
Bewegen sich nun Freud' und Schmerz heran.

(Sie ffnet die Tre.)



Fnfter Auftritt
Eugenie. Hofmeisterin. Bediente, die einen prchtigen Putzkasten tragen.

Hofmeisterin.
Wenn ich dich strte, fhr' ich gleich mit mir,
Was mich gewiss entschuld'gen soll, herbei.

Eugenie.
Von meinem Vater? Dieser prcht'ge Schrein!
Auf welchen Inhalt deutet solch Gef?

(Zu den Bedienten.)

Verweilt!

(Sie reicht ihnen einen Beutel hin.)

Zum Vorschmack eures Botenlohns
Nehmt diese Kleinigkeit! Das Bessre folgt.

(Bediente gehen.)

Und ohne Brief und ohne Schlssel! Steht
Mir solch ein Schatz verborgen, in der Nhe?
O Neugier! O Verlangen! Ahnest du,
Was diese Gabe mir bedeuten kann?

Hofmeisterin.
Ich zweifle nicht, du hast es selbst erraten.
Auf nchste Hoheit deutet sie gewiss.
Den Schmuck der Frstentochter bringt man dir,
Weil dich der Knig bald berufen wird.

Eugenie.
Wie kannst du das vermuten?

Hofmeisterin.
                        Wei ich's doch!
Geheimnisse der Groen sind belauscht.

Eugenie.
Und wenn du's weit, was soll ich dir's verbergen?
Soll ich die Neugier, dies Geschenk zu sehn,
Vor dir umsonst bezhmen!--Hab' ich doch
Den Schlssel hier!--Der Vater zwar verbot's.
Doch was verbot er? Das Geheimnis nicht
Unzeitig zu entdecken; doch dir ist
Es schon entdeckt. Du kannst nicht mehr erfahren,
Als du schon weit, und schweigst nun, mir zuliebe.
Was zaudern wir? Komm, lass uns ffnen! Komm,
Dass uns der Gaben hoher Glanz entzcke.

Hofmeisterin.
Halt ein! Gedenke des Verbots! Wer wei,
Warum der Herzog weislich so befohlen?

Eugenie.
Mit Sinn befahl er, zum bestimmten Zweck;
Der ist vereitelt; alles weit du schon.
Du liebst mich, bist verschwiegen, zuverlssig.
Lass uns das Zimmer schlieen! Das Geheime
Lass uns sogleich vertraulich untersuchen.

(Sie schliet die Zimmertre und eilt gegen den Schrank.)

Hofmeisterin (sie abhaltend).
Der prcht'gen Stoffe Gold und Farbenglanz,
Der Perlen Milde, der Juwelen Strahl
Bleib' im Verborgnen! Ach, sie reizen dich
Zu jenem Ziel unwiderstehlich auf.

Eugenie.
Was sie bedeuten, ist das Reizende.

(Sie ffnet den Schrank, an der Tre zeigen sich Spiegel.)

Welch kstliches Gewand entwickelt sich,
Indem ich's nur berhre, meinem Blick.
Und diese Spiegel! Fordern sie nicht gleich,
Das Mdchen und den Schmuck vereint zu schildern?

Hofmeisterin.
Kreusas tdliches Gewand entfaltet,
So scheint es mir, sich unter meiner Hand.

Eugenie.
Wie schwebt ein solcher Trbsinn dir ums Haupt?
Denk' an beglckter Brute frohes Fest.
Komm! Reiche mir die Teile, nach und nach.
Das Unterkleid! Wie reich und s durchflimmert
Sich rein des Silbers und der Farben Blitz.

Hofmeisterin (indem sie Eugenie das Gewand umlegt).
Verbirgt sich je der Gnade Sonnenblick,
Sogleich ermattet solch ein Widerglanz.

Eugenie.
Ein treues Herz verdient sich diesen Blick,
Und, wenn er weichen wollte, zieht's ihn an.--
Das Oberkleid, das goldne, schlage drber,
Die Schleppe ziehe, weit verbreitet, nach.
Auch diesem Gold ist, mit Geschmack und Wahl,
Der Blumen Schmelz metallisch aufgebrmt.
Und tret' ich so nicht schn umgeben auf?

Hofmeisterin.
Doch wird von Kennern mehr die Schnheit selbst
In ihrer eignen Herrlichkeit verehrt.

Eugenie.
Das einfach Schne soll der Kenner schtzen;
Verziertes aber spricht der Menge zu.--
Nun leihe mir der Perlen sanftes Licht,
Auch der Juwelen leuchtende Gewalt.

Hofmeisterin.
Doch deinem Herzen, deinem Geist gengt
Nur eigner, innrer Wert und nicht der Schein.

Eugenie.
Der Schein, was ist er, dem das Wesen fehlt?
Das Wesen, wr' es, wenn es nicht erschiene?

Hofmeisterin.
Und hast du nicht in diesen Mauern selbst
Der Jugend ungetrbte Zeit verlebt?
Am Busen deiner Liebenden, entzckt,
Verborgner Wonne Seligkeit erfahren?

Eugenie.
Gefaltet kann die Knospe sich gengen,
Solange sie des Winters Frost umgibt;
Nun schwillt vom Frhlingshauche Lebenskraft,
In Blten bricht sie auf an Licht und Lfte.

Hofmeisterin.
Aus Migkeit entspringt ein reines Glck.

Eugenie.
Wenn du ein mig Ziel dir vorgesteckt.

Hofmeisterin.
Beschrnktheit sucht sich der Genieende.

Eugenie.
Du berredest die Geschmckte nicht.
O dass sich dieser Saal erweiterte
Zum Raum des Glanzes, wo der Knig thront!
Dass reicher Teppich unten, oben sich
Der goldnen Decke Wlbung breitete!
Dass hier im Kreise vor der Majestt
Demtig stolz die Groen, angelacht
Von dieser Sonne, herrlich leuchteten!
Ich unter diesen Ausgezeichnete!
O lass mir dieser Wonne Vorgefhl,
Wenn aller Augen mich zum Ziel erlesen!

Hofmeisterin.
Zum Ziele der Bewunderung nicht allein,
Zum Ziel des Neides und des Hasses mehr.

Eugenie.
Der Nieder steht als Folie des Glcks,
Der Hasser lehrt uns immer wehrhaft bleiben.

Hofmeisterin.
Demtigung beschleicht die Stolzen oft.

Eugenie.
Ich setz' ihr Geistesgegenwart entgegen.

(Zum Schranke gewendet.)

Noch haben wir nicht alles durchgesehn;
Nicht mich allein bedenk' ich diese Tage,
Fr andre hoff' ich manche Kostbarkeit.

Hofmeistern (ein Kstchen hervor nehmend).
Hier aufgeschrieben steht es: "Zu Geschenken".

Eugenie.
So nimm voraus, was dich vergngen kann,
Von diesen Uhren, diesen Dosen. Whle!--
Nein, berlege noch! Vielleicht verbirgt
Sich Wnschenswerteres im reichen Schrein.

Hofmeisterin.
O fnde sich ein krft'ger Talisman,
Des trben Bruders Neigung zu gewinnen!

Eugenie.
Den Widerwillen tilge nach und nach
Des unbefangnen Herzens reines Wirken.

Hofmeisterin.
Doch die Partei, die seinen Groll bestrkt,
Auf ewig steht sie deinem Wunsch entgegen.

Eugenie.
Wenn sie bisher mein Glck zu hindern suchte,
Tritt nun Entscheidung unaufhaltsam ein,
Und ins Geschehne fgt sich jedermann.

Hofmeisterin.
Das, was du hoffest, noch ist's nicht geschehn.

Eugenie.
Doch als vollendet kann ich's wohl betrachten.

(Nach dem Schrank gekehrt.)

Was liegt im langen Kstchen, obenan?

Hofmeisterin (die es herausnimmt).
Die schnsten Bnder, frisch und neu gewhlt--
Zerstreue nicht durch eitlen Flitterwesens
Neugierige Betrachtung deinen Geist.
O wr' es mglich, dass du meinem Wort
Gehr verliehest einen Augenblick!
Aus stillem Kreise trittst du nun heraus
In weite Rume, wo dich Sorgendrang,
Vielfach geknpfte Netze, Tod vielleicht
Von meuchelmrderischer Hand erwartet.

Eugenie.
Du scheinst mir krank! Wie knnte sonst mein Glck
Dir frchterlich, als ein Gespenst erscheinen.

(In das Kstchen blickend.)

Was seh' ich? Diese Rolle! Ganz gewiss
Das Ordensband der ersten Frstentchter!
Auch dieses werd' ich tragen! Nur geschwind!
Lass sehen, wie es kleidet! Es gehrt
Zum ganzen Prunk; so sei auch das versucht!

(Das Band wird umgelegt.)

Nun sprich vom Tode nur! Sprich von Gefahr!
Was zieret mehr den Mann, als wenn er sich
Im Heldenschmuck zu seinem Knige,
Sich unter seinesgleichen stellen kann?
Was reizt das Auge mehr als jenes Kleid,
Das kriegerische lange Reihen zeichnet?
Und dieses Kleid und seine Farben, sind
Sie nicht ein Sinnbild ewiger Gefahr?
Die Schrpe deutet Krieg, womit sich, stolz
Auf seine Kraft, ein edler Mann umgrtet.
O meine Liebe! Was bedeutend schmckt,
Es ist durchaus gefhrlich. Lass auch mir
Das Mutgefhl, was mir begegnen kann,
So prchtig ausgerstet, zu erwarten.
Unwiderruflich, Freundin, bleibt mein Glck.

Hofmeisterin (beiseite).
Das Schicksal, das dich trifft, unwiderruflich.




Dritter Aufzug
(Vorzimmer des Herzogs, prchtig, modern.)



Erster Auftritt
Sekretr. Weltgeistlicher.

Sekretr.
Tritt still herein in diese Totenstille!
Wie ausgestorben findest du das Haus.
Der Herzog schlft, und alle Diener stehen,
Von seinem Schmerz durchdrungen, stumm gebeugt.
Er schlft! Ich segnet' ihn, als ich ihn sah
Bewusstlos auf dem Pfhle ruhig atmen.
Das berma der Schmerzen lste sich
In der Natur balsam'scher Wohltat auf.
Den Augenblick befrcht' ich, der ihn weckt;
Euch wird ein jammervoller Mann erscheinen.

Weltgeistlicher.
Darauf bin ich bereitet, zweifelt nicht.

Sekretr.
Vor wenig Stunden kam die Nachricht an,
Eugenie sei tot! Vom Pferd gestrzt!
An eurem Orte sei sie beigesetzt,
Als an dem nchsten Platz, wohin man sie
Aus jenem Felsendickicht bringen knnen,
Wo sie verwegen sich den Tod erstrmt.

Weltgeistlicher.
Und sie indessen ist schon weit entfernt?

Sekretr.
Mit rascher Eile wird sie weggefhrt.

Weltgeistlicher.
Und wem vertraut ihr solch ein schwer Geschft?

Sekretr.
Dem klugen Weibe, das uns angehrt.

Weltgeistlicher.
In welche Gegend habt ihr sie geschickt?

Sekretr.
Zu dieses Reiches letztem Hafenplatz.

Weltgeistlicher.
Von dorten soll sie in das fernste Land?

Sekretr.
Sie fhrt ein gnst'ger Wind sogleich davon.

Weltgeistlicher.
Und hier auf ewig gelte sie fr tot!

Sekretr.
Auf deiner Fabel Vortrag kommt es an.

Weltgeistlicher.
Der Irrtum soll im ersten Augenblick
Auf alle knft'ge Zeit gewaltig wirken.
An ihrer Gruft, an ihrer Leiche soll
Die Phantasie erstarren. Tausendfach
Zerrei' ich das geliebte Bild und grabe
Dem Sinne des entsetzten Hrenden
Mit Feuerzgen dieses Unglck ein.
Sie ist dahin fr alle, sie verschwindet
Ins Nichts der Asche. Jeder kehret schnell
Den Blick zum Leben und vergisst im Taumel
Der treibenden Begierden, dass auch sie
Im Reihen der Lebendigen geschwebt.

Sekretr.
Du trittst mit vieler Khnheit ans Geschft;
Besorgst du keine Reue hintennach?

Weltgeistlicher.
Welch eine Frage tust du? Wir sind fest!

Sekretr.
Ein innres Unbehagen fgt sich oft
Auch wider unsern Willen an die Tat.

Weltgeistlicher.
Was hr' ich? Du bedenklich? Oder willst
Du mich nur prfen, ob es euch gelang,
Mich, euren Schler, vllig auszubilden?

Sekretr.
Das Wichtige bedenkt man nie genug.

Weltgeistlicher.
Bedenke man, eh' noch die Tat beginnt.

Sekretr.
Auch in der Tat ist Raum fr berlegung.

Weltgeistlicher.
Fr mich ist nichts zu berlegen mehr!
Da wr' es Zeit gewesen, als ich noch
Im Paradies beschrnkter Freuden weilte,
Als, von des Gartens engem Hag umschlossen,
Ich selbst geste Bume selber pfropfte,
Aus wenig Beeten meinen Tisch versorgte,
Als noch Zufriedenheit im kleinen Hause
Gefhl des Reichtums ber alles goss,
Und ich nach meiner Einsicht zur Gemeinde
Als Freund, als Vater aus dem Herzen sprach,
Dem Guten frdernd meine Hnde reichte,
Dem Bsen wie dem bel widerstritt.
O htte damals ein wohltt'ger Geist
Vor meiner Tre dich vorbei gewiesen,
An der du mde, durstig von der Jagd
Zu klopfen kamst; mit schmeichlerischem Wesen,
Mit sem Wort mich zu bezaubern wusstest.
Der Gastfreundschaft geweihter, schner Tag,
Er war der letzte rein genossnen Friedens.

Sekretr.
Wir brachten dir so manche Freude zu.

Weltgeistlicher.
Und dranget mir so manch Bedrfnis auf.
Nun war ich arm, als ich die Reichen kannte;
Nun war ich sorgenvoll, denn mir gebrach's;
Nun hatt' ich Not, ich brauchte fremde Hilfe.
Ihr wart mir hilfreich, teuer b' ich das.
Ihr nahmt mich zum Genossen eures Glcks,
Mich zum Gesellen eurer Taten auf.
Zum Sklaven, sollt' ich sagen, dingtet ihr
Den sonst so freien, jetzt bedrngten Mann.
Ihr lohnt ihm zwar, doch immer noch versagt
Ihr ihm den Lohn, den er verlangen darf.

Sekretr.
Vertraue, dass wir dich in kurzer Zeit
Mit Gtern, Ehren, Pfrnden berhufen.

Weltgeistlicher.
Das ist es nicht, was ich erwarten muss.

Sekretr.
Und welche neue Fordrung bildest du?

Weltgeistlicher.
Als ein gefhllos Werkzeug braucht ihr mich
Auch diesmal wieder. Dieses holde Kind
Verstot ihr aus dem Kreise der Lebend'gen;
Ich soll die Tat beschnen, sie bedecken,
Und ihr beschliet, begeht sie ohne mich.
Von nun an fordr' ich, mit im Rat zu sitzen,
Wo Schreckliches beschlossen wird, wo jeder,
Auf seinen Sinn, auf seine Krfte stolz,
Zum unvermeidlich Ungeheuren stimmt.

Sekretr.
Dass du auch diesmal dich mit uns verbunden,
Erwirbt aufs neue dir ein groes Recht.
Gar manch Geheimnis wirst du blad vernehmen;
Dahin gedulde dich und sei gefasst.

Weltgeistlicher.
Ich bin's und bin noch weiter, als ihr denkt;
In eure Plne schaut' ich lngst hinein.
Der nur verdient geheimnisvolle Weihe,
Der ihr durch Ahnung vorzugreifen wei.

Sekretr.
Was ahnest du? Was weit du?

Weltgeistlicher.
                        Lass uns das
Auf ein Gesprch der Mitternacht versparen.
O dieses Mdchens trauriges Geschick
Verschwindet, wie ein Bach im Ozean,
Wenn ich bedenke, wie verborgen ihr
Zu mchtiger Parteigewalt euch hebt
Und an die Stelle der Gebietenden
Mit frecher List euch einzudrngen hofft.
Nicht ihr allein; denn andre streben auch,
Euch widerstrebend, nach demselben Zweck.
So untergrabt ihr Vaterland und Thron;
Wer soll sich retten, wenn das Ganze strzt?

Sekretr.
Ich hre kommen! Tritt hier an die Seite!
Ich fhre dich zu rechter Zeit herein.



Zweiter Auftritt
Herzog. Sekretr.

Herzog.
Unsel'ges Licht! Du rufst mich auf zum Leben,
Mich zum Bewusstsein dieser Welt zurck
Und meiner selbst. Wie de, hohl und leer
Liegt alles vor mir da, und ausgebrannt,
Ein groer Schutt, die Sttte meines Glcks.

Sekretr.
Wenn jeder von den Deinen, die um dich
In dieser Stunde leiden, einen Teil
Von deinen Schmerzen bertragen knnte,
Du fhltest dich erleichtert und gestrkt.

Herzog.
Der Schmerz um Liebe, wie die Liebe, bleibt
Unteilbar und unendlich. Fhl' ich doch,
Welch ungeheures Unglck den betrifft,
Der seines Tags gewohntes Gut vermisst.
Warum o! Lasst ihr die bekannten Wnde
Mit Farb' und Gold mir noch entgegen scheinen,
Die mich an gestern, mich an ehegestern,
An jenen Zustand meines vollen Glcks
Mich kalt erinnern. O warum verhllet
Ihr nicht Gemach und Saal mit schwarzem Krepp!
Dass, finster wie mein Innres, auch von auen
Ein ewig ncht'ger Schatten mich umfange.

Sekretr.
O mchte doch das Viele, das dir bleibt,
Nach dem Verlust als etwas dir erscheinen.

Herzog.
Ein geistverlassner krperlicher Traum!
Sie war die Seele dieses ganzen Hauses.
Wie schwebte beim Erwachen sonst das Bild
Des holden Kindes dringend mir entgegen!
Hier fand ich oft ein Blatt von ihrer Hand,
Ein geistreich, herzlich Blatt zum Morgengru.

Sekretr.
Wie drckte nicht der Wunsch, dich zu ergtzen,
Sich dichtrisch oft in frhen Reimen aus.

Herzog.
Die Hoffnung, sie zu sehen, gab den Stunden
Des mhevollen Tags den einz'gen Reiz.

Sekretr.
Wie oft bei Hindernis und Zgrung hat
Man ungeduldig, wie nach der Geliebten
Den raschen Jngling, dich nach ihr gesehn.

Herzog.
Vergleiche doch die jugendliche Glut,
Die selbstischen Besitz verzehrend hascht,
Nicht dem Gefhl des Vaters, der entzckt,
In heil'gem Anschaun stille hingegeben,
Sich an Entwicklung wunderbarer Krfte,
Sich an der Bildung Riesenschritten freut.
Der Liebe Sehnsucht fordert Gegenwart;
Doch Zukunft ist des Vaters Eigentum.
Dort liegen seiner Hoffnung weite Felder,
Dort seiner Saaten keimender Genuss.

Sekretr.
O Jammer! Diese grenzenlose Wonne,
Dies ewig frische Glck verlorst du nun.

Herzog.
Verlor ich's? War es doch im Augenblick
Vor meiner Seele noch im vollen Glanz.
Ja, ich verlor's! Du rufst's, Unglcklicher,
Die de Stunde ruft mir's wieder zu.
Ja, ich verlor's! So strmt, ihr Klagen, denn!
Zerstre, Jammer, diesen festen Bau,
Den ein zu gnstig Alter noch verschont.
Verhasst sei mir das Bleibende, verhasst,
Ws mir in seiner Dauer Stolz erscheint;
Erwnscht, was fliet und schwankt. Ihr Fluten, schwellt,
Zerreit die Dmme, wandelt Land in See!
Erffne deine Schlnde, wildes Meer!
Verschlinge Schiff und Mann und Schtze! Weit
Verbreitet euch, ihr kriegerischen Reihen,
Und huft auf blut'gen Fluren Tod auf Tod!
Entznde, Strahl des Himmels, dich im Leeren
Und triff der khnen Trme sichres Haupt!
Zertrmmr', entznde sie und geile weit
Im Stadtgedrng' der Flamme Wut umher,
Dass ich, von allem Jammer rings umfangen,
Dem Schicksal mich ergebe, das mich traf!

Sekretr.
Das ungeheuer Unerwartete
Bedrngt dich frchterlich, erhabner Mann.

Herzog.
Wohl unerwartet kam's, nicht ungewarnt.
In meinen Armen lie ein guter Geist
Sie von den Toten wieder auferstehn
Und zeigte mir gelind, vorbereilend,
Ein Schreckliches, nun ewig Bleibendes.
Da sollt' ich strafen die Verwegenheit,
Dem bermut mich scheltend widersetzen,
Verbieten jene Raserei, die, sich
Unsterblich, unverwundbar whnend, blind,
Wetteifern mit dem Vogel, sich durch Wald
Und Fluss und Struche von dem Felsen strzt.

Sekretr.
Was oft und glcklich unsre Besten tun,
Wie sollt' es dir des Unglcks Ahnung bringen?

Herzog.
Die Ahnung dieser Leiden fhlt' ich wohl,
Als ich zum letzten Mal--Zum letzten Mal!
Du sprichst es aus, das frchterliche Wort,
Das deinen Weg mit Finsternis umzieht.
O htt' ich sie nur einmal noch gesehn!
Vielleicht war dieses Unglck abzuleiten.
Ich htte flehentlich gebeten, sie als Vater
Zum treulichsten ermahnt, sich mir zu schonen,
Und von der Wut tollkhner Reiterei
Um unsres Glckes willen abzustehn.
Ach, diese Stunde war mir nicht gegnnt.
Und nun vermiss' ich mein geliebtes Kind!
Sie ist dahin! Verwegner ward sie nur
Durch jenen Sturz, dem sie so leicht entrann.
Und niemand, sie zu warnen, sie zu leiten!
Entwachsen war sie dieser Frauenzucht.
In welchen Hnden lie ich solchen Schatz?
Verzrtelnden, nachgieb'gen Weiberhnden.
Kein festes Wort, den Willen meines Kinds
Zu miger Vernnftigkeit zu lenken!
Zur unbedingten Freiheit lie man ihr,
Zu jedem khnen Wagnis offnes Feld.
Ich fhlt' es oft und sagt' es mir nicht klar:
Bei diesem Weibe war sie schlecht verwahrt.

Sekretr.
O tadle nicht die Unglckselige!
Vom tiefsten Schmerz begleitet, irrt sie nun,
Wer wei, in welche Lande, trostlos hin.
Sie ist entflohn. Denn wer vermchte dir
Ins Angesicht zu sehen, der auch nur
Den fernsten Vorwurf zu befrchten htte.

Herzog.
O lass mich ungerecht auf andre zrnen,
Dass ich mich nicht verzweifelnd selbst zerreie!
Wohl trag' ich selbst die Schuld und trag' sie schwer.
Denn rief ich nicht mit trigem Beginnen
Gefahr und Tod auf dieses teure Haupt?
Sie berall zu sehn als Meisterin,
Das war mein Stolz! Zu teuer b' ich ihn.
Zu Pferde sollte sie, im Wagen sie,
Die Rosse bndigend, als Heldin glnzen.
Ins Wasser tauchend, schwimmend schien sie mir
Den Elementen gttlich zu gebieten.
So, hie es, kann sie jeglicher Gefahr
Dereinst entgehen. Statt sie zu bewahren,
Gibt bung zur Gefahr den Tod ihr nun.

Sekretr.
Des edlen Pflichtgefhles bung gibt,
Ach! Unsrer Unvergesslichen den Tod.

Herzog.
Erklre dich!

Sekretr.
            Und weck' ich diesen Schmerz
Durch Schildrung kindlich edlen Unternehmens?
Ihr alter, erster, hoch geliebter Freund
Und Lehrer wohnt, von dieser Stadt entfernt,
Verschrnkt in Trbsinn, Krankheit, Menschenhass.
Nur sie allein vermocht' ihn zu erheitern;
Als Leidenschaft empfand sie diese Pflicht;
Nur allzu oft verlangte sie hinber,
Und oft versagte man's. Nun hatte sie's
Planmig angelegt; sie nutzte khn
Des Morgenrittes abgemessne Stunden
Mit ungeheurer Schnelligkeit zum Zweck,
Den alten, viel geliebten Mann zu sehn.
Ein einz'ger Reitknecht nur war im Geheimnis,
Er unterlegt' ihr jedes Mal das Pferd,
Wie wir vermuten; denn auch er ist fort.
Der arme Mensch und jene Frau verloren
Aus Furcht vor dir sich in die weite Welt.

Herzog.
Die Glcklichen, die noch zu frchten haben,
Bei denen sich der Schmerz um ihres Herrn
Verlornes Heil in leicht verwundene,
In leicht gehobne Bangigkeit verwandelt!
Ich habe nichts zu frchten! Nichts zu hoffen!
Drum lass mich alles wissen; zeige mir
Den kleinsten Umstand an! Ich bin gefasst.



Dritter Auftritt
Herzog. Sekretr. Weltgeistlicher.

Sekretr.
Auf diesen Augenblick, verehrter Frst,
Hab' ich hier einen Mann zurckgehalten,
Der, auch gebeugt, vor deinem Blick erscheint.
Es ist der Geistliche, der aus der Hand
Des Todes deine Tochter aufgenommen,
Und sie, da keiner Hilfe Trost sich zeigte,
Mit liebevoller Sorgfalt beigesetzt.



Vierter Auftritt
Herzog. Weltgeistlicher.

Weltgeistlicher.
Den Wunsch, vor deinem Antlitz zu erscheinen,
Erhabner Frst, wie lebhaft hegt' ich ihn!
Nun wird er mir gewhrt im Augenblick,
Der dich und mich in tiefen Jammer senkt.

Herzog.
Auch so willkommen, unwillkommner Bote!
Du hast sie noch gesehn, den letzten Blick,
Den sehnsuchtsvollen, dir ins Herz gefasst,
Das letzte Wort bedchtig aufgenommen,
Dem letzten Seufzer Mitgefhl erwidert.
O sage: Sprach sie noch? Was sprach sie aus?
Gedachte sie des Vaters? Bringst du mir
Von ihrem Mund ein herzlich Lebewohl?

Weltgeistlicher.
Willkommen scheint ein unwillkommner Bote,
Solang er schweigt und noch der Hoffnung Raum,
Der Tuschung Raum in unserm Herzen gibt.
Der ausgesprochne Jammer ist verhasst.

Herzog.
Was zauderst du? Was kann ich mehr erfahren?
Sie ist dahin! Und diesen Augenblick
Ist ber ihrem Sarge Ruh' und Stille.
Was sie auch litt, es ist fr sie vorbei,
Fr mich beginnt es; aber rede nur!

Weltgeistlicher.
Ein allgemeines bel ist der Tod.
So denke dir das Schicksal deiner Toten,
Und finster wie des Grabes Nacht verstumme
Der bergang, der sie hinabgefhrt.
Nicht jeden leitet ein gelinder Gang
Unmerklich in das stille Reich der Schatten.
Gewaltsam schmerzlich reit Zerstrung oft
Durch Hllenqualen in die Ruhe hin.

Herzog.
So hat sie viel gelitten?

Weltgeistlicher.
                Viel, nicht lange.

Herzog.
Es war ein Augenblick, in dem sie litt,
Ein Augenblick, wo sie um Hilfe rief.
Und ich? Wo war ich da? Welch ein Geschft,
Welch ein Vergngen hatte mich gefesselt?
Verkndigte mir nichts das Schreckliche,
Das mir das Leben voneinander riss?
Ich hrte nicht den Schrei, ich fhlte nicht
Den Unfall, der mich ohne Rettung traf.
Der Ahnung heil'ges, fernes Mitgefhl
Ist nur ein Mrchen. Sinnlich und verstockt,
Ins Gegenwrtige verschlossen, fhlt
Der Mensch das nchste Wohl, das nchste Weh,
Und Liebe selbst ist in der Ferne taub.

Weltgeistlicher.
Soviel auch Worte gelten, fhl' ich doch,
Wie wenig sie zum Troste wirken knnen.

Herzog.
Das Wort verwundet leichter, als es heilt.
Und ewig wiederholend strebt vergebens
Verlornes Glck der Kummer herzustellen.
So war denn keine Hilfe, keine Kunst
Vermgend, sie ins Leben aufzurufen?
Was hast du, sage mir, begonnen? Was
Zu ihrem Heil versucht? Du hast gewiss
Nichts unbedacht gelassen.

Weltgeistlicher.
                Leider war
Nichts zu bedenken mehr, als ich sie fand.

Herzog.
Und soll ich ihres Lebens holde Kraft
Auf ewig missen! Lass mich meinen schmerz
Durch meinen Schmerz betrgen, diese Reste
Verewigen. O komm! Wo liegen sie?

Weltgeistlicher.
In wrdiger Kapelle steht ihr Sarg
Allein verwahrt. Ich sehe vom Altar
Durchs Gitter jedes Mal die Sttte, will
Fr sie, solang ich lebe, betend flehen.

Herzog.
O komm und fhre mich dahin! Begleiten
Soll uns der rzte viel erfahrenster.
Lass uns den schnen Krper der Verwesung
Entreien! Lass mit edlen Spezereien
Das unschtzbare Bild zusammenhalten!
Ja! Die Atomen alle, die sich einst
Zur kstlichen Gestalt versammelten,
Sie sollen nicht ins Element zurck.

Weltgeistlicher.
Was darf ich sagen? Muss ich dir bekennen!
Du kannst nicht hin! Ach! Das zerstrte Bild!
Kein Fremder sh' es ohne Jammer an!
Und vor die Augen eines Vaters--Nein,
Verht' es Gott! Du darfst sie nicht erblicken.

Herzog.
Welch neuer Qualenkrampf bedroht mich!

Weltgeistlicher.
O lass mich schweigen, dass nicht meine Worte
Auch die Erinnrung der Verlornen schnden!
Lass mich verhehlen, wie sie durchs Gebsch,
Durch Felsen hergeschleift, entstellt und blutig,
Zerrissen und zerschmettert und zerbrochen,
Unkenntlich, mir im Arm zur Erde hing.
Da segnet' ich, von Trnen berflieend,
Der Stunde Heil, in der ich feierlich
Dem holden Vaternamen einst entsagt.

Herzog.
Du bist nicht Vater! Bist der selbstischen
Verstockten, der Verkehrten einer, die
Ihr abgeschlossnes Wesen unfruchtbar
Verzweifeln lsst. Entferne dich! Verhasst
Erscheinet mir dein Anblick.

Weltgeistlicher.
                Fhlt' ich's doch!
Wer kann dem Boten solcher Not verzeihn?

(Will sich entfernen.)

Herzog.
Vergib und bleib. Ein schn entworfnes Bild,
Das wunderbar dich selbst zum zweiten Mal
Vor deinen Augen zu erschaffen strebt,
Hast du entzckt es jemals angestaunt?
O httest du's! Du httest diese Form,
Die sich zu meinem Glck, zur Lust der Welt
In tausendflt'gen Zgen auferbaut,
Mir grausam nicht zerstmmelt, mir die Wonne
Der traurigen Erinnrung nicht verkmmert.

Weltgeistlicher.
Was sollt' ich tun? Dich zu dem Sarge fhren,
Den tausend fremde Trnen schon benetzt,
Als ich das morsche, schlotternde Gebein
Zu ruhiger Verwesung eingeweiht?

Herzog.
Schweig, Unempfindlicher! Du mehrest nur
Den herben Schmerz, den du zu lindern denkst.
O! Wehe! Dass die Elemente nun,
Von keinem Geist der Ordnung mehr beherrscht,
Im leisen Kampf das Gtterbild zerstren.
Wenn ber werdend Wachsendem vorher
Der Vatersinn mit Wonne brtend schwebte,
So stockt, so kehrt in Moder nach und nach
Vor der Verzweiflung Blick die Lust des Lebens.

Weltgeistlicher.
Was Lust und Licht Zerstrliches erbaut,
Bewahret lange das verschlossne Grab.

Herzog.
O weiser Brauch der Alten, das Vollkommne,
Das ernst und langsam die Natur geknpft,
Des Menschenbilds erhabne Wrde, gleich
Wenn sich der Geist, der wirkende, getrennt,
Durch reiner Flammen Ttigkeit zu lsen!
Und wenn die Glut mit tausend Gipfeln sich
Zum Himmel hob und zwischen Dampf und Wolken,
Des Adlers Fittich deutend sich bewegte,
Da trocknete die Trne, freier Blick
Der Hinterlassnen stieg dem neuen Gott
In des Olymps verklrte Rume nach.
O sammle mir in kstliches Gef
Der Asche, der Gebeine trben Rest,
Dass die vergebens ausgestreckten Arme
Nur etas fassen, dass ich dieser Brust,
Die sehnsuchtsvoll sich in das Leere drngt,
Den schmerzlichsten Besitz entgegendrcke.

Westgeistlicher.
Die Trauer wird durch Trauern immer herber.

Herzog.
Durch Trauern wird die Trauer zum Genuss.
O dass ich doch geschwundner Asche Rest,
Im kleinen Hause, wandernd, immer weiter,
Bis zu dem Ort, wo ich zuletzt sie sah,
Als Bender mit kurzen Schritten trge!
Dort lag sie tot in meinen Armen, dort
Sah ich, getuscht, sie in das Leben kehren.
Ich glaubte, sie zu fassen, sie zu halten,
Und nun ist sie auf ewig mir entrckt.
Dort aber will ich meinen Schmerz verew'gen.
Ein Denkmal der Genesung hab' ich dort
In meines Traums Entzckungen gelobt--
Schon fhret klug des Gartenmeisters Hand
Durch Busch und Fels bescheidne Wege her,
Schon wird der Platz gerundet, wo mein Knig
Als Oheim sie an seine Brust geschlossen,
Und ebenma und Ordnung will den Raum
Verherrlichen, der mich so hoch beglckt.
Doch jede Hand soll feiern! Halb vollbracht
Soll dieser Plan wie mein Geschick erstarren!
Das Denkmal nur, ein Denkmal will ich stiften,
Von rauen Steinen ordnungslos getrmt,
Dorthin zu wallen, stille zu verweilen,
Bis ich vom Leben endlich selbst genese.
O lasst mich dort, versteint, am Steine ruhn,
Bis aller Sorgfalt lichtgezogne Spur
Aus dieser Wste Trauersitz verschwindet!
Mag sich umher der freie Platz berasen,
Mag sich der Zweig dem Zweige wild verflechten,
Der Birke hangend Haar den Boden schlagen,
Der junge Busch zum Baume sich erheben,
Mit Moos der glatte Stamm sich berziehn;
Ich fhle keine Zeit; denn sie ist hin,
An deren Wachstum ich die Jahre ma.

Weltgeistlicher.
Den viel bewegten Reiz der Welt zu meiden,
Das Einerlei der Einsamkeit zu whlen,
Wird sich's der Mann erlauben, der sich oft
Wohlttiger Zerstreuung bergab,
Wenn Unertrgliches, mit Felsenlast
Herbei sich wlzend, ihn bedrohend, schlich?
Hinaus! Mit Flgelschnelle durch das Land,
Durch fremde Reiche, dass vor deinem Sinn
Der Erde Bilder heilend sich bewegen.

Herzog.
Was hab' ich in der Welt zu suchen, wenn
Ich sie nicht wieder finde, die allein
Ein Gegenstand fr meine Blicke war?
Soll Fluss und Hgel, Tal und Wald und Fels
Vorber meinen Augen gehen und nur
Mir das Bedrfnis wecken, jenes Bild,
Das einzige geliebte, zu erhaschen?
Vom hohen Berg hinab, ins weite Meer,
Was soll fr mich ein Reichtum der Natur,
Der an Verlust und Armut mich erinnert!

Weltgeistlicher.
Und neue Gter eignest du dir an!

Herzog.
Nur durch der Jugend frisches Auge mag
Das lngst Bekannte neubelebt uns rhren,
Wenn das Erstaunen, das wir lngst verschmht,
Von Kindes Munde hold uns widerklingt.
So hofft' ich, ihr des Reichs bebaute Flchen,
Der Wlder Tiefen, der Gewsser Flut
Bis an das offne Meer zu zeigen, dort
Mich ihres trunknen Blicks ins Unbegrenzte
Mit unbegrenzter Liebe zu erfreun.

Weltgeistlicher.
Wenn du, erhabner Frst, des groen Lebens
Beglckte Tage der Beschauung nicht
Zu widmen trachtetest, wenn Ttigkeit
Frs Wohl Unzhliger am Throne dir
Zum Vorzug der Geburt den herrlichern
Des allgemeinen, edlen Wirkens gab,
So ruf' ich dich im Namen aller auf:
Ermanne dich! Und lass die trben Stunden,
Die deinen Horizont umziehn, fr andre,
Durch Trost und Rat und Hilfe, lass fr dich
Auch diese Stunden so zum Feste werden.

Herzog.
Wie schal und abgeschmackt ist solch ein Leben,
Wenn alles Regen, alles Treiben stets
Zu neuem Regen, neuem Treiben fhrt
Und kein geliebter Zweck euch endlich lohnt.
Den sah ich nur in ihr, und so besa
Und so erwarb ich mit Vergngen, ihr
Ein kleines Reich anmut'gen Glcks zu schaffen.
So war ich heiter, aller Menschen Freund,
Behilflich, wach, zu Rat und Tat bequem.
Den Vater lieben sie! So sagt' ich mir,
Dem Vater danken sie's und werden auch
Die Tochter einst als werte Freundin gren.

Weltgeistlicher.
Zu sen Sorgen bleibt nun keine Zeit!
Ganz andre fordern dich, erhabner Mann!
Darf ich's erwhnen? Ich, der unterste
Von deinen Dienern? Jeder ernste Blick
In diesen trben Tagen ist auf dich,
Auf deinen Wert, auf deine Kraft gerichtet.

Herzog.
Der Glckliche nur fhlt sich Wert und Kraft.

Weltgeistlicher.
So tiefer Schmerzen heie Qual verbrgt
Dem Augenblick unendlichen Gehalt,
Mir aber auch Verzeihung, wenn sich khn
Vertraulichkeit von meinen Lippen wagt.
Wie heftig wilde Grung unten kocht,
Wie Schwche kaum sich oben schwankend hlt;
Nicht jedem wird es klar, dir aber ist's
Mehr als der Menge, der ich angehre.
O zaudre nicht, im nahen Sturmgewitter
Das falsch gelenkte Steuer zu ergreifen!
Zum Wohle deines Vaterlands verbanne
Den eignen Schmerz; sonst werden tausend Vter
Wie du um ihre Kinder weinen, tausend
Und aber tausend Kinder ihre Vter
Vermissen, Angstgeschrei der Mtter grsslich
An hohler Kerkerwand verklingend hallen.
O bringe deinen Jammer, deinen Kummer
Auf dem Altar des allgemeinen Wohls
Zum Opfer dar, und alle, die zu rettest,
Gewinnst du dir als Kinder zum Ersatz.

Herzog.
Aus grauenvollen Winkeln fhre nicht
Mir der Gespenster dichte Schar heran,
Die meiner Tochter liebliche Gewalt
Mir zaubrisch oft und leicht hinweggebannt.
Sie ist dahin, die schmeichlerische Kraft,
Die meinen Geist in holde Trume sang.
Nun drngt das Wirkliche mit dichten Massen
An mich heran und droht, mich zu erdrcken.
Hinaus, hinaus! Von dieser Welt hinweg!
Und lgt mir nicht das Kleid, in dem du wandelst,
So fhre mich zur Wohnung der Geduld,
Ins Kloster fhre mich und lass mich dort,
Im allgemeinen Schweigen, stumm, gebeugt,
Ein mdes Leben in die Grube senken.

Weltgeistlicher.
Mir ziemt es kaum, dich an die Welt zu weisen;
Doch andre Worte sprech' ich khner aus.
Nicht in das Grab, nicht bers Grab verschwendet
Ein edler Mann der Sehnsucht hohen Wert.
Er kehrt in sich zurck und findet staunend
In seinem Busen das Verlorene wieder.

Herzog.
Dass ein Besitz so fest sich hier erhlt,
Wenn das Verlorne fern und ferner flieht,
Das ist die Qual, die das geschiedene,
Fr ewig losgerissne Glied aufs neue
Dem Schmerz ergriffnen Krper fgen will.
Getrenntes Leben, wer vereinigt's wieder?
Vernichtetes, wer stellt es her?

Weltgeistlicher.
                            Der Geist!
Des Menschen Geist, dem nichts verloren geht,
Was er von Wert mit Sicherheit besessen.
So lebt Eugenie vor dir, sie lebt
In deinem Sinne, den sie sonst erhub,
Dem sie das Anschaun herrlicher Natur
Lebendig aufgeregt; so wirkt sie noch
Als hohes Vorbild, schtzet vor Gemeinem,
Vor Schlechtem dich, wie's jede Stunde bringt,
Und ihrer Wrde wahrer Glanz verscheuchet
Den eitlen Schein, der dich bestechen will.
So fhle dich durch ihre Kraft beseelt!
Und gib ihr so ein unzerstrlich Leben,
Das keine Macht entreien kann, zurck.

Herzog.
Lass eines dumpfen, dunklen Traumgeflechtes
Verworrne Todesnetze mich zerreien!
Und bleibe mir, du vielgeliebtes Bild,
Vollkommen, ewig jung und ewig gleich!
Lass deiner klaren Augen reines Licht
Mich immerfort umglnzen! Schwebe vor,
Wohin ich wandle, zeige mir den Weg
Durch dieser Erde Dornenlabyrinth!
Du bist kein Traumbild, wie ich dich erblicke;
Du warst, du bist. Die Gottheit hatte dich
Vollendet einst gedacht und dargestellt.
So bist du teilhaft des Unendlichen,
Des Ewigen, und bist auf ewig mein.




Vierter Aufzug
(Platz am Hafen. Zur einen Seite ein Palast, auf der andern eine Kirche,
im Grund eine Reihe Bume, durch die man nach dem Hafen hinab sieht.)



Erster Auftritt
Eugenie, in einen Schleier gehllt, auf einer Bank im Grunde,
mit dem Gesicht nach der See. Hofmeisterin, Gerichtsrat im
Vordergrunde.

Hofmeisterin.
Drngt unausweichlich ein betrbt Geschft
Mich aus dem Mittelpunkt des Reiches, mich
Aus dem Bezirk der Hauptstadt an die Grenze
Des festen Lands zu diesem Hafenplatz,
So folgt mir streng die Sorge, Schritt vor Schritt,
Und deutet mir bedenklich in die Weite.
Wie mssen Rat und Anteil eines Manns,
Der allen edel, zuverlssig gilt,
Mir als ein Leitstern wonniglich erscheinen!
Verzeih daher, wenn ich mit diesem Blatt,
Das mich zu solcher schweren Tat berechtigt,
Zu dir mich wendend komme, den so lange
Man im Gericht, wo viel Gerechte wirken,
Erst pries als Beistand, nun als Richter preist.

Gerichtsrat (der indessen das Blatt nachdenkend angesehen).
Nicht mein Verdienst, nur mein Bemhen war
Vielleicht zu preisen. Sonderbar jedoch
Will es mich dnken, dass du eben diesen,
Den du gerecht und edel nennen willst,
In solcher Sache fragen, ihm getrost
Solch ein Papier vors Auge dringen magst,
Worauf er nur mit Schauder blicken kann.
Nicht ist von Recht, noch von Gericht die Rede;
Hier ist Gewalt! Entsetzliche Gewalt,
Selbst wenn sie klug, selbst wenn sie weise handelt.
Anheim gegeben ward ein edles Kind,
Auf Tod und Leben--sag' ich wohl zu viel?--
Anheim gegeben deiner Willkr. Jeder,
Sei er Beamter, Kriegsmann, Brger, alle
Sind angewiesen, dich zu schtzen, sie
Nach deines Worts Gesetzen zu behandeln.

(Er gibt das Blatt zurck.)

Hofmeisterin.
Auch hier beweise dich gerecht und lass
Nicht dies Papier allein als Klger sprechen,
Auch mich, die hart Verklagte, hre nun
Und meinen offnen Vortrag gnstig an.
Aus edlem Blut entspross die Treffliche;
Von jeder Gabe, jeder Tugend schenkt'
Ihr die Natur den allerschnsten Teil,
Wenn das Gesetz ihr andre Rechte weigert.
Und nun verbannt! Ich sollte sie dem Kreise
Der Ihrigen entfhren, sie hierher,
Hinber nach den Inseln sie geleiten.

Gerichtsrat.
Gewissem Tod entgegen, der im Qualm
Erhitzter Dnste schleichend berfllt.
Dort soll verwelken diese Himmelsblume,
Die Farbe dieser Wange dort verbleichen!
Verschwinden die Gestalt, die sich das Auge
Mit Sehnsucht immer zu erhalten wnscht.

Hofmeisterin.
Bevor du richtest, hre weiter an!
Unschuldig ist, bedarf es wohl Beteurung?
Doch vieler bel Ursach' dieses Kind.
Sie als des Haders Apfel warf ein Gott
Erzrnt ins Mittel zwischen zwei Parteien,
Die sich, auf ewig nun getrennt, bekmpfen.
Sie will der eine Teil zum hchsten Glck
Berechtigt wissen, wenn der andre sie
Hinabzudrngen strebt. Entschieden beide!--
Und so umschlang ein heimlich Labyrinth
Verschmitzten wirkens doppelt ihr Geschick,
So schwankte List um List im Gleichgewicht,
Bis ungeduld'ge Leidenschaft zuletzt
Den Augenblick entschiedenen Gewinns
Beschleunigte. Da brach von beiden Seiten
Die Schranke der Verstellung, drang Gewalt,
Dem Staate selbst gefhrlich, drohend los,
Und nun, sogleich der Schuld'gen Schuld zu hemmen,
Zu tilgen, trifft ein hoher Gtterspruch
Des Kampfs unschuld'gen Anlass, meinen Zgling,
Und reit, verbannend, mich mit ihm dahin.

Gerichtsrat.
Ich schelte nicht das Werkzeug, rechte kaum
Mit jenen Mchten, die sich solche Handlung
Erlauben knnen. Leider sind auch sie
Gebunden und gedrngt. Sie wirken selten
Aus freier berzeugung. Sorge, Furcht
Vor grerm bel ntiget Regenten
Die ntzlich ungerechten Taten ab.
Vollbringe, was du musst, entferne dich
Aus meiner Enge rein gezognem Kreis.

Hofmeisterin.
Den eben such' ich auf! Da dring' ich hin!
Dort hoff' ich Heil! Du wirst mich nicht verstoen.
Den werten Zgling wnscht' ich lange schon
Vom Glck zu berzeugen, das im Kreise
Des Brgerstandes hold gengsam weilt.
Entsagte sie der nicht gegnnten Hhe,
Ergbe sich des biedern Gatten Schutz
Und wendete von jenen Regionen,
Wo sie Gefahr, Verbannung, Tod umlauern,
Ins Husliche den liebevollen Blick;
Gelst wr' alles, meiner strengen Pflicht
Wr' ich entledigt, knnt' im Vaterland
Vertrauter Stunden mich verweilend freuen.

Gerichtsrat.
Ein sonderbar Verhltnis zeigst du mir!

Hofmeisterin.
Dem klug entschlossnen Manne zeig' ich's an.

Gerichtsrat.
Du gibst sie frei, wenn sich ein Gatte findet?

Hofmeisterin.
Und reichlich ausgestattet geb' ich sie.

Gerichtsrat.
So bereilt, wer drfte sich entschlieen?

Hofmeisterin.
Nur bereilt bestimmt die Neigung sich.

Gerichtsrat.
Die Unbekannte whlen wre Frevel.

Hofmeisterin.
Dem ersten Blick ist sie gekannt und wert.

Gerichtsrat.
Der Gattin Feinde drohen auch dem Gatten.

Hofmeisterin.
Vershnt ist alles, wenn sie Gattin heit.

Gerichtsrat.
Und ihr Geheimnis, wird man's ihm entdecken?

Hofmeisterin.
Vertrauen wird man dem Vertrauenden.

Gerichtsrat.
Und wird sie frei solch einen Bund erwhlen?

Hofmeisterin.
Ein groes bel drnget sie zur Wahl.

Gerichtsrat.
In solchem Fall zu werben, ist es redlich?

Hofmeisterin.
Der Rettende fasst an und klgelt nicht.

Gerichtsrat.
Was forderst du vor allen andern Dingen?

Hofmeisterin.
Entschlieen soll sie sich im Augenblick.

Gerichtsrat.
Ist euer Schicksal ngstlich so gesteigert?

Hofmeisterin.
Im Hafen regt sich emsig schon die Fahrt.

Gerichtsrat.
Hast du ihr frher solchen Bund geraten?

Hofmeisterin.
Im allgemeinen deutet' ich dahin.

Gerichtsrat.
Entfernte sie unwillig den Gedanken?

Hofmeisterin.
Noch war das alte Glck ihr allzu nah.

Gerichtsrat.
Die schnen Bilder, werden sie entweichen?

Hofmeisterin.
Das hohe Meer hat sie hinweggeschreckt.

Gerichtsrat.
Sie frchtet, sich vom Vaterland zu trennen?

Hofmeisterin.
Sie frchtet's, und ich frcht' es wie den Tod.
O lass uns, Edler, glcklich Aufgefundner,
Vergebne Worte nicht bedenklich wechseln!
Noch lebt in dir, dem Jngling, jede Tugend,
Die mcht'gen Glaubens, unbedingter Liebe
Zu nie genug geschtzter Tat bedarf.
Gewiss umgibt ein schner Kreis dich auch
Von hnlichen! Von Gleichen sag' ich nicht!
O seih dich um in deinem eignen Herzen,
In deiner Freunde Herzen sieh umher,
Und findest du ein berflieend Ma
Von Liebe, von Ergebung, Kraft und Mut,
So werde dem Verdientesten dies Kleinod
Mit stillem Segen heimlich bergeben!

Gerichtsrat.
Ich wei, ich fhle deinen Zustand, kann
Und mag nicht mit mir selbst bedchtig erst.
Wie Klugheit forderte, zu Rate gehen!
Ich will sie sprechen.

Hofmeisterin (tritt zurck gegen Eugenie).

Gerichtsrat.
Was geschehen soll,
Es wird geschehn! In ganz gemeinen Dingen
Hngt viel von Wahl und Wollen ab; das Hchste,
Was uns begegnet, kommt wer wei woher.



Zweiter Auftritt
Eugenie. Gerichtsrat.

Gerichtsrat.
Indem du mir, verehrte Schne, nahst,
So zweifl' ich fast, ob man mich treu berichtet.
Du bist unglcklich, sagt man; doch du bringst,
Wohin du wandelst, Glck und Heil heran.

Eugenie.
Find' ich den ersten, dem aus tiefer Not
Ich Blick und Wort entgegen wenden darf,
So mild und edel, als du mir erscheinst;
Dies Angstgefhl, ich hoffe, wird sich lsen.

Gerichtsrat.
Ein viel Erfahrner wre zu bedauern,
Wr' ihm das Los gefallen, das dich trifft;
Wie ruft nicht erst bedrngter Jugend Kummer
Die Mitgefhle hilfsbedrftig an!

Eugenie.
So hob ich mich vor kurzem aus der Nacht
Des Todes an des Tages Licht herauf,
Ich wusste nicht, wie mir geschehn! Wie hart
Ein jher Sturz mich lhmend hingestreckt.
Da rafft' ich mich empor, erkannte wieder
Die schne Welt, ich sah den Arzt bemht,
Die Flamme wieder anzufachen, fand
In meines Vaters liebevollem Blick,
An seinem Ton mein Leben wieder. Nun
Zum zweiten Mal, von einem jhern Sturz,
Erwach' ich! Fremd und schattengleich erscheint
Mir die Umgebung, mir der Menschen Wandeln,
Und deine Milde selbst ein Traumgebild.

Gerichtsrat.
Wenn Fremde sich in unsre Lage fhlen,
Sind sie wohl nher als die Nchsten, die
Oft unsern Gram als wohlbekanntes bel
Mit lssiger Gewohnheit bersehn.
Dein Zustand ist gefhrlich! Ob er gar
Unheilbar sei, wer wagt es zu entscheiden!

Eugenie.
Ich habe nichts zu sagen! Unbekannt
Sind mir die Mchte, die mein Elend schufen.
Du hast das Weib gesprochen, jene wei;
Ich dulde nur dem Wahnsinn mich entgegen.

Gerichtsrat.
Was auch der Obermacht gewalt'gen Schluss
Auf dich herab gerufen, leichte Schuld,
Ein Irrtum, den der Zufall schdlich leitet;
Die Achtung bleibt, die Neigung spricht fr dich.

Eugenie.
Des reinen Herzens traulich mir bewusst,
Sinn' ich der Wirkung kleiner Fehler nach.

Gerichtsrat.
Auf ebnem Boden straucheln ist ein Scherz,
Ein Fehltritt strzt vom Gipfel dich herab.

Eugenie.
Auf jenen Gipfeln schwebt' ich voll Entzcken,
Der Freunde berma verwirrte mich.
Das nahe Glck berhrt' ich schon im Geist,
Ein kstlich Pfand lag schon in meinen Hnden.
Nur wenig Ruhe! Wenige Geduld!
Und alles war, so darf ich glauben, mein.
Doch bereilt' ich's, berlie mich rasch
Zudringlicher Versuchung.--War es das?--
Ich sah, ich sprach, was mir zu sehn, zu sprechen
Verboten war. Wird ein so leicht Vergehn
So hart bestraft? Ein lsslich scheinendes,
Scherzhafter Probe gleichendes Verbot,
Verdammt's den bertreter ohne Schonung?
O, so ist's wahr, was uns der Vlker Sagen
Unglaublich berliefern! Jenes Apfels
Leichtsinnig augenblicklicher Genuss
Hat aller Welt unendlich Weh verschuldet.
So ward auch mir ein Schlssel anvertraut!
Verbotne Schtze wagt' ich aufzuschlieen,
Und aufgeschlossen hab' ich mir das Grab.

Gerichtsrat.
Des bels Quelle findest du nicht aus,
Und aufgefunden fliet sie ewig fort.

Eugenie.
In kleinen Fehlern such' ich's, gebe mir
Aus eitlem Wahn die Schuld so groer Leiden.
Nur hher, hher wende den Verdacht!
Die beiden, denen ich mein ganzes Glck
Zu danken hoffte, die erhabnen Mnner,
Zum Scheine reichten sie sich Hand um Hand.
Der innre Zwist unsicherer Parteien,
Der nur in dstern Hhlen sich geneckt,
Er bricht vielleicht ins Freie bald hervor!
Und was mich erst als Furcht und Sorg' umgeben,
Entscheidet sich, indem es mich vernichtet,
Und droht Vernichtung aller Welt umher.

Gerichtsrat.
Du jammerst mich! Das Schicksal einer Welt
Verkndest du nach deinem Schmerzgefhl.
Und schien dir nicht die Erde froh und glcklich,
Als du, ein heitres Kind, auf Blumen schrittest?

Eugenie.
Wer hat es reizender als ich gesehn,
Der Erde Glck mit allen seinen Blten.
Ach, alles um mich her, es war so reich,
So voll und rein, und was der Mensch bedarf,
Es schien zur Lust, zum berfluss gegeben.
Und wem verdankt' ich solch ein Paradies?
Der Vaterliebe dankt' ich's, die, besorgt
Ums Kleinste, wie ums Grte, mich verschwendrisch
Mit Prachtgenssen zu erdrcken schien
Und meinen Krper, meinen Geist zugleich,
Ein solches Wohl zu tragen, bildete.
Wenn alles weichlich Eitle mich umgab,
Ein wonniges Behagen mir zu schmeicheln,
So rief mich ritterlicher Trieb hinaus,
Zu Ross und Wagen, mit Gefahr zu kmpfen.
Oft sehnt' ich mich in ferne Weiten hin,
Nach fremder Lande seltsam neuen Kreisen.
Dorthin versprach der edle Vater mich,
Ans Meer versprach er mich zu fhren, hoffte
Sich meines ersten Blicks ins Unbegrenzte
Mit liebevollem Anteil zu erfreun--
Da steh' ich nun und schaue weit hinaus,
Und enger scheint mich's, enger zu umschlieen.
O Gott, wie schrnkt sich Welt und Himmel ein,
Wenn unser Herz in seinen Schranken banget!

Gerichtsrat.
Unselige! Die mir aus deinen Hhen,
Ein Meteor, verderblich niederstreifst
Und meiner Bahn Gesetz berhrend strst!
Auf ewig hast du mir den heitren Blick
Ins volle Meer getrbt. Wenn Phbus nun
Ein feuerwallend Lager sich bereitet,
Und jedes Auge von Entzcken trnt,
Da werd' ich weg mich wenden, werde dich
Und dein Geschick beweinen. Fern am Rande
Des nachtumgebnen Ozeans erblick' ich
Mit Not und Jammer deinen Pfad umstrickt!
Entbehrung alles ntig lang Gewohnten,
Bedrngnis neuer bel, ohne Flucht.
Der Sonne glhendes Geschoss durchdringt
Ein feuchtes, kaum der Flut entrissnes Land.
Um Niederungen schwebet, gift'gen Brodens,
Blaudunst'ger Streifen angeschwollne Pest.
Im Vortod seh' ich, matt und hingebleicht,
von Tag zu Tag ein Kummerleben schwanken.
O die so blhend, heiter vor mir steht,
Sie soll so frh langsamen Tods verschwinden!

Eugenie.
Entsetzen rufst du mir hervor! Dorthin?
Dorthin verstt man mich! In jenes Land,
Als Hllenwinkel mir von Kindheit auf
In grauenvollen Zgen dargestellt.
Dorthin, wo sich in Smpfen Schlang' und Tiger
Durch Rohr und Dorngeflechte tckisch drngen,
Wo, peinlich qulend, als belebte Wolken
Um Wandrer sich Insektenscharen ziehn,
Wo jeder Hauch des Windes, unbequem
Und schdlich, Stunden raubt und Leben krzt.
Zu bitten dacht' ich; flehend siehst du nun
Die Dringende. Du kannst, du wirst mich retten.

Gerichtsrat.
Ein mchtig ungeheurer Talisman
Liegt in den Hnden deiner Fhrerin.

Eugenie.
Was ist Gesetz und Ordnung? Knnen sie
Der Unschuld Kindertage nicht beschtzen?
Wer seid denn ihr, die ihr mit leerem Stolz
Durchs Recht Gewalt zu bnd'gen euch berhmt?

Gerichtsrat.
In abgeschlossnen Kreisen lenken wir
Gesetzlich streng das in der Mittelhhe
Des Lebens wiederkehrend Schwebende.
Was droben sich in ungemessnen Rumen
Gewaltig seltsam hin und her bewegt,
Belebt und ttet ohne Rat und Urteil,
Das wird nach anderm Ma, nach andrer Zahl
Vielleicht berechnet, bleibt uns rtselhaft.

Eugenie.
Und ist das alles? Hast du weiter nichts
Zu sagen, zu verknden?

Gerichtsrat.
                Nichts!

Eugenie.
                        Ich glaub' es nicht!
Ich darf's nicht glauben.

Gerichtsrat.
                Lass, o lass mich fort!
Soll ich als feig, als unentschlossen gelten?
Bedauern, jammern? Soll nicht irgendhin
Mit khner Hand auf deine Rettung deuten?
Doch lge nicht in dieser Khnheit selbst
Fr mich die grsslichste Gefahr, von dir
Verkannt zu werden? Mit verfehltem Zweck
Als frevelhaft unwrdig zu erscheinen?

Eugenie.
Ich lasse dich nicht los, den mir das Glck,
Mein altes Glck, vertraulich zugesendet.
Mich hat's von Jugend auf gehegt, gepflegt,
Und nun im rauen Sturme sendet mir's
Den edlen Stellvertreter seiner Neigung.
Sollt' ich nicht sehen, fhlen, dass du teil
An mir und meinem Schicksal nimmst? Ich stehe
Nicht ohne Wirkung hier: Du sinnst! Du denkst!--
Im weiten Kreise rechtlicher Erfahrung
Schaust du zu meinen Gunsten um dich her.
Noch bin ich nicht verloren! Ja, du suchst
Ein Mittel, mich zu retten; hast es wohl
Schon ausgefunden! Mir bekennt's dein Blick,
Dein tiefer, ernster, freundlich trber Blick.
O kehre dich nicht weg! O sprich es aus,
Ein hohes Wort, das mich zu heilen tne!

Gerichtsrat.
So wendet voll Vertrauen zum Arzte sich
Der tief Erkrankte, fleht um Linderung,
Fleht um Erhaltung schwer bedrohter Tage;
Als Gott erscheint ihm der erfahrne Mann.
Doch ach! Ein bitter, unertrglich Mittel
Wird nun geboten. Ach! Soll ihm vielleicht
Der edlen Glieder grausame Verstmmlung,
Verlust statt Heilung angekndigt werden?
Gerettet willst du sein! Zu retten bist du,
Nicht herzustellen. Was du warst, ist hin,
Und was du sein kannst, magst du's bernehmen?

Eugenie.
Um Rettung aus des Todes Nachtgewalt,
Um dieses Lichts erquickenden Genuss,
Um Sicherheit des Daseins ruft zuerst
Aus tiefer Not ein Halbverlorner noch.
Was dann zu heilen sei, was zu erstatten,
Was zu vermissen, lehre Tag um Tag.

Gerichtsrat.
Und nchst dem Leben, was erflehst du dir?

Eugenie.
Des Vaterlandes vielgeliebten Boden!

Gerichtsrat.
Du forderst viel im einz'gen, groen Wort!

Eugenie.
Ein einzig Wort enthlt mein ganzes Glck.

Gerichtsrat.
Den Zauberbann, wer wagt's, ihn aufzulsen?

Eugenie.
Der Tugend Gegenzauber siegt gewiss!

Gerichtsrat.
Der obern Macht ist schwer zu widerstehen.

Eugenie.
Allmchtig ist sie nicht, die obre Macht.
Gewiss! Dir gibt die Kenntnis jener Formen,
Fr Hohe wie fr Niedre gleich verbindlich,
Ein Mittel an. Du lchelst. Ist es mglich!
Das Mittel ist gefunden! Sprich es aus!

Gerichtsrat.
Was hilf' es, meine Beste, wenn ich dir
Von Mglichkeiten sprche! Mglich scheint
Fast alles unsern Wnschen; unsrer Tat
Setzt sich von innen wie von auen viel,
Was sie durchaus unmglich macht, entgegen.
Ich kann, ich darf nicht reden, lass mich los!

Eugenie.
Und wenn du tuschen solltest!--Wre nur
Fr Augenblicke meiner Phantasie
Ein zweifelhafter, leichter Flug vergnnt!
Ein bel um das andre biete mir!
Ich bin gerettet, wenn ich whlen kann.

Gerichtsrat.
Ein Mittel gibt es, dich im Vaterland
Zurckzuhalten. Friedlich ist's und manchem
Erschien' es auch erfreulich. Groe Gunst
Hat es vor Gott und Menschen. Heil'ge Krfte
Erheben's ber alle Willkr. Jedem,
Der's anerkennt, sich's anzueignen wei,
Verschafft es Glck und Ruhe. Vollbestand
Erwnschter Lebensgter sind wir ihm,
So wie der Zukunft hchste Bilder schuldig.
Als allgemeines Menschengut verordnet's
Der Himmel selbst und lie dem Glck, der Khnheit
Und stiller Neigung Raum, sich's zu erwerben.

Eugenie.
Welch Paradies in Rtseln stellst du dar?

Gerichtsrat.
Der eignen Schpfung himmlisch Erdenglck.

Eugenie.
Was hilft mein Sinnen! Ich verwirre mich!

Gerichtsrat.
Errtst du's nicht, so liegt es fern von dir.

Eugenie.
Das zeige sich, sobald du ausgesprochen.

Gerichtsrat.
Ich wage viel! Der Ehstand ist es!

Eugenie.
                                    Wie?

Gerichtsrat.
Gesprochen ist's, nun berlege du.

Eugenie.
Mich berrascht, mich ngstet solch ein Wort.

Gerichtsrat.
Ins Auge fasse, was dich berrascht.

Eugenie.
Mir lag es fern in meiner frohen Zeit,
Nun kann ich seine Nhe nicht ertragen;
Die Sorge, die Beklemmung mehrt sich nur.
Von meines Vaters, meines Knigs Hand
Musst' ich dereinst den Brutigam erwarten.
Voreilig schwrmte nicht mein Blick umher,
Und keine Neigung wuchs in meiner Brust.
Nun soll ich denken, was ich nie gedacht,
Und fhlen, was ich sittsam weg gewiesen;
Soll mir den Gatten wnschen, eh' ein Mann
Sich liebenswert und meiner wert gezeigt,
Und jenes Glck, das Hymen uns verspricht,
Zum Rettungsmittel meiner Not entweihen.

Gerichtsrat.
Dem wackern Mann vertraut ein Weib getrost,
Und wr' er fremd, ein zweifelhaft Geschick.
Der ist nicht fremd, wer teilzunehmen wei,
Und schnell verbindet ein Bedrngter sich
Mit seinem Retter. Was im Lebensgange
Dem Gatten seine Gattin fesselnd eignet,
Ein Sicherheitsgefhl, ihr werd' es nie
An Rat und Trost, an Schutz und Hilfe fehlen,
Das flt im Augenblick ein khner Mann
Dem Busen des Gefahr umgebnen Weibes
Durch Wagetat auf ew'ge Zeiten ein.

Eugenie.
Und mir, wo zeigte sich ein solcher Held?

Gerichtsrat.
Der Mnner Schar ist gro in dieser Stadt.

Eugenie.
Doch allen bin und bleib' ich unbekannt.

Gerichtsrat.
Nicht lange bleibt ein solcher Blick verborgen!

Eugenie.
O tusche nicht ein leicht betrognes Hoffen!
Wo fnde sich ein Gleicher, seine Hand
Mir, der Erniedrigten, zu reichen? Drft' ich
Dem Gleichen selbst ein solches Glck verdanken?

Gerichtsrat.
Ungleich erscheint im Leben viel, doch bald
Und unerwartet ist es ausgeglichen.
In ew'gem Wechsel wiegt ein Wohl das Weh
Und schnelle Leiden unsre Freuden auf.
Nichts ist bestndig! Manches Missverhltnis
Lst unbemerkt, indem die Tage rollen,
Durch Stufenschritte sich in Harmonie.
Und ach! Den grten Abstand wei die Liebe,
Die Erde mit dem Himmel, auszugleichen.

Eugenie.
In leere Trume denkst du mich zu wiegen.

Gerichtsrat.
Du bist gerettet, wenn du glauben kannst.

Eugenie.
So zeige mir des Retters treues Bild.

Gerichtsrat.
Ich zeig' ihn dir, er bietet seine Hand!

Eugenie.
Du! Welch ein Leichtsinn berraschte dich?

Gerichtsrat.
Entschiedne bleibt auf ewig mein Gefhl.

Eugenie.
Der Augenblick, vermag er solche Wunder?

Gerichtsrat.
Das Wunder ist des Augenblicks Geschpf.

Eugenie.
Und Irrtum auch der bereilung Sohn.

Gerichtsrat.
Ein Mann, der dich gesehen, irrt nicht mehr.

Eugenie.
Erfahrung bleibt des Lebens Meisterin.

Gerichtsrat.
Verwirren kann sie, doch das Herz entscheidet.
O lass dir sagen: Wie vor wenig Stunden,
Ich mit mir selbst zu Rate ging und mich
So einsam fhlte, meine ganze Lage,
Vermgen, Stand, Geschft ins Auge fasste
Und um mich her nach einer Gattin sann,
Da regte Phantasie mir manches Bild,
Die Schtze der Erinnrung sichtend, auf,
Und wohlgefllig schwebten sie vorber.
Zu keiner Wahl bewegte sich mein Herz.
Doch du erscheinest, ich empfinde nun,
Was ich bedurfte. Dies ist mein Geschick.

Eugenie.
Die Fremde, Schlechtumgebne, Missempfohlne,
Sie knnte frohen, stolzen Trost empfinden,
Sich so geschtzt, sich so geliebt zu sehn;
Bedchte sie nicht auch des Freundes Glck,
Des edlen Manns, der unter allen Menschen
Vielleicht zuletzt ihr Hilfe bieten mag.
Betrgst du dich nicht selbst? Und wagst du, dich
Mit jener Macht, die mich bedroht, zu messen?

Gerichtsrat.
Mit jener nicht allein!--Dem Ungestm
Des rohen Drangs der Menge zu entgehn,
Hat uns ein Gott den schnsten Port bezeichnet.
Im Hause, wo der Gatte sicher waltet,
Da wohnt allein der Friede, den vergebens
Im Weiten du da drauen suchen magst.
Unruh'ge Missgunst, grimmige Verleumdung,
Verhallendes, parteiisches Bestreben,
Nicht wirken sie auf diesen heil'gen Kreis!
Vernunft und Liebe hegen jedes Glck,
Und jeden Unfall mildert ihre Hand.
Komm! Rette dich zu mir! Ich kenne mich!
Und wei, was ich versprechen darf und kann.

Eugenie.
Bist du in deinem Hause Frst?

Gerichtsrat.
                                Ich bin's!
Und jeder ist's, der Gute wie der Bse.
Reicht eine Macht denn wohl in jenes Haus,
Wo der Tyrann die holde Gattin krnkt,
Wenn er nach eignem Sinn verworren handelt,
Durch Launen, Worte, Taten jede Lust
Mit Schadenfreude sinnreich untergrbt?
Wer trocknet ihre Trnen? Welch Gesetz,
Welch Tribunal erreicht den Schuldigen?
Er triumphiert, und schweigende Geduld
Senkt nach und nach, verzweifelnd, sie ins Grab.
Notwendigkeit, Gesetz, Gewohnheit gaben
Dem Mann so grobe Rechte; sie vertrauten
Auf seine Kraft, auf seinen Biedersinn.--
Nicht Heldenfaust, nicht Heldenstamm, geliebte,
Verehrte Fremde, wei ich dir zu bieten;
Allein des Brgers hohen Sicherstand.
Und bist du mein, was kann dich mehr berhren?
Auf ewig bist du mein, versorgt, beschtzt.
Der Knig fordre dich von mir zurck;
Als Gatte kann ich mit dem Knig rechten.

Eugenie.
Vergib! Mir schwebt noch allzu lebhaft vor,
Was ich verscherzte! Du, Gromtiger,
Bedenkest nur, was mir noch brig blieb.
Wie wenig ist es! Dieses Wenige
Lehrst du mich schtzen, gibst mein eignes Wesen
Durch dein Gefhl belebend mir zurck.
Verehrung zoll' ich dir. Wie soll ich's nennen?
Dankbare, schwesterlich entzckte Neigung!
Ich fhle mich als dein Geschpf und kann
Dir leider, wie du wnschest, nicht gehren.

Gerichtsrat.
So schnell versagst du dir und mir die Hoffnung?

Eugenie.
Das Hoffnungslose kndet schnell sich an!



Dritter Auftritt
Die Vorigen. Hofmeisterin.

Hofmeisterin.
Dem gnst'gen Wind gehorcht die Flotte schon.
Die Segel schwellen, alles eilt hinab.
Die Scheidenden umarmen trnend sich,
Und von den Schiffen, von dem Strande wehn
Die weien Tcher noch den letzten Gru.
Bald lichtet unser Schiff die Anker auch!
Komm! Lass uns gehen! Uns begleitet nicht
Ein Scheidegru, wir ziehen unbeweint.

Gerichtsrat.
Nicht unbeweint, nicht ohne bittern Schmerz
Zurckgelassner Freunde, die nach euch
Die Arme rettend strecken. O! Vielleicht
Erscheint, was ihr im Augenblick verschmht,
Euch blad ein sehnsuchtswertes, fernes Bild.
(Zu Eugenie.) Vor wenigen Minuten nannt' ich dich
Entzckt willkommen! Soll ein Lebewohl
Behend auf ewig unsre Trennung siegeln?

Hofmeisterin.
Der Unterredung Inhalt, ahn' ich ihn?

Gerichtsrat.
Zum ew'gen Bunde siehst du mich bereit.

Hofmeisterin (zu Eugenie).
Und wie erkennst du solch ein gro Erbieten?

Eugenie.
Mit hchst gerhrten Herzens reinstem Dank.

Hofmeisterin.
Und ohne Neigung, diese Hand zu fassen?

Gerichtsrat.
Zur Hilfe bietet sie sich dringend an.

Eugenie.
Das Nchste steht oft unergreifbar fern.

Hofmeisterin.
Ach! Fern von Rettung stehn wir nur zu bald.

Gerichtsrat.
Und hast du knftig Drohendes bedacht?

Eugenie.
Sogar das letzte Drohende, den Tod.

Hofmeisterin.
Ein angebotnes Leben schlgst du aus?

Gerichtsrat.
Erwnschte Feier froher Bundestage?

Eugenie.
Ein Fest versumt' ich, keins erscheint mir wieder.

Hofmeisterin.
Gewinnen kann, wer viel verloren, schnell.

Gerichtsrat.
Noch glnzendem ein dauerhaft Geschick.

Eugenie.
Hinweg die Dauer, wenn der Glanz verlosch.

Hofmeisterin.
Der Mgliches bedenkt, lsst sich gengen.

Gerichtsrat.
Und wem gengte nicht an Lieb' und Treue?

Eugenie.
Den Schmeichelworten widerspricht mein Herz,
Und widerstrebt euch beiden ungeduldig.

Gerichtsrat.
Ach, allzu lstig scheint, ich wei es wohl,
Uns unwillkommne Hilfe! Sie erregt
Nur innern Zwiespalt. Danken mchten wir,
Und sind undankbar, da wir nicht empfangen.
Drum lasst mich scheiden! Doch des Hafenbrgers
Gebrauch und Pflicht vorher an euch erfllen,
Aufs unfruchtbare Meer von Landesgaben
Zum Lebewohl Erquickungsvorrat widmen.
Dann werd' ich stehen, werde starren Blicks
Geschwollne Segel ferner, immer ferner,
Und Glck und Hoffnung weichend schwinden sehn.



Vierter Auftritt
Eugenie. Hofmeisterin.

Eugenie.
In deiner Hand, ich wei es, ruht mein Heil,
Sowie mein Elend. Lass dich berreden!
Lass dich erweichen! Schiffe mich nicht ein!

Hofmeisterin.
Du lenkest nun, was uns begegnen soll,
Du hast zu whlen! Ich gehorche nur
Der starken Hand, sie stt mich vor sich hin.

Eugenie.
Und nennst du Wahl, wenn Unvermeidliches
Unmglichem sich gegenberstellt?

Hofmeisterin.
Der Bund ist mglich, wie der Bann vermeidlich.

Eugenie.
Unmglich ist, was Edle nicht vermgen.

Hofmeisterin.
Fr diesen biedern Mann vermagst du viel.

Eugenie.
In bessre Lagen fhre mich zurck;
Und sein Erbieten lohn' ich grenzenlos.

Hofmeisterin.
Ihm lohne gleich, was ihn allein belohnt:
Zu hohen Stufen heb' ihn deine Hand!
Wenn Tugend, wenn Verdienst den Tchtigen
Nur langsam frdern, wenn er, still entsagend
Und kaum bemerkt sich andern widmend, strebt,
So fhrt ein edles Weib ihn leicht ans Ziel.
Hinunter soll kein Mann die Blicke wenden;
Hinauf zur hchsten Frauen kehr' er sich!
Gelingt es ihm, sie zu erwerben, schnell
Geebnet zeigt des Lebens Pfad sich ihm.

Eugenie.
Verwirrender, verflschter Worte Sinn
Entwickl' ich wohl aus deinen falschen Reden,
Das Gegenteil erkenn' ich nur zu klar:
Der Gatte zieht sein Weib unwiderstehlich
In seines Kreises abgeschlossne Bahn.
Dorthin ist sie gebannt, sie kann sich nicht
Aus eigner Kraft besondre Wege whlen;
Aus niedrem Zustand fhrt er sie hervor,
Aus hhern Sphren lockt er sie hernieder.
Verschwundne ist die frhere Gestalt,
Verloschen jede Spur vergangner Tage.
Was sie gewann, wer will es ihr entreien?
Was sie verlor, wer gibt es ihr zurck?

Hofmeisterin.
So bricht du grausam dir und mir den Stab.

Eugenie.
Noch forscht mein Blick nach Rettung hoffnungsvoll.

Hofmeisterin.
Der Liebende verzweifelt; kannst du hoffen?

Eugenie.
Ein kalter Mann verlieh' uns bessern Rat.

Hofmeisterin.
Von Rat und Wahl ist keine Rede mehr;
Du strzest mich ins Elend, folge mir!

Eugenie.
O dass ich dich noch einmal freundlich hold
Vor meinen Augen she, wie du stets
Von frher Zeit herauf mich angeblickt!
Der Sonne Glanz, die alles Leben regt,
Des klaren Monds erquicklich leiser Schein
Begegneten mir holder nicht als du.
Was konnt' ich wnschen? Vorbereitet war's.
Was durft' ich frchten? Abgelehnt war alles!
Und zog sich ins Verborgne meine Mutter
Vor ihres Kindes Blicken frh zurck,
So reichtest du ein berflieend Ma
Besorgter Mutterliebe mir entgegen.
Bist du denn ganz verwandelt? uerlich
Erscheinst du mir die Vielgeliebte selber;
Doch ausgewechselt ist, so scheint's, dein Herz--
Du bist es noch, die ich um Kleines und Groes
So oft gebeten, die mir nichts verweigert.
Gewohnter Ehrfurcht kindliches Gefhl,
Es lehrt mich nun, das Hchste zu erbitten.
Und knnt' es mich erniedrigen, dich nun
An Vaters, Knigs, dich an Gottes Statt
Gebognen Knies um Rettung anzuflehen?

(Sie kniet.)

Hofmeisterin.
In dieser Lage scheinst du meiner nur
Verstellt zu spotten. Falschheit rhrt mich nicht.

(Hebt Eugenie mit Heftigkeit auf.)

Eugenie.
So hartes Wort, so widriges Betragen,
Erfahr' ich das, erleb' ich das von dir?
Und mit Gewalt verscheuchst du meinen Traum.
Im klaren Lichte seh' ich mein Geschick!
Nicht meine Schuld, nicht jener Groen Zwist,
Des Bruders Tcke hat mich hergestoen,
Und, mitverschworen, hltst du mich gebannt.

Hofmeisterin.
Dein Irrtum schwankt nach allen Seiten hin.
Was will der Bruder gegen dich beginnen?
Den bsen Willen hat er, nicht die Macht.

Eugenie.
Sei's, wie ihm wolle! Noch verschmacht' ich nicht
In ferner Wste hoffnungslosen Rumen.
Ein lebend Volk bewegt sich um mich her,
Ein liebend Volk, das auch den Vaternamen
Entzckt aus seines Kindes Mund vernimmt.
Die fordr' ich auf. Aus roher Menge kndet
Ein mcht'ger Ruf mir meine Freiheit an.

Hofmeisterin.
Die rohe Menge hast du nie gekannt,
Sie starrt und staunt und zaudert, lsst geschehn;
Und regt sie sich, so endet ohne Glck,
Was ohne Plan zufllig sie begonnen.

Eugenie.
Den Glauben wirst du mir mit kaltem Wort
Nicht, wie mein Glck mit frecher Tag, zerstren.
Dort unten hoff' ich Leben, aus dem Leben,
Dort, wo die Masse, ttig strmend, wogt,
Wo jedes Herz, mit wenigem befriedigt,
Fr holdes Mitleid gern sich ffnen mag.
Du hltst mich nicht zurck! Ich rufe laut,
Wie furchtbar mich Gefahr und Not bedrngen,
Ins whlende Gemisch mich strzend, aus.




Fnfter Aufzug
(Platz am Hafen.)



Erster Auftritt
Eugenie. Hofmeisterin.

Eugenie.
Mit welchen Ketten fhrst du mich zurck?
Gehorch! Ich wider Willen diesmal auch!
Fluchwrdige Gewalt der Stimme, die
Mich einst so glatt zur Folgsamkeit gewhnte,
Die meines ersten bildsamen Gefhls
Im ganzen Umfang sich bemeisterte!
Du warst es, der ich dieser Worte Sinn
Zuerst verdanke, dieser Sprache Kraft
Und knstliche Verknpfung; diese Welt
Hab' ich aus deinem Munde, ja, mein eignes Herz.
Nun brauchst du diesen Zauber gegen mich,
Du fesselst mich, du schleppst mich hin und wider,
Mein Geist verwirrt sich, mein Gefhl ermattet,
Und zu den Toten sehn' ich mich hinab.

Hofmeisterin.
O htte diese Zauberkraft gewirkt,
Von jenen hohen Plnen abzustehn.

Eugenie.
Du ahntest solch ungeheures bel
Und warntest nicht den allzu sichern Mut?

Hofmeisterin.
Wohl durft' ich warnen, aber leise nur;
Die ausgesprochne Silbe trug den Tod.

Eugenie.
Und hinter deinem Schweigen lag Verbannung!
Ein Todeswort, willkommner war es mir.

Hofmeisterin.
Dies Unglck, vorgesehen oder nicht,
Hat mich und dich in gleiches Netz verschlungen.

Eugenie.
Was kann ich wissen, welch ein Lohn dir wird,
Um deinen armen Zgling zu verderben.

Hofmeisterin.
Er wartet wohl am fremden Strande mein!
Das Segel schwillt und fhrt uns beide hin.

Eugenie.
Noch hat das Schiff in seine Kerker nicht
Mich aufgenommen. Sollt' ich willig gehen?

Hofmeisterin.
Und riefst du nicht das Volk zur Hilfe schon?
Es staunte nur dich an und schwieg und ging.

Eugenie.
Mit ungeheurer Not im Kampfe, schien
Ich dem gemeinen Blick des Wahnsinns Beute.
Doch sollst du mir mit Worten, mit Gewalt
Den mut'gen Schritt nach Hilfe nicht verkmmern.
Die Ersten dieser Stadt erheben sich
Aus ihren Husern dem Gestadte zu,
Die Schiffe zu bewundern, die gereiht,
Uns unerwnscht das hohe Meer gewinnen.
Schon regt sich am Palast des Gouverneurs
Die Wache. Jener ist es, der die Stufen,
Von mehreren begleitet, niedersteigt.
Ich will ihn sprechen, ihm den Fall erzhlen!
Und ist er wert, an meines Knigs Platz
Den wichtigsten Geschften vorzustehn,
So weist er mich nicht unerhrt von hinnen.

Hofmeisterin.
Ich hindre dich an diesem Schritte nicht,
Doch nennst du keinen Namen, nur die Sache.

Eugenie.
Den Namen nicht, bis ich vertrauen darf.

Hofmeisterin.
Es ist ein edler junger Mann und wird,
Was er vermag, mit Anstand gern gewhren.



Zweiter Auftritt
Die Vorigen. Der Gouverneur. Adjutanten.

Eugenie.
Dir in den Weg zu treten, darf ich's wagen?
Wirst du der khnen Fremden auch verzeihn?

Gouverneur (nachdem er sie aufmerksam betrachtet).
Wer sich wie du dem ersten Blick empfiehlt,
Der ist gewiss des freundlichsten Empfangs.

Eugenie.
Nicht froh und freundlich ist es, was ich bringe,
Entgegen treibt mich dir die hchste Not.

Gouverneur.
Ist, sie zu heben, mglich, sei mir's Pflicht;
Ist sie auch nur zu lindern, soll's geschehn.

Eugenie.
Von hohem Haus entspross die Bittende;
Doch leider ohne Namen tritt sie auf.

Gouverneur.
Ein Name wird vergessen; dem Gedchtnis
Schreibt solch ein Bild sich unauslschlich ein.

Eugenie.
Gewalt und List entreien, fhren, drngen
Mich von des Vaters Brust ans wilde Meer.

Gouverneur.
Wer durfte sich an diesem Friedensbild
Mit ungeweihter Feindeshand vergreifen?

Eugenie.
Ich selbst vermute nur! Mich berrascht
Aus meinem eignen Hause dieser Schlag.
Von Eigennutz und bsem Rat geleitet,
Sann mir ein Bruder dies Verderben aus,
Und diese hier, die mich erzogen, steht,
Mir unbegreiflich, meinen Feinden bei.

Hofmeisterin.
Ihr steh' ich bei und mildre groes bel,
Das ich zu heilen leider nicht vermag.

Eugenie.
Ich soll zu Schiffe steigen, fordert sie!
Nach jenen Ufern fhrt sie mich hinber!

Hofmeisterin.
Geb' ich auf solchem Weg ihr das Geleit,
So zeigt es Liebe, Muttersorgfalt an.

Gouverneur.
Verzeiht, geschtzte Frauen, wenn ein Mann,
Der, jung an Jahren, manches in der Welt
Gesehn und berlegt, im Augenblick,
Da er euch sieht und hrt, bedenklich stutzt.
Vertrauen scheint ihr beide zu verdienen,
Und ihr misstraut einander beide selbst,
So scheint es wenigstens. Wie soll ich nun
Des wunderbaren Knotens Rtselschlinge,
Die euch umstrickt, zu lsen bernehmen?

Eugenie.
Wenn du mich hren willst, vertrau' ich mehr.

Hofmeisterin.
Auch ich vermchte manches zu erklren.

Gouverneur.
Dass uns mit Fabeln oft ein Fremder tuscht,
Muss auch der Wahrheit schaden, wenn wir sie
In abenteuerlicher Hlle sehn.

Eugenie.
Misstraust du mir, so bin ich ohne Hilfe.

Gouverneur.
Und traut' ich auch, ist doch zu helfen schwer.

Eugenie.
Nur zu den Meinen sende mich zurck.

Gouverneur.
Verlorne Kinder aufzunehmen, gar
Entwendete, verstone zu beschtzen,
Bringt wenig Dank dem wohl gesinnten Mann.
Um Gut und Erbe wird sogleich ein Streit,
Um die Person, ob sie die rechte sei,
Gehssig aufgeregt, und wenn Verwandte
Ums Mein und dein gefhllos hadern, trifft
Den Fremden, der sich eingemischt, der Hass
Von beiden Teilen, und nicht selten gar,
Weil ihm der strengere Beweis nicht glckt,
Steht er zuletzt auch vor Gericht beschmt.
Verzeih mir also, wenn ich nicht sogleich
Mit Hoffnung dein Gesuch erwidern kann.

Eugenie.
Ziemt eine solche Furcht dem edlen Mann,
Wohin soll sich ein Unterdrckter wenden?

Gouverneur.
Doch wenigstens entschuldigst du gewiss
Im Augenblick, wo ein Geschft mich ruft,
Wenn ich auf morgen frhe dich hinein
In meine Wohnung lade, dort genauer
Das Schicksal zu erfahren, das dich drngt.

Eugenie.
Mit Freuden werd' ich kommen. Nimm voraus
Den lauten Dank fr meine Rettung an!

Hofmeisterin (die ihm ein Papier berreicht).
Wenn wir auf deine Ladung nicht erscheinen,
So ist dies Blatt Entschuldigung genug.

Gouverneur (der es aufmerksam eine Weile angesehn,
es zurckgebend).
So kann ich freilich nur beglckte Fahrt,
Ergebung ins Geschick und Hoffnung wnschen.



Dritter Auftritt
Eugenie. Hofmeisterin.

Eugenie.
Ist dies der Talisman, mit dem du mich
Entfhrst, gefangen hltst, der alle Guten,
Die sich zu Hilfe mir bewegen, lhmt?
Lass mich es ansehn, dieses Todesblatt!
Mein Elend kenn' ich, nun, so lass mich auch,
Wer es verhngen konnte, lass mich's wissen.

Hofmeisterin (die das Blatt offen darzeigt).
Hier! Sieh herein.

Eugenie (sich weg wendend).
                Entsetzliches Gefhl!
Und berlebt' ich's, wenn des Vaters Name,
Des Knigs Name mir entgegen blitzte?
Noch ist die Tuschung mglich, dass verwegen
Ein Kronbeamter die Gewalt missbraucht
Und, meinem Bruder frnend, mich verletzt.
Da bin ich noch zu retten. Eben dies
Will ich erfahren! Zeige her!

Hofmeisterin (wie oben).
                        Du siehst's!

Eugenie (wie oben).
Der Mut verlsst mich! Nein, ich wag' es nicht.
Sei's, wie es will, ich bin verloren, bin
Aus allem Vorteil dieser Welt gestoen;
Entsag' ich denn auf ewig dieser Welt!
O dies vergnnst du mir! Du willst es ja,
Die Feinde wollen meinen Tod, sie wollen
Mich lebend eingescharrt. Vergnne mir,
Der Kirche mich zu nhern, die begierig
So manch unschuldig Opfer schon verschlang.
Hier ist der Tempel; diese Pforte fhrt
Zu stillem Jammer, wie zu stillem Glck.
Lass diesen Schritt mich ins Verborgne tun!
Was mich daselbst erwartet, sei mein Los.

Hofmeisterin.
Ich sehe, die btissin steigt, begleitet
Von zwei der Ihren, zu dem Platz herab;
Auch sie ist jung, von hohem Haus entsprossen;
Entdeck' ihr deinen Wunsch, ich hindr' es nicht.



Vierter Auftritt
Die Vorigen. btissin. Zwei Nonnen.

Eugenie.
Betubt, verworren, mit mir selbst entzweit
Und mit der Welt, verehrte heil'ge Jungfrau,
Siehst du mich hier. Die Angst des Augenblicks,
Die Sorge fr die Zukunft treiben mich
In deine Gegenwart, in der ich Lindrung
Des ungeheuren bels hoffen darf.

btissin.
Wenn Ruhe, wenn Besonnenheit und Friede
Mit Gott und unserm eigenen Herzen sich
Mitteilen lsst, so soll es, edle Fremde,
Nicht fehlen an der Lehre treuem Wort,
Dir einzuflen, was der Meinen Glck
Und meins fr heut' sowie auf ewig frdert.

Eugenie.
Unendlich ist mein bel, schwerlich mcht'
Es durch der Worte gttliche Gewalt
Sogleich zu heilen sein. O nimm mich auf
Und lass mich weilen, wo du weilst, mich erst
In Trnen lsen diese Bangigkeit
Und mein erleichtert Herz dem Troste weihen!

btissin.
Wohl hab' ich oft im heiligen Bezirk
Der Erde Trnen sich in gttlich Lcheln
Verwandeln sehn, in himmlisches Entzcken,
Doch drngt man sich gewaltsam nicht herein;
Gar manche Prfung muss die neue Schwester
Und ihren ganzen Wert uns erst entwickeln.

Hofmeisterin.
Entschiedner Wert ist leicht zu kennen, leicht,
Was du bedingen mchtest, zu erfllen.

btissin.
Ich zweifle nicht am Adel der Geburt,
Nicht am Vermgen, dieses Hauses Rechte,
Die gro und wichtig sind, dir zu gewinnen.
Drum lasst mich bald vernehmen, was ihr denkt.

Eugenie.
Gewhre meine Bitte, nimm mich auf!
Verbirg mich vor der Welt im tiefsten Winkel.
Und meine ganze Habe nimm dahin.
Ich bringe viel und hoffe mehr zu leisten.

btissin.
Kann uns die Jugend, uns die Schnheit rhren,
Ein edles Wesen, spricht's an unser Herz,
So hast du viele Rechte, gutes Kind.
Geliebte Tochter! Komm an meine Brust!

Eugenie.
Mit diesem Wort, mit diesem Herzensdruck
Besnftigst du auf einmal alles Toben
Der aufgeregten Brust. Die letzte Welle
Umspielt mich weichend noch. Ich bin im Hafen.

Hofmeisterin (dazwischen tretend).
Wenn nicht ein grausam Schicksal widerstnde!
Betrachte dieses Blatt, uns zu beklagen.

(Sie reicht der btissin das Blatt.)

btissin (die gelesen).
Ich muss dich tadeln, dass du wissentlich
So manch vergeblich Wort mit angehrt.
Ich beuge vor der hheren Hand mich tief,
Die hier zu walten scheint.



Fnfter Auftritt
Eugenie. Hofmeisterin.

Eugenie.
                        Wie? Hhre Hand?
Was meint die Heuchlerin? Versteht sie Gott?
Der himmlisch Hchste hat gewiss nicht hier
Mit dieser Freveltat zu tun. Versteht
Sie unsern Knig? Wohl! Ich muss es dulden,
Was dieser ber mich verhngt. Allein
Ich will nicht mehr in Zweifel, zwischen Furcht
Und Liebe schweben, will nicht weibisch mehr,
Indem ich untergehe, noch des Herzens
Und seiner weichlichen Gefhle schonen.
Es breche, wenn es brechen soll, und nun
Verlang' ich, dieses Blatt zu sehen, sei
Von meinem Vater, sei von meinem Knig
Das Todesurteil unterzeichnet. Jener
Gereizten Gottheit, die mich niederschmettert,
Will ich getrost ins Auge schauend stehn.
O dass ich vor ihr stnde! Frchterlich
Ist der bedrngten Unschuld letzter Blick.

Hofmeisterin.
Ich hab' es nie verweigert, nimm es hin.

Eugenie (das Papier von auen ansehend).
Das ist des Menschen wunderbar Geschick,
Dass bei dem grten bel noch die Furcht
Vor feinerem Verlust ihm brig bleibt.
Sind wir so reich, ihr Gtter, dass ihr uns
Mit einem Schlag nicht alles rauben knnt?
Des Lebens Glck entriss mir dieses Blatt,
Und lsst mich greren Jammer noch befrchten.

(Sie entfaltet's.)

Wohlan! Getrost, mein Herz, und schaudre nicht,
Die Neige dieses bittren Kelchs zu schlrfen.

(Blickt hinein.)

Des Knigs Hand und Siegel!

Hofmeisterin (die ihr das Blatt abnimmt).
                        Gutes Kind,
Bedaure mich, indem du dich bejammerst.
Ich bernahm das traurige Geschft,
Der Allgewalt Befehl vollzieh' ich nur,
Um dir in deinem Elend beizustehn,
Dich keiner fremden Hand zu berlassen.
Was meine Seele peinigt, was ich noch
Von diesem schrecklichen Ereignis kenne,
Erfhrst du knftig. Jetzt verzeihe mir,
Wenn mich die eiserne Notwendigkeit,
Uns unverzglich einzuschiffen, zwingt.



Sechster Auftritt
Eugenie allein, hernach Hofmeisterin im Grunde.

Eugenie.
So ist mir denn das schnste Knigreich,
Der Hafenplatz, von Tausenden belebt,
Zur Wste worden, und ich bin allein.
Hier sprechen edle Mnner nach Gesetzen,
Und Krieger lauschen auf gemessnes Wort.
Hier flehen heilig Einsame zum Himmel;
Beschftigt strebt die Menge nach Gewinn.
Und mich verstt man ohne Recht und Urteil,
Nicht eine Hand bewaffnet sich fr mich,
Man schliet mir die Asyle, niemand mag
Zu meinen Gunsten wenig Schritte wagen.
Verbannung! Ja, des Schreckensworts Gewicht
Erdrckt mich schon mit allen seinen Lasten.
Schon fhl' ich mich ein abgestorbnes Glied,
Der Krper, der gesunde, stt mich los.
Dem selbstbewussten Toten gleich' ich, der,
Ein Zeuge seiner eigenen Bestattung,
Gelhmt, in halbem Trume, grausend liegt.
Entsetzliche Notwendigkeit! Doch wie?
Ist mir nicht eine Wahl verstattet? Kann
Ich nicht des Mannes Hand ergreifen, der
Mir, einzig edel, seine Hilfe beut?--
Und knnt' ich das? Ich knnte die Geburt,
Die mich so hoch hinaufgerckt, verleugnen!
Von allem Glanze jener Hoffnung mich
Auf ewig trennen! Das vermag ich nicht!
O fasse mich, Gewalt, mit ehrnen Fusten!
Geschick, du blindes, reie mich hinweg!
Die Wahl ist schwerer als das bel selbst,
Die zwischen zweien beln schwankend bebt.

(Hofmeisterin, mit Leuten, welche Gepcke tragen,
geht schweigend hinten vorbei.)

Sie kommen! Tragen meine Habe fort,
Das Letzte, was von kstlichem Besitz
Mir brig blieb. Wird es mir auch geraubt?
Man bringt's hinber, und ich soll ihm nach.
Ein gnst'ger Wind bewegt die Wimpel seewrts,
Bald werd' ich alle Segel schwellen sehn.
Die Flotte lset sich vom Hafen ab!
Und nun das Schiff, das mich Unsel'ge trgt.
Man kommt! Man fordert mich an Bord. O Gott!
Ist denn der Himmel ehern ber mir?
Dringt meine Jammerstimme nicht hindurch?
So sei's! Ich gehe! Doch mich soll das Schiff
In seines Kerkers Rume nicht verschlingen.
Das letzte Brett, das mich hinberfhrt,
Soll meiner Freiheit erste Stufe werden.
Empfangt mich dann, ihr Wellen, fasst mich auf,
Und, fest umschlingend, senket mich hinab
In eures tiefen Friedens Grabesscho.
Und wenn ich dann vom Unbill dieser Welt
Nichts mehr zu frchten habe, splt zuletzt
Mein bleiches Gebein dem Ufer zu,
Dass eine fromme Seele mir das Grab
Auf heim'schem Boden wohlgesinnt bereite.

(Mit einigen Schritten.)

Wohlan denn!

(Hlt inne.) Will mein Fu nicht mehr gehorchen?
Was fesselt meinen Schritt, was hlt mich hier?
Unsel'ge Liebe zum unwrd'gen Leben!
Du fhrest mich zum harten Kampf zurck.
Verbannung, Tod, Entwrdigung umschlieen
Mich fest und ngsten mich einander zu.
Und wie ich mich von einem schaudernd wende,
So grinst das andre mir mit Hllenblick.
Ist denn kein menschlich, ist kein gttlich Mittel,
Von tausendfacher Qual mich zu befreien?
O dass ein einzig ahnungsvolles Wort
Zufllig aus der Menge mir ertnte!
O dass ein Friedensvogel mir vorbei
Mit leisem Fittich leitend sich bewegte!
Gern will ich hin, wohin das Schicksal ruft;
Es deute nur! Und ich will glubig folgen.
Es winke nur! Ich will dem heil'gen Winke,
Vertrauend, hoffend, ungesumt mich fgen.



Siebenter Auftritt
Eugenie. Mnch.

Eugenie (die eine Zeitlang vor sich hingesehen, indem
sie die Augen aufhebt und den Mnch erblickt).
Ich darf nicht zweifeln, ja! Ich bin gerettet!
Ja! Dieser ist's, der mich bestimmen soll.
Gesendet auf mein Flehn, erscheint er mir,
Der Wrdige, Bejahrte, dem das Herz
Beim ersten Blick vertraut entgegen flieht.

(Ihm entgegen gehend.)

Mein Vater! Lass den ach! Mir nun versagten,
Verkmmerten, verbotnen Vaternamen
Auf dich, den edlen Fremden, bertragen.
Mit wenig Worten hre meine Not.
Nicht als dem weisen, wohl bedcht'gen Mann,
Dem Gott begabten Greise leg' ich sie
Mit schmerzlichem Vertraun dir an die Brust.

Mnch.
Was dich bedrngt, erffne freien Mutes.
Nicht ohne Schickung trifft der Leidende
Mit dem zusammen, der als hchste Pflicht
Die Linderung der Leiden ben soll.

Eugenie.
Ein Rstel statt der Klagen wirst du hren,
Und ein Orakel fordr' ich, keinen Rat.
Zu zwei verhassten Zielen liegen mir
Zwei Wege vor den Fen, einer dorthin,
Hierhin der andre; welchen soll ich whlen?

Mnch.
Du fhrst mich in Versuchung! Soll ich nur
Als Los entscheiden?

Eugenie.
Als ein heilig Los.

Mnch.
Begreif' ich dich, so hebt aus tiefer Not
Zu hhern Regionen sich dein Blick.
Erstorben ist im Herzen eigner Wille,
Entscheidung hoffst du dir vom Waltenden.
Ja wohl! Das ewig Wirkende bewegt,
Uns unbegreiflich, dieses oder jenes
Als wie von ungefhr zu unserm Wohl,
Zum Rate, zur Entscheidung, zum Vollbringen,
Und wie getragen werden wir ans Ziel.
Dies zu empfinden, ist das hchste Glck,
Es nicht zu fordern, ist bescheidne Pflicht,
Es zu erwarten, schner Trost im Leiden.
O wr' ich doch gewrdigt, nun fr dich,
Was dir am besten frommte, vorzufhlen!
Allein die Ahnung schweigt in meiner Brust,
Und kannst du mehr nicht mir vertraun, so nimm
Ein fruchtlos Mitleid hin zum Lebewohl.

Eugenie.
Schiffbrchig fass' ich noch die letzte Planke!
Dich halt' ich fest und sage wider Willen
Zum letzten Mal das hoffnungslose Wort:
Aus hohem Haus entsprossen, werd' ich nun
Verstoen, bers Meer verbannt und knnte
Mich durch ein Ehebndnis retten, das
ZU niedren Sphren mich herunterzieht.
Was sagt nun dir das Herz? Verstummt es noch?

Mnch.
Es schweige, bis der prfende Verstand
Sich als ohnmchtig selbst bekennen muss.
Du hast nur Allgemeines mir vertraut,
Ich kann dir nur das Allgemeine raten.
Bist du zur Wahl gentigt unter zwei
Verhassten beln, fasse sie ins Auge
Und whle, was dir noch den meisten Raum
Zu heil'gem Tun und wirken brig lsst,
Was deinen Geist am wenigsten begrenzt,
Am wenigsten die frommen Taten fesselt.

Eugenie.
Die Ehe, merk' ich, rtst du mir nicht an.

Mnch.
Nicht eine solche, wie sie dich bedroht.
Wie kann der Priester segnen, wenn das Ja
Der holden Braut nicht aus dem Herzen quillt.
Er soll nicht Widerwrt'ges aneinander
Zu immer neu erzeugtem Streite ketten;
Den Wunsch der Liebe, die zum All das Eine,
Zum Ewigen das Gegenwrtige,
Das Flchtige zum Dauernden erhebt,
Den zu erfllen, ist kein gttlich Amt.

Eugenie.
Ins Elend bers Meer verbannst du mich.

Mnch.
Zum Troste jener drben ziehe hin.

Eugenie.
Wie soll' ich trsten, wenn ich selbst verzweifle?

Mnch.
Ein reines Herz, wovon dein Blick mir zeugt,
Ein edler Mut, ein hoher, freier Sinn
Erhaltne dich und andre, wo du auch
Auf dieser Erde wandelst. Wenn du nun,
In frhen Jahren ohne Schuld verbannt,
Durch heil'ge Fgung fremde Fehler best,
So fhrst du wie ein berirdisch Wesen,
Der Unschuld Glck und Wunderkrfte mit.
So ziehe denn hinber! Trete frisch
In jenen Kreis der Traurigen. Erheitre
Durch dein Erscheinen jene trbe Welt.
Durch mcht'ges Wort, durch krft'ge Tat errege
Der tief gebeugten Herzen eigne Kraft;
Vereine die Zerstreuten um dich her,
Verbinde sie einander, alle dir;
Erschaffe, was du hier verliern sollst,
Dir Stamm und Vaterland und Frstentum.

Eugenie.
Getraust du zu tun, was du gebietest?

Mnch.
Ich tat's!--Als jungen Mann entfhrte schon
Zu wilden Stmmen mich der Geist hinber.
Ins rohe Leben bracht' ich milde Sitte,
Ich brachte Himmelshoffnung in den Tod.
O htt' ich nicht, verfhrt von treuer Neigung,
Dem Vaterland zu ntzen, mich zurck
Zu dieser Wildnis frechen Stdtelebens,
Zu diesem Wust verfeinerter Verbrechen,
Zu diesem Pfuhl der Selbstigkeit gewendet!
Hier fesselt mich des Alters Unvermgen,
Gewohnheit, Pflichten; ein Geschick vielleicht,
Das mir die schwerste Prfung spt bestimmt.
Du aber, jung, von allen Banden frei,
Gestoen in das Weite, dringe vor
Und rette dich! Was du als Elend fhlst,
Verwandelt sich in Wohltat! Eile fort!

Eugenie.
Erffne klarer! Was befrchtest du?

Mnch.
Im Dunklen drngt das Knft'ge sich heran,
Das knftig Nchste selbst erscheinet nicht
Dem offnen Blick der Sinne, des Verstands.
Wenn ich beim Sonnenschein durch diese Straen
Bewundernd wandle, der Gebude Pracht,
Die felsengleich getrmten Massen schaue,
Der Pltze Kreis, der Kirchen edlen Bau,
Des Hafens masterfllten Raum betrachte;
Das scheint mir alles fr die Ewigkeit
Gegrndet und geordnet; diese Menge
Gewerksam Ttiger, die hin und her
In diesen Rumen wogt, auch die verspricht,
Sich unvertilgbar ewig herzustellen.
Allein wenn dieses groe Bild bei Nacht
In meines Geistes Tiefen sich erneut,
Da strmt ein Brausen durch die dstre Luft,
Der feste Boden wankt, die Trme schwanken,
Gefugte Steine lsen sich herab,
Und so zerfllt in ungeformten Schutt
Die Prachterscheinung. Wenig Lebendes
Durchklimmt bekmmert neu entstanden Hgel,
Und jeder Trmmer deutet auf ein Grab.
Das Element zu bndigen, vermag
Ein tief gebeugt, vermindert Volk nicht mehr,
Und rastlos wiederkehrend, fllt die Flut
Mit Sand und Schlamm des Hafens Becken aus,

Eugenie,
Die Nacht entwaffnet erst den Menschen, dann
Bekmpft sie ihn mit nichtigem Gebild.

Mnch.
Ach! Bald genug steigt ber unsern Jammer
Der Sonne trb gedmpfter Blick heran.
Du aber fliehe, die ein guter Geist
Verbannend segnete. Leb' wohl und eile!



Achter Auftritt
Eugenie (allein).

Vom eignen Elend leitet man mich ab,
Und fremden Jammer prophezeit man mir.
Doch wr' es fremd, was deinem Vaterland
Begegnen soll? Dies fllt mit neuer Schwere
Mir auf die Brust! Zum gegenwrt'gen bel
Soll ich der Zukunft Geistesbrden tragen?
So ist's denn wahr, was in der Kindheit schon
Mir um das Ohr geklungen, was ich erst
Erhorcht, erfragt und nun zuletzt sogar
Aus meines Vaters, meines Knigs Mund
Vernehmen musste! Diesem Reiche droht
Ein jher Umsturz. Die zum groen Leben
Gefugten Elemente wollen sich
Nicht wechselseitig mehr mit Liebeskraft
Zu stets erneuter Einigkeit umfangen.
Sie fliehen sich, und einzeln tritt nun jedes
Kalt in sich selbst zurck. Wo blieb der Ahnherrn
Gewalt'ger Geist, der sie zu einem Zweck
Vereinigte, die feindlich kmpfenden?
Der diesem groen Volk als Fhrer sich,
Als Knig und als Vater dargestellt?
Er ist entschwunden! Was uns brig bleibt,
Ist ein Gespenst, das mit vergebnem Streben
Verlorenen Besitz zu greifen whnt.
Und solche Sorge nhm' ich mit hinber?
Entzge mich gemeinsamer Gefahr?
Entflhe der Gelegenheit, mich khn
Der hohen Ahnen wrdig zu beweisen,
Und jeden, der mich ungerecht verletzt,
In bser Stunde hilfreich zu beschmen?
Nun bist du, Boden meines Vaterlands,
Mir erst ein Heiligtum, nun fhl' ich erst
Den dringenden Beruf, mich anzuklammern.
Ich lasse dich nicht los, und welches Band
Mich dir erhalten kann, es ist nun heilig.
Wo find' ich jenen gut gesinnten Mann,
Der mir die Hand so traulich angeboten?
An ihn will ich mich schlieen! Im Verborgnen
Verwahr' er mich, als reinen Talisman.
Denn, wenn ein Wunder auf der Welt geschieht,
Geschieht's durch liebevolle, treue Herzen.
Die Gre der Gefahr betracht' ich nicht,
Und meine Schwche darf ich nicht bedenken;
Das alles wird ein gnstiges Geschick
Zu rechter Zeit auf hohe Zwecke leiten.
Und wenn mein Vater, mein Monarch mich einst
Verkannt, verstoen, mich vergessen, soll
Erstaunt ihr Blick auf der Erhaltnen ruhn,
Die das, was sie im Glcke zugesagt,
Aus tiefem Elend zu erfllen strebt.
Er kommt! Ich seh' ihm freundiger entgegen,
Als ich ihn lie. Er kommt. Er sucht mich auf!
Zu scheiden denkt er--bleiben werd' ich ihm.



Neunter Auftritt
Eugenie. Gerichtsrat. Ein Knabe mit einem schnen Kstchen.

Gerichtsrat.
Schon ziehn die Schiffe nacheinander fort,
Und bald, so frcht' ich, wirst auch du berufen.
Empfange noch ein herzlich Lebewohl
Und eine frische Gabe, die auf langer Fahrt
Beklommnen Reisenden Erquickung atmet.
Gedenke mein! O dass du meiner nicht
Am bsen Tage sehnsuchtsvoll gedenkest!

Eugenie.
Ich nehme dein Geschenk mit Freuden an,
Es brgt mir deine Neigung, deine Sorgfalt;
Doch send' es eilig in dein Haus zurck!
Und wenn du denkst, wie du gedacht, empfindest,
Wie du empfunden, wenn dir meine Freundschaft
Gengen kann, so folg' ich dir dahin.

Gerichtsrat (nach einer Pause, den Knaben durch einen Wink entfernend).
Ist's mglich? Htte sich zu meiner Gunst
In kurzer Zeit dein Wille so verndert?

Eugenie.
Er ist verndert! Aber denke nicht,
Dass Bangigkeit mich dir entgegen treibe.
Ein edleres Gefhl, lass mich's verbergen!
Hlt mich am Vaterland, an dir zurck.
Nun sei's gefragt: Vermagst du hohen Muts
Entsagung der Entsagenden zu weihen?
Vermagst du zu versprechen, mich als Bruder
Mit reiner Neigung zu empfangen? Mir,
Der liebevollen Schwester, Schutz und Rat
Und stille Lebensfreude zu gewhren?

Gerichtsrat.
Zu tragen glaub' ich alles, nur das eine,
Dich zu verlieren, da ich dich gefunden,
Erscheint mir unertrglich. Dich zu sehen,
Dir nah zu sein, fr dich zu leben, wre
Mein einzig hchstes Glck. Und so bedinge
Dein Herz allein das Bndnis, das wir schlieen.

Eugenie.
Von dir allein gekannt, muss ich fortan,
Die Welt vermeidend, im Verborgnen leben.
Besitzest du ein still entferntes Landgut,
So widm' es mir und sende mich dahin.

Gerichtsrat.
Ein kleines Gut besitz' ich, wohl gelegen;
Doch alt und halb verfallen ist das Haus.
Du kannst jedoch in jener Gegend bald
Die schnste Wohnung finden, sie ist feil.

Eugenie.
Nein! In das alt verfallne lass mich ziehn,
Zu meiner Lager stimmt es, meinem Sinn.
Und wenn er sich erheitert, find' ich gleich
Der Ttigkeit bereiten Stoff und Raum.
Sobald ich mich die deine nenne, lass,
Von irgend einem alten zuverlss'gen Knecht
Begleitet, mich in Hoffnung einer knft'gen
Beglckung Auferstehung mich begraben.

Gerichtsrat.
Und zum besuch, wann darf ich dort erscheinen?

Eugenie.
Du wartest meinen Ruf geduldig ab.
Auch solch ein Tag wird kommen, uns vielleicht
Mit ernsten Banden enger zu verbinden.

Gerichtsrat.
Du legest mir zu schwere Prfung auf.

Eugenie.
Erflle deine Pflichten gegen mich;
Dass ich die meinen kenne, sei gewiss.
Indem du, mich zu retten, deine Hand
Mir bietest, wagst du viel. Werd' ich entdeckt,
Werd' ich's zu frh, so kannst du vieles dulden.
Ich sage dir das tiefste Schweigen zu;
Woher ich komme, niemand soll's erfahren,
Ja, die entfernten Leiben will ich nur
Im Geist besuchen, keine Zeile soll,
Kein Bote dort mich nennen, wo vielleicht
Zu meinem Heil ein Funke glhen mchte.

Gerichtsrat.
In diesem wicht'gen Fall, was soll ich sagen?
Uneigenntz'ge Liebe kann der Mund
Mit Frechheit oft beteuern, wenn im Herzen
Der Selbstsucht Ungeheuer lauschend grinst.
Die Tat allein beweist der Liebe Kraft.
Indem ich dich gewinne, soll ich allem
Entsagen, deinem Blick sogar! Ich will's.
Wie du zum ersten Male mir erschienen,
Erscheinst du bleibend mir, ein Gegenstand
Der Neigung, der Verehrung. Deinetwillen
Wnsch' ich zu leben, du gebietest mir.
Und wenn der Priester sich sein Leben lang
Der unsichtbaren Gottheit niederbeugt,
Die im beglckten Augenblick vor ihm
Als hchstes Musterbild vorberging,
So soll von deinem Dienste mich fortan,
Wie du dich auch verhllest, nichts zerstreun.

Eugenie.
Ob ich vertraue, dass dein ures nicht,
Nicht deiner Worte Wohllaut lgen kann;
Dass ich empfinde, welch ein Mann du bist,
Gerecht, gefhlvoll, ttig, zuverlssig,
Davon empfange den Beweis, den hchsten,
Den eine Frau besonnen geben kann!
Ich zaudre nicht, ich eile, dir zu folgen!
Hier meine Hand; wir gehen zum Altar.




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